Liebe ist ewig

Part 15

Chapter 153,726 wordsPublic domain

»Na, wollen mal sehen!« rief Eberhard in zuversichtlichem Tone. »Ich bin schon manchmal mit meiner kleinen Schwester fertig geworden, wenn alle anderen verzweifelten. Sie ist doch schließlich auch nur ein Frauenzimmer!«

* * * * *

Der Plan, mit Otto Weßleben nach Rügen zu fahren, war damit ins Wasser gefallen. Eberhard sagte sich, daß der Freundschaftsdienst, den Bruno von ihm erbeten hatte, allem andern vorangehen müsse.

Wenn er einmal nach Bayern reiste, dann wollte er gleich für einige Zeit mit den Seinen zusammenbleiben. Was ihm Bruno mitteilte, mahnte Eberhard daran, daß er sich ihnen allzu lange ferngehalten habe. Sicherlich würde es soweit nicht gekommen sein, wenn er, der Bruder, in der Schwester Nähe geblieben wäre. Jutta brauchte, wie's schien, dringend jemanden, der sie beriet.

Nachdem er Bruno noch auf den Bahnhof geleitet hatte, wobei er versuchte, ihm Mut einzusprechen und ihn zu trösten, trat er im späten Nachmittage die Fahrt an nach dem Hause am Johannistisch. Er mußte es doch nun den Weßlebens und vor allem Otto mitteilen, daß aus ihrem Sommerausflug nichts werden könne.

Unangenehm genug war der Gang. Den eigentlichen Grund, weshalb er nach dem Süden reiste, statt, wie verabredet, nach dem Norden, konnte er den guten Leuten nicht einmal angeben. Man mußte sich eben irgend eine Notlüge ausdenken. Dabei wußte er doch nur zu gut, wie sie sich alle gefreut hatten.

Bei den Weßlebens fand er die Vorsaalthür offen. Rieke, das Dienstmädchen, das der Herrschaft von Pudelsee nach Berlin gefolgt war, stand am Thürstock mit dem Reinigen von Kleidern beschäftigt. Nach Art alter Dienstboten nahm sich Rieke Vertraulichkeiten heraus gegen Bekannte des Hauses. Wahrscheinlich dachte sie sich ihr Teil bei den häufigen Besuchen dieses schmucken, jungen Mannes. Übrigens stand sie mit ihrem Herzen wie mit ihrem Mundwerk -- das letztere trat mehr hervor -- auf Seiten Eberhards.

Schon auf der Treppe hörte er durch die offenstehende Thür Musik ertönen. Es klang wie Harmonium, zu dem gesungen wurde. Näher kommend, erkannte er Agathens Stimme; oder vielmehr, da er sie noch nie hatte singen hören, er vermutete, daß sie die Sängerin sei.

Rieke lächelte ihm verständnisvoll zu. »'t is unser Fräulein! Det arme Ding! Se hat och nich vill Spaß vom Leben!«

Unwillkürlich blieb Eberhard stehen und lauschte den Tönen. Die Stimme war schön; er wußte das schon vom Hörensagen. Niemals war Agathe zu bewegen gewesen, in seiner Gegenwart zu singen. Nun bekam er doch mal was davon zu hören, ohne ihr Wissen und Wollen.

Es war Susannens Brautlied aus dem Figaro. Agathe sang es, wie jemand, der ohne Noten frei nach dem Gehör wiedergiebt, auch den Text variierte sie ein wenig. Ihm fiel dabei ein, daß sie neulich mit ihrer Mutter auf geschenkte Billets im Opernhause gewesen sei. Daher die Reminiscenz!

»Se is janz alleene!« sagte Rieke und wies mit der Kleiderbürste über die Schulter nach dem Quartier. »De Herrens sind in der inneren Mission. Ick jlobe, unser Diakonus hält heute ne jroße Rede. Und de Frau is och jegangen. Aber de Kleene haben se nich mitjenommen; et handelt sich nämlich von ›Sitte‹. -- Von so wat darf Agathchen natürlich noch nichts wissen! Nu vertreibt se sich de Zeit auf ihre Façong. Soll ick anmelden, Herr Reimers?«

Sie wartete garnicht erst die Antwort ab, lief in den Flur und öffnete die Thür zum Wohnzimmer. Der Gesang verstummte sofort.

Klopfenden Herzens trat Eberhard ein. Er war doch wirklich nicht so ängstlich sonst! Was war denn weiter dabei: ein +tête-à-tête+ mit dem jungen Dinge! Konnte er sie nicht bitten, daß sie ihm das Liebeslied nochmal singe? Wurde sie darüber verlegen, so war die Situation ja nur um so pikanter. --

Aber vor Agathens klaren, erstaunt und unwillig auf den Eindringling gerichteten Augen verging ihm aller Mut zu der witzelnden Bemerkung, die ihm auf der Zunge lag.

Er fragte vielmehr, sich unwissend stellend, ob Otto zu Haus sei. Und als sie dies verneinte, wo die Eltern seien. Ihr Anblick verwirrte ihn ganz. ›Wozu lüge ich nur?‹ fragte er sich. ›Sie durchschaut mich ja doch mit diesen Augen!‹

Auf irgend eine Weise mußte er diesem Zusammensein einen zufälligen und harmlosen Anstrich geben. »Ich bin hier!« begann er, »um eine recht unangenehme Mitteilung zu machen. Aus unserer Rügen-Fahrt wird leider nichts werden können, wenigstens soweit es mich betrifft. Ich muß nach Haus.«

Agathe unterbrach ihn rasch. »Dann wird Otto auch nicht reisen!«

»Er kann schließlich auch allein fahren. Wir sind doch nicht miteinander verheiratet, Ihr Bruder und ich!«

Eberhard bereute sofort dieses Wort, als er die Wirkung in ihren Zügen sah. Sie runzelte unmutig die Stirn.

»Ich wollte Otto vorschlagen ....«

»Nein, geben Sie sich keine Mühe, Herr Reimers! Otto reist sicher nicht allein. Ich kenne ihn besser, als Sie ihn zu kennen scheinen.«

»Es ist mir um Ottos willen sehr leid, das können Sie glauben, Fräulein Agathe! Ich fürchte, Sie sind mir böse! Wie? --«

Das Mädchen zuckte nur die Achseln. Sie standen einander immer noch in der Nähe der Thür gegenüber. Sie hatte ihn nicht aufgefordert, Platz zu nehmen.

»Man sollte festhalten an dem, was man einmal zugesagt hat, finde ich!« sagte Agathe und warf das Köpfchen zurück.

»Sie halten mich wohl nun für einen ganz unzuverlässigen Menschen -- was?« --

»Ich sage garnichts dergleichen! Otto thut mir nur furchtbar leid. Sie wissen wahrscheinlich garnicht, wie große Stücke er auf Sie hält!«

Das Gespräch hatte eine, von Eberhard durchaus nicht erwartete und ihm sehr unerwünschte Wendung genommen.

»Ich weiß, daß ich Aufklärung schuldig bin,« sagte er. »Wenn Sie hören, was für triftige Gründe ich habe, zu den Meinen zu reisen, werden Sie mich entschuldigen, dessen bin ich sicher. Morgen früh schon muß ich fahren. Gern hätte ich Otto vorher noch gesprochen. Aber vielleicht sind Sie so gütig, es ihm auszurichten und mich auch Ihren Eltern gegenüber zu entschuldigen. Ich werde heut abend für längere Zeit zum letzten Male hier gewesen sein. Vor Beginn des Wintersemesters kehre ich nicht wieder nach Berlin zurück.«

Er hatte sich von der letzten Bemerkung eine starke Wirkung erwartet, hatte geglaubt, daß es ihr leid thun werde, ihn so lange Zeit nicht zu sehen. Wenn das der Fall war, so ließ sich Agathe jedenfalls nichts davon anmerken. Sie ging, ohne ein Wort zu erwidern, zum Harmonium und schloß es ab. Dort blieb sie stehen und blickte nach dem Fenster. Er sah ihr Gesicht kaum noch in der anbrechenden Dämmerung.

Was sollte er thun? Bleiben -- gehen? Und wenn er blieb -- wozu ihr Benehmen ihn nicht gerade aufforderte -- was sagen? Durfte er ihr Brunos und Juttas Geheimnis preisgeben? Sollte er dem Mädchen die Räubergeschichte aufbinden, die er sich unterwegs ausgedacht hatte: von der plötzlichen Erkrankung seines Vaters; daß er als angehender Arzt telegraphisch gerufen worden sei, zu dem Patienten zu kommen? --

In Gedanken war das eine ganz nette Erfindung gewesen, besonders auch, weil sie seiner Bedeutung ein gewisses Relief gab. Aber je länger er sich's überlegte, desto weniger wollte ihm die Idee gefallen. Es schien seiner nicht würdig und vor allem nicht der Menschen, denen er solche Flausen vormachen wollte. Eine innere Stimme warnte ihn davor, irgend welchen falschen Schein zwischen sich und das junge Mädchen zu bringen.

Rieke trat ins Zimmer. Die Lampe, die sie in der Hand hielt, war wohl nur ein Vorwand, mit dem sie ihre Neugier beschönigen wollte. Ihr Blick wanderte von Agathe zu Eberhard. Fast schien es, als sei sie enttäuscht, die beiden jungen Leute räumlich so weit von einander getrennt zu sehen. Dann verschwand sie wieder.

Die kleine Lampe mit der milchweißen Glocke machte den Raum nur mäßig heller. Agathe setzte sich an den Tisch und schlug ein Buch auf, das dort gerade lag, anscheinend, um darin zu lesen. Ob ihr Verhalten aus Verlegenheit hervorging, ob es absichtliches Nichtbeachten seiner Anwesenheit vorstellen sollte, oder ob es beides war, wäre schwer zu entscheiden gewesen.

Er stand jetzt, mit dem Rücken an das Harmonium gelehnt, ihr gegenüber. Zwischen sich hatten sie den großen, runden Familientisch mit der kleinen schlecht brennenden Lampe darauf. Dahinter das steife Sofa mit den weißen Häkeleien. Wie altmodisch das war! Aber er liebte das alles: diese verschossenen, wackeligen Möbel, diese altväterischen Bilder an den Wänden, diesen ganzen unmodernen Hausrat. Es paßte zu den Menschen, war ein Teil von dem, was für ihn »Weßlebensche Art« war.

»Sie sangen vorhin, als ich kam,« sagte er. »Wollen Sie mir nicht einmal etwas vorsingen?«

»Nein!« rief Agathe schroff. Er sah, wie sie tief errötete.

Eberhard biß sich auf die Lippen. Esel der er war! Nun hatte er sie glücklich auch noch beleidigt. --

Beide schwiegen wieder. Ein Fenster stand offen und ließ die schwüle Abendluft des Großstadt-Sommers ein. Aus der Ferne hörte man ein dumpfes unklares Summen und Brausen, wie das Stampfen einer Riesenmaschine. Das Pulsieren des Blutes in einem gewaltigen Organismus. Berlin tönte so. Eberhard dachte einen Augenblick, daß dieses kleine Zimmer einer jener Muscheln gleiche, in denen man als Kind das Branden des Weltmeeres zu hören glaubte. Dann gingen seine Gedanken wieder andere Wege.

Er sah den geraden weißen Scheitel zwischen dem glatt anliegenden Haar des sitzenden, immer noch in sein Buch vertieften Mädchens. Die schmalen Schultern, ihren kaum angedeuteten Busen, der sich gleichmäßig hob und senkte. Wie klar und einfach und scheinbar durchsichtig alles an diesem jungen Wesen war. Wenn man nur eines gewußt hätte! -- -- --

Er grübelte schon wieder über ihrem Wesen. Wer war sie? Wie stand's um ihr Herz? Was steckte hinter ihrer Sprödigkeit? Konnte man ihr denn kein Zeichen entlocken, von dem, was sie eigentlich fühle? Ob sie überhaupt fühle? --

Das Schweigen dauerte, lag schließlich wie etwas Körperhaftes fühlbar zwischen ihnen. Schweigen wird unter Menschen, die einander noch nicht gefunden haben, zur unerträglichen Qual, wie es bei Seelen, die sich kennen, Zeichen ist höchster Vertraulichkeit.

Agathe blickte mit einemmale auf, sah ihn fast ängstlich an. Würde er denn nicht endlich etwas sagen? --

»Ist jemand bei Ihnen zu Haus krank geworden?« fragte sie. Der Ton klang nicht mehr barsch, eher schüchtern.

»Wie kommen Sie darauf?«

»Weil Sie sagten: Sie müßten so plötzlich reisen!«

»Merkwürdig!« rief Eberhard, »daß Sie mich gerade das fragen müssen! Wissen Sie, daß ich drauf und dran war .... Nein, ich will Ihnen die ganze Wahrheit sagen! Ich weiß, daß Sie hiervon niemandem etwas erzählen werden. Es betrifft das Geheimnis eines Freundes und es betrifft auch Jutta.«

»Jutta! Ihr fehlt doch nichts?«

»Sie ist gesund. Mein Freund Bruno, von dem ich Ihnen erzählt habe, war heute bei mir. Zwischen den beiden hat es ein Mißverständnis gegeben. Das Übrige erlassen Sie mir wohl. Kurz, ich muß reisen! Haben Sie nicht soviel Vertrauen zu mir, wenn ich Ihnen sage: was ich thue, ist notwendig, ist meine Pflicht, daß Sie meinem Worte einfach glauben?«

»Ich mißtraue Ihnen nicht!«

»Alle sind sie hier freundlich gegen mich. Ihre Eltern wollen mir wohl, Ihre Brüder haben mich gern, nur Sie sind mir von vorn herein begegnet, als wäre ich ein Einbrecher. Ich kann Ihnen versichern, daß mir das wehe thut!«

Er blickte sie gespannten Blickes an. Sie hatte das Haupt wieder gesenkt, sodaß er den Eindruck seiner Worte nicht feststellen konnte; aber er sah ihren Busen fliegen.

»Ich werde versuchen, anders gegen Sie zu sein, wenn -- wenn Sie wiederkommen,« sagte sie halblaut und blickte zur Seite. »Und ich danke Ihnen auch, daß Sie mir das gesagt haben -- ich meine von Ihrer Schwester das, weshalb Sie reisen müssen.«

»Ja, eigentlich habe ich es Ihnen doch garnicht gesagt!«

»Lassen Sie, bitte!« rief sie mit abwehrender Bewegung. »Ich weiß alles, ohne daß Sie mir's erklären. Ich liebe Ihre Schwester und bewundre sie so sehr.«

»Aber Sie kennen Jutta garnicht!«

»O, doch doch! Ich habe ein ganz bestimmtes Bild von ihr; das kann nicht täuschen. Und ich finde es so begreiflich, daß Sie zu ihr wollen. O, bitte, bitte, grüßen Sie sie von mir!«

»Ich werde Jutta erzählen von Ihnen. Aber können Sie mir denn nichts mitgeben, ein Bild von sich. Ich habe ja nicht das Geringste, was ich Jutta zeigen könnte, wenn sie mich fragen wird nach Ihnen. Haben Sie keine Photographie?«

Agathe sann nach.

»Ein einziges Bild giebt es von mir, aber das ist schon ein paar Jahre alt. Es ist in Pudelsee gemacht. Wir sind alle darauf, die Eltern und die Brüder. Soll ich das hergeben?«

Sie schwieg, gab sich keine Mühe, den Kampf zu verbergen, den es ihr kostete, sich von dem Andenken zu trennen. Eberhard hielt den Atem an, in ihren Zügen begierig forschend, wie sie sich entscheiden würde.

»Ihnen will ich's geben!« sagte sie in plötzlichem Entschlusse, sah ihn strahlend an und lief aus dem Zimmer.

Der Raum schien dem jungen Manne auf einmal zu eng. Er trat ans Fenster, blickte hinaus, als ob er sich bei dem sternbedeckten Nachthimmel Rat holen wolle.

Sollte er seinem Gefühle folgen? War es weise gehandelt? Zerstörte man nicht vielleicht durch allzuschnelles Zugreifen die Hoffnungssaat, die, wenn man Geduld übte, heranreifen mochte?

Was hätte er, der Skeptiker, der Freigeist, in diesem Augenblicke gegeben um einen Wink von oben. Die nächsten Minuten mußten über sein Glück entscheiden.

Agathe kam wieder. Sie brachte etwas: ein Kabinettbild in schlichtem Rahmen. Man trat zur Lampe.

Die Photographie zeigte die Familie Weßleben, in der Mitte das Elternpaar, die Kinder um sie her. Im Hintergrunde das ländliche Pfarrhaus. Agathe stand neben dem Vater, eine Hand auf seiner Schulter. Sie trug noch Zopf. Unter dem kurzen Kleide blickten die weißen Strümpfe hervor. Das Konterfei war gut; es gab das Mädchen wieder in seiner ganzen, frühzeitig fertigen, zugleich herben und lieblichen Eigenart.

Eberhard betrachtete das Bildchen lange. Es übte auf ihn eine ungewohnte Wirkung aus: es rührte ihn.

»Wollen Sie das haben?« fragte Agathe. »Finden Sie es gut genug, es Ihrer Schwester zu zeigen?«

»Agathe!« erwiderte er, und suchte alles, was er fühlte, in die paar armen Worte zu legen. »Ich bin so beglückt! -- Darf ich Jutta sagen, daß es von einer Schwester kommt?« --

Er sah, wie ein Zittern über ihren jungen Leib ging. Die kleine Lampe beleuchtete nur unklar den Raum, aber ihm genug: ihr Gesicht. Das war mit einemmale sehr ernst; nichts Herbes, nichts Abweisendes lag mehr darin. Schlicht und ernst war sie, wie Menschen in großen Augenblicken werden. So stand sie ihm eine Weile gegenüber. Dann zuckte ein leises Lächeln um ihren Mund. Mit der natürlichsten Bewegung reichte sie ihm die Hand und sagte: »Ja!«

XVII.

Herr Reimers war mit seiner Tochter wieder in Berchtesgaden angelangt. Man wohnte im selben Hause, wie im Sommer vorm Jahr. Aber die Knorrigs, Vater und Sohn, waren dies Jahr nicht mit. Reimers sah sich infolgedessen so ziemlich auf die eigene Gesellschaft angewiesen. Mit Jutta stand er sich in letzter Zeit nicht besonders. Das Töchterchen fing an, Launen zu zeigen und eine Art Selbstständigkeit zu entwickeln, die den alltäglichen Verkehr sehr erschwerte.

Von gewissen Dingen ließ sich mit ihr überhaupt nicht reden, so über ihre Verlobung. Der alte Herr konnte sich mit der Zeit der unangenehmen Einsicht doch nicht entziehen, daß der im vorigen Sommer geschickt eingefädelte Plan: die Familien Reimers und Knorrig auch noch durch andere, als geschäftliche Bande mit einander zu verknüpfen, neuerdings arg gefährdet sei. Wie die beiden jungen Menschen jetzt eigentlich zu einander stünden, wußte niemand. Daß Bruno im letzten Augenblick, statt mit nach Berchtesgaden zu kommen, eine Rheinreise antrat, war zum mindesten sehr verdächtig.

Aber Reimers Vater war nicht der Mann, sich durch Sorgen längere Zeit um die gute Laune bringen zu lassen. Er langweilte sich in Berchtesgaden, wo er keine Bekannte traf. Er schrieb darum nach München an Vally Habelmayer, sie solle umgehend kommen, um Jutta Gesellschaft zu leisten. Zwar wußte er genau, daß Jutta sich nichts aus der Cousine mache; aber gerade mit diesem Umstande rechnete er. Um so mehr würde er dann Vally für sich haben. Er verordnete sich selbst Vallys anregende Gegenwart wie eine Art von Kur.

Vally folgte dem Rufe des Onkels natürlich nur zu bereitwillig. Eines Tages war sie da mit rosigen Wangen und glänzenden Vogelaugen, noch etwas fleischiger als die Jahre vorher. Denn sie liebte gutes Essen und Trinken über die Maßen und pflegte lange zu schlafen; eine Lebensweise, die bei ihr ersichtlich gut anschlug. Jutta wollte mit der Cousine Berge steigen; aber nach dem ersten Ausflug bekam Vally wunde Füße und zog es vor, fortan dem Onkel Gesellschaft zu leisten.

Eines Tages kam von Berlin ein Telegramm, in welchem Eberhard sein Kommen anmeldete. Bald danach trat er selbst in Berchtesgaden auf.

Eberhard hatte seinen Vater nicht von Angesicht zu Angesicht geschaut, seit er damals, das Herz geheimen Grolles voll, von München gegangen war. Er stellte auf den ersten Blick fest, daß der Vater sich seitdem stark verändert habe. Freilich lag dazwischen auch Kurts trauriges Ende. Es war nicht mehr zu verkennen, daß Herr Reimers in Erscheinung, Haltung, im ganzen Wesen überhaupt, den Habitus des schnell alternden Mannes zeigte.

Für Eberhard war das eine neue wunderliche Erfahrung. Es hat stets etwas Nachdenkliches für den Sohn, zu erkennen, wie der Mann, der kraft der Überlegenheit der Jahre uns Gesetz war und Vorbild, der Natur den unausbleiblichen Zoll entrichtet. Wie auch diese Größe vor unseren Augen rissig wird und zerfällt. Wie der, in dessen Hand wir einst waren, unseres Mitleids, ja vielleicht unserer Nachsicht bedürftig geworden ist.

Äußerlich verkamen Vater und Sohn jetzt ganz gut miteinander. Herr Reimers hatte sich längst darein gefunden, daß Eberhard Arzt würde, statt ihn, wie er sich ehemals gewünscht, als Kaufmann in seine Fußtapfen treten zu sehen. Auch darin zeigte sich der Einfluß des Alters; man war gleichgiltiger geworden und stumpfer, regte sich nicht gern auf, wollte vor allen Dingen Ruhe haben.

Ganz von selbst ergab es sich, daß die Familie sich in zwei Paare teilte. Vater Reimers blieb mit Vally, während Eberhard sich zu Jutta schlug. Das ältere Paar interessierte sich für den Mittagstisch, studierte, wo man am besten den Kaffee einnehmen und wo man zur Nacht seinen Kaiserschmarren verzehren werde. Abgesehen von anderen kleinen Späßen, die Oheim und Nichte hatten; dazu gehörte, daß sie sich köstlich belustigten, wenn die Leute sie für ein Ehepaar ansahen.

Eberhard und Jutta hingegen stiegen in die Berge. Das Mädchen war eine vorzügliche Fußgängerin. Sie hatte dies Jahr ihr Rad zu Haus gelassen, dafür aber Bergstock und Alpenschuhe mitgebracht. Eberhard, der in Berlin aus aller körperlichen Übung herausgekommen war, mußte sich zusammennehmen, nicht hinter der Schwester zurückzubleiben.

Die Geschwister fanden sich bei so nahem Zusammensein in einer völlig neuen Weise. Das war jetzt etwas ganz anderes, als die Vertraulichkeit der Kinderstube, wo man bei gemeinsamen dummen Streichen und gemeinsam erlittenen Strafen eine Art Banditenfreundschaft geschlossen hatte. Nun war man erwachsen, mit Erfahrung beladen. Sie sahen einander mit Blicken an, die das Leben geschärft hatte. Während sie früher nur Geschwister gewesen waren: Menschen von verschiedenem Geschlecht, durch Verwandtschaft zufällig zusammengekoppelt, so trat nunmehr deutlich die Thatsache in ihr Bewußtsein, daß sie Mann seien und Weib, daß zwischen ihnen die größte Kluft befestigt war, welche die Natur kennt.

Das trennte sie, aber es zog sie auch gewaltig zu einander hin.

In gewissen Dingen konnten sie einander verstehen durch ein Augenzwinkern, ein Lächeln, eines jener im Familienjargon ausgebildeten Worte, das nur dem Eingeweihten verständlich war. Bei anderen Gelegenheiten fühlten sie, als sei eine Wand zwischen ihnen; man wußte, der andere ist drüben, aber man sieht ihn nicht.

Eberhard hatte sehr bald nach seiner Ankunft angefangen, Jutta zu sondieren, wie es um ihr Verhältnis zu Bruno stünde. Der Verabredung mit dem Freunde gemäß, sagte er ihr nichts, daß Bruno bei ihm in Berlin gewesen sei, um nicht von vorn herein bei ihr den Verdacht zu erregen, man schmiede Pläne gegen sie. Jutta, so offen und vertraulich sie sich sonst dem Bruder gegenüber gab, verhielt sich, sobald er das Gespräch auf dieses Thema lenkte, durchaus unzugänglich. Aber der junge Mann ließ nicht locker. Mochte Jutta immerhin andeuten, daß das ihre eigenste Angelegenheit sei, über die sie niemandem Rechenschaft schulde, so durfte er sich doch auch in seinem Rechte fühlen, in doppelter Eigenschaft: als Freund und als Bruder. Mit beharrlicher Aufdringlichkeit kam er immer wieder auf Juttas Verlobung zurück; und ebenso beharrlich erklärte ihm das Mädchen: in ihren Augen existiere diese Verlobung nicht mehr.

Und wenn Eberhard dann forschte: was sie bewogen habe, einem Menschen, der sich ein Jahr lang in dem Glauben habe wiegen dürfen, von ihr geliebt zu sein, in solch unerhörter Weise den Laufpaß zu geben, dann antwortete sie ihm verschiedenerlei: Bruno sei nicht der Rechte, oder, sie habe eingesehen, daß sie nicht zum Heiraten tauge. Sie sei Künstlerin, und die würden bekanntlich niemals gute Hausfrauen. Bruno könne sich gratulieren, daß er dem Schicksal entgehe, mit ihr zusammenleben zu müssen.

Mit wieviel Gewandtheit immer sie solche Behauptungen verteidigte, Eberhard hatte doch deutlich das Gefühl, daß in alledem Sophistik liege, daß sie irgend einen Grund, und wahrscheinlich den wichtigsten, für sich behalte. Alle solche Gespräche liefen schließlich in eine Sackgasse aus, an deren Ende ihr eigensinniges: »Ich will nicht!« stand.

Übrigens war auch Eberhards Eifer für die Sache des Freundes stark im Erkalten begriffen. Wenn er sich Bruno vergegenwärtigte, wie er ihn neulich wiedergesehen, noch immer der alte redliche, tüchtige Geselle, so konnte er ihm zwar Achtung nicht versagen; aber ihn sich an Juttas Seite vorzustellen, als ihr Gemahl, fiel doch schwer.

Eberhard staunte oft über Jutta. Das also war aus seiner kleinen Schwester geworden! -- Sie imponierte ihm. Es lag etwas Königliches in ihrem Auftreten, dessen Wirkung selbst er als Bruder sich nicht entziehen konnte.

Er pflegte neuerdings -- vielleicht angeregt durch sein Studium -- viel über Abstammung, Vererbung, Rassemerkmale und Familieneigentümlichkeiten nachzudenken. Aus was für Eigenschaften der Vorväter, seelischen wie körperlichen, setzte sich das Individuum zusammen? Wie kam es, daß Kinder desselben Elternpaares so verschieden ausfallen konnten? Von wem stammte man ab; von seinen Eltern doch gewiß nicht allein! Welche unkontrollierbaren Einflüsse, wer von den längst vergessenen Urahnen hatte bei der Entstehung eines neuen Wesens unsichtbar mitgewirkt? --

Über die Genealogie seiner väterlichen Familie wußte er nicht viel. Mehr war über die mütterlichen Verwandten bekannt. Eberhard hatte nie sonderlich viel von den Habelmayers gehalten. Für ihn waren sie eine im Wohlleben allmählich degenerierende Rasse. Umsomehr bedauerte er, zur Familie seines Vaters in keinerlei Verbindung zu stehen. Sie waren unzweifelhaft die interessanteren; echte Rheinländer in Leichtlebigkeit und Beweglichkeit. In der Familie Reimers -- das wußte Eberhard aus manchem, was er vom Vater früher gehört -- waren verschiedene bedeutende und geistreiche Frauen gewesen. Die Männer auch nicht gerade auf den Kopf gefallen, schienen vor allem Regsamkeit und Temperament besessen zu haben. Eberhard fühlte sich ganz als ein Reimers, und von Jutta nahm er an, daß sie vielleicht eine Neuauflage sei von irgend einer schönen Rheinlandstochter, die einer seiner Vorväter den guten Geschmack gehabt hatte, heimzuführen.