Lebenstag eines Menschenfreundes
Part 11
Eines Nachmittags muß er eine Bekannte seiner Frau zum Pfarrer nach Birr zurück begleiten, wo sie auf Besuch ist. Sie kommt aus Zürich und ist mit dem Aufwand der städtischen Mode derart geputzt, daß die Kinder aus den Häusern kommen und einige ihr nachlaufen. Gleich hat sie einige Batzen zur Hand, die sie zum Spaß hinwirft: nicht anders, als ob Hühner nach hingestreutem Futter sprängen, sind sie augenblicklich in einer Balgerei, die gleich einem Ball von Staub und Geschrei über den Weg rollt. Andere laufen neugierig herzu, und da die Zürcherin sich den Spaß noch ein paar Batzen kosten läßt, vergrößert sich der balgende Knäuel, indessen die herzlose Person vor Lachen wie toll auf ihren zierlichen Stiefelchen herum springt. Bisher hat Heinrich Pestalozzi alles für unbedachten Übermut gehalten, aber als sie ihm mit schadenfrohen Augen entgegen tritt -- da haben Sie Ihr Volk, Herr Pestalozzi -- und lachend gegen das Pfarrhaus davonläuft, erkennt er, daß der unwürdige Auftritt sein Gespräch mit ihr beantworten und verhöhnen soll.
Der Zorn über ihre Herzlosigkeit macht ihn wild: Dann gehöre ich auch dazu! schreit er ihr nach und fährt mitten in die Balgerei. Das erste, was er ergreift, ist der Schopf eines stakigen Mädchens, das gerade über einen Vierjährigen herfällt, ihm seinen Batzen aus der Hand zu reißen. Ehe er noch selber weiß warum, hat er sie und ein halbes Dutzend der andren verwalkt und ihnen, soviel sie kratzen und beißen, die Batzen abgenommen. Einigen gelingt es, mit ihrer Beute davon zu laufen; die nichts haben, bleiben stehen, und als er das eroberte Geld überzählt, braucht er nur drei Batzen aus seiner Tasche hinzu zu legen und er hat für jeden einen: Hier ging Gewalt vor Recht, sagte er, nun aber steht Recht vor Gewalt! zählt jedem seinen Batzen aus, vom Kleinsten angefangen, und heißt sie heimlaufen. Die nichts gerafft hatten, denen ist es recht, die andern aber -- die ihr erobertes Eigentum aus seinen Händen verteilt sehen -- rufen mit mörderlichem Geschrei die Ihrigen zur Hilfe, sodaß Heinrich Pestalozzi froh ist, als er den letzten Batzen verteilt hat und sich heim wenden kann. Doch hängt sich das schreiende Gefolge an ihn, und einige Mütter, von ihren Kindern aufgeklärt, fordern drohend den Raub zurück. Unter Schimpfreden und Steinwürfen kommt er gegen den Neuhof, wo ihn Anna mit dem Knaben an der Hand erschrocken empfängt; denn nun erst nimmt er wahr, daß er im Gesicht und an den Händen von Kratzwunden blutet und mit seinen Kleidern durch den Staub gewälzt ist. In der folgenden Nacht geschieht es zum ersten Mal, daß ihm einige von seinen blitzblanken Fensterscheiben eingeworfen werden.
48.
Das Ergebnis dieser mißglückten Ausgleichung erschüttert Heinrich Pestalozzi ebenso tief wie der höhnische Anlaß, und tagelang vermag er nicht mehr an seine Dinge zu gehen, so mutlos wird er. Es ist nun schon das sechste Jahr, daß er sich müht mit der Landwirtschaft, und es ist nichts dabei heraus gekommen, als daß er sich und andere in Sorgen und Verluste gebracht hat; er sieht kein Ende, danach es anders werden könnte. Indessen gibt es solche Stadtfräuleins und solche Bettelbuben, als ob sie in der Welt sein müßten wie alles Gute auch, und aus allen seinen Plänen geschieht nichts, was etwas daran ändern könnte; denn selbst, wenn er zum Wohlstand seiner Träume käme: die Unfeinheit der einen und die häßliche Habgier der andern wäre damit doch nicht geändert. Wieder einmal erkennt er die Quellen allen Übels in der Natur des Einzelnen; und furchtsam sieht er auf seinen Knaben, der nun ins vierte Jahr geht und die ersten Anzeichen seiner Persönlichkeit nicht mehr verbirgt. Es ist sein Sohn, und schon meint er die eigenen Fehler an ihm zu sehen, seine Zerstreutheit, Unordnung und den unsteten Eigensinn. Namentlich die listigen Versuche des kindlichen Eigensinns besorgen ihn; es ist nicht anders, als ob der kleine Geist unausgesetzt eine Machtprobe gegen die Erwachsenen mache.
Unvermutet kommt Heinrich Pestalozzi in Eifer, an seinem Jaköbli den Schlichen und Trotzproben dieser kindlichen Willenskraft mit Experimenten nachzugehen, immer bemüht, die störenden Blätter beiseite zu biegen, damit der Kern aus sich selber wachsen könne. Er sieht erstaunt und betroffen zugleich, wieviel Schleichwege der kindliche Geist schon kennt, der Erziehung auszuweichen, und wievieler Strenge es bedarf, ihn dieser Schleichwege zu entwöhnen. Die Erinnerung an die eigene Jugendzeit macht seine Besorgnisse nicht geringer; denn nun meint er zu sehen, warum er selber solch ein im Wind der Gefühle schwankendes und von dem Rankenwerk wirrer Einfälle behangenes Gewächs geworden ist. Anna versucht ihm zu wehren, wo er dem Kleinen zu arg zusetzt; aber als der Winter gekommen ist, scheint es seinem entzündeten Eifer schon, als gäbe es nichts Dringlicheres für ihn und andere in der Welt, als diese Dinge in unausgesetzten Versuchen klar zu stellen; denn alles, was mit einem Menschen später auch geschähe: seine Kindheit bliebe die Wurzel seines Schicksals; wie die ins Erdreich finde, so wüchse es.
Als das Schwierigste erkennt er bald, die Wartung der kleinen Seele so zu halten, daß sie den Mut und die Freude nicht verliert; und es ist sein Knecht, der ihn auf diese Weisheit bringt. Denn als der das Jaköbli einmal in seiner Gegenwart einige Weisheiten sagen läßt, die er draußen am Bach mit ihm gelernt hat, und mit Vaterstolz fragt: ob der Knabe nicht ein gutes Gedächtnis habe? schüttelt der Knecht, der mit der kindlichen Munterkeit auf einem andern Fuß steht, traurig den Kopf: Das wohl, jedoch Ihr übertreibt es mit ihm! Und als er ihm betroffen sagt, das könne nicht wohl sein, weil das Jaköbli sonst sicher die Freude verlöre und furchtsam würde; dann hieße es natürlich, vorsichtig seinem Geist nachzugehen -- da richtet sich der Klaus von seinem Holzscheit auf, daraus er einen Schwengel schnitzen will, und die Freude steigt ihm ins ehrliche Gesicht: Ihr achtet also des Mutes und der Freude! Eben das hatte ich gefürchtet, daß Ihrs vergessen würdet!
O, Klaus, sagt Heinrich Pestalozzi da zu seinem Knecht, und der Schrecken mischt sich mit dem Glück über das Wort: alles Lernen wäre nicht einen Heller wert, wenn Mut und Freude dabei verloren gingen!
49.
Es ist zum erstenmal, daß Heinrich Pestalozzi sich selber als Entdecker fühlt; was er bis dahin auch getrieben hat, von seiner Jünglingsschriftstellerei bis zur Landwirtschaft, immer hat ein anderer das Tor aufgeschlossen: hier aber hält er den Schlüssel selbst in der Hand, und so scheint ihm auch die nebensächlichste Erfahrung seiner Erziehungsversuche wichtig genug, sie in einem besonderen Tagebuch wortwörtlich aufzuzeichnen.
Mit diesen Aufzeichnungen tritt er aber auch den Gedanken seiner Jugend wieder näher, und als im Frühjahr die Helvetische Gesellschaft ihre vierzehnte Tagung in Schinznach abhält, pilgert er hinüber, zum erstenmal im Kreis dieser Männer zu sein, die aus dem herrschsüchtigen Kantonsgeist wieder einer Eidgenossenschaft im Sinn der Väter zustreben. Da sieht er den greisen Ratschreiber Iselin aus Basel, dessen Gestalt als ein neuer Stauffacher in der jungen Schweiz ein sagenhaftes Vorbild ist, und all die andern Träger würdiger Namen. Er meint fast, noch einmal in der Gerwe zu sein, so werden die spartanischen Vorbilder seiner Jünglingszeit in einem Vortrag wach, den der Landvogt Tscharner von Wildenstein hält; aber während der Mann die Abhärtung des Körpers und der Seele als Losung gegen den weichlichen Luxus der Zeit ausgibt, fängt es in ihm selber anders an zu brennen: er denkt an die Scharen der Bettelkinder, und daß keinem Tanner auf dem Birrfeld mit einer solchen Losung gedient sei, die für die Herrenkinder und Stadtbürgersöhne allein gedacht ist. Er sieht die gepflegten Gesichter der Zuhörer, die aus der Sicherheit ihres Standes tapfer und begeistert sind, gegen den Luxus zu kämpfen, und kommt sich plötzlich als ein Fremdling der Armut unter ihnen vor: Es ist eine ältere Generation! will er sich trösten; aber als er am andern Nachmittag allein auf der Höhe bei Brunegg steht, wo der Blick zurück auf das saubere Bad Schinznach trifft, aber vor ihm in die armselige Breite des Birrfeldes geht, fühlt er die Scheidung der Menschlichkeit in arm und reich wie zwei feindliche Heerlager, dazwischen er selber als heimatloser Überläufer im Zwiespalt geblieben ist. Sein Jaköbli bekommt zwar danach manches von den spartanischen Vorschlägen des Landvogts zu spüren, aber ihn selber treibt sein Gefühl in andere Notwendigkeiten.
Unterdessen machen ein böses Frühjahr und ein trockener Sommer auch die Hoffnungen seiner Sennerei zunichte. Die ersten Viehkäufe hat ihm der Märki noch besorgt, und es sind nicht einmal die schlechtesten gewesen; als er sich selber in die Untiefen der Märkte wagt, stellt er oft genug den Dummen dar, den die Händler suchen. Auch hat die kostspielige Einrichtung Schulden auf ihn gelegt, deren Zins ihn schon in guten Zeiten drückte; nun selbst die Bauern mit fetteren Ländereien in Futternot geraten, sitzt er auf seinem steinichten Neuhof bald in der Dürre da. Ein Stück Vieh nach dem andern geht ihm fort, bis der Rest den Aufwand seiner Sennerei nicht mehr ertragen kann. Da er mit den Zinsen in Rückstand bleibt, werden die Gläubiger besorgt; als erst einer sein Kapital gekündigt hat, folgen die andern dem Beispiel, und so steht eines Tages Heinrich Pestalozzi zum zweitenmal vor der Not, daß ihm seine Besitzung versteigert wird.
Es liegen fünfzehntausend Gulden Schulden darauf, und diesmal ist kein Bankherr als Teilhaber da, der sich mit einem Verlust herauszieht. So bitter und demütigend es für Heinrich Pestalozzi ist, nun können nur noch die Erbhoffnungen seiner Frau den Neuhof retten. Sie einigt sich mit ihren Brüdern -- und hat nicht einmal Tränen gegen ihren Spott -- daß sie die dringendsten Schulden für einen entsprechenden Verzicht auf ihre Erbschaft übernehmen. Nur glauben die nicht mehr an seine Landwirtschaft und richten ihm einen Baumwollenhandel ein, wo sie nach Zürcher Art den Rohstoff liefern, den er im Birrfeld zum Spinnen und Weben in die Häuser geben muß, sodaß er nichts als den karg bezahlten Aufseher ihrer Geschäfte vorstellt. Als endlich stürzende Herbstfluten den dürren Sommer auslöschen, ist von dem Traum seines Lebenskreises, der Wohlstand und Segen in der ärmlichen Landschaft verbreiten soll, nichts geblieben, als daß er im Dienst städtischer Fabrikherren die Not des Bauernvolks ausnützen hilft; und es bedürfte nicht der Erinnerung an den Ernst Luginbühl im Webstuhl und an den Großvater mit seiner Verachtung dieser ins bäuerliche Leben einfressenden Industrie, um ihm sein zertretenes Dasein zur Qual zu machen.
50.
Es sind nicht immer die eigenen Kinder der Bauern und Tanner, die Heinrich Pestalozzi in den Baumwollstühlen das Elend ihrer verwahrlosten Jugend weben sieht, sehr häufig sind es Waisen, von der Gemeinde ausgedungen, die ihren Pflegern das harte Brot verdienen müssen. So schneidend traurig es für ihn ist, daß er Anna und ihren Knaben mit in den Zusammenbruch seiner Traumgebäude gerissen hat, schlimmer greift es ihn an, Helfershelfer dieser Ausnützung zu sein. Sein Herz zittert, wenn er in die Häuser muß, und das früh verblaßte Gesicht Ernst Luginbühls kommt wieder in seine Träume. Immer deutlicher fühlt er die Hand des Schicksals, die ihm alles zerbricht, was er selbstgefällig in seine Hand nimmt; und tagelang kann er verscheucht im Neuhof sitzen, über seine Schuld an diesem Schicksal zu grübeln. Zuletzt empfindet es sein verscheuchter Geist fast als Milderung, daß die Teuerung ihm noch schlimmeres Elend vor den Neuhof treibt.
Denn die an den Webstühlen sitzen, haben immer noch Bett und Brot, während ihrer viele von der Hungersnot in den Straßenbettel getrieben werden, daß sie wie herrenlose Hunde die Häuser der Reichen umlagern und auf den Abfall der Haushaltung warten. Auch vor den Neuhof kommen sie scharenweis, und Heinrich Pestalozzi, der ihre Hudeln und die von der Krätze entstellten Hände, ihre Frechheit und die Verkommenheit der jungen Gesichter sieht, kann Tränen der Bitterkeit weinen, wenn er bei diesem Anblick an den Vortrag des Landvogts Scharner denkt; solange es Luxus und dieses grausame Elend gleichzeitig gibt, sind alle patriotischen Träume leichtsinnige Spielereien. Es treibt ihn, sich ganz zu den Enterbten zu schlagen, und oftmals nimmt er ihrer einige ins Haus, mehr als das Brot mit ihnen zu teilen; er sieht, wie unmenschlich sie schon geworden sind, gierig und in aller Heimtücke der Verstellung geschickt: aber er wendet unermüdlich die Erzieherklugheiten an, die er an seinem Jaköbli erfahren und geübt hat und immer sicherer wird es ihm, daß er damit an ein Zaubermittel rührt, ihrer Verkommenheit statt von außen von innen zu begegnen. Was sonst in Stadt und Land sich als Wohltätigkeit breitmacht, setzt eine Weltordnung voraus, dazu die hilflose Verkommenheit der Armut so unabänderlich gehört wie der Überfluß des Reichtums, während -- das wird ihm sicherer mit jedem Tag -- in jedem dieser Bettelkinder der natürliche Keim zu einem rechtschaffenen Menschen steckt, nur daß keiner daran denkt, den zu bilden und also der Armut von innen beizukommen.
Was in andern Zeiten für Heinrich Pestalozzi nur eine hitzige Erfahrung gewesen wäre, das ergreift seine gedemütigte Natur nun zur Rettung, und eines Tages löst die Verzweiflung dieser Zeit die tiefe Erkenntnis seines Schicksals aus: Ich mußte arm werden aus meinem Hochmut der Wohlhabenheit; denn wie soll einer dem Armen helfen können, der mit den Sorgen seines Besitztums belastet ist? Wohlstand und Reichtum sind Zwangsherren; was für Umstände und Vorsichten braucht es, sie zu erhalten? Der Reiche kann nicht der Bruder des Armen sein; denn Geben und Nehmen scheidet ihre Seelen. Darum steht im Evangelium geschrieben: verkaufe, was du hast, und gibs den Armen!
Seine Frau erschrickt, wie sie die Botschaft hört; sie fühlt sofort, daß dies eine neue Prüfung wird; doch kennt sie ihre Sendung, das Senkblei seiner Stürme zu sein, und obwohl sie um ihren Knaben zittert -- der durch all die neuen Worte des Vaters nicht gestört worden ist, aus seinen Brettchen ein Haus zu bauen, und der sie ungestüm an der Hand herbei holt -- nickt sie dem Mann erst zu, bevor sie das Wunderwerk des Knaben bestaunt. Es ist einer wie der andere, denkt sie und sieht die Spalten zwischen den Brettern, die trotzdem ein Dach bedeuten sollen: aber es sind Männer und sie wollen bauen, während wir Frauen wohnen möchten.
Heinrich Pestalozzi hat nichts von ihrer Bewegung gemerkt, er ist hinausgegangen in den Abend, wo der verspätete Herbstregen schon wieder in Strömen fließt, und läuft dem Sturz seiner Gedanken nach bis in die Dunkelheit. Und während die Täglichkeit danach auf dem Birrfeld ihre Herbstarbeiten macht und mancher Blick mit Mitleid das niedrige Dach des Neuhofs streift, wo die Sorgen -- wie jeder weiß -- dem vorwitzigen Herrenbauer aus Zürich ans Fundament seines Daseins gegangen sind, sitzt Heinrich Pestalozzi glücklich bei seinem Knaben und baut Häuser, Brettchen auf Brettchen, ob sie zusammenstürzen, unermüdlich aufs Neue, bis der Plan seiner Armenkinderanstalt fertig ist: Ich habe ein zu großes Haus, sie haben keins; mir fehlen die Hände, die Felder zu bestellen, und ihnen mangelt die Arbeit! Was gilts, wenn wir Armen uns zusammentun, sind wir reich! Sie sollen mir spinnen für ihren Unterhalt, und ich will sie lehren. Ich will sie säubern von ihrem Schmutz und will selber rein werden von den Geschäften, für die ich nicht geschaffen bin. Ich habe mein Haus Neuhof genannt, als ob es eine Neuigkeit wäre, noch ein Haus wie tausend andere dahin zu stellen; nun aber soll es ein Neuhof sein, wie keiner vordem war: ein Neuhof, wo die Armut sich selber durch Arbeit und Lehre zur Menschlichkeit verhilft, die sonst in Faulheit und Laster betteln geht. Jetzt weiß ich, warum ich auf dieses steinichte Birrfeld mußte; und wenn weiter Sorgen und Not kommen, will ich sie gern tragen, weil es die Sorgennot der armen Menschheit, nicht mehr die meine ist!
51.
Das Jahr ist noch nicht zu Ende, als Heinrich Pestalozzi schon die ersten Bettelkinder im Hause hat. Er kalkuliert, daß der Abtrag ihrer Arbeit die Kosten einer einfachen Erziehung bestreiten müsse, und gibt sich zuversichtlich daran, die Sennerei in einen Raum zum Spinnen umzuwandeln, den er seine Fabrik nennt. Die Schwäger in Zürich, die mit seinen Baumwollgeschäften schon unzufrieden waren, lamentieren über den neuen Plan und beschwören Anna, daß sie ihn davon abhalten möge. Ihnen, die seine Lage kennen, darf er sein Herz nicht öffnen, er muß ihnen vorrechnen, daß es für ihn selber eine Rettung aus seinen Nöten sei; es fällt ihrer Geschäftsgewandtheit nicht schwer, ihm die Irrtümer seiner Kalkulation mit spöttischen Fragezeichen anzumalen; aber weil Anna mit Standhaftigkeit die Mutterschaft seines Armenkinderhauses antritt, schlägt er den Widerstand nicht an.
Für Anna ist es ein Opfer, sie fängt schon an zu kränkeln, auch stehen ihr als Stadtherrnkind die Hände nicht danach, verwahrlosten Bettelkindern die Läuse abzulesen. So schlimm es ihr erging in den Kämpfen dieser Jahre, in den Stuben ist die Ordnung und Reinlichkeit ihrer Gewohnheit geblieben, Freunde sind auf Besuch gekommen, und wenn Abends die Messinglampe brannte, senkte sich doch ein Stück Gottesfrieden in ihren warmen Schein: nun geht das alles hin wie ein schöner Traum; als ob sie selber mit ihrem Knaben ins Armenhaus gekommen wäre, dringt der Geruch der Hudeln und das Geschrei der Verwahrlosung durch ihre behüteten Räume. Aus sich selber hätte sie dergleichen niemals vermocht, obwohl es ihrem Herzen nicht an Edelmut fehlt; der gierigen Tatensucht ihres Gatten vermag sie um so weniger zu widerstreben, als sie das Glück sieht, das nach der mutlosen Dumpfheit so vieler Jahre über ihn gekommen ist. Sie hat ihn nun wieder, wie er als Jüngling werbend vor ihr gestanden hat, trotzig bereit, sich die Adern aufzuschneiden, wenn sein Blut für etwas Edles fließen müßte; und da es dieser rauschhafte Edelmut ist, um dessentwillen sie ihn andern Männern von soliderer Daseinsfestigkeit vorgezogen hat, nimmt sie -- zum wenigsten im Anfang -- auch dieses Los gern auf sich, das ums Vielfache schwerer als das ihres Mannes ist: weil ihr Teil allein die Aufopferung ist, wo er den Genuß seiner Idee und die Befriedigung seiner Natur hat.
Heinrich Pestalozzi weiß von Anfang an, daß es mehr gilt als seine eigene Anstalt, und daß er wohl die Menschenfreunde des Landes anrufen darf, ihm beizustehen; wenn erst sein Versuch gerät, ist allerorten ein Beispiel gegeben, auf menschlichere und gründlichere Art mit der Bettlerplage aufzuräumen als durch Landreiter: das Wort des Großvaters in Höngg, daß er andere Mittel wüßte als die monatliche Betteljagd der gestrengen Herren, liegt ihm dabei wie ein Vermächtnis im Sinn. So scheut er sich nicht, selber die Betteltrommel für sein Werk zu rühren und mit einem Flugblatt an den Türen der reichen Häuser in Basel, Bern und Zürich anzuklopfen. Es ist zum erstenmal seit jener jugendlichen Mitarbeit am Erinnerer, daß er die Feder in die Hand nimmt; er ist unterdessen ein Jahrzehnt älter geworden und steht mitten in den Nöten des Lebens, dem sein Jünglingseifer mit römischen und griechischen Schulideen zu Leibe wollte. So wird es eine andere Rede, als er sie damals aus Demosthenes übersetzte, ein Quell wirklicher Nothilfe fließt darin und rührt an die Herzen, daß vielerorten Gutwillige, von der Neuheit des Planes wie von seiner hinreißenden Darstellung gewonnen, dem Urheber auch das Vertrauen schenken, ihn auszuführen. Was er sich in seiner Lernzeit als Lebensberuf gedacht hat, ein Fürsprech des niederen Volks zu sein, das ist er damit unvermutet doch noch geworden, und die Besten im Lande lohnen ihm seine erste Rede mit freudigem Opfer.
Geschwellt von diesem Beifall wächst sich der Plan bald aus. Anna Pestalozzi mit zwei Mägden leitet die Mädchen in allen Arbeiten der Küche und des Haushalts an, sie lernen waschen, nähen, flicken, auch die einfache Gartenarbeit, während die Knaben mit den Knechten auf die Felder, in die Ställe und in die Scheune gehen: sie sollen für kein anderes Leben aufgezogen werden als das der ländlichen Arbeit, wie es ihrer wartet, und bei allem zugreifen lernen, was die gemeinsame Haushaltung ihnen unter die Hände bringt. Daneben müssen sie spinnen und weben, und hierfür hat Heinrich Pestalozzi das Glück, in der Jungfer Madlon Spindler aus Straßburg eine vortreffliche Lehrmeisterin zu finden, die bald als das Spinner-Anneli im ganzen Birrfeld bekannt ist. Er selber gibt den Kindern Unterricht; denn wenn sie auch zu keinem andern Leben als dem der Armut abgerichtet werden sollen, die Wurzel seines Planes bleibt doch, Menschen aus ihnen zu machen, die das Bewußtsein ihrer menschlichen Würde nicht mehr verlören und auch dem schlimmsten Los die Unverlierbarkeit ihrer Seele entgegenzustellen vermöchten. So lehrt er sie nicht nur das Abc, sondern versucht in die zufälligen Wahrnehmungen ihrer Sinne die Ordnung einer bewußten Anschauung zu bringen, indem er sie anleitet, über das Gefühl des Augenblicks das Urteil ihrer eigenen Erfahrung Meister werden zu lassen. Was er selber in den Gesprächen mit dem Jaköbli erfahren hat, wendet er nun an, und ob er oft einsehen muß, daß ihm viel zu einem Schulmeister fehlt, weil er zu hitzig und zu blind in seinem eigenen Eifer wird, sodaß er leicht mit einem Gedanken schon ans Ende gelaufen ist, während sie noch begossen vom Schwall seiner Worte den Anfang garnicht gefunden haben: so verliert er doch hierin den Mut nicht, schließlich die rechten Kunstmittel zu finden, um auch im Blödesten noch den Keim zu wecken.
Über allem aber steht wie eine himmelhohe Rauchsäule das Glück, als Dreißigjähriger endlich dem Leben zu dienen, statt sich im Erwerb der Lebensmittel aufzureiben. Als der Ratsschreiber Iselin eine Zeitschrift nur für die Fragen der Volkswohlfahrt gründet, die er die Ephemeriden nennt, glaubt Heinrich Pestalozzi wirklich wieder in den Zeiten der Gerwe zu leben; nur, was damals Überschwall jugendlicher Ideen gewesen ist, das lebt nun als Tat und Wirklichkeit, und er steht mitten drin. Kein Geringerer als der Landvogt Tscharner auf Wildenstein tut ihm die Ehre an, in siebzehn Briefen über Armenanstalten auf dem Lande seine Pläne zu erörtern; und wie er ihm darauf mit eigenen Briefen in den Ephemeriden antworten, seine Ansichten und Bedenken, seine Hoffnungen, Erfolge und Enttäuschungen vor den Gebildeten seines Landes darlegen darf, in der Gewißheit, man achtet seiner und horcht auf ihn: da steht Heinrich Pestalozzi endlich da, wohin sein Traum in zwei Jahrzehnten gegangen ist. Nicht zu genießen, sondern zu wirken ist der Trieb seines Lebens; als er mit der Landwirtschaft sein Dasein auf die eigene Wohlfahrt gründen wollte, hatte ihn das Schicksal gedemütigt, bis er die Hand darin erkannte; nun liegt die Landwirtschaft und die Collegienzeit hinter ihm als bittere Lebensschule, die Sehnsucht seiner Jugend ist keine Täuschung gewesen, der Traum wurde doch Wahrheit; und so mühsam, so aufreibend in hundert Hindernissen sein Dasein geworden ist, ein gepeitschtes Wasser, darauf der Kahn seiner Häuslichkeit ohne Segel und Ruder verlassen schwimmt: die Tage seines Glücks sind da, weil nichts mehr zwischen seinem Gewissen und seinen Geschäften steht.
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