Part 3
Über keine Schülerin wurde von den anderen soviel gesprochen wie über Jutta Reimers, und keine machte sich so wenig aus dem Klatsch der Klasse wie sie. Man hegte allerhand Vermutungen; es hieß, Jutta habe ein »Erlebnis« gehabt. Auf dies und jenes wurde geraten, aber Genaues wußte niemand. Sie hatte keine einzige wirklich intime Busenfreundin, aus der man etwas hätte herauslocken können; das war das Schlimme, denn von selbst verriet dieses Mädchen nichts.
Heut abend waren Juttas Gedanken wiedermal, wo sie in der letzten Zeit meistens sich aufzuhalten pflegten, bei ihrem Freunde Weischach.
Jutta führte, seit sie mit diesem Manne bekannt geworden war, eine Art Doppelleben. Der eine nüchterne Teil spielte sich ab in der Schule und im Hause; da war sie ein kleines unbedeutendes Mädchen, mußte ihre Schulaufgaben machen wie jede andere, wurde ermahnt und getadelt von den Lehrern, und von ihrem Bruder angestellt zu allerhand langweiligen Diensten. Ein ganz anderes Dasein, schöner, wichtiger, bedeutungsvoller, spielte sich ab in dem Atelier des Kunstmalers. Dort war sie Königin. Dort wurde sie bewundert, angebetet, kurz, behandelt wie es ihr zukam.
Sie wußte, daß sie für Weischach Großes bedeute, daß er thun würde, was immer sie von ihm verlangen mochte, daß sie Macht über ihn besitze. Macht über einen Menschen, einen Mann! -- Wie stolz, das zu denken!
Oftmals weidete sie sich im Geheimen an dem Gedanken. Ihre Phantasie schmückte sich die Freundschaft mit ihm wunderlich aus. Manches seiner Worte träumte sie weiter. Er hatte sie seinen »Genius« genannt, seinen »Engel«, seine »Fee«. In solcher Verkleidung sah sie sich selbst nur zu gern.
Als »Inspiration« hatte er sie im Bilde verewigt. Sie würde berühmt werden durch ihn! Er war ein großer Künstler; denn auch ihn vergrößerte sie, schuf ihn um in ihren Träumen zu einer Idealfigur.
Die Entdeckung, daß er ein Selbstporträt malen wolle, war für sie von höchstem Interesse. Mit langem Bart, im wallenden Mantel, eine Harfe in der Hand! Und sie sollte auch auf das Bild kommen. --
Sie sah das Kleid vor sich, das er ihr bestellen wollte, es war licht und mit Sternen über und über besät. Im Haar würde sie einen Schleier tragen, von einem Diadem festgehalten. So wie sie es an der schönen Schauspielerin gesehen, die im Weihnachtsmärchen die gute Fee dargestellt hatte. Vielleicht war es auch dem Kostüm ähnlich, welches Cousine Vally getragen zur letzten Redoute.
Und während ihre Nadel flink Faden um Faden einstach zu dem bunten Muster, welches sie selbst erdacht hatte, malte sie im Geiste ein noch viel herrlicheres Gemälde: sich selbst, bewundert und angestaunt von aller Welt, als das schönste, das außerordentlichste Wesen, das es gab.
III.
Während der nächsten Tage war Jutta nicht dazu gekommen, Herrn von Weischach aufzusuchen. Das Bewußtsein, daß ihr Vater jetzt im Hause sei und daß ihr Geheimnis durch ihn möglicherweise entdeckt werden möchte, hielt sie zurück. Dabei hatte sie im Geheimen große Sehnsucht nach dem Atelier. Wie mochte es mit dem Kostüm stehen, das er ihr versprochen hatte? Ob es schon in Arbeit war? Sie konnte es kaum erwarten, sich darin zu sehen. Im Unterricht war sie noch unaufmerksamer als gewöhnlich, weil sie beständig an Weischach, das Kostüm und sein Bild dachte.
Endlich fand sich Gelegenheit, hinüberzuspringen. Durch Erkrankung einer Lehrerin war eine Stunde ausgefallen.
Jutta ging, wie sie aus der Schule kam, mit Büchern und Heften unter dem Arm, durch das Vorderhaus schnurstracks nach dem Atelier.
Weischach empfing sie im Malerkittel. Er hatte gearbeitet. Auf der Staffelei stand eine Leinewand. Malstock und die Palette mit frischen Farben waren nicht fern.
»Umarme mich nicht, Kind!« rief er. »Ich bin vollgeschmiert. Leg ab!« Er reinigte sich schnell die Hände und trat dann vor sie hin, ihre Hand ergreifend. »Bist du es wirklich? Ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben, dich jemals wiederzusehen.«
Statt der Antwort umarmte sie ihn. Als er dieses feine Köpfchen an seine Brust geschmiegt sah, überkam den alternden Mann tiefe Rührung. So ganz Kind war sie in diesem Augenblicke; wie sein Töchterchen erschien sie ihm. Er küßte ihr Haar ganz leicht, sie sollte es garnicht merken. Es war das erste Mal, daß er es that. Jutta fand es als das selbstverständlichste Ding der Welt, daß er sie küsse.
Dann ließ sie ihn fahren und rief übermütig: »Fräulein Jubert ist krank. Wir haben kein Französisch. Vielleicht die ganze Woche nicht! Ist das nicht fein?« --
Jetzt bückte sie sich, um Mucki zu streicheln, die träge blinzelnd der Szene zwischen den beiden zugeschaut hatte. »Mucki ist schlechter Laune!« rief das Mädchen. »Wart, ich werde dich munter machen!« Sie nahm die Katze am Fell vom Boden auf und spielte mit ihr, wie mit einem Ball. Mucki schien daran nicht viel Gefallen zu finden, sie wollte entweichen, aber Jutta verstand es, das Tier immer wieder einzufangen.
Sein Malerauge weidete sich entzückt an der schlanken Gestalt, den jugendlich flinken Gliedern, deren Grazie, Ebenmaß und Kraft bei der schnellen Bewegung zu voller Geltung kam. Die Aufregung des Spieles rötete ihr Gesicht, das Haar, von dem sie den Hut abgenommen hatte, war in reizende Unordnung geraten. Einer »Mignon« glich sie in diesem Augenblicke nicht, eher einer ausgelassenen »Philine«.
Endlich hatte sich die Katze durch einen schnellen Sprung auf einen hohen Schrank gerettet. Dorthin konnte ihr Jutta nicht folgen. Das Mädchen strich sich das Haar aus dem geröteten Gesicht und warf sich lachend auf den Divan.
In Weischachs durchfurchtem Angesicht witterte es wie Regen und Sonnenschein. Ihm wurde immer bange, wenn er sie so voll Leben, Kraft und Übermut sah; das brachte ihm den Unterschied zwischen ihm und ihr recht zum bitteren Bewußtsein.
Wenn Jutta darauf geachtet hätte, würde sie haben bemerken müssen, wie bleich und abgekommen er war. Aber Kinder haben für das Befinden anderer keinen Blick.
Sie war vor allen Dingen gespannt, zu hören, was aus dem geplanten Bilde geworden sei, ob er nun endlich anfangen würde, sie zu malen.
»Ich bin die letzten drei Tage nicht von der Staffelei gekommen!« sagte er.
»Was hast du gemacht?«
Er zog einen Vorhang von dem großen Fenster und rückte die Staffelei in das rechte Licht. »Was sagst du nun?«
Das Bild, nicht allzu groß, zeigte eine Landschaft mit Figuren: deutscher Wald. An einer Wegekreuzung im Dämmerlicht des Laubdaches ein Mann zu Roß, vor ihm stehend ein Kind. Die Züge des bärtigen Reitersmannes, durch den Schlapphut verdeckt, sind kaum zu erkennen. Der Schatten des Waldes liegt auf ihm; dagegen fällt alles Licht vereinigt auf die Gestalt des Kindes, eines kleinen Mädchens.
Das Bild war noch unfertig, das Pferd und der düstere Reiter vorläufig nur skizziert, voll ausgeführt dagegen die Kindesgestalt. Der Ausdruck des jungen Gesichtes, wie es voll Vertrauen zu dem Fremden aufblickt, war mit Liebe herausgebracht.
»Nun was sagst du!« rief Weischach ungeduldig, als Jutta ihm allzulange mit der Anerkennung zurückhielt.
»Soll ich das sein?« fragte Jutta in einem Tone, dem man die Enttäuschung deutlich anhörte.
»Ich habe an dich gedacht dabei, natürlich!«
»Nein, das bin ich nicht! Das ist garstig!« rief das Mädchen trotzig.
Er drang in sie: was ihr denn so mißfalle an dem Bilde. Sie erklärte sich nicht näher, blieb eigensinnig dabei, das sei sie nicht und es wäre überhaupt garstig.
Was ein vierzehnjähriges Mädchen sagte, war als Kunsturteil schließlich nicht von Belang, das wußte er wohl. Und trotzdem quälte ihn diese Kritik. Unmutig drehte er die Leinwand um.
»Ich glaube, Jutta, du hast mich hier nicht recht verstanden. Gerade das, was wertvoll ist an dem Bilde, macht es dir unsympathisch. Es soll nicht erzählen; alles darin ist Stimmung. Wer durchaus vom Künstler einen Stoff verlangen will, dem könnte man sagen: es sei ein Fremder, der ein Kind nach dem rechten Wege fragt. Aber wenn du mich fragst, was ich damit hätte sagen wollen, so muß ich dir antworten: ich weiß es selbst nicht. Nicht einmal einen Namen habe ich bis jetzt dafür. Stimmung alles, Stimmung! Erst war ein Farbeneindruck da: hell und dunkel. Ich sah Farbenflecke. Das ist die wahre Inspiration, wenn das Bild im Auge entsteht, nicht im Verstande. Ich kann nicht mal sagen: ich sah; nein, ich empfand, fühlte Wald, in welchen wie durch einen Vorhang die Sonne verstohlen hineinleuchtet. Daraus erst, aus diesem Gegensatze von Licht und Schatten, traten die Gestalten langsam und wie von selbst hervor. Der Reiter dunkel, geheimnisvoll tragisch. Das Kind dagegen klar, beruhigend, strahlend, ein Quell des Lichtes und des Glückes. Begreifst du das nun?«
»Aber ich will nicht, daß du mich barfuß malst!« rief sie und hatte mit einemmale Thränen in den Augen.
Er stutzte zunächst. Als er jedoch den Sinn der Antwort verstand, lachte er laut auf. Mit einemmale begriff er, wen er vor sich habe: ein echtes rechtes Kind! Man vergaß das so leicht, ließ sich von ihrem Wesen verleiten, sie für erwachsen zu halten.
»Mein Engel, kränkst du dich darüber?«
»Ich sehe nicht aus wie ein Bettelmädel!«
»Aber siehst du denn nicht, Jutta, daß es sich nicht um ein Faksimile handelt, hier! Das Porträt wird immer eine untergeordnete Kunstgattung bleiben, solange man nur Gegebenes wiedergiebt. Du hast mir etwas viel Höheres geschenkt: eine Stimmung, eine Symphonie in Farben. Fasse es doch symbolisch! Hier ist Licht, da ist Schatten, hier Jugend, da Alter. Wir beide sind in dem Bilde, du und ich. Aber weit künstlerischer und feiner verborgen, als wenn ich dich als Mignon und mich als Harfner gemalt hätte.«
»Du willst mich nicht als Mignon malen?«
Er wurde ein wenig verlegen. »Offen gestanden, Jutta, ich habe mir's anders überlegt. Es liegt immer eine gewisse Trivialität in den Illustrationen zu großen Meistern. Anregen soll man sich als bildender Künstler von den Dichtern lassen, aber nicht ihre Gestalten verdeutlichen wollen. Das kommt mir so vor, wie die Vorlagen, die man ganz kleinen Kindern giebt, wo sie die vorgezeichneten Umrisse nur mit Farbe auszufüllen haben. Nein, der Gedanke war kein glücklicher!«
Jutta blieb stumm. Enttäuschung und Ärger waren bei ihr größer, als er ahnte. Wo blieb jetzt das mit Sternen besäte Kleid, der lichte Schleier über dem Haar, wo das Diadem, von dem sie geträumt hatte? --
Sie empfand nicht so sehr Kummer als Empörung. Weischach war an allem schuld. Versprechungen hatte er gemacht, die er nun nicht hielt, hatte sie getäuscht, mit Absicht wohl gar sie zum Narren gehabt. Keinem seiner Worte wollte sie fortan trauen, wollte garnicht hören, was er sagte. Sie haßte ihn in diesem Augenblick.
Niemand hätte dem Kinde so leicht angesehen, was in ihm vorging. Sie stand da und starrte den Mann nur groß an aus erstaunten Augen. Tapfer schluckte sie an ihren Thränen, die ihr um keinen Preis verräterisch über die Wangen rinnen sollten.
Weischach fuhr fort in docierendem Tone: »Meine ganze bisherige Malerei war vielleicht ein einziger großer Irrtum, ruhte auf falscher Anschauung vom Wesen der Kunst. Jedes Kunstgebiet hat seine genau verrainten Grenzen, die man nicht überschreiten soll. Man kann nicht Musik malen, und man soll auch nicht als Maler Dichter sein wollen. Farbeneindrücke wiedergeben! Bilder sehen und sie auf die Leinwand zwingen, wie sie in der +camera obscura+ der Seele auftauchen. Eine Stimmung, eine malerische Erfindung muß das Ursprüngliche sein, nicht eine Historie, ein rein äußerlicher Einfall. Nur um Gottes willen nicht konstruieren! Das wollen wir den Architekten überlassen. Ich kenne jetzt die Fehler meiner bisherigen Kunstübung; sie war erkünstelt, überheizt, es fehlte ihr Naivetät. Kunstlos schaffen allein ist künstlerisch. Nimm alle meine früheren Bilder, selbst die besten; sind sie nicht konstruiert? Um den Leuten zu sagen, daß alte Frauen häufig in der Bibel lesen, und daß ihnen dabei wohl mal ein Enkelkind zusieht, bedarf es nicht des Malerauges; das ist durch die Brille des Novellisten gesehen. Und meine ›Inspiration‹! -- Blasse Allegorie! Jetzt begreife ich, warum ich daran scheitern mußte. -- Nimm einmal das hier dagegen!« Damit wandte er sich der Staffelei zu. »Das ist malerisch empfunden. Die Figuren sind nicht Staffage, sind ein Teil der Landschaft, wachsen organisch aus der Farbe heraus .......«
Jutta hatte, während er beschäftigt war, das Bild umzukehren und zurechtzurücken, lautlos den Hut aufgesetzt und ihre Bücher zur Hand genommen. Weischach wandte sich um. »Wo willst du hin?«
Aber sie hatte schon die Thür erreicht und schlüpfte hinaus. Er stürzte ihr nach. »Jutta, Kind! Hör doch nur! Ich brauche dich« .....
Sie war nicht mehr einzuholen. In großen Sätzen, mehrere Stufen auf einmal nehmend, eilte sie die Stiege hinab.
* * * * *
Wohl eine Woche lang sah und hörte Jutta nichts von Herrn von Weischach. Dann eines Tages, als sie aus der Schule kam, sah sie ihn im Hausflur stehen; er wartete da offenbar auf sie. Was sollte sie thun, wie an ihm vorbeikommen? --
Unschlüssig ging sie vor dem Hause auf und ab. Da wollte es ein glücklicher Zufall, daß ihr Vater von einem Gange zurückkehrte. Sie eilte auf ihn zu und hing sich an seinen Arm. Unter seinem Schutze kam sie unbehelligt ins Haus.
Sie hatte Weischachs Gesicht im Vorbeigehen für einen Augenblick gesehen; er sah sehr unglücklich aus.
Weitere Tage vergingen, ohne daß von Weischach ein Lebenszeichen zu Jutta gedrungen wäre. Sie fing an, eine gewisse Neugier zu empfinden, was er treibe. Malte er? Ob er gar Modelle hatte? Es gingen öfters Leute durch den Hof, die so aussahen. Aber im Hinterhaus war ein Atelier über dem anderen, man wußte nicht, zu welchem Künstler diese Menschen wollten. --
Einmal, als die Neugier ihr keine Ruhe mehr ließ, begab sie sich auf die schmale Hintergasse, von der aus man die großen Scheiben der Ateliers sehen konnte. In der Weischachschen Etage war alles verhangen.
Ob er verreist war? --
An seiner Thür wollte sie sich nicht blicken lassen, deshalb beauftragte sie Resi, sich bei Herrn von Weischachs Wirtin zu erkundigen. Resi brachte die Nachricht zurück, der Herr Oberstleutnant sei schwer erkrankt, eine barmherzige Schwester pflege ihn.
Nun gab es für Jutta kein Zaudern mehr. Vergessen war die Kränkung. Ihr Freund krank! Sie mußte ihn aufsuchen.
Angst hatte sie freilich vor der Krankheit, vor der Wirtin, vor der Schwester. Aber sie faßte sich ein Herz, lief die Stiege des Hinterhauses hinauf und klopfte in altgewohnter Weise an seiner Thür.
Eine ältere Frauensperson in der Tracht der barmherzigen Schwestern machte ihr auf und fragte nach ihrem Begehr. Schüchtern erkundigte sich Jutta, wie es Herrn von Weischach gehe. Die Schwester betrachtete sich das junge Mädchen und meinte: »Sie sind das Fräulein, von dem er ein Bild gemalt hat. Ich soll Sie vorlassen, hat er mir aufgetragen.«
Sie war also erwartet worden. --
Gesenkten Hauptes trat Jutta ein, ließ sich von der Schwester führen. Sie wußte auf einmal weder aus noch ein in der Wohnung, die sie wie oft schon besucht hatte.
Der Kranke lag in dem kleinen Zimmer neben dem Atelier. Seine Bilder hatte er sich da hinein bringen lassen. Sie standen auf Staffeleien, oder hingen an der Wand, so daß er sie von seinem Lager aus jederzeit ohne Mühe betrachten konnte.
Als er die beiden eintreten sah, setzte sich Herr von Weischach im Bette auf und streckte dem jungen Mädchen die Arme entgegen. Jutta blieb zaghaft in der Nähe der Thür; sie hatte noch nie in ihrem Leben einem Schwerkranken gegenübergestanden. Sein Anblick erschreckte sie. Sie begriff garnicht, daß sie diesen Mann kenne. Der Bart war nach allen Seiten gewachsen, das Haupthaar verwildert, die Augen lagen in tiefdunklen Höhlen. Er wollte sie anlachen und ahnte nicht, daß die ungehorsamen Muskeln seines Gesichtes nur eine traurige Grimasse zu Stande brachten.
Die Schwester mochte erkennen, welches Grauen sein Anblick dem Kinde einflößte. Mit gewandtem Griff brachte sie ein wenig Ordnung in den Aufzug des Kranken, glättete ihm das Haar, und schloß sein Hemd, das sich über der Brust geöffnet hatte. Dann drückte sie ihn sanft in die Kissen zurück. Jutta wurde bedeutet, daß sie nun herantreten dürfe.
Weischach ergriff die Hand des Mädchens und führte sie an seine Lippen. Jutta ließ es geschehen. Dann blickte er sie lange aus heißen Augen an.
»Ich habe dich gleich am Klopfen erkannt. Wußte ja, daß du kommen würdest! O, geh nicht gleich wieder fort! Nichtwahr, du bleibst bei mir?« sagte er mit hoher, weinerlicher Stimme.
Jutta blickte ratlos zu der Schwester hinüber. Diese, eine Person, die in langjähriger Krankenpflege vieles verstehen gelernt hatte, gab ein zustimmendes Zeichen.
Aus einem Winkel, wo sie sich bis dahin verborgen gehalten, kam jetzt Mucki hervor. Sie sprang mit einem Satze auf das Bett, als sei das so ihr gutes Recht. Die Schwester wollte die Katze entfernen. »Ach, lassen Sie nur!« meinte Weischach; »das Tier wenigstens ist mir treu.« Er streichelte das bunte Fell der Katze, die unter der Liebkosung zu schnurren begann.
»Wirst du dich Muckis annehmen, Jutta, wenn mir was passieren sollte?« --
Das Mädchen nickte mechanisch, kaum verstehend, was er eigentlich meinte; denn daß es mit ihm zu Ende gehe, ahnte sie nicht.
»Siehst du meine Bilder?« rief er, plötzlich zu etwas anderem überspringend, in beinahe lustigem Tone. »Sie sind alle beisammen. Eine ganze Ausstellung -- was?« Er lachte. »Das dort habe ich doch am liebsten. Es ist nun fertig! Schön, nichtwahr?«
Die Knochenhand wies auf das Bild mit dem Reiter. Daneben hing das unvollendete Selbstporträt, in dem er sich als Harfner hatte darstellen wollen. Weiter die ›Inspiration‹, ferner Skizzen zu Mignon und anderes. Alles gute Bekannte für Jutta.
Der Künstler liebkoste seine Werke mit einem langen Blicke, dann seufzte er tief: »Ich werde nichts mehr malen. Skizzen und Fragmente bleiben von mir zurück. Kein Mensch ahnt, was ich gewollt habe. -- Wirst du wenigstens manchmal an mich denken, Jutta?«
Wieder war nur ein Kopfnicken die Antwort.
»Du wirst ein schönes, herrliches Weib werden!« rief er mit einemmale überlaut, dabei ruhte sein Auge mit dem Ausdrucke wilder Sehnsucht auf ihr.
»O, daß ich doch .....«
Weiter kam er nicht. Etwas Unsichtbares schien ihn am Halse zu packen, daß er die Augen schloß und den Mund verzog. Die Schwester griff ihm unter die Arme, suchte ihn aufzurichten. Sein Kopf hing mit geöffnetem Munde weit nach vorn.
Jutta starrte für einen Augenblick auf das klägliche Schauspiel. Ein Gefühl des Grauens, wie sie es noch nie empfunden, lähmte sie. Dann machte sie die Furcht vor dem, was noch kommen könne, lebendig. Ohne Abschied floh sie aus dem Zimmer.
IV.
Am Tage darauf erfuhr Jutta durch Resi, im Rückhause sei der Herr Kunstmaler von Weischach gestorben. Früh am Morgen schon hätten Leute in schwarzen Mänteln und hohen Hüten einen Kasten hereingebracht und die Leiche auf einem Wagen fortgeschafft. Resi fügte dem Bericht noch einiges aus ihrer Phantasie hinzu, um das junge Fräulein nur ja gruseln zu machen. Und sie hatte die Genugthuung, daß Jutta sie, als es Abend wurde, bat, sie möge für diese Nacht bei ihr auf dem Sofa schlafen.
Durch Resi erfuhr Jutta auch, wo die Leiche hingeschafft worden sei: in den Leichensaal des katholischen Friedhofs. Dorthin würden sie alle geschafft, einerlei, weß' Standes oder Geschlechts. Dort könne man sie ausgestellt sehen, angethan mit ihren besten Kleidern. Resi hatte schon mehr als einen ihrer Freunde und Verwandten daselbst in Parade liegen gehabt; sie konnte es nicht schön genug schildern, wie »sauber« die ausgesehen hätten: »wie von Wachs.«
Für Jutta stand es von vornherein fest, daß sie den Verstorbenen noch einmal sehen wolle. Aber allein in die Leichenhalle gehen, war unmöglich. Resi hatte keine Zeit, sie zu begleiten, an Frau Hölzl wollte sich Jutta nicht wenden, der Vater durfte erst recht nichts davon wissen; so blieb also nur Eberhard, dem man mit einem solchen Ansinnen kommen durfte.
Der Gymnasiast lachte zunächst bei der Idee. Dann fand er die Sache aber doch »ganz interessant« und erklärte sich bereit, mitzumachen.
Es kam sonst nicht oft vor, daß Bruder und Schwester gemeinsam ausgingen. Ihre Interessen lagen nach zu verschiedenen Richtungen, auch liebte er es nicht, sich mit der kleinen Schwester auf der Straße zu zeigen. Man kam sich so komisch vor mit solchem Geschöpf, das lange Haare trug und kurze Kleider.
In der Straßenbahn, die sie benutzten, um den weiten Weg zum Friedhofe abzukürzen, hatte Eberhard sich von Jutta getrennt, um auf dem hinteren Perron »ungestört eine rauchen« zu können. Eberhard stand kurz vor der Maturitätsprüfung und fühlte sich bereits halb und halb als Student.
Er hatte die Absicht, Medizin zu studieren. Zwischen ihm und seinem Freunde Bruno Knorrig war es abgemachte Sache, daß dies für den Freidenker das einzig mögliche Studium sei. Jura war stumpfsinnig, Philologie altmodisch und Theologie vollends überlebt. In der Medizin jedoch feierte das Wissen des modernen Menschen seinen höchsten Triumph.
Die Geschwister schritten durch das Friedhofsportal und dann einen langen Gang hinab. Das Leichenhaus lag ganz am unteren Ende. An unzähligen Gräbern kamen sie vorbei, Monument reihte sich an Monument, Hügel an Hügel, Denkstein an Denkstein.
Schließlich langten sie bei einem niederen Gebäude an, vor dem eine verdeckte Halle hinlief. Nach Resis Beschreibung mußte es das sein.
In einer Nische hatte Jutta ein Weihwasserbecken entdeckt. Sie trat hinzu, tauchte ihre Finger ein und segnete sich, indem sie ein Kreuz schlug. Eberhard, dem im evangelischen Unterricht von früh auf eingeprägt worden war, alles Katholische zu verdammen, sah dem Thun der Schwester verächtlich zu.
Dann folgten sie einigen schwarz gekleideten Leuten, offenbar Leidtragenden, die vor einem breiten Fenster Halt machten. Man blickte durch das Glas in einen weiten Raum, wo viele Gestalten lang ausgestreckt ruhten, mit geschlossenen Füßen, die Hände gefaltet, Haupt und Schultern ein wenig erhöht. So lagen sie, genau wie es Resi beschrieben hatte: Wachspuppen gleich.
Jutta drückte sich unwillkürlich an ihren Bruder an. So also sah man aus, wenn man tot war! -- Sie war blaß geworden und zitterte am ganzen Körper.
Auch dem Primaner war nicht ganz geheuer, aber rechtzeitig dachte er daran, daß er als künftiger Arzt erhaben sein müsse über dergleichen. »Schade!« rief er, »daß man nicht 'reingehen kann zu den Herrschaften. Das müßte lustig sein! -- Nicht?«
Sie schritten langsam von Fenster zu Fenster. Die Toten schienen eingeteilt zu sein in solche erster und zweiter Klasse. Im Hintergrunde, dem Beschauer fast entzogen, lagen Leute in schlichterer Kleidung, ohne Palmenschmuck, ohne Lichter und Kranzspenden. Die Leute von Stande waren mehr im Vordergrunde aufgebahrt.
Um ein Fenster drängten sich die Neugierigen vor allem. Eberhard las von der ausgehängten Tafel ab: »Benno Lothar von Weischach, Oberstleutnant a. D. und Kunstmaler.«
Hier also war er! Als sich einige Leute entfernten, gelang es Jutta, an die Scheibe heranzukommen.
Sie vermochte kaum ihren Freund wiederzuerkennen. Man hatte ihm seine Uniform angezogen. Da lag er mit Orden und Denkmünzen auf der Brust, Säbel und Helm neben sich.
Sie begriff nicht, daß er das sein sollte.
Dann aber, als sich der Blick an all das fremde Drum-und-dran gewöhnt hatte, fand sie seine Züge heraus. Sein Haupt erschien ihr ehrwürdig, die hohe bleiche Stirn, der lange graue Bart. So etwa stellte sie sich das Angesicht der Patriarchen des alten Bundes vor oder die heiligen Väter der Kirche.
Sie hatte nun gar keine Furcht mehr. Er war so schön, so friedlich, so mild! Das Mädchen konnte sich nicht losreißen von dem Anblick.
Wie ein Glorienschein umschwebte es sein Haupt. Er war heilig. Wären nicht die vielen Menschen gewesen um sie her, sie wäre niedergekniet und hätte zu ihm gebetet.