Los von Rom: Eine Geschichte aus dem Leben

Part 21

Chapter 213,590 wordsPublic domain

In einem kleinen, lauschigen Gemach mit dunklen Möbeln, das nur matt erhellt war, ließ sie auf einem kleinen Sopha sich nieder und zog ihn an ihre Seite.

»Hier ruhen wir einen Augenblick -- denn hier ist das schönste Bild, welches Monsignore besitzt.«

Es war ein in großem Stil gehaltenes Werk in dunklem Rahmen, welches gegenüber dem Sitze an der Wand hing: Potiphars Weib.

Die schöne, heißbegehrende Egypterin lag mit halb erhobenem Leibe auf purpurdunklem Pfühle. Das nilgrüne, duftig-durchsichtige Gewand war von dem Oberkörper herabgesunken, wie aus einem matten, gelblichen Schleier, der wenig genug verhüllte, schimmerte die königliche Büste, der Kopf war von wundersamer, berückender Schönheit mit seinen glutendunklen Augen, mit dem blauschwarzen, leicht gewellten Haar, das sich um die weiße Stirn ringelte und die vollen, schönen, nackten Arme streckte sie begehrend aus nach dem nicht sichtbaren Joseph.

Frohwalt hatte nie ein solches Bild gesehen. Sein Atem ging schneller und kürzer, seine Augen hafteten fest auf dem entzückenden Weibe, und wie Faust vor dem Zauberspiegel der Hexenküche, so kam auch ihm wie ein zuckender Blitz der Gedanke: »Ist's möglich, ist das Weib so schön?«

Da fühlte er mit einem Male den heißen Hauch der Italienerin näher an seinem Gesichte, er sah die lodernden, dunklen Augen fast dicht vor den seinen, rote Lippen schienen ihm entgegenzuzittern, und bebend vor Erregung, eigentümlich tiefförmig und weich, rang sich das Wort von ihnen:

»Sagen Sie -- war Joseph nicht ein Thor?«

Das Wort gab ihm seine fast verlorene Besinnung zurück; er wollte aufschreien: Potiphar! aber er bezwang sich, sprang von seinem Sitze auf, atmete einmal tief und sagte dann mit merkwürdiger Festigkeit:

»O nein, Signora, er war ein Held! ... Aber wollen wir nicht Monsignore aufsuchen?«

Das Blut war dem schönen, üppigen Weibe zurückgetreten aus den Wangen, mit fahlem Gesicht, in dem die dunklen Augen noch leuchtender sprühten, sah sie dem stattlichen jungen Manne nach, der jetzt langsam, unbekümmert um sie, dem Ausgang des Gemaches zuschritt, und die kleinen Hände vor Unmut, Zorn und Scham geballt, ging sie ihm nach. --

Bald darauf verabschiedete sich Frohwalt von dem Prälaten und dem Jesuiten. Der erstere entließ ihn mit herzlicher Freundlichkeit und lud ihn zuvorkommend ein, seinen Besuch bald zu wiederholen, der andere aber sah ihn mit seinem kalten, klaren Blick so forschend an, als wollte er in seiner Seele lesen, und da der junge Priester gegangen, sprach er zu Parelli:

»Seltsame Menschen, diese Deutschen! Ehrlich, aber wenig klug, starrköpfig, aber ohne große Ziele, schwärmerisch für Ideale begeistert, aber feige in der Wahl ihrer Mittel.«

»Aber ein Volk mit einer starken Zukunft, gründlich in seinem Wissen, kühn in seinem Wollen, kraftvoll in seinem Können,« erwiderte der Prälat.

Peter Frohwalt aber war in mächtiger, schwer bekämpfter Erregung fortgegangen. Was für ein Odem wehte durch dieses glänzende Haus eines hohen kirchlichen Würdenträgers? Wie die verkörperte Sünde ging das schöne, buhlerische Weib darin hin und her, wie die Herrin des Hauses, und wohl auch wie die des Hausherrn. Wenn das am grünen Holze war, was Wunder, wenn es sich auch an dem dürren fand? -- Wenn das im Palaste des Prälaten sein konnte, warum nicht auch in der armen Landpfarre zu Nedamitz? Und jene Barbara war vielleicht noch um ein gutes Teil besser als diese Signora Lucia Vergani.

Er nahm sich vor, niemals mehr die Schwelle dieses Hauses zu überschreiten. Welch ein reiner Geist lebte dagegen in dem schlichten, anmutigen Heim des deutschen Malers, dessen Weib doch eine »Ketzerin« war, eine nach seinen bisherigen strengen Begriffen Verworfene und vom Himmel Ausgeschlossene. Nein, von solcher Satzung konnte der Allgütige nichts wissen, die ewige Liebe konnte sie nicht billigen, und wenn ein Papst einen solchen Grundsatz verkündet hatte, so war es schon um deswillen unmöglich, daß er unfehlbar sein könne.

Peter Frohwalt fühlte, daß an diesem Tage eine Erschütterung durch seine Seele, durch sein ganzes bisheriges Glauben und Empfinden gegangen war, und daß der Widerwille, den er gegen den Protestantismus empfunden, in seinem Herzen schmolz wie der Schnee vor dem hellen warmen Frühlingsstrahl. Und wie nach dem Besuche bei Quandt mußte er auch heute wieder mit wärmerer Zuneigung seiner Schwester, und mit versöhnlicher Milde seines Schwagers gedenken.

Und als ob der Himmel selbst ein solches Erinnern unterstützen wollte, fand Frohwalt, als er heimkam, einen Brief vor von Vetter Martin. Ein Gruß aus der Heimat! Wie mit einem Schlage war die ganze Erregung, mit der er das Haus des Prälaten verlassen hatte, in ihm verwischt, hinter ihm versank alles andere, und von freundlichem Licht umwoben stand das kleine Landstädtchen im westlichen Böhmen vor ihm, und alles, was er dort lieb hatte. In solcher Stimmung öffnete er das Schreiben und las:

»Mein lieber Peter!

Ich habe allezeit etwas auf Ehrlichkeit und Geradheit gehalten, darum kann ich Dir auch nicht verhehlen, daß Du diese Epistel in erster Reihe dem Umstande verdankst, daß ich Langeweile habe. Draußen schneit es, wovon Ihr in Rom keine Ahnung habt, aber das könnte mich nicht abhalten, mich irgendwo in einer zur Zeit lieblicheren Gegend unseres Planeten herumzutreiben, wenn mir nicht wieder einmal meine linke Hinterpfote den Dienst versagte. So habe ich mir denn das Vergnügen gemacht, mein ganzes Museum einmal zu ordnen und zu katalogisieren und finde nun zu meiner eigenen Verwunderung, daß es nicht weniger als achthundertzweiundvierzig Nummern umfaßt, darunter manches Hübsche. Ich hoffe, daß mir's der Himmel vergönnt, die tausend voll zu machen. Seit drei Tagen bin ich mit der Arbeit fertig, habe die erste Freude an der Sache ohne weiteren Schaden an meiner Gesundheit verwunden, bin aber auch lahm gelegt in des Wortes vollster Bedeutung. Darum ergreife ich die Feder, wie mein Alter -- Gott hab' ihn selig -- immer seine Briefe an mich anfing, um ein wenig mit Dir zu plaudern. Es thut Dir vielleicht auch gut, wenn Du einmal, anstatt mit den Vätern des allgemeinen Konzils, mit dem alten Vetter Martin eine Viertelstunde umgehst, der zwar weder selbst unfehlbar ist, noch einen andern, und wenn's der Papst wäre, dafür halten kann, der aber darum hoffentlich noch nicht als Ketzer von Dir angesehen wird, sintemal Ihr den neuen Glaubenssatz noch nicht fertig gekriegt habt. Es wäre überhaupt -- in Klammern gesprochen -- besser, wenn das Ei, welches die Jesuiten gelegt haben, vom Konzil nicht ausgebrütet würde. Das ist aber so meine Privatmeinung, die Dir und dem Kardinal Schwarzenberg sehr gleichgültig sein wird, weshalb Du sie auch diesem gar nicht zu sagen brauchst.

Aber reden wir lieber von angenehmeren Sachen! Deine Mutter ist wohlauf und freut sich über jeden Brief aus Rom. Ich glaube, sie hält Dich jetzt in der Siebenhügelstadt für den wichtigsten Mann nach dem Papste und meint, daß das ganze Konzil ohne Dich Essig wäre. Ich gönne ihr diese Freude, um so mehr, als sie mir dafür die andere macht, daß sie Deine Episteln immer mich zuerst lesen läßt, woraus Du ersehen kannst, daß ich in Deinen römischen Verhältnissen mich auskenne, wie in meinem Rucksack und daß ich Dich ohne Cicerone finden werde, wenn ich nach Rom komme. Und das habe ich mir vorgenommen. Ich muß mir so ein Konzil in der Nähe ansehen, denn ich glaube, ich erlebe kein zweites. Das wäre zwar kein Unglück, weder für mich, noch für die Welt, aber da ich meine Einkünfte ebenso gut in der ewigen Stadt, wie hier in dem entlegenen böhmischen Winkel verzehren kann, so ...

Aber weiter im Texte. Deine Schwester blüht wie eine Rose in Glück und Gesundheit, und ich habe -- unter uns gesagt -- den Eindruck, als ob ihr weder die Ehe, noch der Protestantismus geschadet hätte. Und erst ihr kleiner Junge, Dein Neffe, mein Pathchen Martin Peter. Potz Respekt vor dem Bengel. Schade, daß _der_ nicht beim Konzil sein kann; ein Organ hat er wie ein Kirchenvater und dazu mehr Unschuld, als alle zusammengenommen. Da sagst Du nun: »Was dem alten Manne für dumme Witze passieren?« Na ja, aber ich meine nur, weil er ein kleiner Protestant und für den ewigen Höllenpfuhl vorherbestimmt ist, daß das arme Kerlchen weniger Sünden auf dem Gewissen hat, als irgend ein Konzilsvater, dem doch die ewige Seligkeit verbürgt ist, wenn er ein gehorsamer Sohn der Kirche ist, und nicht weiter muckt, wenn es heißt: ~Roma locuta est~ -- Rom hat gesprochen!

Aber hier komme ich ins Schwatzen und auf ein Thema, das Dich möglicherweise veranlaßt, mit meiner Epistel Deinen Ofen zu heizen, wenn Du einen hast, was in Rom nicht immer der Fall sein soll. Wenn Du keinen hast, betrachte ich das als ein gutes Omen, das mich veranlaßt, wenigstens flüchtig auch Deines Schwagers Freidank zu gedenken, der zu den fleißigsten und bravsten Menschen gehört, die ich jemals kennen gelernt habe ... und, Peter, das will viel sagen. Der alte Pfarrer hat nach wie vor seine Uhren bei ihm reparieren lassen. Das ist aber nun vorbei, denn dem alten, braven Herrn ist selber die Lebensuhr stehen geblieben.

Ganz plötzlich. Eines Morgens, vor etwa vierzehn Tagen lag er früh tot im Bette und lächelte. Es war ein großes Begräbnis, und da hat sich erst die Liebe gezeigt, die die Leute zu ihm hatten und da hat sich auch erst herausgestellt, was er unter der Hand Gutes gethan. Ich sage Dir, Peter, aus allen Winkeln kroch die Armut und die Lahmen und Presthaften hervor und humpelten hinter dem Sarge drein und schluchzten, wie wenn sie zu seiner Familie gehörten. Und ich glaube, der Mann war nicht gut angeschrieben beim hochwürdigen Konsistorium, er war -- wie man sagte -- aus der alten Schule Kaiser Josefs II., aber ich hatte den Eindruck, daß _die_ Schule nicht schlecht war und bin seitdem noch stolzer, daß ich ihr auch angehöre.

Der neue Pfarrer gehört nicht dazu. Der Pater Ignaz ist, soviel wir hören, dazu bestimmt, und ich fürchte sehr, daß es jetzt mit dem lieben Frieden zwischen Katholischen und Evangelischen hier vollends vorbei ist. Mir kann's persönlich gleich sein, wer hier die frommen Schäflein zu weiden hat, aber ich wollte doch, sie hätten den Pater Ignaz lieber irgendwo in Hinterindien oder in einer sonstigen gesegneten Gegend zum Erzbischof, als gerade hier zum Pfarrer gemacht.

Noch eins, was Dich vielleicht interessiert. Du hast ja die Tochter von Professor Holbert gekannt, die hier an ~Dr.~ Haller verheiratet ist. Das ist eine Märtyrerin, die Ihr gleich beim jetzigen Konzil bei lebendigem Leibe heilig sprechen könnt! Wie diese zwei Menschen zusammenkommen konnten, das ist mir ein Rätsel der Seelenlehre, das ich mit meiner Alten-Junggesellen-Weisheit nicht klar kriegen kann. Der Mann verdiente bei den Botokuden als Leibarzt irgend einer schwarzen Menschenfresser-Majestät zu existieren und wäre vielleicht für eine solche zu einem Abendbrot noch leidlich genießbar. Hier hat er abgewirtschaftet. Ihm fehlt zum Arzte sehr viel, und zum anständigen Menschen nahezu alles, und ich kann manchmal, wenn ich ihn in einer besonders »geistvollen« (ich meine weingeistvollen) Phase erblicke, der Versuchung kaum widerstehen, zu erproben, ob mein Knotenstock oder sein Schädel mehr Festigkeit haben -- 's ist mir aber immer wieder um meinen Stock leid. Das arme junge Weib! Er soll sie sogar mißhandeln, angeblich, weil sie nicht soviel Mitgift brachte, als er vermutete, und Deine Mutter weiß von verweinten Augen zu erzählen, aber sie klagt niemandem und ist immer so _sehr_ freundlich! Herr Gott, wenn mein Hans Stahl davon Witterung erhält!

Ein hübscher Mann dagegen ist der Kapuzinerpater Severin. Er und der Guardian machen einem das Klösterchen lieb, und ich gehe nur zu ihnen in die Kirche, habe auch mit dem Guardian schon botanisiert. Da muß ich wieder an Deinen guten Nedamitzer Alten denken. Ich hätte ihm gerne noch ein paar frohe Tage unter meinem Zeltdache bereitet ... es hat nicht sein sollen. Möge er ruhen in Frieden! Ich glaube doch trotz allem, daß ich ihn im Himmel wiederfinde, vorausgesetzt, daß der Herrgott mich alten Sünder selbst einläßt. Na, wissentlich hab' ich niemandem Böses gethan -- vielleicht ist das mein Passierschein.

Nun, mein lieber Konzilsvater, soll's aber gut sein. Bleibt nur fest und thut nichts, was gegen die Ueberzeugung ist ... das hofft die Christenheit, und sie glaubt ein Recht dazu zu haben! Nun muß ich meine Hinterpfote schmieren, damit ich bald ausmarschieren kann.

Auf Wiedersehen in Rom, und herzlichen Gruß vom

Vetter Martin.«

Der Brief that wohl, wie ein frischer Trunk aus klarem, gutem Born; manches, was Frohwalt vordem darin vielleicht unbehaglich gewesen, erschien ihm jetzt so wahr und gesund, daß er bei seinem Abendmahle heiter und ruhig war und nach der Aufregung des Nachmittags einen friedlichen Schlaf fand, der ihn im Traum in seine Heimat trug.

Fünfzehntes Kapitel.

Wochen waren vergangen. Der Unfehlbarkeitsbrei brodelte noch immer unfertig im Topfe des Konzils, und der Papst, welchem seine Umgebung vorgespiegelt haben mochte, daß die Sache glatt und schnell abgewickelt sein würde, wurde ungeduldig. So suchte die Jesuitenpartei nach einem Mittel, die Angelegenheit zu beschleunigen und glaubte ein solches gefunden zu haben in der Aenderung der als zu freisinnig sich erweisenden bisherigen Geschäftsordnung. Man rechnete dabei vor allem auf die für den Glaubenssatz unbedingt zur Verfügung stehenden Stimmen und glaubte auf das hin etwas wagen zu dürfen, was einem Gewaltakte täuschend ähnlich sah.

So wurde durch die neue Geschäftsordnung verfügt, daß sowohl die Versammlung, als auch der Präsident das Recht haben sollte, jede Debatte abzuschneiden und eine Abstimmung herbeizuführen. Wenn man erwägt, daß die Präsidenten und das gesamte Direktorium vom Papste ernannt wurden, und daß überdies die Mehrheit der Versammlung bedingungslos alles anzunehmen bereit war, so erhellt daraus, welchen Wert alle ferneren Beratungen noch haben konnten. Dazu kam die weitere Bestimmung der neuen Geschäftsordnung, daß alle Beschlüsse mit _einfacher_ Stimmenmehrheit gefaßt werden konnten. Der Zufall einer einzigen Stimme sollte Ausschlag gebend sein für einen so ungeheuer wichtigen Beschluß, welcher tief in das Leben der Kirche eingriff.

Ein solches Vorgehen rief unter einem Teil der Konzilsväter eine heftige Bewegung hervor, und wiederum waren es die deutschen und österreichischen Bischöfe, denen sich auch französische und ungarische anschlossen, welche keinen Augenblick die gefährliche Bedeutung der neuen Geschäftsordnung verkannten.

Auch im Hause des Kardinals Schwarzenberg zitterte diese Erregung nach. Professor Meyer, der sonst außerordentlich ruhig blieb, erörterte mit Schärfe und klarer Gewissenhaftigkeit die Sachlage, und ~Dr.~ Frohwalt, welchem die ganzen unwürdigen Vorgänge genügend bekannt waren, fühlte sich immer mehr erschüttert in seinen Anschauungen, die er von der ewigen Stadt und ihrem kirchlichen Leben gehabt hatte. Mehr als einmal dachte er des Gesprächs mit Professor Holbert, und mit eigenen Augen sah er nun, welche gefährliche Macht der Jesuitismus in den Händen hatte, eine Macht, der gegenüber der offene, ehrliche Mut der besser denkenden Kirchenväter immer mehr ins Wanken kam.

Auch diesmal kamen sie über halbe Maßregeln nicht hinaus. Wohl machten etwa hundert Kirchenfürsten eine Eingabe an den Papst, in welcher sie gegen die neue Geschäftsordnung sich wendeten mit der Erklärung, daß infolge derselben dem Konzil vorgeworfen werden könnte, daß es der Allgemeinheit, der Wahrheit und der Freiheit entbehre.

Nur vorgeworfen werden _könnte_! Hier fehlte das eigentlich richtige, das mutig durchgreifende, entschieden protestierende Wort, und so war es nicht verwunderlich, wenn solche Eingaben erfolglos blieben, und wenn die jesuitischen Ratgeber des Papstes sich ins Fäustchen lachten.

Frohwalt war mit dem Jesuitenpater Felice zusammengetroffen, und dieser hatte mit ausgesuchter Liebenswürdigkeit sich an den jungen deutschen Theologen angeschlossen. Im Gespräch aber hatte er mit einem beinahe spöttischen Lächeln um den schmalen Mund sich über die Bemühungen der deutschen Bischöfe geäußert, dem heiligen Stuhle Widerstand zu leisten und hatte mit humoristischer, aber unverkennbar höhnischer Wendung darauf hingewiesen, wie die Konzilsväter Rom nicht eher verlassen würden, bevor nicht das neue Dogma fertig sei. Der römische Sommer werde ihre Bedenken schon schmelzen helfen.

Frohwalt war der kalt lächelnde Mann mit den scharfen Augen niemals mehr widerwärtig gewesen, und er fühlte sich von seiner Freundlichkeit abgestoßen. Die Frage, weshalb er das Haus des Prälaten Parelli nicht mehr besuche, und ob er vielleicht die schönen Augen der Signora fürchte, empörte den jungen Priester, und er war nahe daran, mit heftiger Deutlichkeit dem Jesuiten den wahren Grund dafür anzugeben. Aber er bezwang sich und schützte irgend einen gleichgültigen Grund vor.

An Parellis Haus und die Verhältnisse in demselben sollte er aber bald in noch weniger angenehmer Weise erinnert werden.

Es war an einem Sonntag. Sisto, welcher ein kleines Stübchen im Erdgeschoß des Hauses des Prälaten inne hatte, neben der Wohnung Giovannis, hatte den ganzen Nachmittag an seinem Fenster gesessen und an einer Buchsbaumfigur geschnitzt, welche er schon seit einiger Zeit in der Arbeit hatte. Der Junge besaß ein ganz außerordentliches Geschick, und der Meister, bei welchem er sich in der Lehre befand, hatte sich wiederholt dem Prälaten gegenüber ungemein lobend ausgesprochen. Sisto hatte beschlossen, seinem Wohlthäter heimlich eine kleine Freude und Ueberraschung zu bereiten, und niemand sollte davon wissen. Es war eine ganz köstliche Phantasiefigur, an welcher er schnitzte, eine Art Satyr, welcher auf der Schulter ein reblaubumwundenes Fäßchen trug, das als Lämpchenhalter verwendet werden konnte.

An diesem Sonntage wollte der Knabe mit seiner Arbeit zu Ende kommen, und als es dämmerte, war er in der That so weit, daß er mit Befriedigung auf das vollendete Werk schauen konnte. Er freute sich daran, noch mehr aber darüber, das kunstvolle Lämpchen heimlich in das Schlafgemach des Prälaten zu stellen und ihn so besonders zu überraschen.

Sisto war in seinem Plane ganz aufgeregt und konnte kaum erwarten, bis er nach der Abendmahlzeit sich würde in das betreffende Zimmer schleichen können. Er hatte sich schon vordem ein kleines Glasgefäß verschafft, welches in das geschnitzte Fäßchen paßte, es mit Oel gefüllt und mit einem Docht versehen, auch probiert, wie das Lämpchen brannte und sich beim Schimmer des kleinen Lichtchens erst recht an seiner hübschen Arbeit gefreut.

Als er nun meinte, daß der Prälat mit der Signora -- Gäste waren heute ausnahmsweise nicht anwesend -- noch bei Tische sitzen werde, schlich er leise und mit pochendem Herzen, als ob er irgend etwas Schlimmes vorhätte, die kleine Dienertreppe hinauf nach dem Obergeschoß. Er kannte, da ihn der Prälat ganz ungehindert überall verkehren ließ, die Lage der Zimmer, sowie ihre Verbindung unter einander ganz genau. Er wußte auch, daß das Schlafzimmer zwei Zugänge hatte, deren einer durch die Salons und das Arbeitszimmer führte, während der andere fast unmittelbar vom Flur aus zu erreichen war.

Er hatte das Lämpchen angezündet, hielt die Hand vor das kleine Licht, damit es ihm nicht erlösche und trat nun, durch ein Dienerzimmer und ein Vorzimmer geräuschlos hinschreitend, an die Thür des Schlafgemachs. Er spähte durch das Schlüsselloch und fand, daß alles finster war; sein Plan wurde offenbar begünstigt, und so faßte er, während seine Linke die Lampe trug, mit der Rechten den Drücker, der leicht und unmerklich nachgab, und einen Augenblick später stand er im Rahmen des Eingangs. Aber dieser Augenblick ließ ihn beinahe zu Stein erstarren.

Das unselige Lämpchen beleuchtete ein Bild, vor dem der Knabe sich entsetzte. In dem Gemache stand an der einen Wand ein geschnitztes breites Bett mit einem seidenen Baldachin darüber und vor demselben ein Divan, der mit einem schönen Pantherfelle bedeckt war. Auf diesem aber saßen in heißer Umschließung Parelli und Lucia, letztere in weißem Négligé mit nackten, vollen Armen. Aus dem dunklen Rahmen des Zimmers trat gerade diese Gruppe, beleuchtet durch das flimmernde Licht, in müden aber deutlichen Umrissen hervor, und auch die beiden Menschen saßen im ersten Momente bei der unerwarteten Ueberraschung wie erstarrt.

Dann folgte ein zweifacher lauter Aufschrei. Den einen stieß die Signora aus, welche hastig aufsprang und ihre Arme von dem Nacken des Mannes löste, den andern Sisto, der gleichzeitig seine Lampe fallen ließ und wie von bösen Geistern gejagt, hinausstürzte. Dunkelheit lag wieder auf dem üppig ausgestatteten Raume, Dunkelheit breitete sich aus auch in dem kleinen Hofstübchen des armen Jungen, der wie von Entsetzen geschüttelt, mit klappernden Zähnen, sich angekleidet auf seinem Lager hin- und herwarf und den Schlaf nicht finden konnte.

Ihm war zu Mute, als ob ihm ein verehrtes Heiligtum entweiht, als ob ihm eine Gottheit in den Staub getreten worden wäre. Der arme Knabe hatte mit seinem frommen, anhänglich treuen Wesen in dem Prälaten die Verkörperung der Gottähnlichkeit gesehen, er hatte mit einer unendlichen Verehrung, beinahe mit Anbetung zu ihm aufgeschaut, wie zu einem Heiligen ... und nun war er so furchtbar enttäuscht. Er hätte aufschreien und weinen mögen in seinen entsetzlichen Schmerzen, die ihm das junge, in seinem Vertrauen so enttäuschte Herz bereitete, denn er fühlte, daß er trotz allem noch den Prälaten liebte; das Weib aber haßte er von dieser Stunde an tödlich.

Der Knabe hatte eine qualvolle Nacht. Stunde ging langsam um Stunde, aber so sehr die bange, heiße Schlaflosigkeit ihn quälte, so sehnte er doch nicht den Morgen herbei, denn er wußte nicht, was der neue Tag ihm bringen würde, und wie er vor die Augen seines Wohlthäters treten sollte.

Aber die Zeit kümmert sich nicht um Leid und Lust, nicht um Sehnsucht und Zagen eines Menschenherzens; mit gleichmäßigem Fuße schreitet sie ihren ewigen Weg durch Glück und Unglück. Und die Sonne Roms ging an jenem Morgen mit wundersamer Herrlichkeit auf am blauen Himmel der Tiberstadt und lachte über den Palästen und blinkte hinein in das Stübchen des armen Jungen, der mit verhärmten Wangen und verweinten Augen, ein Bild des Jammers, in einem Winkel kauerte, wie ein Hund, der gewärtig ist, mit der Peitsche hinausgetrieben zu werden aus dem Orte, wo er friedlichen und freundlichen Unterschlupf gefunden hatte.

Aber Sisto dachte nicht an sich; er dachte an den Herrn, den er liebte und dessen Seelenheil ihm in seiner naiven Frömmigkeit am Herzen lag. O wenn er ihn freimachen könnte aus den Fesseln des buhlerischen Weibes, wenn er wieder gläubig, vertrauend und verehrend zu ihm aufschauen dürfte wie zu einem echten, rechten Hirten der Christenheit! Er hatte im Gebete gerungen und vor allem seinen Schutzheiligen angefleht, der einst ein frommer Papst gewesen und ein Stellvertreter Christi auf Erden, und nun war durch seine Seele wie ein heller Blitzstrahl ein leuchtender Gedanke geflogen. Vielleicht stand sein Heiliger ihm bei, wenn er ihn ausführte.