Part 14
Das Mißgeschick wollte, daß Lieschen gerade in jener Zeit ans Bett gefesselt war; so konnte sie an seinem Triumphe nur von weitem teilnehmen.
Über ihr schlechtes Befinden sprach Lieschen nicht gern, nannte es »Schwäche«, die bald vorübergehen werde. Selbst Jutta erfuhr nicht, daß es ein Rückfall sei in ein schweres, inneres Leiden, das sie vor Jahren sich zugezogen, als sie zu zeitig das Wochenbett verlassen hatte.
Jutta war viel bei Lieschen, suchte ihr die Zeit zu vertreiben durch Erzählen und Vorlesen. Zur besonderen Aufgabe hatte sie es sich gemacht, alles, was in den Blättern über Xaver erschien, aufzustöbern und der Freundin mitzuteilen. Sein Name spielte fortgesetzt eine große Rolle in den Gesprächen der beiden.
Pangor hatte neuerdings ein paar Arbeiten vollendet: den Entwurf zu einem Monumentalbrunnen und ein Grabdenkmal. Die Werke waren in seinem Atelier ausgestellt zur Besichtigung. Lieschen hätte nur zu gern gesehen, was er geschaffen, hoffte von Tag zu Tag auf Besserung; aber ihre Niederlage zog sich diesmal ungewöhnlich lange hin und verbot ihr jeden Gedanken ans Ausgehen.
Lieschen hatte Jutta schon wiederholt gebeten, daß sie sich Xavers neueste Arbeiten ansehen möge. Aber Jutta wollte nicht allein gehen. Selbst Lieschens Einwand, daß jetzt sein Atelier ein öffentlicher Ort geworden sei, den jedermann unbedenklich aufsuchen könne, wieviel mehr eine Freundin, verfing nicht. Jutta erklärte, warten zu wollen, bis Lieschen ganz hergestellt sei, dann müsse der erste Ausgang dem Freunde gelten. Mit ihr wolle sie gern gehen, allein sei es nur halber Genuß.
Bis schließlich Xaver, als er sie eines Tages bei Lieschen traf, selbst bat, Jutta möge kommen, wenn sie das Grabdenkmal noch sehen wolle; der Besteller habe die Überführung an seinen Platz bereits verlangt. Jutta konnte nun nicht mehr ausweichen; ihr Besuch wurde für den nächsten Tag zu bestimmter Stunde verabredet.
Das Atelier war aufgeräumt. Jutta konnte sich nicht entsinnen, es so gesehen zu haben. Die Diele schien frisch gescheuert, der schlimmste Staub entfernt. Der Bildhauer machte scherzend darauf aufmerksam, daß mit der Berühmtheit auch die Ordnung bei ihm eingezogen sei.
In schön geformter Vase standen ein paar auserlesene Orchideenstengel. Xaver nahm sie vorsichtig heraus. »Die sind für Sie!« sagte er und überreichte die Blumen.
»Ich werde sie Lieschen bringen!« erwiderte Jutta.
»Nein, für Lieschen habe ich Rosen. Die hier sind besonders für Sie ausgesucht, weil ich weiß, daß Sie Orchideen zu schätzen wissen.«
Jutta mußte die Blumen annehmen. Wenn's auch gut gemeint war von ihm, er hätte das doch nicht thun sollen! Es kam Jutta wie ein Unrecht vor gegen Lieschen; sie wunderte sich, daß er das nicht auch so fühlte.
Aber der anfängliche peinliche Eindruck wurde schnell verwischt durch das, was sie nun zu sehen bekam. Der Künstler zeigte ihr seine Arbeiten. Jutta fand auch hier die Eigenschaften wieder, die sie an allem, was von seiner Hand stammte, so sehr bewunderte: die große ruhige Linie, den kühnen Vortrag, die wuchtige Kraft, und dabei die Einfachheit die jedem seiner Werke den Stempel der Selbstverständlichkeit aufdrückte, daß man sich sagte: so und nicht anders durfte es sein.
Übrigens schuf Pangor längst wieder an einem neuen Werke. Ein Ringerpaar, nackte Männer in Lebensgröße für Marmor berechnet, war's diesmal. Er machte das ohne Bestellung, wie er sagte, für sich selbst, um seiner Freude an der Bewegung, dem schwellenden Muskelspiel, der ganzen lebendigen, blühenden Schönheit des menschlichen Körpers Genüge zu thun.
Ein mächtiger, erst teilweis bearbeiteter Marmorblock lag da. Der Bildhauer machte Jutta aufmerksam auf die Schönheit des Steines, die Feinheit und Gleichmäßigkeit seines Kornes, den weichen Schimmer seiner Tiefen, das Licht, welches gleichsam von seiner Oberfläche ausstrahlte.
»In solchem Material arbeiten, ist das Höchste, was ich kenne!« rief er, und seine Augen leuchteten. »Was ist dagegen Holz, Gips, selbst Bronze! Marmor allein giebt eine Ahnung von der geheimnisvollen Schönheit des nackten Leibes, von seiner transparenten Leuchtkraft, seiner kernigen Schmiegsamkeit, von der ganzen Intimität seiner Reize. Für mich ist solcher Stein lebendig. Gestalten schlummern darin; ich muß sie zum Dasein befreien!« --
Xaver sprach begeistert. Der Eifer des Künstlers kam über ihn. Er griff nach Meißel und Klöpfel und begann mit starken, sicheren Schlägen eine Schulterpartie aus dem Steine herauszuholen. Das fertige Thonmodell der Ringergruppe stand vor ihm; aber er nahm sich nicht erst die Zeit zum Nachmessen und Punktieren. Bei solch ängstlichem Rechenwerk gehe ihm zuviel Stimmung verloren, erklärte er.
Jutta hatte das Gefühl, einen anderen, größeren Menschen vor sich zu haben, wie sie ihn so bei der Arbeit sah. Hier kam der Mann in seiner ganzen, für gewöhnlich verhaltenen Kraft zur Geltung. Hier beherrschte er als souveräner Herr sein eigenstes Gebiet.
Er sprach kein Wort mehr. Alle Aufmerksamkeit war auf Stein und Instrument konzentriert. Die Blicke waren fliegend, gleichsam greifend. Auf dem Gesicht mit der hohen, vorspringenden Stirn, den finster zusammengezogenen Brauen, den fest aufeinandergepreßten Lippen, lag bedeutsamer Ernst.
»So!« rief er nach einiger Zeit. »Jetzt haben Sie einen Begriff. Nichtwahr? Hierbei gilt's alles, was einem der liebe Gott mitgegeben hat, zusammennehmen; da muß hinter jedem Schlage der ganze Kerl stehen. Radieren, Übermalen, Korrigieren wie bei euch Malern kennen wir nicht. Ein einziger falscher Schlag, und das Ganze ist verdorben. Ich liebe es, so zu arbeiten, im steten Gefühle der Verantwortlichkeit, im Bewußtsein der Gefahr. Das ist Männerarbeit. Man kann's oder man kann's nicht! Mit Kunstgeschmack und gutem Willen allein ist unsre Arbeit nicht gethan. Vor Dilettantismus sind wir sicher. Gott sei Dank!«
Er legte sein Werkzeug bei seite, ging an die Wasserleitung und wusch sich die Hände.
»Ich bin ein merkwürdiger Wirt!« sagte er. »Entschuldigen Sie nur!«
Mit einemmale war aus dem großen Künstler wieder der harmlose einfache Xaver geworden.
»Setzen wir uns!« rief er und schob ihr einen Hocker zu. »Denken Sie, Lieschen wäre bei uns, und lassen Sie uns ein wenig plauschen.«
* * * * *
Jutta holte ihren lange Zeit hindurch vernachlässigten Stickrahmen wieder hervor. Auserlesene Stoffe wurden mit schimmernden Fäden bestickt. Ein Rückfall schien's in Jugendliebhaberei. Aber viel kräftiger und kühner waren jetzt Linie, Form und Farbe.
Unwichtig, spielerisch, weiblich unbedeutend wäre ihr solches Thun noch vor einem halben Jahre erschienen, aber nun hatte Xaver sie gelehrt, daß keine Thätigkeit so unbedeutend sei, um nicht von der Kunst geadelt zu werden. Beständig waren ihr seine Worte darüber gegenwärtig, der Gedanke an sein Vorbild führte ihr die Hand. Zeigen, was sie arbeitete, wollte sie ihm nicht. Sein Lob war ihr nicht von Nöten; wenn nur das, was sie that, seiner würdig war.
Ihr Vater überraschte sie einigemale bei derartiger Arbeit. Er lächelte verständnisvoll. »Ach, für deine Ausstattung!« -- und ein andermal: »Das wird für Brunos Zimmer, ich wette!«
Ausstattung, Hochzeit, Bruno! -- Wie fremd das anmutete! Oft vergaß sie gänzlich, daß sie Braut sei. Wenn ein Wort, ein Ereignis, eine Frage, sie daran erinnerte, berührte sie's wie körperlicher Schmerz.
Und wenn ein Brief von Bruno ankam, konnte sie sich lange nicht entschließen, ihn zu öffnen. Um an ihn zu schreiben, mußte sie sich geradezu einen Stoß geben. Sie schrieb dann mechanisch ganz kindische, einfältige Sachen, las das Geschriebene nie wieder durch. Das Herz auf keinen Fall, kaum der Verstand, hatte damit etwas zu thun.
Allewelt nahm natürlich stillschweigend an, daß sie sich auf nichts mehr freue, als auf Brunos Rückkehr. Ihr Vater fragte sie wie oft scherzweise: »Nun, kleine Jutta, wieviel Tage sind es noch?« --
Die Hänseleien des Vaters waren schrecklich! Mußte sie denn immer und immer wieder an die größte aller Unklugheiten erinnert werden! --
Wie hatte sie nur gekonnt? Welch böser Dämon hatte hinter ihr gestanden? War sie denn blind gewesen, nicht bei Sinnen, oder betäubt?
Sie konnte sich nicht mehr vorstellen, in welcher Verfassung des Gemütes sie sich befunden, als sie Bruno ihr Jawort gegeben hatte.
Die Jutta von damals und die Jutta von heute, das waren eben zwei ganz verschiedene Wesen. Eine neue Welt war ihr seitdem aufgegangen, eine Welt voll großer, herrlicher Dinge, hinter denen sie noch größere ahnte.
Sie hatte sich selbst jetzt erst eigentlich gefunden. Fähigkeiten entdeckte sie an sich, Möglichkeiten der Entfaltung, die sie früher nicht geträumt hatte. Wie verdoppelt kam sie sich vor. Wozu hätte sie sich das Vermögen nicht zugetraut! In manchen Stunden war ihr zu Sinne, als müsse sie fliegen. Verzaubert war sie. Wie in einem Wundergarten lebte sie; alle Dinge, selbst die alltäglichsten, sprachen ihre eigene, besondere, geheimnisvolle Sprache zu ihr. Die Welt hatte in ihren Augen tiefere Farben angenommen. Über allem lag ein goldener Schimmer, wie von einem Gestirn, das aufgehend seine Strahlen weit voraus sendet. Alles war größer, schöner, bedeutungsvoller in diesem Lichte.
Aber so fühlte Jutta nur in besonders glücklichen, geweihten Stunden, wenn sie allein war, tief in ihre Gedankenwelt eingesponnen. Der Alltag mit seiner Nüchternheit sorgte dafür, daß sie immer wieder unliebsam aufgeweckt wurde aus solchen Träumen. Und je höher die Einbildungskraft den Flug genommen hatte, desto tiefer war dann der Sturz zurück in die unerquickliche Wirklichkeit.
Am stärksten wurde dieser bittere Gegensatz fühlbar, wenn Jutta allerhand demütigende Lügen ersinnen mußte, um ihre häufigen Besuche bei Lieschen Blümer zu entschuldigen. Herr Reimers kannte ja die Freundin seiner Tochter von früher her; er begriff jetzt noch weniger als damals, was Jutta von dieser, in seinen Augen gänzlich untergeordneten Person eigentlich habe. Es sei höchste Zeit, daß dieser unpassende Verkehr nun endlich mal aufhöre, fand er. Von der Existenz des Bildhauers ahnte er überhaupt nichts, sonst würde er ein für allemal ein energisches Veto eingelegt haben, aus Gründen der »Moral.«
Jutta war daher zur höchsten Vorsicht verurteilt, wenn sie nicht wollte, daß ihr das Beste, was sie besaß, der Umgang mit den einzigen Freunden, abgeschnitten werde.
Das Ausgehen im größeren Kreise zwar war Jutta erspart geblieben im letzten Winter, vom Verkehr innerhalb der Familie jedoch konnte sie sich nicht gänzlich ausschließen.
Die Familie fand, daß Jutta sehr zurückhaltend geworden sei und still; auffällig still für eine Braut! Besonders kluge Tanten wollten Melancholie lesen in den Mienen des Mädchens.
Auch mit Luitpold Habelmayer traf sie manchmal zusammen. Er hatte noch immer sein ironisches Verhalten ihr gegenüber, erkundigte sich überlegen lächelnd nach dem Befinden des »guten Bruno«. Im übrigen belästigte er Jutta nicht. Im Familienkreise mußte Luitpold sich in Acht nehmen, da fühlte er zuviel beobachtende Blicke auf sich gerichtet.
Außerdem verfolgte der Brave eine ganz besondere, feine Politik, die hieß: Abwarten! Er sah, daß Jutta augenblicklich in einer Krise stehe. Was sich daraus entwickeln werde, schien zur Zeit nicht deutlich erkennbar. Die Hauptsache war in solchem Falle, nichts übereilen, beobachten und zur Stelle sein, um, wenn sich eine günstige Gelegenheit ergab, zugreifen zu können. Von Bruno Knorrig hatte er für das endliche Gelingen seines Planes niemals viel gefürchtet. Im Gegenteil, wenn etwas geeignet war, ihm die schöne Cousine schließlich in die Arme zu treiben, so war es diese ihre unbegreifliche Geschmacksverirrung.
Daß er es jetzt mit einem ganz anderen, unendlich stärkeren Rivalen bei dem Mädchen zu thun habe, ahnte der Kluge bei all seinem Raffinement nicht.
Wenn sie mit Menschen, wie Luitpold Habelmayer zusammenkam, wurde es Jutta erst klar, was sie an Lieschen und Xaver besitze. Da begriff sie den Gegensatz, der zwischen zwei großen Welten klaffte. Hier das gesättigte, aufgeblasene, selbstzufriedene Spießbürgertum, dort jene Welt, die vom Banausen verächtlich als »Bohème« bezeichnet wurde. Auf wessen Seite war die größere Ehrlichkeit, die höhere Sittlichkeit? Da, wo unter dem Deckmantel von Anstand und Ehrbarkeit die gröbste Genußsucht herrschte, oder dort, wo man frei und mutig das Herz zum obersten Richter machte? --
Jutta hatte sich längst entschieden in ihrem Herzen, auf welcher Seite sie stehe.
Tiefste Verachtung erfüllte sie vor dem öden Philistertum, dem geist- und geschmacklosen Protzentum, dem cynischen Materialismus, der sich in ihrer Umgebung breit machte. Was hatte sie eigentlich mit ihrer Familie noch gemein? Anderer Geschmack, andere Bedürfnisse, andere Anschauung! Wie ein Fremdling kam sie sich vor in diesem Kreise.
Und das waren die Menschen, unter denen sie in Zukunft leben sollte! Würde sie das ertragen? War es da nicht besser, einfach auf und davon zu gehen? Aber wohin? -- Sie war ja geschmiedet an diesen Block des Familienlebens, das für sie längst überhaupt kein Leben mehr war; das, wenn sie es länger ertrug, ein allmähliches Absterben und Versumpfen werden mußte.
Das Schrecklichste war das Bewußtsein, sich selbst daran ausgeliefert zu haben, sich gebunden zu haben durch ein Wort, das man in unbewachter Stunde gegeben, zu einer Zeit, wo man nicht bei sich selbst gewesen, wo man sich weggeworfen aus Verdruß, aus Gleichgiltigkeit, weil man's nicht besser gewußt hatte.
Und nun, wo man endlich erkannt, was das Leben sein könne, war's zu spät.
Niemanden ließ sie etwas merken von ihren Seelenkämpfen, selbst Lieschen Blümer nicht. Ja, sie hatte das Gefühl, als müsse sie vor Lieschen ihr Geheimnis ganz besonders wahren. Die sollte ihr nicht raten, nicht zureden, vor allem sie nicht bemitleiden. Lieschen war ja glücklich. Bei Lieschen fielen Liebe und Besitz zusammen in eines.
Jutta fühlte es manchmal wie brennendes Gefühl des Schmerzes, wenn sie das Glück aus den Zügen der Freundin strahlen sah. Es war die Empfindung des Menschen, der hungert dem gegenüber, der sich sättigen darf. Das läßt sich nicht niederkämpfen, bei allem Stolze nicht.
Sie wollte ja nicht ihr Geschick mit dem der Freundin vergleichen. War es denn nicht gerecht, daß Lieschen, der in anderem das Glück so kärglich zugemessen war, in diesem einen Größten wenigstens bevorzugt wurde? -- Verdiente sie denn nicht, was sie besaß? -- Jutta wollte den Neid nicht in sich aufkommen lassen. Neid war so etwas Häßliches, Erniedrigendes! Sie gab sich Mühe, ihr Herz zum Schweigen zu bringen.
Denn Lieschen machte Xaver doch glücklich! Es konnte kein Zweifel sein darüber. Aus hundert kleinen Zügen merkte man seine Liebe. Es wäre ja auch unnatürlich gewesen, hätte er sie nicht geliebt, er, der ihr für Großes Dank schuldig war, der ihrer Aufopferung das Leben dankte.
Von Herzen schlecht wahrhaftig hätte man sein müssen, wollte man der Freundin nicht gönnen, was tausendfach ihr Eigentum war.
Lieschen hatte sich ihr Leben selbst gemacht. Sie hatte ihr Herz wählen lassen, hatte Bequemlichkeit, Ruhe, gesicherte Stellung, Achtung der Menschen hinter sich geworfen, hatte die Liebe auf sich genommen mit allen ihren Dornen, es war nur gerecht, daß sie auch ihre Süße auskostete.
Auch Jutta hatte ja gewählt. Sie war Braut. Aber es bäumte sich etwas auf in ihr, wenn sie an ihr Los dachte, das äußerlich soviel glänzender, geordneter war, als das der Freundin. Sie würde heiraten, eine brave, gut situierte Hausfrau werden, mit allem, was dazu gehörte: Geld, Ehrbarkeit, Kinder. --
Wie sie den Gedanken haßte, ja fürchtete! Ein Fantom wurde daraus, das ihr Tag und Nacht keine Ruhe ließ.
Wie ein Stein fiel es ihr daher vom Herzen, als ihr der Vater eines Tages schonend die Mitteilung machte, in Venezuela drohe wiedermal Bürgerkrieg. Ihre Plantagen, Lager und Häuser drüben seien schwer bedroht, und es wäre vorläufig unbedingt notwendig, daß Bruno an Ort und Stelle bleibe, bis das Schlimmste vorüber sein würde.
Herr Reimers wunderte sich, wie ruhig Jutta diese ernste Nachricht aufnahm. Er hatte Weinkrämpfe oder dergleichen erwartet. Im stillen bewunderte er seine Tochter. Schneid hatte das Mädel, wenn's drauf ankam! --
Jutta aber fühlte sich wie von schwerem Alp befreit. Gott sei Dank, das war ein Aufschub!
XVI.
Das Sommersemester neigte sich bereits stark dem Ende zu. Eberhard wollte dies Jahr nicht, wie die Jahre vorher, während der großen Ferien ins Ausland reisen, sondern nur an die Ostsee gehen. Irgendwo auf Rügen, glaubte er, werde er Muße finden zur Arbeit. Denn heuer mußten dazu auch die Ferien genommen werden; wollte er doch im nächsten Winter seine Staatsprüfung ablegen. Im Herbst aber sollte er zu kurzem Aufenthalt nach München kommen, wo, wie der Vater schrieb, Juttas und Brunos Hochzeit stattfinden werde, bei der er nicht fehlen dürfe.
Otto Weßleben, der auch nicht weit vom Examen stand, wollte Eberhard Reimers auf seiner Rügen-Fahrt begleiten. Die beiden Freunde hatten sich's ausgedacht, bei schlichten pommerschen Bauersleuten Quartier zu nehmen. Man wollte nicht nur repetieren, sondern auch baden, die Insel durchwandern, segeln, rudern.
Bei den Weßlebens wurde kaum noch von etwas anderem gesprochen, als von diesem Ausfluge. Eltern und Geschwister freuten sich für Otto, dessen erste Reise es war. Sie selbst wollten während des Hochsommers in Berlin bleiben; denn für mehr als ein Familienmitglied langten die Mittel zum Reisevergnügen nicht.
Wenige Tage vor dem bestimmten Abfahrtstage bekam Eberhard unerwarteten Besuch. Bruno Knorrig trat ohne Anmeldung plötzlich zu ihm ins Zimmer.
Über fünf Jahre war es nun wohl schon her, daß man einander nicht gesehen hatte; wichtige Jahre der Entwickelung für die beiden! Man wußte noch, daß man miteinander befreundet sei, man versicherte es sich gegenseitig aufs neue, man suchte einander zu überbieten in Herzlichkeit; aber es blieb in alledem doch etwas Fremdes, Erzwungenes. Ein zu großes Stück fehlte in der Kette gemeinsamen Erlebens; beim besten Willen konnte man die beiden Enden nicht mehr zusammenfügen.
Eberhard schlug vor, in eine Kneipe zu gehen, da es auf seiner »Bude« doch gar zu nüchtern sei. Außerdem wäre es höchste Zeit, meinte er, daß sie nun endlich mal auf Brunos und Juttas Verlobung eine Flasche leerten. Es sei ein Skandal, daß das nicht längst geschehen.
Bruno ließ auf diese Aufforderung ein etwas gepreßt klingendes Lachen hören, das Eberhard auffiel. Überhaupt entsprach sein, zwischen hastiger Erregung und Gedrücktheit jäh wechselndes Benehmen nicht gerade dem, was man sich unter einem glücklichen Bräutigam vorstellte.
Der Freund folgte Eberhards Einladung jedoch, und bald saß man in der gemütlichen Ecke einer Weinstube einander gegenüber und setzte die Versuche fort, sich näher zu kommen.
Bruno erzählte, daß er seit etwa drei Wochen wieder in Europa sei. Seine Thätigkeit drüben sei glücklich beendet. Es stehe nun nichts mehr im Wege, daß er für immer in der Heimat bleibe.
»Und im Oktober ist Hochzeit!« rief Eberhard. »Stoßen wir darauf mal an, mein Alter! Deshalb, weil wir Schwäger werden sollen, können wir schließlich immer noch Freunde bleiben, denke ich!«
Bruno zuckte zusammen. Ohne den Freund anzusehen, erwiderte er: »Laß! Erst muß ich dir etwas erzählen. Ich bin hierher gereist, weil du meine letzte Hoffnung bist!« ....
Und nun berichtete er dem staunenden Eberhard Folgendes:
Während er in Südamerika gewesen, waren Juttas Briefe an ihn immer seltener, kürzer und kühler geworden. Er hatte dieser Wandlung des Tones keine allzu große Bedeutung beigemessen, hoffend, daß all das mit einem Schlage besser werden würde, wenn er erst wieder bei ihr sein werde. Aber der Empfang, den sie ihm nach seiner Rückkehr bereitet hatte, war noch ärger gewesen, als ihre Briefe. So furchtbar es auch sei, so könne er doch nicht mehr daran zweifeln, daß sie die Absicht habe, mit ihm zu brechen.
Mehr noch, als seine schlichten Worte, machte seine ganze Art und Weise auf Eberhard Eindruck. So sprach echte Verzweiflung. Man merkte ihm an, daß er schwer getroffen sei. Jetzt verstand Eberhard den Freund auf einmal wieder. Er begriff die Größe seiner Liebe, fühlte mit ihm die Kränkung, die ihm widerfahren.
Das Eis war gebrochen zwischen den beiden.
Bruno schüttete sein Herz aus. Was eigentlich vorgegangen sei mit Jutta, konnte er nicht angeben. Man war auf Vermutungen angewiesen. Neigung zu einem anderen Manne konnte es nicht wohl sein; sie hatte ja im vorigen Winter ein völlig zurückgezogenes Leben unter den Augen der Ihren geführt.
Eberhard erkundigte sich: wie denn die beiderseitigen Väter die Sache auffaßten? --
»Mein Vater,« erwiderte Bruno, »ist schnell fertig. Für ihn bedeutet Verlobung Verlobung; ein Kontrakt, wie jeder andere. Du kennst ihn ja! Jeder Kontrahent ist gebunden, seine Zusage zu erfüllen. Ein Esel wäre in seinen Augen, wer von seinem guten Recht nicht bis zum äußersten Gebrauch machte.«
»Und ~mein~ Vater?« fragte Eberhard.
»Auch er bleibt seiner Natur getreu. Er sieht die Sache im rosigsten Lichte, meint, das seien Mädchenlaunen, die nichts bedeuteten. Jede richtige Braut hätte wohl solche Anwandlungen. Das mache den Brautstand ja so pikant, daß man sich das Mädel immer wieder zurückerobern müsse. -- Sie haben beide schön reden, die Alten! Ich allein weiß, wie verzweifelt meine Sache steht!«
»Hat dir meine Schwester direkt gesagt, daß sie dich nicht will?«
»Schlimmer als das! Sie hat mich durchfühlen lassen, daß sie es als Ehrlosigkeit betrachte von meiner Seite, wenn ich mich weiterhin als ihren Bräutigam ansähe.«
»Ein starkes Stück!«
»Ich habe ihr erklärt, ich würde zurücktreten, wenn sie mir die Gründe ihres Meinungswechsels glaubhaft machen werde.«
»Hat sie das gethan?«
»Sie verweigert jede Erklärung. So stehen die Dinge augenblicklich zwischen uns. Ich fühle, daß dieser Zustand völlig unhaltbar ist. Zwingen kann ich sie ja nicht, wie mein Vater will; aber fahren lassen -- einfach mein Wort zurückgeben .... Ich glaube nicht, daß du begreifen kannst, was das für mich heißen würde.«
Bruno war blaß geworden und zitterte am ganzen Leibe. Das Weinen schien ihm nahe.
Er that Eberhard in tiefster Seele leid. Männer können einander in Sachen der Liebe selten verstehen, weil fast immer Eifersucht in irgend einer Form zwischen ihnen steht. Eberhard aber stellte sich hier von vornherein auf Seite des Freundes gegen die Schwester. Einen schweren Treuebruch schien ihm das Mädchen zu begehen.
»Kann ich dir irgendwie helfen, armer Kerl?« fragte er.
»Um dich darum zu bitten, bin ich hier!« antwortete Bruno. »Du bist schließlich der einzige Mensch, der Einfluß hat auf Jutta. Ich weiß es, daß sie auf dein Urteil großen Wert legt. Ich will nicht etwa, daß du sie überreden sollst zu etwas, das sie nicht will; verstehe mich nicht falsch! Ich dachte nur, wenn du versuchtest, sie auf sich selbst zurückzuführen. Sie hat mich doch lieb gehabt, würde sie mir sonst ihr Jawort gegeben haben damals! Aber seitdem hat sich irgend etwas ereignet, was sie mir nicht sagen will oder nicht sagen kann. Vielleicht ist sie gegen dich offenherziger.«
»Ich verstehe dich vollständig, Bruno, und ich denke, ich bin der Mission gewachsen! Soll ich sogleich mit dir nach München fahren?«
»Dein Vater und Jutta sind bereits nach Berchtesgaden abgereist. Ursprünglich sollte auch ich mitkommen; aber nach den Erfahrungen blieb ich lieber weg. Angeblich bin ich auf einer Geschäftsreise am Rhein. Ich kann auch nur kurze Zeit hier bleiben. Wenn du etwas für mich thun wolltest, das wäre herrlich! Niemals würde ich dir den Freundschaftsdienst vergessen! Aber das sage ich dir gleich: leicht wirds nicht werden. Jutta ist sehr, sehr schwer zu behandeln. Ich fürchte, ich habe es von vornherein mit ihr versehen.«