Part 19
Eine gab es, die wohl etwas ahnen mochte. Lieschen wußte um ihr Geheimnis. Lieschen hatte ihn zu ihr geschickt. Lieschen verdankte sie diesen Tag mit Xaver. O, wie sie der Freundin dankbar war, wie sie die Freundin verstand!
Wenn man bedachte, wie sich die Dinge herrlich entwickelt hatten! Vor einem Jahre noch voll Scheu, Mißtrauen und Ängstlichkeit gegen einander erfüllt, verkehrten sie jetzt wie Freund und Freundin.
Mit ihm so durch den Wald zu schreiten, allein, ohne Weg und Steg, ins Unbekannte hinein, schauerlich zugleich und schön! So hätte sie ruhig gehen mögen überallhin, ob es Nacht sei oder Tag! Er war ja so kindergut und harmlos, und dabei wußte sie doch, wie ganz er Mann sei. Seine bloße Nähe, seine Stimme, jede seiner Bewegungen sagten ihr: ich bin stärker als du, ich könnte dir Gewalt anthun, wenn ich wollte. Aber sei ruhig, ich bin zu vornehm dazu.
O, sie war stolz auf ihn. In ihrem Herzen beugte sie sich vor ihm, betete seine Männlichkeit an.
Freundschaft! Ob sie wohl möglich war zwischen Mann und Frau? Wäre es nicht das Höchste, das Edelste, das menschlich Größte gewesen, das Erhabenste, was das Leben bieten mochte! --
»Freundschaft!« Das bloße Wort hatte solch intimen Zauber in sich, es schmiegte sich der Seele an, es schmeichelte der friedlich frommen Stimmung ihres Gemüts, es paßte auch so traulich zu der dämmerigen Landschaft, durch die sie schritten. Freundschaft war edel und großmütig, ohne all die häßlichen Schlacken der Leidenschaft und des Verlangens und dennoch erfüllt von Kraft, begabt mit der Wonne gegenseitigen Besitzes.
So etwas mußte möglich sein! Nur auf die Menschen kam's an, daß sie wagten, es zu leben.
Sie erreichten die Haltestelle. Nicht lange dauerte es, da kam ein Zug herangebraust. Im Durchgangswagen fanden sie eine leere Abteilung. Nebenan saß eine Gesellschaft von zweifelhafter Güte, die sich durch Lachen und Schreien unangenehm bemerkbar machte.
Xaver und Jutta setzten sich einander gegenüber. Sie schwiegen eine Weile. Dann beugte er sich vor zu ihr, wohl um nicht allzulaut sprechen zu müssen, blickte ihr vertraulich in die Augen und sagte: »Kann ich Sie recht bald wieder sehen?«
»Aber Sie wollten doch morgen schon reisen, verstand ich!« rief Jutta.
»Ach, das war nicht so fest beschlossen. Ich kann noch ein paar Tage bleiben schließlich. Zwar an Berlin liegt mir nichts; aber nun, wo ich Sie getroffen habe, gefällt mir's. So ändert der Mensch seinen Geschmack!« Er lachte unbefangen.
Jutta senkte die Augen vor seinem Blicke. Sie fühlte sich unangenehm berührt von der Rede, vielleicht auch von der Art, wie er sie vorgebracht.
»Ich habe unbegrenzten Urlaub. Lieschen gönnt es mir, daß ich bei Ihnen bin.«
O warum sagte er das! Wozu Dinge aussprechen, die sich von selbst verstanden! Wenn man sie dachte, blieben sie natürlich, wenn man sie in den Mund nahm, bekamen sie etwas Verzerrtes. Mit seinen plumpen Worten hatte er jenes Bewußtsein der Unschuld und Harmlosigkeit zerstört, das sie all die Zeit über als unsichtbarer Schutz umgeben hatte. Jetzt mit einem Male empfand sie, daß sie allein sei mit ihm. Trotz des grellen Lampenlichtes, trotz der Leute nebenan, wurde ihr bange vor dem Manne, mit dem sie eben noch mutig durch die Einsamkeit des Waldes geschritten war.
Er mochte etwas merken von dem Wechsel in ihrer Stimmung; wodurch er sie verletzt haben könne, wußte er freilich nicht. »Ich meinte nur,« sagte er, »daß es für mich noch mancherlei in Berlin giebt, was mich veranlassen könnte zu bleiben. Gern wäre ich zum Beispiel in ein oder die andere Ausstellung gegangen mit Ihnen. Vier Augen sehen leicht mehr als zweie. Hätten Sie nicht Lust?«
Jutta schüttelte energisch den Kopf. »Im vorigen Jahre durfte ich Ihr Lehrer sein; hier könnten Sie mich führen, und wir würden gemeinsam lernen. Wäre das nicht schön?«
Wieder beugte er sich vor und suchte ihr Auge. Sie wich seinem Blicke aus, wohl wissend, daß darin eine größere Versuchung lag, als in allem, was er vorbringen mochte. Wie gern hätte sie ihn gebeten, daß er schweigen, sie in Frieden lassen möchte. Es war ja gut gemeint von ihm, aber für sie lag etwas in seinen Vorschlägen, was verstimmte, traurig machte.
»Oder lassen Sie uns wenigstens noch einen solchen Ausflug unternehmen!« fuhr er unbeirrt fort. »Ich will alles zurücknehmen, was ich früher über die Häßlichkeit dieser Gegend gedacht habe. Schließlich kommt es nur darauf an, in welcher Laune man ein Stück Erde betritt; dem Glücklichen erscheint die Wüste ein Paradies. Es war doch heute so schön! Hat es Ihnen denn nicht auch gefallen? Sagen Sie!« dabei streckte er die Hand aus nach der ihren.
»Es geht nicht!« rief Jutta gepreßt. In die dargebotene Hand schlug sie nicht ein. »Wahrhaftig, es geht nicht!«
»Wenn Sie nur wollten?« schmeichelte er.
»Ich kann über meine Zeit nicht so frei verfügen, wie Sie denken, Herr Pangor. Schließlich muß ich doch auf die Menschen Rücksicht nehmen, bei denen ich wohne. Es war nur Zufall, daß ich heute mit Ihnen kommen konnte. Aber ich meine, wir wollen uns damit begnügen.«
»Begnügen! Das Wort hasse ich. Denken Sie doch: so jung und lebensfroh kommen wir nie wieder zusammen. Thun Sie 's nur!«
Jutta erhob sich von ihrem Sitze und blickte zum Fenster hinaus. Draußen flogen schon allerhand gigantische Formen vorüber: Dächer, Essen, Häuserzeilen, lange Reihen von Lichtern, Berlin ankündend.
Sie suchte Zeit zu gewinnen zum Nachdenken. Wenn er geahnt hätte, wie sein Vorschlag sie erregte, wie im Grunde ihres Widerwillens eine versuchende Kraft sich rührte, ihm zu willfahren. Stärker noch als er, empfand sie den glühenden Wunsch: mit ihm zu sein, nicht sich trennen zu müssen, nach so kurzem Wiedersehen! Bei einander bleiben! Gemeinsam genießen: Kunst, Natur, alles Gute, alles Schöne, das ganze Leben. Seine Stimme hören, seine Gegenwart fühlen! Neben ihm gehen, wie heute, träumen, süß träumen, und nichts von dem verraten, was man träumte.
Aber es war auch eine Stimme in ihr, die sie warnte. Jutta hatte die männliche Begehrlichkeit kennen gelernt. Sie ahnte, daß eines jeden Mannes Brust Dämonen birgt, die bereit sind, hervorzustürzen wie die Tiger, ungebändigt. Wer stand ihr dafür, daß er besser sei als die anderen! Mann blieb Mann! Konnte er für seine Anlage?
Die größte Verantwortung war auf sie gelegt. War es nicht Pflicht, ihn zu schützen vor sich selbst? Er, der ihr anvertraut war von der Freundin!
Lieschens blasses Gesicht tauchte vor ihr auf. Eine andere Frau hatte Anrecht auf ihn, ein Anrecht, das geheiligt war. Und selbst wenn Lieschen nicht ihre Freundin gewesen wäre, so würde der Verrat der Treue doch das Verbrechen sein, welches nie vergeben werden konnte, das Verbrechen am eigenen Geschlecht.
Weniger als eine Minute hatte das Mädchen dazu gebraucht, diesen Gedankengang zu durchmessen. Nun stand sie am Ende und wußte, wie sie sich zu verhalten habe.
Ruhig, mit freundlichem Lächeln, wandte sie sich zu ihm, der sie gespannten Blickes, der Entscheidung harrend, betrachtete. »Es war sehr freundlich von Ihnen, Herr Pangor, mich aufzusuchen und noch freundlicher, daß Sie mir Ihren ganzen Tag gewidmet haben. Aber nun müssen wir uns trennen. Bei der nächsten Station werde ich aussteigen, Sie haben noch ein Stück weiter zu fahren. Reisen Sie nur morgen früh, wie Sie ursprünglich wollten. Sie müssen Lieschen viel erzählen, auch von mir, hören Sie! Und sagen Sie ihr viele herzliche Grüße!«
Xaver machte noch einen Versuch, sie umzustimmen. Aber Jutta schüttelte nur lächelnd den Kopf. Als die Station kam, ließ sie sich von ihm die Thür öffnen und reichte ihm die Hand zum kurzen Abschied.
Er stand und starrte ihr verdutzt nach, als er vorbeifahrend das Mädchen, ruhigen Schrittes, ihr Kleid ein wenig raffend, den Perron hinabschreiten sah.
XXI.
Rieke, das Mädchen für Alles bei Weßlebens, war mittags nach Haus gekommen aus der Markthalle und hatte ihrer Herrin brühwarm die Nachricht mitgebracht: sie hätte Jutta mit einem Herrn auf der Straße jehen sehen. »'t war so en langen forschen Kerl in en braunen Habit mit en jrünen Hut. Häßlich war der Musjö nich, det will ick jarnich sagen. Er nahm so lange Schritte, daß det Freilein alle Mühe hatte, man bloß mit fortzukommen. Se schienen 's höllschen eilig zu haben. Dann ging 's in ne Pferdebahn und och gleich oben ruff, uff det Verdeck. So sah ick ihr mit em von dannen jondeln.«
Zum Mittagessen kam Jutta nicht. Die Pastorin murmelte etwas von »Rücksichtslosigkeit«, erzählte aber den Ihren zunächst noch nicht, was sie von Rieke erfahren hatte.
Der Nachmittag verging, keine Jutta ließ sich blicken. Vater Weßleben äußerte sich besorgt über das Ausbleiben seines Gastes. Agathe wußte zufälligerweise, daß Jutta in die National-Galerie gewollt hatte; aber von dort hätte sie doch längst zurück sein müssen. Vater und Tochter erwogen bereits, ob man nicht nach ihr ausschauen müsse. Die Frau Pastorin hatte nur ein bedeutsames Lächeln bei dem Gerede der Ihren.
Es klingelte. »Gott sei Dank, da ist sie!« Aber es war nur Martin. Man teilte ihm mit, weshalb man sich Sorge mache.
Der Diakonus erklärte sich sofort bereit, auszugehen und Juttas Spuren zu suchen. Nur mühsam vermochte der junge Mensch die tiefe Erregung zu verbergen, die sich seiner bei dem Gedanken bemächtigte, dem Mädchen könne etwas zugestoßen sein.
Nunmehr hielt es die Frau Pastorin für an der Zeit, zu erzählen, was sie über Jutta erfahren hatte. Sie that das nicht ganz ohne Schadenfreude. Nun sahen sie's doch mal, was an dieser Jutta Reimers war, vor der die ganze Familie in Bewunderung auf den Knieen lag. Katholisch blieb eben Katholisch! Selbst Weßleben hatte sich von ihr Sand in die Augen streuen lassen. Er war eben doch nicht so gefestigt wie sie, die das Blut von so und so vielen Superintendenten, Konsistorialräten und einem Hofprediger in ihren Adern rollen fühlte.
»Sie hat vielleicht einen Verwandten getroffen,« sagte der alte Herr in begütigendem Tone. »Die Sache wird gewiß harmlose Aufklärung finden.«
Da war die Frau Pastorin freilich anderer Ansicht. Wie ihr Mann das Mädchen auch noch in Schutz nehmen könne, begreife sie nicht. Für sie sei Jutta gerichtet. »Emancipiert ist sie, das habe ich schon immer gesagt. Mit Herren auf dem Verdeck der Pferdebahn sitzen, das mag vielleicht in Künstlerkreisen Mode sein; von anständigen Damen habe ich's noch nicht gesehen. Und dann ausbleiben den ganzen Tag bis in die sinkende Nacht! Wer weiß, ob wir sie überhaupt wiedersehen! Vielleicht hat sie es vorgezogen, auf und davon zu gehen.«
Der alte Pastor wollte ihren Eifer beschwichtigen, aber sein Sohn kam ihm zuvor. Mit einem Eifer, den man sonst nicht an dem Diakonus gewohnt war, trat er für Jutta in die Schranken. Man habe kein Recht, schlecht von einer Abwesenden zu sprechen, hielt er seiner Mutter entgegen; und auf Riekes Geschwätz hin eine Dame zu verurteilen, sei gänzlich unstatthaft. Denn, selbst wenn Rieke die Wahrheit berichtet habe, zweifle er keinen Augenblick daran, daß das, was Fräulein Reimers thue, schicklich sei.
Agathe stimmte dem Bruder begeistert zu; woraufhin ihr die Mutter den Mund verbot. Ziemlich unmotiviert entlud sich ihr Ärger gegen die Tochter. Vater Weßleben aber freute sich im stillen über seinen Martin. Recht gut, wenn der mal lernte, mit seinen Gefühlen aus sich heraus zu gehen. Der Mutter hingegen bestätigte Martins Eintreten für Jutta nur einen Verdacht, den sie seit einiger Zeit hegte. Ihr Zweiter in den Stricken der Papistin! -- Sie sah ihn bereits als Opfer römischer Intriguen. Das setzte ihrem Mißmute die Krone auf.
Es klingelte abermals, und diesmal war es wirklich Jutta.
Ohne erst abzulegen, kam sie sofort ins Zimmer, eilte auf Frau Weßleben zu und bat um Entschuldigung. Sie hoffe, daß man sich um ihretwillen keine unnützen Sorgen gemacht habe.
»O, was das betrifft --!« meinte die Pastorin. »Sie hatten ja wohl Begleitung?«
Jutta blickte die Sprecherin erstaunt an, zunächst nicht verstehend, was gemeint sei; aber das hämische Lächeln der Dame sagte es ihr.
»Ich traf einen Bekannten aus München; das Wetter war so wunderschön! Er hatte den Grunewald auch noch nicht gesehen; da sind wir zusammen hinausgefahren. Aber weil ich den Weg nicht wußte, haben wir uns ein wenig länger aufgehalten, als ich eigentlich wollte. Das thut mir von Herzen leid! Sie müssen mir nicht zürnen.«
Sie hielt der Pastorin die Hand hin. Die that, als sehe sie es nicht.
»Ja, ist denn das wirklich so etwas Schlimmes?« rief Jutta und sah sich im Kreise um. Sie erblickte lauter bestürzte Gesichter.
Agathe eilte auf sie zu und warf sich ihr in die Arme. »Du bist nicht schlecht!« rief sie. »Wir denken das auch garnicht von dir!«
»Ich verstehe nicht!« sagte Jutta und machte sich von Agathen los, »bin ich denn verdächtigt worden?«
»Es ist hier zu Lande nicht Sitte,« erwiderte ihr die Pastorin, »daß junge Mädchen mit fremden Herren allein Landpartieen machen. Wie man darüber bei Ihnen zu Haus denkt, weiß ich nicht, Fräulein Reimers.«
Jutta war sprachlos. Sie fühlte, daß sie etwas hätte sagen sollen zu ihrer Verteidigung, aber gerade weil sie sich so ganz in ihrem Rechte wußte, war sie nicht im stande, auch nur ein Wörtlein vorzubringen. Sie schwieg und sah nur alle Anwesenden der Reihe nach mit großen Augen beinahe ängstlich an. War es denn möglich, daß man ihr etwas Niedriges zutraue? -- Gegen solchen Verdacht stand sie wehrlos. Sie war bestürzt und traurig, nicht erzürnt und empört. Furchtbar, daß es solche Mißverständnisse geben konnte!
Martin, der sie mit den Augen verschlungen hatte und abwechselnd blaß und rot geworden war, wollte etwas sagen, aber Vater Weßleben hielt nunmehr die Zeit für gekommen, sich einzumischen.
»Wir wollen froh und zufrieden sein, liebe Leopoldine,« damit wandte er sich an seine Frau, »daß Fräulein Reimers gesund und wohlbehalten in unsere Mitte zurückgekehrt ist. Unsere Besorgnisse sind grundlos gewesen. Wir haben, so scheint es mir, Grund, dankbar zu sein. Und nun möchte ich euch alle bitten, daß hierüber weiter kein unnützes Wort verloren wird.«
* * * * *
Wenn der Vater gesprochen hatte, so war bei den Weßlebens jede Sache damit abgethan. Seine Befehle hatten, weil sie selten waren, trotz ihrer milden Form Gewicht.
Die Frau Pastorin kam wirklich nicht wieder auf die Sache zurück, wenigstens mit Worten nicht; aber es giebt bei den Frauen andere Mittel noch, als die Zunge, um jemandem die Meinung zu sagen.
Jutta wußte jetzt, woran sie mit dieser Dame sei. Die erste, beste Gelegenheit konnte einen Rückfall bringen in die nur mühsam zurückgedämmte Feindseligkeit.
Berlin war ihr verleidet. Dazu beunruhigte sie der Gedanke an Lieschen Blümer. Stand es wirklich so um sie, wie Xaver glaubte? Sah er nicht zu rosig? -- Sie würde eher keine Ruhe finden, bis sie das nicht festgestellt hatte.
Und alle diese Gründe erfaßten eigentlich noch nicht das, was sie wegtrieb von Berlin. Es war eine ihr selbst unerklärliche Unruhe dabei mit im Spiele, der Wunsch nach Wechsel, das Gefühl: »Du hast hier nichts mehr zu suchen, deine Anwesenheit kann höchstens Unglück stiften.« Und auf der anderen Seite Sehnsucht, eine Art Heimweh, der Wunsch, die vertrauten Klänge der Heimat zu hören, ihre gewohnte Luft zu atmen. Und schließlich ganz im tiefsten Grunde der Seele das Verlangen, bei denen zu sein, die sie liebte.
Eberhards Zureden, sie möge wenigstens noch das Examen-Resultat abwarten, und Agathens inständiges Bitten, jetzt doch nicht zu gehen, blieben erfolglos. Juttas Entschluß zu reisen, war gefaßt.
Am Tage vor ihrer Abreise ging sie in die Stadt. Der Kunsthändler, bei welchem ihr Bild ausgestellt war, hatte ihr mitgeteilt, es habe sich ein Liebhaber dafür gefunden, und fragte an, ob sie es verkaufen wolle. Sie war eben auf dem Wege zu der Kunsthandlung, um zu erklären, daß sie darauf eingehe.
Bald nachdem sie das Weßlebensche Haus verlassen hatte, kam ihr eiligen Schrittes jemand nach. Als der Mensch in gleicher Höhe mit ihr war, erkannte Jutta Martin Weßleben. Hochgerötet zog er den Hut und fragte, ob sie ihm auf ein paar Worte Gehör schenken wolle.
Jutta ahnte, was er im Sinn habe. Der arme Kerl! Konnte man ihm die Beschämung nicht ersparen? -- Sie sann noch über eine möglichst milde Form der Abweisung nach, als er schon begann:
»Fräulein Reimers, Sie reisen morgen. Nun kommen Sie also nach Haus, nach München; und wir werden Sie für lange Zeit nicht sehen. ....«
Er stockte in seiner offenbar wohlvorbereiteten Rede.
»Vielleicht sehen wir uns bei Agathens und Eberhards Hochzeit wieder, Herr Weßleben!« sagte sie. »Sollte es nicht möglich sein, daß Sie aufschöben, was Sie mir sagen wollen?« --
»Nein, nein!« rief er in ängstlich-eigensinnigem Tone. »So lange kann ich nicht warten! -- Sehen Sie, ich wollte Ihnen zunächst nur etwas erklären. Es hat mich neulich, als Sie so spät zurückkamen, betrübt; nein, ich muß es offen sagen, obgleich sich's um meine Mutter handelt, es hat mich empört, wie man Sie bei uns empfing. Ich habe das als persönliche Demütigung empfunden, und ich bitte Sie um Verzeihung. Das war das eine!.....«
»Aber, Herr Weßleben, wozu?«
»Bitte, hören Sie mich nur aus! Ich weiß, daß Sie Grund gehabt hätten, über mancherlei zu klagen in unserem Hause. Meiner Mutter ist leider nicht Duldsamkeit gegeben. Wenn man Ihnen Ihres Glaubens wegen Kränkungen zugefügt hat, so bitte ich Sie auch darum um Verzeihung.«
»Herr Weßleben, ich habe soviel Güte genossen in Ihrem Hause, daß mich diese oder jene kleine Widerwärtigkeit nicht hindern kann, freundlich an die Ihren alle zurückzudenken.«
»O, das sieht Ihnen ähnlich!« rief er enthusiastisch, blieb stehen und drückte ihre Hand. Sein Gesicht spiegelte die größte Erregung wider.
Jutta bemerkte, daß einzelne Vorübergehende bereits auf sein ungewöhnliches Benehmen aufmerksam wurden. Ihr ward bange, was hieraus noch werden solle.
»Herr Weßleben!« sagte sie, »wollen Sie mir einen Gefallen thun? Dort stehen Droschken, rufen Sie mir eine heran! Ich muß fahren, wenn ich nicht zu spät kommen will.«
Martin schien den Wink nicht zu verstehen, er rührte sich nicht von der Stelle. Seine knabenhaften Züge, auf denen jede Seelenregung sich sofort deutlich lesbar ausdrückte, verdüsterten sich. Trostlos blickte er zu Boden. Dann rang sich's von seinen Lippen: »Um Gotteswillen, gehen Sie so nicht von mir! Hören Sie nur das eine! Das Wichtigste muß ich Ihnen sagen: ich liebe Sie!« --
Vor einem Jahre noch würde Jutta in solchem Augenblicke möglicherweise gelacht haben. Heute überwand sie den Reiz des Komischen. Zu deutlich sprach der Ernst der Situation zu ihr. Sie hatte Mitleid mit seiner Unbeholfenheit, wie er so dastand, erschrocken über seine Kühnheit, durchschüttelt zugleich von der Gewalt seiner Gefühle.
»Hätten Sie das doch nicht gesagt, Herr Weßleben!«
»Es war wohl sehr frivol?« fragte er bestürzt.
Sie mußte nun doch lächeln.
»Das nicht! Aber es thut mir leid, daß Sie sich mit solchen Gedanken tragen. Für Sie thut es mir leid; denn, was Sie wollen, ist unmöglich.«
»Ich weiß, daß es ein Hindernis giebt zwischen uns, welches scheinbar unüberwindlich ist.«
»Um die Konfession handelt sich's nicht, wenn Sie das meinen. Ich bin gebunden; fragen Sie nicht: wie und wodurch. -- Und jetzt verlassen Sie mich, bitte, lieber Herr Weßleben! Ich hätte Ihnen das gern erspart; aber Sie hörten nicht.«
Schwer atmend stand er da, blaß, mit arbeitenden Zügen; ein ganz veränderter Mensch.
Sein Anblick griff ihr ans Herz. Sie wünschte ihm noch irgend etwas Freundliches mitzugeben zum Abschied.
»Sie werden darüber hinwegkommen, müssen nicht verzagen! Wenn's auch weh thut im Augenblick. Man kann viel mehr Leid ertragen, als man denkt; hören Sie! -- Leben Sie wohl!«
Damit reichte sie ihm die Hand und ging.
XXII.
Als Jutta nach München zurückkehrte, fand sie im väterlichen Hause mancherlei verändert, und nicht zum Besseren, wie ihr dünkte. Der Vater hatte seine Schwägerin Frau Habelmayer und Vally zu sich genommen, und diese beiden Damen, so schien's, sollten in Zukunft ganz da bleiben.
Die Witwe Habelmayer war eine wohlbeleibte Person von groben Zügen, kupfrigem Teint, Gesicht und Gestalt stark auseinandergegangen. Wenn man sie sah, konnte einem um Vally bange werden, deren Figur auch nur noch durch Kunst in gewissen Grenzen gehalten wurde.
Vally und ihre Mutter hatten sich mit Herrn Reimers vortrefflich einzurichten verstanden. Sie waren zu ihm gezogen -- so erklärten die Damen selbst, -- um ihm die Einsamkeit, in der der Ärmste lebte, zu verkürzen, und dabei gleichzeitig nach der, durch Frau Hölzl arg vernachlässigten, Hauswirtschaft zu sehen. Seine Bequemlichkeit, sein Wohlergehen sei ihr einziger Gedanke, früh und spät. Übrigens schienen die beiden Damen dabei selbst auch ganz leidlich auf ihre Rechnung zu kommen. Sie kümmerten sich nicht bloß darum, daß gute Sachen auf den Tisch kamen, sondern sie halfen auch an ihrem Teile dabei, daß sie verzehrt wurden. Sie gingen mit dem alten Herrn ins Theater und Konzert, fuhren mit ihm aus und besuchten Cafés und Weinstuben; alles angeblich, um ihn zu zerstreuen und ihm die mancherlei Sorgen, die er in Geschäft und Familie habe, zu erleichtern.
Luitpold war schon um Weihnachten herum mit seiner kränkelnden Frau nach dem Süden gereist. Es hieß, daß Elwire das Münchener Klima nicht vertrage. Jutta war keineswegs unglücklich über die Aussicht, den Vetter auf diese Weise fürs erste nicht zu sehen.
Über Juttas plötzliche Rückkehr schienen die Damen Habelmayer nicht gerade erbaut zu sein.
»Wir dachten bestimmt, du würdest dich in Berlin verloben!« sagte Vally zu ihrer Cousine mit jener Mischung von Naivetät, Dickfelligkeit und Bosheit, gegen die man wehrlos ist. -- Und ein andermal: »Schade! Es hätte so gut gepaßt! Deine Ausstattung ist doch einmal fertig. Die Wäsche verstockt und die Kleider werden altmodisch. 's fehlt nur der Mann dazu.«
Jutta wunderte sich über sich selbst, wie wenig neuerdings solche kleinen Liebenswürdigkeiten bei ihr verfingen. Was ging Vally sie im Grunde noch an? Das Heimatgefühl des Mädchens war erschüttert. Nicht einmal über ihren Vater, den sie ganz in Händen der beiden Frauen sah, grämte sie sich tiefer. Waren das die Ihren, nach denen sie in Berlin Sehnsucht empfunden hatte? Ihr Vater, den sie als Kind so bewundert, der für sie das Urbild gewesen war von Geist und Lebensart; was war aus ihm geworden?! --
Soviel es überhaupt anging, mied Jutta ihre Familie. Ändern konnte sie hier ja doch nichts. Der Vater war eben, was er war. Durch Vorstellungen würde man schwerlich Eindruck machen auf einen Mann von seinem Alter. In Vally und ihrer sauberen Mutter hatte er das gefunden, was seinem Geschmacke am besten zuzusagen schien.
Sie flüchtete sich aus dem entweihten Heim an eine Stätte, wo reinere Luft herrschte.
Lieschen Blümer lag schwer erkrankt danieder. Aus Xavers Plane, daß sie nach Schwabing ziehen solle, war nichts geworden. Sie hätte den Umzug nicht ausgehalten in ihrem jetzigen Zustande. Lieschen befand sich also noch in ihrer alten Wohnung.
Nimmermehr hätte Jutta aus Xavers Bericht schließen können, daß es so mit der Freundin stehe. Als sie das arme Ding zum ersten Male in ihrer Dachstube aufsuchte, glaubte Jutta einen Geist zu sehen, wie sich da ein kleines, wachsfarbenes, zum Skelett abgemagertes Weiblein vom Lager aufrichtete. Wahrhaftig nicht viel war von Lieschen übrig geblieben zum Wiedererkennen, nur die schönen Augen und das gute Lächeln.
Trauriges Wiedersehen! Jutta setzte sich an das Bett der Freundin und weinte. Es hatte sich viel Weh angesammelt bei ihr in der letzten Zeit, selbstverschuldetes und von Fremden ihr angethanes; aber vor dem, was sie hier sah, mußte das bißchen eigener Kummer sich verkriechen.
»Und das hat man mir nicht gesagt!« schluchzte Jutta. »O, das ist schlecht!«
Lieschen verstand den Vorwurf, der in diesem Ausrufe lag, und gegen wen er sich richte.