Lebenstag eines Menschenfreundes
Part 21
Heinrich Pestalozzi lächelt fast hinterhaltig, als er Anna nicht lange danach den Johannes Niederer anbringt, der sein Pfarramt in Sennwald aufgegeben hat, um -- wie er sagt -- mit bei der Wiege der Menschenbildung zu sein: Nun habe auch ich wieder einen Sohn, und es ist seltsam, daß sie beide Johannes heißen, denkt er, als er neben dem schwarzen Muralt den roten Schopf Niederers sieht. Der hat auf seinem Dorf keine Zeit gehabt, sich an der Welt zu schleifen: mit neunzehn Jahren voreilig in den Pfarrdienst gekommen, hat er seit fünf Jahren in der Feldschlacht menschenfreundlicher Bemühungen gestanden und um Gottes willen seine wohlhabende Gemeinde im Appenzell mit dem armseligen Rheindorf Sennwald vertauscht; da haben andere Dinge als Bildungsformen gegolten, so sitzt er wie ein Glaubensstreiter aus dem Heerhaufen Zwinglis da. Heinrich Pestalozzi sieht, wie Anna fast erschrickt vor ihm, der mit seinen vierundzwanzig Jahren noch ein Jüngling wie Muralt, aber in Mannesgeschäften kantig geworden ist; Jakob und Esau, vergleicht er, in diesem fließt das stillere Blut von Anna, aber in jenem arbeitet mein Ungestüm!
Als im selben Juli auch noch Tobler -- mit einer eigenen Erziehungsanstalt am hochmütigen Widerstand der Basler gescheitert -- zu ihm zurückkommt, ist Heinrich Pestalozzi mit diesen dreien, mit Krüsi, Buß und dem Zustrom von Gehilfen aus aller Welt, die nur kurz bei ihm lernen wollen, auch für die Burgdorfer kein Steckenpferdritter mehr, der morgens aus dem Schloß zu ihnen herunter reitet: Der Weg geht zu steil, sonst würde es von Wagen nicht leer werden im Schloßhof, die täglich neue Fremde nach Burgdorf bringen, das aus einem bäuerlichen Städtchen durch ihn ein Hauptort der Schweiz geworden scheint. Schon was die Zöglinge -- längst über hundert -- an Besuch von Eltern und Verwandten nachziehen, würde für die Gasthäuser und Fuhrleute etwas bedeuten, dazu die Pädagogen und Pfarrer aus aller Welt: das Schloß ist wirklich ein Taubenschlag geworden, und die Bürger bestaunen die fremden Vögel, die seiner Berühmtheit zufliegen.
Längst schon denkt Anna nicht mehr daran, daß sie nur für die Zeit seiner Pariser Reise nach Burgdorf gekommen ist; sie sieht endlich die Erntewagen in die Scheune fahren, die weder seine Landwirtschaft noch alle Bemühung seines hingehetzten Lebens jemals zu ernten vermochte. Daß kein Gold daraus in seine Taschen fließt, weiß sie wohl; trotzdem die meisten Zöglinge zahlen -- wenn auch nicht alle den vollen Preis -- sind es doch viele Mäuler, die täglich auf Nahrung warten, und wenn die Haushaltungskünste der geborenen Fröhlich, ihrer schaffnerischen Schwiegertochter, nicht wären, würden die Sorgen sich manchmal dichter auf ihrem Schreibtisch sammeln; aber daß der angeblich unbrauchbare und vor der Zeit entmündigte Mann nun vor sich selber und vor dem Spott der Tüchtigen im Glanz eines Ruhmes dasteht, der alles für sie Erreichbare in den Schatten enger Bürgerlichkeit stellt: das ist für sie wie eine Abendsonne, die in der letzten Stunde doch noch über einen trübseligen Regentag gesiegt hat.
So wird es ein bewegter Geburtstag für sie, als ihr die fünfundsechzig Jahre vollgezählt werden, und es ist unwirklich schön, daß er auf einen Sonntag fällt. Muralt und Niederer haben ihn als ein Sommerfest vorbereitet, das bei kühlsonnigem Augustwetter im Schloßhof gefeiert wird. Da sind Bänke und Tische aufgestellt, auch ist ein Boden aufgeschlagen, einen Tanz oder ein Spiel zu machen, und solange die Sonne in den Hof geschienen hat, mag sie nicht ein so buntes Getümmel darin gesehen haben wie an diesem Tag. Das Gemäuer rundum ist mit Laubgewinden und Schweizerfahnen aller Kantone geschmückt, und eine Musikkapelle -- von den Zöglingen unter Bußens Leitung gestellt -- sorgt, daß die Schweizerlieder auch Begleitung haben.
Als dann die Röte sich aus dem Licht der Sonne ablöst und umso wärmer zu leuchten scheint, jemehr die Wärme versiegt, treten ihrer viele an die Mauer, nach den Bergen zu schauen, die langsam von der Glut voll zu laufen scheinen. Auch Heinrich Pestalozzi ist mit Muralt vorgegangen, und Mutter Pestalozzi, wie sie an diesem Tag mehr als hundertmal begrüßt worden ist, wird von Niederer in einem galanten Anfall am Arm herzu geleitet. Wie sie dastehen, mag über Tobler, der seit seinem Mißerfolg in Basel leicht wehmütig wird, der Schatten einer Eifersucht fallen, daß er nun sichtlich an die dritte Stelle geraten ist; als ob er den Meister in die gemeinsame Frühzeit zurück führen müsse, erinnert er ihn an den Abend, wo sie zu vieren hier standen und er sein Beispiel vom Haus des Unrechts sagte. Daß die andern davon nichts wissen, tut ihm sichtlich wohl, und als sie darum drängen, versucht er es mit eigenen Worten zu sagen, wie der Anteil an den Lebensgütern in drei Stockwerke geteilt wäre, darin die Wenigen, wenn sie wollten, Gottes Herrlichkeit aus allen Fenstern sähen, die Mehreren nur den Glanz an den Hofwänden, während die Vielen im Keller nicht einmal den trüben Schein in ihren Löchern zu deuten vermöchten.
Heinrich Pestalozzi, der die Schwermut im Grund seiner Heiterkeit schon den ganzen Tag gefühlt hat, spürt den Schrecken bei der ersten Frage ans Herz klopfen; während der ahnungslose Erzähler vor den andern seine Erinnerung ausbreitet, quillt das schwarze Wasser der Trübnis in ihm auf, so überkommt ihn der Zwiespalt zwischen dem lauten Freudentag und der verschütteten Heimlichkeit seiner Absichten. Er wagt nicht, Annas Blick zu suchen, so wehmenschlich ist ihm zumut, legt Muralts Hand von seinem Arm weg auf den Mauerrand, und ehe die andern wissen, was ihn ankommt, läuft er durch ihre Reihen hinaus und über den unteren Hof vors Tor. Da breitet sich die abendliche Landschaft in ihrer Sommerfülle aus, und die Dächer der Bürgerhäuser stehen behäbig darin, sodaß ihm der Schritt auch hier gehemmt wird: Warum hab ich es nicht im Birrfeld vermocht? Ein Armenkinderhaus habe ich gewollt und die Pensionsanstalt sollte mir nur die Mittel dazu geben: nun sind die Mittel längst selber Zweck. Ich sitze als Glücksvogel hier auf dem Schloß und spreize das Rad meiner Federn; im Birrfeld, oder wo sonst die Not der Zeit ist, geht alles wie vor dreißig Jahren, nur diesem Bürgerort hab ich neues Fett gemästet!
Er weiß nicht, daß er weint, aber als sich das Gesicht Annas zu ihm beugt, die ihm allein nachgegangen ist, vermag er ihre Augen vor Tränen nicht zu erkennen; auch quillt der Zorn noch so in ihm, daß er fast nach ihr schlägt. Du hast gesiegt! schreit er und schlägt den Kopf in beide Fäuste: der Armennarr ist tot! Ich hab verloren. Sie streichelt und tröstet ihn nicht, wie er fürchtet, sie setzt sich still gegenüber, wo ihr der andere Torstein einen Platz anbietet, und wartet ab, bis aus der Mure seiner Verzweiflung die gröbsten Blöcke ins Tal gefahren sind und endlich der zähe Schlamm seiner Verbitterung zum Stehen kommt. Sie hat ihn klug verstanden, daß es zwei Welten wären: ihre Stille, den Wohlstand herzugeben, und seine Unrast, ihn zu vertun; auch hat sie das böse Wort nicht überhört, warum Kampf sein müsse zwischen ihm und ihr, zwischen Mann und Frau durchs Leben? Aber als es dann still wird, weil nichts mehr fließt, und nur ein Wind vom Tal sie beide mild bestreicht, die in der sinkenden Dunkelheit am Tor dasitzen, als ob sie all das junge Leben dahinter bewachen müßten gegen die unheimlichen Gestalten der Nacht, fängt ihre Stimme an zu sprechen, daß nach dem Getöse seines Bergsturzes nun wieder ein Bach hörbar wird: Pestalozzi, sagt sie und wägt die Worte: ich dachte, daß wir vor Gott gleich wären, arm und reich! Warum willst du das Unrecht nach unten in der Menschenordnung mit Unrecht nach oben vergelten? Oder sollten Kinderseelen schon darum unwert sein, weil die Eltern Geld im Beutel haben? Was nötig ist, sind nicht die Waisenhäuser im Birrfeld oder hier, sondern daß du dein Vorbild und deine Lehre hinterläßt. Am Ende kommt es darauf an, was wir gewesen sind, hat dir der Menalk gesagt, als wir jung waren und er schon sterben mußte. Nun, wo wir vierzig Jahre älter geworden sind und alt an dem Tor dasitzen, will ich das Wort noch einmal sagen; doch hat es sich verändert: Am Ende, Pestalozzi, fragt Gott nicht, was wir gewesen sind, er rechnet, was aus uns werden möchte!
86.
Heinrich Pestalozzi hat seine Unternehmung im Namen der helvetischen Republik begonnen; seit der Tagsatzung in Paris gibt es aber nur noch einen Schweizer Bund mit neunzehn selbstherrlichen Kantonen: sein Landesherr ist nun die bernische Regierung, ihr gehört das Schloß Burgdorf, und er muß zuwarten, ob sie ihn darin wohnen läßt. Im vierspännigen Wagen, wie ein Landesfürst, kommt eines Tages der Regierungspräsident von Wattenwyl an, seine Anstalt zu besichtigen; obwohl es schwierig und steil geht, muß ihn der Kutscher bis in den Schloßhof fahren, und als ihn Heinrich Pestalozzi dann begrüßen darf, ist es kaum anders, als wenn ein Schloßherr sich von seinem Kastellan Aufwartung machen läßt. Er schnurrt durch alles hindurch mit einem deutlichen Mißbehagen an dem landfremden Zürcher, der sich hier eingenistet hat und der Regierung mit seiner Berühmtheit und dem intoleranten Heer der deutschen Geister lästig wird, dem sogar französische Gelehrte, Generale und Minister beistehen, sodaß selbst eine allmächtige Kantonsgewalt zuwarten muß. In einigen Stunden hat er nach der Art solcher Regierungsherren das Ergebnis einer Arbeit besichtigt, die Heinrich Pestalozzi ein Lebensalter mühsamer Kämpfe gekostet hat, und ist im Dampf seiner eigenen Bedeutung wieder abgefahren.
Seine Haltung in den Verfassungshändeln hat ihn den Aristokraten, die nun wieder auf ihren alten Plätzen sitzen, mißliebig gemacht, und den Kirchlichen ist er immer mit seiner Religion ein Aufwiegler geblieben: nun, wo er sichtbar zu Paris in Ungnade und nicht mehr durch ein helvetisches Direktorium geschützt ist, fängt die Hetze an, und noch in dem Sommer muß sich Heinrich Pestalozzi durch eine Eingabe an den Kirchenrat wehren, als fehle es in seiner Anstalt -- wie die Anklage lautet -- an einem richtigen Religionsunterricht. Er überläßt die Verteidigung Niederer, dem Religionslehrer und ehemaligen Pfarrer, und zum erstenmal erhebt dieser Herold seine dröhnende Stimme für den Meister.
Unterdessen ist aus dem Lehrerseminar wie aus der Waisenanstalt nichts geworden, und die Zuwendungen der Regierung sind ihm gestrichen; das einzige, was er von ihr noch hat, ist das Gebäude, und auch darin wird es unsicher: Mit der neuen Ordnung ist ein Oberamtmann nach Burgdorf gekommen, der zu seinem Ärger in einem Privathaus wohnen muß, während oben im Schloß sich das fahrende Volk der Abc-Schützen breit macht. Er fängt an, bei der Regierung in Bern um eine Änderung dieses krankenden Zustandes zu mahnen, und weist alle anderen Vorschläge als unpassend zurück; als es gegen Weihnachten geht, kann Heinrich Pestalozzi nicht mehr zweifeln, daß ihm zum Frühjahr die Räumlichkeiten gekündigt werden: »Es war das Haus der Herren und soll wieder das Haus der Herren werden,« schreibt er an einen Freund, »ich hoffe, mein Ei sei bald ausgebrütet, und dann achtet es auch der schlechteste Vogel nicht mehr, wenn ihm die Buben sein Nest vom Baum herabwerfen.«
Doch kann die bernische Regierung angesichts der Schwärmerei, mit welcher die gelehrte Armee Deutschlands die Vorteile dieser Anstalt ausposaunt -- wie der Herr von Wattenwyl in einem Gutachten schreibt -- die Gefahr nicht herausfordern, mit diesem intoleranten Heer öffentlich in eine Fehde zu geraten: so bietet man ihm das leere Kloster Münchenbuchsee an, und im Januar fährt Heinrich Pestalozzi mit einer Abordnung hin, es zu besichtigen. Er findet ein niedriges Gebäude, das eine Zeitlang als Spital krätzischer und venerischer Soldaten gedient hat, seitdem verwahrlost in einer melancholischen Ebene dasteht und weder die grünen Hügel Burgdorfs noch sonst etwas von seinem malerischen Reichtum um sich sieht. Am liebsten möchte er, all dieser Dinge müde, seinen Stecken nehmen und in den Aargau zurückwandern; aber es ist unmöglich, jetzt aus dem Kreis der Zöglinge und Gehilfen fortzugehen; in den Möbeln, Betten und Lehrgegenständen stecken ihm schon wieder zwanzigtausend Schweizerfranken, die er nicht lassen kann, auch brennt der Abend an dem Tor immer noch in seiner Seele. Um Anna zu halten, nimmt er das Obdach an, das ihm schäbiger Weise zunächst bloß für ein Jahr instandgesetzt werden soll. Nur nicht wieder als ein Unbrauchbarer vor ihr dastehen, denkt er, als er die vorläufige Abmachung unterzeichnet, und ahnt nicht, daß diese Kränkung schon auf ihn wartet.
So zieht dieses Frühjahr hin -- es ist das fünfte seiner Burgdorfer Zeit -- wie wenn das Jahr mit ihm erschrocken seinen Lauf einstellen wolle; denn ob das Emmental den Blumenteppich seiner Wiesengründe ausbreitet, und ob die Wälder täglich grüner werden: im Schloß fängt heimlich das Aufräumen an, die Möbel warten, daß sie von kräftigen Händen hinausgetragen werden -- sie sind sich selber ihre Särge, sagt Heinrich Pestalozzi -- und wie auch ein Änderungsgedanke auftaucht, gleich tritt ihm das Bedenken in den Weg, daß mit den Ferien der Auszug beginnen soll. Als der Tag da ist, werden die meisten Zöglinge in Trupps mit je einem Lehrer auf die Reise geschickt, meist ins sonnige Waadtland hinüber, und nur Freiwillige bleiben, den Umzug mitzumachen. Auch Anna geht nun auf ihre Reise an den Zürcher See: Ich bin das erste Möbel, das ihr fortschafft, scherzt sie, als er mit ihr in der Morgenfrühe zur Post hinuntergeht; denn sie selber hat tapfer dableiben und helfen wollen. Er hört ihre Worte garnicht, weil seine Gedanken in Sorgen sind, daß sie nicht wiederkommen möchte: Ich war ein halbes Jahr lang im Traum, sagt er, und stellt ihre Reisetasche hin, dem Gottlieb einen Klatschmohn abzunehmen, den der für die Großmutter anbringt: Jetzt habt ihr mich wach gemacht, und du gehst fort! Er will ihr die Blume geben, aber der fallen die roten Blätter ab, daß nur die grüne Fruchtkapsel mit dem Deckel bleibt. Das kann die Großmutter nicht mehr brauchen! klagt er zu dem Kleinen und will das Ding wegwerfen; sie aber nimmt ihm die Kapsel rasch aus der Hand und lächelt ihn fast listig an mit einem Schulmädchengesicht: Bis ich nach Münchenbuchsee komme, ist der Same reif, dann streuen der Gottlieb und ich ihn aus, damit wir doch ein Andenken vom Schloßberg haben!
87.
Am selben Tag, da Heinrich Pestalozzi von diesem Abschied fröhlich wird und den ernsthaften Niederer durch die Mitteilung in Verwirrung bringt, daß er in Münchenbuchsee wieder Landwirtschaft treiben und lauter Felder mit Klatschmohn anbauen wolle, erscheinen mittags zwei ländliche Männer im Schloß, die garnicht aussehen, wie die sonstigen Wallfahrer. Sie kommen aus Peterlingen im Waadtland und bringen einen Antrag der Stadt, mit seiner Anstalt dorthin zu kommen; sie wollen ihm ihr Schloß mit allen Gärten lebenslänglich zur Verfügung halten, ihm das Ehrenbürgerrecht mit einer Pension geben und jährlich ein bestimmtes Maß von Korn, Weizen, Wein und Holz. So bin ich immer noch im Traum, sagt er, und reicht den Männern gern die Hand; auch müssen sie zum Mittag bleiben, und es wird fast ein Fest, das er mit Niederer und Krüsi -- den einzigen Gehilfen, die noch bei ihm sind, weil der Auszug schon begonnen hat -- und den Bürgern von Peterlingen feiert. Wir werden einen Orden der neuen Menschlichkeit gründen und all die verlassenen Schlösser der Gewaltherren in der Schweiz mit neuem Leben bevölkern, schwärmt Niederer, der gern bei einem Glas ins Weite schweift. Aber Heinrich Pestalozzi, der die enttäuschten Gesichter der Männer sieht, lenkt schalkhaft ein: Zuerst müssen wir einmal nach Münchenbuchsee auswandern und sehen, ob es von da einen Fahrweg für unsere Möbelwagen nach Peterlingen gibt!
Der Abschied hat danach seinen Stachel verloren; als andern Tages noch ein Herr von Türck aus Mecklenburg anreist, ein Päckchen neuer Liebe zu bringen, machen sie mit dem und den Burgdorfer Freunden, die wehmütig dabei sind, einen schwärmerischen Gang nach Kirchberg hinüber, bevor sie die letzte Nacht in Burgdorf schlafen -- nun schon nicht mehr im leergeräumten Schloß, sondern beim Stadthauswirt -- und andern Morgens mit der ersten Sonne nach Münchenbuchsee wandern, wo die Zöglinge mit Tobler sehnsüchtig ihren Vater erwarten.
Es sind drei Stunden Wegs, und sie müssen an Hofwyl vorbei, wo Fellenberg, der Sohn des Ratsherrn, seit fünf Jahren eine landwirtschaftliche Musterwirtschaft als Grundlage seiner Erziehungsanstalt für alle Stände eingerichtet hat. Wir suchen die Goldkörner der Methode im Land, und er prägt die Goldstücke daraus, sagt Niederer sarkastisch, als sie in einiger Entfernung an der sauberen Erscheinung seiner Gebäude vorüberwandern und überall in den Feldern und Gärten die Zeichen der wohlhabenden Ordnung sehen. Aber Heinrich Pestalozzi verweist ihm den Spott; er weiß zwar, daß Fellenberg gleich mit einer Viertelmillion Franken das Gelände ankaufen und aus dem Vollen wirtschaften konnte -- wo er sich notdürftig durchhalf und gerade noch in diesem Augenblick erstaunt ist, daß er mit Ehren aus den Burgdorfer Schulden kam -- aber er weiß auch, daß der Sohn seines alten Freundes, des Ratsherrn in Verehrung zu ihm groß geworden ist, und daß diese Anstalten nur eine Frucht aus Lienhard und Gertrud sind: »Er deckt wenigstens das Elend nicht mit dem Mist der Gnade zu, wie es die andern machen!«
Als sie dann aber gegen Münchenbuchsee kommen und die wenigen Zöglinge, die nicht in Ferien sind, unter Toblers Leitung mit einem Schweizerlied anmarschieren, hält seitwärts ein Reiter, als ob die kleine Truppe ein Vorposten seines Regiments wäre; es ist Fellenberg, der nach der jubelnden Begrüßung respektvoll herzu reitet: auch er habe den Nachbarn nicht unbegrüßt einziehen lassen wollen! Er bleibt nicht auf seinem stolzen Gaul sitzen, als er das sagt; aber gerade, wie er vom Pferd springt und seine hohe Gestalt beugt, ihn zu umarmen, wird der Unterschied zwischen dem gepflegten Aristokraten und dem ärmlichen Greis so deutlich, daß Niederer für seinen Meister gekränkt beiseite geht. Auch Heinrich Pestalozzi ist durch die Umstände dieser Begrüßung verstimmt: Wir sind zu nahe an den Schloßherrn von Hofwyl geraten, sagt er nachher zu Tobler, nun reitet er schon auf seinem Vorwerk herum!
Er bemerkt nicht, daß Tobler betreten schweigt, so sehr bewegt ihn die Sorgfalt, mit der die geborene Fröhlich schon Ordnung in die neue Wirtschaft gebracht hat: Du bist die Schwalbenmutter, scherzt er zu ihr, wir sperren die hungrigen Schnäbel auf, und du hast immer etwas hineinzutun. Tobler schweigt zum zweitenmal; er weiß, daß ihre Haushaltungskünste allein es nicht vermocht hätten, der Anstalt einen so guten Abgang aus Burgdorf zu sichern, und daß die Sorge vor den Gläubigern manche Woche auf Pestalozzi gelegen hat, bevor sich alles unerwartet löste; er weiß auch, wie diese Lösung zustande kam, und er ist mit Muralt, seinem Mitverschworenen, fest entschlossen, den Meister endlich aus allen wirtschaftlichen Sorgen zu befreien. Noch muß er die Rückkehr des andern abwarten, aber als die kurzen Ferien vorüber sind und von allen Seiten die Vögel wieder zufliegen, der melancholischen Gegend zum Trotz in Münchenbuchsee ihr Geschwärm wieder zu beginnen, gehen die beiden entschlossen ans Werk: Wenn die Anstalt in Burgdorf zuletzt nur noch mit Mühe zu halten war, steht sie hier, wo sie sich ohne Zuschüsse der Regierung ganz aus sich selber erhalten muß, nur an der Schwelle neuer Schwierigkeiten. Sie haben die Ordnung in Hofwyl gesehen, und da sie die Verehrung Fellenbergs für den Verfasser von Lienhard und Gertrud kennen, ist es ihr Plan, die wirtschaftliche Leitung der Anstalt in die festen Hände dieses Mannes zu legen, um Heinrich Pestalozzi für seine wertvolleren Dinge unabhängig zu machen. Nichts als treue Liebe führt sie auf diesen Weg, an dem die Sorge, ihn nicht zu verletzen, die Meilensteine setzt.
Mit vorsichtigen Andeutungen und Besuchen in Hofwyl, mit Besorgnissen über die ungewisse Zukunft, mit Mahnungen an sein Alter und was er der Methode noch schuldig sei, bringen sie ihn endlich zu einer Zusammenkunft mit Fellenberg. Sie findet, damit der Boden neutral sei, unter einer Linde statt, die ziemlich in der Mitte zwischen Hofwyl und Buchsee mit einer alten Steinbank steht. Fellenberg kommt diesmal nicht geritten, doch trägt er die Reitgerte in der Hand, und zwei Hunde kläffen ihm vorauf. Heinrich Pestalozzi hat um so weniger eigensinnig scheinen wollen, als Muralt und Tobler die Vertrauten Annas unter den Gehilfen sind; er sieht dem Mann mit der Reitgerte und den Hunden nicht einmal mißmutig entgegen, da er sich seiner Sache sicherer fühlt, als seine Harmlosigkeit merken läßt. Aber wie sie dann anfangen zu sprechen, sind es drei gegen ihn, und jedes Wort wird so sorgsam auf die Goldwage seiner Empfindlichkeit gelegt, daß er unmöglich hart und abweisend gegen soviel treue Vorsorglichkeit werden kann: Es ist ein Dachsfang, wo ich alter Kerl in die Sonne gelockt werden soll, denkt er und läßt sie sprechen, bis dem blassen Tobler die Schweißperlen auf der Stirn stehen und Muralt verzweifelt die Hände reibt. Nur der selbstsichere Fellenberg verliert die Zuversicht nicht und entfaltet ein Papier aus der Brusttasche: ob er ihm einmal den Entwurf einer Übereinkunft vorlesen dürfe? Heinrich Pestalozzi hat nie recht zuhören können, wenn einer etwas aus einer Schrift vorlas; er läßt die Worte fließen und fühlt fast, wie sie an seinem Rock heruntertropfen. Zum Schluß nimmt er die Handschrift, in keiner andern Absicht, als den dreien die Enttäuschung nicht zu fühlbar zu machen. Wie dann aber seine Augen, fast so taub wie vorher seine Ohren, über die Buchstaben laufen, tut es ihm unvermutet einen Stich zwischen die Rippen: Haben wir nicht heute den fünfzehnten Juli? fragt er und bringt den Zeigefinger nicht von dem Datum fort, das am Schluß steht. Beschlossen auf den ersten Juli 1804. Sie wollen ihm erklären, daß dies nur um des Semesters willen so zurückgeschrieben sei; aber seine Gedanken sind schon Milch auf dem Feuer: er reißt den Schriftsatz in zwei Fahnen und wirft sie den Hunden hin, die ihn sofort anbellen und ihm, als er die bestürzten Mienen und beruhigenden Worte abwehrend davon läuft, in die Hacken fahren, sodaß ihr Herr sie mit der Pfeife zurückholen muß.
Sie haben mich verhandelt wie eine Kuh! schreit ihm sein Grimm in die Ohren, während er seitwärts in das Wäldchen läuft, sich da einen Schlupfwinkel zu suchen; aber erst, als er sich gegen das Gewässer verlaufen hat, das seine Binsenfelder vor ihm auftut und -- wo seine Fläche durchblinkt -- den langen Tierrücken des Jura spiegelt, merkt er, daß ihm der Stich ein Gift beibrachte: warum Muralt und Tobler und nicht die andern? Weil Anna dahinter steht? Er sieht sie wieder abfahren mit der Mohnkapsel, davon ihm die roten Blätter abgefallen sind, er hört ihr Wort und sieht ihr Lächeln: Ich dachte, klagt er laut in den Sommertag, ich wäre endlich etwas vor ihr gewesen! Nun war ich doch im Traum und bin erwacht in meine Unbrauchbarkeit!