Lebenstag eines Menschenfreundes
Part 13
Während Heinrich Pestalozzi noch zweifelnd erst seine Frau, dann wieder das Wunder ansieht, das aufrecht gewachsen und geraden Blickes da vor ihm steht, bittet sie schon wieder die Hausfrau, ihr ein Lager zu weisen, da sie heute jedenfalls nicht mehr zurück könne. In kaum einer Viertelstunde ist sie schon emsig im Hause, und andern Morgens denkt keiner daran, sie wieder fortzuschicken; nach einer Woche ist es so, als ob sie immer dagewesen wäre, so unbemerkt weiß sie sich in den gedrückten Haushalt zu schicken. Es sei fast zu spät, den Garten zu bestellen, sagte sie, ist aber schon dabei, ihn umzugraben; und bald merkt Heinrich Pestalozzi, daß in seinem verworrenen Hauswesen wieder der sichere Tageslauf der Sonne ist: Schritt für Schritt wird die Unordnung des Untergangs beseitigt und aus dem weiten Bereich des verwüsteten Gutes der saubere Umkreis des Hauses abgetrennt. Und als ob die eine tätige Hand ihren Takt auch in die andern brächte, fängt das gestörte Uhrwerk des Hauslebens wieder an, zu gehen. Selbst bis in seine roten Tabellen dringt ihre Sicherheit, sodaß er seine Preisarbeit bald zu Ende bringen und die Reinschrift der Aufmunterungsgesellschaft in Basel nicht ohne Vertrauen auf ihren Wert zusenden kann. Daß man dem Aufwand der Bürger äußere Schranken setzen müsse, ist freilich nicht seine Meinung: Hier wie überall käme es nicht auf die Landreiter, sondern auf die Menschenbildung an.
55.
Unterdessen hat seine Schnurre über die Umwandlung der ungekämmten und krummen Stadtwächter in gerade und gekämmte in Zürich eine Art Glück gemacht. Auf der Durchreise von Italien nach London ist der ehemalige Freund Lavaters, der Maler Füeßli einen Tag lang bei seinem Vetter gewesen; er hat die Schnurre zufällig gelesen, und zwar mit so viel Spaß, daß er nicht begreifen will, wie es einem Mann mit einer solchen Begabung schlecht gehen könne: sein Talent als Schriftsteller sei derart, daß ihm der Erfolg nachlaufen müsse!
So kann ich meine Perücke wieder mitnehmen, scherzt Füeßli, als sie in Baden eine rasche Zusammenkunft haben, das Ereignis zu besprechen: ich hatte sie schon zum Strählen mitgebracht! Aber Heinrich Pestalozzi ist es nicht zum Lachen, umsoweniger, als der andre augenscheinlich kaum etwas andres als einen Sack voll solcher Schnurren im Sinn hat. Er dämpft die Begeisterung des Buchhändlers sauersüß, ist noch ein paar Stunden gern in der Luft einer Freundschaft, denkt aber nicht daran, ihm zu folgen; bis er heimkommt und die moralischen Erzählungen des Franzosen Marmontel noch aufgeschlagen auf dem Tisch seiner Frau findet. Er liest darin, und unversehens überlegt er doch schon, dergleichen besser zu machen; um statt weichlicher Rührung gute Gedanken ins Volk zu bringen.
Gleich andern Tags versucht er nun das Dichterhandwerk, angebliche Menschen als Gestalten seiner Absichten in eine Handlung zu stellen. Es gelingt ihm leichter, als er erwartete, und am Abend ist das erste Ding schon rund gebracht; aber als er es dann überliest und mit dem Vorbild vergleicht, findet er wohl, daß seine Gestalten sich ernsthafter unterhalten als bei Marmontel, doch ist die Unterhaltung so sehr die Hauptsache, daß es wenig Zweck hat, sie mit den Armen und Beinen der Personen zu umgeben; auch haben sie für gemeine Bürgersleute eine Art zu predigen, die ihnen nicht ansteht. Aber nun ist einmal sein Eifer geweckt, und schon am nächsten Tage läßt er ein neues Paar anmarschieren. Diesmal sind es zwei Bauern, ein alter und ein junger, die sich über die neumodische Landwirtschaft erhitzen; haben die Bürger gepredigt, so verkniffeln sich die Bauern wie zwei Advokaten, und da auch hier wieder die Reden des Verfassers die Hauptsache sind, hätten die Personen ebensowohl daheim bleiben können. Noch drei- oder viermal versucht er es, um immer bedenklicher einzusehen, daß er kein richtiges Bauernmundwerk aufs Papier bringt. Soviel er auch an den Tannern im Birrfeld erlebt hat, nun merkt er, daß er sie garnicht kennt; und wie er das Abc erst an seinem Knaben studiert hat, beginnt er nun, mit ihnen seine heimlichen Experimente anzustellen.
Die Leute von Lupfig und Birr machen sich verdächtige Zeichen, als der Herrenbauer vom Neuhof anfängt, in ihren Wirtschaften herumzusitzen; sie wissen aus Erfahrung, wie dies das Ende solcher Existenzen ist, und weil er kaum etwas trinkt, deuten sie hämisch auf seine leere Tasche. Er dagegen merkt bald, daß sie mit ihm anders als unter sich sprechen, so hält er sich abseits, in einem Wettergespräch oder sonst mit dem Wirt, während sie bei ihren Karten oder um irgend einen Handel untereinander sind. Wenn ihm dabei eins seiner eigenen Bauerngespräche beifällt, kommt ihm alles darin so papieren vor, daß er manchmal im Eifer mitanfängt zu fuchteln, als ob er damit die richtigen Worte festhalten könnte.
Darüber fangen sie an, ihn vollends für übergeschnappt zu halten, und legen sich aufs Hänseln; aber nun reitet ihn schon der Teufel seiner Leidenschaft, auch um andrer Dinge als seiner Schriftstellerei willen tiefer in ihre Wirtshauswelt hinein zu kommen. Er sieht, wieviele Dinge hier ihren Anlaß und ihre Stärkung haben, wieviel aus der Bahn geworfene Existenzen am Wirtshaustisch ihr Schicksal absitzen, und wie nicht der Schnaps und der Wein allein sie dahin ziehen, sondern der Trieb unnützer Buben, mit Hänseleien und großmäuligen Prahlereien beieinander zu hocken. Hier müßte zu Hause sein, sagt er sich oft, wer eine Armenanstalt aufmachen will; hier ist der Lebensboden aller Laster, die in einem Menschen allein garnicht wachsen können, weil immer nur mehrere zusammen das Ungetüm ausmachen, das den einzelnen mit Haut und Haaren frißt; was nachher dann aus dem Wirtshaus nach Hause geht, ist nur noch ein Stück von diesem Ungetüm, dem es natürlich nirgend mehr wohl sein kann als bei sich zu Hause, nämlich auf der Wirtshausbank, wo es zu fressen und zu saufen bekommt.
Heinrich Pestalozzi hat schließlich ein System von Listen, das Ungetüm lebendig zu sehen, indem er sich selber anscheinend mit auffressen läßt oder unter einem Vorwand nebenan in der Küche lauscht. Als er eines Nachmittags in Mellingen eintritt, weil er schätzt, daß ihrer da mehrere vom Viehmarkt sitzen würden, findet er das Zimmer noch leer, und da der Wirt augenscheinlich auch noch unterwegs ist, juckt ihn der Vorwitz so, daß er in eine große Futterkiste klettert, die in der dunklen Ecke neben dem Ofen als Truhe dient und deren offener Deckel ihn wie eine Wand verbirgt. Er hört auch bald ihrer zwei hereinkommen und über den Metzger Märki in Birr schimpfen, der ihnen beim Handel die Flöhe abgesucht hat, wie sie sagen. Weil das Gespräch einmal den Lauf genommen hat, bleibt es auch dabei, als andere eintreten, und so bekommt Heinrich Pestalozzi unvermutet eine Predigt über seinen ehemaligen Ratgeber zu hören, wie sie nicht in seine Tabellen gegangen wäre. Aber als sich das Ungetüm so recht wieder aneinander gewachsen hat und groß tut mit Fäusten und Flüchen, wird es still von einem Schritt, der durch die Tür hereinkommt und nach einem brummigen Gruß mitten im Zimmer stehen bleibt. Heinrich Pestalozzi hinter seiner Wand hört das Ungetüm schnaufen, bis einer den Märki -- denn niemand anders ist es -- nach den Hummeläckern fragt und gleich das Gelächter über die Anspielung losbrüllt. Aber so ist der Metzger nicht, daß er sich abtrumpfen läßt: im Nu ist er mit ihnen aneinander in einem Maulgefecht; und wollten sie ihn um den ausgezogenen Herrenbauer im Neuhof hänseln, so gibt er ihnen sein Kunststück mit frecher Prahlerei preis: warum sie es nicht selber gemacht hätten, wenn es so leicht gewesen wäre? Jedenfalls habe er das Kalb abgestochen; sie könntens ja mit ihm auch einmal versuchen: er würde ihnen schon dartun, wer der Meister wäre, wie er es diesem Herrn Pestalozzi auch dargetan habe!
Die Abfertigung scheint dem Ungetüm plausibel, denn es schweigt; aber als der Märki sich abseits von ihnen auf seinen Trumpf setzen will, findet er keinen besseren Platz als die Futterkiste; er klappt den Deckel zu, merkt garnicht, daß ein Widerstand da ist, und will sich gerade noch einmal auslachen, als es unter ihm mit Faustschlägen rumort. Wenn der Teufel selber aus dem Kasten gestiegen wäre, hätte die Wirkung nicht anders sein können als nun, da das abgestochene Kalb seiner Prahlerei heraus springt. Auch das verdutzte Ungetüm muß sich einen Augenblick am Wirtstisch festhalten, und es ist noch nicht zu sich gekommen, als Heinrich Pestalozzi durch die Tür dem gemeinsamen Gelächter entgeht.
56.
Die Bauern auf dem Birrfeld sagen, daß dem Märki die schwarze Pestilenz als Teufel aus der Futterkiste erschienen wäre; aber so sehr sie dem Metzger den Schrecken gönnen, die Narrheit bleibt doch an Heinrich Pestalozzi hängen; und wie sie ihn danach bei Sonnenschein und Regen draußen herumlaufen sehen, bestätigt ihnen nur, daß ihm sein Unglück mit dem Neuhof und der Armenanstalt auf den Verstand geschlagen sei.
Er ist aber nur in eine Auseinandersetzung mit dem Ungetüm geraten, das nicht -- wie es scheint -- vom Überfluß, sondern von Mühsal und Armut lebt; denn die ihm zu fressen geben, sind die Schwachen, Leichtfertigen und Verzweifelten, die, irgendwie von der Bank unverdrossener Arbeit abgerutscht, ihr Letztes in Trunk und Geschwätz vertun, während der Wirt die ärmlichen Groschen einsammelt und also von dem Ungetüm lebt wie ein Savoyardenknabe von seinem Murmeltier. Er will es zum Helden einer Geschichte machen; und ob er somit den Kampf mit dem Ungetüm nur auf dem Tabellenpapier seines Erbahnen aufnehmen kann: mit einer Handlung, einfach und drastisch genug in alle Köpfe einzugehen, wird seine Feder, so hofft er, ihm doch eine gefährliche Waffe werden.
Diese Handlung aber vermag er lange nicht zu finden, weil er immer noch nicht von sich selber loskommt und sich stets wieder als vorwitziger Advokat allein auf der Bühne redend findet. Da hilft ihm unvermutet die tapfere Lisabeth aus der Not; als er sie eines Tages wieder bei ihrer Unverdrossenheit beobachtet hat, wie sie den Kreis der Ordnung Tag für Tag um ihren Mittelpunkt vergrößert, als er sich ausmalt, wie sie einem Mann anders als die meisten Bauernweiber an die Hand zu gehen vermöchte, von dem Ungetüm los zu kommen: da hat er endlich den Gegenspieler seiner Handlung gefunden, um dem hundertköpfigen Tier nicht mit den Mitteln fremder Hilfe, sondern mit den Waffen der Armut selber beizukommen. Er braucht der tapferen Person nur einen leichtfertigen Mann und Kinder anzudichten, wofür sie kämpft, und schon ist der Aufbau einer Handlung gegeben, die sich anders als die moralischen Erzählungen Marmontels in die Wirklichkeit einstellen soll.
Als ihm dann noch der Märki als Vogt und Wirt in seine Handlung kommt und er ihm um der Hummeläcker willen den Namen Hummel gibt, macht er eine Gertrud aus ihr, die als die Frau eines Maurers namens Lienhard den Kampf mit dem Vogt beginnt und schließlich das ganze Dorf von ihm und dem Ungetüm befreit. Er hat sich dessen nie für fähig gehalten: wie die Gestalten seiner Handlung von allen Seiten zulaufen, wie sich Gespräch und Tat verflechten, und wie aus der geplanten Belehrung eine Darstellung des Schicksals wird, die ihn selber oft genug zum Weinen erschüttert. In wenigen Wochen stehen die hundert Kapitel seines Buches da, als wären sie nicht erfunden, sondern ein Bericht aus dem Leben, wie es sich wirklich abgespielt hätte. Da weiß er, daß die Schriftstellerei mehr vermöge, als müßigen Leuten die Langeweile zu vertreiben, daß sie eine geheimnisvolle Gabe sein könne, die Erfahrungen des Lebens zu verdichten und Hunderten von Lesern die Wege des Schicksals aufzuzeigen, wo sie selber nur heitere oder traurige Vorfälle sehen.
Ehe er es gedacht hat, ist er nach Zürich unterwegs mit seinem Schatz, der diesmal ein handgreifliches Päckchen statt einem geträumten Luftschloß ist, obwohl Anna, an den Zusammenbruch so mancher mit Worten aufgebauten Hoffnung bitter gewöhnt, nur wehmütig über seine Begeisterung gelächelt hat. Füeßli ist nicht der Mann dazu, in Rauch und Feuer aufzugehen, auch sieht dies anders aus als die Schnurre von den ungekämmten Nachtwächtern; er weist ihn an den gemeinsamen Freund Pfenniger, der in den Dingen des literarischen Geschmacks sachverständig wäre. An die Literatur hat Heinrich Pestalozzi freilich nicht gedacht, als er schrieb, und erst garnicht an den gebildeten Geschmack, der, statt den geistigen Dingen zu dienen, mit anmaßenden Forderungen vor ihnen steht. Pfenniger findet die drei oder vier ersten Bogen, die er ihm vorliest, nicht übel, aber so voll unerträglicher Verstöße gegen den literarischen Geschmack, daß er ihm dringend die Umarbeitung des Buches durch einen Menschen von schriftstellerischer Übung empfiehlt und auch gleich einen theologischen Studenten nennt, der das literarische Handwerk ebenso beherrsche, wie es ihm fehle. Das Wort Lavaters von seiner Unfähigkeit, einen einzigen Satz richtig zu schreiben, hat er noch nicht vergessen, und kleinlaut überläßt er sein Buch den Ordentlichen, daß sie es für ihren Gebrauch zurecht machen: Ich will nur abwarten, sagt er bitter, ob es mir Unordentlichem einmal gelingt, ohne Euch richtig zu sterben!
Doch vermag er nicht, sich ganz von seinem Buch zu trennen; er läßt ihnen nur die ersten drei Bogen, damit er die Bearbeitung erst sähe, und geht für ein paar Tage nach Richterswyl hinaus, wo sein Vetter, der Doktor Johannes Hotze, die Praxis des Vaters mit Klugheit verwaltet, während der jüngere Bruder mit dem Federhut richtig unter die Soldaten gegangen und bei den Österreichern schon General geworden ist. Er weilt gern dort, weil der Doktor Hotze ein Philanthrop von Einsicht und Willenskraft ist; aber als er ihm mit Andeutungen seines Buches begegnet, hält der es anscheinend für einen neuen Seitensprung und wehrt warnend ab. So kommt er demütig zu Pfenniger, seine Handschrift wie einen vom Lehrer verbesserten Aufsatz zurück zu erhalten; aber als er sein Naturgemälde des bäuerlichen Schicksals unter dem frömmelnden Firnis dieses Theologen wiedersieht und angesichts der steifen Schulmeistersprache, die seine Bauern darin reden, an seine Entdeckungsfahrten denkt, fällt die Demut erschrocken ab: Dann wolle er doch lieber mit Beulen und steifen Gelenken ein ungekämmter Stadtwächter sein, als ein derart gekämmter, sagt er zu Füeßli, der zugegen ist, läßt dem Pfenniger die gesäuberte Umarbeitung und macht sich auf den Heimweg mit seiner ungesäuberten Handschrift, die anscheinend ebensowenig in die ordentliche Welt paßt wie er selber!
Er ist schon in Baden, als er es nicht vermag, mit diesem Ergebnis heimzukehren, und entschlossen seine Reise nach Basel fortsetzt, um auch bei Iselin sein Glück zu versuchen, bevor er selber an seinem Buch zweifelt. Er darf ihm und seiner Gattin noch am Abend seiner Ankunft einige Kapitel daraus vorlesen; so inbrünstig seine Hoffnung insgeheim um ein günstiges Urteil gefleht hat, auf einen solchen Erfolg rechnete sie nicht. Die Frau Ratsschreiber weint vor Rührung, und der Ratsschreiber selber geht mit erregten Schritten im Zimmer auf und ab, bis er ihm die Handschrift aus den Händen nimmt, als ob er sich vergewissern müßte, daß dies alles auch wirklich dastände. Er lachte herzhaft auf, als er die Schrift in den roten Tabellen hängen sieht; und auch als er dann liest, schüttelt er immer wieder den Kopf: es sei nicht zu glauben, wie einer so etwas Herrliches ausdenken und zugleich solche Sprach- und Schreibfehler machen könne! So wie es dastände, wäre es allerdings ein ungekämmter Stadtwächter, aber den zu strählen, brauche es keinen Theologen, sondern einen Setzer, der deutsch könne. Er müsse freilich das Buch erst ganz lesen, aber nach dem, was er bis jetzt gehört habe, wüßte er nicht seinesgleichen.
Heinrich Pestalozzi bleibt drei Tage lang in Basel, und es ist eine Zeit für ihn, als ob Schlaf und Wachen ein einziger Traum geworden wären; so erlöst ihn der Beifall dieser klugen und herzlichen Menschen aus dem Gefühl seiner Unbrauchbarkeit. Die Schreibfehler in der Handschrift verspricht Iselin selber zu beseitigen; auch schickt er gleich einen Brief an den Verleger Decker in Berlin, ob er das Buch herausbringen wolle? Um ihm aber zu den vielen Tauben auf dem Dache doch einen Spatz in die Hand zu geben, offenbart er ihm zum Abschied, als er bis Liestal mit ihm gegangen ist und da auf die Post wartend im Ochsen noch ein Glas Wein trinkt, daß die Aufmunterungsgesellschaft zwar nicht ihm allein, aber doch ihm zu gleichen Teilen mit dem Professor Meister in Zürich den Preis von zwanzig Dukaten zuerkannt habe.
Es geht mir wie dem Mann, sagt Heinrich Pestalozzi, der am Sonntag zehn Louisdor verloren hatte und sich am Montag freute, weil er drei Kreuzer fand.
57.
Schon Anfang September erhält Heinrich Pestalozzi Nachricht, daß der Verleger Decker aus Berlin in Basel gewesen sei und ihm für jeden Druckbogen einen Louisdor als Honorar bewilligt habe. Das wäre vormals nicht viel gewesen, jetzt aber bedeutet es für den ausgeplünderten Neuhof eine Quelle, die bei sparsamer Verwendung seine Insassen auf eine gute Zeit vor Nahrungssorgen schützt und Heinrich Pestalozzi mutig macht, auch noch den Rest seines Tabellenpapiers vollzuschreiben. An eine neue Erzählung vermag er nicht zu denken, so voll sind ihm noch Kopf und Herz von dieser. So beginnt er noch im Herbst, bevor das Buch gedruckt ist, eine Erläuterung dazu zu schreiben, die er »Christoph und Else« nennt! In einer angeblichen Bauernhaushaltung läßt er abends seine Geschichte von Lienhard und Gertrud lesen und besprechen, wobei er dann wieder selber auf der Bühne erscheinen und den Vorgängen der Handlung seine Nutzanwendung mitgeben kann: So sind die Leiden und Schäden des Landvolks, so sind die Wurzeln seiner Kraft und Urkraft, und so kann der Verwilderung geholfen werden! Aus der Abendstunde eines Einsiedlers werden Abendstunden einer gutwilligen Gemeinschaft.
Er ist noch mitten in dieser Arbeit, als der Tod in der Familie seiner Frau vorspricht und sich die kränkelnde Mutter, gebotene Holzlaub, heimholt. Dem alten Zunftpfleger, dem der braune Bart längst weiß geworden ist, wird es danach unheimlich im Pflug, wo seine Söhne eigenwillig schalten; er zieht der einzigen Tochter nach, an der immer sein Herz gehangen hat. So wird der Haushalt um einen Greis vermehrt, dem das Leben die Augen zur Freundlichkeit und Milde geöffnet hat, obwohl er von Haus aus zornig war. Von seinem Vermögen ist nur noch ein bescheidener Altersteil in seinen Händen; aber auch damit bringt er eine Sicherung in den Neuhof, die wohlig empfunden wird und das Gefühl einer vorsichtigen Wiederherstellung verstärkt. Als dann zur Ostermesse endlich »Lienhard und Gertrud« erscheint und seine Wirkung macht, sodaß vieler Augen sich auf den Neuhof richten, finden sie nicht mehr die Trümmerstätte selbstverschuldeter Armut, als die er den Bauern im Birrfeld und dem selbstgerechten Bürgersinn der Zürcher gegolten hat.
Der erste, der ihm Gutes berichtet, ist Iselin, der zwar bescheiden die dankbare Widmung aus dem Buch beseitigt hat, aber stolz und beglückt durch den Erfolg zu seinem Schützling steht. Er gibt Nachricht von dem Beifall der Zeitungen in Deutschland und wie man dort nach dem ungenannten Verfasser des Dorfromans riete; auch sammelt er, was Rühmens in den Schweizerblättern steht, und hat einen fröhlichen Eifer damit, ihm nach den ersten spärlichen Posten ganze Stöße von gedruckter Anerkennung in den Neuhof zu schicken.
Heinrich Pestalozzi, dem die Mißachtung einen bösen Bannkreis um seine Einsamkeit gezogen hatte, sieht sich in die Beleuchtung eines rasch wachsenden Ruhmes gestellt, in den nun mancher wieder hineinlärmt, der sich vorher still beiseite getan hat; denn ob sein Name nicht auf dem Deckel des Buches steht, dafür sorgen die fleißigen Gerüchte, daß überall, wo die Gestalten von Lienhard und Gertrud in ein Schweizerhaus eintreten, auch der Armennarr von Neuhof als ihr Pate gilt. So ist es kaum noch nötig, daß Iselin den Namen des Verfassers in den Ephemeriden bekannt gibt; wohl aber scheint es ein Signal zu sein für die Kutscher und Postillone, die nun fast täglich Besucher nach dem Neuhof bringen. Sie finden da einen freundlichen Greis, der sich über den Ruhm seines Schwiegersohnes um seiner verhärmten Tochter willen freut und gern ein Wort spricht; einen elfjährigen Knaben, der als das Jaköbli mit den Bauern auf einem vertraulichen Spielfuß steht und augenscheinlich beliebter bei ihnen ist als sein Vater; eine Frau von dreiundvierzig Jahren, die sich dem Schwall nach Möglichkeit entzieht; endlich ihn selber, dem das braune Gesicht mit Rünzelchen verkritzelt ist, als ob er sechzig statt erst fünfunddreißig wäre, der aber alle fröhlich willkommen heißt, nicht eitel, doch sichtbar glücklich, daß er nun endlich Macht über die Menschen gewonnen hat, wie er sie für seine Dinge jahrelang vergeblich erflehte. Als eines Morgens der Wagen des Herrn von Effinger mit zwei galonierten Dienern vor dem Neuhof hält, ihn nach Schloß Wildegg als Ehrengast zum Essen abzuholen, und als noch am selben Tag von der Ökonomischen Gesellschaft in Bern fünfzig Dukaten mit einer goldenen Denkmünze ankommen, da scheint es zu Ende mit seiner angeblichen Unbrauchbarkeit, da ist Heinrich Pestalozzi, der gescheiterte Landwirt und Armennarr auf Neuhof, ein Schweizerbürger geworden, auf den die Augen seines Volks mit Stolz sehen. Und nun endlich kann auch die Stunde nicht mehr fern sein, wo aus Reichen und Armen, Klugen und Törichten, Herrschaften und Beherrschten die Volksgemeinschaft wird, darin die Menschenbruderschaft des Evangeliums aus der Sonntagspredigt in die wirklichen Wohnungen und Geschäfte der Menschen kommt. Er ist auf der Höhe seines Lebens, als er diesen Glückstraum erlebt; die Gier und Sehnsucht seiner Jugend, die Radbrüche seiner ersten Fahrten und der grausame Unfall gelten ihm nun nichts mehr, da er sich durch die Hand des Schicksals, die er in einem tieferen Sinn als die Sonntagsgläubigen und Kirchenbeter Gott nennt, in Schuld und Sorgen zu solcher Erfüllung geführt sieht.
58.
Könnte Heinrich Pestalozzi die siebzehn einsamen Wartejahre danach voraussehen, darin er die Kräfte seiner Mannesjahre aufreiben soll, bis ihn das Schicksal an die Dinge selber statt an die Worte läßt, so würden ihm die Knospen kaum so schwellen, wie nun, wo er im Rausch des Erfolges noch einmal die stürmischen Säfte seiner Jugend fühlt. Er hat im Vorwort seines Buches angekündigt, daß die Erzählung aus dem angeblichen Dorf Bonnal nur die Grundlage eines Versuchs wäre, dem Volk mit einigen Wahrheiten in den Kopf und ans Herz zu gehen. Auf alles, was als Tugend oder Laster an seinen Gestalten sichtbar wird, Heuchelei und Tapferkeit, Hoffart und Sparsamkeit, Freiheitsliebe und Tyrannei, auf alles läßt er nun Christoph und Else in ihren Abendstunden mit dem Zeigestock hinweisen, und er selber gibt die feurige Lehre seiner in tausend Nöten durchglühten Erfahrung dazu, um die Quellen der Bosheit und des Elends in den Zuständen und in der Gesetzgebung Europas darzustellen.
Ein Drittel seines Buches hat er so erklärt, als ihn der Eifer drängt, näher mit dem Volk zu sprechen; Iselin redet ihm zu, und so gründet er sich selber eine Wochenschrift, die er »Ein Schweizerblatt« nennt. So hitzig ist er in seinem Eifer, daß er fast alles selber darin schreibt; er wird wieder der Marktschreier der Zurzacher Messe, aber diesmal sind es nicht Baumwollentücher, sondern Einsichten und Weisheiten, die er unablässig, mit Witz und hinreißender Gläubigkeit gemischt, anpreist: »Himmel und Erde sind schön, aber die Menschenseele, die sich über den Staub erhebt, ist schöner als Himmel und Erde!«