Lebenstag eines Menschenfreundes
Part 15
Es fällt ihm ein, wie er hier mit Anna umher gegangen ist, mehr sie den Leuten, als ihr die Dinge zeigend; und weil sie damals einen Ausflug nach Burgdorf und seinem ragenden Schloß gemacht haben, läuft er noch am selben Abend durch den Mondschein dahin. Er kommt erst in der Nacht an und sieht nur noch im Unterdorf Licht in einer kleinen Wirtschaft, weil eine Kuh kalbt. Da findet er zwar ein Lager, aber er schläft nicht bis in die Frühe, und als dann endlich die bleierne Ermüdung auf seine rastlosen Gedanken gefallen ist, wird er bald wieder aus dem Morgenschlaf geweckt. Er träumt, daß er noch eine Armenanstalt habe und sich eifrig mit den Kindern plage; aber wie er wach wird, ist es die Hintersassenschule nebenan mit ihrem Lärm. Es lockt ihn nachher, als er mit der Morgensuppe fortgeht, die Schultür zu öffnen und in den Raum hinein zu sehen, wo immer noch wie damals in der Hausschule zu Zürich der Lehrer mit einem Stock schreiend in der Klasse herum wandert. Der Mann bemerkt ihn gleich und läuft unwirsch auf ihn zu: was er wünsche? Heinrich Pestalozzi sieht an seiner Schürze, daß es ein Schuhmacher ist, und die Bitterkeit schießt ihm auf, daß in der Schule das gleiche Elend geblieben ist durch vier Jahrzehnte: Ich wünsche, daß dies anders werden möchte! sagt er und geht fort, während der verdutzte Schulmeister in der Tür steht und dem Landstreicher nachsieht.
Von Burgdorf nach Bern sind es fünf Stunden; er braucht den ganzen Tag dazu. Ich komme doch überall Zu früh, sagt er doppelsinnig zu sich selber, indem er bald hier, bald dort seinen Einfällen nachgeht und so schließlich erst gegen Abend vor dem Stadttor steht, bestaubt von der Straße und auch sonst unansehnlich genug. Zufällig sieht ihn da der Offizier der Wache, dem er verdächtig scheint; er fragt ihn nach seinem Namen, den er nicht weiter kennt, und da der Wanderer an seinem Halstuch lutschend ihm blöd vorkommt, läßt er ihn ohne weiteres als einen Landstreicher abführen. So kommt Heinrich Pestalozzi statt zu dem Ratsherrn von Fellenberg ins Fremdenarmenhaus, und seine Stimmung ist so, daß er sich nicht einmal ungern dahin abführen läßt; es ist ihm oft genug von den Züricher Freunden als sein sicheres Ziel prophezeit worden. Meines Besitzes ledig, ohne Amt oder Beruf, auf nichts als auf die Einfälle meiner Feder gestellt und auch damit längst nicht mehr willkommen: was bin ich vor ihrer bürgerlichen Ordnung anders als ein Bettler!
Als er seine Suppe und nachher ein Bett erhält, die eine wohlschmeckend und das andere sauber, vergeht sogar seine düstere Stimmung: er findet sich besser aufgehoben als zur vergangenen Nacht in Burgdorf, und die Freude, daß für die anwandernden Armen in Bern so gut gesorgt ist, macht ihn fast fröhlich. Er schläft gut, ißt andern Morgens in der Frühe wieder seine Suppe und macht sich Freund mit seinen Leidensgenossen. Ich habe eine Frau, ein Gut und einen Sohn gehabt, es ist ein Strudel von Sorgen und Aufregungen um mich gewesen, ich bin berühmt geworden mit einem Buch und wieder vergessen mit einem andern: aber alles das war mein Leben nicht! Ich hätte arm sein und bleiben sollen wie einer von diesen; das andere hat mich vom Notwendigen abgebracht und in tausend Alltäglichkeiten verstrickt, die nicht die Atemzüge wert waren, die ich dran wandte!
Er bleibt noch bis gegen Mittag da; erst, als er nachher eine Weile spazieren will, merkt er, daß sie ihn gefangen halten, und schickt dem Herrn von Fellenberg einen Zettel. Es dauert nicht eine halbe Stunde, so kommt der Ratsherr selber angeritten, und der Aufseher kann sich nicht genug verwundern, wie er vom Pferd springt und dem angeblichen Landstreicher um den Hals fällt. Hernach scheint er gereizt genug, sie alle um das Versehen anzufahren; aber Heinrich Pestalozzi legt ihm sogleich die Hand auf den Arm und lächelt ihn listig an mit allen Runzeln seines Gesichtes: Ich wollte doch nur sehen, wie ihr mit Betten und Suppen für die Landarmen sorgt!
62.
Erst als er mit dem Ratsherrn, der sein Pferd am Zügel führt, durch die Straßen von Bern geht, gesteht sich Heinrich Pestalozzi den Zweck seiner Reise ein: Fellenberg hat ihn dem Grafen Zinzendorf empfohlen; nun will er seinen Rat und andere Weisungen für Wien holen, denn nichts anderes als eine Wanderung dahin hat er im Sinn. In den Neuhof zurückzukehren, scheint seinem Trotz unmöglich, und sonst gibt es in der Schweiz nichts mehr für ihn zu tun; in Zürich, Basel und Bern, überall ist er der lästige Projektemacher. Zinzendorf war ziemlich der einzige, der ihm über den vierten Teil von Lienhard und Gertrud begeistert geschrieben hat; wenn er ihm unter die Augen träte -- er hat sich den Augenblick hundertmal ausgemalt -- könnte es garnicht fehlen, daß der Minister auch eine Stelle fände, sein Heilmittel der allgemeinen Menschenbildung zu versuchen!
Fellenberg scheint diesen Reiseeinfall zunächst für einen Witz zu halten; er fitzt ein paarmal mit der Reitgerte durch die Luft und lacht dazu, als sie nachher miteinander auf einer Fensterbank sitzen: Das wäre allerdings keine üble Szene, wenn er in Wien als Wunderdoktor aufträte! Aber als Heinrich Pestalozzi mit einem Freudenruf aufspringt und redend ins Zimmer läuft, wie wenn er schon vor dem Grafen stände, wobei er sich freilich in einen Teppich verfängt und stolpert, fällt der Ratsherr ihm in den Arm, setzt sich aber gleich hin, ingrimmig lachend und den Kopf abermals schüttelnd wie einer, der mit seinem Verstande zu Ende ist. Je mehr sich Heinrich Pestalozzi in die Einzelheiten seines phantastischen Plans hinein redet -- wie er als dramatischer Dichter versuchen will, dem ganzen Hof ins Gewissen zu reden -- je schweigsamer wird der andere; bis beide schweigen und Fellenberg sich mit aller Gewandtheit seiner Diplomatie daran gibt, das Schaukelbrett wegzuziehen, darauf die Pläne seines Gastes gebaut sind: Der Wiener Hof und der Graf Zinzendorf hätten zur Zeit andere Dinge zu bedenken; der Kaiser Josef, durch dessen Eifer alle Mühlen in Österreich so eifrig am Mahlen gewesen wären, läge sterbenskrank darnieder, verbittert am Widerstand seiner Zeit. Er würde ihn wohl kaum noch lebend finden, wenn er in Wien ankäme; und so große Hoffnungen auch auf seinen Bruder Leopold, den Herzog von Toskana, als seinen Nachfolger zu setzen wären -- Heinrich Pestalozzi habe ihm ja immediat schreiben dürfen und besitze sicher einen Gönner in ihm -- er würde den Staat in einer Verfassung finden, die fürs erste auf andere Dinge als noch mehr Reformen ginge! Und was er sich sonst unter Wien und seinem Hof vorstelle? Es könne ihm passieren, daß er, einmal versehentlich ins Armenhaus gebracht, nicht so leicht wieder herauskäme wie hier. Jedenfalls würde ihn der Graf Zinzendorf kaum selber herausholen!
Es hilft nichts, daß Heinrich Pestalozzi seine Gegengründe mit den Armen heran bringt, diese Dinge kennt der Ratsherr besser als er; und da der ihm weder in Bern noch sonst in der Schweiz einen Platz für seine Experimente weiß, tritt er nach drei Tagen, gedemütigter als er gekommen ist -- trotz aller ehrenden Sorge des Ratsherrn -- seine Rückreise nach dem Neuhof an. Da es sein muß, vermag er den Weg nicht durch eine neuerliche Wanderung in die Länge zu ziehen; er fährt mit der Post und langt nach einer durchrumpelten Tagesfahrt nachmittags in Lenzburg an, von da über den Berg zu laufen. Er will sich im »Löwen« noch stärken für den Marsch, als ihm sein Sohn aus der Tür mit einem Mädchen entgegentritt, das er nach der ersten Überraschung als eine Brugger Tochter namens Fröhlich erkennt, die auch schon einigemal im Neuhof gewesen ist. Die beiden haben sich, wie sie abwechselnd errötend sagen, zufällig hier in Lenzburg auf dem Markt getroffen und wollen mit ihren Eltern im Wagen nach Brugg heimkehren. Da er ablehnt, mitzufahren, und der Wagen schon wartet, treten sie garnicht mehr mit ihm ein; so kommt er trotz der Begegnung allein mit dem Abend ins Birrfeld hinunter, nun völlig sicher, daß kein Platz mehr für ihn und seine Pläne auf dem Neuhof ist.
63.
Es geschieht so, wie Fellenberg prophezeit hat; nach einigen Monaten liest Heinrich Pestalozzi in der Schaffhauser Zeitung, daß der edle Kaiser Josef im neunundfünfzigsten Jahr seines Lebens und im fünfundzwanzigsten Jahr seiner Regierung gebrochenen Herzens gestorben sei. Damit ist der Rest seiner heimlichen Hoffnungen allein auf seinen Nachfolger Leopold gestellt, und im Herbst wagt er es, ihm mit einer Schrift durch den Grafen Zinzendorf seine Dienste anzubieten. Aber auch damit hat Fellenberg recht gehabt, der Brief bringt ihm nie eine Antwort ein, und während er nach Trostgründen sucht, stirbt der neue Kaiser seinem Bruder rasch hinterher.
Unterdessen ihm die Weltgeschichte diese Striche durch seine phantastische Rechnung macht, beeilt sich sein Sohn Jakob mit der Anna Magdalena Fröhlich von Brugg; im einundzwanzigsten Jahr macht er Hochzeit, und seitdem sitzt Heinrich Pestalozzi wirklich auf dem Altenteil im Neuhof. Seine Frau ist nun fast immer bei ihrer Freundin auf Schloß Hallwyl, und ihn treibt seine einsame Ruhelosigkeit nach Zürich, wo er den Rest seiner Freunde gelegentlich um neue vermehrt. Noch immer ist es die gelobte Stadt schwärmerischer Jünglinge, denen die Lage am See, der Ausblick ins Gebirge, dazu die gastliche Geselligkeit ihrer reichgewordenen Bürger und nicht zuletzt das durch Bodmer -- den auch nun längst gestorbenen -- begründete literarische Leben einen Zauber von freier Schönheit vortäuschen. Obwohl seine Schriften weder im Einklang mit dem Wesen der Stadt noch mit ihrem Ruf stehen, ist der Verfasser von Lienhard und Gertrud doch für manchen der fremden Jünglinge eine Bekanntschaft, die ihnen zugehörig scheint; und das Angenehmste, was Heinrich Pestalozzi von seinem Ruhm erlebt, wird ihm von ihnen gelegentlich in Zürich zuteil.
So trifft er einmal einen jungen Holsteiner namens Nicolovius, der mit dem Grafen Stolberg nach Zürich gekommen ist und sich -- wie er Heinrich Pestalozzi sagt -- seit Beginn der Reise darauf gefreut hat, ihn zu sehen. Die norddeutsche Kühle des jungen Mannes entspricht wenig dieser warmen Versicherung, und er erwartet eigentlich nicht viel, als er ihn einlädt, ihn einmal auf dem Neuhof zu besuchen. Wie er dann aber kommt, ist er ohne seinen Grafen viel weniger steif, und als sie erst einen Spaziergang miteinander machen übers Birrfeld und Müligen nach der Reuß hinunter, erschließt er ihm bald sein Herz. Der Jüngling hat all seine Schriften mit glühendem Eifer gelesen und den Plan seines eigenen Lebens darauf gebaut. So erlebt Heinrich Pestalozzi ganz unvermutet an ihm das Glück einer wirklichen Jüngerschaft; in der Gedrücktheit seiner Lage wird das ein berauschendes Erlebnis für ihn, und wie er trotz Iselin und Battier niemals zu einem der Schweizer Freunde hat sprechen dürfen, so öffnet er diesem Jüngling sein Herz. Er kommt fröhlicher als seit langem heim, und darum fällt ihm die Traurigkeit so schneidend ins Herz, als um einer Besorgung willen sein Sohn ins Zimmer tritt und die beiden nebeneinander stehen, ziemlich gleich groß im Bau, aber der eine stumpf und von der Verbitterung seiner Krankheit mißmutig, trotzdem er das fröhlichste Frauenzimmer der Welt sein eigen nennt, der andere hell, klug und voll Schwung, ein junger Bach, in den er alle Trübheit seines Alters gießen könnte, ohne die gläserne Helligkeit zu trüben. Ach wäre es mein Sohn! schreit eine Stimme in ihm auf, wieviel leichter stände ich in der Welt, einen solchen Erben meiner Wünsche für die Menschheit zu haben! Und um nicht weinend über diesen Zwiespalt dazustehen, läuft er hinaus gegen den Wald, mit stürzenden Tränen wie in seiner Jugend.
64.
Nicht lange danach macht Heinrich Pestalozzi die erste größere Reise seines Lebens; die Tante Weber in Leipzig ist gestorben, und weil er am ehesten abkömmlich ist -- wie ihm der Vetter Hotze in Richterswyl nicht ohne Spott beibringt -- reist er als Erbbevollmächtigter seiner mütterlichen Familie hin. Er reist gern, weil er sich freut, das Bärbel wiederzusehen, das ihm in den fünfzehn Jahren als Frau Groß nicht untreu geworden ist und aus seinen Briefen von allem Schicksal weiß. Dahinter aber lockt die Hoffnung, daß er nun selber in dieses große Deutschland fährt, aus dem ihm immer noch das stärkste Echo gekommen ist. Vielleicht, daß er doch einen Reichsfürsten für seine Pläne findet!
Die Fahrt geht noch im nassen März über Schaffhausen, Ulm, Nürnberg, Bamberg; aber diese Städte sind nur die größeren Nachtpausen in der endlosen Fahrt, die durch ein Gewirr von waldigen Hügeln, Wiesentälern und Ackerfeldern unaufhörlich über neue Grenzen in immer fremdere Gebiete führt. Wie es heißt, sind deutsche Heere nach Frankreich gezogen, den gefangenen König zu befreien, und überall begegnet er den Spuren dieses Feldzugs, sodaß er froh ist, nach einer fast vierzehntägigen Reise endlich in Leipzig zu sein. Er findet seine Schwester, die als Mädchen fortging, als eine stattliche Matrone wieder an der Seite eines Mannes, der vom ersten bis zum letzten Augenblick des Tages keinen andern Gedanken hat als sein Geschäft. Die Förmlichkeiten der Erbschaft denkt er bald zu erledigen und danach den eigenen Sachen nachzugehen; aber eine Eingabe zieht die andere nach sich und ein Anwalt den andern; schon nach acht Tagen sitzt er vor einem Berg von Akten, und jedes Papier hat die Sache schwieriger gemacht. Dabei ist er ein Schweizer unter lauter Sachsen, und so komisch er ihre Sprache findet, sie können das Lachen nicht verhalten vor der seinen. Selbst wenn er jemand für seine Sache eifrig gemacht hat, zerstört ein Gespräch mehr, als drei Briefe Nutzen brachten. Ist er in der Schweiz mit seinen Taten der Narr der Leute gewesen, so wird er es hier mit seiner Erscheinung; er vermag schließlich nur noch ängstlich über die Straßen zu gehen, weil immer wieder die Buben mit Gelächter hinter ihm drein laufen.
Sein geheimer Plan, nach Weimar oder sonst an einen Fürstenhof zu fahren, verdrückt sich dadurch; verschüchtert und ingrimmig über die langwierigen Termine und die Ergebnislosigkeit seiner Reise fängt er bald an, Heimweh nach seiner Schweiz zu kriegen, und eher, als er gedacht hat, ist er auf der Rückfahrt. Nicht einem Menschen hat er ernstlich von seinen Dingen sprechen können, aber mit seinen Luftschlössern im Ausland ist er trotzdem fertig. Er hat gesehen, daß Zürich und Leipzig für ihn dasselbe ist; hier wie dort gibt es Stadtbürger, deren Namen einem gefüllten Geldsack den Klang verdankt; hier wie dort sind diejenigen weiße Raben, die mehr als ihren Vorteil wollen, nur daß er die weißen Raben daheim allmählich kennt und zu beurteilen weiß, während er dort nicht einmal zu einer oberflächlichen Kenntnis kommt! Auch auf der Heimreise sieht er nichts von den Ländern, durch die sein Postwagen fährt. Überall Postmeister, Stadtsoldaten und Zöllner, Schlagbäume und mürrisch geöffnete Stadttore. Ohne ein eigentliches Erlebnis kommt er gedemütigt wieder an und nicht geneigt, mehr als seinen geschäftlichen Bericht von der Reise zu geben. Daß er zweimal dicht am Rheinfall vorüber gefahren ist, erfährt er erst, als man ihn danach fragt.
Das einzige, was er mitbringt, sind die ungeheuren Vorgänge in Paris, von denen täglich neue Blutberichte nach Leipzig kamen. Noch lebt der König, aber schon weiß man, daß er kaum mehr als ein Gefangener der Empörer ist. Auch sonst scheint die Weltordnung einzustürzen; das Elend und die Verzweiflung der Armut stehen auf, wie Heinrich Pestalozzi es längst befürchtete, und da er das Heilmittel angepriesen hat, die Regierungen mit ihren Völkern übereins zu bringen, kommt er sich wie ein Prophet vor, auf den niemand hören wollte. Aber als bis in den Hochsommer hinein sich die Schreckensnachrichten häufen, sodaß es scheint, als ob Paris den Untergang Jerusalems noch einmal erleben solle, bekommt er die Nachricht, daß ihm die Nationalversammlung der Empörer in Paris das Ehrenbürgerrecht des französischen Volkes verliehen habe. Achtzehn Ausländern ist es zugesprochen worden, und neben den weltberühmten Namen Washington, Klopstock und Schiller sieht er den seinigen geehrt, wie er es niemals geträumt hätte.
Er ist wieder einmal mit Hans Heinrich Füeßli zusammen -- den sie unterdessen in Zürich auf den Lehrstuhl für vaterländische Geschichte am Collegium Carolinum berufen haben -- als die Nachricht eintrifft: Das ist was Rechtes, spottet der, um seine Freude zu verbergen, Ehrenbürger einer Räuber- und Mörderbande zu sein! Aber in seinem Kopf haben alle Gedanken schon eine neue Windrichtung angenommen: Wo Heinrich Pestalozzi Ehrenbürger wird, sagt er fest, und bleibt in seiner Gläubigkeit allem Hochmut fern, ist etwas Gutes im Wege! Für eine Räuberbande könnten sie landauf, landab schon andere Leute finden, auch in Zürich.
Trotzdem, ein Ehrenbürger des Aufruhrs bleibst du, sagt Füeßli nun gleichfalls ernst und setzt seinen Hut auf, weil er doch gehen will! Da gibt ihm Heinrich Pestalozzi die Hand, und jedes Rünzelchen seines braunen Gesichts scheint einzeln zu lächeln: Du meinst, weil ich selber ein Aufrührer sei? Ich hätte freilich gern euren Brei gerührt, er war zu zäh für meine Holzlöffel, die mir nacheinander zerbrochen sind. Was gilts, die haben eiserne Löffel, und ihr werdet daraus essen müssen!
65.
Seit diesem Tag ist ein Schein in der Welt, der Heinrich Pestalozzi das Blut unruhig macht; er fühlt, daß es die Sache der Menschheit ist, die in Paris verhandelt wird, und soviel Greuel da mit Greueln totgeschlagen werden: er wartet aus der wilden Mordnacht getrost auf ein Morgenlicht, das auch seinen Dingen scheinen soll. Für ihn bedeutet die Verkündigung der Menschenrechte auch die der Menschenpflichten; während die Franzosen ihrem König den Kopf abschlagen, schreibt er in einer glühenden Schrift sein klares »Ja oder Nein« zu dem Aufruhr der verwahrlosten Menschennatur; und weil er sieht, wie nun das Christentum von denen zur Hilfe gerufen wird, die es bisher nicht brauchten, scheut er sich nicht, die Übereinstimmung der christlichen Lehre mit den sozialen Forderungen der Revolution in einer zweiten Flugschrift darzulegen. Aber er findet keinen Drucker in der Schweiz für diese Kühnheiten, und seine Freunde sind erlöst, daß er sie ins Schubfach legt.
Indessen Heinrich Pestalozzi so die flackernden Brände der Zeitgeschichte in den Spiegel seiner Ideen nimmt, sitzt er selber noch überflüssig auf dem Neuhof im Altenteil; so kommt ihm eine Anfrage seines Vetters, des Doktors Hotze, recht: Der will eine längere Reise nach Deutschland machen, wo seine Tochter einen Herrn von Neufville in Frankfurt heiratet, und er soll ihm über den Winter das Haus in Richterswyl hüten. Er sieht sich als stellvertretender Hausherr in die Sorglosigkeit eines wohlhabenden Hauses am See verpflanzt, den Freunden in Zürich mit einer nicht zu umständlichen Schiffahrt erreichbar und mitten in einer Landschaft, die ihn mit den letzten Gesängen der Weinernte umfängt und gegen das rauhe Birrfeld ein einziger Garten ist. Zum erstenmal in seinem unrastigen Mannesleben weicht die Täglichkeit der Sorgen von ihm zurück, und während er in den ersten Tagen sein zeitweises Besitztum abschreitet, gegen den See hinunter und bis an den Wald hinauf, kommt es ihm vor, als habe er in seinem Leben noch keinen Spaziergang gemacht.
Wie er nun eines Tages unten am See sitzt und sich von der letzten Wärme der Herbstsonne durchschauern läßt -- es ist dieselbe Stelle, wo ihn die Mutter damals auf den Armen ins Haus holte -- muß er an den Knaben im Federhut denken, der es unterdessen bei den Kaiserlichen zum General gebracht hat. Wo sind meine Taten? fragt er da in die blausonnige Seewelt hinaus, und alles, was er an großen Dingen versuchte, erst mit seinen mißlungenen Gründungen, danach mit seiner Feder, scheint ihm ärmlich und zerstreut. Wohl hat er mit Lienhard und Gertrud einen Plan aufgebaut, wie der verwahrlosten Menschheit zu helfen wäre, aber der Plan ist auf das Herrenrecht gegründet gewesen, das er nun überall wanken sieht. Er ist nicht auf den Grund der Menschennatur gegangen, er hat seine Vorschläge an Verhältnisse geklebt, die sich vor der großen Abrechnung, die nun kommt, nicht halten können, und so bröckeln sie mit ihnen hin. Nichts scheint ihm fest in dieser Zeit, als der Gedanke der menschlichen Verpflichtung, der sich im Schicksal der Tage aufringt und aus dem allein die Ordnung der Zukunft kommen kann.
Er sitzt noch mitten in dieser Rechnung, als er drei Männer vom Haus herunter an den See kommen sieht, von einer Magd zu ihm gewiesen: Landfremde, die er aus Zürich kennt, zwei Deutsche und der dänische Dichter Baggesen; der eine Deutsche aber, namens Fichte, hat die Tochter einer Freundin in Zürich geheiratet und ist ihm dadurch wie durch den Steilflug seiner Gedanken vertrauter geworden. Wie die drei gerade in dieser Stunde daher kommen, wird ihm alttestamentlich zumut, so wohl tut ihm ihre Gegenwart. Noch sind sie keine Stunde da, als er schon tief im Gespräch ist, wie nichts nötiger sei als eine Nachforschung über den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts. Die Abrechnung mit der alten Zeit ist da, und allein aus der Natur kann die Formel für die neue gefunden werden. Er hat ein Gefühl, als ob ihm in der Tiefe ein Strom aufgebrochen wäre, daraus seine Rede zur Sprache des Lebens selber würde. Und da es Männer sind, die wie er diese Zeit im Innersten erleben, die nicht wie die Regierenden und Besitzenden händeringend um die bedrohte Macht und ihren Reichtum dastehen, sondern in sich die Seele und das Schicksal ihres Volkes und der Menschheit fühlen, spricht er nicht rauben Ohren. Der Tag geht hin und die halbe Nacht; und obwohl sie kaum Wein dazu trinken, ist ein Rausch in ihnen, daß sie sich aller Dinge kraft ihres Geistes mächtig fühlen.
Als gegen Mitternacht der Mond aufgeht, treten sie noch einmal hinaus, wo eine alte Linde ihre Äste über den Hof senkt. Das ist unser Freiheitsbaum, sagt Heinrich Pestalozzi und faßt die Hände seiner Nachbarn: seine Wurzeln im Saft der Erde halten die Krone im Wind; kein dürrer Steckling, sondern eine gewachsene Kreatur! Ehe sie es selber merken, hat sich auch Fichte als der vierte eingefaßt, sodaß sie in einem Ring um den Lindenbaum dastehen. Aber der Stamm ist so dick in den Wurzeln, daß sie sich alle vier ihm dicht zuneigen müssen und mehr in einer Umarmung als zum Reigen dastehen: Es ist nichts mit dem Tanzen, sagt Heinrich Pestalozzi, jetzt weiß ich, warum die Freiheitsbäume der Franzosen so dünn sind!
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