Lebenstag eines Menschenfreundes
Part 19
Darüber fallen auch die Blätter dieses Jahres und eines Tages im November, als der Regen schon eiselt, erfährt er, daß die Regierung ihn nicht nach Stans zurücklassen will. Er hat gewußt, daß sich Stapfer seit dem September vergebens darum bemühte, und ist gefaßt, daß ihm die Tür nicht wieder geöffnet werde, die der Krieg zuschlug; aber die Hoffnung hat doch jeden Abend auf seinem Bettrand gesessen, wenn er mit den Kleidern auch die Mühsale des Tages auf den Stuhl legte. Im äußeren Schloßhof steht noch ein Tretrad über dem tiefen Brunnen, der bis in den Talgrund reicht; er ist einmal vorwitzig hineingestiegen, das sonderbare Hand- und Beinwerk probieren; nun träumt er in der Nacht, der Strick mit dem Eimer sei abgerissen, während er in den Sprossen stände, sodaß er die Radtrommel, des Gegengewichtes beraubt, nur immer um sich selber drehen müsse. Er tröstet sich zwar in der Folge, daß er für seine Versuche in der hellen Stube der Jungfrau Stähli besser aufgehoben sei als in dem Kalkstaub des Stanser Waisenhauses, aber der Lebensstrang seiner Arbeit ist ihm doch schmerzlich abgerissen, und unruhig fängt er an zu suchen, wo er ihn nach dieser Probierzeit wieder einhaken könne. So kommt es, daß er mit dem Ende des Jahres von neuem an seinen Neuhof denkt.
Dieses Ende marschiert mit den Schritten der allgemeinen Not, wie keines vorher, als ob es die Leidensreste des vergehenden Jahrhunderts noch über der Schweiz ausgösse, die durch die Kriegszüge verwüstet und von den Franzosen mit Millionen von Kriegskosten ausgesogen ist. Als er für die Weihnachtstage nach dem Neuhof fährt, wandern Scharen von Bettlern über die winterlichen Straßen, sodaß er wehmütig an seine Flugblätter und das Helvetische Volksblatt denkt, darin er sich und dem Schweizervolk so herrlich viel von der neuen Ordnung der Dinge versprach.
Er findet Anna, die er in Hallwyl abholt, mit eisengrauem Haar; sie hat die Sechzig hinter sich, und sie sind nun die Großvatersleute, die zum Besuch aufs Birrfeld kommen. Da schaltet die gebotene Fröhlich, und Lisabeth hilft ihr, auch die schlimmen Dinge tapfer zu überstehen; sie müssen den Hof allein halten; denn Jakob ist trotz seiner dreißig Jahre ein übellauniges Gebreste. Es wird trotzdem ein inniges Weihnachtsfest, die Großmutter hat aus Hallwyl den Enkelkindern viel Liebes mitgebracht, und die fünfjährige Marianne vermag schon Christlieder zu singen, in die der dreijährige Gottlieb selbstbewußt einstimmt. Als danach die heiligen Tage zwischen Weihnachten und Neujahr mit Rauhreif kommen, der in der Sonne mit Millionen Kristallen funkelt, ist es für Heinrich Pestalozzi mehr als die Insel auf dem Gurnigel, es ist die Küste, von der er ausfuhr, und fast scheint es ihm, dies sei die Heimkehr.
Silvester, als sich die Kälte in einen näßlichen Nebel gewandelt hat, wandert er zufällig durch das Gehölz bis nach Brunegg auf den Waldkamm hinauf. Er weiß, das kleine Schloß steht seit der neuen Ordnung mit leeren Fenstern da, aber wie er hinzukommt, ist an der verschlossenen Tür ein vergilbter Zettel angeheftet, daß die Regierung den verlassenen Besitz mit sechzig Jucharten Wald und Weide zum Verkauf ausbietet. Er braucht garnicht zu überlegen, der Plan steht gleich wie eine Eingebung da: Schloß Brunegg zu erwerben und mit dem Neuhof zu vereinigen in einem Besitztum, auf dem sich ein helvetisches Waisenhaus wohl einrichten und halten ließe. Die Seinigen wissen nicht, warum er allein an dem Abend fröhlich ist, während ihre Wehmut dem scheidenden Jahrhundert die Totenwacht hält; nur Anna, die das Wetterglas seiner Stimmungen besser kennt als sie, merkt bald, daß er irgend etwas im Schilde führt. Wie dann die Standuhr auf dem Gang ihre zwölf Schläge mit dem gleichen schnarrenden Klang wie sonst getan hat, und sie alle, die im Schein der Lampe darauf warteten, sich den Menschenkuß geben, nimmt er sie wie in den jungen Zeiten bei der Hand und führt sie aus dem Kreis der andern hinaus in die Nacht, die durch die Erschütterung der Glocken aus ihrer Stille aufgeschreckt und von Menschenlichtern nah und fern durchleuchtet mit ihren Geheimnissen in die Wälder zu flüchten scheint: So war die Nacht, wo ich mit Menalk auf dem Lindenhof stand, sagt er draußen zu ihr, als sie unsicher schreitend den Landweg nach Brunegg gehen: nur daß wir damals die Glocken in uns selber hatten, und draußen war es still. Das ist das Schicksal dieser Zeit gewesen, daß jeder in seinem Gehäuse saß; das einzige, was die Menschen miteinander verband, hießen sie ihre Bildung: ich heiße es ihre Ungläubigkeit. Das neunzehnte Jahrhundert der Christenheit wird wieder einen Glauben wie zu Zwinglis Zeiten haben, aber es wird das Jahrhundert der Menschlichkeit sein, wo die guten Werke nicht mehr für einen guten Platz im Himmel getan werden. Wer die ewige Seligkeit erst im Himmel anfangen will, hat sie schon versäumt. In Indien, heißt es, werden die Heiligen ihrer auf Erden teilhaftig, indem sie ihre Wünsche und Begierden Gott zum Opfer darbringen. Das heißen sie Nirwana oder in Gott ruhen; aber Gott hat auch unsere Wünsche und Begierden gemacht, nicht daß wir sie töten, sondern seinen Willen damit erfüllen. Wenn wir Gott selber in unsern Wünschen und Begierden haben, können sie kein Hindernis mehr sein. Ihre Seligkeit heißt, in Gott zu ruhen; unsere wird sein, Gott zu tun.
Sie sind unter Brunegg stehen geblieben, weil es ihn angestrengt hat, im Steigen soviel zu sprechen; nun sagt er ihr seinen Plan eines neuen Waisenhauses. So bist du der Alte geblieben? fragt sie, und er sieht in der ungewissen Helligkeit der Winternacht, wie sie selber die Antwort dazu lächelt. Ihm aber ist es auf einmal zumut, als ob er wieder in der Schule das Vaterunser sprechen müsse; er kann die Worte fast nicht herausbringen, so unbändig kichert seine Fröhlichkeit: Ja, Liebe, und darum wollte ich dich fragen, ob wir nicht Schloß Brunegg kaufen sollen!
80.
Seit dieser Nacht fühlt Heinrich Pestalozzi einen fremden Flügelschlag über seinen Dingen, sodaß er sich eilen muß, den Ereignissen zu folgen, statt sie mühsam anzuzetteln. Er macht zwar noch das Höchstgebot auf Brunegg und findet bei der aargauischen Regierung eine unerwartete Willfährigkeit, ihm bei der Einrichtung eines helvetischen Waisenhauses behilflich zu sein; aber das Schicksal verlegt ihm mit gütigen Wendungen den Rückweg aufs Birrfeld: Schon im November hat der Doktor Grimm sich erboten, einige Waisen aus dem Kriegsgebiet in sein Haus zu nehmen, andre Bürger sind ihm willig gefolgt, und da Fischer den Plan mit Feuer betreibt, kommen Ende Januar sechsundzwanzig Kinder in Burgdorf an, die der Pfarrer Steinmüller zu Gais im Appenzeller Land gesammelt hat. Heinrich Pestalozzi will gerade zum Schloß hinauf, als die Bürger ihnen entgegenleuchten; überall sind Betten und warme Suppen für die Zitternden bereit, es könnten ihrer hundert sein, soviel Hände strecken sich hilfreich aus. Auch sein Herz wallt ihnen entgegen, und gleich ist er mitten in der Schar, mit scherzenden Fragen seinen Willkomm zu sagen; aber eins nach dem andern wird ihm eingefordert, und ehe er sichs versieht, steht er allein auf der Straße da. Meine Zeit ist noch nicht gekommen, sagt er kopfschüttelnd vor sich hin, als er in einer bestürzten Wehmut durch die Dunkelheit zum Schloß hinaufgeht.
Aber unversehens fällt das, was andre begonnen haben, ihm in den Schoß, der die Seele solcher Taten ist: die Kinder sind durch einen jungen Dorfschulmeister namens Hermann Krüsi aus Gais gebracht worden, der als dritter ein Zimmer im Schloß erhält. Er ist ein lernbegieriger Mensch von vierundzwanzig Jahren, dem die Nähe des berühmten Verfassers von Lienhard und Gertrud eine Erhöhung seines Lebens bedeutet; für seine Appenzeller Kinder wird ihm eine besondere Schule im Ort eingerichtet, sodaß sie morgens miteinander in den Burgdorfer Schuldienst hinuntergehen. Obwohl Heinrich Pestalozzi sich mit seinen Menschheitsplänen in der Buchstabierschule der Jungfrau Stähli -- wie er dem Krüsi sagt -- allmählich gleich einem Seefahrer vorkommt, der seine Harpune verloren hat und mit der Angel probiert, Walfische zu fangen, bleibt er unverdrossen dabei, bis er im Frühjahr die Burgdorfer zu einer öffentlichen Prüfung einladen kann. Schon die Neugierde, in die seltsamen Karten des wunderlichen Fremdlings zu blicken, treibt sie zahlreich herzu; aber nun steht nicht mehr das Mitleid kopfschüttelnd da wie in Stans, es gibt eine wahre Verblüffung über die Fertigkeiten so junger Schüler, und die Schulkommission stellt ihm ein öffentliches Zeugnis aus, dankbar, daß er gerade Burgdorf für seine Lehrversuche gewählt habe. Diese Anerkennung macht ihn zittrig vor Freude, weil er nun endlich die Weite für seine Dinge geöffnet sieht, sodaß er in seinem fünfundfünfzigsten Jahr trotz dem Ehrenbürgertum der französischen Republik wie ein belobter Schüler in die Ferien kommt und seiner Frau Anna das Zeugnis in den Schoß legt. Eigentlich bist du zu alt dazu, lächelt sie wehmütig mit dem Papier in der Hand: oder sollte die Zeit gekommen sein, wo die Großväter wieder zur Schule gehen? Aber er läßt sich sein Glück nicht erschüttern: »Man hat mir schon in meinen Knabenschuhen gepredigt, es sei eine heilige Sache um das von unten auf Dienen; ich achte es für die Krone meines Lebens, daß man mich mit grauen Haaren in der Schule von unten anfangen läßt!«
Er hätte nötig, daß diese Ostertage Ferien für ihn würden, aber sein Sohn Jakob will sterben, und während draußen der Frühling schäumt, zerreißen die Schmerzen den hilflosen Mann, dem er den Neuhof als Erbschaft mühsam aufgespart hat. Zerstört von Nachtwachen kommt er wieder in Burgdorf an, wo Krüsi allein auf ihn wartet, weil Fischer enttäuscht und todkrank nach Bern zurückgegangen ist. Als Heinrich Pestalozzi spät abends den Steilweg aus dem Ort hinauf tastet, findet er den Appenzeller, der seitdem einsam und landfremd in den leeren Gebäuden haust, sehnsüchtig harrend am Tor. Mein Sohn stirbt, sagt er, als sich der Jüngling ihm weinend in die Arme wirft: kommst du mir an Sohnes Statt?
Danach gibt es einen Erntesommer für ihn, wie er noch keinen erlebte: die Bürger haben ihn dankbar zum Lehrer an der zweiten Knabenschule gemacht, darin er an die sechzig Knaben und Mädchen zu lehren hat; und kaum, daß er mit Krüsi überlegt, wie ihre Schulen sich vereinigen und, in Klassen eingeteilt, besser im Lehrplan einrichten ließen -- nur an Raum fehlt es im Schulhaus, während im Schloß die schönsten Räumlichkeiten leer stehen -- sind die Herren in Burgdorf und Bern gleich so diensteifrig, daß die Kinder schon zum Sommer auf dem Berg einrücken können. Als der Schloßhof von dem emsigen Gewirr ihrer Stimmen widerhallt, müssen die Knaben und Mädchen von der Linde ein Schweizerlied ins waldige Emmental hinunter singen, und diesmal stehen keine Luzerner da zum Lachen, weil er selber mit seiner alten Stimme fröhlich den Takt hineinkräht: Nun ist es kein leeres Schloß mehr, denkt er, und ich brauche morgens nicht auf einem Steckenpferd den Berg hinab zu reiten! Wie ein Feldherr einen Engpaß bezwungen hat, das bedrängte Land von den Feinden zu räumen, fühlt er sich längst über die ersten Buchstabier- und Rechenkünste hinaus und mächtig, in die entlegenen Gebiete der herkömmlichen Schulmeisterei den Gang der Natur zu tragen. Er hat zum Wort und zu der Zahl die Form der Dinge als drittes Element für seinen Unterricht gefunden und hält nun endlich das Geheimnis in der Hand: das Abc der Anschauung, daraus sich alle Fertigkeiten und Kenntnisse gewinnen lassen.
Mit dem Sommer fängt die Nachricht von der Wunderschule im Schloß zu Burgdorf an durchs Land zu gehen, und wie ehemals auf dem Neuhof, kommen Gläubige und Zweifelnde an, sich mit eigenen Augen zu überzeugen, was Wahres an dieser neuen Zeitung sei. Sie finden keinen Einsiedler mehr: Krüsi hat aus Basel seinen Freund Tobler geholt, der dort als Theologiestudent den Hauslehrer spielte; der wiederum bringt einen jungen Buchbinder namens Buß aus Tübingen mit, weil er sich trefflich aufs Zeichnen und die Musik versteht, welche Künste Heinrich Pestalozzi auch in den Anfängen versagt sind. Sie hausen zu vieren in dem Schloß und müssen manchmal selber lachen, was für einen seltsamen Verein sie bilden: ein Romanschreiber, ein Theologiestudent, ein Buchbinder und ein Dorfschulmeister. Ich bin nun wirklich ein Wundertier, scherzt Heinrich Pestalozzi oft, ich habe vier Köpfe und acht Hände. Er wird auch nicht müde, die Fremden durch die Klassen zu führen, wo im ersten Stock die Körbe mit den Buchstabentäfelchen stehen, daraus sich vor den Augen der Kinder die Silben und Wörter auswachsen; in der zweiten fangen die Schreibkünste auf den Schiefertafeln an -- die meist als die größte Neuheit bestaunt und befühlt werden -- und durchsichtige Hornblättchen mit eingeritzten Buchstaben sind die stummen Schulmeister in den Händen der Kinder, ihre Schriftzüge zu kontrollieren; der dritte Raum ist groß genug zu Marschübungen, und wenn den Besuchern schon aus den andern Stuben der Takt im Chorsprechen als das Erstaunlichste im Ohr geblieben ist, weil er die Vielheit der Schüler mit einem Mund sprechen läßt, so sehen sie nun den selben Takt als Erscheinung lebendig werden, wenn die Kinder fröhlich singend oder deklamierend gleichen Schritt halten. Heinrich Pestalozzi weiß wohl, daß dies alles nur die Augenfälligkeiten seiner Lehrübungen sind, und es ficht ihn nicht an, wenn ein gelehrter Herr kopfschüttelnd über die Einfalt solcher Methode den Berg hinuntergeht. Sie suchen den Stein der Weisen, spöttelt er, aber es darf kein Stein sein, weil sie sonst nur an den Bach zu gehen brauchten! Auch meinen sie, ich plagte mich in meinen Großvaterjahren um neue Schulmeisterkünste, wo ich doch nur der Armut eine Treppe bauen will. Und als der sinnende Tübinger, dem es am schwersten fällt, sich einzuleben, ihn einmal am Abend fragt, wie er das meine? sagt er sein Beispiel von dem Haus des Unrechts.
Sie sitzen auf der Mauer unterm Lindenbaum und sehen, wie die Sonnenröte die Alpen herrlich überschüttet, und auch die beiden anderen kommen horchend herzu, als er beginnt: Was meint ihr, daß einer im Keller unseres Schlosses von diesem Abend sähe! Die Luken im Gewölbe, zu hoch für die Augen, werden ihm nur einen bläßlichen Schein der Röte geben! Besser wird es in den Stuben des unteren Stockwerks sein; obwohl es nach außen kein Fenster hat, sieht man den Widerschein im Hof und ahnt die Herrlichkeit! Nur oben, wo die Fenster aus den Sälen nach allen Seiten den freien Ausblick gestatten, kann der Bewohner sich gemächlich in eine Nische setzen, den Anblick zu genießen! Nun denkt euch, Freunde, es gäbe keine Treppe in diesem Haus, sodaß die Herren in den Sälen die einzigen Genießer wären, die Bürger in den Stuben darunter könnten nicht hinauf, obwohl ihnen der Widerschein im Hof das Blut unruhig machte; das arme Volk aber in den Gewölben säße gefangen im fensterlosen Dunkel und hätte von Gottes Sonne nur die trübe Röte an der Luke!
So, Freunde, ist das Haus des Unrechts um die Klassen der Gesellschaft gebaut. Drum hab ich mich gemüht mein Leben lang und bin ein Narr geworden vor ihren Augen, daß ich in dieses Haus des Unrechts die Treppe der Menschenbildung baute.
81.
Wenn die Morgenstunden seiner Schule zu Ende sind, geht Heinrich Pestalozzi bei gutem Wetter an die Emme hinunter, Steine zu suchen. Er kennt nur wenige Arten und wählt sie mehr wie ein Kind nach der schönen Farbe aus, doch schleppt er gern ein Taschentuch voll davon, wenn er zum Stadthauswirt Schläfli an den Mittagstisch kommt. Meist geht auch eins oder das andere der Appenzeller Kinder mit, und namentlich ein Knabe namens Ramsauer begleitet ihn gern. Wie er eines Tages mit dem im sonnigen Gestein sitzt -- trotzdem ihm die Gehilfen tapfer beistehen, schmerzt ihn die Brust vom Sprechen -- denkt er mit einer so traurigen Sehnsucht an sein verlassenes Waisenhaus in Stans, daß ihm die Tränen rinnen. Er weiß schon lange, daß ihn die Regierung nicht dahin zurücklassen will, aber er hat es nicht angeschlagen um seiner neuen Arbeit willen; nun läuft ihm die Bitterkeit der unbefriedigten Gedanken von allen Seiten zu. Es gerät ihm wie niemals vorher mit seiner Treppe der Menschenbildung, er hat den Schlüssel, alle Stockwerke zu öffnen, aber es sind doch nur die Bürgerkinder dieser wohlhabenden Kleinstadt, die davon Nutzen haben: Schlimmer als jemals ist die Not im Land, und ich habe in eitler Selbstgefälligkeit die Fremden durch meine Methode spazieren geführt. Als sie mich für einen Narren hielten, schrieb ich meine Schriften; jetzt, wo mir die Bürger gute Zeugnisse geben und ein Gehalt zahlen, bin ich Großvater wirklich ihr Narr geworden!
Als er bedrückt von solchen Gedanken, diesmal ohne Steine im Sacktuch, in die Stadthauswirtschaft kommt, sieht er Tobler schon wieder mit zwei Fremden dasitzen, einem rotköpfigen Pfarrer und einem Tirolerknaben, die erfreut aufstehen, ihn zu begrüßen. Er kann seinen Groll zu keinem freundlichen Wort zwingen, macht augenblicklich kehrt und läßt sein Mittagsmahl im Stich, obwohl Tobler gleich hinter ihm her ruft. Unterwegs tut ihm die Torheit leid, aber wie er dann an seinem Sorgenplatz unter der Linde steht, kommen ihm die drei hartnäckig in den Schloßhof nach, und nun muß er selber lachen, weil der junge Pfarrer niemand anders als der Freund Toblers, Johannes Niederer aus Sennwald ist, mit dem er seit Monaten im herzlichsten Briefwechsel steht. Den Tirolerknaben, der auf eigene Faust sein Schüler werden will, hat er zufällig unterwegs getroffen. So geht mirs, klagt er und schließt sie beide in die Arme: vor Gleichgültigen mache ich meine Kapriolen, und wenn Freunde kommen, rennt der Hase fort!
Er kehrt danach mit ihnen in das Stadtwirtshaus zurück, und es wird ein fröhlicheres Mittagsmahl, als er es seit Wochen hatte; denn seit dem Holsteiner Nicolovius ist ihm nicht mehr solche Liebe widerfahren, wie in den Feuerbriefen dieses kaum zwanzigjährigen Pfarrers aus Sennwald, der nun wie der Husarenkapuziner aus Stans neben ihm sitzt, so rotköpfig und so verbissen in seine Gedanken. Er ist zwar vorläufig nur zum Besuch gekommen, aber Heinrich Pestalozzi reißt wieder einmal gierig die Zukunft aus der Gegenwart los: Ihr seid die Jugend, die zu mir aufsteht, sagt er und halt ihnen sein Glas hin, als ob er alle Tage so schöppelte; nun will ich den Fischzug meines Lebens machen! Und weiß auf einmal garnicht, warum er sich bis zu diesem Tag geweigert hat, die Erbschaft Fischers ganz anzutreten: ein Schullehrerseminar, eine Musterschule und eine Pensionsanstalt hat der in Burgdorf gewollt, den nun in Bern der Rasen deckt, indessen er noch immer eigensinnig auf sein Waisenhaus in Stans wartet, als ob es diese oder jene Waisen und nicht die Treppe seiner Lehre gelte.
Noch in den Tagen, da Niederer wie ein Spürhund durch die Klassen geht und jeden Fund verbellt, verhandelt er mit der Regierung in Bern. Er fühlt, daß sich die Summe seines Lebens einsetzen will: was er als Landwirt, Armennarr und Schriftsteller auf dem Neuhof, als Waisenvater in Stans und als Winkelschulmeister in Burgdorf an Erfahrungen einbrachte, soll nun Erscheinung werden. Zwar haben die politischen Hagelwetter seinen Freund Stapfer als Minister verdrängt, aber noch in den letzten Wochen hat er ihm eine helvetische Gesellschaft von Freunden des Erziehungswesens gegründet, die ihm nun mit einem Aufruf an die Bürger aller Kantone beisteht. Zum andernmal nach einem Vierteljahrhundert rasselt seine Werbetrommel durch das Land, aber nun treten ihrer viele zu dem Bürger, dessen Ruhm im Ausland geklungen hat. Schon im November sind an die fünfzig Zöglinge im Schloß, nicht Bettelkinder wie im Neuhof, die ihren Unterhalt durch eigene Arbeit verdienen sollen, sondern Bürgersöhne und Töchter, deren Eltern den Aufenthalt mit gutem Geld bezahlen. Er löst die Burgdorfer Schule ab, und nur die von den Appenzeller Kindern bei ihm bleiben wollen, behält er um Gotteswillen; der Tiroler Schmidt ist auch darunter.
Heinrich Pestalozzi staunt, wie rasch ihm dies alles ins Kraut geschossen ist, aber der Erfolg macht ihn fröhlich, sodaß er dem Herbst und Frühwinter die Tage wie die Blätter eines Märchenbuches abliest. Darüber kommt Weihnachten, und er kann diesmal nicht in Neuhof sein, weil einige Kinder mit den Gehilfen bleiben, denen er als Vater das Fest bereiten muß. Zum Neujahr deckt ein dicker Schnee alles mit runden Kappen zu, und der Weg vom Schloß hinunter bis in die Häuser ist eine steile Schlittenbahn. Selbst seine Burgdorfer Freunde schütteln mißbilligend den Kopf, als sie ihn da mit den Kindern schlitteln sehen, und der Doktor Grimm sagt ihm, daß dies kein Geschäft für einen Großvater sei; er aber, der nichts Schöneres auf der Welt kennt, als wenn verschüchterten Kindern die Augen fröhlich aufgehen, nimmt einen Schneeball und wirft ihn, sodaß es -- als die Knaben seinem Beispiel folgen -- ein lustiges Gefecht um die Fröhlichkeit gibt, bei dem der Griesgram in die Flucht geschlagen wird: Das ist keine so einträgliche Schlacht für euch Doktoren, als wenn mit Bleikugeln auf Menschen geschossen wird, sagt er ihm einige Tage später, als er ihn bei Tauwetter wiedertrifft, aber sie macht rote Backen! Der Doktor schüttelt unwillig den Kopf: er habe ihm nur die Post mitgebracht, weil er doch zu dem Knaben müsse, der sich bei dem Spaß bös erkältet habe.
Es ist nur ein zierlicher Brief, von Frauenhand mit dünnen Buchstaben adressiert; er öffnet ihn gleich und liest, daß ihm die Tochter Lavaters den Tod ihres Vaters meldet, der am zweiten Januar seiner Verwundung nach langem Siechtum erlegen sei. Von ihm selber aber liegt ein Zettel dabei, den er als Abschiedsgruß noch auf dem Sterbebett an ihn geschrieben hat:
»Einziger, oft Mißkannter, doch hochbewundert von vielen, Schneller Versucher des, was vor dir niemand versuchte, Schenke Gelingen dir Gott! und kröne dein Alter mit Ruhe!«
Heinrich Pestalozzi ist so erschüttert, daß er den erstaunten Doktor ohne Wort auf der Straße stehen läßt und quer über die nassen Schneefelder zur schwarzen Rinne der Emme hinunterläuft. Dies ist genau so unvermutet wie in den Jünglingstagen, als Lavater ihm den »Emil« ins Rote Gatter brachte: Er war nicht mein Freund, überschlägt sein Gefühl, er hat mich nie recht gemocht, und nur ein paarmal hat uns das Leben nebeneinandergestellt; nun hat er wie Bluntschli vor Gott gesessen mehr als ein Jahr, kaum, daß ich einmal an ihn dachte im Strudel meiner Dinge, und er schickt mir dieses Wort!
Nur die treue Erinnerung hat er aus dem Zettel gelesen, kaum die Sätze; doch wagt er nicht, ihn noch einmal vor die Augen zu bringen, so ehrfürchtig ist ihm zumute, weil er von einem Toten kommt: Wie dieser Bach im Schnee übereilen wir unsern Weg, sagt er und läßt seine Augen mit den Glattwellen laufen, bis sie hinter den schwarzen Büschen verschwinden. Nur an unsern Ufern sehen wir die Dinge, alles nur einmal im Gedränge, und kein Augenblick kann gegen den Wellenschlag zurück. Wenn wir unten sind, ist dies unser Leben gewesen; aber unser Wasser war es nicht. Das Wasser gehört der Welt, der kein Tropfen an irgend wen verloren geht; unser Teil ist, daß wir fließen. Durch ein paar Mühlräder können wir laufen unterwegs, aber nicht mehr sehen, wieviel von Gottes Korn damit gemahlen wird.
82.