Liebe ist ewig

Part 18

Chapter 183,757 wordsPublic domain

»Meine liebe Jutta. Du wirst mir zürnen, daß ich Dir noch nicht geantwortet habe. Im Herzen habe ich es wie oft schon gethan! Ich bin überhaupt so viel bei Dir mit meinen Gedanken. Siehst Du, ich war nicht ganz gesund wiedermal; und da soll man nicht schreiben, wenigstens nicht an seine liebste Freundin. Aber nun geht es mir schon wieder viel besser, so daß ich Dir alles mögliche Schöne mitteilen kann. Vor allem von Xaver! Er hat Erfolg gehabt. Bei einem Ausschreiben für eine Brunnengruppe ist sein Modell mit dem ersten Preise ausgezeichnet worden, und er bekommt den Auftrag. Begreifst Du, was ich dabei empfinde Jutta? Daß es mir vergönnt ist, das noch zu erleben! Wie bin ich vor so vielen anderen gesegnet, daß ich habe beitragen dürfen, ihn groß zu machen! Er lebt und schafft und wird anerkannt. Wenn's auch lange gedauert hat, und wenn man selbst darüber auch etwas müde geworden ist; das hat garnichts zu bedeuten. Das Glück macht alles gut!

»Denke Dir, ich darf nicht mehr malen! Xaver hat es mir verboten. Er meint, es strenge mich zu sehr an. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie gut er ist! Ich vermisse die Malerei garnicht, bin viel auf meinem Zimmer, kann nachdenken und lesen. Lebe wie eine Prinzeß. Abends kommt er dann auf ein Stündchen. O, ich habe es gut! Manchmal ist es mir, als könne soviel Glück garnicht auf die Dauer währen.

»Schreibe mir, bitte, wie es Dir geht, was Du treibst und schaffst, und ob Du auch manchmal an uns denkst. Wir sprechen viel von Dir, Xaver und ich. Er ist sehr gespannt zu sehen, was Du aus Berlin mitbringen wirst an Arbeiten. Du weißt ja, daß es Dir gelungen ist, ihn von der Ansicht zu bekehren: wir Frauen könnten nichts Originelles hervorbringen. Darauf kannst Du Dir etwas einbilden! Wäre Xaver hier, würde er Dich grüßen lassen.

»Leb nun wohl und sei tausendmal umarmt und innig geküßt von Deiner Freundin Lieschen.«

Wie dieser Brief charakteristisch war für die Schreiberin! Von sich hatte sie erzählen wollen, und daraus war das Bekenntnis geworden, das beständig aus allem sprach, was Lieschen that und sagte: daß sie liebe. Wie sich diese Liebe verriet, selbst da, wo sie des Geliebten garnicht Erwähnung that! Immer und überall kam sie wie von magnetischer Kraft angezogen auf diesen Pol ihres Daseins zurück.

Wer so lieben konnte, so lieben durfte! --

Aber auch mit einer gewissen Wehmut erfüllte Jutta der Brief. Mit zarten Händen rührte er an Dinge, die vorüber sein sollten. Jetzt gerade vor einem Jahre war sie soviel mit Lieschen und Xaver zusammengewesen. Die wichtigste, die reichste Zeit ihres Lebens, die Periode einer Wandlung ihres ganzen Wesens, wie sie keine zweite je erleben würde.

All das und vieles mehr rief ihr der Brief ins Gedächtnis zurück. Zum Verführer wurde er, an allerhand zu denken, was man tief im Schrein des Herzens hatte verschließen wollen, was man erstorben glaubte, wovor man geflohen war.

Es ist eine Eigentümlichkeit der Träume, daß sie die indiskreten Ausplauderer unserer geheimsten Gedanken sind. Hegst du in der Tiefe deiner Seele einen Wunsch, eine Hoffnung, der am hellen lichten Tage dich zu nähern, du zu schamhaft, zu scheu oder zu furchtsam bist, dann sei sicher, daß es dich in der Nacht heimsuchen wird, und zwar in so rücksichtslos nackter, unbarmherzig wahrhaftiger Gestalt, daß du, wie auf böser That betroffen, glaubst: ein schlimmer allwissender Geist habe deine Gedanken heimlich belauscht und dir ins Ohr geraunt, was auszudenken du dich selbst nimmermehr getraut.

Es träumte Jutta, sie schreite mit Lieschen und Xaver durch einen wunderbar schönen Garten. Cypressen, Oliven, Kastanien und andere seltene und herrliche Bäume beschatteten ihren Weg. Betäubender Duft wurde aus einem Parterre von Blumen zu ihnen herübergetragen. Über ihnen blaute südlicher Himmel. Aus dem Gebüsch winkten hie und da glänzende Marmorleiber. Das Plätschern einer verborgenen Kaskade erfüllte die Luft mit sanftem Rhythmus. Der Weg führte in Windungen bergan. Sie hielten sich zu dreien umfaßt, Xaver in der Mitte, sie und Lieschen ihm zu Seiten. Offenbar strebte man jenem Tempel zu, der sich auf der Spitze des Hügels weiß schimmernd erhob. Niemand sprach ein Sterbenswörtlein, man genoß stumm die überwältigende Herrlichkeit. Alle Fähigkeiten waren geschärft, verfeinert, verzehnfacht. Jener Zustand höchster Leichtigkeit; eine irdische Verklärung!

Da mit einem Male hörte man Lieschens Stimme: »Ich werde dir zu schwer, mein Freund! Laß mich ein wenig ausruhen, ich bin müde. Geht ihr voran, ich komme nach!«

Und gewissenlos ließen sie sie allein, schritten zu zweien weiter. Mit beflügeltem Schritt eilten sie jenem Tempel auf der Höhe zu. Bald war das Ziel erreicht. Als einziges Gottesbild stand dort in antiker Säulenhalle ein Engel mit einem Schwert in der Hand. Eine Gestalt von wunderlicher unheimlicher Schönheit. »Lucifer!« sagte Xaver. Weiter sprachen sie nichts.

Dann traten sie hinaus auf die Plattform vor dem Tempel, von wo aus sie alles übersehen konnten. Auch auf den Weg schauten sie hinab, den sie gekommen waren. Aber da war niemand, der ihnen nachgeschritten wäre.

»Wir müssen wieder hinabsteigen und sie suchen,« hörte Jutta ganz deutlich von ihrer eigenen Stimme gesprochen. »Sie ist müde und wird den Weg hier herauf nicht allein finden.«

Da schüttelte Xaver den Kopf mit rätselhaftem Ausdruck und sagte: »Sie ist nicht mehr, längst nicht mehr!« --

»Wo -- wo ist sie denn?«

Er nahm ihre Hand, hob sie ein wenig, und wies damit in den endlosen Raum hinaus.

Furchtbare Bangigkeit überfiel Jutta. Etwas Dunkles, Gespensterhaftes, Vielgliedriges kam herangekrochen und rührte mit kalter Hand an ihr Herz. Sie wollte schreien und konnte nicht.

Da erwachte sie. Gott sei Dank nur ein Traum!

Jutta setzte sich im Bette auf, verwirrt, erschüttert, zum Weinen gestimmt. Die Thür zu Agathens Zimmer, die nur angelegt war, öffnete sich. »Jutta, was ist dir?«

Agathe erhielt keine Antwort. Sie trat näher heran und fand die Freundin in Thränen. »Aber Herzens-Jutta, was fehlt dir?«

»Frage nicht! Um Gotteswillen frage mich nichts! Ich habe Furcht!«

»Du, Furcht?«

»Vor mir selbst!«

»Darf ich zu dir kommen?«

»Ja -- ja!«

Agathe legte sich zu ihr, und versuchte ihr die Thränen zu trocknen.

XX.

Das Frühjahr war inzwischen herangekommen, mit ihm der Termin zu den Staatsprüfungen. Otto Weßleben hatte soeben sein Examen glücklich bestanden und reiste, ehe er am Gericht angestellt werden sollte, auf einige Wochen am Rhein. Eberhard stand noch mitten drin und hatte als bedrängter Examenkandidat weniger denn je Zeit, sich Braut und Schwester zu widmen.

Gern hätte Jutta Ausflüge gemacht. Das Grün, welches auf den Schmuckplätzen der inneren Stadt, an den Alleebäumen und Rasenflächen sich hervorwagte, verriet, daß die Welt wiedermal ihr Kleid zu wechseln sich anschicke. Jutta kannte noch garnichts von der Umgegend Berlins.

Aber es fand sich niemand, der sich ihr angeschlossen hätte. Ihr Bruder war durch seine Examenarbeit daran verhindert, und Agathe, die nur zu gern mit der Freundin durch Wald und Feld gestreift wäre, wurde durch mütterliches Verbot festgehalten. Zwei junge Mädchen allein Landpartieen unternehmen! Das schickte sich nicht, außerdem war es auch gefährlich.

Um nur wenigstens etwas frische Luft zu atmen und das Auge von den stumpfen Farben der Straße zu erholen, machte Jutta, wenn sie von der Weßlebenschen Wohnung nach dem Centrum der Stadt ging, mit Vorliebe einen weiten Umweg, der sie durch den Tiergarten führte.

Freilich war das nur ein zahmes Stück Natur, eingehegt, gelichtet, von gradlinigen Straßen und Wegen durchquert; nur hie und da, wo vielleicht aus Versehen die Hand des Gärtners nicht hingekommen, machte auf kargem Boden die Vegetation den Versuch, in Urwüchsigkeit und einiger Üppigkeit zu wuchern. Aber es war, als hätten die Bäume ein schlechtes Gewissen, als warteten diese dünnen, korrekten Gesellen auf ein Kommandowort, eine Genehmigung von höchster Stelle, über das Normalmaß hinauszuwachsen.

Eines Tages befand sich Jutta, herausgelockt durch das schöne Wetter, eben auf dem Wege nach dem Westen, als sie nach den ersten paar Schritten auf der Straße eine ihr wohlbekannte Gestalt, wie aus der Versenkung, plötzlich vor sich auftauchen sah.

Dort stand einer mitten auf dem Fahrdamm und schaute nach den Häusernummern aus. Ein Mann im braunen Lodenanzug von hoher Gestalt. Die Hände im Kreuz zusammengelegt, wiegte er den Oberkörper hin und her und blickte mit großen blauen Augen unter der gewölbten Stirn gleichsam wie unter einem schützenden Helm hervor.

Jutta machte jäh Halt, als sie Xavers Silhouette vor sich sah. Hatte sie eine Vision? -- Der Atem stockte, das Herz schlug ihr bis zum Hals hinauf. Dabei fühlte sie, daß sie etwas thun müsse. So durfte er sie doch nicht überraschen, so ratlos, so ganz außer Fassung. Aber sie fand keinen Entschluß, nichtmal zur Flucht; wie gebannt stand sie und starrte.

Xaver kam, immer die Hausnummern musternd, langsam schreitend bis nahe an sie heran. Als er wenige Schritte von ihr war, fiel sein Auge auf sie. »Fräulein Reimers!« rief er und streckte sofort die Hände nach ihr aus.

Jutta stand da mit schlaff herabhängenden Armen, bleich, vor Erregung zitternd, und wußte nicht; was thun, was sagen! --

»Schau, treffen wir uns so!« rief Xaver. »Ich wollte zu Ihnen. Kann mich in dem verwünschten Berlin nicht zurecht finden. Nun da sind Sie! Gelt, das ist schön. Lieschen läßt viel tausendmal grüßen. Sie hat mir's ans Herz gelegt, daß ich Sie aufsuchen müßte in Berlin. Ich hätt's freilich auch ohnedem gethan!« Dabei preßte er ihre Hand in seiner starken Faust, als wolle er sie zerdrücken.

Jutta hatte über dieser Begrüßung Zeit gefunden, sich zu fassen. »Wie geht es Lieschen?« fragte sie.

»Den Winter hätte's besser gehen können! Sie ist viel im Bett gelegen. Aber der Frühling wird ihr schon auf die Beine helfen. Ich hab' keine Sorge. Sie sagt immer: wenn erst die Sonne scheint und ich darf wieder hinaus, dann sollst sehen, Xaver, dann werd ich wieder gesund! Ich hab' ihr ein Häuschen gemietet, draußen in Schwabing. Die Stadtluft ist nichts für das arme Hascherl. Und gar die alte Dachkammer, wo sie lebt! Nun Sie kennen's ja! Das wird alles anders jetzt. Wenn ich von Berlin zurück bin, wird umgezogen!«

»Was wollen Sie denn in Berlin, Herr Pangor?« forschte Jutta. Ihr war urplötzlich ein Gedanke gekommen, der ihre Pulse beschleunigte. Wie wenn er ihr Bild gesehen hätte: den »Herrgottsschnitzer«?! -- Wie leicht war das möglich. Er würde doch wahrscheinlich alle größeren Ausstellungen besucht haben.

Xaver antwortete: er sei seit drei Tagen in Berlin. Anlaß zu dieser Reise war der Ruf eines Kunstliebhabers gewesen, der etwas von Pangors Entwürfen in einer Zeitschrift gesehen hatte und mit ihm persönlich die Bestellung besprechen wollte. Das Geschäft war zur beiderseitigen Zufriedenheit erledigt; morgen bereits wollte der Bildhauer wieder abreisen.

Gott sei Dank, das klang harmlos! Jutta atmete auf. Ihre Befürchtungen verblaßten.

Man war auf dem Bürgersteig auf- und abgeschritten. Jutta empfand wenig Lust, Xaver aufzufordern, mit ihr in die Weßlebensche Wohnung zu kommen. Wo sollte sie ihn dort aufnehmen? Ihn mit der Pastorsfamilie bekannt machen? Das konnte kein erfreuliches Zusammensein ergeben.

»Ist's Ihnen recht, wenn wir etwas gehen?« fragte sie.

Er war damit einverstanden.

»Und wie gefällt Ihnen Berlin, Herr Pangor?«

»Wenn Sie mich fragen, muß ich's wohl sagen: abscheulich! Diese Stadt drückt auf mich, liegt auf mir wie ein Riesenalp. Ich bin nicht mehr Künstler, habe aufgehört Individuum zu sein, seitdem ich Berliner Pflaster trete. Hier könnte ich keinen Gedanken fassen, geschweige ein Kunstwerk schaffen. Mein Geist ist wie sterilisiert. Wie haben Sie das nur ein halb Jahr lang aushalten können?«

»Anfangs hat es mir auch den Atem versetzt; aber ich habe mich daran gewöhnt, manches hier sogar lieb gewonnen.«

»Haben Sie auch fleißig gearbeitet -- gemalt?« --

Jutta war froh, daß sie der Frühjahrssonne wegen einen Schleier vorhatte; so bemerkte er wohl ihr Erröten nicht. »Ich habe etwas gemalt, aber es ist nicht der Rede wert,« sagte sie.

»Landschaft oder Figuren?«

»Ach, reden wir lieber von was anderem, Herr Pangor. Ich spreche nicht gern von meinen Sachen. Sie ja übrigens auch nicht!« Jutta lachte nervös.

Es kam ihr alles so gezwungen, so falsch vor, daß sie steif und sittsam neben ihm schreiten mußte, ihm nicht zeigen durfte, wie seine Anwesenheit sie im Innersten ergriff. Wie unnatürlich auch, daß sie ihn »Herr Pangor« nennen mußte, nicht mal »Xaver« zu sagen war ihr gestattet. Wo sie ihn doch in einsamen Stunden mit ganz anderen, vertrauteren Namen gerufen hatte! Zu was für widerlichen Lügen einen die gute Sitte zwang!

»Wo gehen wir eigentlich hin?« fragte er, als sie ein langes Stück schweigend nebeneinander hergeschritten waren.

»Ich weiß es nicht, Herr Pangor!«

»Giebt es denn hier nirgends so was, wie Gottes freie Natur?« rief er. »Wald, Seen, Berge! Ich komme mir so dumm vor, wenn ich ein paar Tage lang nur Ziegelmauern und Gaslaternen gesehen habe!«

Ein Gedanke durchzuckte Jutta: wie, wenn sie den längst gehegten Wunsch ausführte, ins Freie zu gehen? -- Hier hatte sie ja die Begleitung, die ihr bisher gefehlt!

Aber was würden die Weßlebens sagen? --

Ach, warum sich darum sorgen? Was ging die Prüderie ihrer Wirte sie an? Sie war doch erwachsen, konnte thun, was ihr gefiel! Schutz hatte sie ja nun, ohne den man, wie die Pastorin meinte, sich nicht in die Umgebung Berlins wagen durfte. Freilich würde Xaver nicht ganz dem entsprochen haben, was die überängstliche Dame sich unter solchem »Schutz« wohl gedacht hatte.

Bei der nächsten Haltestelle stiegen sie in die Pferdebahn. Im Wagen war kein Sitzplatz mehr, nach kurzem Besinnen stieg Jutta daher zum Verdeck hinauf, gefolgt von ihrem Begleiter.

Ein frischer Wind ging hier oben. In den Spiegelscheiben, den Laternen, dem Geschirr der Pferde, kurz in allem, was imstande war zu glänzen, spiegelte sich die Frühjahrssonne. Auf den breiten Trottoirs, unter den Alleebäumen mit ihren winzigen Knospen und Blättchen ergingen sich die Spaziergänger. Alle Leute sahen heute so vergnügt aus, als seien sie wirklich da, um zu leben, und nicht, wie sie sonst glaubten und glauben machen wollten, nur um ihrer Geschäfte willen. Vor den Läden standen die Inhaber und betrachteten sich die Lorbeerbäume, Azalien und Oleandersträucher in Kübeln, die man zum ersten Male herausgestellt hatte. Gewächse, die der Berliner, wenn ihrer mehr als ein Exemplar vorhanden ist, kühn seinen »Garten« nennt. Allerhand Buntes wagte sich an den Menschen hervor. Die Damen trugen ihre Frühjahrshüte zur Schau; da und dort tauchte auch eine helle Toilette auf.

»Lassens doch Ihren Schleier weg!« sagte er, neben ihr auf der Bank sitzend. »Die Sonne wird sich freuen, Ihr Gesicht zu sehen.«

Sie that, wie er wünschte. Seine Unbefangenheit hatte etwas Ansteckendes. War's nicht, als habe er einen frischen Luftzug mitgebracht in die fremde Stadt, voll würzigen Heimatdufts. Ihr wurde warm ums Herz. Sie fühlte sich so frei, so entbunden jeden Zwanges. Jutta freute sich auf den Tag mit ihm.

Sie hatte die Führung übernommen, obgleich sie so gut wie garnichts vom Wege wußte. Ihr Bestreben war, den nächsten Bahnhof zu erreichen; wenn man da einen Zug nach Westen zu benutzte, mußte man aus Berlin herauskommen und irgendwo landen. Das übrige würde sich dann schon finden!

Nach einiger Zeit saßen sie denn auch glücklich in einem Vorortzug und sahen Rückseiten von Häusern, Essen und Fabriken an sich vorüberfliegen. Dann kam Gartenland, Bäume, Wasser. Sie glaubten schon außerhalb Berlins zu sein; da fing es noch einmal an, mit einem Gewirr von Straßen und Plätzen. Endlich kam freies Feld, und in der Ferne zeigte sich der dunkle Kranz des Kiefernwaldes.

»Hier fängt es an, menschlich zu werden!« sagte Xaver und sog die frische Luft, die durch das geöffnete Fenster eindrang, begierig ein.

»Wollen wir bei der nächsten Station aussteigen, gleichviel wie sie heißt?« fragte das Mädchen.

Er war dabei.

Hinter dem Bahnhofe schritten sie an einer Reihe Villen vorüber, dem nahen Walde zu.

»Wir wollen keinen Menschen fragen nach dem Wege, hören Sie! Es ganz dem Zufall überlassen, wo er uns hinführen will,« rief Jutta.

»Dann am besten gar keinen Weg! Einfach der Sonne nachwandern!« meinte er.

Entzückt von diesem Plane verließ Jutta den sandigen Weg und trat in den Forst. Die alten Kiefern standen licht. Es ging sich weich und angenehm auf der elastischen Streu von braunen Nadeln. Durch die Bäume strich der Wind, bewegen konnte er die mächtigen Säulen nicht, aber er spielte mit ihrem Geäst.

»Horchen Sie nur!« sagte Xaver und blieb stehen. »Wie sie miteinander sprechen!« Jutta lauschte. »Genau wie im Tannenwald daheim! Der Wind macht sie klingen und singen. Sonst sind sie ein schweigsames Volk.«

Und er begann auf einmal zu erzählen von seiner Alpenheimat. Von der Mutter sprach er, die eine echte, rechte Bäuerin sei, fromm und einfach, gut gegen die Guten, voll Abscheu gegen alles Böse, lebhaft, und trotz ihrer Jahre rüstig, thatkräftig und lebenslustig; ein »Kernweib,« wie es deren nicht viele gäbe. Und der Vater, ehemals ein gefürchteter Raufer, dann, nachdem er abgegohren, ein strenger, zäher, sparsamer Mann, der vor allem auf Mehrung seines Besitzes bedacht war. So berichtete er weiter von seinem Onkel, dem Schreiner, in dessen Werkstätte Xaver einstmals Lehrling gewesen. Jetzt lag der Brave längst draußen auf dem Bergfriedhofe im selbstgefertigten Sarge. Das ganze Leben in Bauernhof und Dorf ließ er vor Juttas Augen entstehen, seine Jugendgeschichte, die ersten Kunsteindrücke, seinen Werdegang.

Jutta lauschte mit verhaltenem Atem. So frei hatte er sich ihr noch nie gezeigt, so offen noch nie zu ihr gesprochen. Vieles, was ihr rätselhaft gewesen war an ihm und befremdlich, wurde nun auf die einfachste Weise verständlich. Er war Naturkind, war es geblieben, trotz Künstler und modernem Menschen. Die Kultur hatte keinen Narren aus ihm gemacht, nur ein ganz klein wenig hatte sie ihn poliert, daß Glanz, Farbe und Adern dieses Steines recht zur Geltung kamen.

Hier draußen in Gottes freier Luft mußte man Xaver Pangor sehen. Hier weitete sich seine Brust, hier leuchtete sein Auge, hier schien er mit seinen kräftigen Gliedmaßen, seinem freien Gange, seinen starken Bewegungen, ein Stück Natur, zu ihr gehörig wie zum Walde das Wild. Die Stadt war kein Hintergrund für solche Persönlichkeit. Jutta hatte das erst vorhin unangenehm empfunden; er war neben ihr aufgefallen, die Leute hatten sich nach ihnen umgedreht. Er paßte nicht zu dem geschniegelten Weltstadtgigerltum ringsum. Seine Kleider, die ganz zu ihm gehörig wie eine zweite Haut an seinem Leibe saßen, waren das Gegenteil von modisch.

Ja, es war ein glücklicher Gedanke gewesen, sich mit ihm hier hinaus zu begeben.

Man schritt immer weiter quer durch den lichten Wald, der kein Ende zu haben schien. Hin und wieder kreuzten sie mal einen Weg, vermieden es aber, ihn anzunehmen.

Xaver sprach jetzt von seiner Kunst, entwickelte Pläne, schilderte die Arbeiten, die er augenblicklich im Atelier hatte. Seine Rede, eben noch fließend und lebendig, wurde mit einem Male stockend; er suchte nach Ausdrücken. Jutta wußte es ja, wenn es sich um sein Höchstes handelte, dann bekam er dieses Unbeholfene, Hilflose des suchenden, ringenden Menschen. Sie erkannte auch diesen, nach innen gerichteten Blick des versonnenen Künstlerauges wieder.

Durch die Baumstämme erglänzte jetzt in der Ferne etwas Helles. Ein Wasserspiegel. Neugierig eilten sie vorwärts und waren bald darauf am buschigen Waldrande angelangt. Das Gelände fiel steil ab zum See. Die paar Meter, die sie über der Wasserfläche erhöht standen, ergaben in der flachen Gegend einen Ausblick von überraschender Weite.

Den größten Teil des Bildes füllte der See aus mit seiner metallgrauen, durch den schwachen Wellenschlag nur wenig bewegten Fläche, platt hingeworfen wie ein blanker Schild. Ein Kranz von braunem Schilf als Vordergrund, auf dem Wasser ein alter baufälliger Kahn angepflöckt. Im graublauen Himmel ein paar blendend weiße Punkte: Möven, die in graziösem Fluge über einer dunkleren Stelle des Wassers schwebten. Vom jenseitigen Ufer grüßte der Kiefernwald, eine sanft gebuchtete Wand mit einem Streifen gelben Sandes davor. Dort, wo der See in ein spitzes Ende auslief, traten die Kulissen zurück; ein Stückchen Ebene wurde sichtbar, auf dem die volle Sonne lag. In südlicher Heiterkeit geradezu erstrahlte das gegen den nüchternen Vordergrund. »Ferne«, hieß die gut gelaunte Malerin, die sich in diesem nördlichen Lande einen solchen Farben-Scherz erlaubte.

Jutta und Xaver standen lange Zeit tief versunken. Sie waren beide viel zu sehr Künstler, um durch Ausbrüche des Staunens oder gar durch erklärende Worte in solchem Augenblicke sich und dem anderen die Stimmung zu verderben. Andachtsvoll nahmen sie das Geschenk auf, welches ihnen der liebe Gott in den Weg gelegt hatte, als Feiertagsüberraschung.

Man nimmt immer etwas mit in der Seele von solchem Moment. Das Bild mag von der Netzhaut verschwinden, aber es bleibt eine Bereicherung jenes inneren Schatzes von Schönheit, an dem der Mensch, der sehen gelernt hat, sammelt sein Leben lang.

Ohne daß ein Zeichen zwischen ihnen gewechselt wurde oder ein Wort gefallen wäre, wandten sich Jutta und Xaver gleichzeitig und traten zurück in den Wald. Beide wußten, daß sie sich näher gekommen waren in den letzten Minuten, und beide waren von diesem Bewußtsein stark bewegt.

* * * * *

Sie waren in eine Wirtschaft eingekehrt, die mitten im Walde lag, dort hatten sie ihr Mittagbrot eingenommen. Da sie die ersten Gäste waren, verfrühte Schwalben gleichsam, die den Anbruch der Saison verkündeten, wurden sie besonders gut bedient. Schließlich, als sie aufbrechen wollten, begleitete der Wirt sie ein Stück, um ihnen den rechten Weg nach der Eisenbahnstation zu weisen.

Es war Juttas Wunsch gewesen, nun zu gehen. Sie bedachte, daß die Weßlebens sich schließlich doch um sie ängstigen möchten, wenn sie gar so lange ausblieb. Als sie aufbrachen, war noch heller Tag; aber unterwegs kündete sich die Dämmerung an.

Im Walde war es schon beinahe dunkel. Graue und braune Farbentöne herrschten vor. Nur der sandige Weg leuchtete vor ihnen in fahlem Lichte. Der Himmel blieb hell und färbte sich gegen Westen zu gelblich. »Die Sonne ist sparsam in ihren Effekten hier zu Lande!« meinte Xaver. »Haben Sie mal einen Sonnenuntergang gesehen in den Bergen?« Jutta nickte. Er begann wieder von seiner Heimat zu schwärmen.

Das Mädchen blieb einsilbig. Zu voll war ihr das Herz zum Sprechen. Nachdenklich schritt sie vor sich hin; der Abend hatte sie mit seinem Traum-Fittich berührt.

Was für ein außerordentlicher Tag lag hinter ihr! Außerordentlich nicht durch äußeres, um so mehr aber durch inneres Erleben. Sie dachte an ein Wort von Lieschen Blümer, das sie erst heute in seiner Wahrheit begriff: »Gewisse Erlebnisse haben Ewigkeitswert; sind nur Symbole von größeren Dingen, die sich jenseits der Wolken abspielen.«

Ganz fromm und still war sie geworden; beten hätte sie mögen, danken für ein großes, unverdientes Glück. Versöhnt fühlte sie sich. Alle Unruhe, alles Häßliche, alle Furcht, alle Eifersucht war von ihr genommen. Sie konnte an alle Menschen in Liebe denken. Wer glücklich ist, kann nicht hassen.

War es nicht herrlich, zu denken, daß es so einfache, gute und große Menschen gab! Kam es darauf an, daß man geliebt wurde? Nein, wenn man nur selbst lieben durfte; das war das wichtige! Darin lag das Glück beschlossen.

Und lieben durfte sie. Wer konnte es ihr verwehren. Niemand wußte es ja! Nicht einmal der, den sie liebte.