Lebenstag eines Menschenfreundes

Part 16

Chapter 163,708 wordsPublic domain

Danach fühlt Heinrich Pestalozzi, wie alles in seinem Leben der Auflösung entgegengeht. Nach dem Winter in Richterswyl findet er sich nicht mehr in den Neuhof zurück; wohl hält er sich auch danach noch wochenlang dort auf, aber seitdem seinem Sohn eine Tochter Marianne geboren ist, die ihn zum Großvater macht, sitzt et nur noch wie ein Zuschauer dabei, wenn sie sich abends im Lichtkreis um den Tisch sammeln -- es ist immer noch die Messinglampe, die ihm schon in Müligen geleuchtet hat und bis auf den Tag das Staatsstück des Hauses vorstellt. Er ist nun wieder viel und gern bei seiner Mutter, die noch einmal nach der kleinen Stadt hinübergezogen ist, wo sie mit einer Aufwärterin in zwei Stuben ihr einsames Wesen hat; denn auch das Babeli liegt bei St. Leonhard begraben nach seinem tapferen Leben. Sie ist nun in der Mitte der Siebziger, schlohweiß und eingeschrumpft; doch weiß sie noch immer, daß sie eine geborene Hotzin ist, und Heinrich Pestalozzi erfährt manchen Tadel, weil er nicht acht gibt auf ihre Ordnung und Reputation. Am liebsten hat sie, wenn er vom Bärbel und seinem Besuch in Leipzig erzählt und wie da alles in den Glanz des bürgerlichen Lebens gekommen ist, den sie entbehren mußte; es gibt Fragen, die sie schon hundertmal gestellt hat und deren Antwort sie doch immer mit der gleichen glücklichen Neugier abwartet. Auch ein paar dunkle Stellen sind da um den andern Sohn, wo sie den Kopf schüttelt und am Boden wie auf einer Landkarte den Verschollenen sucht; doch kennt Heinrich Pestalozzi die Brücken, um sie rasch hinüberzubringen in die sicheren Umstände ihrer Täglichkeit.

Eines Tages im März wacht sie nicht mehr auf aus ihrem Mittagsschläfchen; aber als er sie findet, liegt abgegriffen und weich, kaum noch wie ein Papier, der letzte Brief ihres Johann Baptista unter der Schürze, als ob sie ihn auch noch vor dem Tod ängstlich verstecken wolle.

Nun stehen wir vorn, sagt Heinrich Pestalozzi zu seiner Frau, als sie von dem Kirchhof bei St. Anna zurückkommen und abgesondert von den Leidtragenden in die leere Wohnung der Mutter gehen: wir beide sollten nun hier wohnen und auf den Herold mit der Sense warten! Aber Anna Schultheß, die auch schon achtundfünfzigjährig und eine rechte Großmutter ist, hat in den dreißig Jahren gelernt, daß nichts weniger als abwarten seine Sache ist: Wer weiß, sagt sie und lächelt ihn mit der Güte an, die über alles Schicksal ihr edles Teil für ihn geblieben ist: wer weiß, auf welchen Wegen wir noch gehen und den Herold abholen müssen!

Abend

67.

Als Heinrich Pestalozzi und seine Frau Anna ein paar Stunden lang still miteinander in den Stuben geblieben sind, daraus sie morgens seine Mutter als die letzte von den vier Eltern ihrer Ehe auf den Kirchhof getragen haben, trennen sich ihre Wege für lange Zeit. Nicht, daß sie unfriedlich auseinander gingen; ihre Seelen sind selten so im Rätsel der Vertrautheit gewesen wie an diesem Nachmittag, wo sie im Vorhof des Todes und also im Allerheiligsten des Lebens ihre Hände und Augen ineinander legen und das Naheste ihres Lebenskreises, ihr Fleisch und Blut im Neuhof und dahinter die Herzensfreunde nur noch wie eine fremde Ferne fühlen. Aber Abmachungen vom Morgen rufen Anna zu ihren Brüdern im Pflug, wo noch am Abend ein Wagen sie zu einer Freundschaft abholen soll. Er mag weder zum einen noch zum andern: Es sind deine Sachen, sagt er, wie meine Mutter allein die meine ist; ich will noch ein paar Tage ihr Sohn gewesen sein, weil nun der Faden meiner Kindheit abgeschnitten wurde.

Es schlägt fünf Uhr, und der Märztag geht rötlich dem Ende zu, als er sie auf die Straße bringt. Wir sind im Nachmittag, sagt er, und weil am Morgen und Mittag alles kam, wie es geschehen mußte, wird auch der Abend unseres Lebenstages nicht anders sein! Danach geht er hinauf und sitzt zum Abend schon tief in den Gedanken, die seit Wochen und Monaten das Selbstgericht seines Daseins sind: »Ich will wissen, was der Gang meines Lebens, wie es war, aus mir gemacht hat; ich will wissen, was der Gang des Lebens, wie es ist, aus dem Menschengeschlecht macht!« Das sind seine Nachforschungen aus Richterswyl, und er verläßt die Stuben seiner Mutter nicht eher, als bis er die Schrift vollendet hat, an der er nun schon im dritten Jahr seine Denkkraft versucht. Er schreibt sie nicht für sich und nicht um seinetwillen, er sieht sich in der Menschheit und die Menschheit in sich, er will der wirren Zeit einen sicheren Maßstab und Weiser ihrer Taten geben. Dies aber ist ihm im Einzelnen wie in Allen der gleiche Gang der Natur: aus dem tierischen Paradies der Jugend in die gesellschaftliche Verpflichtung als Bürger, als Teil der Familie, der Gemeinde, des Staates, als Erfüller eines Berufes; doch kann für ihn dieses Dasein des brauchbaren Bürgers nicht Sinn und Ziel des Lebens sein: das Ziel ist allein der Mensch als sittlicher Zustand, der sich jenseits von allem bürgerlichen Zweck in das Weltwesen einordnet, wie es der Weisheit des Alters vorbehalten scheint. Die selige Unschuld der Jugend kann er mit dem Bewußtsein des Alters nicht wieder erreichen, aber doch die Unfreiheit des gesellschaftlichen Menschen überwinden und als letzte Einsicht die Einheit der Kreatur mit dem Schöpfer wieder gewinnen, die das Tier in seiner paradiesischen Unschuld nicht verliert.

Es ist der Abschied von seinen Mannesjahren, den Heinrich Pestalozzi einsam feiert, als er über dieser Schrift wochenlang mit dem hitzigen Eifer seiner Jünglingsjahre sitzt. Daß er sie in der Stube seiner Mutter niederschreibt, bringt ihm auch sonst die Stimmung der Zeiten zurück, da er den spartanischen König Agis in die Zürcher Verhältnisse beschwor. Wie damals hätte er gern einen Kreis Gleichgesinnter gehabt, ihnen die gelungensten Stücke aus seiner Schrift vorzulesen; aber es gibt keine Gerwe mehr, Bodmer liegt seit dreizehn Jahren in der Erde, und statt seiner heiteren Menschlichkeit herrschen die Humanisten über die Zürcher Jugend. Gleichwohl, als er zu Ende ist mit seiner Schrift und im Gefühl tiefer Dankbarkeit aufatmet nach der fiebrigen Anspannung dieser Wochen, treibt es ihn, einen Kreis alter Freunde zu suchen, denen er die Hauptstücke seiner Nachforschungen vorlesen darf. Die meisten sind unterdessen Großvater geworden gleich ihm, und der Beruf hat nicht allen Zeit gelassen, den Lebensfragen so nahe zu bleiben wie er; aber die Feuersbrunst von Westen hat so viele Brandflocken in die Schweiz herüber geworfen, daß auch die Zurückhaltenden die Unruhe der Zeit fühlen; und schließlich ist Heinrich Pestalozzi nicht mehr allein der Armennarr von Neuhof, sondern auch der berühmte Verfasser von Lienhard und Gertrud und schweizerischer Ehrenbürger der französischen Republik.

So kommt es zu einem Frühsommerabend, wo er wieder wie als Jüngling mit dem Agis nun mit seinen Nachforschungen über den Gang der Natur dasitzt und seine zitternde Stimme Wege in ihre Herzen suchen läßt. Er weiß, dies ist für ihn mehr als eine Schrift, es ist die Grundlage alles dessen, was er in Taten und Worten versucht hat, die Rechtfertigung seines im bürgerlichen Sinn gescheiterten Daseins und zugleich ein Religionsbuch der Zeit, wie er keines kennt. Aber die Freunde haben etwas anderes von dem Ehrenbürger der Franzosen erwartet, etwas, darin der Brand der Zeit ist; sie sehen sich wieder einmal enttäuscht durch ihn, und obwohl sie betreten schweigen und vor seinen zitternden Worten stumm bleiben, mag in allen das gleiche Gefühl sein: daß in diesem Menschen eine krankhafte Sprunghaftigkeit sei; nun er als Figur für die Öffentlichkeit feststeht und sein Weg durch die Erfolge vorgezeichnet ist, verfällt er auf philosophische Spekulationen, zu denen es ihm -- so scheint es ihnen -- durchaus an der Bildung fehlt. Der Abend geht peinlich in eine betretene Stimmung aus; nur ein alter Landpfarrer vom See, der ihn schon mehrmals im Neuhof besucht hat, ein ehrlich gesinnter Menschenfreund, ist erregt von dem Abend. Er begleitet ihn nach der kleinen Stadt hinüber, und Heinrich Pestalozzi scheint es, als ob er auf der mondlichten Brücke und nachher in dem Schattengewinkel der Gassen ein paarmal tief vom Herzen seufze. Erst vor seiner Tür findet der Mann die Worte zu seiner Bewegung, indem er die Kappe abnimmt und ein paarmal über sein weißes Haar streicht: er müsse Abschied von ihm nehmen; er könne sich nun einmal sein Christentum nicht als einen Kirschbaum denken, den sich die Menschen selber in ihren Garten gepflanzt hätten!

In seine Milde ist ihm unvermutet der pfarrerliche Zorn gefahren; ehe Heinrich Pestalozzi -- der mehr den Zorn als die Worte versteht -- aus seiner Bestürzung antworten könnte, ist der alte Mann schon im Schlagschatten der nächsten Quergasse verschwunden. Sie wollen alle das Beste, sagt er bitter, als er im Dunkeln die enge Stiege allein hinauf tappt, aber sie fürchten das Gute. Noch in derselben Nacht aber schreibt er sich selber eine bittere Grabrede als Nachwort zu seiner Schrift: »Und die Welt zerschlug ihn mit ihrem eisernen Hammer, wie die Maurer einen unbrauchbaren Stein zum Lückenfüller zwischen den schlechtesten Brocken!«

68.

Es geht Heinrich Pestalozzi mit seinen Nachforschungen in der großen Welt nicht anders als in der Enge seiner Zürcher Freunde; trotz seinem flehentlichen Schlußwort kommt kein Echo, und wenn alles ein blasser Unsinn gewesen wäre, könnte die Stille nicht peinlicher sein. Aber nun ist es zu Ende mit der Einsiedlerschaft und der Wartezeit seiner einsamen Mannesjahre: die Stube der Mutter hat ihn wieder in seine Vaterstadt gebracht, und von den Signalen seiner Jünglingszeit erfüllt, nimmt er teil an dem Handel mit dem aufrührerischen Stäfa, der auch den Gestrengen Herren in Zürich die Schicksalsstunde läutet.

Er hat den Anfang schon in dem Winter erlebt, als er seinem Vetter Hotze das Haus in Richterswyl hütete. Auch durch die Dörfer am See ist der Sturmwind der Menschenrechte geweht und hat in dem unterdrückten Landvolk die Erinnerung an alte Gerechtigkeiten geweckt, an den Kappeler Brief und den Waldmannischen Spruch. Als die Urkunden sich in der Gemeindelade zu Küsnacht wirklich fanden, haben die Seebauern zu Küsnacht, Horgen und Stäfa, ein Memorial an die Gestrengen Herren in Zürich gesandt, ob diese Briefe noch zu Recht beständen? Das allein aber hat den Rädelsführern schon den Kopf kosten sollen, und nur der hinreißenden Beredtsamkeit Lavaters ist es gelungen, Bluturteile zu verhindern. Seitdem sitzen ihrer zwei aus den drei Orten gefangen im Wellenberg, und über dem Haupt des Ältesten, eines siebzigjährigen Greises aus Stäfa, namens Bodmer, ist auf offenem Markt das Schwert des Henkers geschwungen worden, zum Zeichen, daß sein Leben den Zürcher Herren verfallen sei.

Heinrich Pestalozzi hat damals selber im Verdacht gestanden, das Memorial verfaßt zu haben; als nun der Handel in einen Bürgerkrieg auszugehen scheint, indem das erbitterte Landvolk -- von den Sturmnachrichten aus Frankreich mutig gemacht -- die Aufhebung des ungerechten Urteils und die Freigabe der Eingekerkerten unter Androhung offener Gewalt verlangt, sodaß die Revolution in der Schweiz hier ihren Ausgang nehmen will: ist er der einzige Zürcher, der es wagen darf, in das empörte Stäfa zu gehen, um mit der Geltung seines Namens den blutigen Ereignissen entgegenzuarbeiten. Er hat es unterdessen auf sonderbare Weise noch einmal zum Fabrikanten gebracht: eine Seidenfirma Notz richtet auf der Platte in Zürich eine Fabrik ein und braucht einen Zürcher Bürger als Inhaber, um die Erlaubnis der Niederlassung zu erhalten; weil, wie er selber spottet, sein Name in den zweiundfünfzig Jahren das einzig Brauchbare an ihm geblieben ist, läßt Heinrich Pestalozzi sich den abkaufen. So führt er bürgerlich nur noch ein Schattendasein; aber mit Sendschriften und Flugblättern flackert sein landfahrender Menschengeist durch den wilden Handel. Zum erstenmal seit seiner Jünglingszeit kommt er dabei wieder mit Lavater überein, der -- wie er in den Seegemeinden -- in Zürich die Regierung von gewaltsamen Schritten abhält. Überall liegen die Waffen zur offenen Empörung bereit, Blut soll die verweigerte Gerechtigkeit auslösen, und die Verhandlungen zwischen den feindlichen Mächten sind abgebrochen: da überbringt Heinrich Pestalozzi einen offenen Brief Lavaters an den redlichsten Mann in Stäfa, in dem eine friedliche Freilassung der Verurteilten aufs bestimmteste in Aussicht gestellt wird. Und so ehrlich ist das Vertrauen der Landbürger auf die beiden Männer, daß die Waffen noch einmal ruhen.

Umso aufrührerischer aber tut das zugelaufene Volk, das sich eine Gelegenheit entschwinden sieht. Seitdem es sich herumgesprochen hat, daß in Stäfa der Handel des unterdrückten Landvolks mit den hochmütigen Stadtherren zum Austrag kommen soll, ist dort alles zusammengeströmt, was in der Zürcher Herrschaft und in den Kantonen rundum auf den Tag der Abrechnung wartet, sodaß die Wirtschaften und Scheunen in Stäfa voll sind von einer braunen wilden Menge: ehrlich Verbitterte, die auf Vergeltung lauern, und gewalttätiges Bettelvolk, das schon von einer Plünderung der reichen Zürichstadt träumt, alte Kriegläufer, die in der neuen Ordnung keinen Platz mehr gefunden haben. Sie haben ihr Hauptlager in einer leeren Scheune, wo sie die Zürcher Herren mit wilden Flüchen nach dem Pariser Vorbild an die Laternen hängen, obwohl sie vorläufig weder Laternen noch Zürcher dahaben. Im Vertrauen auf seine Geltung wagt sich Heinrich Pestalozzi mit dem Brief Lavaters auch dahinein; aber da wissen sie nichts von Lienhard und Gertrud und seinem Ehrenbürgertum, ihnen ist er nichts als ein Zürcher Spion, und so empfängt ihn in der halbhellen Scheune eine Schweigsamkeit, die nur höhnisch lachen, nicht mehr sprechen kann. Zu arglos in seinem Eifer fängt er an, gutmütig scheltend auf sie einzureden; aber als er schon denkt, sie zu rühren -- so still ist es um ihn -- tut einer einen Ruf, und gleich ist es, als ob sich rundum ihre Hörner senkten. Er hat noch ein Stück seiner Rede im Mund, da heben sie ihn wie eine Strohpuppe an den Beinen hoch und tragen ihn, die Marseillaise heulend, durch den Raum. Noch immer täuscht sich Heinrich Pestalozzi über die Gefahr und versucht, auf sie einzureden; aber je mehr er dabei in ihren Fäusten zappelt, umso höhnischer wird das Hetzgeschrei -- bis ein Schuß fällt. Einer hat den Zürcher abschießen wollen wie einen Schützenvogel, aber gefehlt, und die Kugel zischt ins Gebälk. In der Verwirrung kommt er wieder auf den Boden; aber es wäre keine Rettung für ihn gewesen, wenn sich nicht ein stakiger Kerl mit einem alten Soldatenhut vorgedrängt hätte, der ihm gleich beim Eintritt durch das von feurigen Narben entstellte Gesicht und um einer Ähnlichkeit willen aufgefallen wäre: Heißt der Mann nicht Pestalozzi? Und als einige verblüffte die barsche Frage bejahen: Dann Brand und Pest, wer ihn anrührt! Er gehört mir, wir haben noch etwas miteinander auszumachen! Dabei hat er schon seinen alten Reitersäbel blank, und Heinrich Pestalozzi meint, sein Arm müsse unter dem Griff zerbrechen, wie er ihn durch das Gedränge schiebt und mit dem Fuß das klappernde Tor aufstößt: So, Heiri, sagt er, als er ihn draußen hat -- und Heinrich Pestalozzi aus dem verwüsteten Gesicht den Ernst Luginbühl erkennt -- jetzt schau, daß du weiterkommst!

69.

Mit diesem Vorspiel in der Scheune ist das Kriegstheater in Stäfa schon wieder aus; bereits am dritten Tag danach kommt der Bürgermeister Wyß, durch einen dringenden Brief Lavaters aus der Tagsatzung in Aarau gerufen, zu einer Sitzung der Rate und Bürger, die den Wünschen des Landvolks nachgibt. Heinrich Pestalozzi ist dabei, wie sie unter Glockengeläut und Freudenschüssen die Befreiten in geschmückten Wagen heimholen, und an der Grenze von Zollikon spricht er dem ehrwürdigen Bodmer einen Zuruf, dem diesmal die Freude lauter nachschreit, als die Wut in der Scheune. Den Luginbühl findet er nicht mehr, der gehört zu denen, die sich der neuen Lage mißtrauend davon gemacht haben, an einem andern Ort die Abrechnung zu erwarten; denn daß die alte Zeit stürmisch zu Ende geht, fühlt jeder in der Schweiz, seitdem der General Bonaparte von seinem siegreichen Feldzug in Italien nach Rastatt selbstherrlich durchs Land gereist ist, Gunst und Ungunst wie ein Herrscher verteilend.

Heinrich Pestalozzi vermag die Stunde nun doch nicht in Zürich zu erwarten; in der Seidenfabrik auf der Platte ist nur sein Name nötig, er selber geht noch einmal auf das Birrfeld zurück. Vorher läßt er die Stuben seiner Mutter ausräumen und fährt so nach dreißig Jahren zum andernmal auf einem Wagen mit Hausrat aus der Sihlporte hinaus. Es ist ein graulicher Wintertag, und er kommt im Dunkeln auf dem Neuhof an, wo ihm seine Schwiegertochter unterdessen ein zweites Enkelkind geboren hat, sein Sohn Jakob aber schon viele Monate gelähmt daliegt. Es war noch zu früh, sagte er der Lisabeth, die noch im Mondlicht mit einem schweren Korb aus der Scheune kommt und ihn vor Erstaunen hinsetzt: ich muß ein kleines warten, bis sie mich brauchen; meinen Namen hab ich dahinten gelassen; er ist in Zürich Fabrikant!

Es ist wirklich nur noch ein kleines; fünfmal kommt er noch Sonntags auf seinem Pferdchen nach Brugg, im Gasthof zum Sternen die Schaffhauser Zeitung zu lesen, und jedesmal sind es der Sturmnachrichten mehr: Im Waadtland fängt es an mit der lemanischen Republik; wohl rufen die Berner den Landsturm auf gegen die eindringenden Franzosen, und Tausende folgen den Sturmglocken, aber die Kräfte sind verzettelt; als es dem tapferen Oberst von Grafenried gelingt, die Welschen im Sensetal blutig zu schlagen, ist der Sieg umsonst, weil unterdessen der General Schauenburg nach dem Gefecht bei Fraubrunnen an einem Märzmittag in Bern eingezogen ist und der unbesiegten Stadtherrlichkeit eines Jahrtausends ein unrühmliches Ende gemacht bat.

Wie Heinrich Pestalozzi zum sechstenmal geritten kommt, steht von eilfertigen Patrioten aufgerichtet auch schon in Brugg der Freiheitsbaum: es ist vorüber mit der alten Eidgenossenschaft der Landstände; die Tagsatzung in Aarau muß im Zwang der französischen Waffen die Helvetische Republik proklamieren. Obwohl der Baum ihm immer noch zu dünn und ohne Wurzeln ist, steigt er ab von seinem Tier und tauscht den Bruderkuß. Im Sternen will man ihn deshalb hänseln, er aber fährt sie zornig an: Die alte Welt konnte von Heinrich Pestalozzi nur noch den Namen gebrauchen, vielleicht, ihr Herren, daß in der neuen Platz für mich selber ist!

70.

Heinrich Pestalozzi weiß wie wenige im Land, daß die Freiheit eines Volkes andere Dinge verlangt, als daß ihm die Ketten einer ungerechten Verfassung abgenommen werden: der Baum, den sie im Wald abschneiden und ohne Wurzeln in die Straße pflanzen, scheint ihm ein passendes Sinnbild solcher Freiheit. Er aber ist auf seinem Neuhof der Armennarr geworden, weil er einen Freiheitsbaum mit Wurzeln wollte: Ein Volk, das sind tausend und viele tausend Einzelne; jeder Einzelne aber bringt eine lebendige Menschenseele mit auf die Erde, und wer diesen Seelen ein Gärtner ist, daß sie in der Jugend Wurzeln schlagen können zu einer wirklichen Anschauung der Weltzusammenhänge, tut mehr für die Freiheit, als wer einen neuen Zaun mit prahlenden Fähnchen an den Toren um den Garten zieht. Von allen Figuren um Lienhard und Gertrud steht ihm der Leutnant Glüphi am nächsten, der sich kein besseres Los auf der Welt findet, als den Dorfkindern in Bonnal ein Schulmeister zu sein; und seit dem Tag, da die Helvetische Republik Raum für solche Dinge gibt, brennt Heinrich Pestalozzi vor Begierde, es seinem Leutnant gleich zu tun.

Gleich in den Frühlingstagen der jungen Republik geht er hinüber nach Aarau, sich dem Vaterland anzubieten. Er findet es ungünstig, indem der zuständige Minister, an den er durch Lavater dringend empfohlen ist, noch in Paris weilt. Trotzdem spürt er gleich, daß die Lebensluft der neuen Verhältnisse ihm günstiger weht; sein Name schließt Türen auf, an die er bisher vergeblich klopfte, und als er einen Brief hinterläßt, weiß er sicher, daß in den Aktenfächern kein Stockfisch daraus wird.

Der neugebackene Minister der Künste und Wissenschaften Albert Stapfer ist vordem Professor der Philosophie in Bern gewesen; er kann Heinrich Pestalozzi nicht freundlicher gesinnt sein, als es Iselin und Battier vor ihm gewesen sind, aber seine Ministerhände greifen breiter als die ihrigen; auch kehrt die neue Regierung noch scharf als neuer Besen, und unter den Männern in der Schweiz ist keiner, der aufrichtiger dabei helfen will, als der Einsiedler und Armennarr vom Neuhof. Stapfer ist kaum aus Paris zurück, als ihn die Bürger von Aarau schon fast täglich mit Heinrich Pestalozzi unterwegs sehen. Er lutscht noch immer an seinem Halstuchzipfel und stellt auch sonst neben dem feinen und gewandten Stapfer einen altmodischen Großvater vom Land vor; aber hier kennen und ehren ihn viele, die ihm nun die lange Schicksalszeit auf Neuhof als ein Martyrium der neuen Herrlichkeit anrechnen; denn in Aarau als Vorort ist man mit der Helvetischen Republik nicht übel zufrieden.

Stapfer, der voll eigener Ideen ist, will zuerst der allgemeinen Schulnot des Landes durch ein Lehrerseminar abhelfen, durch das endlich andere Männer als Schneider und Schuster in die Dorfschulen kämen; er tritt eines Tages auf der Straße mit dem Einfall auf ihn zu, daß er die Leitung übernehme. Aber Heinrich Pestalozzi hat gerade Kindern zugehört, die in einem schattigen Winkel Schule spielen und sich mit dem Prügelstock und Geschrei den Katechismus abhören; die ganze Sinnlosigkeit dieses Betriebes ist ihm aufgegangen als ein Handwerk, das weder Werkzeug noch Fertigkeiten hat, und wehmütig lächelnd entgegnet er dem Minister: Wie soll man etwas lehren können, was noch keiner kann? Es hilft nichts, Bürger Minister, ich muß erst Schulmeister werden!

71.

Heinrich Pestalozzi hat dem Minister den Plan einer Armenschule eingereicht; der ist genehmigt worden, und er wartet auf die Anweisung, wo er beginnen könne, als der neue Besen der Regierung schon im Stiel zu wackeln beginnt. Im Juni soll der Helvetischen Republik der Huldigungseid geleistet werden; aber die Urkantone, die unter dem tapferen Reding den unerbetenen Geburtshelfern aus Frankreich bis zuletzt blutigen Widerstand geleistet und bei Morgarten dem Schlachtenruhm der Väter ein neues Blatt beigefügt haben, bleiben halsstarrig. Sie werden von den französischen Heerhaufen überwältigt, aber sie geben ihr Herz nicht aus der Hand. Ehe Heinrich Pestalozzi es merkt, sieht er sich dem Uhrwerk in Aarau eingefügt, das solchem Widerstand zum Trotz die neue Schweizerzeit einlaufen soll: es gilt, Aufrufe zu schreiben, redlich und einleuchtend genug, zum wenigsten die Gutwilligen für die neue Ordnung zu gewinnen. Es sind keine Nachforschungen mehr, was er schreibt, es sind die quellenden Worte eines Fürsprech, der das Schicksal des Angeklagten in die Macht seiner Rede gelegt sieht. Für ihn ist die Sache Frankreichs die Entscheidung der Menschheit; wenn sich die Schweiz ihr abwendet, ist sie für lange verloren: »Ihr tretet jetzt hin, die Sache der Telle und Winkelriede gegen alle Geßler, die Sache der Völker gegen alle Unterdrücker -- die Sache der Kirchen und Schulen, der Vernunft und des Fleißes gegen die Barbarei Dummheit, Bettelei und das Elend zu verteidigen!« Wieder wie in Stäfa steht er mit der Macht seiner Rede im Kampf, aber diesmal geht sie ans ganze Schweizervolk; ihm zuliebe hat er Fürsprech werden wollen aus den Griechenträumen seiner Jünglingszeit, nun ist es zum zweitenmal Wahrheit geworden.