Lebenstag eines Menschenfreundes

Part 12

Chapter 123,654 wordsPublic domain

Heinrich Pestalozzi merkt lange den Zwiespalt nicht, an dem sein Glück scheitern muß. So überzeugend seine Zahlen auf dem Papier stehen, daß die Anstalt sich aus sich selber zu halten vermöge: als die Armenkinder wirklich da sind, kommt es zwingender als früher darauf an, die vergrößerte Haushaltung wirtschaftlich zu halten; denn die Zuschüsse der Menschenfreunde, so tapfer sie auf seine Bitte eingehen, decken nicht einmal die erste Einrichtung. Um das Exempel aus dem Papier in die Praxis zu bringen, bedarf es anderer Finanzkünste, als sie Heinrich Pestalozzi geläufig sind; seine Geschäftsführung kommt schließlich doch wieder auf die alte Torheit hinaus, die kleinen Löcher aus einem großen Loch zu flicken, und wenn das zu bedenklich wird, mit einem phantastischen Lappen die Blöße zu decken. An Einfällen hierzu fehlt es ihm nicht; nach Jahresfrist ist aus seiner Anstalt schon eine wirkliche Fabrik geworden, indem er die Baumwolle nicht nur spinnen und weben, sondern die gewebten Stoffe auch färben und bedrucken läßt, und eines Tages erleben die Zurzacher den Spaß, daß der Armennarr vom Neuhof -- wie er nun schon im ganzen Aargau heißt -- selber seinen Stand auf ihrer Messe aufgeschlagen hat, gefärbte und bedruckte Baumwollentücher zu verkaufen.

Irgend ein Spaßvogel bringt die Absprache auf, daß er sich eine reichliche Bestellung abmessen läßt; wie aber Heinrich Pestalozzi glücklich seine Elle geschwungen hat und schwitzend hinter dem Berg seiner entrollten Ware steht, entdeckt der angebliche Käufer soviel Fehler, daß er ihm scheltend alles hinwirft und unter dem Gelächter der andern verschwindet. Erst als ihm das zum drittenmal begegnet, merkt seine Harmlosigkeit, daß es die Rache der Händler für die unerbetene Konkurrenz ist. Er läßt sich von seinem Zorn hinreißen, mit seiner Elle dem Mann nachzuspringen, weil aber der halbe Markt mit Hetzgeschrei hinter ihm herläuft, bleibt er doch der Gefoppte. Als er am dritten Tag entmutigt abführt, hängt hinten an seinem Wagen -- ohne daß er es merkt -- ein freches Schild: Hier wird um Gotteswillen schlechte Ware für gute verkauft!

Der Spott trifft ihn tief, weil seine Ware wirklich nicht gut ist und es auch gar nicht sein kann. Die Kinder, zum Teil mit Zwang in seine Arbeit gebracht, sind viel zu sehr ans Bettelgeläuf gewöhnt, um die strenge Arbeitszucht zu ertragen; wenn sie den ersten Hunger gesättigt haben und in sauberen Kleidern stecken, jammern sie nach ihrem ungebundenen Elend. Immer wieder geht eins in der Sonntagnacht mit den guten Kleidern davon, und es wiederzuholen ist schwierig, weil die Bauern -- denen er die billigen Arbeitskräfte der Kinder fortgenommen hat -- ihm feindlicher sind als je und auch die Behörden der neumodischen Gesinnung im Neuhof argwöhnisch mißtrauen. Selbst die Gutwilligen bleiben selten länger, als ihre Zwangszeit ist, und darum hat sein klug ausgerechneter Plan, mit dem Verdienst der Zöglinge die Anstalt zu erhalten, das böse Loch, daß er nur die fehlerhafte Ware von Anfängern liefern kann.

Zu alledem muß Heinrich Pestalozzi immer bitterer bemerken, daß er selbst für die Schulmeisterei weder geeignet noch geübt ist; unausgesetzt beschäftigt, die richtige Lehrart zu finden -- sodaß eigentlich nur er allein bei seinem Unterricht etwas lernt -- ist er ganz unfähig, drei Dutzend solcher Kinder in Disziplin zu halten. Im Augenblick überfließende Liebe und im nächsten maßloser Zorn, steht er machtlos inmitten ihrer Tücke, die sich vor seinen Schlägen fürchtet und bei seiner Liebe heuchelt; um beides zu verhöhnen, wenn er den Rücken gewandt hat.

Niemand fühlt diese Mängel tiefer als seine Frau, die nun den Schmerz erlebt, den Geliebten auch in den Dingen seiner Neigung unfähig wie im praktischen Erwerb zu sehen; bald hat sie statt seiner die Leitung der Anstalt in der Hand, während er unruhig von einem zum andern läuft, mehr verwirrend als fördernd. Durch einige Jahre erhält sie mit unmenschlichem Kampf den äußeren Bestand der Dinge, dann wird sie krank, und kaum hat sie einige Wochen gelegen, als auch schon die Unbotmäßigkeit zur Überschwemmung anschwillt, darauf Heinrich Pestalozzi mit seinem unsteten Willen wie ein Kork schwimmt. Ein paarmal rafft sich die Tapfere noch auf, die Sache zu retten; aber mit ihren vierzig Jahren ist sie für die stündlichen Aufregungen nicht mehr stark genug. Auf einem verzweifelten Besuch bei ihrer Freundin, der Frau von Hallwyl, kommt sie ernsthaft zu liegen und kehrt nicht mehr auf ihren Posten zurück.

Die Anstalt ist unterdessen mit den Bedienten auf fünfzig Mäuler angewachsen, deren Ernährer Heinrich Pestalozzi sein soll, schon drohen die Gläubiger mit der Vergantung, während er immer nach neuen Plänen rudert, die alten zu retten: Seit zwei Jahren ist das Bärbel mit dem Kaufmann Groß in Leipzig verheiratet, wo sie schon an Kindesstelle bei der verwitweten Tante Weber gewohnt hat. Ihr Mann führt die Geschäfte des Hauses Weber, sodaß die Schwester als die eigentliche Erbin im Wohlstand lebt; Heinrich Pestalozzi hat sich in seiner Not an sie um ein Darlehen gewandt, und wirklich erscheint eines Tages im November sein Bruder Johann Baptista, der nach wechselnden Jahren einer verunglückten Kaufmannschaft wieder in Zürich lebt, als ihr Mittelsmann, den letzten Versuch einer Rettung zu machen. Es kommt ein Vertrag zustande, worin die Scheune mit zwanzig Jucharten um den Preis von fünftausend und etlichen Gulden verkauft wird, um damit Deckung für die dringendsten Schulden zu gewinnen.

Eifrig wandert Heinrich Pestalozzi eines Morgens nach Hallwyl hinaus, seiner kranken Frau die glückliche Wendung anzusagen, und schon malt er sich den Traum einer Kolonie aus, wo Anna mit dem Knaben wieder auf dem Neuhof ihr ruhiges Heim haben soll, während die Zöglinge rundum mit einzelnen Hausvätern in besonderen Gebäuden wohnen; aber als er heimkommt, ist Johann Baptista mit dem Geld unterwegs, sich in Amerika eine Farm zu kaufen, wie er ihm in einem Abschiedsbrief hinterläßt. So steht er mitten in seinem Unglück auch noch vor dem Zwang, für die Mutter und vor der Welt seinen ehrlichen Namen zu retten. Er muß zum andernmal nach Hallwyl, und nun wächst kein Traum einer Gartenkolonie mehr in seiner verdüsterten Seele; er geht noch am selben Tag, und weil es Abend geworden ist, den größten Teil des langen Weges in der Dunkelheit. Hinter Lenzburg verirrt er sich und findet die Brücke nicht über die Aa, bis er durch das kalte Wasser hindurch watet. Ein paarmal ist der Gedanke in ihm, daß die Verirrung dauernd werden möchte, dann hilft ihm der aufgehende Mond mit seinem ungewissen Licht auf die Straße zurück, die ihn mit eisnassen Strümpfen nach Schloß Hallwyl bringt. Da wartet er in der Dunkelheit des Morgens wie ein Bettler am Tor, bevor er einen Knecht herausgeklopft hat.

Nun muß Anna Schultheß noch einmal die Taschen ihrer wohlhabenden Herkunft absuchen; ihr Vater, auch Freunde helfen schließlich, den Schlund notdürftig zuzustopfen -- wie sie den Neuhof nennen -- nur wird ihm unbarmherzig die Bedingung auferlegt, die Anstalt zu schließen. Und damit es keinen Ausweg gibt, wird ein neuer Verkauf gemacht, worin Johann Heinrich Schultheß die Fabrik und den größten Teil des Landes übernimmt, um einen Pächter einzusetzen.

So kommt nach fünf Jahren der Tag, da Heinrich Pestalozzi seine Dienstleute entlassen und die Kinder wieder in die Bettelarmut zurückgeben muß, daraus er sie in seinen Neuhof geholt hat. Er findet noch die Tapferkeit, ihnen allen mit einer Abschiedsansprache ans Herz zu gehen, und es sind nun doch viele Hände, die sich nach ihrem Vater strecken. Dann aber, als auch dieser Vorfrühlingstag im ewigen Kreislauf der Gezeiten dunkel wird, bleibt er allein in den verlassenen Stuben zurück. Die Messinglampe ist noch da, die ihm so manchen Abend seiner einsamen Jungmannszeit in Müligen erleuchtet hat; er steckt sie nicht an, obwohl unter dem bedeckten Himmel kein Stern aufkommen will; es tut ihm wohl, daß seine Augen nichts mehr von allem zu sehen brauchen, das nun sinnlos geworden ist. Die ganze Nacht hindurch sitzt er wach in seinem Stuhl; erst als der Morgen kommen will, legt ihm der Schlaf seine Hand auf die Augen, daß er das Gespenst des leeren Hauses nicht in der Todestraurigkeit der ersten Morgenfrühe sähe.

53.

Am Nachmittag des andern Tages schließt Heinrich Pestalozzi die Tür am Neuhof zu, die dritte einsame Wanderung dieser Tage anzutreten. Bis Brugg weiß er noch nicht, wohin sie führen soll, dann ist es der Ratsschreiber Iselin in Basel, an den sein inneres Gefühl sich wendet; er sieht die klargütigen Augen des Mannes und hört seine Stimme, als ob er schon vor ihm stände: von allen Freunden seiner Jugendheimat weiß er keinen seiner Not so nah wie diesen ihm wesensfremden Basler, zu dem er nun über den Jura wandert. Er kommt an dem Tag nur noch bis Frick und als er da eine Herberge suchen will, merkt er, daß er ohne Geld wegging. Es scheint ihm fast recht, denn mehr als ein Bettler kommt er sich kaum vor; müde sitzt er am Wegrain und denkt schon, sich um Gotteswillen ein Obdach zu erbitten, da treibt ein Ziegenhirt seine Herde an ihm vorbei, lustig auf einer Holzpfeife blasend, die er aus jungem Saftholz geschnitten hat. Er selber hätte ihn garnicht erkannt, aber der Bursche hält gleich mit dem Stecken sein meckerndes Volk zurück und ruft ihn an, höflich den alten Hut lüftend. Es ist ein Zögling, der vor einigen Jahren als Waisenkind kurz bei ihm war und nun in Frick die Ziegen hütet. Treuherzig von ihm eingeladen, geht Heinrich Pestalozzi mit auf den Hof, wo er bei einem rechtschaffenen Bauer -- der durch den Burschen Gutes von ihm weiß -- ein sauberes Lager angeboten erhält, bevor er darum zu bitten braucht.

Der freundliche Zufall gibt ihm eine bessere Stimmung in den andern Morgen, da er nach dankbarem Abschied seine Wanderung fortsetzt; und eben läuten die Basler Glocken den Mittag ein, als er gegen Sankt Albanstor kommt. Da hat sich ein Blinder an den Weg gesetzt, seinen Hut vorzustrecken, so oft er Schritte hört. Heinrich Pestalozzi vermag nicht, an ihm vorbeizugehen, und weil er nichts anderes schenken kann, löst er die silbernen Schnallen von seinen Schuhen und wirft sie in den Hut. Er fühlt, daß es unnütz ist, aber in seinem Zustand tut es ihm zornig wohl, das Letzte freiwillig hinzuschenken, wo ihm soviel gewaltsam genommen ist. Doch vermag er ohne die Schnallen nicht zu gehen, und so flicht er aus Binsengras ein paar dünne Riemchen, mit denen er die Schuhe zur Not bindet.

Mehr als einer in den geläufigen Gassen sieht verwundert nach seinen Füßen, und auch der Ratsschreiber, als er den unvermuteten Gast selber an der Tür abnimmt, vermag seine Blicke nicht zu behüten. Da Heinrich Pestalozzi nicht mit der Unwahrheit vor ihm stehen will, als fehle es ihm schon derart am nötigsten, erzählt er ihm den Vorfall, worauf ihn Iselin, der im Alter sein Vater sein könnte, kopfschüttelnd und nassen Auges über soviel Einfalt in die Arme schließt. Nach diesem Empfang ist es ihm nicht mehr schwer, die letzten Stationen des Leidensweges seinem Patron bekannt zu geben, der sich mehr als ein andrer in den Ephemeriden und sonst für ihn eingesetzt hat. Er ist bis ins einzelne vorbereitet und hat auch schon eine Antwort zurecht, die mehr als ein leerer Trost ist: die Anstalt sei ein Experiment gewesen, und wer in der Wissenschaft gearbeitet habe, wisse wohl, daß es auf die Resultate ankomme. Freilich bliebe es für ihn ein Schicksalsschlag, daß er das Vermögen seiner Frau dabei verloren habe; aber er sei jung und besäße in seinem Neuhof immer noch ein gutes Dach über dem Kopf. Am Ende wäre alles für ihn nur die Grundlage einer anregenden und fruchtbaren Schriftstellerei gewesen. Ob an dem Emil etwas schlechter würde, wenn Rousseau selber etwa mit einem solchen Erziehungsversuch gescheitert wäre? Man könne freilich mit derartigen Dingen keine goldenen Berge erwerben, aber eine bescheidene Ernährung solle sich eine so starke Feder wie die seine schon erzwingen können. Da wäre zum Beispiel das Preisausschreiben der Basler Aufmunterungsgesellschaft: Wieweit es schicklich sei, dem Aufwand der Bürger Schranken zu setzen? Ob er es nicht einmal um die zwanzig Dukaten versuchen wolle?

Iselin spricht das alles noch vor seinem Stuhl stehend, und reicht ihm die Nummer der Ephemeriden hin, als ob es nur noch an ihm läge, die zwanzig Dukaten einzuheimsen; dann geht er hinaus, den Gast zum Essen einzumelden. Der sitzt mit dem Blatt in den Händen und vermag keinen Buchstaben zu lesen; die Stimme des Ratsschreibers ist wie ein Frühlingsregen auf seine verstaubte Stimmung gerieselt; auch hat er die Worte nicht alle verstanden, nur wohlig den herrlichen Ton der Gesinnung und den unbeugsamen Willen gespürt. Warum bin ich nicht mit meinem Werk in der Nähe dieses Mannes gewesen statt in der Daseinsluft des Metzgers Märki? denkt er immerfort, und die Tränen rinnen ihm auf den Rock. Er ißt mit ihm, und als der Ratsschreiber -- der gerade Strohwitwer ist -- mit einem Scherz das Glas gegen das seine hebt, vermag er schon wehmütig wieder zu lächeln. Er läßt sich danach drei Tage lang von ihm betreuen, auch seine Schnallen bekommt er wieder, weil der Ratsschreiber sie heimlich bei dem blinden Stammgast vor St. Alban eingelöst hat, und als er in der vierten Frühe die Rückwanderung antreten will, hat ihm der väterliche Iselin einen Platz bei der Post bezahlt. So kann er dem Ziegenhirt hinter Frick nur von fern zuwinken, nicht einmal sicher, ob der auf ihn rät. Ihm ist er auf dieser traurig begonnenen Wanderfahrt fast so wert gewesen wie der Ratsschreiber, und noch während die Post in den breiten Talkessel von Brugg einrollt, denkt er, daß sein Traum einer menschlichen Gemeinschaft trotz aller Verschiedenheit der Stände, geeinigt durch ein sittliches Bewußtsein, doch nicht von den Sternen wäre.

Trotzdem wird es ihm schwer, von Brugg aus den Weg in das Trümmerfeld seiner Wirksamkeit zu gehen, wo viele ihm ohne Gruß begegnen und einige Buben ihm höhnisch nachrufen. Aber als er gegen den Neuhof kommt, sieht er einen Knaben emsig am Brunnen spielen, der, als er ihn erkennt, jubelnd in seine Arme läuft. Es ist das Jaköbli, und die Mutter -- der er Nachricht von Basel gegeben hat -- ist auch da; sie sitzt, noch schwach von ihrer Krankheit, auf einem Baumstamm in der Sonne und hält tapfer lächelnd den Regenschirm in der Hand: Wir dachten, es möchte regnen; aber, Lieber, die Sonne scheint! Und erst als sie beide, den Kleinen an den Händen zwischen sich, hinein gegangen sind und die verlassene Stube mit ihrer Gemeinschaft füllen, daß die Leere durchs Fenster entweicht, tritt auch die Frau von Hallwyl zu ihnen, die unterdessen beiseit gegangen war.

54.

So unsicher die Aussicht auf die zwanzig Dukaten der Aufmunterungsgesellschaft und die anderen Schriftstellereinnahmen für Heinrich Pestalozzi vorläufig ist, so bestimmt stehen die Schildwachen der Bedrängnis rund um den Neuhof. Es fehlt am Nötigsten, und für Anna ist die Zeit gekommen, die ihre Mutter prophezeite, ja selbst das Brot ist nicht immer da. So sieht sich Heinrich Pestalozzi als Schriftsteller in der lächerlichen Bedrängnis, nicht einmal das notwendige Papier zu haben. In dieser Not fällt ihm ein alter Erbkoffer ein, der mit anderem Haushalt von der Mutter bei der Einrichtung in Müligen herübergekommen ist und seit Jahren vergessen auf dem Speicher steht. Irgendein Vorfahr hat sein Leben lang in der Lotterie gespielt, und zwar in der Meinung, daß sich das Glück in Tabellen nachrechnen und erlisten ließe. Für diese Tabellen hat er sich dann Bogen mit roten Linien herstellen lassen, die Berechnungszahlen einzutragen. Damit ist der ganze eisenschwere Koffer gefüllt, durch den nun der gewinnsüchtige Vorfahr seinem Erben einen späten Liebesdienst leistet; denn selbst da, wo schon Zahlen eingeschrieben sind, lassen sich die Bogen noch benutzen, und Hunderte sind ganz frei.

In diese rote Linienwelt schreibt Heinrich Pestalozzi das erste Resultat seiner Erfahrungen nieder, und es scheint fast, als ob die Tabellenfächer die äußere Form bestimmten: es werden lauter einzelne Sprüche daraus, deren Weisheit in den roten Linien wie der Honig in Bienenzellen voneinander abgetrennt ist; aber ihr Geschmack ist bitterer Wermut. Er nennt sein Schriftstück die »Abendstunde eines Einsiedlers« und schickt es Iselin nach Basel, der es auch sogleich in die Ephemeriden gibt. Dadurch ermutigt, macht Heinrich Pestalozzi sich auch an die Preisaufgabe der Aufmunterungsgesellschaft.

Es liegt nicht an der roten Liniatur, daß sein Eifer bei der zweiten Schrift erlahmt; so reich die Gedanken drängen, so schwer fließen ihm die Sätze dazu, auch mit den Forderungen der Schriftsprache kommt er nur seufzend zurecht. Er muß Bogen vollschreiben, um einige brauchbare Zeilen zu gewinnen, und die scheinen ihm wie gepreßte Pflanzen. Sich und die Seinigen zu ernähren -- das sieht er bald -- ist es kein Geschäft. Um andere Wege zu versuchen, nimmt er zum zweitenmal den Stecken, diesmal nach Zürich, wo die meisten seiner Freunde wohnen. Wieder geht er zu Fuß; es ist nur ein kleiner Tagesmarsch, und schon am Nachmittag kommt er zur Sihlporte herein. Eben will er über den Rennweg gegen das Fraumünster hin, als ihm einer der Schulgenossen begegnet, mit denen er damals nach Wollishofen hinaus gerudert ist, er hat ihn seither oft gesehen, zuletzt bei der lustigen Gesellschaft, die ihn nach seinem ersten Weihnachtsbesuch im Pflug ans Schiff brachte. Er freut sich, gleich einem Bekannten zu begegnen, aber ehe er noch bei ihm ist, entweicht der andre in eine Nebengasse.

Als er nachher das Erlebnis dem Buchhändler Füeßli erzählt, der von allen Zürchern am treuesten zu ihm steht, obwohl er nicht zart mit Worten ist, läuft der nach seiner Gewohnheit einigemal in der Schreibstube hin und her, wirft zornig ein Bündel Papier aufs andre, bis die Schriften in einem rechten Durcheinander sein müssen, und sagt ihm dann mitten ins flehende Gesicht: soviel sollte er doch die Zürcher kennen, daß sie ihn nur noch fürs Armenhaus oder das Spital kalkulierten; in einem Jahrdutzend eine vermögende Frau arm zu machen und wer weiß wen geschäftlich zu schädigen, das ginge ihnen über das bürgerliche Maß. Wenn er ehrlich sein wolle, müsse er ihm schon sagen, daß ihn seine Mitbürger für einen bösartigen Narren hielten! Dabei wirft er sein Kontobuch, das er gerade ergriffen hat, mit einem solchen Zorn in die Papiere, daß sein Tintenfaß erschrocken aufspringt und die Umgebung mit mehreren Klexen bespritzt. Er schüttelt ihm dann zwar freundlich die Hand, aber immer noch hat sein Zorn einen Hinterhalt: Was er denn meine, daß ihm Lavater gesagt habe? Er solle ihm einen einzigen Satz von Heinrich Pestalozzi beibringen, der sauber und ohne Fehler geschrieben wäre, dann wolle er ihn auch sonst noch für eine Sache im Leben brauchbar halten! Aber das unterschreibe er, der Hans Heinrich Füeßli, nicht; wenn er nur erst von seiner Narrheit abkäme, andern helfen zu wollen, bevor er sich selber geholfen habe, so würde sich schon etwas für ihn finden!

Das hat der Gekreuzigte auch hören müssen, sagt Heinrich Pestalozzi, den der Zorn des andern angesteckt hat, und fegt nun auch hin und her, sodaß es für einen Dritten, der in die Stube gekommen wäre, ausgesehen hätte, als machten die beiden ihre schlimmsten Händel aus. Dann überkommt ihn die Verzweiflung: Und wenn ich Perücken strählen müßte, ich würde es um der Meinigen willen tun! sagt er schmerzlich und läuft aus der Stube, weil ihm die Tränen fließen.

Im Roten Gatter findet er auch keinen Trost; die Mutter, nun schon sechzigjährig, sieht ihn augenscheinlich in den Fußspuren seines Bruders, und das Babeli, eisgrau und wunderlich geworden in der Einsamkeit mit der verhärmten Frau, redet mit ihm, als ob sie ihn am liebsten noch einmal verwalke. Er muß von seinen Dingen günstiger sprechen, als sie sind, und vermag nicht über Nacht zu bleiben. Noch vor dem Abend geht er unter dem Vorwand dringender Geschäfte fort und auf Umwegen aus der Stadt; er ist in den letzten Monaten in eine wahre Gier gekommen, nachts zu wandern. An der Sihlporte fallen ihn die Wächter mit scharfen Fragen an; wo ehemals ausgediente Stadtknechte ihr Altersbrot hatten, stehen jetzt in aufgeputzten Uniformen stattliche Burschen, als ob sie für die Fremden zur Zier dahingestellt wären. In seiner Stimmung ärgert ihn die Neuerung, und während er in die sinkende Dunkelheit hinein läuft, verbeißt er sich in einen Zorn, daß solcherweise die Fortschritte wären, für die das Geld blindlings geopfert würde. Er fühlt wohl, daß der Anlaß seinem Zorn nicht entspricht, und um sich selber zu begegnen, übertreibt er den Vorfall, bis eine Schnurre daraus geworden ist, über die er selber mitten in die Nacht hinein lachen muß.

Er kommt damit bis Baden; und wenn ihn dann seine Müdigkeit und die Nähe des Neuhofs wieder in seine Melancholie bringen, sodaß er sich die letzten Stunden nur noch in einer tonlosen Traurigkeit hinschleppt: am andern Morgen ist doch noch so viel von der höhnischen Lustigkeit dieser Nacht in seinem Bett, daß er bis in den Mittag darin liegen bleibt und von neuem an der Schnurre formt. Nachher nimmt er sich einige von den stockfleckigen Lotteriebogen vor und hängt seine Einfälle in die roten Linien hinein; ohne Sorgen, wie die Sätze werden, nur daß er seinen Zorn noch einmal so närrisch losbekäme. Um dem treuen Füeßli den Beweis seiner vollkommenen Narretei zu geben, wie er in einem Begleitbrief schreibt, schickt er ihm die Bogen zu; dann begibt er sich ingrimmig wieder an seine Preisaufgabe.

Er ist noch dabei, aus dem Wust mit Ändern und Streichen die endgültige Fassung zu gewinnen, als er eines Nachmittags eine saubere Weibsperson mit einem Bündel kommen sieht, die bestimmten Schrittes auf den Neuhof zugeht und die er danach im Hausflur mit seiner Frau sprechen hört. Es scheint ihm, daß er sie kennt, und als er, von dem Jaköbli gerufen, hinzukommt, ist es die Lisabeth Näf aus Kappel, die vordem bei seinem verstorbenen Onkel, dem Doktor Hotze, als Dienstmagd gewesen und, soviel er weiß, von dessen Sohn -- seinem Vetter -- übernommen worden ist. Sie wolle bei ihnen in Dienst treten, erklärt ihm Anna, die augenscheinlich mit der resoluten Jungfer nicht fertig wird. Das würde schwer gehen, sagt er, sie seien arm und könnten keine Dienste bezahlen! -- Eben deshalb käme sie; sie wolle keinen Lohn; solange Frau Pestalozzi noch nicht gesund sei, müsse ihr jemand an die Hand gehen. Auch habe sie von dem Undank seiner Zöglinge gehört, daß sie ihm alle davon gelaufen wären, und da sie sich in Richterswyl nach dem Tod des alten Herrn entbehrlich oder gar überflüssig fühle, wolle sie versuchen, ihre Nahrung, mehr nicht, bei ihnen zu verdienen.