Lebenstag eines Menschenfreundes

Part 20

Chapter 203,826 wordsPublic domain

Heinrich Pestalozzi hat sich in dem nassen Schnee eine Erkältung geholt, die über Nacht fiebrig wird, sodaß ihn der Doktor Grimm für ein paar Tage zur Vergeltung ins Zimmer sperrt. Kröne dein Alter mit Ruhe! steht auf dem Zettel Lavaters, den er nun auswendig weiß; aber selten hat ihm ein Wort so viel Unruhe bereitet. Er weiß, wie dünn ihm die Kräfte geworden sind und daß ihn täglich die Gefährlichkeit seiner Jahre ankommen kann; aber keine drohende Krankheit vermöchte ihn so zu schrecken wie die Sorge, lässig zu werden: Die Ruhe des Alters kommt denen zu Recht, die Glück mit ihrem Leben hatten; ich aber, dem alles unter den Händen zerbrach und der ich noch als Großvater in die Schule mußte, ich wäre damit einem Bauer gleich, der seine Felder und Gärten in Dürre und Kriegsnot bestellt hat und danach die Ernte versäumte.

Diese Ernte aber wächst weder in Burgdorf noch in einer andern Anstalt allein, sie ist ihm auf den unübersehbaren Feldern seines Lebens gereift, und nur, wenn er eine alles umgreifende Darstellung seiner Lehre der Menschenbildung hinterläßt, hat er nicht umsonst gelebt. Unter den Gehilfen, die er nun wieder mit den Zöglingen Schneeballen werfen sieht -- weil der Winter neuen Schnee auf den glatt gefrorenen Guß des Tauwetters gelegt hat -- ist keiner, der von der Last seiner Erfahrungen und dem Gang der Methode mehr als die Anfänge wüßte; und was sie davon ausbrächten, wenn er stürbe, wäre nichts als eine notdürftig gebesserte Schulmeisterei. Schneller Versucher des, was vor dir niemand versuchte, schreibt er mit den Worten Lavaters auf das oberste der Blätter, die er gleich am ersten Tag seiner Stubenhaft herauskramt, um sein Lehrbuch der Menschenbildung zu beginnen. In seinen Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts hat er versucht, seine Sache auf eine Weltanschauung zu gründen; nun will er den gleichen Gang der Natur in der Erziehung aufweisen. Aber als er gleich in diesen Januartagen anfängt zu schreiben, wird es zugleich ein Bekenntnisbuch seines fünfundfünfzigjährigen Lebens: alle Einsichten, die er sich in mühseligen und schmerzenden Erfahrungen für die Volksbildung erkämpft hat, fließen ihm hin in zwölf angeblichen Briefen, von denen jeder eine Schrift für sich sein könnte. Es ist nun wirklich, als ob er die Früchte abnähme vom Baum seines Lebens, obwohl draußen erst das Frühjahr den Winter ablöst und sich von einem Strauch zum andern durchblüht in den grünen Sommer. Immer wieder füllen die Zöglinge den Hof mit ihrem fröhlichen Lärm, von den Gehilfen zum Spiel geführt, Tag für Tag steht er selber unter ihnen mit Zuspruch und Lehre, Eltern kommen, ihre Kinder zu bringen, und Freunde weither in Reisewagen, seine Schule zu sehen: was sonst der Sinn seines Tages war, ist nun eine bunte Füllung geworden, und erst abends, wenn Heinrich Pestalozzi wieder an seinen Blättern sitzt, blüht ihm die Seele im eigenen Herzschlag auf. Wer ganz bei sich ist, ist bei den andern! schreibt er einmal auf einen Zettel, als er sich selber zu eigensüchtig vorkommt inmitten der durch ihn bewegten Dinge.

Das zwölfte Stück ist fertig, als ein Brief vom Neuhof anlangt, daß sein Sohn Jakob im einunddreißigsten Jahr seines schmerzvollen Lebens gestorben ist; seine Frau schreibt ihm die Nachricht und daß sie ihr Kind selber, von Zürich hingerufen, nur noch auf dem Totenbett gefunden habe. Es tut ihm einen Stich ins Herz, aber er vermag die Feder nicht hinzulegen, so sehr scheint ihm die Nachricht aus der Verwirrung seiner Gedanken aufzuquellen. Er ist mit seiner Arbeit in eine böse Stockung geraten: wie er die Uhrfeder der Sittlichkeit in seine Methode einsetzen will, erkennt er, daß die sinnliche Befriedigung bei jedem Kind auf den Genuß geht und dem sittlichen Zwang feind ist. Soviel er denkt und deutelt, er vermag die Sittlichkeit auf kein Bedürfnis der Kindnatur zu gründen, und so muß er seiner Lehre selber die Natürlichkeit fortnehmen, als er sie damit krönen will: »Es ist hier, wo du das erste Mal der Natur nicht vertrauen, sondern alles tun mußt, die Leitung ihrer Blindheit aus der Hand zu reißen und in die Hand von Maßregeln und Kräften zu legen, die die Erfahrung von Jahrtausenden angegeben hat.« In diese Verwirrung fällt die Todesnachricht, die dadurch nicht gemildert wird, daß er sie für den Sohn als eine Erlösung empfindet. Er hat den Blick Annas nicht vergessen, als sie ihn damals ins Kleefeld legen mußten; irgendwie stürzt ihm das Gebäude seiner Lehre ein und er hört die Säulen krachend zerbrechen: Wenn jetzt seine Gläubigkeit nachläßt, wird ihm alles da entwertet, wo er es geheiligt sehen wollte.

Die Schriftzüge seiner Frau retten ihn; er weiß, ihr ist es als Mutter schwerer geworden, die Nachricht mit einer Feder zu schreiben, als ihm, sie zu lesen; aber kein Wort steht anders als in der Ergebung da, die ihr heiliges Erbteil ist. So beugt er sich aus seinen Wirrsalen über das tiefe Geheimnis der Mutter, darin die sinnliche Befriedigung alles Daseins im Anfang beschlossen ist. Die Sitte der Appenzeller Frauen fällt ihm ein, dem Neugeborenen einen papierenen Vogel über die Wiege zu hängen, bunt bemalt, um so die ersten Sinneseindrücke des Säuglings in den menschlichen Bannkreis zu zwingen. Die Mutter ist der Brunnen, darin Gott und Natur noch eins sind, aus ihr wächst die erste Nahrung des Kindes, wie es selber gewachsen ist, und alles, was sie ihm danach gibt, wird natürlich durch ihre Gabe, sie kann aus Gott das Brot des Lebens machen. Nachdem rastet Heinrich Pestalozzi nicht mehr, schreibt durch diese Nacht und noch tief in den Morgen, bis er die letzten Briefe seines Buches fertig hat, die nun ein Lobgesang auf die Mutter werden und auch den Titel des Buches bestimmen: »Wie Gertrud ihre Kinder lehrt«. Eine gehetzte Angst hat seinen Überschwall getragen, bis er am andern Mittag vor den Blättern -- leergeflossen an ihrem Inhalt -- auf dem Stuhl in einen bleiernen Schlaf sinkt.

Am andern Morgen in der Frühe holt er den Stecken und den Ranzen vor, noch einmal aufs Birrfeld zu wandern, wo seine Frau das frische Grab des Sohnes hütet. Es wird ihm leichter zu gehen, als er gedacht hat; und als er schon tief im Aargau drin zwei Kinder bei einer Scheune trifft, die eine Leiter quer über einen Brunnentrog zu einer Schaukel gelegt haben, auf der sie abwechselnd mit glücklichen Augen in den Himmel fahren, ruht er sich rätselvoll bewegt bei ihnen aus. Gleich wird die Magd mit dem Eimer kommen, Wasser zu schöpfen, und der Knecht wird die Leiter brauchen; das Glück ihres Spiels bleibt ihnen trotzdem unangetastet: eine paar Steine auf dem Feld, eine Kuhherde auf der Weide werden ihnen vielleicht in einer Stunde noch höhere Lust bereiten, weil die nicht aus den Dingen -- und also aus den Sinnen -- sondern aus ihren Seelen kommt. Es gibt keine bösen Lockungen der Sinne zum Genuß, es gibt nur eine Lust der Seele, die sich in ihrem Körper fühlt; sie ist das Leben selber und kann kein Hindernis der Bildung sein: gerade sie muß der Mutter das Leitseil werden, ihr Kind ins Gute zu führen. Die Hölle und das Paradies liegen gleichviel darin, oder fast nicht, weil Lust und Pein Feuer und Wasser sind, während jede Lust in ewige Seligkeit ausfließen will!

Er trifft Anna, wie sie mit Gottlieb, dem Enkel, am Brunnen steht, als ob es noch ihr Knabe wäre. Die Rührung überströmt ihn, sodaß er ihr ins Ungewisse hinein die Hand hin hält, so hindern die Tränen ihn, ihr Gesicht zu sehen: Nun ist das Band fort, das von meinem zu deinem Leben ging! Aber als ob ein Schwamm ihm dreißig Jahre von seinem Leben auslöschte, wird er vom Klang ihrer Stimme berührt: Nein, Pestalozzi, es ist nur in die Ewigkeit gelegt!

83.

Im Oktober läßt Heinrich Pestalozzi das Buch erscheinen, und noch vor Weihnachten sieht er die Saat seiner Worte in den deutschen Blättern aufgehen; es können zunächst freilich auch nur Worte sein, aber die Namen der Schreiber sagen der aufhorchenden Schweiz, daß aus dem Armennarr im Neuhof eine geistige Macht geworden ist. Auch könnte ihm Füeßli nicht noch einmal mit seiner Rede von der Rührung und dem Kirschwasser kommen; denn alles an dem Buch ist Rede und Überredung, und jeder Beifall bedeutet eine Entscheidung für ihn, die irgendwie in Taten endigen muß. Indem sich danach die Zöglinge für seine Anstalt reichlicher melden, hilft das Buch auch seiner äußeren Lage, sodaß er diesmal zuversichtlicher als sonst das Frühjahr abwartet.

Die geborene Fröhlich ist zu ihm gezogen mit der kleinen Marianne, die ein überzartes Kind von sechs Jahren ist und schon am Unterricht teilnehmen kann. Zum Fest kommt auch die Großmutter mit dem Gottlieb, sodaß sie bis auf Lisabeth, die den Neuhof hüten muß, in Burgdorf beisammen sind. Es befriedigt ihn, endlich einmal Anna seine Dinge in der neuen Gestalt zeigen zu können, wo er nicht selber mehr der Lehrling, sondern der Meister ist; und selbst damals, wo er sie auf dem Gut Tschiffelis umher führte, ist er nicht stolzer auf sie gewesen als nun, wo sie lächelnd über seinen Eifer mit ihm durch die Schulstuben und Schlafsäle der Anstalt geht. Die zweiunddreißig Jahre der Ehe haben ihm nichts von ihrer Schönheit ausgelöscht, und während sie den Gehilfen eine ehrfürchtig begrüßte Matrone vorstellt, ist ihm bräutlich zumut. Der Tod ihres einzigen Kindes geht noch mit ihr, und obwohl sie willig zu seinen Erklärungen nickt, bleibt der Schmerz in ihren Augen wie Glas, darin sich die Eindrücke dieser Dinge mit der Spiegelung schmerzhafter Erinnerungen mischen. Es wird ein stilles Fest, aber heilig für ihn; und als sich gleich nach Neujahr Tobler im Schloß trauen läßt, und Niederer zum zweitenmal nach Burgdorf kommt, seinem Freund die Traurede zu halten, sitzt er wirklich -- wie Niederer sagt -- als Erzvater dabei.

Aber die Zeiten sind nicht testamentarisch; unversehens zieht noch einmal ein Kriegsjahr seine Unruhen und Bedrängnisse um die Anstalt. Schon im vergangenen Oktober haben die Föderalisten, wie sich die Anhänger der alten Kantonswirtschaft nennen, die helvetische Regierung in Bern gestürzt und eine andere gewählt, die dem Schwyzer Aloys Reding als Landammann untersteht. Da es der neuen Herrschaft aber wie der alten an Geld fehlt, um aus der Schuldenwirtschaft zu kommen, steigen im Frühjahr schon wieder die sogenannten Unitarier auf der Schaukel hoch. Dagegen erheben sich die Urkantone, die auch sonst überall die Mißvergnügten an der neumodischen Franzosenwirtschaft finden, und während für Europa endlich ein Friedensjahr gekommen ist, fangen die Schweizer unter sich Kriegshändel an. Obwohl sie es selber um der altmodischen Bewaffnung willen den Stecklikrieg nennen, muß die helvetische Regierung vor den Aufständischen aus Bern nach Lausanne flüchten, und gerade soll der Tanz im Waadtland losgehen, als zwischen den feindlichen Scharen der General Rapp sechsspännig vorfährt, den Einspruch Bonapartes zu bringen, dem ein nachrückendes Heer von vierzigtausend Franzosen ein unwiderstehliches Gewicht gibt: die einzelnen Kantone sollen ihm, statt diesen Bruderkrieg zu führen, Abgeordnete nach Paris schicken, um dort unter seiner Aufsicht eine neue Verfassung zu beraten. Es bleibt den hitzigen Schweizern nichts übrig, als ihr Waffenzeug heimzutragen und die Tagsatzung statt in Schwyz in Paris vorzubereiten, weil sie -- wie ein Witzbold sagt -- ihrem vielbeschäftigten Ehrenpräsidenten Bonaparte jetzt keine Schweizerreise zumuten dürften!

Heinrich Pestalozzi hat diese Händel als einen Streit von Bauleuten angesehen, die sich über den Plan ihres neuen Hauses nicht einigen können und dem alten nachjammern, obwohl sie es selber eingerissen haben; er ist zu der bitteren Einsicht gekommen, daß es bei solchen Parteikämpfen mehr um die Macht, zu regieren, als um das Volkswohl geht. Bevor noch das sechsspännige Fuhrwerk des Generals Rapp in die Schweiz eingefahren ist, hat er in einer Flugschrift die vier Eckpfeiler aufgestellt, mit denen das Haus einer helvetischen Verfassung besser als mit Flinten und Kanonen unter Dach zu bringen wäre: wirkliche Volksbildung, unbestechliches Gericht, allgemeine Militärpflicht und gerechte Finanzen. Der Grundstein aber müsse unter dem Pfeiler der Volksbildung eingesetzt werden; weil an die anderen Pfeiler ohne diesen ersten nicht zu denken wäre, sei er dem heutigen Geschlecht das einzig Erreichbare. Er hat die Schrift in wenigen Tagen hingeschrieben; sie stellt ihn auf den schmalen Grat, wo der Haß von beiden Seiten aufbrandet, aber als die Wahlen für die Tagung in Paris vorüber sind, ergibt sich, daß er an zwei Stellen, von den Bauern des Emmentals wie von dem Landvolk in Zürich, als Abgeordneter gewählt ist.

Ich werde nicht sechsspännig fahren, scherzt er, mein Wagen geht auf zwei Beinen! Obwohl er dann um der unruhigen Zeiten und der Mühsale willen -- auch geht es in den Winter -- die Reise doch im Wagen machen muß, fährt er fröhlich und mit besonderen Hoffnungen für seine Sache ab. Seitdem er seine Anstalt in Burgdorf hält, haben drei französische Gesandte in Bern gewechselt, doch jedem sind seine Dinge mehr als einen flüchtigen Besuch wert gewesen; auch weilt Stapfer in Paris, der ihm die rechten Türklopfer in der Stadt zeigen kann, darin die Zukunft Europas zurechtgehämmert wird. Und seine Anstalt läßt er gut besorgt zurück, weil Anna sich tapfer entschließt, während seiner Abwesenheit das Hausregiment zu führen. Es ist seine zweite Reise und in der Strecke fast der Fahrt nach Leipzig gleich, die er vor zehn Jahren machte; auch werden die Tage wieder in die selbe Kette von Zollhäusern, Posthaltereien und Gasthöfen eingespannt, nur daß die Uniformen französisch sind. Doch als er am zwölften Nachmittag die Unermeßlichkeit der Stadt um den blinkenden Lauf der Seine daliegen sieht, ist es ein anderes Wesen als das Landstädtchen an der Elster. So hat sich auch sonst alles um mich geweitet, denkt er: damals kam ich um eine Familienerbschaft, heute schickt mich mein Volk für seine Zukunft; in Leipzig lief ich als Unbekannter die Türen kleinstädtischer Behörden ab, hier werde ich als Ehrenbürger der Franzosen vor ihren Konsul treten!

Aber er bekommt den Machthaber nur einmal zu sehen, als Bonaparte unvermutet in ihren Saal tritt, anscheinend zufällig, als ob er nur den Durchgang benützte, aber eindrucksvoll mit seinem goldflirrenden Gefolge. Das letzte Wort der unterbrochenen Rede findet noch Zeit, in das Stuckwerk der Decke zu flattern, dann ist die starre Ruhe der Augen da, die alle auf den kleinen Mann blicken, der, im Alter der jüngste unter ihnen, Europa mit dem Ruhm seines Namens erfüllt hat. Er läßt sich kurz rapportieren, wobei er mehr durch die Augen als die Ohren zu hören scheint, schneidet mit der Handbewegung eines ungeduldigen Knaben die Rede ab und wendet sich mitten durch die Reihen, sie gleichsam überrumpelnd, einigen Köpfen zu, die ihm ins Auge fallen. Auch Heinrich Pestalozzi fährt unvermutet eine Frage ins Gesicht; er ist geistesgegenwärtig genug, eine Antwort zu finden, die den Machthaber festhält, sodaß der sich schon halb im Weitergehen noch einmal zu ihm wendet. Heinrich Pestalozzi merkt sofort, daß er mehr als ein Name für ihn ist, er umklammert ihn gleichsam mit Worten und sieht mit einer glücklichen Hoffnung, daß in dem kalt forschenden Blick etwas von ihm selber zu leben beginnt. Kein Zweifel, daß er den Konsul der Franzosen mehr als einer der Männer vor ihm interessiert; während die andern im Kreis zurückgetreten sind, weiß er auf die Zwischenfragen des blassen und verarbeiteten Gesichtes ebenso rasch zu antworten: Jetzt oder nie, denkt er, ist meine Stunde da! Auch noch, wie er in hastig abgerissenen Sätzen von der Volksbildung spricht -- daß sie das Fundament jeder wirklichen Verfassung und ohne sie alles nur der Schein einer Gesetzgebung sei -- hört der Konsul noch sichtbar nachdenklich zu, als ob er versuche, den Gedanken bei sich einzustellen. Irgendwie scheint ihm das nicht zu geraten; er klopft ein paarmal unwillig mit der Fußspitze, und während Heinrich Pestalozzi noch von Worten der Zukunft überströmt, ist er für den Mann der Gegenwart nur noch ein unangenehmer Greis, der ihm mit seinen haspelnden Armen an die Brust will: Ich kann mich nicht in euer Abc mischen, sagt er spöttisch und verläßt unverzüglich den Saal, als ob er versehentlich in eine Schule geraten wäre.

Heinrich Pestalozzi bleibt in dem Kreis der schadenfrohen und bestürzten Gesichter, die wieder an ihre Plätze gerufen werden, und braucht lange, bis er seinen Stuhl findet; aber während die Verhandlung weiterstolpern will, kommt ihm alles wie eine leer laufende Mühle vor. Noch immer ist er mit dem blassen Mann allein in dem Saal: Wir beiden, denkt er -- und tritt über Scham wie Hochmut hinweg in den Bereich des Menschengeistes, wo die Persönlichkeit aufgibt, sich selber zu gehören -- wir beiden sind verschieden an dem Gefährt der Menschheit beteiligt: er will sein Lenker sein, und ich möchte haltbare Räder machen; er aber kanns nicht abwarten, weil er nur seine Stunde hat, drum knallt mir seine Peitsche um die Ohren.

Herab mit dem Schild, wenn die Sache weg muß! sagt er zu seiner eigenen Erstaunung laut in die Verhandlung hinein und geht durch die Hinterpforte hinaus, wie der andere durch die Flügeltüren gegangen ist.

84.

Heinrich Pestalozzi merkt bald, daß der Pariser Wind der helvetischen Republik ungünstig weht. Die Franzosen haben genug Menschenrechte proklamiert, und Bonaparte hält wieder Hof in den Tuilerien; er braucht Glanz und Aufwand um sich, und die Aristokraten von Bern passen besser in seine Pläne als die hartnäckigen Unitarier. Bevor die Verhandlungen beginnen, ist die Schweiz durch sein Dekret schon wieder in neunzehn Kantone eingeteilt; was den Abgeordneten noch zu tun bleibt, sind nur die einzelnen Kantone, und es ist vorgesorgt, daß die Herren von Herkunft und Vermögen darin das Heft in Händen behalten. Heinrich Pestalozzi versucht es noch einmal mit einer schriftlichen Darlegung seiner Ansichten, aber er weiß nun schon, daß er Wasser in den Bach trägt. Selbst sein Ehrenbürgertum scheint bei den Franzosen des Konsulats schäbig geworden zu sein; er braucht nur zu sehen, wie die geputzten Herren und Damen seine Erscheinung belächeln, um sich aller Illusionen zu schämen: Sie müssen mich für ein großes Wundertier gehalten haben, wie ihren Cagliostro, spottet sein Grimm, nun bin ich bloß ein Mensch! Und wie es ihm mit seiner Kleidung und der Art, ihre Sprache zu sprechen, geht, so bleibt auch seine Methode mit all dem Umstand ihrer tiefen Begründung den Parisern eine belächelte Geheimniskrämerei; es brauchte nicht das unaufhörliche Geknatter ihrer Sprache in seinen Ohren zu sein, und die Nötigung, seine Herzensdinge dahinein zu sperren, um ihm seine Wesensfremdheit unter den Welschen bald unerträglich zu machen.

So hält er es für zwecklos, das Ende der Händel abzuwarten; als Ende Januar die Hauptverhandlung ist, fährt er durch ein mildes Frostwetter, das die Wege trocken gemacht hat, im Sundgau schon auf Basel zu, und fünf Tage später holt ihn Anna am Stadthaus in Burgdorf aus der Post. Da hast du deinen Odysseus wieder! versucht er zu scherzen, um seiner Tränen Herr zu werden. Sie schafft ihm seinen Ranzen nach, den er vor Rührung vergessen hätte, und er meint das Lächeln um ihre schmerzensreichen Lippen zu sehen, als er ihre Stimme auf seinen Scherz eingehen hört: So bin ich mit fünfundsechzig Jahren gar deine Penelope? In Wahrheit, Pestalozzi, es war mir schwer, die Freier zu füttern; nun magst du wieder deinen Bogen spannen!

Er findet aber alles aufs beste besorgt, und daß sie als Hausmutter in der Anstalt waltete, hat einen Segen hinein gegeben, der bisher fehlte; von den Kindern wie von den Gehilfen ehrfürchtig begrüßt, bringt sie eine ruhige Gangart in das Tagwerk. Der Bienenschwarm hat seine Königin erhalten! sagt Krüsi in seiner biederen Art, als Heinrich Pestalozzi sich verwundert, um wie weniger lärmend es bei den Mahlzeiten zugeht, nur weil sie still an ihrem Platz sitzt. Auch sonst hat sie der Anstalt wohlgetan: Briefe und Bücher sind in eine schöne Ordnung gebracht, und wenn er nun aus dem Trubel in seine Stube tritt, wohnt die Häuslichkeit darin. Daß es so bleiben könnte, denkt er jeden Tag; denn seitdem sie damals aus Hallwyl nicht wiederkam, ist seine Seite leer geblieben; und ob es bitter oder fröhlich mit seinen Plänen ging, daß ihre Abwesenheit ihm alles entkrönte, war immer die leise Trauer darin. Auch diesmal ist sie nur gekommen, an seiner Stelle das Hauswesen zu leiten, und mit heimlicher Sorge wacht er über ihre Schritte, ob sie nicht wieder zur Abreise rüsten werde. Doch läßt sie Wochen gleichmütig verstreichen, und er hofft schon, daß sie dauernd bliebe, als ihr mit den ersten Frühlingsblumen das Heimweh in die Säfte steigt. Sie ist im Winter schwer krank gewesen, nun kommt die Schwäche wieder über sie mit Todesahnungen: Ich möchte unsern See noch einmal sehen, klagt sie; aber als sie dann endlich nach Zürich zu ihren Brüdern reisen will, hat sie wohl seine erschrockenen Augen gesehen; denn andern Tags möchte sie wieder bleiben. Doch sieht er, daß die Unruhe in ihr nicht mehr rastet; ihr Ehrenplatz im Saal bleibt immer häufiger leer, da sie die Mahlzeiten allein nimmt: der Taubenschlag ist ihr zu laut, aber in ihrer Stube plagt sie die Einsamkeit.

So steht sein Barometer mit ihr schon wieder auf veränderlich, als eines Tages ein Jüngling das Quecksilber rasch auf schön Wetter steigen läßt. Heinrich Pestalozzi bringt ihn aus Bern mit, aber er hat ihn nicht dort erst gefunden: Ich mußte nach Paris reisen, um meinen Jünger Johannes zu finden, scherzt er oft, so froh ist er selber, daß ihm der Thurgauer von Muralt dort in die Hände kam. Es fehlt ihm nicht mehr an Gehilfen, seitdem die dänische Regierung zwei junge Lehrer aus Kopenhagen sandte und die gebildete Welt Deutschlands von Burgdorf als einem Wallfahrtsort der Erziehung spricht; auch sind junge Leute von Geist darunter, aber alles Schwarmseelen und wie ihr Meister mehr auf stürmische Absichten als auf Sorgfalt gestellt, allmählich Burgdorf mit ihrer buntgewürfelten Absonderlichkeit erfüllend. Johannes von Muralt bringt nicht nur den Klang eines in der ganzen Schweiz bekannten Namens, sondern auch die Vorzüge einer guten Erziehung und gründlichen Bildung mit; als er zum erstenmal mit zu Tisch sitzt, sorgfältig gekleidet und frei von der hastigen Schüchternheit, die mit Empfindlichkeit gepaart das Erbteil einer durchgekämpften Jugend ist, schweigt Heinrich Pestalozzi und Anna spricht. Es sind freilich diesmal nicht die gewohnten Schuldinge; Johannes von Muralt ist durch drei Semester in Halle der Lieblingsschüler des Philosophen Friedrich August Wolf gewesen und hat in Paris mit dem Dichter Schlegel und seiner Gattin Dorothea freundschaftlich verkehrt: der Geist schöner Bildung lebt in seinen Gesprächen auf, der für Anna Schultheß seit der Erscheinung Klopstocks in ihrer Jugend die heimliche Liebe geblieben ist.

So schließt sie den Jüngling mit einem Eifer ins Herz, der Heinrich Pestalozzi fast eifersüchtig macht, bis der Schalk in ihm den Vorteil erkennt. So schmerzlich er den Zwiespalt zum Vorschein kommen sieht, der seit Anfang zwischen seinen Absichten und ihren Neigungen bestand und schließlich zur Trennung ihrer äußeren Lebenswege führte -- obwohl sie durch alle Schicksalsschläge treu zu ihm stand -- das Leben hat ihn nicht so verwöhnt, daß er sich die Äpfel wie andere frank und frei von den Bäumen pflücken kann. Fast listig läßt er sie gewähren, da sie nun den See und ihre Abreise zu vergessen scheint: Wir Alten wollen die Kinder unseres Geistes haben, überlegt er, und da es uns beiden mit einem Sohn mißraten mußte, weil die Natur aus diesem Zwiespalt nichts machen konnte, müssen wir Ersatz für unsere ungesättigte Elternschaft suchen. Ich will ihr gern diesen Sohn gönnen, wenn sie mir damit die Mutter meines Hauses bleibt!

85.