Lebenstag eines Menschenfreundes
Part 14
Mitten in seinem Glück hört er schon wieder den Tod an die Tür klopfen, und an einem Julitag fährt er im Innersten bewegt nach Basel, Iselin, der ihm fast ein Vater war, zu begraben. Durch ein Gewitter erreicht er die Post nicht mehr, und er ist gerade dabei, sich in Brugg auf eigene Hand einen Wagen zu heuern, als Füeßli mit dem Doktor Hirzel durchfährt. Die nehmen ihn mit, und so wird es eine Freundesfahrt der Lebendigen zu dem Toten; denn auch die andern haben Iselin geliebt, wenn sie auch nicht soviel Freundschaft von ihm erfahren konnten wie er. Während sie so durch die grünen Täler hinfahren, manchmal im Schritt, weil es scharf bergan geht, dann wieder trabend, will Füeßli wissen, was er jetzt schreibe. Und weil Heinrich Pestalozzi durch den Tod Iselins erst recht in seinem Eifer entzündet ist, jeder Stunde zu achten, damit von seinem Leben ein Nutzen für das arme Volk bleibe, spricht er von seinen Abendstunden und merkt lange nicht, daß die beiden schweigen und ihn fast traurig ansehen.
Ich dachte, sagte Füeßli endlich und kollert vor Zorn, daß du jetzt dein Metier gefunden habest und wenigstens im Schwabenalter vernünftig würdest, aber dich reitet die Bessermacherei, bis sie dich ganz vom Neuhof ins Spital verschupfen! Über die bösen Worte ist Heinrich Pestalozzi so erschrocken, daß er ihn fragt, wie er das meine. Er sehe doch, wie die Menschen durch sein Buch gerührt würden, warum er die dargebrachte Rührung nicht für die Menschlichkeit ausnützen solle! -- Als ob die Leser dem Verfasser jemals ihre Rührung gäben, antwortet Füeßli und ist nun selber bitter geworden. Sie erwarten und nehmen sie als Genuß von ihm für ihr ausgelegtes Geld, gleich einem Kirschwasser oder einem Schweinebraten auch!
Sie begraben danach den Ratsschreiber in Basel; es ist ein Sarg, wie Füeßli grausam vor Trauer sagt, darin der Hummelvogt den selben Platz gehabt hätte. Für Heinrich Pestalozzi wird alles zum Verhängnis seit dem bösen Wort im Wagen. Er hat es längst gespürt, daß er mit seinem Buch nichts als ein Menschenmaler geworden ist, von dem man nun weitere Bilder verlangt. Wenn die Bauern im Birrfeld sich hämisch freuen, daß er es seinem Widersacher Märki gut gegeben habe, oder wenn die literarischen Blätter die Vortrefflichkeit seiner Charakterschilderung rühmen: es ist das Gleiche, daß sie ihn als ihren Spaß- oder Rührmacher halten, nicht aber ihm redlich ins Menschliche folgen wollen. Er vermag nicht, mit den beiden wieder heimzufahren, tut sich vor der zudringlichen Begrüßung des berühmten Verfassers scheu zur Seite und wandert frühmorgens heimlich aus Basel fort. Unterwegs gelüstet es ihn, das bäuerliche Paar in Frick aufzusuchen, das ihn damals so freundlich genächtigt hat, in der Sehnsucht, von ihm andere Botschaft des Volkes zu hören als von den Gebildeten.
Er trifft sie auch und bleibt zum zweitenmal bei ihnen zur Nacht, nicht anders aufgenommen als beim erstenmal, obwohl der Ziegenhirt nicht mehr da ist. Aber als er enttäuscht, daß sie nicht selber davon sprechen, zuletzt nach ihrer Meinung über sein Buch fragt, haben beide zwar einiges davon gehört, jedoch nichts daraus gelesen. Wir sind Bauern, Herr Pestalozzi, sagt der Mann treuherzig, und seine Frau nickt ihm zu: wir haben unser Tagwerk; was soll in einem Buch von unserm eigenen Leben stehen, daß wir nicht selber wüßten? Und unsere Nachbarn? Wir reden selber nicht schlecht von ihnen, warum sollen wir lesen, wie das ein anderer tut!
Es sind zwei Grabschriften, die Heinrich Pestalozzi von dem Begräbnis seines väterlichen Freundes mitbringt und die nun in den Gärten seiner Hoffnungen stehen. Er schreibt zwar danach noch tapfer sein Schweizerblatt, Woche für Woche; aber daß es eigentlich keine Leser hat, das nimmt er nun erst wahr. Als die ersten dreißig Abendstunden von Christoph und Else erscheinen, die wie ein Katechismus des bäuerlichen Lebens in alle Strohhütten gehen sollen, ist die Wirkung so schwach, daß der Verleger das Buch nicht weiter drucken will. Unterdessen singen die Blätter das Lob von Lienhard und Gertrud unablässig weiter, bis der kleinste Kalender davon voll ist. Ich habe das Pferd vorn und hinten eingespannt, denkt Heinrich Pestalozzi; und da auch der Verleger um eine Fortsetzung seines Romans drängt, gibt er sich tapfer daran, seine Pläne an dem Dorf Bonnal seiner Dichtung zu versuchen und statt Ermahnungen und Vorschlägen die Darstellung einer angeblichen Besserung zu geben. Ehe er es hofft, ist ein zweiter Band von Lienhard und Gertrud fertig, aus dem nun der Ratsschreiber Iselin die dankbare Widmung an seinen Schatten nicht mehr ausstreichen kann. Die Neugier hilft, daß er diesmal noch gelesen wird; aber die den ersten Band gepriesen haben, sind an dem zweiten enttäuscht und finden, daß der Verfasser sich wiederhole und in der langen Jugendgeschichte des Hummelvogtes nur eine überflüssige Nachrede brächte. Es ist mit dem Ruhm und der Wirkung seiner Schriftstellerei wie mit einem der Bäche im Kalkgebirge, die irgendwo stark aus dem Boden brechen, eine Zeitlang trügerisch in der Sonne fließen und dann wieder im Gestein verschwinden.
59.
Daß Heinrich Pestalozzi durch den Pfarrer seines Buches die Jugendgeschichte des Hummelvogtes so ausführlich erzählen läßt, kommt nicht von ungefähr. Das Jaköbli ist nicht nach seinen Hoffnungen geraten; in den sechs Jahren der Armenanstalt ist es als Sohn der Hausmutter vor dem Gesinde und den Zöglingen von selber der Prinz geworden, an dem die einzelnen sich ein Wohlwollen verdienen wollen; im wechselnden Drang der häuslichen Umstände danach zwischen die überlieferten Erziehungsansichten der Mutter und die neumodischen Absichten seines Vaters gestellt, hat seine Natur nicht die Ruhe an den Wurzeln gehabt, die Kindern das Nötigste von aller Wartung ist. So ist er mit zwölf Jahren wohl ein großer Knabe geworden, aber ohne Festigkeit und geplagt von dem Eigensinn seiner reizbaren Art, die zwischen der Heftigkeit des Vaters und der zärtlichen Liebe der Mutter ihre Hinterhalte hat.
Was an Abhärtung getan werden konnte, um der Weichlichkeit seiner Natur zu begegnen, das hat Heinrich Pestalozzi spartanisch an ihm geübt, auch ist er mit List und Stärke dabei gewesen, seinen kindlichen Eigensinn zu brechen -- bis der gefährliche Untergrund dieser Eigenschaften im Ausbruch seiner Krankheit herzschneidend zutage kommt. Es ist in der Zeit, da die Stimme anfängt zu wechseln; er hat einen Korb mit Pflanzkartoffeln aus dem Keller holen sollen und kommt nicht wieder. Als Heinrich Pestalozzi heftig hinunterläuft, sitzt er verträumt vor einem Spinnennetz; die Überraschung mag zu jäh gekommen sein: ehe Heinrich Pestalozzi bei ihm ist, tut der Knabe einen Schrei und fällt hin wie ein Toter. Doch hat er ihn kaum an der Schulter gefaßt, als das Leben mit unheimlichen Zuckungen wieder anfängt. Das fallende Weh rast in ihm und Heinrich Pestalozzi, der als eifernder Vater zu hadern gekommen ist, sieht sein armes Kind in dem fahlen Kellerlicht Mächten überliefert, die seiner Strenge wie seiner Liebe spotten. Erst als alles vorüber ist und der Knabe aus tiefer Bewußtlosigkeit erwacht, wagt er die Lisabeth zu rufen.
Seine Hoffnung, daß es ein einzelner Anfall gewesen sein möge, wird nicht erfüllt; die Krankheit kommt zurück und steht seitdem warnend hinter jedem ärgerlichen Wort, das er dem Knaben sagen will. Das Grauen nimmt ihm für lange den Mut; denn deutlicher als jemals sieht er, wie das Schicksal des Menschen als einer Kreatur nicht an eigene oder fremde Verschuldung allein gebunden ist, wie Glück und Unglück aus den Naturgründen des Lebens kommen und alle sittliche Sorgfalt zu verhöhnen scheinen. Lange versucht er, das Unheil Anna zu verheimlichen, die bei dem ersten Anfall in Hallwyl war; als sie es eines Tages doch erlebt -- sie sind in den Letten hinaus spaziert und müssen ihn da in den rotblühenden Klee legen -- meint er in dem entsetzten Blick der Mutter einen Vorwurf zu spüren, der ihm lange nachgeht und bald darauf eine peinliche Ergänzung findet. Er hört, daß die Leute in Birr der unvernünftigen Abhärtung -- den Knaben von kleinauf, auch im Winter, im eiskalten Brunnenwasser zu waschen -- die Erkrankung zuschreiben. Die Gewohnheit behält immer recht! sagt er bitter, aber ein grausamer Rest ihrer Schadenfreude bleibt zurück und quält ihn mit Zweifeln, ob er dem Knaben ein rechter Vater gewesen sei. Er sieht nun erst, daß der Jakob kaum lesen und schreiben kann und auch sonst gegen die Kinder seines Alters zurück ist. Am Ende kommt er mit Anna überein, ihn für ein Jahr oder zwei nach Mülhausen in eine Erziehungsanstalt zu geben, die ihm durch seinen Vetter, den Doktor Hotze in Richterswyl, empfohlen ist; die zage Hoffnung auf seine Heilung muß ihnen über den schweren Abschied forthelfen.
Auf der Rückreise sucht er einen Herrn Battier in Basel auf, der ihm noch durch Iselin bekannt geworden ist; ein Kaufmann, der fest im Sattel seiner zahlreichen Geschäfte sitzt, aber allen menschenfreundlichen Dingen mit der Kraft seiner unabhängigen und kühnen Natur zugewandt blieb; der will den Jakob nachher in die Lehre nehmen. Vorläufig aber hat er von all den kläglichen Nöten gehört, in denen der berühmte Verfasser von Lienhard und Gertrud immer noch lebt, und setzt ihm hartnäckig zu, eine Liste seiner Schulden und Verpflichtungen aufzustellen. Es wird eine quälende Stunde für Heinrich Pestalozzi, in dem blitzsauberen Kontor und vor dem schneeweißen Halstuch dieses Kaufmanns seine verzwickte Lage zu offenbaren; auch vermag er aus der Erinnerung unmöglich durch den Urwald seiner Bedrängnisse hindurch zu kommen. Er weicht ihm schließlich aus mit dem Verspruch, ein genaues Verzeichnis seiner Güter und ihrer Belastung aufzuschreiben; aber der Kaufmann ist nicht für Ausflüchte: dann wolle er sich, wenn es ihm recht sei, den Neuhof einmal selber ansehen, und zwar gleich andern Tags, da er doch in Geschäften nach Zürich müsse!
So kommt Heinrich Pestalozzi am nächsten Morgen nicht bescheiden mit der Post aus Basel fort, wie er gedacht hat, sondern in dem blitzblanken Reisewagen des Kaufmanns Battier mit zwei Apfelschimmeln, die den Postwagen schellenklingelnd überholen und auch weiterhin nicht wie die Postgäule bei jeder Steigung aus dem Trab fallen. Mein Leben hat zwei Straßen, sagt er seinem unternehmenden Begleiter, als er Stück für Stück der wohlbekannten Landschaft flinker als sonst nahen sieht: auf einer bin ich von Zürich gekommen und die andre bringt mich zeitweils nach Basel; es will mir scheinen, daß die Basler mir allmählich geläufiger wird! Das ließe sich ändern, sagt Battier und legt ihm von hinten -- als ob er ihn umarmen wolle -- die Hand auf die Schulter: Wenn Sie selber nach Basel zögen, wäre es wieder nur die eine Straße, auf der Sie gekommen sind, und zu Ihrem Sohn hätten Sie es näher!
Es zeigt sich bald, daß dies nicht nur eine Augenblicksrede war; denn als der Kaufherr noch am selben Nachmittag stundenlang unermüdlich gewesen ist, jeden Acker in Augenschein zu nehmen, mit vielen Scherzen, als ob das alles nur ein Spaß dem schönen Wetter zuliebe wäre, und als sie danach bei einem Glas Landwein in der Stube sitzen, holt er aus seiner Tasche ein Bündel Papiere heraus, die längst schon in der saubersten Ordnung enthalten, was er soeben gesehen hat: jeden Acker nach seinem Tageswert abgeschätzt, und daneben das Verzeichnis aller noch ungelöschten Schulden und Verbindlichkeiten in einer Vollständigkeit, daß Heinrich Pestalozzi erstaunt und erschrocken zugleich ist; denn wenn es vor den Augen eines nicht einmal übel gesinnten Geschäftsmannes so mit ihm steht, brauchte nur das Soll mit dem Haben vertauscht zu werden und die Rechnung ginge so auf, daß er in der Mitte mit nichts übrig bliebe. Er muß an den Bankier aus dem Geschwundenen Schwert in Zürich denken, der damals auch so im Handumdrehen seinen Besitz beaugenscheinigte; nur daß der Basler sich den Bericht des Bedienten anscheinend schon vorher verschafft hat. Aber dann kommt statt der Enttäuschung von damals die Überraschung: das sei der Vermögensstand von heute; aber wie die Felder ständen und wie sie durch resolute Behandlung werden könnten, in dieser Differenz läge ein möglicher Zukunftsgewinn für einen praktischen Mann, der den Neuhof heute zu dem gültigen Satz übernähme. Dieser Käufer wolle er selber sein und ihm also schon jetzt die Zinsen des zukünftigen Wertes als eine Rente zahlen, die ihn und die Seinen mit einem Schlag sorgenlos mache und ihm erlaube, ungehindert seiner Schriftstellerei zu leben!
Heinrich Pestalozzi spürt die herzliche Absicht in dem Vorschlag; er sieht, wie der Mann glüht, ihm wohlzutun: aber er ist den schmerzlichen Blick noch nicht los, mit dem er seinen Knaben in der Franzosenstadt im Elsaß gelassen hat. Es ist ein blauer Himmel, der sich da nach Gewitter und Nebelschwaden auftut; nur würde er seinem Sohn das Erbe ableben, wenn er den Vorschlag annähme! Auch wäre es für ihn selber ein Verrat an seinen Plänen, die er heimlich viel ernsthafter trägt, als der Basler ahnen kann, der schließlich wie die andern auch nur den Schriftsteller in ihm sieht. Er nimmt die angebotene Frist bis zur Rückkehr aus Zürich an, lässt den Kaufmann mit fröhlichem Peitschenknall gegen Abend nach Baden fahren und steht winkend an der Straße. Aber als Battier nach drei Tagen wiederkommt, ist er mit Anna tapfer entschlossen, nicht die verlockende Fahnenflucht zu machen, sondern nach soviel überstandenen Bedrängnissen auszuharren und, sei es selbst durch bittere Nöte, dem Sohn das Hoferbe zu erhalten.
Battier nimmt die Absage seines edel gesinnten Vorschlags zunächst als Eigensinn, und er sagt das auch in der ersten Verstimmung, sodaß es diesmal einen unbewinkten Abschied gibt. Aber schon nach drei Tagen ist ein fröhlicher Brief von ihm da, als ob nichts anderes im Vorschlag gewesen wäre: er wolle die drängenden Schulden auf sich nehmen ohne Kauf und Verzinsung, nur gegen eine bestimmte Anerkennungsgebühr. Jetzt braucht es also nur, sagt die Lisabeth, der er den Brief zeigt, daß ich fleißig bin und daß der Herr Pestalozzi nicht über jeden Bettler mit einem Gulden herfällt!
60.
Unterdessen geht Heinrich Pestalozzi schon gegen die Vierzig; es kann ihm geschehen, daß er wie ein uralter Rabe dasitzt und über die Trümmerfelder seiner Mannesjahre wehmütig in die ferne Jugend denkt. Die erste Neugier um den Einsiedler auf Neuhof hat sich längst gelegt, und es ist selten, daß ein Wanderer oder gar ein Wagen den Weg zu ihm aufs Birrfeld findet. Solange der Knabe noch dagewesen ist mit seinen Spielen und Gesprächen, hat die Einsamkeit nur zum Besuch kommen dürfen; nun wohnt sie in seiner verlassenen Kammer und macht sich täglich breiter im Haus. Die einzige Verbindung mit den Vorfällen der Welt besorgt die Schaffhauser Zeitung, die Heinrich Pestalozzi Samstags im Gasthof zum Sternen in Brugg liest. Da ihm der Weg dahin allmählich zu mühsam wird, namentlich bei schlechtem Wetter, hat er sich angewöhnt zu reiten. Sein struppiges Pferdchen ist, wie die Bauern sagen, genau solch eine Vogelscheuche wie die Pestilenz selber, und da er immer noch die Gewohnheit seiner Jugend hat, das Tier mit dem Zügel im Trab zu halten, gibt er einen merkwürdigen Reiter ab, dem die vornehmen Kurgäste aus Baden oder Schinznach mit spöttischem Vergnügen begegnen.
Als er so eines Samstags sein Pferd am Sternen angebunden hat und drinnen bei einem Kirschwasser die Schaffhauser Zeitung liest, ist ein Fremder da, der ihn ungeduldig abwartet, ihn dann aber klug in ein Gespräch verwickelt, daß Heinrich Pestalozzi bald merkt, einen Mann von Kenntnissen vor sich zu haben, der auch seine Schriften und Taten genau kennt, obwohl er sonst wie ein Handelsmann aussieht. Ehe er noch eine Absicht des Mannes merkt, hat der ihm beigebracht, daß seine wie alle ähnlichen Mißerfolge nur von der Vereinsamung der einzelnen Menschenfreunde kämen, die wie die Prediger in der Wüste lebten und auf die zufälligen Bekanntschaften angewiesen wären. Wenn die sich etwa an den Jesuiten ein Beispiel nehmen und sich zu einer Gemeinschaft der Heiligen zusammen tun wollten, würde der Einzelne mit einem Schlag eine Macht bedeuten. Nur dürfe es keine öffentliche Gesellschaft mit dem Ehrgeiz der Führer und der Scheu der einzelnen Mitglieder sein: Wie zum Beispiel der Geheimorden der Illuminaten Hunderte von Mitgliedern hätte, deren keins das andere persönlich kenne, weil jedes nur mit einem selbstgewählten Namen geführt würde, aber unter diesem Decknamen mit jedem einzelnen korrespondieren könne, und zwar mit vermögenden und hochstehenden Persönlichkeiten.
Das Gespräch dauert bis in die Dunkelheit, und Heinrich Pestalozzi hätte es gern noch fortgesetzt, so beglückt ihn diese geheimnisvolle Möglichkeit, seine Ideen bei Ministern und Fürsten anbringen zu können. Aber der Fremde, der seinen Stand und Namen nicht einmal andeutet, muß mit der Post nach Baden zurück, von wo er gekommen ist. Er sagt ihm noch, daß eine Nachricht von Augsburg kommen würde, die er an die selbe Stelle beantworten möge, und läßt ihn in einem Schwall von Hoffnungen zurück, mit denen er nachher in einem gespenstischen Galopp durchs nächtliche Birrfeld reitet.
Durch diese Begegnung ist der Docht seiner Pläne wieder ins Glimmen gebracht; tiefer als jeder andere glaubt er die Not des Volkes zu kennen; während die Wohltätigkeit vergeblich an den bösesten Löchern flickt und, wie er sagt, die Gerechtigkeit in der Mistgrube der Gnade verscharrt, hält er die Menschenbildung als Heilmittel in der Hand. Er hat von dem Herzog von Württemberg gehört, der mit den Seinen als einfacher Landmann lebt; nun spürte er in der Rede des seltsamen Fremden einen Hauch dieses Geistes aus Deutschland herüber wehen, und als die angekündigte Schrift aus Augsburg kommt, tritt er mit weitgreifenden Hoffnungen in den Bund der Illuminaten ein, obwohl ihm die Geheimniskrämerei daran von Anfang an mißbehagt.
Er legt sich nach dem sagenhaften König der Angelsachsen den Namen Alfred zu und ist mit fiebrigem Eifer dabei, ein Memorial nach dem andern in den namenlosen Bereich des Ordens hineinzusenden, wie ein geschäftiger Apotheker sein Heilmittel anpreisend. Es gelingt ihm auch bald, über seine Vorschläge zur Menschenbildung mit einflußreichen Persönlichkeiten in einen direkten Briefwechsel zu kommen, unter denen der Herzog von Toskana und Graf Zinzendorf, der Minister Josefs II. in Wien, die wichtigsten sind. Von allen Zeiten seines Lebens ist diese nun die seltsamste, wo er sich in der bäuerlichen Verborgenheit des Neuhofs allmählich seinen Landsleuten aus dem Augenkreis verschwinden und den Ruhm seiner Schriftstellerei nach jedem neuen Buch mehr versiegen sieht, während er mit Ungestüm an das Gewissen von Ministern und Fürsten klopft. Den ersten Teil von Lienhard und Gertrud hat er noch im Angesicht des Birrfeldes geschrieben, und die Abendstunden von Christoph und Else haben als Katechismus in die Strohhütten gesollt: nun wachsen sich die beiden letzten Bände von Lienhard und Gertrud immer mehr in Gesetzesvorschläge hinein; aus dem Ungetüm der Wirtshäuser wird das Ungetüm der Verwahrlosung überhaupt, und an die Regierenden in Europa geht sein Aufruf, es mit dem Heilmittel der allgemeinen Menschenbildung zu bekämpfen.
Er ist acht Jahre älter geworden seit dem ersten Band, als er den vierten hinaussendet, und er stapft schon mit einem Fuß auf die Fünfziger zu; die Straßen nach Basel und Zürich geht er nun gleich wenig, wohl aber studiert er auf der Karte die Reise nach Wien, wo Zinzendorf sich immer mehr für seine Dinge erwärmt und wo der Glanz des Kaisers seine Hoffnungen anlockt. Für die Bauern im Birrfeld bleibt er die Pestilenz, die sie nun schon wie etwas Zugehöriges über die Straßen reiten oder Sonntags in der Kirche nach seiner Gewohnheit am Halstuchzipfel lutschen sehen; für die weitere Heimat ist er die Vogelscheuche seines Ruhms geworden, die immer noch den unnützen Phantastereien seiner Jugend nachhängt und sich den letzten Ausweg zum Wohlstand als Schriftsteller mit dem angeborenen Ungeschick verbastelt hat.
61.
Lisabeth, die Magd, ist in den Jahren fleißig und sparsam gewesen, wie sie Heinrich Pestalozzi versprochen hat; sie hält die verkleinerte Wirtschaft über Wasser, bis der Jakob sie übernehmen kann. Der ist aus Mülhausen durch den tapfer sorgenden Battier in seine Handlung in Basel übernommen worden, um einmal besser als sein Vater für die geschäftliche Führung gerüstet zu sein. Doch läßt ihn seine Krankheit nicht mehr los; als er wieder auf den Neuhof kommt, ist es auf den ersten Blick ein großer und starker Jüngling, aber für Heinrich Pestalozzi stehen ihm die Spuren seines Zustandes zu grausam im Gesicht, als daß er seiner froh werden könnte.
Er ist ein Vierteljahr da, als der Vater Annas in seinem fröhlichen Greisentum kränkelt; der Tod nimmt ihn weg, bevor ein längeres Siechtum ihn mißmutig machen könnte. Sie begraben ihn an einem harten Wintertag hinter dem kleinen Schulhaus in Birr; auch die Brüder Annas sind da, und einer entäußert sich des gemeinsamen Verdrusses, daß sie nun ihren Vater, der doch ein Zürcher Bürger und Zunftpfleger gewesen sei, auf dem bäuerlichen Kirchhof im fremden Aargau begraben müßten, alles um der Projekte seines Schwiegersohnes willen! Heinrich Pestalozzi weiß, daß ihn viel mehr die Unstimmigkeiten mit den Söhnen auf den landfremden Altenteil getrieben haben -- wodurch ihm die eigene Mutter scheu in der Einsamkeit des Roten Gatters geblieben ist -- er hört aus den Worten des Schwagers schon die Entscheidungen heraus, die nachher kommen sollen, als es gilt, den Rest der Erbschaft aus dem Pflug zu teilen; denn so fern die Geschwister Schultheß allem stehen, was nach einem Erbstreit aussehen könnte, so wenig verhehlen sie ihre Besorgnis, daß auch der letzte Teil Annas in neuen Plänen verschwinden möge. Es findet sich auch eine Klausel im Testament, und ehe sich Heinrich Pestalozzi dessen versieht, ist er in endlose und manchmal hitzige Verhandlungen verwickelt, in denen sein eigener Sohn den Prozeßgegner vorstellt. Es wird schließlich ein Pakt gemacht, laut welchem er seinem minderjährigen Sohn Jakob den Neuhof für sechszehntausend Bernergulden verkauft; doch erhält er dieses Geld nicht, sondern es werden damit die Brüder Annas und andere Gläubiger abgelöst.
Es ist eine klare Regelung, und Heinrich Pestalozzi kann mit dem Ergebnis zufrieden sein, da es den Neuhof für seinen Sohn sichert, wie er es selber gewollt hat; auch werden die Beratungen mit dem Respekt geführt, den man dem berühmten Verfasser von Lienhard und Gertrud schuldig zu sein glaubt: aber das mildert nur wenig an der Grausamkeit, mit fünfundvierzig Jahren schon ausgezogen und auf die freiwillige Unterhaltung durch seinen Sohn gesetzt zu sein! Und bitterer noch als dieses Ergebnis sind die Bedenken, die dahin führten und die ihn -- so sehr es auch verklausuliert wird -- gleich einem Verschwender entmündigten.
So bin ich denn lebendig begraben! spottet Heinrich Pestalozzi grausam, als er seinen Namen unter den Vertrag gesetzt hat und unter dem Vorwand, in Bern mit dem Herrn von Fellenberg unterhandeln zu müssen, nicht mit Anna auf den Neuhof zurückgeht. Er kommt an dem Tag nur bis Kirchberg; denn als er da gegen Abend mit der Post durchfahren will, erschüttert ihn der Anblick der bekannten Fluren so, daß er aussteigt und sich in wehmütige Erinnerungen verliert. Es sind mehr als zwei Jahrzehnte vergangen, seitdem er hier gelernt hat, und da der Vater Tschiffeli seit zehn Jahren in der Erde liegt, stehen die Felder längst nicht mehr von ihm bereitet da. Die Krappkultur ist auch hier bis auf spärliche Reste eingegangen, und wo damals junge Alleen führten, hängen jetzt vereinzelte Bäume verwildert im roten Laub: Ich bin Landwirt geworden, sagte er, wie ein Brot in den Backofen sollte; da haben sie mich vergessen, und ich bin in den Krusten vertrocknet!