Liebe ist ewig

Part 17

Chapter 173,615 wordsPublic domain

Jutta, die anfangs eine ziemlich große Leinewand auf der Staffelei hatte, stellte das angefangene Bild bei seite und fing mit einem Male an, eine ganze Anzahl kleiner Bilder in Aquarell zu komponieren: Genre, Landschaft, Stillleben. Man fand die Sachen reizend und staunte vor allem die Schnelligkeit an, mit der ihr die Arbeit von den Händen flog. Das Staunen der Weßlebens wuchs, als sie zu diesen Bildern, deren sie wohl ein Dutzend in weniger als vierzehn Tagen zu stande gebracht, nun auch selbst die Rahmen anfertigte. Sie schien alles zu können, jede Technik spielend zu beherrschen. Wie ein Wunder erschien das Entstehen solcher Werke aus dem Nichts für Leute, die mit der lebendigen Kunst noch kaum in Berührung gekommen waren. Als aber Jutta ihre kleine Ausstellung samt und sonders für den Bazar zur Verfügung stellte, da war die Freude wirklich groß. Der Frau Pastorin kam im stillen der Gedanke -- fast wie eine Ketzerei von ihr betrachtet -- daß auch von katholischer Seite mal etwas Gutes kommen könne.

Juttas Bilder fanden auf dem Bazar reißenden Absatz. Zwei davon wurden durch eine Hofdame sogar für die allerhöchste Protektorin des Vereines angekauft.

Jutta Reimers ward im Weßlebenschen Hause mehr und mehr zum Mittelpunkte des Interesses. Niemand, selbst die widerstrebende Frau Pastorin nicht, konnte sich der Liebenswürdigkeit des Gastes entziehen. Die Unterhaltung bei Tisch war belebter. Der alte Herr ließ sich gern von dem jungen Mädchen unterrichten über die herrschenden Anschauungen in der Kunstwelt, die, wie er staunend erfuhr, garnicht so unvernünftig und frivol waren, wie sie ihm die Blätter, welche er las, dargestellt hatten. Die beiden Söhne, der Jurist und der Diakonus, kamen jetzt fast regelmäßig des Abends zu den Ihren; auch auf sie übte der außergewöhnliche Besuch im Hause begreifliche Anziehungskraft aus.

Juttas größte Verehrerin aber war und blieb Agathe. Ihre Begeisterung war so augenfällig, daß Eberhard anfing eifersüchtig zu werden. Er behauptete, für seine Braut überhaupt nicht zu existieren, wenn die Schwester in der Nähe sei.

Früh war Agathens erster Blick in das Zimmer neben dem ihren, ob Jutta gut geschlafen, ob sie irgend einen Wunsch habe. Tags über, wenn Jutta arbeitete, war Agathe kaum von der Staffelei der Freundin wegzubringen. Jedes Wort von Jutta beglückte sie, eine Liebkosung machte sie selig. Für Juttas Ansichten, wenn diese sich mit den Herren unterhielt, trat Agathe unbedingt ein. Des Abends, sobald alles schlief, schlich sie sich an das Bett der Freundin und war überglücklich, wenn sie noch ein Stündchen mit der Angebeteten verplaudern durfte.

Eberhard trat darüber wirklich etwas in den Hintergrund.

Für ihn kam nun die Zeit, wo er alle Kräfte zusammennehmen mußte, auf die nahe bevorstehende Prüfung los. Seine Besuche waren gegen früher flüchtiger. Oft war er auch abgespannt; die rechte Bräutigamsstimmung kam nicht in ihm auf. Da blieb er lieber bei Büchern und Kollegheften auf seinem Junggesellenzimmer. So gar lange konnte es ja nicht mehr währen, daß es für ihn keine einsamen Abende mehr geben würde.

Nachdem Jutta die Bilder für den Bazar vollendet hatte, faßte sie die Idee zu einer neuen Arbeit. Weihnachten stand in nicht allzu weiter Ferne. Sie plante eine besondere Überraschung für ihre Wirte. Pastor Weßleben hatte in einem seiner Kunstgespräche die Bemerkung fallen lassen: ihm scheine die Kunst dann am vollkommensten ihrem höheren Zwecke nachzukommen, wenn sie uns biblische Stoffe menschlich nahebringe. Dabei hatte er erwähnt, daß von allen neueren Bildern, die er kenne -- er gab selbst zu, daß deren Zahl beschränkt sei -- ihm am ergreifendsten erscheine ein Bild in der Nationalgalerie, welches die Auferweckung von Jairi Tochter darstelle.

Jutta hörte dem alten Herrn gern zu, obgleich die Ausdrücke, in denen er von Kunst sprach, ihrem Ohre etwas altmodisch klangen. Sie hegte für Vater Weßleben besondere Zuneigung. Sein edles, bleiches, vom Leiden verklärtes Angesicht entzückte ihren Künstlersinn, seine abgeschlossene Weltanschauung und milde Würde nötigten sie zur Bewunderung.

Sie hatte sich ausgedacht, das von ihm geliebte Bild zu kopieren und ihn damit zu Weihnachten zu überraschen.

Die Aufgabe war keine kleine. Denn das weit über Lebensgröße gemalte Original mußte, um ein Staffeleibild von erträglichem Umfange zu gewinnen, auf mindestens ein Fünftteil seines Umfanges zurückgeführt werden. Andererseits reizte gerade diese Arbeit, bei der man viel für Augenmaß und Technik profitieren konnte.

Jutta ging von da ab an den Tagen, wo kopiert werden durfte, schon des Morgens nach der Nationalgalerie. Nur Agathe wußte um das Geheimnis.

Die Überraschung am Weihnachtsfeste war groß. Das Bild beherrschte den ganzen, im übrigen äußerst schlichten Bescherungstisch. Juttas Einfall war das, was der alte Pastor einen »echten Herzensgedanken« nannte. Das Bild sollte fortan in seiner Studierstube hängen, auf dem besten Platze, wo sein Blick hinfiel, wenn er im Lehnstuhl saß.

* * * * *

In der Familie Weßleben, die einen so einheitlichen und geschlossenen Eindruck machte, gab es manche geheimen Gegensätze. Zwar trugen diese Menschen einen bestimmten, unverlöschbaren Typus als äußeren Stempel, aber dennoch stellte jedes einzelne Glied ein Wesen für sich dar, mit eigenen Fähigkeiten und besonderer Entwickelung, auseinanderstrebend wie die Äste eines Baumes, die zwar auch von gleicher Art und Bildung sind, nach einem ihnen innewohnenden Gesetze aber jeder für sich einer anderen Himmelsrichtung zuwächst.

Von den vier Geschwistern -- zwei früh verstorbene lagen auf dem Dorffriedhof von Pudelsee -- war der Missionar ein Mann nicht über den Durchschnitt begabt, einseitig, zur Schroffheit neigend, aber zähe, energisch und voll Unerschrockenheit; ein echter Norddeutscher. Für ihn gab es nur eine mögliche Weltanschauung; das war der Glaube der Kirche, in welcher er geboren war. Für den Glauben hätte er aber auch gern sein Leben gelassen. Er war einer von den Christen, denen es nicht genügt, im stillen ihrer Überzeugung zu leben, die vielmehr von dem unwiderstehlichen Drange getrieben werden zum Bekennen und Zeugen vor der Öffentlichkeit. Solchen genügt die alltägliche Kleinarbeit im Weinberge nicht, sie dursten nach persönlicher Gefahr, wollen Qual und Not empfinden, um sich genug zu thun und sich vor Gott zu rechtfertigen.

Der Älteste war der Mann nach dem Herzen der Mutter. »~Mein~ Missionar« nannte sie ihn, während sie von Martin nur »~der~ Diakonus« zu sagen pflegte. Otto aber war in ihren Augen eigentlich entartet, weil er die Tradition der Familie durchbrechend, sich einem anderen als dem geistlichen Stande zugewendet hatte.

Der begabteste von den Brüdern war entschieden Otto. Sein scharfer Verstand und sein logisches Denken war ja das gewesen, was auf Eberhard, als sie sich kennen lernten, den stärksten Eindruck gemacht hatte. Aber es entging Eberhard nicht, daß der Freund ein anderer sei, wenn im Kreise der Seinen, ein anderer, wenn man ihn allein hatte. Daheim schien ihn eine gewisse Rücksicht zu binden, es war, als wage er es nicht, sich frei zu geben, ganz aus sich herauszugehen.

Mit der Zeit begann Eberhard diese Erscheinung zu begreifen, obgleich Otto ihm ein wirkliches Geständnis nicht ablegte. Der Freund stand auf dem Boden einer anderen Weltanschauung als die Seinen, hatte sich emancipiert von dem Glauben, der dort gehütet wurde als das kostbarste Lebensgut. Er wollte die Eltern seinen inneren Abfall nicht merken lassen. Als ehrlicher Mensch jedoch litt er schwer unter dem Heuchelnmüssen. Schamhaft, wie im Grunde solche äußerlich selbständige Naturen oft sind, brachte er es nicht über sich, irgend jemandem sich anzuvertrauen. Otto scheute weniger das Geständnis -- denn einer eigentlichen Schuld war er sich nicht bewußt -- aber er fürchtete sich vor den Bekehrungsversuchen, die dann mit ihm angestellt werden würden. Auch wußte er, wie schmerzlich die Erkenntnis, einen Abtrünnigen in der Familie zu haben, auf seine Eltern wirken müsse. So nahm er die ihm selbst innig verhaßte Rolle auf sich, äußerlich umschlungen zu halten, was ihm im Innersten längst entfremdet war. Aus Pietät mußte er Pietät heucheln.

Die komplicierteste Natur von den dreien war Martin. Er hatte sich spät entwickelt, das Lernen fiel ihm sauer; die Examina hatte er stets nur unter Angstschweiß bestanden. Obgleich Geistlicher wurde ihm das öffentliche Sprechen ungeheuer schwer; er mußte jede seiner Reden wörtlich memorieren. Auch im alltäglichen Leben war es ihm nicht leicht gemacht, seine Ansichten frei und gefällig zu äußern.

Er glaubte, in einem ganz besonderen persönlichen Verhältnis zu seinem Erlöser zu stehen, war ein großer Beter. Das innerste Wesen seines Glaubens hielt sich nicht frei von einer gewissen Mystik. In schwierigen Fällen, wenn ihn die Vernunft im Stiche ließ, pflegte Martin Weßleben die Bibel zu Rate zu ziehen; diejenige Stelle, auf die beim Aufschlagen zuerst sein Blick fiel, mußte ihm als Orakel dienen.

Unter Menschen hatte der junge Theologe leicht etwas Scheues; ehe er auftaute, dauerte es lange. Innerlich erlebte er vieles, was nie an die Oberfläche seines Wesens kam. Auf Martin lastete die Armatur von Zurückhaltung, Korrektheit und Würde, die in seiner Familie zur Tradition gehörte, am schwersten. Er empfand am tiefsten und unmittelbarsten, fühlte das Bedürfnis, sich hinzugeben, und war am wenigsten gemacht, auszudrücken, was er empfand, sich von der Last zu befreien, die er unsichtbar mit sich herumschleppte.

Die Liebe, mit der er seinen Glauben umklammert hielt, hatte etwas an sich von weiblichem Hingabebedürfnis. Er haßte und fürchtete die Weltlichkeit, suchte Rettung in einem mönchischen Einsamkeitsideal. Glaubenszweifel, wie sein Bruder Otto hegte, hatte er nie gehabt, aber ihn quälten andere Nöte im Gemüt. Und auch dieser Mann war zu schamhaft, um vor sich selbst Rettung zu suchen in der Mitteilung an andere. Den Seinen vertraute er von seinen innersten Regungen nichts an.

So erfuhr denn auch niemand etwas von dem Sturm, welcher dieses Gemüt in letzter Zeit von Grund aus aufwühlte. Niemand sah dem stillen Menschen an, daß seine Seele in einen Wirbel hineingerissen war von Hoffen und Verzagen, Glücksgefühl, Pein und Zweifel; mit einem Worte, daß Martin hoffnungslos liebte.

Die Frauen waren so gut wie garnicht in sein Leben getreten. Er kannte eigentlich nur Mutter und Schwester. Instinktiv hielt er sich dem anderen Geschlechte fern, das ihm, weil er es nicht kannte, unheimlich dünkte. Seine Phantasie war rein geblieben wie sein Wandel.

Und nun auf einmal trat ein Wesen in seinen Gesichtskreis, das ihm durch das Neue seiner Art, durch das Außerordentliche seiner Erscheinung und seiner Gaben zunächst völlig den Atem benahm. Staunend stand er da und vermochte nur zu schauen. Und als dann Jutta, bestrebt, gegen ihn wie gegen jedes andere Mitglied der Familie freundlich zu sein, allmählich das Fremde und Erschreckende für ihn verlor, da wirkte das Verheißungsvolle, Sehnsuchtweckende, geheimnisvoll Einladende, was das Wesen der Jungfrau für den Jüngling hat, um so berauschender auf den unverdorbenen jungen Menschen.

Ein Gefühl zog bei ihm ein, das ihn durch seine Kraft und Ausschließlichkeit erschreckte, ihm wie Sünde erschien und Abfall von den bisherigen Idealen. Er kämpfte, wie ein Mensch gegen eine überlegene Macht kämpft, verzweifelt; trieb sich den Stachel, den er entfernen wollte, nur immer tiefer ins Herz.

Nicht sanft und freundlich hatte ihn die Liebe angefaßt; sie nahm von ihm Besitz, wie eine siegreiche Armee, der sich alles unterwerfen muß. Er lernte das unerhörte Gefühl kennen des Sich-Verlierens an eine Leidenschaft. Menschliche und göttliche Autorität, alles, was uns bisher lieb und gewohnt gewesen, versinkt davor. Sie macht den Menschen sich selbst fremd, bringt ihn dazu, Dinge zu thun und Gedanken zu denken, die seiner ganzen Sinnesart entgegengesetzt sind. Sie duldet keine Götter kleinerer Art neben sich. Und dagegen giebt es kein Sträuben. Zerstreuungen, Arbeit, Gebet helfen nichts; unentrinnbar ist der liebende Mensch dieser Herrscherin verfallen. Glücklich der, dem in solchem Zustande Hoffnung winkt, und sei sie noch so schwach. Aber verzweifelt ist die Lage des Unglücklichen, der sich hoffnungslos nach Gegenliebe sehnt.

Martin Weßleben wußte, daß seine Gefühle niemals Erwiderung finden konnten. Juttas Konfession mußte ihm, dem im orthodox protestantischen Pfarrhause aufgewachsenen Diener des Evangeliums, als ein unüberwindliches Hindernis erscheinen für ihre äußere Vereinigung. Aber darüber hinaus fühlte er deutlich, daß zwischen Juttas Natur und der seinen eine nicht zu überbrückende Kluft bestehe, tiefer und bedeutungsvoller, als der Unterschied der Konfessionen.

Eine qualvolle Ahnung sagte ihm außerdem, wie sie manchmal arglosen Gemütern deutlicher wird als den gewitzigten, daß das Herz des Mädchens nicht frei sei.

XIX.

Juttas Weggang von München war eine Flucht gewesen. Flucht vor ihrem Vater und Vally, Flucht vor Luitpold Habelmayer, Flucht vor der Erinnerung an Bruno, Flucht schließlich vor sich selbst und ihren thörichten Herzenswünschen. Als ihr Eberhard damals den Vorschlag machte, nach Berlin zu kommen, hatte sie das begrüßt, wie ein Mensch die Möglichkeit willkommen heißt, sich aus verzweifelter Lage zu befreien. Berlin! Das hatte für sie mehr bedeutet, als eine neue Stadt; sie meinte, dort solle für sie ein neues Leben entstehen.

Sie dachte jetzt so wenig wie möglich nach München, spiegelte sich vor, daß ihr gleichgiltig sei, was dort vorgehe. Und sie bekam auch selten genug Nachrichten von der Heimat. Ihr Vater schrieb ja überhaupt nur Geschäftsbriefe. Vally schickte zu Weihnachten ein Geschenk mit beiliegendem Brief. Zwischen den Zeilen las Jutta den Wunsch: ›Bleibe nur ja recht lange weg! Du bist zu Haus ganz gut entbehrlich!‹ -- An Lieschen Blümer hatte Jutta geschrieben, bis jetzt aber noch keine Antwort erhalten.

Mit der Zeit konnte es Jutta nicht verborgen bleiben, daß ihre Person den zweiten Weßleben nicht gleichgiltig lasse. Martin war zwar nach Kräften bemüht, seine Gefühle im tiefsten Herzensschreine zu verbergen, nur fehlte ihm leider zu dieser Rolle alles Geschick. Und es gehört nicht viel dazu, um einem Mädchen zu verraten, daß ein Mann sie liebt.

Jutta fühlte sich von dieser Entdeckung aufs peinlichste berührt. Es war von jeher ihr Schicksal gewesen, die Begehrlichkeit des anderen Geschlechtes herauszufordern. In Berlin, wo ihre Erscheinung fast noch mehr auffiel, als in München, hatte sie, obgleich sie sich absichtlich einfach kleidete, bereits einige unangenehme Erlebnisse auf offener Straße gehabt. Und nun ein neuer Roman in Sicht! --

Zwar ihrer selbst war sie sicher; Martin würde ihr nicht gefährlich werden. Dieser lang aufgeschossene, bleiche, linkische Jüngling im Lutheranerrock war ihr im Grunde genommen lächerlich. Immerhin mußte man befürchten, daß er irgend welche Dummheit begehe, welche ihre Stellung in der Weßlebenschen Familie gefährden mochte. Sie richtete ihr Benehmen so ein, daß der Diakonus darin nicht das geringste Entgegenkommen erblicken konnte.

Daß sie in ihrem Leben niemals inbrünstiger und dabei keuscher von einem Manne geliebt worden war, als von Martin Weßleben, ahnte Jutta nicht.

Auf ganz anderem Gebiete bewegten sich jetzt Gedanken und Pläne des Mädchens. In Berlin hatte sie wieder arbeiten gelernt, und in ganz neuem Sinne empfand sie Freude an ihrer Kunst. Etwas in ihr rang nach Leben, wollte gestaltet sein. Sie sah es in unklaren Umrissen nur. Es war zunächst mehr eine Stimmung, eine Erinnerung, ein Schmerz, von dem sie sich befreien wollte. Beständig änderte es seine Physiognomie. Sie floh davor, stürzte sich in andere, unbedeutende Arbeit, nur um ihre Hand zu beschäftigen. Aber innerlich arbeitete sie unausgesetzt an dem gleichzeitig erhofften und gefürchteten großen Werke. Wie ein Fieber quälte sie die Sehnsucht, endlich die Arbeit vorzunehmen.

Wenn Jutta Reimers trotzdem noch immer zögerte, ans Werk zu gehen, so war das Zurückhaltung, die sie sich mit vollem Bewußtsein selbst auferlegte. Ein Wort von Xaver Pangor kam ihr nicht aus dem Sinn, das sich ihrem Gedächtnis tief eingeprägt hatte. Etwa so hatte sich der Bildhauer ausgedrückt: »Sie können nur dann hoffen, etwas Wertvolles zu schaffen, wenn Sie Geduld üben lernen. Wie die reifen Früchte müssen die Werke von uns abfallen. Aus den Säften und Kräften unseres Kopfes und Herzens sollen sie sich nähren. Wie in der Natur giebt es in unserem Leben Perioden, wo wir Künstler ruhen und ansammeln, und Zeiten, wo wir die aufgespeicherten Eindrücke und Erlebnisse aus uns hervorbrechen lassen. Aber ebensowenig, wie man dem Frühjahr gebieten kann zu kommen, ebensowenig soll man vorzeitig Blätter, Knospen und Früchte einheimsen wollen von dem inneren Menschen. Man schaffe nur, wenn der Geist treibt, wenn man etwas Außerordentliches zu sagen hat, wenn uns der Überfluß in den Fingern juckt.« --

Die Künstlerin glaubte, daß dieser Augenblick nunmehr gekommen sei. Sie hatte Geduld genug geübt, das Werk war reif; mit gutem Gewissen, auch vor Xaver Pangor, konnte sie daran gehen, es aus sich herauszustellen.

Sie nahm die große Leinwand wieder vor, die sie bereits zu bemalen angefangen hatte. Gegen Agathens Protest wurden die aufgetragenen Farben davon mit Hilfe von Terpentin entfernt. Langsam wuchs zunächst in Umrißlinien, dann in Farben, etwas Neues heran.

Eine lebensgroße Männergestalt bildete die Hauptfigur. Der Mann, dessen Züge vorläufig kaum angedeutet waren, stand gesenkten Hauptes mit leicht gefalteten Händen vor einem Marmorblock, an dem er gearbeitet hatte. Die Anfänge zu einer Christusgestalt schälten sich aus dem grauen Stein.

Nachdem sie ein paar Tage lang eifrig gemalt, machte Jutta plötzlich Halt in ihrer Arbeit. Nicht einfach und schlicht genug war ihr das Ganze, zuviel Pose, zuviel Erzählung darin. Sie nahm dem Manne alle Attribute seines Gewerbes; kein Künstler war es nun mehr, nur ein einfacher Geselle in ländlicher Tracht. Das Atelier verwandelte sich in eine Bauernstube mit schwerem, altersgebräuntem Gebälk, durch die halboffene Thür leuchtete in wunderbarem Kontrast zum Dämmerlicht des geschlossenen Raumes die lebendige Alpenlandschaft. Das Christusbildnis rückte ganz ins Halbdunkel, wurde zum schlichten, hölzernen Kruzifix.

Zuletzt erst nahm die Künstlerin den Kopf des Mannes vor, den sie sich bis dahin aufgespart hatte. Während sie vorher unausgesetzt geändert und umgestellt, fast zaghaft geschaffen hatte, führte sie dieses Wichtigste, das, worum es sich wohl vor allem gehandelt hatte für sie bei der ganzen Komposition, in wenigen Stunden mit kühnen sicheren Strichen aus, als arbeite sie nach Modell. Der Kopf war in Profil. Mächtig sprang die stark gewölbte Stirn vor, gemildert in ihrer Wucht durch den versonnenen Ausdruck der blauen Augen.

Das eigenartig Ergreifende des Bildes lag in dem eindringlichen Gegensatz zwischen der muskulösen, von Kraft strotzenden Männergestalt, die zum Kampfe wie geschaffen schien, und der demutsvollen Haltung, der schlichten Ergriffenheit, der stummen, fast kindlichen Ehrfurcht vor dem primitiven Heiligtume, das diese starken Hände geschaffen.

Als Jutta den Kopf fertig hatte, warf sie noch einen langen Blick auf das Ganze. Dann räumte sie alles weg von Malutensilien und sagte zu Agathen, die fast während der ganzen Arbeit bei ihr gewesen war: »Nun mache ich daran keinen Strich mehr!« --

Jutta hatte das dunkle Gefühl, daß sie ihr Meisterwerk geschaffen habe, das Werk, welches wir nur einmal im Leben hervorbringen, wenn wir in gottgesegneter Stunde bis dorthin hinabsteigen dürfen, wo das Mysterium unserer großen Liebe verborgen ruht.

Agathe stand bewundernd vor dem Werke. »Wie kann man nur so etwas aus Nichts schaffen?« -- sagte sie. »Und wie kann man es so machen, daß es dasteht sicher, schön und lebendig? Mir ist diese Gestalt ein Bekannter. Ich könnte schwören, daß es diesen Manne geben müßte, irgendwo!«

Jutta erwiderte nichts auf die Worte ihrer kleinen Freundin, obgleich sie sich wunderlich davon getroffen fühlte.

* * * * *

Das Bild war seit kurzem in einer der größten Kunsthandlungen Berlins ausgestellt. Da die Künstlerin behauptete, keinen Namen für ihr Werk zu wissen, hatte man ihm im Katalog der Ausstellung die Bezeichnung »der Herrgottsschnitzer« gegeben.

Zum Staunen der Weßlebens war Jutta übrigens nicht dazu zu bewegen, sich ihr eigenes Machwerk am öffentlichen Orte anzusehen. »Gerade weil es mein Bestes ist,« sagte sie zu Agathen, »mag ich nicht erleben, wie es dort hängt, preisgegeben den Blicken von Menschen, die es doch nicht verstehen können.«

Das Malen hatte Jutta anscheinend fürs erste aufgegeben. Sie fing allerhand an, versuchte sich im Zeichnen von Buchdeckeln, modellierte in Wachs; ließ beides aber, weil es sie nicht befriedigte, bald wieder liegen.

Etwas Unstätes war über das Mädchen gekommen. Es ging ihr, wie es dem Künstler zu gehen pflegt, wenn er einem Gedanken, der ihn Monate lang im Banne gehalten, endlich zum Leben verholfen hat; die Seele ist dann wie entleert, der edle Enthusiasmus, der alle unsere Kräfte in Spannung gehalten, macht der Ernüchterung Platz. Die Stimmung des erhabenen Rausches, in der wir eine Zeitlang gelebt haben, ist unwiederbringlich dahin. Ein Gefühl der Einsamkeit beschleicht uns, als sei der liebste Freund von uns gegangen.

In dieser Verfassung ist man empfindlich und leicht verletzt. Das Urteil über unsere Umgebung fällt dann wohl herber aus als in Zeiten, wo wir im Hochgenusse des Schaffens alles in dem sonnigen Lichte sehen, das aus uns selbst heraus auf die übrige Welt strahlt.

Jutta empfand auf einmal den Unterschied, der zwischen ihr und ihrer jetzigen Umgebung bestand, viel stärker, als vordem. Früher hatte sie die Farblosigkeit dieses Lebens, die Trockenheit des Tones, die Einseitigkeit des Urteils, das gänzlich Unkünstlerische, was dem Weßlebenschen Kreise nun mal anhaftete, nicht weiter gestört; im Gegenteil, als interessanten Gegensatz zu der gewohnten, hatte sie diese Weltanschauung empfunden. Aber nun auf einmal merkte sie die Prosa davon. Ihre verstimmten Nerven lehnten sich auf gegen das fremde Element, in das sie versetzt worden war, und das ihr nicht zusagte. Die Luft kam ihr drückend vor in den kleinen Räumen, deren spießbürgerliche Einrichtung eine tägliche Beleidigung bedeutete für ihren Geschmack.

Sie hütete sich indessen, ihre Wirte davon etwas merken zu lassen, nahm sich zusammen, schon um Eberhards willen. Aber solche scheinbar unwägbaren Verstimmungen unseres Gemütes teilen sich doch auf irgend eine Weise durch die Luft den anderen Menschen mit. Eine Abkühlung trat ein, zunächst unmerklich, in der gegenseitigen Herzlichkeit.

Die Frau Pastorin fing wiederum an, Gewissensbisse zu empfinden in dem Teile ihres Herzens, der für den Protestantismus reserviert war. Auch andere, vielleicht berechtigtere Bedenken hegte die gute Frau um Juttas willen. Sie hatte zwei Söhne in dem Alter, wo junge Leute sich leicht Dummheiten in den Kopf setzen. Dazu ein Wesen, wie diese Malerin im Hause! -- Zwar Koketterie konnte sie Jutta beim besten Willen nicht nachsagen; aber es lag nun mal in der Erscheinung des Mädchens etwas zu den Sinnen Sprechendes. Frau Weßleben bezeichnete das als »römische Hoffart.« Auch in Juttas Kunst witterte sie Verwerfliches. Agathe war dem Banne der Fremden bereits völlig anheimgefallen. Die Jungens kamen neuerdings auch viel häufiger ins Haus, seit man diesen Magneten da hatte, der alles an sich zog. Man mußte ein Auge darauf haben, daß sich nichts Schlimmeres entspinne.

Die vorsichtige Mutter ahnte nicht, wie tief verstrickt bereits das Herz eines ihrer Söhne war.

* * * * *

Endlich kam der schon lang erwartete Brief von Lieschen Blümer.

Sie schrieb: