Lebenstag eines Menschenfreundes
Part 17
Als auch die Gewalt zu Aarau es mit einem Regierungsblatt versucht, den guten Willen und die Einsicht ihrer Machthaber in alle Köpfe zu predigen, ist Heinrich Pestalozzi der Mann des Schicksals, es zu leiten: statt in eine Armenschule sieht er sich in die Redaktion des Helvetischen Volksblattes gesetzt, das vom Herbst ab wöchentlich erscheinen soll. Es wiederholt sich alles, denkt er, der es vordem mit seinem Schweizerblatt schon auf eigene Hand versucht hat. Aber die eigene Hand ist besser daran gewesen, sie hat schreiben können, was sie wollte; hier kommen andere mit ihren Schriftstücken: er ist schließlich nichts als ein Sekretär, der sich mit dem guten Willen und der Torheit seiner Vorgesetzten herumschlägt. Auch was er selber schreibt, wird ihm diktiert, und da er nichts ohne sein Herz vermag, steigert er sich in einen blinden Glauben hinein, aus dem er redet und schreibt, als ob das alles sein Herzblut wäre.
Am 8. September endlich erscheint die erste Nummer, tags darauf aber tut das Schicksal einen Schlag auf seinen Redaktionstisch, daß ihm die Spreu seiner politischen Leitartikel für immer durcheinanderfliegt. Er ist unterdessen mit der Regierung als ihr unlösbares Anhängsel nach Luzern gezogen, der neuen Hauptstadt der Helvetischen Republik, wo ihm die Berge der Telle und Winkelriede, von denen er geschrieben hat, täglich vor Augen stehen. Auch fährt er eines Tages mit Legrand von Basel und anderen Räten aus dem Direktorium über den grünblauen See in die enge Bucht von Stansstad, wo sie unter freiem Himmel eine Besprechung mit den aufständischen Nidwaldern haben, die der Republik den verlangten Eid verweigern. Er ist den Bollwerken der heimatlichen Unabhängigkeit noch nicht so nahe gewesen, und als er aus dem Kahn ans Ufer tritt, möchte er sich vor Ehrfurcht hinwerfen, den heiligen Boden zu küssen. Er sieht aber auch den Husarenkapuziner, wie sie ihn nennen, den Pater Paul Styger, den roten Zünder der fanatischen Volksbewegung; in Todesfeindschaft stehen sie auf dem geheiligten Boden gegeneinander, die in beiden Lagern doch Schweizer und um der selben Heimat willen voller Feindschaft sind. Wie leicht ist der Haß der Menschen aufzurufen und wie schwer die Güte! denkt er und fühlt mit einem schaudernden Blick in sein Leben, daß er nun selber Partei ist: mit anderen, aber nicht besseren Gründen als diese Männer aus Nidwalden auch, die alle ihre Hände wie zum Schwur übereinandergelegt halten und gleich den Stieren ihres Landes dastehen, die vermeintliche Freiheit der Väter zu verteidigen.
Da die Nidwaldener es nicht bei ihrer Weigerung belassen, sondern sich zu zweitausend waffenfähigen Männern um den Husarenkapuziner scharen, die von Uri und Schwyz Zuzug erhalten und so dicht vor den Toren der Hauptstadt Luzern eine böse Gefahr für die junge Republik bedeuten, zumal die katholischen Luzerner selbst mehr zu den Nidwaldenern als zu der ketzerischen Regierung halten: ruft die den General Schauenburg zu Hilfe. Der rückt mit sechzehntausend Franzosen an, das Ländchen zum Gehorsam zu zwingen; drei Tage brauchen sie nach den ersten Schüssen, bis sie vor Stans aneinander kommen, aber dann ist es kein Soldatenkrieg mehr: Frauen und Kinder, alles, was einen alten Morgenstern, ein Beil oder eine Sense tragen kann, ist dabei, und als die Franzosen am Sonntag mittag mit dem Glockenschlag zwölf in Stans einrücken, gilt es nicht den Sieg, sondern den Anfang einer grausamen Metzelei. Es ist den Nidwaldern eingeredet worden, daß es um den Glauben gehe, drum wollen sie lieber sterben, als in die Hände der Ketzer fallen. Jedes Haus wird eine Opferstätte verrückter Menschlichkeit, tief in die Nacht geht der wahnsinnige Kampf, und am Morgen ist das blühende Stans ein rauchendes Ruinenfeld, darin die Leichen wie geerntete Feldfrüchte liegen. Nur der Husarenkapuziner, der ihnen unverwundbare Leiber und Engelscharen versprochen hat, ist über die Berge davon.
Hunderte von Luzernern sind -- weil es Sonntag ist -- auf die unteren Abhänge des Pilatus und auf den Bürgenstock gestiegen, um dem schrecklichen Schauspiel wie einem Manöver zuzusehen. Heinrich Pestalozzi war nicht unter ihnen, aber er hat in Luzern die fernen Kanonenschläge gehört und noch in der Nacht Nachricht von dem Greuel des Tages erhalten. Drei Tage später fährt er hinüber und sieht den rauchenden Kirchhof, wo die Luft nach den verbrannten Leichen riecht und die schwälenden Rauchsäulen der erstickten Brände den Gefallenen die Totenwacht halten. Lebendiges scheint außer den französischen Soldaten, die mit verbitterten Gesichtern noch immer Totengräberarbeit tun, niemand mehr in Stans zu sein; was die Franzosen nicht niedergemacht haben, ist in die Berge geflohen; nur ein Trüppchen Kinder sieht er, das sich in seiner Verzweiflung unter der Kirchmauer geschart hat und, von einigen Soldaten bewacht, kaum anders aussieht als ein Haufe jungen Schlachtviehs. Er hat im Ranzen Nahrung für sich selber mitgebracht, die teilt er ihnen aus, und was er an Geld bei sich hat, gibt er eilig den Soldaten, daß sie ihm Brot holen unten am See, wo schon Kähne mit Nahrungsmitteln angekommen sind. Auch spricht er mit den Kindern und läßt sichs nicht angehen, daß kaum eines eine Antwort gibt; er vergißt Zeit und Ort um ihrer Not willen und ruht nicht, bis er sie alle in der Klosterscheune gebettet hat, weil im Kloster selber die verwundeten Soldaten bis in den Gängen liegen; erst, als er sie endlich schlafend weiß, sucht er sich selber ein Lager.
So bleibt er drei Tage lang mit ihnen und ist glücklich bewegt, als sich das Trüppchen mehrt; am vierten Mittag findet ihn ein dringender Bote aus Luzern um der fälligen Nummer des Helvetischen Volksblattes willen. Er braucht lange, bis er sich in die Papierwelt seines letzten Daseins zurückbesonnen hat; er schüttelt den Mann, der ihm folgt, jähzornig ab und wäre so ein Armer unter den Ärmsten geblieben, wenn er nicht dem Minister Rengger in die Arme gelaufen wäre, der auch diese Ernte der neuen Regierung besichtigen und einen Bericht machen will: Sollen wir nicht ein paar Tausend Volksblätter kommen lassen, sagt er ingrimmig zu ihm, und die Tränen quellen ihm aus allen Rinnen seines Gesichtes, das Elend einzuwickeln?
Ein Waisenhaus wäre nötiger, sagt Rengger und stellt sich hart wider ihn. Da ist Heinrich Pestalozzi schon am Nachmittag wieder in Luzern, um keine Stunde zu versäumen, das zu erreichen.
72.
Es dauert drei lange Monate, bis die Regierungsherren in Luzern sich einigen, Heinrich Pestalozzi nach Stans zu lassen. Es ist die letzte Wartezeit, doch wird das Vierteljahr ihm länger als Jahre vorher, so drängt die Ungeduld, endlich aus dem Stauwasser seiner Schriften in Fluß zu kommen. Er würde in den höchsten Alpen, ohne Feuer und Wasser, anfangen, wenn man ihn nur einmal anfangen ließe.
Endlich im Dezember beschließt das Direktorium der Helvetischen Republik, dem Bürger Pestalozzi die Einrichtung und Leitung eines Waisenhauses in Stans zu übertragen; er wartet die Ausfertigung nicht ab und fährt schon am zweiten Tag danach über den nebeligen See, um bei der Baueinrichtung dabei zu sein. Die Anstalt soll in einem Flügel des Frauenklosters eingerichtet werden, und der Baumeister Schmidt aus Luzern geht mit hinüber, die notwendigen Veränderungen zu machen. Da schon im Herbst eine scharfe Kälte eingefallen ist, sodaß den Bauern die Erdäpfel in den Feldern erfroren sind, hat der Hunger die Bettelwaisen aus ihren Schlupflöchern in die Häuser gejagt, wo ohnehin schon zuviel hungrige Mäuler warten. Längst schon, bevor er Betten und die sonstige Einrichtung hat, fängt Heinrich Pestalozzi an, Brot zu verteilen und dabei seine Zöglinge zu suchen; als er Mitte Januar die ersten Waisen bei sich hat, kann er zunächst an keinen Unterricht denken, so verelendet sind sie.
Es ist nur eine Stube fertig, sie aufzunehmen, und überall in den Gängen werkeln die Bauleute noch mit Staub und Lärm. Tiere könnten nicht so verwahrlost sein wie diese Menschenkinder, die mit eingewurzelter Krätze und aufgebrochenen Köpfen, viele wie ausgezehrte Gerippe, gelb, grinsend, mit Augen voll Angst und Mißtrauen von den Verwandten oder auch vom Landjäger in den Kreis seiner Liebe gebracht werden. Es ist anfangs kein Platz da, außer einer Haushälterin in der Küche irgendwen zur Hilfe unterzubringen; auch wenn es ginge, Heinrich Pestalozzi möchte es nicht. Damals in den rauchenden Trümmern hat das Mitleid sein Herz hineingerissen; jetzt aber gilt es das Experiment seiner Lehre: daß auch in dem niedrigsten Opfer der menschlichen Verwahrlosung noch ein Keim läge, der zum Dasein einer sittlichen und freien Menschlichkeit gepflegt werden könne. Er weiß, daß der Zwang einer äußeren Ordnung, Ermahnungen oder gar Strafen die Herzen nur verhärten würden, aus denen er dem Keim die erste Nahrung geben will; nur die Liebe vermag ihn zu wecken, und was diese Liebe von ihm zu tun verlangt, das vermöchte ihm kein anderer: er schält sie selber aus ihren Lumpen heraus, er wäscht ihnen die Geschwüre und die Krusten der Verwahrlosung ab, als ob er eine Tiermutter wäre in dem Winterlager, wohin sie die Not und Kälte aus der verschneiten Bergwelt getrieben hätten. Er ißt und schläft mit ihnen, er weint mit ihren Leiden und lächelt zu ihren kleinen Freuden, sie sind außer der Welt und außer Stans, sie sind bei ihm, als ob sie wieder in den Ausgang ihres Lebens zurückgekehrt wären, um hier den Mut zu finden, nach so vieler Bitterkeit das Dasein noch einmal zu versuchen.
In kaum einem Monat sind es siebzig Waisen, und obwohl allmählich mehr Stuben fertig werden und auch schon fünfzig Betten dastehen, sodaß er ihrer nur zwanzig am Abend heimschicken muß, die tagsüber kommen, ist er immer noch allein unter ihnen. Der Pfarrer Businger, den die Regierung an Stelle des entwichenen nach Stans gesandt hat, und der Bezirksvorsteher Truttmann -- beides wohlgesinnte Männer, die tapfer zu ihm stehen -- drängen darauf, daß er sich Hilfe nähme. Er fände keinen, der ohne Schaden zwischen ihn und die verscheuchten Seelen seiner Zöglinge treten könnte.
Als die Frühlingssonne den Schnee wegschmilzt, daß sich die grünen Matten immer höher hinauf in die weißen Berge heben, ist in der verwahrlosten Schar die Menschlichkeit schon äußerlich zu Hause; die älteren Kinder helfen ihm, daß sich die kleineren sauber halten, die ordentliche Nahrung hat vielen die Backen gerötet, und nun wartet er, daß die Frühlingssonne sie bräune. Einige lockt ihr Straßenblut, und manchmal geschieht es, daß eins in der Dämmerung entwischt, andere kommen dafür wieder: es ist ein wenig wie ein Bienenstock, wenn die Wärme drängt. Er läßt es sich nicht verdrießen, so sehr ihn der Undank und die Untreue schmerzen; denn nun ist er längst in den Dingen mit ihnen, die ihm mehr gelten als ordentliches Essen und saubere Kleidung. Der Seelenfänger hat ihnen die Schlingen gelegt, und ob ihn das Mitgefühl hinreißt, wo ein Schmerz oder eine Freude an sie kommt, ob er mit seinen Großvaterbeinen treppauf und -ab rennen muß und zwanzig Hände zu wenig wären, alles das zu tun, was auf ihn wartet: es sind nur die Spinnfäden seiner Absicht, die er unermüdlich um ihre Seelen legt; er selber sitzt still mitten im Nest und wartet auf die Stunden, wo er seine Lehre an ihnen versuchen darf.
73.
Längst hat Heinrich Pestalozzi angefangen zu unterrichten; anfangs ist er sich vorgekommen wie der alte Lehrer, zu dem ihn das Babeli brachte; auch so mit der Ungeduld seines Alters im Gedränge ihrer Wünsche und Fragen: wo es schwer wäre, mit einem Frager fertig zu werden, sind es Dutzende, und dabei sitzen die Trägen noch immer abseits in ihrer Untätigkeit. Doch merken sie bald, wenn er sich laut sprechend hinstellt, daß sie alle nur sein einziger Zuhörer sind. Er lehrt sie, seine Sätze im Chor zu wiederholen, und lockt Antworten heraus, die sie gemeinsam sagen können; täglich gewitzter in dieser Kunst, die auch die Unaufmerksamen in seinen Sprachkreis zieht, entdeckt er das Geheimnis der Klasse, die aus dem Vielerlei von Schülern ein Wesen macht, sodaß es gleich ist, ob ihrer drei oder dreißig dasitzen. Dabei nimmt er sich ängstlich in acht, etwas Fremdes in sie hineinzusprechen; immer lauert er, wo ihre Sinne und Gedanken sind, um sie für sich einzufangen. Irgendwo ist ein Riß in der Wand, der wie ein seltsames Tier aussieht, einen langen Schnabel wie eine Ente, aber Füße wie ein Maikäfer hat; ob sie wollen oder nicht, wenn ihre Blicke durch den Raum gehen, hängen sie daran fest: er fängt ihnen das Ungeheuer ein in Sätze, die sie willig nachsprechen, weil sie von ihnen selber gefunden sind.
Einige haben Bücher, und ein paar können sogar ein weniges lesen; er zeigt den andern, wo diese Hexenmeisterkunst ihre Herkunft hat. Er läßt sie in den Worten die tönenden und zischenden Laute finden und macht ein lustiges Spiel daraus, ihrer zwei miteinander zu verbinden, jeden einzelnen durchs Abc hindurch; dabei schont er sich nicht, unermüdlich das ba, be, bi, bo mitzusprechen, bis ihm die Stimme in der Brust schartig wird; manchmal kommt er sich vor wie ein Hahn, wenn er schwitzend dasteht und mit ihnen kräht. Bis eine Stunde mit Minuten und ein Tag mit Stunden abgelaufen ist, läßt sich viel hineinfüllen, und Tag für Tag geht es verzwickter zu, vom bal, bel, bil, bol, bul zum balk, belk, bilk: immer anders marschieren die Soldaten aus ihrem Mund auf, bis ihnen alle Übungen, rechts- und linksum, kehrt und vorwärts marsch gleich geläufig sind. Und eines Tages läßt er für die Augen sichtbar werden, was solange nur durch Mund und Ohren ging.
Er hat ihnen keine Fibeln mitgebracht, nur einen Korb mit Täfelchen, darauf die Buchstaben einzeln mit ihren Häkchen und Schnörkeln wie Vögel mit ihren Schwanzfedern prahlen, und rastet nicht, bis jeder seinen Laut als Namen hat, sodaß er ihn nur zu zeigen braucht, und schon gibt ihm die ganze Klasse Antwort. Sie wissen nun längst, daß keiner die siebzig Einzelnen verstehen kann, wenn jeder nach seinem Einfall losschreit, und warten das Zeichen ab, das ihnen sein Finger gibt. Sie sind dann wirklich eine Klasse, ein Wesen, das hundertvierzig Ohren und Augen, aber nur einen Takt und darum nur einen Mund hat. Und manche Nacht, während sie schlafen und er allein in der Schlaflosigkeit des Alters wach unter ihnen liegt, bildet sich traumdünn die Ahnung einer Lehrmethode: daß es wie mit den Buchstaben mit allen andern Kenntnissen des Menschen sei, daß sie sich bauen ließen, Steinchen um Steinchen, bis eine Wand, ein Zimmer und schließlich das Haus einer Wissenschaft dastände.
Kühner aber, als jemals sein Kopf ein Gespinst machte, scheint ihm dies: daß auch alles andere, was einen Menschengeist mitsamt der Seele ausmache, seine Denkkraft, seine Fertigkeiten, sein Wille, seine Wünsche, seine Absichten, sein Glauben wie seine Taten, in einem solchen Takt einzufangen sei, und daß, wenn einer erst den Taktstock dazu finde, ihn hundert andere gebrauchen könnten, um überall die wildaufwachsenden Menschenseelen in den Wohlklang der Ordnung einzuführen. Er kann sich dann ein Zukunftsbild austräumen, daß es zwar reich und arm, jedoch nicht mehr die häßliche Anwendung davon gäbe, wo die Habsucht und Willkür des Reichen den Armen unterdrücke und ausnütze; denn das einzige Mittel dieser Geldherrschaft sei die Unwissenheit des Armen: erst einmal im Besitz seiner entwickelten Seelen- und Geisteskräfte, könne er nicht mehr das Opfer herrschsüchtiger Ausbeutung sein! Was jetzt allerorten geschähe, daß Reiche den Armen helfen wollten durch Wohltätigkeit, sei Täuschung und Selbstbetrug: der Reiche könne dem Armen garnicht helfen, er habe nichts als sein Geld, das auch im Wohltun das Zwangmittel ungerechter Herrschaft bliebe; erst wo Gerechtigkeit regiere, könne eine brüderliche Hilfe von Herzen wohltätig sein!
74.
Während Heinrich Pestalozzi so mit seinen Waisen auf der Wanderung nach einer neuen Menschlichkeit ist, wächst das Dickicht der alten ihm rundum die Wege mit Unkraut und Brennesseln zu. Noch immer zieht der Haß seine Schwaden durch die Täler des Nidwaldener Landes; der Aufruhr wurde in Blut und Brand erstickt, aber was ihn heraustrieb, blieb mit tausend Wurzeln lebendig. Für die Stanser ist Heinrich Pestalozzi ein Ketzer, von der Revolutionsregierung gesandt, ihre Waisen und Armenkinder im Unglauben der neuen Zeit abzurichten, sie den Sitten der Väter und dem Glauben der Heimat mit Teufelslisten zu entfremden. Sie sehen seine verwahrloste Kleidung und achten ihn für einen Landstreicher, der bei der neuen Herrschaft der Lumpen und Schelme untergeschlupft ist.
Aber auch die Freunde fangen an zu zweifeln; sie verstehen nicht, warum er sich allein mit siebzig Kindern abplagt, eigensinnig ihr Lehrmeister, Aufseher, Hausknecht und Dienstmagd in einem und dabei selber zum Erbarmen verwahrlost ist. Sie raten und drängen, doch Gehilfen zu nehmen, damit er endlich aus seiner Anstalt ein richtiges Waisenhaus mache, und sind verstimmt, weil er sich unter Ausflüchten weigert. Er scheint ihnen vom Eigensinn des Alters wie von einem Fieber befallen, und vertrauliche Briefe gehen an die Minister, daß man dem alten Mann mit Gewalt aus diesem Zustand helfen möge. Stapfer aber hält treu und weitsichtig zu ihm, weil er das Experiment fühlt und daß Heinrich Pestalozzi erst zu Resultaten gekommen sein muß, bevor er Hilfe brauchen kann. Er ermuntert ihn auch im Mai, als warme Sonnenbläue die Täler füllt und der See rund an den Ufern in einem Blust von Blumen zu schäumen scheint, mit seinen Zöglingen einen Ausflug nach Luzern zu machen.
Es ist Sonntag, und sie gehen die drei Stunden zu Fuß, bei Stansstad in Kähnen hinüber nach Hergiswyl und dann zwischen Pilatus und dem See bis Horw, wo sie den weiten Talboden der Allmend von Luzern erreichen. In Horw rasten sie, und da sie früh aufbrachen, sehen sie da erst, wie die Sonne überm Rigi hochschießt; ein jedes hat Brot im Sack, und Wasser fließt überall aus den Brunnenrohren. Die älteren haben gesorgt, daß sie alle sauber sind; nur auf ihren Schuhen liegt der Staub wie Mehl, als sie singend über die alte Kapellbrücke in Luzern gehen und die vielgetürmte trutzige Stadt bestaunen. Es ist Sonntag, und viele Leute spazieren auf den Straßen, die den seltsamen Zug und den seltsameren Mann davor belächeln. Einige kennen ihn von seinem Luzerner Aufenthalt und lüpfen den Hut, um ihm kopfschüttelnd nachzusehen. Aber Stapfer, der Minister, hat gesorgt, daß die Stanser Waisen nicht unbegrüßt in der Landeshauptstadt sind: auf dem alten Kornmarkt vor dem Rathaus steht einer in blanker Uniform mit einem Leinenbeutel, darin rasseln lauter nagelneue Zehnbatzenstücke der Helvetischen Republik, und jedes Kind bekommt eins zum Andenken in seinen Sack. Sie singen ein Schweizerlied zum Dank, und Heinrich Pestalozzi, dem nichts so fern liegt wie Musik, kräht mit vor Rührung; garnicht merkend, wie falsch er die Töne nimmt, bis alles hinter ihm lacht.
Auch sonst geschieht den Kindern der Nidwaldener Gutes in dem katholischen Luzern, und wie ein siegreicher Heerhaufe ziehen sie am Nachmittag wieder hinaus. Aber nun hat die Sonne ihre strahlende Bahn durch den Himmel gezogen und aus dem Weltall Glut auf die Erde geschüttet. Die Kinder werden müde, und er muß nun hinter ihnen gehen, die letzten anzutreiben. Dabei ist ihm selber schwül und nicht froh zumut; er hat in Luzern von dem Lauf der Dinge gehört, die für Monate außer ihm gewesen sind: der Krieg ist wieder im Land, überall bläst der Wind hitziger Zeitläufte den Zunder an, und es gilt schon als ausgemacht, daß die Regierung der Helvetischen Republik nach Bern übersiedeln wird, wo ihr der Boden sicherer scheint als hier in der Aufsässigkeit der Urkantone. Am Gotthard schlagen sich die Franzosen mit den Österreichern herum, und viel wird gesprochen von den Taten seines Vetters Hotze, der als kaiserlicher General über den Bodensee bis Zürich ins Land gedrungen ist; es kann in einigen Wochen wieder aus sein mit der republikanischen Herrlichkeit. Zu diesen Sorgen tut ihm die Brust weh, und er merkt, wie ihm die Monate zugesetzt haben. Der Pilatus zieht verdächtige Wolken an, und als ob über eine ferne Brücke Lastwagen rollten, grollt ein Gewitter in der Luft: er kann sonst über Ahnungen lachen, aber nun ist ein Gefühl da, daß es ihn treffen wird. Gerade gehen sie von Steinrüti gegen Hergiswyl am See hin, der dick und still daliegt, da wird ihm süßlich im Mund, und das Licht tanzt ihm wie Mücken vor den Augen; er will einem Buben, der vor Müdigkeit weint, die Hand geben, da fühlt er sich tiefer zu ihm hinsinken, als es nötig ist, und sieht noch für einen Augenblick die erschrockenen Augen über sich.
Heinrich Pestalozzi meint, er sei gleich wieder aufgewacht, aber es muß wohl länger gewesen sein; nebenan steht ein Wagen, der vorher nicht da war, und im Kreis der Kinder bemühen sich Leute in Hemdärmeln um ihn. Tiefer als im Schlaf war er aus allem fort, nun er die Augen aufschlägt, nimmt sein Bewußtsein mit einem Blick den Kreis seines Daseins auf, darin er Kind, Mann und Greis zugleich ist. Rund um diesen Kreis sieht er die Berge spukhaft in den gewitterlichen Dunst des Himmels ragen und fühlt, daß so die Schwierigkeiten um ihn stehen, denen er nichts als die Willenskraft seiner zu Boden geworfenen Natur entgegenstellen kann. Im gleichen Augenblick setzt er sich auf, von dem ungebeugten Willen kommandiert; da merkt er, daß Blut in seinem Mund ist.
Darüber erschrickt er tief und läßt sich nun willig in den Wagen heben. Die von den Kleinen am müdesten sind, müssen zu ihm, und so im Schritt vor seiner Schar her geht es heim. Einer hat sich neben den Knecht gesetzt, und der läßt ihm die Zügel, weil er den Gaul kennt. Heinrich Pestalozzi muß wehmütig an den Tag denken, wo er mit dem Großvater nach Höngg fuhr und auch so unablässig an den Zügeln rupfte, wie nun der Knabe vor ihm: Ich habe mirs nicht abgewöhnt bis heute, lächelt er bitter, wo ich selber ein Großvater bin, und alles, was ich in die Hand nehme, ist so geblieben! Wenn mir jedes so in Ordnung ginge, wie hier dem Gaul und dem Knecht, ich würde auch die Zügel gleichmütig hängen lassen; aber nun bin ich dreiundfünfzig und über meine Jahre gealtert, gar noch krank, und habe erst den Anfang vom Weg gefunden. Ich müßte wohl den Gaul für ein paar Wochen in den Stall tun; doch ist er unabkömmlich, weil ich noch weit mit dem Abend muß!
75.
Die zweite Woche seit seiner Wallfahrt nach Luzern ist noch nicht ins Land gegangen, als Heinrich Pestalozzi eines Mittags durch Trommelwirbel aufgeschreckt wird. Wie er ans Fenster läuft, rücken die schweizerischen Soldaten, die gegen Engelberg und Seelisberg hinauf als Rückendeckung der Franzosen ausgestellt sind, eilig in Stans ein: die Österreicher kommen, heißt es und die im Uri geschlagenen Franzosen seien über den See zurück. Die Panik des Krieges ist wieder in Stans, bevor ein Schuß in den Nidwaldener Bergen fiel; wer noch bewegliche Habe hat, flüchtet sie in die Sennhütten hinauf, händeringende Weiber und trotzige Männer kommen, ihre Kinder zu fordern, und Heinrich Pestalozzi vermag nicht, sie zu halten. Als ob eine Mure vom Stanserhorn niederginge, läßt er die andern ihre Bündel raffen, zur Flucht bereit zu sein. Gerade hat er sie um sich versammelt im Arbeitssaal, da fällt ein Schuß; die Kinder schreien, einige laufen ihm zu, viele aber auch hinaus auf die Gasse, sich noch in die Berge zu retten.