Liebe ist ewig

Part 4

Chapter 43,584 wordsPublic domain

Aber der Bruder drängte zum gehen. Ihm fing die Sache an langweilig zu werden. Er begriff die Schwester nicht, die immer noch dastand und in die Scheibe starrte.

»Lebendig wird er davon doch nicht! -- Komm!« sagte er ungeduldig und zog sie am Arme weg.

* * * * *

Bald nachdem das Begräbnis des Oberstleutnants a. D. von Weischach stattgefunden hatte, fand sich in den gelesensten Blättern Münchens ein Inserat, wonach sein künstlerischer Nachlaß, sowie seine Bücher, Teppiche und Möbel, meistbietend versteigert werden sollten. Besonders aufmerksam wurden auf diesen Gelegenheitskauf Maler gemacht, die sich ein Atelier einrichten wollten.

Der einzige Blutsverwandte des Verstorbenen, ein Herr von Weischach aus Norddeutschland, war herbeigekommen, hatte sich angesehen, was es etwa zu erben gäbe, und da er nichts als Bilder, Skizzen, Bücher, Kunstgegenstände und andere unnütze Sachen fand, hatte er sich kurzer Hand entschlossen, die Sachen versteigern zu lassen. Diese Mühe nahm ihm ein Auktionator ab; und der Erbe konnte nach kurzem Aufenthalt München wieder verlassen.

Herr Reimers las das Auktions-Inserat, und da er von seiner Wohnung aus nur durch einen Hof zu gehen und ein paar Stiegen zu steigen brauchte, um die zur Vorbesichtigung angepriesenen Kunstwerke zu sehen, nahm er diese kleine Mühe auf sich. Er war ein wenig Sammler, weniger aus wirklichem Kunstverständnis, als aus dem Bedürfnis heraus, sein Heim mit interessanten, seltenen und dekorativen Gegenständen zu schmücken. Auf Auktionen hatte er schon manchen glücklichen Erwerb gemacht.

Wie erstaunte er, als er bei Besichtigung des Weischachschen Ateliers eine ganze Reihe von Bildern und Entwürfen fand, zu denen mehr oder weniger deutlich Juttas Züge verwertet waren.

Hatte der Maler denn seine Tochter gekannt? Hatte Jutta ihm Modell gesessen? --

Die Wirtin des Verstorbenen mußte ihm Rede stehen. Reimers erfuhr, daß Jutta längere Zeit hindurch fast täglich bei Herrn von Weischach gewesen sei.

Reimers war bestürzt. Gerade weil er selbst genug Werg am Rocken hatte, neigte er zur Ängstlichkeit. Es war das Mißtrauen des alten Sünders, der alle Schliche kennt und keinem Manne traut.

Er nahm Jutta vor. Wie kam sie dazu, hinter seinem Rücken einen fremden Herrn aufzusuchen? -- Das Mädchen schwieg hartnäckig. Keine Frage, weder im Guten noch im Strengen, vermochte etwas aus ihr herauszubringen über das, was sie für ihr heiligstes Geheimnis hielt.

Solche Verstocktheit machte den Vater erst recht bedenklich. Die ganze Sache blieb rätselhaft. Er kannte seine Jutta als ein kleines, harmloses, gutwilliges Ding, das ihm viel Vergnügen bereitete und bis dahin eigentlich niemals Sorgen gemacht hatte. Und nun das! -- Unbegreiflich!

Aber Reimers liebte die unangenehmen Eindrücke nicht, und nichts war diesem Manne verhaßter, als das Gefühl der Verantwortlichkeit. Hier konnte er sich keinem von beiden entziehen.

Er hatte sich zu wenig um das Kind gekümmert. Zu seiner Entschuldigung stand ihm zwar die Ausrede zu Gebote, daß er keine Zeit habe, neben seinen Berufsgeschäften auch noch die Erziehung seiner Tochter zu leiten. Ein Witwer war eben in schwieriger Lage. Verschiedene seiner Freundinnen, die ihm diese Wahrheit andeutungsweise schon des öfteren nahe gelegt hatten, waren damit nicht so ganz im Unrecht. Aber trotz alledem wollte er doch lieber ledig bleiben. Es mußte da noch einen anderen Ausweg geben, als Heirat. Wie wäre es, wenn man eine Dame ins Haus nähme zu Juttas Beaufsichtigung? Jemanden: halb Gesellschafterin, halb Freundin, und möglichst wenig Gouvernante; denn vor der Menschenklasse graute ihm.

Er überschlug alle ledigen Frauenzimmer seiner Bekanntschaft und kam schließlich zu dem Ergebnis, daß sich am besten zu dem Amte eignen würde seine Nichte: Vally Habelmayer.

Zwar war Vally noch jung -- eben erst zwanzig geworden -- und hübsch dazu. Aber das letztere war nicht so gefährlich; zu Ostern sollte ja Eberhard aus dem Hause kommen. Und für ihn, den Hausherrn, war es schließlich netter, ein junges hübsches Gesicht um sich zu sehen, als ein altes garstiges. Zudem hatte Vally Habelmayer noch einen anderen großen Vorzug; sie war völlig abhängig von Herrn Reimers. Ihre Mutter lebte seit dem Tode des bankerotten Gatten mehr oder weniger von der Gnade des wohlhabenden Schwagers. Zwar war ein Sohn da, Luitpold, der sich Kaufmann nannte und der seinem Auftreten nach für einen reichen Mann eingeschätzt werden mußte; in Wahrheit aber setzte Luitpold, oder wie er in Bekanntenkreisen genannt wurde »der schöne Habelmayer«, nur das Metier seines Vaters fort: gut zu leben, nobel aufzutreten, wenig zu arbeiten und viel zu borgen.

Vally lebte mit ihrer Mutter zusammen im Proletarierviertel. Die Damen Habelmayer waren im Gegensatz zu Luitpold ökonomische Genies. Man begriff nicht, wovon sie eigentlich lebten. Vally zog sich immer gut an. In der Faschingszeit fehlte sie auf keiner der größeren Redouten. Sie war ihres feschen Auftretens und ihrer harmlosen Munterkeit wegen eine überall gern gesehene Persönlichkeit. Ein einziges Mal bis jetzt hatte Herr Reimers am Schlusse des Faschings für seine Schwägerin Habelmayer die versetzten Möbel aus dem Leihhause loskaufen müssen; aber das war eine zum Münchener Karneval zugehörige Erscheinung, über die sich ein Mann wie Reimers höchstens belustigte. Im übrigen hatte ihm bisher sein Neffe Luitpold das Portemonnaie weit ausgiebiger erleichtert, als Schwägerin und Nichte zusammen.

Vally Habelmayer hielt also eines Tages im Reimersschen Hause Einzug. Jutta freute sich darüber. Sie hatte Vally schon von früh auf bewundert; wie ein junges Mädchen eben eine erwachsene Cousine bewundert. Vallys Selbständigkeit, größere Erfahrung und Freiheit der Bewegung imponierten der Vierzehnjährigen. Die Art wie sich diese üppige Brünette frisierte, ihre reichgarnierten Hüte und lebhaft gefärbten Blusen, waren für Jutta vorläufig maßgebend. So wollte auch sie sich mal anziehen, wenn sie erst soweit sein würde, ihre Toilette selbst bestimmen zu dürfen.

Sie hatte sich immer gut mit Vally gestanden. Die Cousine behandelte Jutta nicht als kleines Mädchen, sondern mehr als Vertraute; erzählte der Jüngeren manches Interessante aus Gesellschaft und Leben, wovon man in der Schule kein Sterbenswörtchen erfuhr. Die beiden schliefen fortan in einer Stube, und damit war die Vertraulichkeit zwischen ihnen erst recht besiegelt.

Daß Vally zu dem Zwecke ins Haus gekommen sei, um sie zu beaufsichtigen, ahnte Jutta nicht; schwerlich würde sie sonst die Cousine mit solcher Freude aufgenommen haben. Vally besaß geheime Instruktion von ihrem Oheim über die ihr zugedachte Aufgabe. Von Zeit zu Zeit mußte sie ihm Bericht erstatten über Juttas Verhalten. Vally war voll Eifer und zeigte Verständnis für ihre Pflicht, und Reimers war mit ihr und dem Erfolge seiner Maßregel zufrieden.

Auch noch einen anderen Genossen sollte Jutta in dieser Zeit bekommen. Nach dem Begräbnis des Herrn von Weischach war die schöne Angora-Katze, die sein Liebling gewesen, spurlos verschwunden. Vielleicht hatte sich Mucki, schlau wie das Tier war, der Möglichkeit, mit dem übrigen Nachlaß des seligen Oberstleutnants versteigert zu werden, durch die Flucht entzogen.

Eines Vormittags, als Jutta von der Schule heimkehrte, fielen ihr in einem dunklen Winkel des Treppenhauses ein paar grünlich leuchtende Punkte auf, die unbeweglich auf sie gerichtet waren. Sie erschrak anfänglich, sah aber doch nach, was dahinter stecke. Wie sie vermutet hatte, war es Mucki. Die Katze ließ sich aufnehmen und streicheln. Aber wie war das arme Tier heruntergekommen! Abgemagert, schmutzig, das schöne einstmals glänzende Fell zerzaust.

Jutta nahm Mucki zu sich. Der Vater, der sich über diesen wunderlichen Gast im Hause gelegentlich aufhielt, erfuhr nichts von den eigentlichen Beziehungen, die zwischen seiner Tochter und dem Tiere schon früher bestanden hatten. Die Katze sei zugelaufen, hieß es. Das junge Mädchen nährte Mucki mit den besten Leckerbissen, säuberte ihr das Fell, sorgte für ein bequemes Lager, wartete das Tier ab wie ein Kind. Nach einiger Zeit hatte sie die Freude, Mucki die alte Schönheit der Farben und Fülle der Gestalt wiedergewinnen zu sehen. Fortan ward Mucki wie ein kleiner Abgott behandelt, als das Liebste, was Jutta auf der Welt besaß; sie war viel klüger und besser, als alle Menschen zusammen. Die Katze ließ sich mit stoischem Phlegma den Kultus gefallen. All die stürmischen Liebkosungen, die ihr zu Teil wurden, erwiderte sie besten Falles, mit einem Krümmen ihres Katzenbuckels und einem verschlafenen Schnurren. Eberhard verhöhnte die Schwester wegen ihrer »Verliebtheit« in ein Tier, und Vally war drauf und dran, eifersüchtig zu werden auf die Kreatur.

Jutta ließ sich dadurch nicht beirren. Was Mucki ihr im Grunde bedeute, konnte ja niemand verstehen. Mehr als bloße Laune und Spielerei war ihr die Pflege dieses Tieres. Sie glaubte auch nicht, daß es Zufall sei, daß die Katze zu ihr den Weg gefunden hatte. An Mucki konnte sie vielleicht begangenes Unrecht gut machen, welches sie mehr ahnte, als daß es ihr zum vollem Bewußtsein gekommen wäre.

Bei der Auktion im Atelier des verstorbenen Kunstmalers gingen die Gemälde zu lächerlich niedrigen Preisen ab. Weischach hatte eben nicht zu den bekannten Malern gehört, niemals hatte er eine Ausstellung seiner Werke veranstaltet, die Zeitungen kannten ihn daher nicht. Außerdem waren seine Sujets und seine Malweise so altmodisch, daß die paar Händler, die erschienen waren, kopfschüttelnd weggingen.

Den größten Teil der Sachen brachte schließlich ein jüdischer Trödler an sich, der Bilder nach der Elle ankaufte, um sie für teures Geld nach Amerika zu verschachern.

V.

Ein Jahr war vergangen. Eberhard hatte seine Maturitätsprüfung bestanden, auch schon ein Semester in Würzburg studiert. Jetzt war er in München als +stud. med+. immatrikuliert, gleichzeitig genügte er seinen militärischen Pflichten.

Der junge Mann wohnte jedoch nicht wie früher im väterlichen Hause, sondern in einem Junggesellenquartiere nahe der Kaserne. Herr Reimers hatte das selbst so angeordnet; junge Leute wollten »austoben«, und es war besser, wenn sie das nicht unter den Augen der Angehörigen thaten, besonders wenn ein junges Mädchen in der Familie war, das eben flügge wurde.

Jutta war gefirmt worden, blieb aber auf Wunsch des Vaters noch in der Schule; es war so eine schwierige Periode, man wußte mit einem Mädchen dieses Alters wirklich nicht recht: wohin! In Gesellschaft konnte man sie doch unmöglich schon nehmen und sie daheim unbeschäftigt sitzen lassen, schien auch nicht geraten. In der Schule war sie immer noch am besten aufgehoben, obgleich sie ihrer entwickelten Gestalt nach dorthin eigentlich nicht mehr recht gehörte. Die Menschen wunderten sich, wie Jutta sich in der letzten Zeit verändert hatte. Nichts mehr von der früheren unberechenbaren Ausgelassenheit, den Excentricitäten und tollen Streichen, mit denen sie die Mitschülerinnen belustigt, die Erzieher entsetzt hatte. Sie war bescheidener, gesetzter, sanfter geworden. Ein gewisser Ernst schien mit einemmale über sie gekommen, man wußte nicht woher.

Ihr Religionslehrer, der sie stets in Schutz genommen hatte gegen die, welche Jutta Reimers für »einfach nicht zu erziehen« erklärten, sah darin eine Wirkung des Chrismas. Die Weihen des Geistes hatten sie ergriffen durch die Salbung mit dem heiligen Öl. Sie war nun errettet von der Weltlichkeit. Die Oberflächlichkeit und Gedankenlosigkeit, der sie ergeben gewesen, war von ihr genommen.

Der geistliche Herr erlebte das nicht zum ersten Male. Er war Menschenbeobachter und, obgleich im strengsten Cölibat erwachsen, doch ein feiner Kenner der Frauen. Er wußte, was es zu bedeuten hatte, wenn wilde Mädchen, die sich vom Knaben bisher nur durch ihre Kleidung unterschieden, plötzlich nachdenklich wurden, in sich gekehrt und schamhaft. Er verstand die Ursache des Augenniederschlagens, das an Stelle des freien kecken Blickes getreten, das Mildere, Geweihte, Ahnungsvolle des ganzen Wesens, die Zurückhaltung in Worten und Gebärden. -- Die Firmung war von der Kirche nicht umsonst an die bedeutsame Schwelle der eintretenden Reife gesetzt worden. Die Kirche will Herrin sein der Seelen, aber sie weiß, daß die Seele nur die Blüte ist des Leibes. Symbolisch weiht sie jeden wichtigen Vorgang im Leiblichen, um sich damit des Seelischen um so eher zu vergewissern.

Wer da glaubte, es in Jutta Reimers mit einem Kinde zu thun zu haben, weil sie noch immer zur Schule ging, halblange Kleider und Zöpfe trug, der irrte sich. Es war ein junges Weib, das da so sittsam einherschritt.

Auch ihre Beschäftigungen außerhalb der Schule hatten veränderte Gestalt angenommen. Sie las neuerdings viel, vor allem Bücher, die ihr von dem verehrten Religionslehrer empfohlen wurden. Der Kaplan erteilte in den oberen Klassen auch den Unterricht in Litteratur. Er war klug genug, seinen Schülerinnen nicht durchweg religiöse Lektüre ans Herz zu legen. Denn, wie er wohl wußte, wird solche Speise, wenn ohne Zukost genossen, leicht zum Überdruß. Auch weltliche Autoren, wenn sie nicht geradezu kirchenfeindlich waren, ließ er gelten. Ja sie mußten ihm dienen, Glauben und Liebe in den jungen Herzen anzuregen. Der Geistliche wußte, daß feine Fäden sich hinüberspinnen von der Frömmigkeit zur Kunst, daß die Religion der sinnlichen Anschauung bedarf, und daß sie in der Phantasie einen wichtigen Verbündeten findet. Hinwiederum lehrte ihn seine Erfahrung, daß das Gemüt der Frauen dem Romantischen zugeneigt ist, daß sie begeisterungsfähig und schönheitsbedürftig sind. Von seiner Kirche angelernt, alles zu benutzen, was zur Stärkung ihrer Autorität dienen kann, versäumte er nicht, die ihm anvertrauten jungen Seelen auf alles hinzuweisen, wovon er eine Förderung des religiösen Sinnes erwarten durfte. Da er bei Jutta Reimers, seiner Lieblingsschülerin, viel Phantasie, Feinsinn und geistige Regsamkeit fand, so ließ er es sich angelegen sein, ihr die Lektüre zu empfehlen, welche er einem so gearteten Wesen für die förderlichste hielt.

Neben dem Lesen beschäftigte sich Jutta jetzt viel mit Malen. Der Zeichnenunterricht, den sie in der Schule genoß, war pedantisch und nur für mäßig begabte Schülerinnen berechnet. Der Lehrer, dem Juttas Begabung längst über den Kopf gewachsen war, ließ sie machen, was sie wollte.

Ihr künstlerisches Wollen ging vorläufig noch weit über ihr Können hinaus. Ohne jemals Aktstudien getrieben zu haben, entwarf sie figurenreiche Bilder, malte Landschaften, ohne von Perspektive und Lichtverteilung etwas Sicheres zu wissen. Sogar im Ölmalen versuchte sie sich, obgleich ihr die Öl-Technik fremd war.

In ihrem Zimmer stand eine Staffelei aufgerichtet, dort konnte man jede Woche einen neuen Entwurf sehen. Wunderliche Gebilde erblickten da das Licht der Welt: romantische Rittergestalten, bleiche schmerzvolle Madonnen, Engel mit ätherischen Leibern, Reminiscenzen aus der Biblischen Geschichte, der Legende, der Mythologie, der Volkssage, daneben phantastische Versuche, die Prosa des Alltags wiederzugeben. Karikaturen, Selbstporträts, Illustrationen zu Büchern die sie eben gelesen. Ein Durcheinander von Eindrücken und Ideen, gegeben von einem in der Entwickelung begriffenen Wesen, dessen gährende Gedanken noch nicht zur Krystallisation gekommen, dessen überschwängliche Gefühle noch keinen Angelpunkt gefunden hatten.

Die einzige Zuschauerin, welche Jutta bei Ausübung ihrer Kunst im Zimmer duldete, war Mucki. Die Katze saß träge blinzelnd mit krummem Rücken auf einem Hocker und sah zu, ganz wie sie es ehemals im Atelier des Oberstleutnants gethan hatte.

Schließlich war Mucki doch nicht das Einzige, was von dem Verstorbenen auf Jutta gekommen war. Sie wurde von der Erinnerung an ihn beeinflußt, ohne es selbst zu wissen. Er malte unsichtbar an ihren Bildern mit. Denn es war nicht ohne Eindruck auf ihr junges Gemüt geblieben, einen Menschen so ernst und redlich um die Kunst ringen zu sehen, wie dieser Freund es gethan. Ihre Augen hatten damals gesammelt, sie hatte sich mit Begeisterung, mit Liebe zu Farbe und Form, mit manchen wichtigen Kenntnissen erfüllt, die ihr jetzt zu statten kamen. Ein Keim war in sie gesenkt worden, der im stillen weiter wuchs und einmal zur Frucht werden konnte.

Ihre Malerei war ihr nicht bloß eine vorübergehende Liebhaberei, wie sie junge Menschen leicht mal verfolgen; ein paar Wochen lang geht man ihr nach, dann, wenn man auf Schwierigkeiten stößt, verliert man die Lust daran, geht anderen Passionen nach. Jutta hatte ein Ideal: Künstlerin werden, eine wirklich große Künstlerin wollte sie werden.

Sie hob sich in ihrem ganzen Wesen ab von den Mädchen ihres Alters, hegte andere Gedanken und Wünsche als diese kleinen oberflächlichen Dinger. Ihr Ideal, verschwommen und überspannt, wie es noch war, gab ihr doch Selbstbewußtsein, machte sie stolz. Sie fühlte, daß sie etwas vor den Freundinnen voraus habe, daß sie etwas Besonderes besitze.

Herr Reimers schrieb alle diese Wandlungen im Wesen seines Töchterchens, die ihm nicht entgehen konnten, dem günstigen Einflusse zu, den Vally Habelmayer auf Jutta hatte. Er fand, daß er in Vally ganz die richtige Person ins Haus genommen habe. Sie war eines von den Gesichtern, das man gern um sich sah. Immer vergnügt, gesund, eine mollige Erscheinung, von bequemer Weltanschauung, verständnisvoll für ein gutes Mittagessen, und, was Reimers besonders schätzte, immer bereit, auf einen Spaß, ja selbst auf einen gewagten, einzugehen.

Reimers hatte nämlich die Neigung, Anekdoten zu erzählen, welche die Grenze des Erlaubten streiften. Er sammelte sie aus Witzblättern, im Herrenklub, oder er erfand sie auch selbst. Die lagen ihm dann den ganzen Tag auf der Zunge; an irgendwen mußte er sie loswerden. Sein Compagnon Knorrig war kein Abnehmer für dergleichen, und seinen eigenen Kindern konnte er sie doch auch nicht zum besten geben. Da kam ihm Vally gerade recht. Er stand zu ihr im vertraulichen Verhältnis des angeheirateten Onkels. Vally war schließlich auch kein ganz junges Mädchen mehr, hatte ihre Erfahrungen hinter sich. Mit ihr konnte man sich ein offenes Wort erlauben und war sicher, auf Verständnis zu stoßen.

Das hinderte nicht, daß er von Vally zu anderen Zeiten gesetztes Wohlverhalten verlangte. Juttas unschuldiges Ohr sollte niemals einer jener Scherze entweihen, wie sie am Biertische, in der Weinstube oder im +cabinet particulier+ im Schwange sind. Er wußte, was er seiner väterlichen Autorität schuldig sei. Vally aber, die zu ihren anderen angenehmen Eigenschaften auch noch die großer Anpassungsfähigkeit besaß, verstand seine erzieherischen Absichten vollkommen. Sie fand ihrer jungen Cousine gegenüber den richtigen Ton, war harmlos mit der Harmlosen, sparte sich das Bedürfnis nach pikanter Unterhaltung für die Stunden auf, wo sie mit ihrem jovialen Onkel allein war.

* * * * *

Eberhard kam dafür, daß er mit den Seinen in derselben Stadt lebte, selten in das väterliche Haus. Schnell hatte er sich in die Gewohnheiten des selbständigen Junggesellen eingelebt. Er trat jetzt in das Alter, wo sich ein junger Mann um die Frauen zu kümmern anfängt. Eigentlich glaubte er noch immer, das Weib zu verachten, aber im Grunde war das nur Unsicherheit jenen fremden Wesen gegenüber, die ihm unheimlich waren und höchst anziehend zugleich.

Wunderliches Alter voll unversöhnlicher Gegensätze, die mit einander um die Herrschaft ringen und doch nebeneinander auskommen müssen. Was gährt und brodelt da alles im Gemüt! Solch ein Jüngling ist stolz und demütig zugleich, selbstbewußt bis zur Anmaßung, verlegen und menschenscheu bis zur Ängstlichkeit. Er ist trotzig, mißtrauisch und borstig, nach außen und im Inneren voll Sentimentalität, anlehnungsbedürftig, nach Liebe durstend, jederzeit bereit, sein Herz zu verschenken, am liebsten an eine Königin; steht ihm diese nicht zur Verfügung, an die erste beste Zofe.

Und dieses Protzen mit Kraft, mit der eben erst erworbenen äußerlichen Unabhängigkeit, mit einer Erfahrung, die noch nicht erworben ist! Die Unsicherheit, die Unruhe, die Sehnsucht! Seine Gefühle wird er nie und nimmer eingestehen! Eher wird er sich rauh, grob und cynisch zeigen, mit Gleichgiltigkeit und Kälte prunken. Denn das ist männliche Schamhaftigkeit: sich nicht ertappen lassen wollen in der Tiefe der Gefühle. Wie sich das Weib nicht in seiner Blöße, so will sich der Mann nicht zeigen in seiner Seele. Jeder von uns, mag er noch so verschlossen erscheinen, trägt schließlich unter dem Panzer von Kälte und Gleichgiltigkeit, mit dem wir uns von früh an aus Furcht vor der Lächerlichkeit zu umgeben belieben, geheime Sehnsucht, den Wunsch sich hinzugeben; vielleicht als ein Erbteil der Mutter, vielleicht als einen letzten Rest vom Kinde, das er einstmals gewesen. Und Befreiung und Erlösung von dieser Bedrängnis, diesem Widerspruch kann ihm nur das Weib bringen.

Wie die meisten jungen Leute ohne Erfahrung machte sich Eberhard ein ganz falsches, übertriebenes Bild von der Frau. Sonst ein ziemlich nüchterner Kopf, vermochte er über dieses Thema nicht ruhig nachzudenken. Die Ekstase der Gefühle, die starken Triebe seiner Natur verwirrten ihm den Verstand. Es schwebte seiner verzückten Phantasie ein bestimmtes Bild vor: von Jugend, Schönheit und Feuer, ein Extrakt gewissermaßen aller weiblichen Reize. Diesem Ideale jagte er im Schlafen und Wachen nach. In seiner nächsten Umgebung suchte er es vergeblich. Seine Schwester, obgleich sie nun auch die Schule verlassen hatte, lange Kleider trug und so gewissermaßen zu den Damen gehörte, war doch eben nur seine Schwester, ein neutrales Wesen, nicht das, was er suchte, was er brauchte. Und Vally, die ja ganz amüsant und fesch war, entsprach auch nicht seinem Ideal. Sie war ihm zu derb, zu materiell.

Wie er sich das Wesen eigentlich denke, das ihn befriedigen sollte, hätte er mit Worten nicht sagen können; es traf ihn nur manchmal blitzartig, im Traume, auf der Straße, im Theater, irgendwo, wie eine Ahnung: die ist es, so müßte sie beschaffen sein, die würde dich beglücken.

Inzwischen wuchs seine Unruhe, sein Verlangen zur unerhörten Pein. Seine Sinne lagen beständig auf der Lauer. Eine Stimme war in ihm, die alle anderen Wünsche mit eherner Kraft übertönte: der Ruf nach einer Genossin.

Unwillkürlich hatten sich seine Sitten und Angewohnheiten geändert. Das Biertrinken, dem seine Kameraden in ihren dienstfreien Stunden oblagen, verstand auch er, aber es galt ihm nicht, wie diesen, als eine Art religiöser Übung, der man Leib, Seele und Verstand besinnungslos hingiebt. Er ging ins Theater, in Concerte; ja unglaublich, er wurde ohne vernünftigen Anlaß in Museen angetroffen.

Er war ohne Freund augenblicklich. Bruno Knorrig befand sich schon seit einem halben Jahre in Venezuela, wo er Kurt, Eberhards Bruder, abgelöst hatte. Kurt hielt sich in einem franzöisschen Badeorte auf und sollte, erst wenn er ganz hergestellt sein würde, nach Haus kommen.

* * * * *

Eberhard besuchte im Winter öfters das Schauspielhaus. Ein starker Magnet zog ihn dorthin: eine junge Schauspielerin, die er in der Rolle der Thekla im Wallenstein zuerst gesehen hatte.

Ohne je ein Wort mit diesem Wesen gesprochen, ohne sie anders, als jenseits der Lampen gesehen zu haben, hatte er sich in sie verliebt. Sie war für ihn das: »Weib der Weiber.«

Er ging in jedes Stück, in welchem sie auftrat. Wie gebannt hing dann sein Blick an der zierlich schlanken Person mit dem nervösen Mienenspiel, die einen Abend als »Hannele« auftrat und den nächsten Ibsens »Hedwig« in der Wildente darstellen mußte. Er hatte auch schon einen schwärmerischen Brief an sie gerichtet, der bisher leider unbeantwortet geblieben war.