Lebenstag eines Menschenfreundes
Part 18
Als danach alles still bleibt -- die Alarmnachrichten waren falsch, und auch der Schuß ist nur einem hitzigen Sennbuben losgegangen -- sitzt kaum noch die Hälfte seiner Kinder da. Zwar kommen im Nachmittag noch einige wieder, auch finden sie andere weinend irren, als sie gegen Abend den Ort absuchen: aber die Besorgnis bleibt über ihnen wie die schwarze Wolkendecke, die sich mit dem Abend vom Entlebuch herüberdrängt. Die Kinder schlafen sich schließlich in angstvolle Träume ein; Heinrich Pestalozzi bleibt wach: seit seiner Ohnmacht fühlt er, daß es in Stans zu Ende geht. Mit einer Kerze in der Hand wandert er um Mitternacht von Bett zu Bett; einigen, die sich stöhnend wälzen, legt er seine Hand auf die Stirn, daß sie, erwachend, ins Licht blinzeln und vor seinem Gesicht mit einem erlösten Lächeln um die Lippen einschlafen. Nachher sitzt er noch, bis das Licht niedergebrannt ist, streicht in seiner Liste die Schäflein an, die ihm fehlen, und denkt den einzelnen nach, wo sie wohl seien. Bald aber wandern die bekümmerten Gedanken auf einsamen Höhen, wo er mit seinem Werk allein ist. Was auch mit den Kindern geschieht, für keins -- das fühlt er sicher -- ist die Zeit vergebens gewesen: aber sein Werk, wenn er es jetzt abbrechen muß, ist verloren. Es ist ihm zumut wie einem Kundschafter im weglosen Dickicht; er hat sich durchgearbeitet, bis er eine getretene Fußspur fand, die ihn zum Weg führen muß: da reißt ein Bergbach die Schlucht vor ihm auf, und ob er drüben die Spur deutlich weiter gehen sieht, er kann nicht hinüber.
Andern Tags ist alles vorbei, als ob es nur böse Träume gewesen wären; die Bauern sind wieder bei ihrer Arbeit, und die Soldaten in den Quartieren singen Schweizerlieder. Die Sonne geht ihren strahlenden Lauf, als wolle sie es diesmal zwingen, über die Ermattung des Mittags fort in den unendlichen Himmel hinein zu steigen. Noch ein paar Kinder wagen sich unsicher wieder herzu, und als nach diesem Tag noch ein zweiter und dritter die weißen Sommervögel durch sein dickes Blau schwimmen läßt, fängt auch Heinrich Pestalozzi an, den Nacken zu heben. Am dritten Abend sitzt er scherzend und fragend mit ihnen bei der Hafersuppe, da ruft ihn ein Bote eilig zu dem Regierungsstatthalter Zschocke.
Der empfängt ihn mit einem Blatt in der Hand. Er habe Stafette bekommen, daß am frühen Morgen der General Lecourbe einrücken würde; er müsse Platz besorgen für einige tausend Mann und ein Hospital für die Verwundeten und Kranken herrichten, dazu habe er keinen andern Platz als das Waisenhaus. Obwohl Heinrich Pestalozzi beim ersten Wort weiß, daß ihm nun das Brett unter den Füßen fortgezogen wird, damit er noch über den Bergbach zu kommen hoffte, kämpft er wie ein aufgescheuchtes Tier für sein Nest und seine Brut. Aber nun ist er mit allem Ruhm seiner Bücher und mit der ewigen Absicht seines Werkes nur der Bürger Pestalozzi, der andere aber steht als Regierungsgewalt da und löst das Waisenhaus auf. Weil er nicht wie die Nidwaldener kämpfen und sterben kann, sondern dem Federstrich gehorchen muß, erfüllt er bitteren Herzens den Rest seiner Pflicht. Er teilt jedem Kind doppelte Kleidung, Wäsche und einiges Geld aus für das Notwendigste, rechnet mit dem Statthalter ab und übergibt ihm von den sechstausend Franken, die ihm das Direktorium bewilligt hat, den Rest mit dreitausend Franken -- mehr hat er nicht gebraucht in den fünf Monaten mit all den Kindern. Noch eine Nacht geht er in seiner schlafenden Herde ruhelos umher, nimmt in der Frühe weinenden Abschied von ihnen allen, deren Vater er durch seine Liebesgewalt geworden ist, und am Nachmittag, als die ersten Franzosen einrücken, fährt er nach Stansstad hinunter mit dem, was er für bessere Zeiten retten will. Wieder einmal sitzt er auf einem bepackten Wagen, diesmal auf Säcken neben einem Knecht, der ihn gleichmütig in sein ungewisses Schicksal hinaus kutschiert; es ist ein Appenzeller, der den Pferden mit der Peitsche die Fliegen vertreibt und dazu mit halber Kehle seine heimatlichen Jodler singt, als ob es eine Lustfahrt wäre. Er fühlt die Schmerzen in seiner Brust heftiger und die brennende Angst fährt mit ihm, daß er nun sterben muß: dann ist alles umsonst gewesen, was er Unmenschliches in diesen Monaten ertrug; denn er allein weiß, daß er in Stans den Weg zur Befreiung der Menschheit entdeckt hat, kein anderer kann fortsetzen, was für ihn selber ein tastend beschrittener Anfang, aber darum doch das Ergebnis vieler Tausend fiebernd benützter Stunden ist.
Immer noch läuft eine letzte Hoffnung hinter dem Wagen her, daß die Luzerner Freunde mächtiger sein könnten als der Regierungsstatthalter; als er ankommt in der vieltürmigen Stadt, muß er erfahren, daß die Regierung der in tausend Nöten gefährdeten Helvetischen Regierung nach Bern ausgeflogen ist.
76.
Es ist ein heißer Julitag, als Heinrich Pestalozzi durch das breite Entlebuch ins waldige Emmental hinüber und durch seine reichen Dörfer nach Bern hinunter fährt. Die Fahrt über die holprigen Bergstraßen bekommt ihm schlecht, und als er spät abends anlangt, fühlt er sich sterbenselend. Bis zum Schluß sind immer noch die Bauleute im Kloster zu Stans gewesen, und wenn er hustet, meint er noch den scharfen Kalkstaub in der Lunge zu spüren. Trotzdem ist er am andern Morgen schon früh bei dem Minister Stapfer. Der erschrickt, wie er ihn sieht, und rät ihm, den ungewollten Urlaub vor allem zu einer Kur zu benutzen, damit er wieder zur Arbeit fähig sei, wenn nach dem Krieg die Anstalt neu eingerichtet würde. Da er selber zu einer Sitzung muß, übergibt er ihn seinem Kanzleivorsteher Fischer, einem ehemaligen Theologen, der auch schon in Stans war.
Der bietet ihm willfährig seine Begleitung an, wohin er auch wolle, und ehe Heinrich Pestalozzi sich beiseite tun kann, hat er ihn auch schon eingefangen mit klugen und ehrlichen Fragen. Es findet sich, daß sie Leidensgenossen sind, indem auch er den Traum seines Lebens an die Schule gehängt hat. Er ist Schüler bei dem Philanthropen Salzmann in Schnepfental gewesen und will nun in Burgdorf eine Musterschule, wenn es erreichbar ist, ein Lehrerseminar einrichten. Es ist immer noch das Lehrerseminar, das Stapfer ihm selber in Aarau angeboten hat, und obwohl sich Heinrich Pestalozzi im stillen wundert, wie unbekümmert sein Nachfolger die Schwierigkeiten übersieht, die ihm fast das Leben kosten, ist er ihm doch dankbar, weil er die Lauterkeit in seinem Wesen spürt. Er bleibt ziemlich den ganzen Tag mit ihm zusammen und erwirbt durch ihn eine Bekanntschaft, die in seine gehetzten Tage eine breite Pause bringt: Noch am selben Abend sitzen sie zu einem Mann aus Bad Gurnigel, namens Zehender, der seine Schriften liebt und sein Märtyrertum in Stans glühend bewundert; der lädt ihn ein, einige Wochen bei ihm da oben in der reinen Gebirgsluft zu wohnen und von der Quelle zu trinken. Stapfer und Fischer reden ihm dringend zu, und da der Mann mit seinem Wagen andern Tags zurück muß, kommt Heinrich Pestalozzi schon am Abend mit ihm auf dem Gurnigelberg an.
Ein verrauschtes Gewitter hat ihnen einen Regen nachgeschickt, der die Talweite unter ihnen mit Nebelschwaden bedeckt; auch wirft ihn sein Elend nun ganz hin, sodaß sie ihn fast aus dem Wagen ins Haus tragen müssen. Den andern Tag läßt ihn sein Gastfreund nicht aus dem Bett, auch den zweiten nicht: da es draußen doch noch regne! Am dritten Morgen liegt er schon lange wach und wartet mit Sehnsucht auf den Tag; als die Fensterscheiben in der Morgenröte warm werden, springt er mit beiden Füßen aus dem Bett und reißt ein Fenster auf, seine Faulheit zu lüften. Er tritt erschrocken zurück vor der unendlichen Weite; in einer überirdischen Bläue sieht er das Tal zu seinen Füßen liegen, unermeßlich und schön; er hat noch nie eine so weite Aussicht gesehen, und das Glück davon überwältigt ihn so, daß er die Hände wie ein Kind danach ausbreitet. Fast ängstigt ihn die Höhe, aber als er nach rechts und links äugt, sieht er die hohen Baumgruppen; er fühlt den Wald und den Berg hinter sich als sicheres Ufer, von dem aus er über das Meer der morgendlichen Erde tief unter sich hinschaut. Und ehe sich noch die Worte dazu bilden, ist ein Gefühl in ihm, wie wenn da unten sein eigenes Leben läge: aus den blauen Seeweiten der Kindheit durch die ruhelose Brandung seiner Mannesjahre bis auf die Bergkanzel dieser Stunde hinauf.
Aber wie er sich umwendet, ist sein niedriges Menschenzimmer wie ein Kästchen ganz getäfelt und auf dem runden Birnenholztisch liegt ein Buch, das ihm bekannt scheint: »Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts« steht auf dem Titel. Er weiß nicht, warum ihn die Erschütterung hindert, es in die Hand zu nehmen; er sieht sich wieder in dem Sterbezimmer seiner Mutter daran schreiben -- als ob es gestern oder vor hundert Jahren gewesen wäre, so nah und so fern -- fast meint er, es wäre dasselbe Zimmer, aber seine Augen suchen vergebens in den fremden Sachen. Er ist wieder mitten drin im hochmütigen Elend jener Tage; die Brandung spritzt, und er fühlt sich versinken in die Tatenlosigkeit der endlosen Mannesjahre: da weiß er, es ist kein Ufer, an dem er gesichert steht, es ist nur eine Insel, ein Stein im Meer, darauf ihn die Brandung geworfen hat.
77.
Sechs Wochen lang ist Heinrich Pestalozzi auf dem Gurnigel, von lieben Menschen treu gepflegt. Die reine Höhenluft heilt in seiner Lunge aus, was Kalkstaub und Abc-Geschrei darin verwüstet haben. Es sind noch andere Kranke oben, auch Gesunde, die vor der herrlichen Natur in Schwärmerei vergehen. Seit seinem ersten Morgen vermag er nicht mehr in die blaue Talweite hinunter zu blicken, ohne an sein verlassenes Werk zu denken. Er sieht unter allen Dächern die Wohnungen der Menschen und weiß, von wieviel Verwahrlosung jede Wohlhabenheit da unten umgeben ist. »Meine Natur ist der Mensch,« sagt er den Schwärmern, und eines Morgens ist er mit seinem Stock und Ranzen nach Bern unterwegs. Er hat keinen Wagen gewollt; es tut ihm wohl, so bergab schreitend den Takt seines fröhlichen Marsches zu fühlen: alle lebendigen Dinge gehen im Zweischritt, hat er dem besorgten Zehender zum Abschied gesagt, nur das Leblose und Kranke rollt auf Rädern.
Zum Mittag hat er die sechs Stunden bis Bern hinter sich, und als Rengger und Stapfer, die beiden Minister, aus einer gemeinsamen Sitzung noch etwas zu besprechen haben, das sich auf dem Heimweg besser als im Betrieb der kommenden und gehenden Posten erledigen läßt, läuft er ihnen buchstäblich in die Arme und lacht mit seinem Runzelgesicht wie ein Knabe, der aus den Ferien wiederkommt. Er will Kinder haben, es ist ihm gleich wo, an denen er seine Versuche fortsetzen kann, bis sein Waisenhaus in Stans wieder kriegsfrei ist; und noch in derselben Viertelstunde schlägt ihm Stapfer vor, nach Burgdorf zu gehen, wo auch Fischer seit einem Monat sei und an dem Statthalter Schnell wie an dem Doktor Grimm einsichtige Helfer habe. Als Heinrich Pestalozzi das Wort hört, fährt ihm eine halbvergessene Erinnerung auf, wie ihn der Vorwitz eines Morgens dort in die Hintersassenschule brachte; er nimmt es als eine Fügung, auch scheint es ihm eine Erleichterung, in Burgdorf nicht wieder einsam zu sein. In seiner Fröhlichkeit sagt er gleich zu, so kann Stapfer die Eingabe ans Direktorium vorbereiten, er selber macht sich am andern Morgen gleich unterwegs, sein neues Arbeitsfeld abzuschreiten.
Über Nacht gibt es Regen, und er muß die Post nehmen; ein guter Zufall setzt ihm den Statthalter Schnell aus Burgdorf in denselben Wagen. Der kennt ihn, hat am Abend vorher schon durch Stapfer von seinen Absichten gehört und ist begeistert, dem berühmten Verfasser von Lienhard und Gertrud gefällig sein zu können. Die Fahrt wird in Gesprächen kurz, und in Burgdorf muß Heinrich Pestalozzi sein Gast sein; auch der Doktor Grimm wird Hals über Kopf zu Tisch geladen, und es ist eine wahre Verschwörung, wie sie ihm alles einrichten wollen. Sie wundern sich, daß er gerade an der Hintersassenschule lehren will, und wollen ihm das ärmliche Lokal erst zeigen. Er erzählt ihnen von dem Morgen, wo er vorwitzig hinein sah, und ist fast ausgelassen vor Erwartung. Gegen den Abend, als der Regen endlich nachläßt, macht er noch einen Gang zum Schloß hinauf, das eine kleine Festung vorstellt, aber augenscheinlich seit langem verwahrlost ist. Das äußere Tor hängt offen in den Angeln, und an dem innern läutet er so lange vergebens, bis er merkt, daß die Schlupftür geöffnet ist. Die Kiesel im Schloßhof sind vom Gras überwachsen, hinten steht eine Linde, und als er bis an die Mauer geht, fällt der Berg da fast senkrecht in die schäumende Emme, die ihn im Bogen umfließt. Es nisselt immer noch, und sein Rock ist längst feucht; er merkt es nicht, er hat zuviel gesprochen bei den Männern da unten, und nun sind die Gedanken wie eine Krähenschar, die nicht zur Ruhe kommt:
Er hat es Mord genannt, wie die Kinder bis ins fünfte Jahr im sinnlichen Genuß der Natur bleiben, wie sie sehen, sprechen und ihre andern Sinne gebrauchen lernen, und sich von selber eine natürliche Anschauung der Welt in ihrer Seele aufbauen: wie sie dann aber gleich Schafen zusammengedrängt in eine stinkende Stube geworfen würden, um der fremden, sinnlosen Buchstabenwelt ausgeliefert zu sein! Nun denkt er, wie auch die Moral und das Gesetz, selbst die Religion und ihre Tugenden von hier aus der jungen Menschenseele aufgenötigt würden und dadurch leicht das bittere Beigefühl lebensfeindlicher Mächte behielten; sodaß, was dem Leben des Menschen einen höheren Sinn geben solle, im Gefühl der Armen als Mittel der Unterdrückung bliebe. Seine Gedanken können es noch nicht greifen, aber er fühlt sie dicht daran: daß er alles, was nur aus dem Buchstaben gelernt würde, als fremd und gleichgültig in seinem Unterricht ausscheiden, daß er den Naturgang der ersten fünf Lebensjahre weiterführen möchte; nicht, um es den Kindern bequemer zu machen, sondern um die Unnatur aus dem Wachstum des Menschen zu nehmen.
Er ist so versessen in diese Gedanken, daß er garnicht hört, wie jemand von hinten zu ihm kommt und die Hand auf die Schulter legt. Als er sich umkehrt, ist es Fischer, der ihn zufällig aus seinem Fenster gesehen hat: Wir sind die einzigen Menschenseelen in dem ganzen Gebäude, sagt er erklärend zu ihm; aber Heinrich Pestalozzi ist noch viel zu sehr bei den Reitversuchen seiner stolzen Gedanken, um ihn wörtlich zu verstehen: Dann müssen wir jeden Tag den Berg hinunter traben, sagt er und muß hellauf wie ein Knabe lachen, so rasch springt ihm aus der abendlichen Grübelei ein Scherz auf: Zwei Narren in einem leeren Schloß mit einem Steckenpferd, das wird ein schönes Rittertum, wenn wir ausreiten.
78.
Nach acht Tagen kommt Heinrich zum zweitenmal aus Bern; diesmal in einem heiteren Wolkenwetter zu Fuß; die Verwaltungskammer hat ihm im Schloß ein Zimmer als Wohnung eingeräumt und für die Hintersassenschule die Lehrerlaubnis erteilt. Der Schulmeister Samuel Dysli muß ihm einen Teil von seinen dreiundsiebzig Schülern überlassen; weil aber nur eine Stube da ist, vereinbaren sie einen Strich, der die Klassen trennt: auf der einen Seite stellt sich Heinrich Pestalozzi auf und fängt wieder tapfer an, aus der Sprache die Buchstabenlaute abzulösen; auf der andern wandert der Schuhmacher von Bank zu Bank und behört den Heidelberger Katechismus. Er kann es nicht verwinden, daß man ihm den alten Landstreicher in die Schulstube schickt, die doch mit dem Haus sein angeerbtes Eigentum ist, und wenn er in der Folge das unaufhörliche Geschrei hört, wie der andere die Kinder abrichtet, im Chor zu sprechen, wobei er selber mitkräht, wenn er sieht, wie sie keine Bücher und Schreibhefte, nur eine Schiefertafel haben -- nie hat er solch ein Schreibzeug gekannt -- darauf sie mit dem Griffel allerlei Winkel und Figuren kritzeln: glaubt er einem Tollhäusler zuzusehen. Er versucht, ihm zur Beschämung, mit seiner Schar die gewohnten Dinge zu treiben, aber auch die ist von dem seltsamen Wesen angesteckt, hat Augen und Ohren auf der andern Seite; und weil er sich scheut, vor den Augen dieses Narren wie sonst mit dem Stock drein zu fahren, frißt ihm der Ingrimm über die Vergewaltigung Stunden und Tage auf. Er sieht bald, daß einer von ihnen beiden hier unmöglich wird, und da es seine eigene Werkstatt ist, aus der er sich hinterlistig verdrängt sieht, richtet er sich auf den Krieg ein.
Wenn Heinrich Pestalozzi, der ihn im Eifer meist ganz vergißt, ihn kollegialisch ansprechen will, stellt er den gekränkten Stolz seiner Bildung zwischen sich und ihn; denn er hat bald gemerkt, daß der andere den Firlefanz nur treibt, weil er weder den Katechismus noch sonst etwas nach der Vorschrift kann. Der Wurm der Kränkung will ihm unterdessen das Herz abfressen, und schließlich geht er zum Pfarrer. Dem ist es verdächtig, sich in diesen Handel zu mischen, weil er die Hintermänner kennt; doch gibt er ihm Lienhard und Gertrud mit, damit er sehe, was für ein Wundertier dieser Mann vorstelle. Samuel Dysli hat schon gehört, daß es ein Romanschreiber sei, doch macht es ihm zu viel Mühe, so dicke Bücher zu lesen; er blättert nur höhnisch darin herum, und so findet er die Stelle, wie es dem alten Schulmeister in Bonnal übel geht und wie sich der stelzbeinige Leutnant mit allerlei Schleicherkünsten an seiner Stelle einnistet. Nun weiß er Bescheid, und während Heinrich Pestalozzi schon wieder besessen von seiner Absicht ist und gleich einem Specht an der Anschauungskraft der Kinder herumklopft, bearbeitet Samuel Dysli die Väter, und eines Sonntags halten die Burgdorfer Hintersassen eine Art Landesgemeinde in seiner Werkstube ab: Wenn die Bürger und Herren schon ihre Narrheit mit der neumodischen Lehrart hätten, möchten sie die Probe auch an den eigenen Kindern machen!
So aufgereizt sind sie, daß sie es nicht bei dem Beschluß belassen; als Heinrich Pestalozzi am Montag danach um sieben Uhr in die Schulstube kommt, sitzen auf seiner Hälfte nur noch drei Kinder und heulen. In der ersten Bestürzung ist er töricht genug, den Dysli zu fragen; der läßt den Katechismus herunter schnurren, als ob er ihn extra für ihn aufgezogen hätte. Da merkt er, daß ihm einer das Uhrwerk abgestellt hat; doch kann er seinen Jähzorn noch meistern und geht hinaus. Und nun meint er, daß der Schulmeister ihn wiederkennen müsse; denn wie damals an dem Morgen kommt er ihm nach bis in die offene Tür. Auch sonst stehen die Leute an den Fenstern und auf der Gasse; er sieht im Vorbeigehen, daß sie die Kinder hinter sich halten, als ob sie ihre Brut vor dem Wolf schützen müßten. Einige vermögen ihre Schadenfreude nicht zu meistern und rufen ihm nach; ein Flickschneider, der ein Schwager des Dysli ist, verfällt auf die Rache, laut zu buchstabieren: b u bu, b e be, b a ba! Die ganze Gasse ist begeistert davon, und so muß Heinrich Pestalozzi Spießruten laufen durch sein höhnisches Echo, das ihm noch nachkräht, als er schon im Oberdorf ist.
Er will zu seinen Freunden, aber weder den Statthalter Schnell noch den Doktor Grimm trifft er zu Hause, und Fischer ist für ein paar Tage nach Bern gereist. So geht er kopfschüttelnd und trotz seiner Großvaterschaft dem Weinen nahe wie ein Knabe den steilen Schloßweg hinauf. Der Hof ist leer wie immer, und die Sonne malt die verzogenen Schatten der Dächer hinein, als ob auch die ihm Fratzen schneiden wollten. Es ist ihm für den Augenblick gleichgültig, wohin er geht, weil jeder Schritt zwecklos ist; so tritt er unter die Linde und starrt über die Mauer in die glitzernde Emme hinunter. Auch da unten sind noch Hütten der Hintersassen, denen er aus der hilflosen Armut helfen will, aber die bellen ihn an wie Hunde. Der Abend fällt ihm ein, wo er zum erstenmal hier stand und das von dem Steckenpferd sagte. Nun haben sie mir auch das fortgenommen, denkt er, und jetzt laufen ihm richtig die trotzigen Tränen übers Gesicht, daß er ihre Schärfe in den Mundwinkeln schmeckt.
79.
Das Erlebnis geht Heinrich Pestalozzi so nah ans Herz, daß er an diesem und auch am folgenden Tag das Schloß nicht verläßt, obwohl er Hunger leidet. Dann kommt Fischer aus Bern zurück, hört schon im Stadthaus, wo er aus der Post steigt, von dem Aufruhr der Hintersassen, und nun erlebt der Geschlagene, was treue Freundschaft für ihn vermag: Grimm und Schnell helfen, und noch in derselben Woche steht Heinrich Pestalozzi in der Buchstabier- und Leseschule der Margarete Stähli, wo er seine Versuche ohne Widerstände fortsetzen kann. Da sind nur zwei Dutzend Kinder in einer hellen Stube, und die Jungfrau bescheidet sich, ihm eine Gehilfin zu sein. Er ist zwar im Anfang noch verscheucht, man möchte ihn noch einmal aus der Schulstube fortschicken, und hält sich ängstlich an die äußeren Vorschriften -- täglich von acht bis sieben Uhr, die Mittagspause abgerechnet, steht er in seiner Klasse -- aber indem er nun nicht mehr wie in Stans durch die wirtschaftlichen Sorgen als Hausvater belästigt und bedrückt wird, auch keine verwahrlosten Bettelkinder, sondern gepflegte Bürgertöchter vor sich hat, kann er sich ungehindert dem Abc der Anschauung widmen, das ihm als die Grundlage aller Kenntnisse und Fertigkeiten täglich geläufiger wird. Noch immer geht er von keinem vorgefaßten System aus; er verläßt sich auf seinen Instinkt, daß er für jeden Unterricht den natürlichen Anfang finden wird. Namentlich im Rechnen versucht er nun, von den kindlichen Zählspielen ausgehend, zu den Schwierigkeiten der vier Spezies zu gelangen. Er ist wie ein Chemiker im Laboratorium, immer neue Mischungen versuchend, bis er die rechte Verbindung gefunden hat; und die Jungfrau Stähli geht ihm mit gemischter Verwunderung zur Hand.
Unterdessen spielt das Kriegstheater auf Schweizerboden seine europäischen Stücke, und es sieht nicht aus, als ob er sobald wieder nach Stans käme: über den Gotthard drängen die Russen unter Suworow, und über Zürich ins Glarner- und Einsiedlerland die Österreicher unter seinem Vetter Hotze, der ein berühmter Kriegsheld geworden ist. Aber Hotze fällt bei Schänis, Masséna nimmt Zürich ein -- wobei Lavater durch einen betrunkenen Grenadier schwer verwundet wird -- und als Suworow die Franzosen nach dem mörderlichen Kampf um die Teufelsbrücke zurückgedrängt hat bis Flüelen, sind die Kaiserlichen überall geschlagen, und er muß sich seitwärts in böser Jahreszeit über den Kinzig-, den Pragel- und den wüsten Panixerpaß ins Vorderrheintal retten, wo er ohne Pferde und Geschütze ankommt und mit dem Rest seiner Scharen die Schweiz bald verläßt. Als Bonaparte, aus Ägypten heimkehrend, sich zum ersten Konsul der Franzosen macht, hat er die Eidgenossenschaft ganz in der Hand, und den Urkantonen vergeht die Hoffnung, daß ihnen fremde Hilfe aus der Helvetischen Republik in die alte Kantonsherrlichkeit zurück helfen könnte.
Im Bernischen sind die Kriegsschläge nur von fern hörbar gewesen, aber viele Heerhaufen rückten durch, und jeden Abend sank die Sonne in eine Nacht voll ungewisser Furcht. Heinrich Pestalozzi hat in Stans erlebt, was die ruhmvollen Taten der Kriegshelden in der Nähe bedeuten, wie aus einer blühenden Landschaft ein Schlachtfeld wird, darin die Dörfer brennen und die Verwundeten mit ihren Blutlachen zwischen Leichen auf den Straßen und in den Feldern liegen, während in den Bergställen und in Felsschlüften Frauen und Kinder schreckensbleich die Schießerei abwarten, bis der Hunger sie doch in das Unheil hineintreibt. Er kann nur auf den Tag warten, an dem dieser Kriegsbrand endlich gelöscht sein wird; es wird auch für ihn der Tag sein, wo er für sein Werk gerüstet dastehen muß.