Liebe ist ewig

Part 16

Chapter 163,658 wordsPublic domain

Freie Wahl aus Neigung, das gab die beste Garantie für das Liebesglück der Lebenden und damit für das Gedeihen zukünftiger Generationen. War er nicht drauf und dran, diesen Grundsatz, den er in der Natur anerkannte, im Falle der eigenen Schwester zu vergessen? Wollte er nicht Jutta einen Mann oktroyieren, den sie nach allem, was man sah und hörte, wenn sie ihn überhaupt jemals geliebt, jetzt doch aufgehört hatte zu lieben? --

Auch andere Erwägungen sprachen gegen Bruno. Der Mann, welcher ein Mädchen zur seinen machen wollte, mußte ihr vor allen Dingen gewachsen sein. Selbst erobern mußte er sie sich! Es war ein bedenkliches Zeichen, daß Bruno Freundeshilfe angerufen hatte in einer Sache, die wie keine andere sein und nur sein war.

Eberhard bereute es jetzt, sich darauf eingelassen zu haben, den Vermittler zu spielen. Zu spät sah er ein, daß er damit ein undankbares und fruchtloses Geschäft übernommen hatte. Zur Liebe überreden ließ sich kein Mensch, am wenigsten seine Schwester. Er hatte, das mußte er sich selbst sagen, Unrecht begangen gegen Jutta, da er ihr in einer Herzensangelegenheit seinen Rat aufdrängen wollte.

Daß Bruno sehnlichst auf einen Brief von ihm wartete, wußte Eberhard. Es that ihm leid, daß er dem armen Kerl keine besseren Nachrichten schicken konnte. Aber Schonung wäre in diesem Falle das verkehrteste gewesen.

* * * * *

Während Eberhard des Freundes Angelegenheit betrieb, hatte er vor Begierde gezittert, der Schwester von seinem eigenen Liebesglücke zu erzählen. Jutta sollte die erste sein, von seiner Braut zu hören; Jutta, die, ohne es zu wissen, in so eigenartiger Weise verknüpft gewesen war mit seiner Werbung um Agathen.

Er trug jenes rührende Bildchen, bei dessen Anblick seine Gefühle sich verraten hatten, mit sich herum, wie einen Talisman. Es war vorläufig noch das Einzige, was er als sichtbares Zeichen ihrer Neigung von Agathen besaß.

Eberhard hatte mit Agathens Eltern gesprochen. Die Aussicht, die Tochter einmal zu gewinnen, war ihm nicht verneint worden; aber -- wie er nicht anders erwarten durfte -- hatten die Eltern Weßleben zur Bedingung gemacht, daß er zunächst sein Studium beende.

Er besaß also eine wohlbegründete Anwartschaft auf Agathens Hand; aber was ihm unendlich viel wichtiger erschien, er besaß des Mädchens Herz. Dafür war ihm Beleg der erste Brief, den er von Agathe als Antwort auf einen von ihm erhielt. Noch hatte er überhaupt keine Zeile, von ihrer Hand geschrieben, zu Gesicht bekommen. Als er den Poststempel Berlin sah, dazu die saubere Mädchenhandschrift, da wußte er, von wem allein das kommen könne. Er nahm sich zusammen, seinem Vater und der allezeit neugierigen Cousine Vally, die mit ihm am Frühstückstische saßen, nicht merken zu lassen, wie er darauf brannte, den Umschlag zu öffnen.

Agathens erster Liebesbrief war ein wenig steif, so kam es ihm wenigstens vor. Eberhard hatte ein Schreiben an sie gerichtet, voll von Überschwang und Sehnsucht.

Auf den Ton war Agathe nicht eingegangen. Sie schrieb von den Vorgängen bei ihnen, dem Befinden des Vaters, von den Brüdern; aber das, was zu vernehmen es ihn verlangte: einen Widerhall seiner Leidenschaft, suchte er bei ihr vergebens. Gewiß, Agathe war darin, in diesem einfachen klaren Satzbau, in diesem völligen Mangel an Ziererei und Übertreibung, aber wo war das Mehr, das Gesteigerte, das die Liebe doch jedem Wesen verlieh.

Hätte er nicht froh sein sollen, daß sie sich so getreu blieb; getreu vor allem darin, daß sie nicht mehr gab, als sie hatte! Der Brief zeugte in jeder Zeile für die Ehrlichkeit der Schreiberin. An einer einzigen Stelle wurde der Ton wärmer; das war da, wo Agathe nach Eberhards Schwester sich erkundigte. Sie beneide ihn, sagte sie, daß er jetzt mit Jutta zusammen sein dürfe, und fragte schüchtern an, ob er der Schwester schon etwas von ihr, von Agathen, erzählt habe.

Damit war für Eberhard der Anstoß gegeben, Jutta in sein Geheimnis einzuweihen. Bis zum letzten Augenblicke blieb Eberhard zweifelhaft, wie sie es aufnehmen werde. Würde er im stande sein, der Schwester das richtige Bild zu geben von seiner Braut? -- Sie waren doch so himmelweit von einander verschieden! Und trotz Agathens Schwärmerei für Jutta war ihm bange vor dem Augenblicke, wo die beiden Mädchen einander begegnen würden. Beide waren sie ausgesprochene Persönlichkeiten, keine würde ablassen von der angeborenen Art, keine sich in die andere schicken wollen.

Schonend beinahe teilte er daher der Schwester seine Herzensangelegenheit mit. Er erzählte, wie alles gekommen, suchte ein Bild zu geben von der Umgebung, in welcher das Mädchen aufgewachsen, von ihrem Charakter, und wie der sich aus dem Wesen ihrer Familie erkläre.

Der Erfolg war ein ganz andrer, als erwartet. Jutta legte Freude an den Tag über des Bruders Glück, als sei es ihr selbst widerfahren. Sie konnte nicht genug zu hören bekommen von Agathen. Unwillkürlich ermutigte ihn das, bestärkte ihn in dem Gefühle, daß er richtig gewählt habe, da er sah, wie die bloße Beschreibung seiner Braut auf die Schwester wirkte.

Agathe war fortan das Lieblingsthema für die Geschwister. Jutta sprach von ihr, wie von einer Person, die man ganz genau kannte. Und mit Entzücken fand Eberhard das Bild, welches er von der Geliebten entworfen hatte, widergespiegelt in der Schwester Urteil.

Aus freien Stücken schrieb Jutta einen Brief an Agathen und legte ihre Photographie bei.

Eberhard hatte wieder mal Gelegenheit, über die Beweglichkeit des weiblichen Gemütes zu staunen. Ihre Handlungsweise war soviel unmittelbarer und selbstverständlicher als die unsrige. Alles faßten sie soviel schneller mit dem Instinkte des Herzens, als wir es ihnen zutrauten.

Von jetzt ab fanden sich die Geschwister noch in einer ganz anderen Weise. Sie besaßen nun eine gemeinsame Angelegenheit. Jutta hatte Eberhards Liebe gleichsam zu der ihren gemacht; als habe sie darin Ersatz gefunden für etwas, das ihr selbst nicht beschieden war. Das Erlebnis des Bruders bewegte und erwärmte ihr Gemüt, brachte manches, was dort zurückgehalten wurde, zur Oberfläche.

Nachdem sie die nähere Umgebung Berchtesgadens zur Genüge begangen hatten, unternahmen Jutta und Eberhard Ausflüge tiefer ins Gebirge hinein. Sie nahmen dazu einen alten, erfahrenen Führer mit und richteten sich mit ihrem Gepäck auf Übernachten ein.

Eines Morgens waren sie noch bei halber Dunkelheit aufgebrochen von der primitiven Herberge, die ihnen nachts über Obdach gewährt hatte. Man hatte das wunderbarste aller Schauspiele erlebt: Sonnenaufgang im Hochgebirge, und schritt dann auf einem alten Saumpfade sanft bergan, um über einen Sattel zwischen zwei Gebirgsstöcken ins jenseitige Quellgebiet hinabzusteigen. Beide waren schlaferfrischt und von jener Heiterkeit und Frische erfüllt, welche dem gesunden Menschen die Aussicht giebt, einem schönen Tage entgegenzugehen.

Eberhard war schon wieder bei seinem Lieblingsthema angelangt: Agathe.

Er sprach davon, wie es doch im Grunde verwunderlich sei, daß auf ihn, einen ausgewachsenen Menschen, ein so viel jüngeres, unerfahrenes Mädchen so tiefgehenden Eindruck ausgeübt habe, daß er sich geradezu als neuer besserer Mensch fühle.

»Ich habe früher nicht gewußt,« sagte er, »was Liebe ist. Ganz etwas anderes hatte ich mir darunter vorgestellt, das mit dem, was ich jetzt empfinde, nicht in einem Atem genannt werden darf. Du kennst ja Einiges von den alten Geschichten, Jutta! Als ob ich nicht ich gewesen wäre damals, so kommt es mir jetzt vor. Wie man sich doch verändert, und was für eine Macht die Liebe hat! Wie mit einem Zauberstabe verwandelt sie den Menschen von Grund aus.«

»Da hast du recht!« rief Jutta lebhaft, wie hingerissen von der Erkenntnis einer Wahrheit, die sie wohl selbst an sich erfahren, aber sich so noch nicht klar gemacht hatte. »Das ist das Wunderbarste an der Liebe, daß sie den Menschen verwandelt!«

Eberhard sah die Schwester ein wenig befremdet von der Seite an. Er hätte nicht gedacht, daß ihr das Verhältnis zu Bruno noch soviel bedeute; hatte sich schon ganz daran gewöhnt, diese Neigung als eine, von ihrer Seite wenigstens, völlig abgethane Sache zu betrachten.

Jutta mochte ahnen, auf welchen Irrwegen seine Vermutungen sich bewegten, sie wollte endlich mal offen mit dem Bruder sprechen. Darum bat sie ihn halblaut, den Führer, der ihnen dicht auf den Fersen nachschritt, vorauszuschicken; eine Maßregel, die ziemlich überflüssig erschien, da der alte Kerl schwerhörig war.

»Du wirst dich oft über mich gewundert haben in der letzten Zeit, Eberhard!« begann sie. »Ich kann dir das nicht verdenken. Ich begreife es auch, wenn Bruno mir zürnt, ja, wenn er mich haßt! Ändern kann ich's nicht. Es thut mir leid, aber wie könnte ich ihm helfen! -- Nicht einmal eine Erklärung kann ich ihm geben, warum ich mich von ihm gewandt habe. Dir jedoch will ich mich eröffnen, weil ich wünsche, daß wenigstens du mich nicht unrichtig beurteilst.«

Man schritt auf dem schmalen Pfade Seite an Seite. Eberhard spürte ihr schwereres Atmen. Das, was sich ihm jetzt eröffnen werde, konnte nichts Kleines sein. Er war sehr gespannt.

»Eberhard, als ich mich mit Bruno verlobte, war ich anders als jetzt!« sagte sie in dem leisen, tastenden Tone eines Menschen, der durch ein schweres Bekenntnis seine Seele entlasten will. »Ich nahm Brunos Antrag an, weil -- weil ich nichts Besseres vor mir sah, vielleicht auch weil ich nichts Höheres kannte. Zwischen damals und jetzt liegt eigentlich nur ein Jahr, aber für mich ist es ein Leben.«

»Du liebst?!« fuhr es ihm heraus. Jutta nickte nur. »Frage mich bitte nicht, wer's ist!« fügte sie hastig hinzu, als sie seinen forschenden Blick bemerkte. »Namen thun garnichts zur Sache. Ich kann dir überhaupt nicht viel sagen. Außerdem ist darin auch das Geheimnis einer Freundin eingeschlossen. Das Ganze ist ein dunkles Fatum, das über uns hängt. Erklären mit Worten läßt sich das garnicht.«

»Es ist eine merkwürdige Rolle, die du mir da zumutest, Jutta! Ich soll den Namen des Mannes nicht erfahren, den du liebst!« --

Jutta sah den Bruder erschrocken an. In was für groben Ausdrücken sprach er von Dingen, an die sie sich selbst kaum mit Gedanken herangewagt hatte. Sie könne und dürfe ihm nichts weiter sagen, erklärte sie.

»Dann erlaube mir nur wenigstens eine Frage, Jutta: ist der Mann auch deiner Liebe würdig?«

»Darauf Eberhard brauche ich dir wohl nicht zu antworten!« rief sie erbleichend.

»Erlaube mir, ich frage als Bruder! Es interessiert mich doch wahrhaftig zu erfahren, wer der ist, dem du dein Herz geschenkt hast, und dem du voraussichtlich doch auch deine Hand reichen wirst.«

»O Gott -- wie du das falsch auslegst!« -- stieß Jutta hervor. »Ich wünschte, ich hätte dir kein Wort gesagt!«

Sie war mehr betrübt, als empört über sein Benehmen. Vielleicht hieß es, einem Fernstehenden zuviel zumuten, sich in Dinge zu finden, die man mit dem Kopfe allein niemals verstehen, die man schon mit dem Herzen erleben mußte, um sie zu begreifen.

»Entschuldige, Jutta! Ich habe dich nicht kränken wollen!« sagte er, als er ihre Erregung sah.

Eberhard wollte nach einiger Zeit noch einmal das Wort an sie richten in dieser Sache, die wie ein erstaunliches Rätsel plötzlich vor ihm aus dem Boden gewachsen war. Aber Jutta, jetzt wieder ganz sanft und freundlich geworden, bat ihn inständig, darüber nie wieder eine Frage an sie zu richten. Er könne ihr nicht helfen, nicht einmal sie verstehen. Darum sei es besser, auch nicht davon zu sprechen.

* * * * *

Als die beiden am Spätnachmittage in Berchtesgaden eintrafen, fanden sie den Vater in großer Erregung. Ein Telegramm war angekommen aus München von Knorrig senior, worin er mitteilte, daß Bruno in den Dienst einer Nordamerikanischen Handelsgesellschaft getreten sei und daß er sich bereits auf See befinde.

Gleichzeitig waren von Brunos Hand Briefe angekommen für Jutta und Eberhard. An Jutta hatte er nur geschrieben, daß er sie freigebe. Er bat sie um Verzeihung, falls er ihr jemals wehe gethan haben sollte, und wünschte ihr Gottes Segen für ihr ferneres Leben. Der Brief, kurz wie er war, entbehrte nicht einer gewissen schlichten Würde, die auch auf die Empfängerin Eindruck machte.

Eberhard gegenüber setzte Bruno sein Verhalten genauer auseinander. Er hätte sich durch den Brief des Freundes überzeugt, daß für ihn nichts mehr zu hoffen sei. Damit versinke für ihn der schönste Traum ins Nichts. Ein ferneres Zusammensein mit der Familie Reimers sei für ihn unmöglich geworden, vor allem wolle er Jutta nicht zumuten, ihm wieder zu begegnen. Da er frei sei und Herr seiner Entschlüsse, habe er eine Gelegenheit, im Auslande Stellung zu finden, die sich ihm zufällig geboten, ergriffen. Dem Chef des Hauses Reimers und Knorrig ließ er sich empfehlen und bat um Verzeihung, daß er so formlos aus dem Dienste scheide.

Während Eberhard und Jutta diesen Schritt Brunos wie eine Art Befreiung empfanden und als die beste Lösung betrachteten für alle Teile, sah Vater Reimers vor allem den schweren Verlust, welchen das Geschäft durch das plötzliche Auf- und Davongehen des jungen Knorrig erlitten hatte. Jutta bekam Vorwürfe zu hören, daß sie diesen braven und tüchtigen Mann so vor den Kopf gestoßen habe. Wo in aller Welt sollte denn Ersatz gefunden werden für eine solche Kraft? Eine Frage, auf die das Mädchen natürlich keine Antwort zu geben wußte.

Eberhard wollte der Schwester zu Hilfe kommen. Er glaubte es gut zu machen, indem er den alten Herrn daran erinnerte, daß er ehemals davon gesprochen habe: er wolle sich mit der Zeit aus dem Geschäft zurückziehen und seine alten Tage in Ruhe verleben. Dabei deutete er an, daß der Vater in den letzten Jahren doch eben nicht jünger geworden sei.

Damit berührte er nun freilich die Stelle, wo Reimers senior am empfindlichsten war. Von seinem Alter wollte er garnichts hören, daß er sich jetzt nicht aus dem Geschäfte zurückziehen könne, daran seien allein seine ungeratenen Kinder schuld: Eberhard, der diesen thörichten Medizinerberuf ergriffen, und Jutta, die auch nur ihrem kindischen Kopfe folge.

Herr Reimers verlor gänzlich seine sonstige joviale Liebenswürdigkeit und den weltmännischen Ton. Schwer hagelten die Vorwürfe auf Jutta und Eberhard hernieder. Die Geschwister schwiegen dazu.

Vally Habelmayer hatte es an diesem Abende schwer, ihren Onkel soweit in Laune zu bringen, daß er einigermaßen mit Appetit zur Nacht speisen konnte.

Eberhard aber hatte noch eine längere Besprechung mit Jutta. Ihm war mehr als vordem das Gefühl der Verantwortung zum Bewußtsein gekommen für seine Schwester. Er hatte sich zu wenig um sie gekümmert, viel zu wenig! Vor gewissen Ereignissen ihres Lebens stand er wie ein Fremder. Das war ein fehlerhafter Zustand, der geändert werden mußte.

Schnell war in seinem Kopfe ein Plan fertig. Warum sollte Jutta nicht nach Berlin kommen? Zwar bei ihm konnte sie natürlich nicht wohnen; aber bei den Weßlebens wurden ja jetzt ein paar Zimmer frei. Der Missionar kehrte, nachdem seine Gesundheit hergestellt, auf das Feld seiner früheren Thätigkeit zurück. Gewiß würde man Frau Weßleben überreden können, Jutta als Pensionärin aufzunehmen.

Was barg dieser Plan nicht alles für kostbare Möglichkeiten in sich! Jutta würde sich mit Agathen anfreunden. Ein Band sollte sich zwischen der einzigen Schwester und der Familie knüpfen, die ihm bereits jetzt eine zweite Heimat bedeutete. Wie manches würde auch Agathe von Jutta sehen und lernen, was ihr noch fehlte. Wie würden sich die beiden, so verschieden gearteten Naturen ergänzen! --

Auch manche kleinen egoistischen Nebenabsichten waren mit diesem Plane verknüpft. Jutta sollte ihm eine gute Fürsprecherin sein bei seiner Braut; durch Juttas Einfluß und Vorbild würde Agathe vielleicht etwas von ihrer herben Sprödigkeit verlieren. Durch Juttas Hilfe würde er vor allem auch die schönste Gelegenheit finden, mit Agathen jederzeit zusammenzukommen.

Er erzählte der Schwester, was er sich ausgedacht hatte.

Bereitwilliger, als er erwartet, ging Jutta auf seine Idee ein. Die Aussicht, Berlin kennen zu lernen, schien für sie äußerst verlockend. Es sei sowieso im stillen ihr Plan gewesen, in diesem Winter nach auswärts zu gehen; denn in jeder anderen Stadt wolle sie lieber leben, als in der Vaterstadt.

Den Bruder hätte das wohl stutzig machen können. Aber in der Freude über die willkommene Wendung grübelte er nicht darüber nach, was wohl die Schwester zu einer solchen Abneigung gegen München habe bringen können.

So nahe man sich auch gekommen war in diesen Tagen, so fehlte ihm doch der Schlüssel zu einem großen und wichtigen Teile ihres Wesens und Erlebens.

XVIII.

Seit einem Vierteljahre war Jutta Reimers in Berlin. Das, was Eberhard von ihrem Kommen Gutes erhofft, hatte sich alles erfüllt und einiges, was er nicht voraussehen konnte, noch darüber.

Die Weßlebensche Art übte starken Einfluß, wie auf Eberhard, so auch auf Jutta. Es war etwas durchaus Neues und Ungewohntes für jemanden, der von Jugend auf in der linden Atmosphäre sybaritischen Wohlbehagens gelebt hatte, Menschen kennen zu lernen, deren ganzes Dasein aufgebaut schien auf den Begriffen von Arbeit, Selbstzucht und Pflicht. Kalt wie die Farben, trocken wie die Luft, arm wie der Boden war hier das Leben. Nüchterner die Menschen, sachlicher die Gedanken, härter die Köpfe, zäher der Sinn.

Jutta fühlte sich nicht abgestoßen, sie stand nur staunend davor, wie vor einer neuen Welt. Sie wunderte sich über Menschen, die so existieren konnten ohne die ästhetischen Genüsse, ohne den Schmuck des Lebens, die ihr von der Heimat her selbstverständlich waren. Sie wunderte sich auch über die gemessene Würde, in der man miteinander verkehrte, den zurückhaltenden Ton selbst in der Familie, die logische Art, wie man jede Frage unter die Lupe des Verstandes nahm. Gewiß, das war alles höchst trocken, steif und umständlich, aber es entbehrte nicht einer gewissen herben Größe.

Ähnlich wie vor den Menschen, stand Jutta zunächst wunderlich überrascht und benommen vor dieser Stadt. Für ihr schönheitsverwöhntes Auge gab es hier wenig Erfreuliches. Die hohen grauen Häuser, die langen, rechtwinklig aufeinanderstoßenden Straßen, das dunkle, träge fließende Wasser, die pedantisch abgezirkelten Anlagen, das ungemütliche Hetzen der Menschen in den Geschäftsteilen, alles, alles war ihrem Geschmack im Grunde zuwider. Und doch konnte man sich der Wucht des Gesamteindruckes nicht entziehen. Hier war Kraft und Fülle des Lebens, und darum Schönheit des Ganzen, die das Häßliche im Einzelnen erträglich und verzeihlich erscheinen ließen.

Nachdem Jutta ein paar Wochen lang unter Eberhards Führung und von Agathen begleitet, geschaut hatte, was Berlin an Sehenswürdigkeiten bietet, und dabei, gegen ihren Willen beinahe, eingesehen hatte, daß es auch hier Werke der Kunst gab und Stätten vor allem, wo man um Kunst ringt, erklärte sie den beiden, daß sie nun vom Schauen genug habe. Und auf Eberhards Frage: womit sie fernerhin ihre Zeit auszufüllen gedenke, meinte sie: es mal wieder mit dem Malen versuchen zu wollen.

Das Zimmerchen, in welchem Jutta bei den Weßlebens wohnte, war nicht groß, gerade daß man eine Staffelei aufstellen konnte; aber es hatte wenigstens günstiges Licht. Auch lag ein gewisser Reiz darin für die Künstlerin, mal unter schwierigeren Verhältnissen als den gewohnten, an die Arbeit zu gehen.

Es war Eberhard anfänglich bange gewesen, wie sich seine Schwester in den Ton des ganzen Hauses finden werde. Als er Jutta zum ersten Male im Weßlebenschen Familienkreise sah, wurde ihm erst klar, wie groß die Gegensätze seien. Es war ein Experiment, das er gewagt hatte. Wie würde sich Jutta, die im katholischen Bekenntnis aufgewachsene, mit dem ausgesprochenen Luthertum abfinden, das in dieser Familie jedem Brauch, jeder Ansicht seine Prägung aufgedrückt hatte.

Zwar, daß die Schwester mit dem alten Pfarrer gut verkommen werde, konnte Eberhard ruhig annehmen. Er hatte Vater Weßleben als einen Mann von milder Gesinnung kennen gelernt; aber die Frau Pastorin war enger in ihren Anschauungen und minder zur Duldung eines fremden Bekenntnisses geneigt.

Frau Weßleben stammte aus einer Familie, die der Landeskirche mehrere Superintendenten, Konsistorialräte und sogar einen Hofprediger geschenkt hatte. Das war der ganze Stolz der guten Frau. Sie hielt sich als Mitglied einer so bevorzugten Rasse für befugt, ja geradezu für berufen, in ihrem Kreise über der Reinheit des Bekenntnisses zu wachen. In diesem einen Punkte war sie nicht mal ganz einverstanden mit ihrem Gatten; sie fand Weßleben viel zu tolerant der römischen Irrlehre gegenüber.

Und nun mußte sie es erleben, daß ihre Tochter eine katholische Schwägerin bekommen sollte. Schon daß Eberhard aus einer Mischehe stammte, war nicht nach Frau Weßlebens Sinne. Es kam ihr vor, als ob dadurch ihr eigener evangelisch reiner Stammbaum verdorben würde, als ob die verstorbenen Superintendenten, Konsistorialräte und der Hofprediger sich aus ihren Gräbern erheben müßten, um gegen solchen Abfall zu protestieren.

Zu diesem Gefühle des Abscheus stand in merkwürdigem Gegensatz die Befriedigung und innige Freude, welche diese Dame im Herzen ihres Herzens empfand, einmal über die Thatsache, daß ihre Tochter Braut war, und auch über den Bräutigam. Denn Eberhard besaß das Wohlgefallen der zukünftigen Schwiegermutter.

Jutta gegenüber verhielt sich Frau Weßleben zuwartend. Manches sprach in ihren Augen für das Mädchen; so vor allem, daß sie vom ersten Tage ab an den Morgen- und Abendandachten der Familie teilnahm. Vielleicht, so dachte die Predigersgattin, würde durch die Einwirkung der unverfälschten Lehre, welche die ärmste, in römischer Häresie befangene Seele hier zum ersten Male kennen lernte, ein Licht fallen in das Dunkel ihres Aberglaubens. Ja, die Dame würde es gern gesehen haben, wenn ihr Pastor in seinen Ansprachen, die er auf Grund des Bibelwortes an die Seinen hielt, recht scharf den protestantischen Standpunkt hervorgekehrt hätte; ein starkes Wörtlein gegen römische Anmaßung wäre ihr ganz am Platze erschienen, wenn man einmal solch eine Art Heidenkind unter sich hatte. Aber Pfarrer Weßleben war dafür nicht zu haben. Man müsse es römischen Priestern überlassen, mit unlauteren Mitteln Andersgläubige zu sich zu ziehen, erklärte er. Noch weiter trieb Martin, der zweite Sohn, die Toleranz. Er deutete seiner Mutter an: ein guter Katholik sei besser, als ein zweifelhafter Konvertit, und man dürfe die Gastfreundschaft nicht dazu mißbrauchen, um jemanden an seinem Glauben irre zu machen.

Ein so laxes Zeugentum, eine so laue Betonung des Bekennergeistes war Frau Weßleben ein Gräuel. Sie fühlte sich gekränkt in der Seele ihrer Vorfahren. Fürchterlich war es ihr, als sie eines Sonntages herausfand, daß Jutta den katholischen Gottesdienst besucht habe; am liebsten würde sie daraufhin ihre entweihte Wohnung auf irgend eine Weise von etwaigem Spuk und Unrat gesäubert haben, die ihr von dort aus eingeschleppt worden sein mochten. Beinahe wäre es darüber zu einer Verstimmung gekommen zwischen der Hausfrau und dem Gaste. Aber Jutta vermied es, dem Bruder zu Liebe, sich zu einem Konfessionszwist hinreißen zu lassen. Sehr bald gelang es ihr, das Herz der bis auf diesen einen Punkt durchaus gutmütigen Frau zu versöhnen.

Es wurde im Weßlebenschen Kreise eifrig gesammelt und gearbeitet für einen Bazar, der zu Gunsten der Heidenmission demnächst unter hoher Protektion stattfinden sollte. Agathe stickte und nähte schon seit Monaten dafür, und selbst Frau Weßleben strengte ihre, nicht mehr ganz geschmeidigen Finger zu Gunsten des frommen Werkes an.