Los von Rom: Eine Geschichte aus dem Leben

Part 22

Chapter 223,774 wordsPublic domain

Er hatte den Prälaten zurückkehren sehen aus der Kirche, und bei dem Gedanken, daß er trotz der Sünde des gestrigen Abends die Messe zelebriert und den Leib des Herrn in Brot- und Weingestalt genossen haben könnte, schauderte er zusammen: Das war nicht möglich -- es wäre ein Gottesraub gewesen. Er suchte sich den Gedanken auszureden, während er langsam die kleine Treppe hinaufstieg, die er am vorigen Abend mit freudig klopfendem Herzen gekommen war.

Er wußte, daß Parelli allein frühstückte und zwar in einem kleinen Gemache, das unmittelbar an sein Arbeitszimmer stieß. Auf der Treppe begegnete Sisto seinem Freunde, dem Kammerdiener, der ihm beinahe bestürzt in das blasse, überwachte Gesicht schaute, in welchem die dunklen Augen heute größer und glänzender zu sein schienen. Er frug den Knaben, ob er krank sei; dieser aber verneinte es lebhaft und that die Gegenfrage, ob er Monsignore jetzt allein antreffe.

Giovanni bestätigte dies und schon nach wenigen Augenblicken trat Sisto, nachdem er zuvor durch Klopfen Einlaß begehrt, bei dem Prälaten ein. Als dieser den Knaben sah, fuhr er beinahe erschrocken auf; sein Gesicht rötete sich, und Sisto begann einen Augenblick sich vor einem Ausbruch des Zornes zu fürchten. Aber ehe noch Parelli ein Wort finden konnte, hatte sich der braune Junge schon vor ihm auf die Knie niedergerworfen und hob die gefalteten Hände zu ihm empor:

»O gnädigster Herr, seien Sie nicht böse! Ich habe Ihnen eine Freude machen und Sie mit dem kleinen Schnitzwerk überraschen wollen ... ich konnte ja nicht wissen ... ich wäre niemals gekommen, und es wäre auch besser für mich gewesen. O gnädigster Herr --« und hier brach Sisto in lautes Schluchzen aus, das den jungen Körper so sehr erschütterte, daß der Knabe nur mit Anstrengung die Worte hervorstoßen konnte »-- ach verzeihen Sie mir, aber ich kann nicht anders, weil ich Sie zu lieb habe, entlassen Sie die Signora, die Sie unglücklich macht im Leben und im Sterben, die Ihnen die Seele vergiftet und die ewige Seligkeit raubt! O mein Gott, was rede ich da vor Ihnen, dem hohen geistlichen Herrn! Aber beim heiligen Sistus, ich kann nicht anders, ich muß Sie anflehen, weil es mir sonst das Herz sprengen müßte. O, Signora Lucia ist _nicht_ verwandt mit Ihnen, schicken Sie sie fort, und ich will auf den Knieen vor Ihnen liegen, wie vor den lieben Heiligen, o schicken Sie sie fort!«

Der Prälat war tief erschüttert von dem ungeheuchelten Seelenschmerze des Knaben; er war aufgestanden und stand da mit bleichem Gesichte, gelehnt an den Rand des Tisches. Er sagte mild, mit bewegter Stimme:

»Steh auf, Sisto! Ich will vergessen, daß Du durch Dein Eindringen in mein Gemach zu solcher Stunde ungebührlich gehandelt hast, und daß Deine Liebe zu mir Dich auch jetzt ungebührlich reden läßt.« Auch dem Knaben wich die Röte, welche, während er sprach, seine Wangen übergossen hatte, wieder aus dem Antlitz, und ohne sich zu erheben, stammelte er:

»Und das Weib? -- Und die Signora?«

»Das verstehst Du nicht, Knabe, und darüber kann ich mit Dir nicht sprechen,« sagte Parelli ernst, beinahe strenge.

Sisto stand auf. Er sprach kein Wort mehr, die braunen Hände vor das Gesicht geschlagen, stürzte er hinaus, eilte die Treppe hinab nach seinem Stübchen, und hier warf er seine Kleider, die der Prälat ihm gekauft, von sich, suchte den verschlissenen Anzug, in welchem er ins Haus gekommen war, kleidete sich hastig darein, machte dann noch ein kleines Bündelchen zusammen von dem, was er mit Recht sein nennen konnte, und machte sich so wie zu einer Flucht fertig. In ihm stand es fest, daß er nicht hierbleiben konnte, er hätte das Weib erwürgen, vergiften, erdolchen müssen!

Er gab acht, daß ihn niemand bemerken konnte, und dann huschte er schnell durch das Thor hinaus auf die Straße. Noch einen scheuen Blick warf er nach dem hohen, prächtigen Hause, dann lief er von dannen. Er wußte nicht, wohin er sich wenden sollte. Zu dem Meister, der ihn in der Holzbildhauerei unterrichtete, zu gehen, schämte er sich in seinem Anzuge; er hätte nicht gewußt, was er ihm mitteilen sollte über den Grund der Veränderung, die mit ihm geschehen war, und fürchtete Mißdeutungen. Auch zu Quandt wagte er sich aus dem gleichen Grunde nicht, und so stand er in dem weiten, glänzenden Rom wie damals, als er bettelarm in einem Winkel kauerte, weinend und hungernd.

Da fiel ihm der junge deutsche Priester ein, welchen er einigemale im Hause Parellis, sowie bei Quandt gesehen hatte.

Das frische Antlitz, das klare Auge, die wohlwollende Güte ~Dr.~ Frohwalts hatten auf den Knaben schon lange einen besonders guten Eindruck gemacht, so daß er stets mit gewissem Vertrauen zu ihm emporblickte. Und da er jetzt, in dieser unglückseligen Stunde jemanden brauchte, dem er, wie einem Beichtvater, alles erzählen konnte, was seine junge Seele schmerzlich zusammenzog, so beschloß er, Frohwalt aufzusuchen.

Er war bei dem Gedanken ruhiger geworden und schritt langsam über die Ponte San Angelo nach dem andern Tiberufer, wo ihm in massiver Majestät die Engelsburg entgegenragte. Sisto kannte die Wohnung des deutschen Priesters, denn er hatte denselben schon einmal im Auftrage des Prälaten aufgesucht, und zu seiner Freude fand er ihn daheim.

Frohwalt sah verwundert, ja beinahe betroffen auf den Knaben in seinem schäbigen Anzuge, und auch Sisto stand einige Augenblicke verlegen und mit schimmernden Augen vor ihm. --

»Was ist's? Und warum kommst Du _so_ zu mir?« fragte endlich der Priester in freundlichem Tone, und der Knabe faßte nach seiner Hand und küßte sie inbrünstig.

»Ach, verzeihen Sie mir, hochwürdiger Herr! Aber ich muß zu Ihnen kommen, Sie sind der Einzige, zu welchem ich Vertrauen habe.«

Frohwalt suchte den aufgeregten Jungen zu beruhigen. Er zog ihn neben sich auf den Divan, legte ihm freundlich die Hand auf die Schulter, und so, sich leicht an den Priester anschmiegend, die Augen gesenkt, berichtete Sisto alles, was seit gestern abend gewesen war. Er schloß:

»Und da konnte ich nicht anders, hochwürdiger Herr! Ich mußte das Haus verlassen und wenn ich auch betteln muß. Ich will keine Hilfe von Ihnen, Sie sollen mir nur sagen, ob ich recht gethan habe oder nicht, denn Gott weiß, ich wollte nicht undankbar sein!«

Frohwalt war tief erschüttert von den schlichten, wahrheitsvollen und doch so leidenschaftlich erregten Worten des Knaben. Er sah wie in einen Abgrund, in welchen kein Licht fallen konnte. Das Haus eines Kirchenfürsten, aus welchem die guten Geister wichen und worin die geputzte Sünde zurückblieb!

O, das war schlimmer als im Pfarrhause in Nedamitz! Aber was sollte er dem Knaben sagen? Was sollte überhaupt mit diesem geschehen?

Dieser sah ihn mit seinen großen dunklen Augen so treuherzig und vertrauend an, daß er, einem jähen Antrieb folgend, seine Hand ergriff und sagte:

»Du hast recht gethan, Sisto!«

Da küßte ihm der Knabe aufs neue die Hände, Frohwalt aber fuhr fort:

»Indes so ohne weiteres solltest Du doch nicht fortlaufen. Der Prälat wird sich um Dich ängstigen und er muß wissen, wo Du bist. Ich werde mit ihm sprechen -- --«

»Sie wollen ihm sagen, daß ich Ihnen erzählt ...«

»Sei ruhig -- ich werde das Richtige zu finden suchen. Aber mit Dir will ich zuvor zu Herrn Quandt gehen, ob er sich Deiner annehmen kann, denn ich selber kann Dich leider nicht bei mir haben.«

»Und auch Herrn Quandt wollen Sie sagen --?«

»Nein, Sisto -- ich werde den Prälaten nicht bloßstellen.«

Die Augen dies Jungen leuchteten dankbar und freudig auf bei der Aussicht, zu dem deutschen Maler zu kommen, in dessen Häuslichkeit er sich allezeit besonders wohl gefühlt hatte. Aber in seinem jetzigen Anzuge sollte er nicht dahingehen, und Frohwalt ließ einen Wagen kommen, in welchem er mit seinem Schützling erst bei einem Kleiderhändler vorfuhr, wo er ihm ein einfaches aber kleidsames Gewand kaufte, das er sofort anlegen mußte.

»Das schenk' ich Dir, Sisto, und Du brauchst mir nicht dafür zu danken; bleibe nur immer so brav und ehrlich wie bisher -- das ist der beste Dank!« sprach der Priester, und dann fuhr er mit dem freudig bewegten Knaben weiter, bis sie vor dem Häuschen hielten, welches Quandt bewohnte.

Sie trafen den Maler und Friederike, die eben ausgehen wollten, an der Treppe.

»Das ist gut, daß Sie uns gerade noch erwischen; wir wollten den schönen Vormittag zu einem Spaziergang benutzen, vielleicht schließen sie sich uns an? -- Aber, Sie sehen ja so feierlich ernst drein mitsamt meinem jungen Modell, das schon wieder in einem neuen Futteral steckt ... wir haben doch heute nicht heimlich Geburtstag, Fritzel?«

So rief lachend der Maler, seine Frau aber hatte schon den Jungen an der Hand und führte ihn die Treppe wieder hinauf.

»Schenken Sie uns nur eine Viertelstunde, verehrter Freund« -- sagte Frohwalt -- »es handelt sich um Sisto!«

»Sie thun ja so ernst, als ob der Junge entweder ein Staatsverbrechen begangen habe oder zum Konzilsvater vorgeschlagen worden sei -- Verzeihung! Das war ein dummer Scherz, aber unsereinem läuft manchmal die Zunge fort. Da sehen Sie nur meine Frau mit dem Bengel -- das ist doch zum Eifersüchtigwerden!«

Sie waren wieder oben angekommen, und saßen in dem freundlichem behaglichen Zimmerchen neben dem Atelier, und Friederike hatte Sisto bereits einige süße Näschereien vorgesetzt.

»Und jetzt schießen Sie los!« sprach der Maler.

»Nun denn, kurz und bündig! Sisto kann nicht im Hause des Prälaten bleiben -- die Schuld liegt an der Signora --«

»Wo ist das Weib?« murmelte Quandt.

»Nähere Einzelheiten möchte ich nicht anführen, sie regen nur den Jungen auf; lassen Sie sich mit der Versicherung genügen, daß seines Bleibens bei Monsignore Parelli nicht sein kann. Nun hängt er in der Luft -- ich kann ihn leider Gottes nicht bei mir behalten, das erlauben mir die Verhältnisse nicht, und da wollte ich, zumal Sisto zu Ihnen und Frau Friederike so großes Vertrauen hat, anfragen, ob Sie nicht wenigstens für die Zeit Ihres Aufenthalts in Rom sich seiner annehmen und ihm Unterkunft gewähren wollten. Wir halten wohl Umschau, was weiter mit ihm werden soll.«

»Na, da brauchts wohl keinen Familienrat -- he, Fritzel?«

»Wir haben keine Kinder, Heinrich -- und da ist's doch, als ob uns der Himmel selber ...«

»Na, er kommt freilich schon etwas sehr ausgewachsen an, der Junge ... aber um so besser, da braucht man sich nicht mit den Zahnkrankheiten zu ängstigen! Also, wir wollen uns den Fall überlegen. Sisto, willst Du bei uns bleiben?«

Der Knabe errötete bis unter die dunklen Stirnlocken, und die Augen leuchteten. Er stammelte unverständliche Worte, aber Friederike zog ihn an sich und küßte ihn.

»Na, da haben Sie das Siegel auf dem Pakt -- was wollen Sie denn noch mehr? -- Ich glaube, jetzt werde ich kürzer gehalten, und darum bin ich für eine Probezeit!« sagte der Maler lächelnd; dann zog er sein Weib und den Jungen zugleich an sich und küßte beide. -- --

Frohwalt ging in wundersam gehobener Stimmung aus dem kleinen Hause. Die sonnige Heiterkeit, die selbstlose Menschenliebe, welche hier waltete, that ihm außerordentlich wohl. Aber je näher er der Wohnung Parellis kam, desto mehr schwand dieses Behagen aus seiner Seele, und mit pochendem Herzen, fast als hätte er eine Schuld auf sich geladen, trat er durch das Portal und frug den Portier, ob der Prälat daheim sei. Als dies bejaht wurde, ging er langsam die breite, glänzende Marmortreppe empor. Auf derselben begegnete ihm der Jesuit Felice. Mit vordringlicher Freundlichkeit hielt er den anderen auf. Frohwalt aber wurde bei dem Gedanken, daß der Pater, welcher hier so häufig verkehrte, doch auch Kenntnis von den Verhältnissen des Hauses haben mußte, dieselben stillschweigend hingehen ließ und so heimlich billigte, von einem Widerwillen gegen den Mann erfaßt, den er kaum verhehlen konnte. »Der Zweck heiligt die Mittel!« Das mußte er unwillkürlich in diesem Augenblicke denken, und er mußte sich zusammennehmen, um nicht unhöflich zu erscheinen.

»Wissen Sie schon, daß der Betteljunge, den Seine bischöflichen Gnaden so wohlwollend aufgenommen, ohne ein Wort des Dankes davongelaufen ist? Monsignore ist außerordentlich aufgeregt darüber und in Sorge um den gottlosen Burschen.«

»Ich hoffe, ihn beruhigen zu können,« sagte Frohwalt kühl; »ich weiß, wo der Knabe ist und kann versichern, daß er sich in guten Händen befindet.«

»Aber ein Undankbarer bleibt er doch!«

»Vielleicht haben Sie doch nicht ganz recht, Hochwürden,« sagte Frohwalt mit leichtem Achselzucken, »und ich bin überzeugt, daß Seine bischöflichen Gnaden von meiner Mitteilung befriedigt sein werden.«

Er verneigte sich vor dem Jesuiten, und ging weiter, um durch den im Vorzimmer Parellis weilenden Kammerdiener sich anmelden zu lassen. Der Prälat empfing ihn in seinem Arbeitszimmer, freundlich und entgegenkommend wie immer, und fragte, was ihm die Freude mache, den langvermißten Gast wieder einmal bei sich zu sehen.

Als Frohwalt von Sisto berichtete, wie er zu ihm gekommen sei in seinem elenden Bettleranzuge, aufgeregt und erschüttert bis in die tiefste Seele, lehnte sich Parelli erbleichend in seinen Sitz zurück. Er schloß die Augen und fragte beinahe flüsternd:

»Hat er Ihnen gesagt, weshalb er von mir fortgegangen ist?«

»Er hat es mir anvertraut wie unter dem Siegel der Beichte, und es ist geborgen in meinem und seinem Herzen. Der Junge ist brav und tüchtig und hat ein großes Herz, Monsignore ... Sie haben einen guten Engel aus Ihrem Hause vertrieben!«

Parelli wurde noch bleicher; er atmete tief, und einige Sekunden lang herrschte eine peinliche Stille in dem prunkvollen Raume. Dann sprach er:

»Und was soll mit ihm werden?«

»Herr Quandt und dessen Frau haben sich seiner zunächst angenommen bis auf Weiteres.«

»Ich werde einen Betrag für seine weitere Ausbildung Herrn Quandt zur Verfügung stellen.«

»Ich vermute, daß derselbe diesen ablehnen wird. Er ist, soviel ich weiß, nicht unvermögend und kinderlos. Ich komme auch nicht darum, sondern lediglich, um Eure bischöfliche Gnaden über das Schicksal des Knaben zu beruhigen.«

»Ich danke Ihnen!« sagte Parelli tonlos -- »und kann ich gar nichts thun?«

»Monsignore, Sisto wird jeden Tag für Sie beten ... wenn sein Gebet nicht vergebens wäre, so wäre dies das Herrlichste, was er erringen könnte,« sprach Frohwalt mit bewegter Stimme.

Der Prälat verstummte; er neigte langsam das Haupt, tief, bis auf die Brust herab, und so verließ ihn der junge Priester nach kurzem, höflichem Gruße. Und da er die Marmortreppe wieder hinabschritt, dachte er abermals an das schlichte Pfarrhaus in Nedamitz und an den alten Pfarrer mit seinem guten, schwachen Herzen, und es that ihm abermals leid, daß er ihn in jener letzten Stunde ihres Beisammenseins so hart angefaßt hatte.

Rom zeigte ihm Manches in anderem Lichte, als er es in der Heimat gesehen hatte.

Sechzehntes Kapitel.

Auf der Straße, die von Marino gegen das schön gelegene Frascati führt, schritt ein Wanderer, ein bejahrter Mann in einfachem Gewande, eine leichte Mütze auf dem Kopfe und einen kräftigen Stock in der Hand. Er sah mit hellen Augen in die Welt und ging gemächlich seines Weges, wobei ihn der Ranzen auf seinem Rücken gar nicht zu beeinträchtigen schien.

Es war der Vetter Martin.

Daheim hatte es ihn, seit es mit seinem Fuße besser ging, nicht mehr gelitten, und als noch der Winter über den deutschen Fluren lag und nur ab und zu ein milderer Märzhauch den kommenden Frühling ahnen ließ, war er aufgebrochen nach dem Süden. Dort mußte es ganz besonders schön und angenehm sein, und Italien war schon lange das Ziel seiner Sehnsucht gewesen. In seinen jungen Tagen hatte er Seumes »Spaziergang nach Syrakus« gelesen, und die Eindrücke jenes Buches wurden ihm bei seinem Wandern wieder lebendig, denn in ihm steckte manches, was mit dem alten »Spaziergänger« verwandt war.

Er hatte sich Zeit gelassen und gerastet, wo es ihm just gefiel, nur als er näher an die ewige Stadt kam, hatte ihn eine gewisse Unruhe erfaßt und seinen Fuß beschleunigt. So war er an diesem gesegneten Märztage im Albanergebirge eingetroffen. Er hatte vom Monte Cavo, dem alten ~Mons Albanus~, hinausgeblickt in die weite Ebene, durch welche der Tiber seine spiegelnden Fluten gleiten läßt, und hatte über den Sabiner- und Etruskerbergen den leuchtenden Gürtel des Mittelländischen Meeres blinken sehen, während unter ihm aus dem Grün der Oliven- und Steineichen, der Pinien und Reben, das freundliche Albano, das malerisch über dem kristallklaren Spiegel des Albanersees liegende Marino, das anmutige Castel Gandolfo, der Sommersitz des Papstes, emporschauten, und ferner her wie ein weißer leuchtender Häuserstreifen die Siebenhügelstadt selbst grüßte.

Das Herz war dem alten Manne weit geworden bei diesem Anblick, und alle Welt hätte er ans Herz drücken mögen. Die Vergangenheit wurde auch ihm hier lebendig, wie tausend anderen, welche diese Straßen wanderten, wo über den Trümmerresten alter Tempel und der Landhäuser berühmter Männer eine neuere Zeit ihre Kirchen und Klöster gebaut hat.

Was war doch diese Campagna für ein seltsames Gebiet! Dies Gefilde, mit Trümmern und Gräbern bedeckt, die über dem braunen, goldtönigen Boden sich erheben, der überwuchert wird von Ginster und Thymian, von Heidekraut und Binsen, zwischen denen einsame alte Bäume -- Cypressen und Pinien -- traurig und seltsam stimmungsvoll emporragen. Und als Staffage diese braunen Hirten in flockigen Schafspelzen, wie sie unter ihren Schafen und Ziegen stehen, den langen Stock unter die Achsel gestemmt und träumend hineinschauend in die melancholische Landschaft, während der zottige weiße Hund die Tiere zusammenhält -- und die weidenden Heerden silbergrauer Rinder, welche die weitgeschweiften Hörner wiegen und mit traurigem Glockenton durch die stille Campagna läuten! Und um das ganze Bild der Rahmen der blauen Berge, um die ein verhaltener, fein sich abtönender Duft schwebt!

Vetter Martin fand es begreiflich, warum es die deutschen Maler hierher zog, und er hätte gewünscht, selbst etwas von der Kunst zu verstehen, um wenigstens den einen oder den andern Eindruck festhalten zu können. Er dachte an Hans Stahl, und wünschte, den lebendigen Burschen bei sich zu haben, der jetzt wohl daheim im Kontor des Vaters seufzend auf dem Drehstuhl saß. Es war schade um den Jungen.

Der Alte war nach den Ruinen von Tuskulum gelangt, wo einst die vornehmsten Römer ihre Landsitze gebaut hatten, unter ihnen auch Cicero. An den Ueberresten des Theaters vorbei schritt er auf dem vulkanischen Boden hinauf nach der alten Burg, von wo aus ein herrlicher Blick ins alte Latium geboten sein mußte. Und in der That, wo der Bergrücken ziemlich schroff abfällt, that sich ein wundersam schönes Landschaftsbild auf. Hier aber saß auf einem Steinblock ein blonder Mann mit breitrandigem Hute unter einem aufgespannten Schirm und skizzierte in seinem Buche, während eine junge hübsche Frau, im hellen Gewande, mit leichtem Sonnenschirm hinter ihm stand, und mit den leuchtenden braunen Augen über seine Schulter weg bald auf das Bild, welches unter seiner Künstlerhand sich gestaltete, bald auf jenes, das da sonnenvoll sich weit ins Land dehnte, schaute.

»Guten Tag!« grüßte der alte Weltfahrer in deutscher Sprache, als ob das gar nicht anders sein könnte, und die beiden anderen blickten nach ihm her und erwiderten wie aus einem Munde:

»Guten Tag!«

Und damit war die Bekanntschaft gemacht zwischen dem Maler Heinrich Quandt und seiner munteren jungen Frau einerseits und zwischen Jakob Martin, »Naturforscher und Naturbummler«, andererseits, und beide Teile schienen ungemein viel Gefallen an einander zu finden. Der Maler hatte trotz des Widerspruchs des Alten seine Gerätschaften eingepackt und erklärte, fertig zu sein; er ließ es sich nun nicht nehmen, dem anderen das Landschaftsbild, dessen entzückender Reiz Vetter Martin die Seele schwellte, klar zu machen.

»Dort rechts liegt Camaldoli, Tivoli, dann Monticelli, dahinter die lieben blauen Sabinerberge und in der Ferne der Soracte; links sind die Cimini-Berge und die Albanerhöhen, von denen Sie wohl herkommen.«

»Ja, auf dem Rocca di Papa und dem Monte Cavo habe ich gestanden. O, ich habe manches anmutige Erdenfleckchen gesehen, aber einen so seltsamen Zauber haben wenige auf mich ausgeübt. Lassen Sie mich's schweigend aufnehmen, dann trag' ich's in der Seele mit fort!«

Der alte Mann hielt sich die Hand über die Augen, und schaute stumm und unverwandt hinein ins alte Latinergebiet, und die beiden andern störten ihn nicht in seiner Naturandacht; Friederike stützte sich nur fester auf den Arm des Gatten und schmiegte sich inniger an ihn. Nun drehte sich Martin um.

»Jetzt aber will ich nach Frascati und auch für mein sterblich Teil sorgen; ich hoffe, es giebt etwas Anständiges zu essen und zu trinken.«

»Wenn Sie uns mitnehmen, schließen wir uns Ihnen zu gleichem Zwecke an, und überdies würden Sie uns eine Freude machen, wenn Sie in unserem Wagen mit nach Rom führen.«

»Das nehme ich an, denn Sie gefallen mir, Herr Quandt mitsamt Ihrem Frauchen und mit guten Menschen kann man nicht lange genug beisammen sein. Das nehme ich als gutes Vorzeichen für meinen Einzug in Rom. Also: frisch auf nach Frascati!«

Der Maler schien den Weg genau zu kennen; er schlug den schönsten ein, der über Cappucini und vorüber an der prächtigen Villa Ruffinella, die auf der Stätte, wo einst Cicero sein Tuskulum hatte, Lucian Bonaparte sich erworben hatte, und die gegenwärtig wohl dem König von Italien gehört. Dies Frascati ist eine Villenstadt, in welcher überall aus herrlichen Gärten die schönsten und stilvollsten Bauten hervorlugen, von deren Loggien und Terrassen sich entzückende Fernsichten bieten über die Campagna und in die blauen Sabinerberge.

Auf dem Wege plauderte der Alte in seiner gewohnten, gemütlichen Weise:

»Daß der erste Römer, welchem ich begegne, ein Deutscher sein würde, hätt' ich mir doch nicht träumen lassen. Also aus Dresden sind Sie? -- Um so besser, da sind wir ja eigentlich gute Freunde als Sachsen und Oesterreicher, noch vom Jahre 66 her. Es war eine garstige Zeit, Herr, und die Preußen mitsamt ihrem Bismarck haben mir schwer im Magen gelegen. Aber _der_ Teil ist gut bei mir, und darum hab' ich's verdaut und sage: 's ist vielleicht auch gut gewesen, und Bismarck -- alle Hochachtung!«

»Ich fürchte fast, daß uns im katholischen Oesterreich das Jahr 70 noch Schlechteres bringt, als 66. Und das wird hier zusammengebraut, in Rom -- ich meine den neuen Glaubenssatz. Ich weiß nicht, wie Sie zu der Sache stehen --«

»Ich bin Katholik, aber ich beklage mit Ihnen diese Jesuitenmachenschaften, und meine Frau ist eigentlich gleichgültig bei der Sache -- sie ist Protestantin,« sagte Quandt ernst.

»So? -- Na, dann verstehen wir uns um so besser. Ich habe noch eine kleine Hoffnung; die österreichischen und deutschen Bischöfe, sagt man, wollen von dem neuen Glaubenssatz nichts wissen, und leisten Widerstand. Das möcht' ich mir einige Tage hier in der Nähe ansehen, das heißt, soweit das möglich ist. Eine kleine Fühlung mit dem Konzil hab' ich durch meinen Paten -- er nennt mich zwar immer Vetter -- der auch hier ist im Gefolge des Prager Erzbischofs, ~Dr.~ Peter Frohwalt -- --«

»Frohwalt?« schrie der Maler -- »das ist ja ein guter Freund von uns, der vielfach in unserem Hause verkehrt -- nicht wahr, Fritzel?«

»Na, da bleibt doch die Weltgeschichte stehen« -- rief der Alte -- »was? Mein Peter Frohwalt verkehrt bei Ihnen, und er weiß, daß Ihre Frau evangelisch ist?«

»Jawohl!«

»Das ist mir eine große Zeitung, und Sie wissen gar nicht, wie mich das freut! Aber auf diese Weise sind wir ja einander noch viel näher gekommen. Und das Wunder hat die kleine Frau da zu Wege gebracht? Hören Sie, unsere Bekanntschaft ist noch sehr jung, aber nach dieser Mitteilung müssen Sie gleich nach den Erzengeln kommen, Frau Quandt -- dafür kenne ich meinen Peter.«