Liebe ist ewig

Part 5

Chapter 53,789 wordsPublic domain

Es fand die Première einer beliebten Berliner Schwankfirma statt. Auch Eberhards Angebetete hatte zu spielen. Er versäumte es jedoch, sich rechtzeitig einen Platz zu sichern und mußte, da das ganze Parkett ausverkauft war, mit dem Hinterplatz einer Seitenloge vorlieb nehmen.

Vor ihm saß eine Dame in schwarzem Kleide mit Halsausschnitt; lange wildlederne Handschuhe reichten bis an die Ellenbogen. Ihr blondes Haar war nach neuester Art frisiert, fiel in breiten Wellen über das halbe Ohr und vereinigte sich im Genick in einem Nest von Zöpfen, die durch einen Schildkrotkamm von heller Farbe gekrönt wurden.

Eberhard konnte ihre Züge nicht sehen, weil sie in den Zuschauerraum blickte, bald mit dem Opernglas die Logen gegenüber musternd, bald Bekannten zunickend, die sie aus dem Parterre begrüßten. Daß sie nicht häßlich sein könne, dafür sprachen die vielen auf sie gerichteten Gläser der Männerwelt. Ein feines, die Sinne betäubendes Parfum, das Eberhard sofort aufgefallen war, als er die Loge betrat, ging von ihr aus.

Der Platz neben ihr blieb zunächst frei. Während des ersten Aktes jedoch wurde die Logenthür geöffnet und ein kahlköpfiger Herr im Frack mit weißer Weste und Binde trat ein. In diesem Augenblicke wandte sich die Dame um. Eberhard sah ein paar volle lächelnde Lippen, ein feines Näschen und ein paar leuchtende Augen unter schwarzen Wimpern. Das Ganze erschien ihm als das lieblichste Angesicht, das er jemals erblickt hatte. Der Herr überreichte der Blondine ein paar Rosen und setzte sich auf den Platz neben sie.

Von diesem Augenblick an ließ das, was auf der Bühne vorging, Eberhard völlig gleichgiltig; selbst als die Schauspielerin auftrat, um derentwillen er ins Theater gegangen war, empfand er kein stärkeres Interesse. Er wunderte sich auf einmal, daß er für diese Person eine Neigung habe fassen können, und schämte sich des Briefes, den er an sie gerichtet.

Sowie der Vorhang fiel, erhob sich der Herr mit der Glatze. Er erklärte, nicht länger bleiben zu können, da er noch in Gesellschaft müsse. Dabei nannte er den Namen eines der vornehmsten Häuser. Sie lächelte ihm zu; Schmerz über sein Gehen schien sie nicht gerade zu empfinden.

Ihr Blick hatte Eberhard gestreift, ehe sie sich wieder umgewandt. Ein Strom, warm und belebend, war ihm durch und durch gegangen. Die Nähe dieser Person wirkte auf ihn wie körperliche Berührung; jede Biegung ihres schlanken Halses, jede Bewegung des Armes, der Hand, fühlte er gleichsam mit. Ein qualvoller Zustand, aus dem er sich am liebsten durch schleunige Flucht gerettet hätte. Aber er blieb, starrte wie verzaubert aus seinem Hinterhalte auf das blonde Haar, die gewölbten Schultern, den zarten vom Genickhaar beschatteten Hals da vor ihm.

Jetzt wandte sie sich zur Seite, blickte hinab, hob den Stuhl ein wenig, suchte. Eberhard begriff; ihr Kavalier hatte den Theaterzettel mit fort genommen. Heiß errötend wagte er es, ihr den seinen anzubieten.

Sie blickte ihn an, kniff die Augen unmerklich ein und lächelte. Den Zettel nahm sie mit einer -- wie ihm schien -- unendlich graziösen Handbewegung entgegen.

Nachträglich kam ihm ungeheuer kühn vor, was er gethan hatte. Er zitterte vor Verlangen, die einmal so glücklich hergestellte Verbindung weiter auszunützen. Übrigens nahm sie selbst die Unterhaltung auf, als sie ihm seinen Zettel zurückgab mit der Bemerkung: sie wolle ihn nicht berauben.

»O!« rief er, »ich kenne die Schauspieler alle auswendig!« Damit war ein Gespräch im Gange. Er sprach schnell und aufgeregt, mit dem Bestreben, unbefangen zu erscheinen und möglichsten Eindruck hervorzubringen.

Darauf kam der zweite Akt und nach ihm die große Pause. Sie ging nicht hinaus, was er gefürchtet hatte. »Die Leit' passen einem so auf im Foyer. I mag das nit!« meinte sie. Dann zog sie eine kleine Dose aus der Tasche, von Silber mit eingraviertem Monogramm. Chokolade war darin. Sie nahm und bot ihm an. »Gelt, wollen 's Ihnen net bedienen?« Er that es, nahm schüchtern eine Prallinee. Noch konnte er das Glück garnicht fassen, das ihm widerfuhr: hier sitzen und mit ihr verkehren dürfen! Daß sie Dialekt sprach, erstaunte ihn im Anfang ein wenig; von niederer Herkunft konnte sie doch unmöglich sein. Dann entsann er sich, gehört zu haben: es sei neuerdings Mode, bis in die höchsten Kreise hinauf, an der angestammten Mundart festzuhalten.

Daß sie eine Dame sei, verriet ihm ihre Toilette, und ihre Bildung erkannte er aus der Art, wie sie das Stück, das Spiel, das ganze Theater überhaupt kritisierte. Sie hatte alle Novitäten der Saison gesehen und urteilte über ihren Wert und Unwert, daß Eberhard sich sagte: er müsse sich zusammennehmen, wenn er sich hier nicht blamieren wolle.

»Gnädige Frau gehen viel ins Theater?« fragte er.

»Jeden Abend, wenn i Zeit hätt'! I hab' selbst die größte Lust gehabt aufzutreten, aber i hab's bleiben lassen; wissen's, die Schauspieler sind unter sich zu famüliär. Und das paßt mir net! Da bin ich mir zu gut! Aber ins Theater geh i alleweil gern. Gelt, Sie auch?«

Sie lachte ihn vertraulich an, mit einem Blick, der ihm das Blut zu den Schläfen trieb.

»Studieren's vielleicht? denn Sie sind doch a Freiwilliger!« sagte sie mit einem Blick auf seine Uniform. Er erklärte ihr, daß er Mediziner sei.

»So so, Mediziner! Die Ärzte sein oft so unmanierliche Leit'! Ich habe se nimmer leiden können. Aber ~Se~ sein ganz anders!«

Eberhard fühlte sich nicht wenig geschmeichelt. Ihre Worte gingen ihm ein, wie ein angenehmer Trank. Er fing an, voll Sebstgefühl von sich zu erzählen, nannte seinen Namen, in der stillen Hoffnung, daß sie ihrerseits sagen würde, wer sie eigentlich sei.

»Ein Sohn von Herrn Reimers sein Se! Sehen 's mal an! Vom reichen Herrn Reimers!« -- Sie maß ihn mit einem besonderen Blicke, es schien fast, als habe er in ihren Augen an Bedeutung gewonnen.

»Kennen Sie denn meinen Vater, gnädige Frau?«

»Das net grad! Aber eine Freundin von mir, die kennt en gut. Er soll ja sehr ein generöser Herr sein, der Reimers.«

Der Vorhang ging wieder auf. Von den zwei Akten, die nun noch folgten, sah und hörte Eberhard so gut wie nichts. Er konnte nichts anderes denken, als sein unerhörtes Glück. Dieses herrliche Geschöpf hatte ihn für würdig befunden der Beachtung. Träumte er denn? Aber diese runden Schultern vor ihm waren Wirklichkeit. Vielleicht gefiel auch er ihr! Warum würde sie ihn sonst so bedeutsam angelächelt, so freundlich zu ihm gesprochen haben! Es konnte einem schwindeln bei dem Gedanken.

Schon war er eifersüchtig ihretwegen. Als in der Zwischenpause ein junger Mann aus dem Parterre an die Logenbrüstung herantrat und ihr die Hand reichte, vertraulich ein paar Worte mit ihr wechselte, da fühlte er tödlichen Haß gegen den Menschen in sich aufsteigen.

Er zitterte vor dem Schluß der Vorstellung, denn damit mußte der Abschied von ihr kommen. Fest hatte er sich vorgenommen, sie wenigstens nach ihrem Namen zu fragen, auf die Gefahr hin, unverschämt gefunden zu werden.

Aber es kam günstiger, als er sich's hatte träumen lassen. Als der Vorhang entgiltig fiel, bat sie ihn, er möge ihr die Sachen hereinholen, weil sie das Gedränge an der Garderobe fürchte. Eberhard drängte sich durch die Menge, eroberte ihre Sachen, bahnte sich, ohne auf die Flüche, die rings erschollen, zu achten, den Weg zurück in die Loge und half ihr dort in ihren mit Seide gefütterten Radmantel.

»Darf ich einen Wagen besorgen, gnädige Frau?« fragte er.

»Lassen's die Leit erst a bisserl von einand laufen, hernachen gehen wir. Se können mich begleiten, wenn 's sonst nix Besseres vorhaben. Aber ka Droschkerl! I wohn' net allzu weit.«

Ihm hüpfte das Herz.

»Unter militärischer Bedeckung geh i heit nach Haus. Das hab i mir halt auch nit träumen lassen vorige Nacht!« rief sie und nahm lachend seinen Arm.

»Ihr Herr Gemahl ist in Gesellschaft gegangen?« fragte er, und seine Stimme zitterte ein wenig.

»Mein Herr Gemahl! I bitt Sie, wer is denn dös?«

»Der Herr vorhin! --«

»O du mei! Der mein Herr Gemahl! Nein, ich bin ledig. Und Se brauchen mich auch nimmer so großartig ›gnädige Frau‹ zu titulüren!«

Ihm fiel ein Stein vom Herzen.

Sie gingen eine Weile schweigend. Dann fing sie an ungebeten zu erzählen: der Herr, den er da gesehen, wäre ein Freund von ihr, ein »Gönner«, dem sie zu großem Dank verpflichtet sei.

»Malen Sie vielleicht?« fragte Eberhard.

»Dös net! Aber i interessier mi sehr für de Kunst, und versteh mehr davon, als mancher von die Herren Kunstmaler.« Nun begann sie eifrig zu erzählen von den Bildern, Ausstellungen und Künstlern, die augenblicklich im Vordergrunde standen, mit Ausdrücken, die ihm bewiesen, daß sie eine Eingeweihte sei. Sie war ein außerordentliches Wesen! In seinen Augen wuchs sie von Minute zu Minute an Bedeutung.

Viel zu früh für ihn war man an ihrer Hausthür angelangt. »Wenn 's wollen, können 's mi auch mal besuchen. I wohn über der dritten Stiege links.«

»Und nach welchem Namen darf ich fragen?«

»Fragen's halt nach Fanny Spänglein. Und schön Dank für die Begleitung. Behüt's Gott!«

Sie reichte ihm die Hand. Er verbeugte sich tief. Dann verschwand sie im dunklen Flur.

Eberhard ging wohl ein Dutzend Mal vor dem Hause auf und ab, ehe er sich entschließen konnte, von der Stätte zu scheiden. Er schlug den Weg ein nach dem englischen Garten. Jetzt nach Haus gehen, war unmöglich! An Schlafen war in dieser Nacht nicht zu denken! Der Gedanke, ins Café oder ins Bierhaus sich zu begeben, erschien wie Profanation.

Er befand sich in nie gekannter beseligter Stimmung, wie berauscht. Das Herz zum Zerspringen voll. Glücklich, scheu und erwartungsvoll zugleich. So war ihm zu Mut gewesen als Kind, wenn er am Weihnachtsabend vor verschlossener Thür gewartet und durch die Spalte der erste Schimmer vom Lichterbaum sein geblendetes Auge traf.

War das Liebe? Er wußte es nicht; auf das Wort kam's wohl auch nicht an. Über sich selbst erhoben fühlte er sich. Großes hatte er erlebt, Größeres noch stand ihm bevor.

Er rief sich das Erlebnis der letzten Stunden ins Gedächtnis zurück. Ihre Gestalt stand ihm vor Augen, ihr Gesicht in der halbdunklen Loge, ihr leuchtendes Haar, der erste bedeutungsvolle Blick, der ihn gestreift. Den Duft glaubte er noch zu atmen, den sie um sich verbreitet. Er hörte den Tonfall ihrer Stimme, sah die weichen Bewegungen ihrer schmiegsamen Glieder. Das Weib mit allen seinen Reizen war leibhaftig bei ihm.

Überwältigend war der Gedanke, daß dieses süße Geschöpf jetzt vielleicht ebenso seiner gedenke, daß sie sich nach ihm sehne, vielleicht von ihrem Lager die Arme verlangend nach ihm ausstreckte.

Er schwankte, mußte sich auf eine Bank am Wege setzen. Die Glieder zitterten ihm wie im Fieber.

War das Krankheit? Oder war es der erste Ausbruch eines Gefühles, das wie ein Erdbeben über den jungfräulichen Menschen kommt, die Grundfesten seiner Natur erschütternd? --

VI.

Jutta war die einzige von der Familie, die ihrem Bruder eine Veränderung anmerkte. Er war mit einem Male freundlicher gegen sie geworden; keine Spur mehr von der Barschheit, mit der er ihr ehemals begegnet. Er fing an, sie wie seinesgleichen zu behandeln. Manchmal kam es ihr geradezu vor, als wünsche er, ihr etwas anzuvertrauen. Sie fragte nicht, aber sie ahnte, daß es eine Herzensangelegenheit sein müsse, die ihn so milde und nachdenklich stimmte.

Vally Habelmayer hingegen war mit Eberhards Benehmen sehr wenig einverstanden. Sie fand den jungen Vetter von Herzen langweilig. Von ihren Freundinnen wußte sie, daß es nichts Netteres gäbe, als das Verhältnis von Cousin und Cousine. Das solle halb und halb wie Liebesleute sein. Alles dürfe man von Rechtswegen unternehmen mit dem Vetter, sich ins Café führen lassen, in den Cirkus gehen, die Redouten besuchen, und doch konnte niemand etwas Bedenkliches darin finden; war man doch Geschwister Kind.

Aber Eberhard kam garnicht auf solch nette Einfälle. Er sah Vally kaum an, merkte nicht die feurigen Blicke, die sie an ihn verschwendete. Einfältig schien er zu sein, ein Stockfisch! --

Die Mittagsmahlzeiten nahm er meist zu Haus ein; des Abends sah man ihn so gut wie garnicht daheim. Der Dienst schien ihn gewaltig mitzunehmen; er war blaß und ermüdet, und seine Laune meist verdrossen.

Vally beobachtete ihn genauer. Verdächtig war ihr sein ganzes Wesen. Warum hatte er es so eilig, immer gleich nach Tisch wegzulaufen. Und wo war er des Abends? Da hatte er doch keinen Dienst! Was mochte er mit dem Gelde anfangen, das ihm der Onkel gab? Sie wußte zufälligerweise, wie hoch sein Zuschuß war. Für die Wohnung allein konnte er doch unmöglich soviel ausgeben! --

Sie war entschlossen, dem auf den Grund zu kommen. Wozu hatte man denn gute Freundinnen? Die würden ihm aufpassen! Mit der Zeit wollte sie das Geheimnis des kleinen Vetters schon herausbekommen!

Inzwischen hatte Eberhard das, was Cousine Vally sich so brennend zu wissen wünschte, seiner Schwester aus eigenem Antriebe gestanden. Jemandem mußte er doch beichten, sein Glück und seine Sorgen. Von beiden hatte er jetzt ein gerüttelt Maß voll.

Sein Geheimnis drückte ihm einfach das Herz ab. Bruno, bisher sein Beichtiger, war weit weg, und dem Papier so delikate Dinge anzuvertrauen, scheute man sich doch. Außerdem war er auch nicht ganz sicher, wie sein älterer Freund die Sache auffassen möchte. Bruno kannte Eberhard nur als Weiberverächter; jedenfalls würde ihm die Wandlung schwer begreiflich zu machen sein.

Und mit dem Vater jetzt schon zu reden, wäre ganz unsinnig gewesen. Später, da mußte der natürlich alles erfahren, aber noch war das nicht reif.

Eberhard erzählte Jutta alles, wie es gekommen war, von Anfang an; wie er Fanny kennen gelernt habe, welch schönes, außergewöhnliches Geschöpf sie sei.

Er hatte sich in der Schwester nicht getäuscht. Sie begriff, daß er Fanny liebte, ja noch mehr, sie begriff, daß der Bruder nicht anders handeln könne, als Fanny zu heiraten. Nicht die geringsten Vorwürfe machte sie ihm; im Gegenteil, sie fand seine Absicht im höchsten Grade edel.

Für Eberhard bedeutete das eine große Erleichterung. Er stärkte sich den Mut, indem er Jutta von seinem Vorhaben erzählte; denn er war im Grunde seines Herzens oft sehr kleinmütig und verzweifelt.

Vor allem hatte er Geldsorgen. Sein Zuschuß war ja reichlich bemessen, aber für zwei langte er unmöglich. Er machte die größten Anstrengungen im Sparen, lebte so einfach wie möglich; aber was wollte das besagen! Fanny ließ ihn nicht im Unklaren darüber, daß sie von dem, was er ihr gab, kaum ihre Schneiderrechnung würde bezahlen können.

Der Gedanke, den er ihr einigemale schüchtern nahegelegt, daß sie sich ihrerseits doch auch einschränken möge, hatte bei dem Mädchen nur Heiterkeit erregt. Sie war verwöhnt, machte Ansprüche, hatte bei ihrer Schönheit ja auch ein Recht dazu; das sah er ein.

So lange er aber nicht imstande war, sie von seinem Gelde zu erhalten, konnte er ihr auch nicht verwehren, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Freilich war ihm die Art, wie das geschah, peinlich genug.

Fanny Spänglein war Modell. Der Gedanke, daß seine Angebetete, wenn auch nur zu Kunstzwecken, den Blicken anderer Männer preisgegeben sein solle, erschien ihm ganz unerträglich. Er sann unausgesetzt darüber nach, wie er diesem widerwärtigen Zustande ein Ende machen könne.

Übrigens sagte er seiner Schwester über Fannys Broderwerb nichts; er schämte sich dessen zu sehr.

Die Sorge drückte um so schwerer, je lieber und lieber er Fanny gewann. Sie hatte die Erstlinge seiner Liebe gepflückt; und für die, welche ihn zum Manne gemacht hat, empfindet der Jüngling eine ganz besondere, mit keiner späteren Neigung zu vergleichende, schwärmerische Hingebung. Seine Leidenschaft, die aus ungebrochener Sinnlichkeit stammte, war noch keinen Augenblick des Trankes überdrüssig geworden, den er für die »große Liebe« hielt, und der, wie er naiv meinte, niemals schal werden könne. Er glaubte an dieses Mädchen, an das Gute in ihr. Sie war ihm nach wie vor ein außerordentliches Wesen. Tödlich würde er den gehaßt haben, der versucht hätte, ihm die Echtheit dieser Perle zu verdächtigen.

Vor allem aber glaubte er an die Aufrichtigkeit ihrer Liebe. Um anzunehmen, daß sie ihn täuschen könne, war er teils zu arglos, teils zu eingebildet. Wenn sie ihm unter Küssen versicherte: er sei der schönste, der beste von allen, der einzige, dem ihr Herz gehöre, so klang das so süß, daß er es nur zu willig glaubte. Er verschloß Augen und Ohren gegen Thatsachen, die ihn leicht hätten eines Besseren belehren können.

Fanny Spänglein bewohnte ein paar elegant möblierte Zimmer nach vorn heraus. Nicht immer, wenn Eberhard kam, war sie für ihn zu Haus; dann ließ sie sich meist durch die Wirtin wegen Migräne entschuldigen. Mit ihm auszugehen, weigerte sie sich, angeblich weil sie das kompromittiere. Einmal sah er sie in Gesellschaft jenes Kahlkopfes, den er vom Theater her in unangenehmer Erinnerung hatte. Von Eberhard darüber zur Rede gestellt, erklärte sie: der Mann sei ein Künstler von großem Einfluß. Ihn dürfe sie nicht vor den Kopf stoßen, sonst komme sie um ihren Erwerb.

Trotz Fannys Versicherungen, daß an dem Verkehr mit diesem Alten nichts Unrechtes sei, fraß der dunkel beschwingte Vogel der Eifersucht an Eberhards Seele. Er wollte die Geliebte frei haben aus einer Lage, die ihn tiefer demütigte als sie. Ernsthaft ging er mit sich zu Rate, was zu thun sei. Heiraten durfte er in seinem Alter nicht ohne väterliche Genehmigung, soviel wußte er. Aber niemand konnte ihm wehren, daß er das Mädchen für alle Zukunft band.

Er kaufte einen Ring, brachte ihr den und erklärte sie für seine Verlobte. Fanny lächelte, fand den Ring jedoch hübsch, steckte ihn an und gelobte ihm mit einer Umarmung »ewige Treue«.

Auch Jutta war davon durchdrungen, daß Heirat die einzig mögliche Lösung der schwierigen Lage sei, in der sie den Bruder sah. Der Gedanke, daß Eberhard zu jung sei, um ein fremdes Geschick mit dem seinen zu verknüpfen, kam ihr ebensowenig wie der, daß er sich mesalliiere. In ihrem Alter pflegen Mädchen jene Anschauung vom Leben zu haben, welche die Bücher, die man ihnen zu lesen gestattet, ihnen inspirieren. Und diese Auffassung ist zumeist mehr romantisch als praktisch.

Eines Tages erzählte Vally der Cousine in großer Erregung, sie habe etwas Außerordentliches in Erfahrung gebracht: Eberhard besuche eine Dame von zweifelhaftem Renommee. Nun also wisse man, was sein geheimnisvolles Wesen bedeute; er habe ein Verhältnis.

Jutta hatte bis dahin ihrem Versprechen gemäß geschwiegen über das, was sie wußte. Nun aber, wo des Bruders Geheimnis ans Tageslicht gekommen war, nahm sie offen seine Partei. Sie verteidigte auch das Mädchen; erklärte, daß Fanny ein ausgezeichnetes, schönes, unglückliches und verkanntes Wesen sei. Sie gebrauchte dabei Eberhards eigene Worte. Vally lachte.

»Ja, und es ist sehr groß und edelmütig von Eberhard gehandelt,« rief Jutta mit blitzenden Augen, »daß er Fanny heiratet!«

»Heiraten -- so eine!« schrie Vally und brach von neuem in höhnisches Gelächter aus. Jutta wandte ihr mit erhabener Geste den Rücken.

Von dem Augenblicke an, wo Vally erfahren hatte, wie ernsthaft Eberhard die Sache nehme, war sie moralisch entrüstet; über eine kleine Liaison würde sie sich weniger aufgeregt haben.

Vally Habelmayer kannte diese Fanny Spänglein, die eine stadtbekannte Persönlichkeit war, vom Ansehen. Im Theater, auf dem Eise, bei Redouten, im Cirkus zeigte man sie sich. Jedes kleine Bürgermädchen von einiger Erfahrung wußte von ihr, kannte ihre Abenteuer, konnte womöglich ihre Liebhaber aufzählen. Mit einem aus Bewunderung, Neid und Verachtung wunderlich gemischten Gefühle hatte Vally diese Größe der Halbwelt von fern angestaunt. Und nun war ihr kleiner Vetter auf sie hereingefallen. Sie hielt es für ihre Pflicht, da sie einmal als Wächterin der Moral in diesem Hause angestellt war, ihrem Onkel von dem skandalösen Vorhaben seines Sohnes Mitteilung zu machen.

Herr Reimers war nicht in dem Maße überrascht, als man hätte annehmen sollen. Er hatte sich schon etwas gedacht im stillen. Vor allem war ihm auffällig gewesen, daß Eberhard ein kleines Kapital, welches er von Patengeschenken her in der Sparkasse liegen gehabt, erhoben hatte. Dahinter steckte ein Weib, das war für Reimers von vornherein klar. Aber er that zunächst nichts in der Sache, weil er eben der Ansicht war, daß Jugend sich austoben müsse. Junge Leute sollten ihre Erfahrungen sammeln, damit das spätere Leben sie nicht gar zu ungeschickt und dumm finde.

Als er durch Vally von Eberhards Liaison hörte, machte er nur des Anstands halber ein ernstes Gesicht; im stillen dachte er: ›Na, der Junge scheint wenigstens Geschmack zu entwickeln!‹

* * * * *

Eines Tages nach Tisch berief Reimers senior seinen Sohn zu sich aufs Zimmer. Dort bot er dem jungen Mann zunächst eine Importe an, und nachdem er selbst eine in Brand gesteckt und so der Sache von vornherein einen harmlos gemütlichen Anstrich gegeben hatte, sagte er dem Sohne, daß er seine Liebeshändel kenne. Er wolle ihm keine Vorwürfe machen, spreche zu ihm als älterer Freund und wünsche nur Auskunft über zweierlei: ob Schulden vorlägen und was für Versprechungen Eberhard der Person gemacht habe.

Eberhard war durch die Art und Weise, wie sein Vater die Sache behandelte, auf das angenehmste berührt. Eine ganz andere Aufnahme hatte er befürchtet. Offen beichtete er seine Schulden; sie bestanden der Hauptsache nach in unbezahlten Rechnungen und in einer Gutsage, die er beim Hauswirt für Fannys nicht bezahlte Miete geleistet hatte.

Reimers senior lächelte befriedigt. Das Ganze war eine Sache von nicht viel über tausend Mark.

Nun kam die Beantwortung der zweiten schwierigeren Frage. Als Eberhard sich einen Stoß gab und dem Vater mit niedergeschlagenen Augen und halblauter Stimme erklärte, daß er sich mit Fanny Spänglein verlobt habe, fragte Herr Reimers, nicht im geringsten dadurch aus dem Gleichgewicht gebracht, ob er ihr das Versprechen schriftlich gegeben habe. Eberhard verneinte das, fügte aber sogleich hinzu, daß er sich durch sein Wort für ebenso fest gebunden halte, wie durch einen schriftlichen Kontrakt.

Voll Spannung blickte der junge Mann in das Gesicht des Vaters, die Wirkung seiner Eröffnungen dort zu erspähen. Reimers senior spielte mit der Uhrkette und blies den Rauch seiner Cigarre in kleinen eirunden Ringen vor sich hin, von denen der zweite jedesmal den ersten überholen sollte. Im Augenblicke schien ihn das Gelingen dieses Kunststückes weit mehr zu interessieren, als alles was der Sohn sagte.

Eberhard, dem das Herz vor Ungeduld schwoll, fing an, dem Vater von seiner Braut vorzuschwärmen. Das ironische Lächeln des Vaters veranlaßte ihn, sie gegen die Vorwürfe zu verteidigen, die er darin argwöhnte. Fanny war nicht das, wofür die Welt sie hielt. Die Umstände hatten sie zu dem gemacht, was sie jetzt schien; im Grunde war sie ein reines, unverdorbenes Wesen. Er, Eberhard sei der erste Mann, den sie wirklich liebe. Mochte der Schein gegen sie sein, er glaube an ihre Unschuld, Vortrefflichkeit und Treue.

Der Alte ließ ihn ausreden. Zu erlesen war der Genuß, den ihm der Junge bereitete, zu angenehm prickelnd das Gefühl der Überlegenheit solcher Naivetät gegenüber.

Zum Schluß richtete Eberhard die Bitte an den Vater, ihn mit seiner Braut bekannt machen zu dürfen. Er sei der Überzeugung, daß damit alle Zweifel gehoben sein würden.

Reimers senior ließ sich Fanny Spängleins Adresse sagen, erklärte aber gleichzeitig, den Besuch bei ihr werde er allein vornehmen; er halte das so für passender. Dann nahm er dem Sohne das Versprechen ab, zunächst nicht mehr zu dem Mädchen zu gehen, bis alles -- wie der Vater sich ausdrückte -- »in Ordnung gebracht« sei. Eberhard gelobte das freudigen Herzens; er fand, daß heute alles über Erwarten gut gegangen war.