Los von Rom: Eine Geschichte aus dem Leben
Part 33
So gingen sie mit einander. Niemals noch hatte Frohwalt eine protestantische Kirche betreten, und darum wohl ergriff ihn eine seltsame Befangenheit. Aber bald schwand dieselbe vor der würdigen Einfachheit, welche hier herrschte. Der einzige, schlichte Altar, nur mit einem schönen Kreuzbilde geziert, zu dessen Seiten zwischen frischen Blütenzweigen die Kerzen brannten, die weißgetünchten Wände, hell beschienen von der durch die hohen Fenster einfallenden Sonne, die Emporen mit dem alten, gefälligen Schnitzwerke, die hölzerne Kanzel, auf welche von der Kirche aus die Treppe emporführte, und das kleine Orgelchor mit den blinkenden Pfeifenreihen ... das alles stimmte so ruhig und drängte, da der Blick nicht abgelenkt wurde durch überflüssigen Schmuck, zahlreiche Bildwerke und Statuen, zu innerer Sammlung.
Die Orgel setzte ein, und der gemeinsame Gesang der zahlreich Versammelten erklang weihevoll wie ein Beten. Die Worte des alten Liedes von Paul Gerhardt: »Befiehl Du Deine Wege« muteten Frohwalt seltsam an; es war, als ob der alte evangelische Dichter sie just für ihn verfaßt hätte, und es drängte ihn, bei der dritten Strophe selbst mit einzustimmen, so daß das Auge Vetter Martins ihn ganz verwundert streifte.
Mit Aufmerksamkeit folgte er der Liturgie, mit noch größerer aber der Predigt des alten Pfarrers. Die Worte klangen so herzlich und ungesucht, sie paßten sich dem Verständnis und Empfindungsleben der schlichten Zuhörer völlig an, und sie wurden mit einer so natürlichen Wärme gesprochen, daß Frohwalt sich am Ende derselben tief ergriffen fühlte. Ja, das war eine evangelische Predigt ... und er hätte ihr tausende von katholischen Zuhörern gewünscht. Da war nichts gesagt worden, was er nicht auch empfand, und was er von seinem Standpunkte aus nicht auch hätte sagen dürfen.
An die Predigt schloß sich der Beichtgottesdienst, und wie in einem frommen Banne hörte er das allgemeine Sündenbekenntnis und die Absolutionsworte des greisen, würdigen Mannes, er hörte mit andächtigem Staunen die nun folgende Liturgie des Abendmahls, die alles Wesentliche enthielt wie die katholische Messe, ja genau mit denselben Worten, nur daß sie schlicht und schön in der Muttersprache erklangen, allen verständlich und allen erbaulich. Dann schritten sie langsam heran an den Altar, Männer und Frauen, Jünglinge und Jungfrauen und empfingen Brot und Wein, ehrfürchtig sich verneigend, und mit dem schönen, dreifachen Segen des Priesters schloß der Gottesdienst.
Das kleine Kirchlein war schon leer geworden, als Frohwalt erst mit seinen zwei Begleitern es verließ. Vor dem Thore stand er still und faßte die Hand Martins, der ihn schweigend beobachtet hatte und sagte:
»Das ist ein wahrer Gottesdienst! Gemahnt es nicht an die ältesten Zeiten der Kirche, da man nichts wußte von Prunk und Glanz der Aeußerlichkeiten, und da die Christen still und schön ihr schlichtes Liebesmahl gemeinsam genossen? Solche weihevolle Andacht habe ich niemals empfunden, als in dieser evangelischen Dorfkirche!«
Er konnte es sich nicht versagen, das auch dem alten Pfarrer gegenüber auszusprechen, der ruhig und freundlich erwiderte:
»Sie sind nicht der erste Katholik, welcher diese Empfindung hat; bei manchem ist sie freilich bedingt durch den Reiz des Neuen, bei Ihnen, glaube ich, ist sie tiefer, weil Sie mit Ernst nach dem Wahren suchen. Der liebe Gott erleuchte Sie auf Ihrem Wege!«
Er ging auf ein anderes Gespräch über, und gerade das berührte Frohwalt ungemein wohlthuend.
Am nächsten Morgen brach der Vetter Martin auf; bei solchem Frühlingswetter hatte er nirgends lange Ruhe, und es drängte ihn hinaus in die Welt. Er wollte diesmal Elsaß und Lothringen besuchen, die wiedergewonnenen Kinder der Mutter Germania. Quandt mit seiner Frau, Hans Stahl mit Trudchen und Frohwalt gaben ihm ein Stück weit das Geleite. Mit letzterem ging der Alte einige Schritte den anderen voraus, und als es beinahe ans Abschiednehmen kam, sagte er:
»Ich weiß Dich hier in guten Händen, Peter; drum kann ich ausmarschieren, und wenn ich wiederkomme, hat sich in Dir, wie ich bestimmt hoffe, manches völlig ausgeklärt, was jetzt noch schwankend ist. Ich meine aber, Du bist auf dem besten Wege, erst recht ein brauchbares Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu werden. Konfessionslos kannst Du nicht bleiben, der Altkatholizismus ist noch unfertig ... werde evangelisch, wie Deine Schwester ist! Werde ein Priester wie unser alter Gastfreund, ein Leiter, Führer und Vorbild Deiner Gemeinde. Das ist mein ehrlicher Rat, und es soll mich freuen, Peter, Dich einmal auf Deiner evangelischen Pfarre und in Deinem Hausstande besuchen zu können. Und dann nimmst Du mich auch in Deine Kirchengemeinde auf. Punktum! Und jetzt gehen wir auseinander!«
Der Alte wandte sich nach den übrigen um und schwenkte lustig seinen Stock. Sie kamen rascher herbei, und es folgte der herzlichste, rasche Abschied. Viel dabei herumzureden, war nicht Martins Art. Nach kurzer Weile wanderte er weiter, mit großen Schritten, noch zweimal sich umblickend nach den wehenden Tüchern und winkenden Händen, dann gingen die Zurückbleibenden langsam wieder dem freundlichen Dorfe zu, dessen Kirchturm ihnen friedlich entgegenwinkte.
Quandt und Fritzel gingen mit Hans Stahl voran, Frohwalt folgte mit Trudchen nach. Unbefangen hatte er bisher mit dem heitern, schönen Mädchen verkehrt, in dieser Stunde aber überkam ihn zum ersten Male eine gewisse Befangenheit: Ein Wort des Alten klang ihm in der Seele nach, wenn er in die hellen, frischen, braunen Augen schaute, und auf den plaudernden roten Mund. Sie merkte seine schweigsame Art und sagte:
»Der Abschied vom Vetter Martin hat Sie ja ganz still gemacht!«
»Ja, er ist mir sehr lieb, der alte Mann, und ich sehe ihn immer mit heimlicher Wehmut scheiden.«
»Er erinnert mich in manchem an meinen Vater!«
»Sie haben recht. Beide haben dieselbe milde Art, die gleiche Duldsamkeit und die nie versiegende, von sonnigem Humor verklärte Herzenswärme.«
Das Mädchen sah ihn mit aufleuchtenden Augen an. »Es freut mich, daß Sie schon nach so kurzer Zeit meinen Vater so beurteilen --«
Und nun ging ihr das kindliche Herz auf, und sie begann von ihren Eltern zu erzählen, und dem stillen Zuhörer ward es dabei wärmer in der Seele. Diese Kindesliebe hatte etwas unendlich Anmutiges und Wohlthuendes, und das Mädchen gewann in seinen Augen ganz besonderen Wert und Reiz.
Von diesem Tage an schloß sich Frohwalt mehr als bisher an den alten Pfarrer an und verkehrte manche Stunde mit ihm in ernsteren Gesprächen. Er selbst lenkte die Rede dabei auf religiöse Fragen, und ihn überraschte die ruhige Klarheit, die edle Milde, mit welcher der Pfarrer solche behandelte. So gewann er einen Einblick in das evangelische Bekenntnis und fühlte sich seltsam davon angezogen. Es lag in demselben ein schöner, gesunder, wahrhaft religiöser Kern, ein tiefbegründetes, sittliches Bewußtsein, ein Ablehnen des äußeren Scheins, eine Verklärung des deutschen Wesens, so daß es ihm jetzt erst verständlich ward, wie die Reformation auf deutschem Boden erwachsen, und wie ein einfacher Sohn des deutschen Volkes sie ins Leben rufen konnte.
Und die Worte, welche er von dem Pfarrer hörte, erhielten ihre schönste Bestätigung in den Verhältnissen in dem Pfarrhause selbst. Hier herrschte ein wundersamer Geist des Friedens und der Menschenliebe, von hier aus ging Trost und Rat in die bedrängten Herzen der Gemeindeglieder, und dabei wetteiferten die weiblichen Glieder der Familie mit dem Oberhaupte. Die Pfarrerin war in jeder Weise des Gatten wert. Sie besaß eine vortreffliche Bildung des Verstandes und des Herzens, und war mit ihrem freundlichen, teilnahmsvollen Wesen wie der gute Geist des Hauses.
Was waren das für herrliche Stunden, welche Frohwalt in diesem Kreise verlebte, zumal des Abends, wenn die Familie enger an einander rückte und jeder gab und empfing, und sich an beidem still erfreute. Da setzte sich wohl die Pfarrerin ans Klavier, und die beiden Töchter sangen, Trudchen mit schöner, sympathischer Sopranstimme und Friederike mit klangvollem Alt, während der Hausherr mit dem Seidenkäppchen auf dem ehrwürdigen Haupte behaglich in seinem Lehnstuhl saß und seine lange Pfeife schmauchte. Dann erzählte Hans Stahl von den ruhmvollen Tagen, die er mit durchgestritten, oder Quandts und Frohwalt ergingen sich in römischen Erinnerungen, bis der Pfarrer zuletzt einen kurzen Abendsegen sprach, der das Haus und alle seine Bewohner dem Schutze Gottes empfahl, dann begab man sich zur Ruhe, und tiefer Friede lag über dem Pfarrhause und dem ganzen freundlichen Dorfe.
Frohwalt lebte hier wie in einem Zauberbann, und manchmal war es ihm, als träume er und müsse das Erwachen fürchten. Besonders fühlte er das, wenn er sich mit Trudchen unterhielt. Er hatte sich bisher, getreu den Vorschriften seines Berufs, wenig um das weibliche Geschlecht gekümmert und kannte von demselben aus näherem Umgang nur Mutter und Schwester. Dann hatte er besondere Wertschätzung für Friederike gewonnen, und da Trudchen der Schwester in jeder Weise ähnlich war, so übertrug er dies Empfinden gleich von vornherein auf sie. Und sie kam ihm mit ungesuchter Herzlichkeit und Natürlichkeit entgegen, als ob er ihr gar kein Fremder wäre, und gab sich in Wort und Wesen mit so heiterer Anmut, daß der Umgang mit ihr für Frohwalt beinahe ein Bedürfnis wurde, und er an jedem Morgen sich zumeist darauf freute, ihr frisches, liebes Gesicht wiederzusehen.
Ueber die Bedeutung solchen Empfindens war er sich selbst nicht klar; um so klarer aber schienen andere sich darüber zu sein, und Quandts, sowie Hans Stahl ließen die beiden, so oft es unverfänglich geschehen konnte, ungestört mit einander verkehren, aber um des Malers Lippen flog ein gutmütig schönes Lächeln in solchen Augenblicken, und den Arm seines Weibchens wärmer an sich ziehend, flüsterte er wohl:
»O rühret, rühret nicht daran!«
So mochten etwa drei Wochen vergangen sein. Der junge Lausitzer, der seinen Arm beinahe mehr aus Gewohnheit als aus Notwendigkeit in der Binde trug, gedachte in seine Heimat abzureisen, und auch Frohwalt schien es an der Zeit, die Gastfreundschaft des lieben Pfarrhauses nicht länger in Anspruch zu nehmen. Er hatte mehrmals schon davon gesprochen, zu gehen, aber immer wieder gern sich halten lassen.
Da war er eines Vormittags -- Friederike und Gertrud hatten daheim zu schaffen, und Quandt malte -- mit Stahl allein durch das Dorf gegangen. Als sie an dem stattlichen Gasthofe vorüberkamen, hatte der letztere einen Blick in den Garten desselben geworfen und plötzlich schrie er auf:
»Professor Holbert!«
Dann eilte er durch die Hinterthüre ein. Frohwalt, der ihm beinahe mechanisch folgte, sah jetzt in der That auch den Professor an einem der einfachen Holztische sitzen und neben ihm Therese. In wenigen Augenblicken waren die vier Menschen bei einander und reichten sich herzlich die Hände, und Fragen gingen lebhaft hin und her.
Holbert hatte mit seiner Tochter, um den unerquicklichen Prager Verhältnissen sich auf einige Zeit wenigstens zu entziehen, eine kleine Reise gemacht, die beide meist zu Fuß zurücklegten. So waren sie nach Ehrenberg gekommen und gedachten hier Mittagsrast zu halten. Ihre Freude, Frohwalt und Stahl hier zu finden, war aufrichtig und groß, und besonders angenehm überrascht waren sie über den letzteren, dessen Gesicht in diesem Augenblicke wie von innerer Verklärung aufleuchtete, und den sie herzlich beglückwünschten zu seinen Heldenthaten und seinen ehrenvollen Erfolgen in Krieg und Frieden. Als Therese ihm dabei die Hand reichte, hielt er sie eine Sekunde lang fest, und sah ihr dabei so seltsam in die Augen, daß sie errötend die Blicke senkte.
Um der Freunde willen gedachten Holberts den Nachmittag über hier zu bleiben und gemeinsam mit ihnen einen nahen Berg zu ersteigen, der eine schöne Fernsicht bot. Die Pfarrersfamilie war feinfühlig genug, sich daran nicht zu beteiligen, und so wanderten die vier langsam die bewaldete Höhe hinan, unter leise rauschenden Föhren hin. Frohwalt und der Professor schritten voran, Hans Stahl und Therese folgten.
»Ist Ihnen der im Mai von München aus von Döllinger erlassene Aufruf an die deutschen Katholiken zu Gesicht gekommen?« fragte Holbert seinen Begleiter.
»Nein. Um was handelt es sich darin?«
»Nun, Döllinger betont in Uebereinstimmung mit einer Anzahl gesinnungstüchtiger, gläubiger Männer, daß auf dem Boden der Treue gegen den alten katholischen Glauben eine Erneuerung kirchlicher Zustände durch einträchtige Arbeit von Klerus und Laien herbeigeführt und als letztes Ziel christlicher Entwicklung die Vereinigung der jetzt getrennten christlichen Glaubensgenossenschaften angestrebt werden soll. Wahrlich ein edles und würdiges Programm, bei welchem, wie ich annehmen zu dürfen glaube, wohl auch auf Ihre Mitwirkung zu rechnen ist.«
»Zürnen Sir mir nicht, Herr Professor, wenn ich sagen möchte: ›Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.‹ -- Ich habe hier reichlich Gelegenheit gehabt, über religiöse und kirchliche Verhältnisse nachzudenken, und darum finde ich zwar die Bestrebungen des Altkatholizismus schön und würdig, aber seine letzten Ziele scheinen mir weder völlig klar, noch vor allem erreichbar.«
»Es kommt nur auf den guten Willen der Beteiligten und auf die allgemeine Unterstützung an.«
»Und gerade an der letzteren wird es, fürchte ich, fehlen, weil man in die Ausführbarkeit des Programms kein volles Vertrauen gewinnt. Eine Umwandlung der kirchlichen Zustände! Sie ist oft versucht worden von Kirchenversammlungen aus, aber umsonst!«
»Weil man stets mit der römischen Kurie als einem besonderen Faktor rechnete, der sich angestrebten Aenderungen verschloß oder gar widersetzte. Für uns Altkatholiken aber ist auch die altkirchliche Verfassung maßgebend, nach welcher alle Bischöfe gleich und gleichberechtigt sind mit dem römischen, der nur der Erste unter Gleichen ist.«
»Sie streben also den Ausbau des bischöflichen Systems an? Aber woher nimmt der Altkatholizismus seine Bischöfe? Wer soll sie weihen? Denn die bloße Ernennung könnte doch nicht genügen, in ihnen die Nachfolger der Apostel zu sehen?«
»Gewiß nicht. Aber wir haben ja bereits eine altkatholische Kirche, die seit dem siebten Jahrhundert in den Niederlanden besteht, und seit Anfang des vorigen Jahrhunderts erneuert wurde, die römisch-katholische Kirche der bischöflichen Klerisei. Sie steht unter dem Erzbischof von Utrecht und den Bischöfen von Deventer und Haarlem, und bestreitet, wie wir, die päpstliche Unfehlbarkeit. Durch ihre Bischöfe wird durch Handauflegung die bischöfliche Weihe rechtmäßig auch auf unsern Oberhirten übertragen werden.«
»Auch das sind Aeußerlichkeiten, denen ich keinen zu hohen Wert beilegen möchte. Der Altkatholizismus hat die Absicht, die alte katholische _Kirche_ wieder herzustellen, und darin liegt nach meinem Ermessen eine Halbheit, die nicht zum Ziele führen kann. Das Hinarbeiten auf ein bloß _kirchliches_ Christentum kann nicht das Letzte und Höchste sein, sondern die religiös-sittliche Ausgestaltung desselben müßte angestrebt werden, zu welcher die auf den Grundlagen des Humanismus sich erhebende Reformation den Anlauf genommen hat. Wir brauchen, möchte ich beinahe sagen, eine Art staatliches Christentum, ein weltlich sittliches Christentum, wodurch das Wesen des Protestantismus sich kennzeichnet im Gegensatz zu dem Katholizismus, der das Wesen des Christentums nur in der _kirchlichen_ Form dargestellt wissen will. Alle Bestrebungen der Zeit im Geiste des wahren Christentums aufzufassen, dasselbe in ihnen fruchtbringend werden zu lassen, das wäre eine Aufgabe für den Altkatholizismus, aber gerade der Erfüllung desselben setzt das Festhalten an kirchlichen Aeußerlichkeiten Schranken.«
»Ich höre das protestantische Pfarrhaus aus Ihnen sprechen, lieber Freund!« sagte lächelnd der Professor.
»Es mag etwas Wahres an dem Worte sein, aber andererseits muß ich betonen, daß ich niemals einen Mann mit milderem Sinne und mit geringerer Absicht, Glaubensgenossen zu gewinnen, kennen gelernt habe, als den alten Pfarrer von Ehrenberg.«
»Aber scheint Ihnen nicht wenigstens das letzte Ziel des Altkatholizismus groß und der Bemühungen der Besten wert? Die wirkliche Wiederherstellung der katholischen Kirche, in der nur ein Hirt und eine Heerde ist, die Wiedervereinigung von allen, die sich Christen nennen, ist das Erhabenste, was sich denken läßt.«
»Gewiß, Herr Professor -- aber leider unerreichbar. Ein Zurückgehen auf die allerälteste christliche Zeit, ein Wiedererwecken der altkirchlichen Lehre würde stets auf Widersprüche stoßen und statt der Einigung noch schärferen Zwiespalt erwecken. Wohl weiß ich, daß Döllinger in bester Absicht einen Unterschied machen will zwischen Glaubenssatz und Meinung -- aber wer soll feststellen, was als Glaubenssatz zu gelten hat? Als Glaubenssatz für _alle_ Christen? Als Glaubenssatz, der auch einhellig angenommen würde? Aus jedem Glaubenssatz würde ein neuer Zwiespalt erwachsen, wie es bisher stets der Fall gewesen ist.«
Sie waren, indem sie dies Gespräch fortsetzten, auf der freien Höhe angekommen. Unter ihnen lag im Sonnenglanze das schöne blühende Land mit freundlichen kleinen Städtchen und Dörfern, mit dem blinkenden Silberbande eines Flüßchens, umrahmt gegen Süden von einem Kranze höherer Berge und dem Kamme des Gebirges. Einige Augenblicke standen sie schweigend, dann sagte Holbert:
»Ich sehe aus allem, wie es um Sie steht, lieber Freund, und wohin Ihre Ueberzeugung Sie führt. Ich achte Sie darum nicht minder, und ich denke, daß wir die Alten bleiben. Im innersten Wesen stimmen wir doch überein. Sie wie ich streben die sittliche Wiedererneuerung der menschlichen Gesellschaft an. Das ist ein großes und edles Ziel, und der Wege dazu giebt es mannigfache. Uns allen aber leuchtet dazu dieselbe Sonne und es blaut uns derselbe Himmel, und derselbe ewige Vater giebt allen seinen Kindern, die ehrlich der erkannten Wahrheit nachstreben, seinen Segen. Möge er auch uns nicht fehlen!«
Mit wärmstem Drucke fanden sich die Hände der beiden Männer, die schweigend sich dabei in die Augen sahen. Sie wußten, was sie einander geworden waren und bleiben wollten.
Langsamer war indes das zweite Paar hinterher gekommen. Ueber Stahl, sowie über Therese lag anfangs eine gewisse Befangenheit, und die junge Frau suchte darüber hinwegzukommen, indem sie ihren Begleiter nach seinen künstlerischen Erfolgen, seinen Arbeiten und Bestrebungen fragte. Er erzählte ihr davon, begeistert, mit leuchtenden Blicken, dann blieb er mit einem Male stehen, so daß auch sie den Schritt anhalten mußte. Ringsum war schweigender Wald, durch welchen die Sonnenstrahlen zuckten, die beiden Männer vor ihnen waren verschwunden hinter den Föhrenstämmen, ein Vogel huschte scheu durch das Gezweige ... da sagte er mit einmal mit bebender Stimme:
»Denken Sie noch an den Beth Chajim, und was mein junges, thörichtes Herz unter den blühenden Fliedersträuchen damals bewegte?«
Es schien, als wolle sie abwehren, aber die Geberde mißlang, und die Röte, welche ihr in die Wangen trat, strafte sie Lügen. Kühn gemacht dadurch, fuhr er fort:
»Ich bin seitdem ein anderer geworden. Ich bin durch eine ernste Schule gegangen, ich habe geblutet für eine heilige Sache, und ich fühle es, daß ich eine Zukunft habe ... wenn mir der Sonnenschein, an den ich geglaubt und gehofft habe, seit ich Sie kenne, nicht untergeht. Damals in Prag mußte ich schweigen -- heute darf ich reden. Therese, ich brauche es Ihnen nicht zu sagen, daß ich Sie heute noch ebenso lieb habe, ja noch mehr, denn Sie haben gelitten, und daß mein ganzes Wesen und Denken nur aufgeht in Ihnen. Sie sind frei, wie ich es bin, und wenn sie glücklich _machen_ wollen, so sollen Sie auch glücklich _sein_, das gelobe ich Ihnen bei allem, was uns heilig ist!«
Therese war in heftiger Erregung, ihre Brust atmete lebhaft, sie rang nach Worten, und ohne sie finden zu können, ging sie einige Schritte vorwärts. Stahl aber war stehen geblieben; er sah ihr beinahe enttäuscht, traurig, nach und nur ihr Name entrang sich seinen Lippen, aber mit einem so unendlich traurigen und doch so liebeerfüllten Klange, daß sie stehen blieb und ihn ansah.
»Dringen Sie heute ... noch jetzt nicht in mich ... Hans -- es kommt mir zu überraschend ... ich weiß ja nicht, ob ich noch auf ein Glück rechnen darf ...«
Er hatte nur das eine Wort gehört, das ihm Alles verriet, und aufjauchzend rief er noch einmal ihren Namen, und streckte ihr die ausgebreiteten Arme entgegen.
Sie trat wieder näher an ihn heran, und reichte ihm die beiden Hände:
»Noch nicht, Hans ... lassen Sie mir noch Zeit ...«
Da ergriff er die Hände und küßte sie abwechselnd, bald die Rechte, bald die Linke, trotz des Handschuhes, so daß ein leises Lächeln um ihre Lippen spielte.
»Ungestümer!«
Dabei drückte sie auch seine Hände warm und herzlich, und sagte:
»Kommen Sie, Hans, wir wollen vernünftig sein!«
»Wie lange noch, Du Liebe, Herrliche?«
Sie legte ihm die Hand auf den Mund und ihren Arm in den seinen. Und wie sie leicht sich an ihn schmiegte, da ging ein seliger Schauer durch sein Herz, so daß er keine Worte finden konnte, und schweigend schritten sie selbander den Berg hinan. Ehe sie aber hinaustraten auf die Lichtung auf dem Gipfel, flüsterte er mit unendlicher Innigkeit:
»O sage nur ein einzigmal Du!«
Und mit holdem Erröten flüsterte sie das kleine, süße, inhaltvolle Wort, und fester zog er ihren Arm an sich --
So kamen sie heran zu den beiden Männern ...
Als Frohwalt an diesem Abende in das Pfarrhaus zurückkehrte, geschah es mit dem festen Vorsatz, dem Pfarrer anzuzeigen, daß er zum evangelischen Bekenntnis übertreten wolle. Das Gespräch mit Holbert hatte ihm die Ueberzeugung beigebracht, daß der Altkatholizismus ihn niemals ganz befriedigen könne.
Mit ruhiger Freude hatte der Pfarrer diesen Entschluß gehört und seinem Gastfreunde schweigend die Hand gereicht. Dann aber hatte er nach seines Herzens Drang mit ihm gesprochen, und als Frohwalt aus seinem Gemache trat, war seine Seele wundersam erhoben.
Da sah er Trudchen im Flur stehen.
Er eilte auf sie zu mit einer freudigen Erregung und sprach:
»Fräulein Gertrud, soeben habe ich Ihrem Vater mitgeteilt, daß ich Ihrem Glauben beitreten und ein evangelischer Priester werden will in seinem Geiste!«
Das Gesicht des hübschen Mädchens wurde von hoher Röte übergossen, und sie reichte ihm die Hand.
»O wie mich das freut! Wie mich das freut!«
Mehr vermochte sie nicht zu sagen; aber wie sie so dastand im milden Lichte des Abends, das durch das Flurfenster herein fiel, erschien sie ihm lieblicher als jemals, und er fragte mit unsicherer Stimme:
»Und warum freut Sie das so, Gertrud?«
Sie vermochte nicht zu antworten. Mit einem leisen, seligen Aufschluchzen lehnte sie sich an seine Brust und schlang die Arme um seinen Nacken.
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. Die Abbildungen wurden an die zugehörige Textstelle verschoben.