Liebe ist ewig

Part 20

Chapter 203,734 wordsPublic domain

»Er weiß garnicht, wie krank ich bin!« sagte sie und schob sich auf ihrem Lager näher an Jutta heran. »Liebe, willst du dort den Vorhang herunterlassen! Du sollst mal sehen, wieviel besser ich dann gleich aussehe!«

Jutta that, wie ihr geheißen. Der Vorhang an dem einzigen Fenster war ein Stück bräunlicher Kattun, welcher das Licht nur in gedämpften Strahlen durchließ. Lieschen hatte recht, im Halbdunkel sah man nichts mehr von ihrer Geisterblässe. Die Falten und Furchen in ihrem Gesicht erschienen wie von freundlicher Hand ausgewischt.

»Ich lasse stets den Vorhang herunter, ehe er kommt,« erklärte Lieschen. »Er braucht nicht zu wissen, wie ich aussehe. Männer bekommen leicht Ekel vor Kranken. Und nun gar ein Künstler! Denke aber nicht etwa, daß er mich vernachlässigt. Er ist sehr freundlich zu mir. Siehst du, all die Blumen sind von ihm. Manche von ihnen duften so stark, daß ich sie des Nachts vors Fenster stellen muß. Früh hole ich sie dann wieder herein; denn siehst du, sie würden ihm fehlen, wenn er kommt.« Lieschen lächelte, strahlend über ihre Schlauheit. »Ach, Jutta, er ist rührend in seiner Sorge um mich.«

Jutta forschte, welchen Arzt die Freundin habe, wer sie pflege, was sie für ihre Genesung thue. Da erfuhr sie Erstaunliches. Einen Arzt hatte Lieschen überhaupt nicht angenommen.

»Was mir fehlt, weiß ich selbst ganz genau. Doktoren und Arzeneien können mir nicht helfen. Außerdem, Jutta -- ich -- ich schäme mich! Wenn eine Frau sich um mich kümmerte, ja! Aber keinen Mann, bitte! Auch du sei gut, ich beschwöre dich! Keinen Arzt! Mein Leiden ist mein. Ich will es mit ins Grab nehmen.«

Niemand hatte sich um das unglückliche Geschöpf gekümmert, außer Xaver, der ihr Blumen brachte. Sie räumte sich ihr Zimmer auf, machte sich ihr Bett selbst, wie sie Jutta gestand. Dabei hätte ihr Zustand unbedingte Ruhe erfordert. Das wenige, was sie an Nahrungsmitteln brauchte: Milch, Eier, Fruchtsaft besorgte ihr die Hausmeisterin, die einmal des Tages nach ihr sehen kam.

»Es ist nicht so schlimm, wie es aussieht, weißt du!« erklärte Lieschen. »Am Tage habe ich dieses und jenes, was mich abzieht: die Blumen, die Bücher. Auch die Hausmeisterin ist nicht häßlich zu mir. So lange es Tag ist, sind die Gedanken heiterer, sonniger. Nur des Nachts, wenn ich nicht schlafen kann, will mich manchmal der Mut verlassen. Aber auch das geht vorüber, wenn man an soviel Schönes zurückdenken kann, wie ich.«

Jutta begriff alles: den abgemagerten Leib, unter dessen welker Haut man das Blut rinnen zu sehen vermeinte, die tief umschatteten Augen, den ganzen Zustand der Freundin, den körperlichen wie den seelischen; ihre Angst vor dem Arzte, ihre Verstellungskünste dem Freunde gegenüber.

Mitleid ergriff Jutta, wie sie es noch nie im Leben empfunden hatte. Konnte es größeren Jammer geben? -- Aber zugleich erfüllte sie tiefste Bewunderung vor der Tapferkeit, mit der hier Furchtbares wahrhaft groß ertragen wurde. Hier erst kam zu Tage, was in diesem kleinen, unscheinbaren, jetzt beinahe schon aufgeriebenen Körper für eine Seele lebe; stahlhart bei aller Schmiegsamkeit.

Die Freundin wuchs vor Juttas Augen. Welchen Adel das Leiden dem Menschen verleihen konnte! Das Häßliche der Krankheit vergaß man ganz. Von dieser Dulderin ging ein Schimmer aus der Verklärung, der sie wie ein Heiligenschein umfloß und verschönte.

* * * * *

Natürlich fiel es zu Haus auf, daß Jutta soviel wegging, manchmal sogar die Mahlzeiten überschlug. Vally ließ es keine Ruhe, zu erfahren, was die Cousine eigentlich treibe. Ein paar Flaschen alten Rheinweins, welche sich Jutta vom Vater erbeten und durch das Mädchen zu einer Kranken hatte bringen lassen, führten die Neugierige endlich auf die Spur. Aber Vally blieb nicht dabei stehen, festzustellen, wie die Person heiße, zu welcher der Wein gewandert war. Dahinter mußten doch auch noch andere interessante Dinge stecken! Vally nahm das mit ihrem für alles Pikante stark entwickelten Instinkte einfach als feststehend an.

Eines Tages trat sie mit triumphierender Miene vor die Cousine hin: »Du, dein Fräulein Blümer ist Lehrerin gewesen -- nicht wahr?« Jutta bestätigte das. »Weißt du auch, weshalb sie mit Schimpf und Schande entlassen worden ist?«

»Gewiß weiß ich das!« erwiderte Jutta noch ziemlich ruhig.

»Und mit solch einem Frauenzimmer hast du Verkehr?!«

Jutta antwortete ihr mit einem Blicke, welcher der, von Natur feigen Vally den Mut vergehen machte, dieses Gespräch weiter zu führen.

Der Cousine ein wirkliches Hindernis in den Weg zu legen, wagte Vally Habelmayer schließlich doch nicht. Sie spielte in Gemeinschaft mit ihrer Mutter augenblicklich ein viel zu hohes Spiel, um sich mutwilligerweise einen Gegner aufzuladen. Im Grunde konnte man nur froh sein, daß Jutta auf diese Weise Abziehung fand und sich nicht eingehender mit dem beschäftigen konnte, was in Haus und Familie vorging.

Herr Reimers machte zwar gelegentlich Bemerkungen über seiner Tochter neueste Passion, Kranke zu besuchen; aber auch er trat dem Mädchen nicht ernsthaft hindernd in den Weg.

Jutta hatte nun Lieschens Pflege in die Hand genommen. Es war das zunächst etwas Neues, manchmal auch Beschwerliches für sie. Ob sie die Pflege richtig anfasse, wußte sie nicht; denn niemand war da, sie zu unterweisen. Sie konnte nur ihrem Gefühle folgen. Aber an Lieschens Dankbarkeit merkte sie, daß sie der Kranken wenigstens wohlthue.

Jutta konnte es nicht vermeiden, gelegentlich mit Xaver Pangor an Lieschens Lager zusammenzutreffen; obgleich sie alles that, es zu vermeiden. Gänzlich hatte sich ihr Verhältnis zu ihm verändert. Zu einem fremden, beinahe gleichgiltigen Menschen war er ihr geworden. Daß er derselbe Xaver sein solle, der ehemals so tiefgehenden Einfluß auf sie gehabt, begriff sie kaum. Als könne das garnicht sie gewesen sein, die neulich in Berlin einen ganzen Tag mit ihm zugebracht, beglückt durch seine Anwesenheit, kam's ihr jetzt vor.

In ein verändertes, ungünstigeres Licht war der ganze Mann für sie gerückt, seit sie die Freundin so vorgefunden hatte.

Ein Mensch, wie Xaver, paßte herzlich schlecht in die Krankenstube. Seine Kraft, Frische und Gesundheit stand in schneidendem Gegensatz zu Lieschens Verfall. Wie die meisten, von Natur robusten Menschen stand er der Krankheit ratlos gegenüber. Er sah nicht, wollte in einem gewissen, beschränkten Eigensinn nicht sehen, wie es um die Freundin in Wahrheit bestellt sei. Das Quartier, welches er für sie in Schwabing gemietet hatte, gab er auch jetzt nicht auf, hoffend, daß sie es baldigst beziehen könne.

»Du wirst schon wieder werden, mein armes Hascherl, du!« tröstete er. »Nur nicht den Mut sinken lassen! Mut ist die Hauptsach! Weißt noch, wie ich so krank war, dazumal in Paris? Kein Doktor gab einen Heller für mein Leben. Und ich bin doch wieder frisch worden.«

Dann streichelte der große Bursche mit seiner ausgearbeiteten Künstlerhand ihr das ergraute Haar. Und sie strahlte auf unter der Liebkosung, daß es wirklich aussah, als könne er recht haben, als sei noch Hoffnung vorhanden.

»Sie haben nämlich keine Ahnung, wie zähe sie ist!« damit wandte er sich an Jutta. »Und was sie für Kräfte hat, die Kleine! Als ich das Nervenfieber hatte, da hat sie mich schweren Burschen gehoben, als wäre ich ein kleines Kind. Man traut's ihr nicht zu.«

Jutta war innerlich empört. Wußte sie doch nur zu gut, daß das geheime Leiden der Freundin und jene Pflege, von der er sprach, eng zusammenhingen. Es war doch undenkbar, daß er das nicht wissen sollte! Sah er denn garnicht die Tragik dessen, was sich hier abspielte? -- Sah er nicht den traurigen Ausgang nahen, der kommen mußte? --

Jutta vergaß ganz all die Entschuldigungen, die sie ehemals für seine Unerfahrenheit gehabt hatte. Xaver war der geblieben, der er immer gewesen, aber sie hatte ihre Stellung zu ihm geändert. Nun ihr die Augen aufgegangen waren über Lieschens wahren Zustand, sah sie für Roheit an, was im Grunde nichts anderes war, als männliche Gedankenlosigkeit. Sie verurteilte sein Verhalten aufs schärfste.

Wir sind immer geneigt, mit denen am härtesten ins Gericht zu gehen, die wir wider Willen lieben müssen.

Xaver kam oft zu Lieschen. Er brachte ihr nach wie vor Blumen, manchmal auch Leckerbissen, von denen er annahm, sie müßten ihr munden. Und sie stellte sich an, als freue sie sich über Dinge, die sie doch nicht genießen konnte. Nach wie vor wurde ihm auch die Komödie vorgespielt mit dem braunen Kattunvorhang. Mit feinem Kranken-Ohre erkannte Lieschen seinen Schritt bereits auf der Stiege. War dann der Vorhang zufälligerweise nicht heruntergelassen, dann war die Kranke imstande aufzuspringen -- obgleich sie durch Schmerzen nachträglich schwer dafür büßen mußte -- nur um das Dämmerlicht herzustellen, das ihm die Wahrheit über ihren Zustand verhüllte.

Kein Zweifel: Lieschen, die mit klarem Bewußtsein ihrem Schicksal entgegenging, hing mit allen Fasern ihres Herzens an diesem Manne. Xaver hatte noch die Fähigkeit, sie zu verwandeln. Wenn er ins Zimmer trat, wurde sie eine andere. Jutta sah es am Glanze ihres Auges, an den verklärten Zügen, hörte es der Stimme an, aus der es dann klang wie versteckter Jubel. Und es wollte sie manchmal eine Art Eifersucht befallen gegen den Menschen, der auf die Freundin eine solche Wirkung ausübte.

So schien sich alles verkehren zu wollen zwischen den drei Menschenkindern. Jutta glaubte Xaver zu hassen und war eifersüchtig auf Lieschens Liebe zu ihm. Xaver aber stand Jutta mit unklaren Empfindungen gegenüber. Eines merkte er, daß das Mädchen trachte, sich von ihm zurückzuziehen. Den Grund dafür konnte er nicht begreifen. Einzig Lieschen sah klar von den dreien, erkannte mit tief eindringendem Blicke die eigenartig verschlungenen Fäden des ganzen Verhältnisses.

Sie kannte ihren Xaver, wie nur eine Frau einen Mann kennen mag, sie schaute ihm mit dem Auge der Mutter, Schwester und Geliebten bis auf den Grund des Herzens. Und dort sah sie eine große Unruhe, etwas Neues, das sich losringen wollte, einen Keim, der noch keine rechte Gestalt angenommen hatte, Gefühlswehen, die er vor sich selbst zu verheimlichen suchte.

Lieschen empfand keine Eifersucht. War es denn nicht so unendlich natürlich, daß seine Liebe zu ihr mählich einer anderen Platz mache. In voller Freiheit hatte sie ihn von jeher gelassen, wissend, daß Freiheit erste Grundbedingung ist der Liebe. Und so war es ihr gelungen, die junge, frühlingsstarke Leidenschaft im Laufe der Jahre hinüberzuleiten in milde Freundschaft. Er war der ersten und einzigen Geliebten treu geblieben in Werken, und was noch unendlich viel mehr ist, in Gedanken. Aber zur Pflicht machte sie ihm die Treue nicht. Sie wußte es: kein Mensch kann für sich gut sagen, niemand soll Treue schwören; denn der, welcher den Eid halten soll, ist vielleicht ein ganz anderer, als der, welcher ihn abgeleistet. Nicht von heute auf morgen können wir einstehen für unser Herz. Was will der Mensch machen gegen die Wandlungen seines Inneren? Will er sich selbst verbieten, zu grünen und seine Säfte zu erneuern? --

Xaver rührte sie. Wie tapfer er kämpfte! Wie er das neue Gefühl, das sich seiner bemächtigen wollte, als Unrecht empfand! Wie ihn der Kampf erschütterte! Und wie er doch nichts auszurichten vermochte, weil er mit einem Naturgesetze rang.

Seiner ehrlichen Natur war Heuchelei etwas Fremdes. Er verriet sich in seinen Blicken und in seinen Reden. Er verriet sich mehr noch in der Art, wie er sich vor Jutta fürchtete, als wie er sich ihr zu nähern trachtete. Seine ganze ehemalige Weiberscheu war wieder erwacht. Verlegen und unsicher erschien er in Gegenwart des Mädchens.

Anzeichen, die Lieschen so genau verstand, für die es nur eine Erklärung gab: unter Regen und Sonnenschein wird neue Liebe geboren, und unter Qualen, Zweifeln und Gewissensbissen giebt man der alten den Abschied.

Es entging Lieschen nicht, daß Jutta Xaver neuerdings mit einer gewissen Geringschätzung behandelte. Einmal, als die Freundinnen beisammen waren und man ihn kommen hörte, sprang Jutta auf und rief ungeduldig: »Ist man denn niemals vor dem Menschen sicher!« griff nach Handschuhen und Schirm und entfernte sich, kaum seinen Gruß in der Thür erwidernd.

Am nächsten Tage stellte Lieschen die Freundin mit sanften Vorwürfen zur Rede über ihr Benehmen. Jutta verteidigte sich nur durch ein Achselzucken. Lieschen sagte: »Du beurteilst ihn falsch, Jutta. Er ist so gut! Du ahnst garnicht, wie von Herzen gut er ist!«

»Seine Herzensgüte habe ich niemals angezweifelt, aber mich ärgert's, daß er nicht soviel Intelligenz besitzt, zu erkennen, wie's um dich steht.«

»Ach weißt du, er ist ein Mann; das sagt in Bezug auf das Erkennen sehr vieles. Und außerdem ist er Künstler; er lebt in einer besonderen Welt. Man muß ihm verzeihen. Diese Arglosigkeit kleidet ihn so gut. Möchtest du ihn etwa anders haben?«

»Du hast ein viel zu mildes Urteil!«

»Weil ich ihm für so unendlich Großes Dank schuldig bin.«

»Er ist ~dir~ Dank schuldig!«

»Mag sein, daß ich manches an ihm zurechtgerückt habe. Aber was ist das, Jutta, gehalten gegen das, was er mir gewesen, was er aus mir gemacht hat!«

»Aus dir -- ~er~ aus ~dir~?!«

»Sieh, das Größte in meinem Leben verdanke ich ihm. Er hat mich lieben gelehrt. Er hat mich zur Mutter gemacht. Leicht wie Feder wiegt alles, was ich ihm habe geben können, gegen solche Glückseligkeit. Wer wirklich geliebt hat, der kann, glaube ich, nie ganz unglücklich werden, denn der hat einmal wenigstens gelebt. Und was kommt dann darauf an, ob das Leben ein paar Jahre früher oder später endet. Siehst du, Jutta, ich bin nicht mehr jung. Im Fühlen zwar altert unsereins nimmer; wer könnte alt werden, solange man liebt? -- Aber im übrigen bin ich alt und verbraucht. Es gab eine Zeit, da schien ich jünger als er, und jetzt bin ich neben ihm eine alte Frau. Was kann ich ihm noch sein? Mutter! -- Er hat eine Mutter, die er verehrt. Wessen er jetzt bedarf, ist etwas ganz anderes; und gerade das kann ich ihm nicht geben. -- Du wunderst dich, daß ich darüber so ruhig spreche -- nicht wahr? Ich sehe alles das viel deutlicher, seit ich soviel Zeit habe, nachzudenken. In den Nächten, wo ich nicht schlafen konnte, ist mir mein und sein Schicksal klar geworden und was sie gegen einander wiegen. Xaver ist wichtiger als ich. Er soll leben, er soll schaffen! Ich würde ihm zu beidem ein ewiges Hindernis sein. Er soll glücklich werden, groß, ein berühmter Mann! Jetzt weiß ich ja auch, warum mein armes Kindchen hat sterben müssen. Das hätte uns, die Eltern, für alle Zeiten an einander gekettet. Er wäre an mich gebunden gewesen, und das sollte nicht sein. Nichts von mir darf ihn belasten, nicht einmal die Erinnerung. Die soll ihm ganz leicht sein. Wehmut mag er empfinden, wenn er an mich denkt, Wehmut ist ein schönes, ein fruchtbares Gefühl; aber er soll sich meinetwegen nicht in fruchtloser Reue verzehren. Mein Tod soll ihn überraschen. Hörst du's, Jutta, er darf nicht dabei sein. Man wird vielleicht schwach. Wer weiß, ob man sich ganz beherrscht in der Stunde! Und er soll ein ungetrübtes Andenken von mir behalten. Als Geliebte will ich ihn umschweben, als Braut, jung und schön. Wie ich jetzt aussehe, wie müde und alt ich bin, darf er nicht erfahren. Laß ihn bei seiner Illusion, Jutta! Versprichst du mir das? --«

Und Jutta mußte der Freundin das Versprechen geben.

XXIII.

Eines Morgens erhielt Jutta, als sie noch beim Ankleiden war, durch Boten einen abgerissenen Zettel zugestellt. Lieschens Hausmeisterin schrieb: Fräulein Blümer gehe es schlecht, es sei nach dem Doktor geschickt worden. Wiederholt schon habe die Kranke nach der Freundin gefragt.

Mit zitternden Händen vollendete Jutta ihre Toilette und eilte zu Lieschen.

Der Arzt war noch da, die Untersuchung hatte bereits stattgefunden. Er war ungehalten, daß man ihn jetzt erst geholt habe. Es sei ja viel zu spät! Vor ein paar Monaten hätte man durch einen Eingriff vielleicht noch helfen können. Das komme von der »verdammten Schamhaftigkeit« der Weiber. Daß er selbst an Schamhaftigkeit nicht leide, bewies er, indem er von dem vorliegenden Krankheitsfalle in Juttas Gegenwart mit cynischer Deutlichkeit sprach. Er verschrieb etwas, erklärte, er werde abends nochmal nachsehen kommen und ging dann.

Jutta saß längst am Bette der Freundin und liebkoste sie. Mit verstörten Zügen lag Lieschen, wie ein verwundetes Tier, stumm, nur ihre großen, verängsteten Augen erzählten, was sie ausgestanden habe.

»Ist er fort?« stöhnte sie endlich. »O, das war von allem das Fürchterlichste!« Was sich mit ihr ereignet habe, wußte sie selbst nicht recht; aber die Hausmeisterin ergänzte das Fehlende mit viel Redseligkeit. Nachts hatte ein starker Blutverlust stattgefunden, dem eine schwere Ohnmacht folgte. So war die Kranke des Morgens gefunden worden.

»Er hat gesagt, daß es ganz schlimm mit mir stünde,« sagte Lieschen, als endlich auch die Frau gegangen war. Juttas Thränen antworteten ihr. »Wenn's doch heute noch zu Ende wäre!« Ein befriedigtes Lächeln ging über Lieschens Züge.

Lange Zeit lag die Sterbende und sagte kein Wort. Der Arzt hatte das Fenster öffnen lassen. Luft und Licht strömten ungehindert ein. Ihr Gesicht war wachsbleich. Jetzt, wo die Augen, die sonst mit ihrem Glanz dem Ganzen Leben gaben, geschlossen in ihren dunklen Höhlen lagen, glich der Kopf einer Totenmaske. Jutta, die einen schwachen Rest von Hoffnung immer noch genährt hatte, sagte sich nun, daß alles aus sei, daß es sich hier nur noch um Stunden handeln könne. Sie weinte still vor sich hin.

»Ich möchte einen Priester haben!« sagte mit einemmale Lieschen, kaum vernehmbar.

Jutta wußte, daß sich die Freundin nicht allzu eifrig um Kirche und Gottesdienst gekümmert habe. Lieschen hatte ihr einmal erzählt, sie sei in den letzten Jahren nicht mehr zur Beichte gegangen, weil es ihr unmöglich wäre, mit den Lippen das als Sünde zu bekennen, was ihr Herz als das Größte, Wertvollste und Schönste ihres Lebens empfinde. Jutta hatte diese Scheu verstanden. Sie begriff aber auch, daß im Angesicht des Todes Empfindungen und Erwägungen die Oberhand gewinnen beim Menschen, von denen wir als Gesunde nichts ahnen mögen.

Das Mädchen überlegte hin und her, an welchen Priester sie sich wenden solle. Ihr eigener Beichtvater, an den sie zunächst dachte, schien nicht der rechte Mann. Er war ein Durchschnittspriester, prosaisch, abgestumpft, ohne Feingefühl. Da fiel ihr zur rechten Zeit ihr Religionslehrer aus der Schulzeit ein. Von allen Geistlichen, die sie jemals kennen gelernt, hatte der den tiefsten Eindruck auf sie gemacht; von ihm wußte sie, daß er nicht nur ein kluger gelehrter Mann sei, daß er vor allem auch Takt, Verständnis und Milde besitze.

Ihr ehemaliger Lehrer befand sich jetzt in der Stellung eines selbständigen Pfarrers. Jutta war aus alter Anhänglichkeit hie und da in seine Kirche gegangen, die in der Vorstadt lag.

Sie nahm einen Wagen, fuhr hinaus und hatte das Glück, den Geistlichen zu Haus anzutreffen. Er erkannte die ehemalige Schülerin sofort wieder und schenkte ihr willig Gehör.

Ihr Herz hatte bange geklopft auf der ganzen Fahrt. Würde es ihr gelingen, dem Priester verständlich zu machen, daß er die Kranke nicht quälen dürfe, daß Lieschens Fall nicht zusammenzuwerfen sei mit so und so vielen anderen, wie sie so einem wohl täglich begegnen mochten. Wenn er nun Fragen stellte, indiskrete Fragen, wie es die Beichtiger für ihr gutes Recht hielten? -- --

Aber als sie das wohlvertraute Organ ihres Lehrers vernahm, als sie seine würdige Erscheinung sah, den Hauch von Wohlwollen und Verständnis spürte, der von dieser echten Hirtenpersönlichkeit ausging, da verflog ihre Sorge. Es wurde ihr leicht, diesem Manne die Lage der Freundin zu schildern, sie fand für das schwer zu Sagende schnell den richtigen Ausdruck.

Der geistliche Herr hörte ihr mit der Miene eines Mannes zu, den die Übung gelehrt hatte, aufmerksam zu sein und zugleich undurchdringlich zu erscheinen. Er hatte den Fall in seiner Eigenart sofort begriffen und sagte zu, baldigst zu kommen.

Glücklich, daß ihre Hoffnung sie nicht getäuscht hatte, fuhr Jutta zurück, jetzt nur besorgt, wie sie Lieschen antreffen würde.

Der Zustand der Erschöpfung hatte während der letzten Stunden zugenommen. Ein mattes Lächeln war alles, was Jutta zur Antwort erhielt, als sie der Sterbenden mitteilte, ihr Wunsch werde in Erfüllung gehen.

Nun wurden in Eile Vorbereitungen getroffen für die heilige Handlung. Die Hausmeisterin mußte ein paar geweihte Kerzen besorgen, die auf einem weiß gedeckten Tischchen ihren Platz fanden. Dazwischen stellte Jutta ein Kruzifix, das Lieschen stets besonders wert gehalten hatte, weil es ein Geschenk war von Xaver, von ihm selbst aus heimatlichem Holze geschnitzt. Die Kranke wurde mit Hilfe von Kissen zu einer halbsitzenden Stellung aufgerichtet.

Dann kam der Priester mit seinem Meßdiener. Jutta und die Hausmeisterin zogen sich zurück, ebenso der Ministrant, nachdem er dem geistlichen Herrn die Alba angelegt und die Stola umgehängt hatte.

Die Beichte währte nicht lange, während der die Sterbende allein war mit dem Priester. Dann durfte Jutta wieder eintreten. Sie sah, daß friedliche Heiterkeit auf Lieschens Zügen lag. Der Beichtiger schien es nicht hart mit ihr gemacht zu haben; hatte ihrem Sündenbekenntnis die Absolution erteilt.

Nun erhob der Priester das Ciborium und ließ die Sterbende eine Weile den Anblick des heiligsten Symbols genießen. Mit den Worten des Bekenntnisses reichte er darauf ihren Lippen die Hostie dar. Der Diener legte ein Tuch über die Stirn der Sterbenden, um dem Vergeuden des Chrismas vorzubeugen, darauf vollzog der Priester die letzte Ölung. Nachdem er noch zum Segen die Hände aufgelegt hatte, war die Handlung zu Ende.

Jutta geleitete den geistlichen Herrn hinaus. Noch nie war es ihr so natürlich erschienen, einem Priester die Hand zu küssen wie hier. Er murmelte auch über ihrem Haupte den Segen, dann ging er, gefolgt von dem Ministranten.

Lieschen lag mit weit offenen Augen und lächelte. Sie hatte auf einmal ihr altes Gesicht wiederbekommen; eine Erscheinung, die man bei Sterbenden manchmal kurz vor der Krisis beobachtet. Jutta setzte sich zu ihr. »Das Kruzifix!« flüsterte Lieschen. Es wurde ihr gereicht. »Von ihm!« hauchte sie, warf einen langen heißen Blick darauf und küßte es.

Eine geraume Weile war in Schweigen vergangen, als Jutta aus dem Mienenspiel der Kranken zu lesen glaubte, daß etwas sie beunruhige. Sie beugte sich zu ihr: »Soll ich ~ihn~ rufen lassen?«

Lieschen schüttelte energisch das Haupt. Nach einiger Zeit kam es unter beseeligtem Lächeln leise, wie ein Hauch von den blassen Lippen: »Sage ihm: ich bin glücklich! -- Er hat mich so glücklich gemacht.«

Mit dem friedlichsten Ausdrucke auf dem stillen Gesichte lag sie lange, bis ganz allmählich eine Wandlung eintrat in den Zügen. Sie wurden härter, gedehnter, wie von unsichtbarer Hand gewandelt. Noch einmal öffneten sich die Lippen, machten einen Versuch zu sprechen, arbeiteten ungeduldig. Jutta neigte das Ohr ganz zu ihr.

»Du -- er -- Ihr beide!« kam's hervor. »Verstehst du mich?«

»Ja ja!« flüsterte Jutta, nur um die Sterbende zu beruhigen.

»Ihr beide -- -- ich will es!« .... Der Rest war ein Röcheln.

Von da ab sprach sie kein Wort mehr. Jutta hielt die Hand der Freundin in der ihren. Schwächer und schwächer wurde der Pulsschlag, schwerer und schwerer die kleine Hand. Als Jutta sanft die Finger aus den ihren löste, fiel der Arm leblos auf die Decke herab.

Es war in der siebenten Stunde abends, als Lieschen starb; die Zeit, wo Xaver sie zu besuchen pflegte.