Lebensbilder

Part 9

Chapter 93,484 wordsPublic domain

Man munkelte allerhand, und Stern, der die rechte Hand Strousfeld’s war, er, den man als Freund und ~chargé d’affaire~ des Grafen Nesh kannte, wurde vielfach verdächtigt, bedeutende Summen zu anderen, als den gezeichneten Zwecken verwendet zu haben.

Der Begriff von Ehre und Rechtlichkeit ist in gewissen Kreisen gar zu dehnbar, zu elastisch; Stern hatte ein weites Gewissen, dennoch drückte ihn die Verantwortlichkeit. Was heute Geheimniß der Betheiligten war, mußte doch über kurz oder lang entschleiert werden. Kommt Zeit, kommt Rath! tröstete er sich; augenblicklich war die Krisis überwunden; einige gute Speculationen und die eingelaufenen Summen konnten zurückgezogen und ihrer eigentlichen Bestimmung nach verwendet werden. Er hoffte es, wenngleich in schlaflosen Nächten das Gespenst der Sorge aus den Falten des blauseidenen Himmelbettes gar grinsend und unheimlich hervorlugte, Ruhe und Glück verscheuchend.

Der arme, reiche Mann! Was hatte er von seinen Hunderttausenden? Sorge, Aufregung, Qual ohne Ende. Der ärmste Bettler legt sein müdes Haupt zur Erde nieder und findet erquickende Ruhe; seit Wochen floh ihn der Schlaf, unstet irrten seine Gedanken in die Zukunft; die erhoffte günstige Wendung in den Börsenmanövern trat nicht ein; der kommende Ultimo erforderte neue Opfer. Strousfeld war außer Stande, auch nur einen Theil der Gelder auszuzahlen. Stern sah ein, daß er ein gewagtes Spiel gespielt, wohl konnte man das ungläubige Publikum noch für einige Zeit dupiren, doch -- es mußte etwas geschehen, denn auch Graf Nesh fing an zu drängen, daß er seinen „guten Namen“ retten müsse. Welch’ schweren Stand hatte Stern! Was er gethan, konnte er vor sich selbst nicht verantworten; keine Hoffnung, die Angelegenheit zu ordnen! Die fremden Capitalien waren nicht herauszuziehen, sie schienen ihrem Bestimmungszweck verloren. -- Von Tag zu Tag sanken die Course. Ein sogenannter „heller Kopf“ berief eine Versammlung der Actionäre ein und entrollte ein Bild, das eben nicht vertrauenerweckend war. „Wir sind die Geprellten!“ hieß es, „doch wir wollen der Sache auf den Grund gehen; entweder die Bahn, für die wir gezeichnet und gezahlt, wird noch im Laufe dieses Monats in Angriff genommen, oder wir beantragen gerichtliche Untersuchung.“

Jetzt mußte Stern handeln; er sagte sich, daß „Zeit gewonnen, Alles gewonnen“ heiße. Unerschrocken berief auch er jetzt unter der Aegide des Grafen Nesh eine Versammlung der Betheiligten ein. In glänzender, überzeugender Rede suchte er die gegen das Consortium laut gewordenen Verdächtigungen zu widerlegen; wohl sei man nicht vorschnell mit dem Ankauf der Bahnstrecken vorgegangen, da eine günstige Conjunctur abzuwarten, auch der Erfolg einer Zweigbahn erst nach Vollendung der Hauptbahn zu erwarten sei, letztere könne jedoch erst in einigen Monaten dem Betriebe übergeben werden. Die eingezahlten Gelder seien einstweilen sicher in einem der ersten Bankhäuser angelegt; auch Graf Nesh und andere Koryphäen des Consortiums traten dafür ein, daß das Unternehmen den besten Händen anvertraut und eine baldige Durchführung auf solider Grundlage zu erwarten sei.

Man „glaubte“ und die Versammlung ging beruhigt auseinander. -- Doch nun hieß es energisch vorgehen. Weshalb hatte Stern die eingezahlten Gelder dem Hause Strousfeld zugeführt? Es galt, eine damals unabwendbare Zahlungsstockung zu verhüten und somit Zeit zu gewinnen, sein bei Strousfeld engagirtes Vermögen herauszuziehen. Stern selbst hatte an Actien 50,000 Thaler gezeichnet; die Gesammt-Zeichnung betrug 800,000 Thaler. Wohl hatte er den Fall des Strousfeld’schen Hauses hingehalten, seine Gelder theilweise herausgezogen, doch -- ein sinkendes Schiff ist schwer zu retten. Unmöglich, jetzt noch das Steuer richtig zu lenken! Das hatte Stern allerdings nicht voraussehen können; mit Sicherheit hoffte er bei steigender Conjunctur nach einigen Monaten seine Gelder mit guten Zinsen vom Hause Strousfeld erheben zu können; wie so manch ähnliches Manöver war in Börsenkreisen abgespielt und ohne Schaden der Betheiligten zu Ende geführt worden! Es galt für Stern, sein Vermögen, die Ruhe und Ehre der Seinigen zu retten; welche Speculation war um diesen Preis zu gewagt?

Noch vor zwei Jahren, ehe Stern die Bekanntschaft Caspari’s gemacht, hätte er keinen Fehler in seiner Handlungsweise erkannt, doch jetzt war er nicht mehr er selbst, der berechnende Kaufmann, dem der Naturalismus, die Sucht nach Gewinn, über Alles geht -- er hatte sich berauscht an dem sprudelnden Nectar einer edlen Weltauffassung, hatte aus dem Born des reinen Menschenthums ideale Begeisterung getrunken und -- der Dualismus nagte an seiner Natur und schien sie zu ertödten; der Idealist verurtheilte, was der Materialist geboten hielt; aus Liebe zu den Seinen hatte er sich einer verbrecherischen Handlung schuldig gemacht, um sein Vermögen zu retten, so viele Andere um das Ihrige gebracht. Die von ihm gezeichneten 50,000 Thaler waren nur fingirt, doch hatten sie Andere zur Nachzeichnung ermuntert; der Betrug konnte ihm nachgewiesen werden. O, Qual der schlaflosen Nächte, in denen er sich das Hirn zermarterte, wie er Ehre und Vermögen und Glück der Seinen, das ihm noch unlängst so fest begründet schien, retten könne. Noch war keine Aussicht auf Eröffnung der Bahnstrecke, und selbst wenn diese erfolgte -- man weiß ja, daß das erste Jahr ein Versuchsjahr sein muß und keinen Gewinn abwirft.

Zehnmal schon hatte er sich vorgenommen, sich dem Freunde zu vertrauen -- doch konnte er ihm, dem reinen, hochherzigen Manne seine unlautere Geschäftsgebahrung mittheilen?

Caspari hätte ihn kaum verstanden; er würde ihn eher für irrsinnig erklärt haben, ehe er solche Schurkerei geglaubt hätte.

Wie beneidete er Susi um ihre Arglosigkeit. Ja, das Kind war ein Glück für sie, denn hätte sie ihm nicht so ganz ihr Sinnen und Trachten geweiht, die kluge Frau würde längst die Aenderung in ihres Gatten Wesen bemerkt haben.

In der Stadt munkelte man schon viel, daß es mit Stern’s Finanzoperationen schlecht stehe; die „guten Freunde“ zogen sich zurück; Frau Commercienrath Beche, die sonst nie ohne herzlichen Händedruck an Susi vorüberging, wich ihr schon mehrmals, wenn sie einander auf der Promenade begegneten, aus; Frau von Lorm pflegte sonst, wenn sie die junge Frau sah, stets ihren Wagen halten zu lassen und sie zu bitten, in demselben Platz zu nehmen; -- sonderbar! war die sonst so scharfsehende Dame kurzsichtig geworden? Doch Susi war so sehr mit ihrem reichen Innenleben und der Sorge für ihr Kind beschäftigt, daß, wenngleich ihr diese Vorfälle nicht entgingen, sie ihnen doch weiter keine Bedeutung beilegte. Ihr Gatte schien zwar öfter auffallend zerstreut, doch war ihr dies nichts Neues; wußte sie doch, daß seine weitverzweigten Geschäfte, sowie das große Personale, das ihm unterstand, sein Denken sehr in Anspruch nahmen.

Mehrere Monate nach der Katastrophe stand man im Strousfeld’schen Geschäft vor derselben Krisis. Die vom Consortium gezeichneten Summen waren nur theilweise eingezahlt worden; es hatte sich unter Stern’s eigenen Leuten ein Verräther gefunden, der das ganze Manöver aufdeckte. Eine gerichtliche Commission wurde zur Prüfung der Sachlage eingesetzt; Stern hielt seine Position für unhaltbar; nicht nur hatte er die gezeichneten 50,000 Thaler nicht eingezahlt, er hatte im Laufe jener Zeit beinahe das Doppelte aus dem Strousfeld’schen Geschäft an sich zu bringen gewußt, obgleich andere Gläubiger, die frühere Forderungen hatten, zurückgewiesen worden waren.

Vergebens zermarterte er sein Hirn, wie er einen Ausweg finden könne, um wenigstens seinen ehrlichen Namen zu retten. Die Bücher waren mit Beschlag belegt und wurden seine unerbittlichen Ankläger. Jeder Laie konnte aus Ihnen ersehen, daß ein großer Theil des vom Consortium geleisteten Vorschusses in Stern’s Casse geflossen.

Wie beneidete er den ärmsten Commis in seinem Geschäfte, der, sein spärliches Einkommen richtig eintheilend, sorgenfrei, ohne Reue, ohne Furcht leben durfte.

O, hätte ihm nur ein Mensch rathen können, was jetzt zu thun sei.

Schon sah er die Gerichtsdiener kommen, sein Eigenthum pfänden, ihn selbst fortführen, fort von Weib und Kind -- von der alternden Mutter, deren größter Stolz er war, und die es nicht überleben würde, ihn als Verbrecher angeklagt zu sehen.

Verbrecher! er schauderte zusammen. Ja, das war er in den Augen der Welt, und dadurch waren auch sein Weib, sein Kind geschändet!

Doch wie? Ein rettender Gedanke flog durch die fieberhafte Stirn; noch kann er als ehrlicher Mann sterben, noch ist keine Anklage erhoben; es gibt Mittel. -- Geisterbleich saß er da und stierte in die Ferne. Noch einmal trat das Leben mit all’ seinen Verlockungen vor seine Seele, er umarmte in Gedanken das geliebte Weib, er küßte unter strömenden Thränen das Bild des kleinen Berthold, das er bei sich führte. -- „Ja, Euch zu Liebe muß es sein!“ rief er endlich in wilder Verzweiflung. „Der Freund wird Euch schützen, daß Ihr nie das Schreckliche erfahrt, Ihr sollt mich beweinen, als einen geliebten Todten, den die Erde, -- nicht als einen Verbrecher, den das Zuchthaus birgt.“

Als Stern endlich aufstand, schien er um zehn Jahre gealtert. Er ging auf sein Schreibpult zu, nahm ein Paket Streichhölzer, deren Schwefelenden er in eine eigens bereitete Lösung steckte.

„Meine einzige Rettung!“ sagte er seufzend; er griff zur Feder und schrieb lange, lange; den Brief übergab er selbst der Post; als er zurückkehrte stand er sinnend an der Thür des Kinderzimmers. Sie sang so rührend schön: „Bleib’ brav und gut, mein herzig Kind!“ Nein, er hatte kein Recht, ihre holde Ruhe zu stören. „Wer weiß auch,“ sagte er sich, „ob mir die Kraft bleibt, den Entschluß auszuführen, nachdem ich sie noch einmal gesehen!“ Festen Schrittes ging er in sein Arbeitszimmer, das er sorgfältig verschloß; dort stand der todtbringende Trank.

„Besser leiblich als moralisch todt!“ sagte er sich und trank muthig den Becher zur Neige! --

IX.

In der fünften Stunde erhielt Dr. Caspari einen Brief von Stern’s Hand. „Gewiß eine Einladung zu heute Abend!“ sagte er erfreut, doch starr und bleich wurden seine Züge, als er den Brief durchflogen:

„Du einzig wahrer Freund! Ich muß in Deine Hände ein schauerliches Vermächtniß legen; beklage mich und erfülle meinen letzten Willen; stehe meiner Susi, meinem Kinde zur Seite, wenn ich nicht mehr bin. Du als Advocat hast Einblick in die Strousfeld’schen Acten; meine Gebahrung erscheint strafbarer als sie ist; hätte jener Elende nicht mein Geschäftsgeheimniß verrathen, ich hätte Alles zum Guten wenden können; jetzt ist es leider unmöglich. Trachte, daß Susi mit dem Kinde die Residenz meidet; der Arzt hat ihr ohnehin ein Seebad verordnet; sie wird mich betrauern und mein Andenken ehren; dies gibt mir die Kraft, den schrecklichen Entschluß auszuführen. Dr. Senter wird einen Herzschlag als Todesursache constatiren. Die Untersuchung kann sich noch Wochen hinziehen; inzwischen richte es ein, daß Susi nach Misdroy übersiedelt; falls Gerüchte auftauchen, hoffe ich, kommen sie ihr dort nicht zu Ohren; Deine und Mariens Gesellschaft wird ihr bester Schutz sein.

Nun noch die eine Bitte an Dein Freundesherz! Verurtheile mich nicht! Du wirst es Feigheit und moralische Schwäche nennen, was mir gerade als echte Mannesthat geboten scheint, ich meide schweren Herzens ein Leben, das ich jetzt erst durch edle Menschen lieben und verstehen gelernt habe; ich muß es meiden, da ich als Ehrloser nicht weiter in ihrer Gemeinschaft leben darf. -- Sich selbst verbannen, ist ein schweres Loos!

Ich lege das Schicksal der Meinen, meine Vertheidigung bei Gericht in die Hände des besten Menschen und bitte ihn, mir zu verzeihen, daß ich sein reines Gewissen in Mitwissenschaft der schrecklichen That ziehe, die ich ausführen mußt’ -- aus Liebe zu den Meinen! Jacob Stern.“

Dr. Caspari hatte kaum den Brief gelesen, als er nach Hut und Stock griff und eiligst davonlief. Unterwegs traf er einen Fiaker, in den er sich, an allen Gliedern bebend, warf. „Ich zahle dreifache Taxe, nur eilen Sie!“ er nannte Stern’s Wohnung. Der Fiaker flog, doch schneckengleich für Caspari’s Ungeduld. Vielleicht konnte er ihn noch retten, der Brief war eine Stunde zuvor aufgegeben. -- Endlich hielt der Wagen. Angsterfüllt stieg Caspari die teppichbelegten Stufen hinan; er warf einen Blick in’s Comptoir, dort war er nicht; er eilte in sein Privatzimmer; zitternd öffnete er. -- Das Schreckliche war bereits geschehen; dort lehnte der Freund mit verzerrtem Gesicht; die Todeszuckungen waren noch wahrnehmbar! er mußte furchtbar gelitten haben.

Caspari brach erschüttert zusammen; eine Fluth von Gedanken und Empfindungen überkam ihn, die ihn unfähig zum Handeln machte. -- Wie lange er hier gesessen? Es dämmerte schon, da hörte er einen Wagen vorfahren; eine schlanke Frauengestalt hüpfte leichten Fußes heraus; sie schien so glücklich, so lebensvoll! Jetzt half sie der Wärterin mit dem Kinde, sie nahm es nun selbst in ihren Arm, um es dem Papa hinaufzutragen. Schnell verriegelte Caspari die Thür, jetzt durfte sie nicht eintreten; er wollte erst selbst gefaßt sein, um die Arme vorbereiten, sich selbst in die ihm zugemuthete Lüge hineinfinden zu können.

Er sandte einen Diener zu Dr. Senter. Derselbe kam bald. Die Männer hatten sich verständigt. -- Der Procurist erschien, Briefe zur Unterschrift vorzulegen -- das Geheimniß mußte gewahrt werden. Es hieß, Jacob Stern sei an einem Herzschlag soeben verschieden. --

Susi saß am Clavier und spielte eben -- es war die Zeit, in der ihr Gatte bei ihr einzutreten pflegte -- die von ihm so geliebte Arie aus Aïda. Die Thür öffnete sich, es trat Jemand hinter ihre Lehne, sie reichte ihm, während sie weiter spielte, den Mund zum Kusse, doch erschreckt fuhr sie auf, der, den sie eingetreten wähnte, war nicht ihr Gatte, sondern Dr. Caspari, leichenbleich, mit verstörten Augen.

„Ich glaubte,“ stotterte Susi -- „doch was ist Ihnen? Sie sind angegriffen“ --

„Ich habe soeben einen Freund verloren, und kann es noch nicht glauben, daß dem so ist!“ sagte Caspari schmerzlich erregt.

Susi drängte ihn ahnungslos auf einen Sessel und läutete, um ihren Mann rufen zu lassen. Der Diener, dem sie den Auftrag gab, stand sprachlos.

„Gnädige Frau, wissen noch gar nicht,“ stammelte der Alte -- doch Caspari hatte sich gefaßt und drängte ihn zur Thür hinaus.

„Susi,“ begann er, ihre Hände in den seinigen haltend, „zeigen Sie sich als die muthige, seltene Frau, als die ich Sie stets verehrt! Die Vorsehung hat Schweres über Sie verhängt, doch Sie haben Kraft, selbst das Schreckliche mit Fassung zu ertragen -- Ihr Gatte“ --

„Um Gottes Willen, was ist mit ihm?“ schrie Susi in halber Verzweiflung.

„Ein Herzschlag hat soeben sein Leben geendet!“ hauchte Caspari tonlos.

Susi war zusammengesunken; das Leben schien auch aus ihrem Körper entwichen; doch plötzlich flammte sie auf: „O, das ist ja nicht möglich! Heut’ Mittag war er noch gesund und frisch“ --

Der Arzt trat ein und hielt sie zurück, wie sie eben das Zimmer verlassen wollte.

„Lassen Sie mich zu ihm!“ rief sie abwehrend.

„Kein Anblick für Sie! meine Gnädige,“ sagte er bestimmend. „Fassen Sie sich!“

Susi stand entsetzt; ihre Kraft war gebrochen. Machtlos ließ sie sich von Caspari auf ein Sopha führen; sie stierte die Männer an, als kenne sie sie nicht, doch bald eilte sie an die Wiege des schlafenden Kindes, stürmisch preßte sie es an ihre Brust und weinte bittere, leidenschaftliche Thränen.

„Eine Waise!“ jammerte sie in wildem Schmerze. „O, Du armes, unschuldiges Kind, was hast Du verschuldet, daß Dir der Vater“ --

„Lassen Sie mich ihm Vater sein,“ sagte Caspari, ihr das Kind entwindend, da er fürchtete, sie möchte es in ihrem wilden Schmerze zerdrücken.

Susi sah ihn groß und fragend an; dann schüttelte sie wehmüthig das Haupt und blickt lange gedankenvoll vor sich hin. Man erzählte ihr, wie Alles gekommen, sie schien nichts zu hören. Wieder bat sie, man soll sie zu ihm lassen -- der Arzt fürchtete eine zu heftige Erschütterung.

Die Kunde, daß Stern am Herzschlag gestorben, hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet.

Condolenten kamen und gingen. -- Susi ließ Niemand vor. Was ihr noch vor einigen Jahren als eine Erlösung erschienen, war ihr jetzt ein unüberwindbares Unglück.

Ein großes unabsehbares Gefolge geleitete den Todten nach dem Friedhofe. Susi hatte gewünscht, Dr. Caspari soll in der Wohnung eine Leichenrede halten. Sie ahnte nicht, weshalb er es ablehnte. „Ich kann nicht!“ hatte er in einem Tone gesagt, der keine nochmalige Bitte aufkommen ließ. Der Prediger rühmte den Wohlthätigkeitssinn des Entschlafenen, seine unermüdliche Willenskraft, die nun so plötzlich gelähmt sei; er nannte ihn ein schaffendes Genie, durch dessen geniale Pläne Tausende in den entferntesten Landestheilen Arbeit, und damit Wohlstand und Bildung gewonnen. Susi hörte Nichts. Erst als man die Leiche aus dem Hain von Palmen, der in dem schwarz drapirten Saale gebildet war, hinaustrug, that sie einen gellenden Schrei und sank ohnmächtig zusammen. -- --

Dr. Caspari hatte ihr in kluger Berechnung den Wunsch eingegeben, nach dem elterlichen Hause zu übersiedeln; er meinte, sie würde dort nicht durch Alles und Jedes an den Todten erinnert werden, der Umgang mit der Mutter werde sie beruhigen. So sah Susi nicht, was sich nach wenig Wochen in ihrem glänzend eingerichteten Hause abspielte. Die Comptoirs waren geschlossen, die Möbel unter gerichtliches Siegel gelegt, das Personal entlassen. Sie empfing Niemand, als Dr. Caspari, dessen Schwester und Mutter, so hörte sie auch nicht, was man sich in der Stadt bei der nun erfolgten Zahlungs-Einstellung ihres verstorbenen Gatten erzählte; sogar in den Zeitungen tauchten die Muthmaßungen auf, ob denn der Tod ein natürlicher gewesen, doch dem Einfluß des Dr. Caspari, an dessen reinem Charakter Niemand zweifelte und der sich öffentlich einen Freund des Verstorbenen nannte, gelang es, alle Gerüchte zum Schweigen zu bringen. Susi wurde selbstverständlich an jeder Zeitungslectüre verhindert, doch als die Hinweise in derselben zu häufig wurden, hielt es Dr. Caspari für geboten, der ohnehin leidenden Frau eine Badereise vom Arzte dictiren zu lassen. Marie begleitete die Freundin, und war wohl instruirt, wie sie Alles von ihr fern halten müsse, was sie beunruhigen könnte.

Vor ihrer Abreise hatte Susi noch einmal das Grab ihres Gatten besucht; hier erst empfand sie, wie nie im Leben, was er ihr und ihren Eltern gewesen, wie sich sein Denken und Empfinden geläutert, wie unaussprechlich unglücklich sie war, den Mann, der erst jetzt der Vertraute ihres Herzens geworden, gerade jetzt verlieren zu müssen.

X.

Wie jedes Ereigniß, das weitere Folgen nach sich zieht, wurde auch der Fall des Stern’schen Hauses eine Zeit lang eifrig besprochen. Wäre Stern am Leben gewesen, so hätte unbedingt ein Einschreiten der Staatsanwaltschaft erfolgen müssen, so indeß beruhigten sich die Gläubiger, als der Anwalt Dr. Caspari erklärte, die Witwe verzichte zu Gunsten der Gläubiger auf Hab und Gut, selbst die ihr notariell nach der Verheiratung mit Stern zugeschriebene Summe von 20.000 Thalern, sowie die ein Jahr später erfolgte Schenkung eines in gleichem Werthe stehenden Landgutes solle der Masse zugute kommen, um einen Ausgleich zu ermöglichen.

Susi’s Eltern waren keineswegs im Einklang mit dieser im eigentlichen Sinne des Wortes willkürlichen Verfügung Caspari’s; Cahen, von seinem Standpunkt als Kaufmann, meinte, Susi dürfe, ohne sich Gewissensskrupel zu machen, die ihr persönlich gemachten Schenkungen zurückhalten, sie sei es sogar sich, ihrem Kinde und ihrer Zukunft schuldig. Dr. Caspari versicherte, keinen Schritt zur Regelung der Sache mehr thun zu wollen, wenn man es ihm nicht überlasse, ganz nach bestem Ermessen zu handeln; nur durch vollständiges Verzichtleisten auf jedes ihr zustehende Recht könnte Susi die Gläubiger von feindlichen Schritten abhalten; zudem sei er überzeugt, daß, falls die junge Frau je einen Einblick in die Verhältnisse gewänne, sie keinen Augenblick zögern würde, so, wie er für sie disponirt, zu handeln, daß man jedoch, und stände eine dreifach so große Summe auf dem Spiele, ihr den Schmerz ersparen müsse, das Schreckliche mit Klarheit zu erkennen. Cahen sah endlich ein, daß er sich fügen müsse; er kannte seiner Tochter Grundsätze; zudem sprach das Vatergefühl, daß man dem geliebten Kinde jeden ferneren Schmerz ersparen müsse, zu mächtig in ihm.

„Sie können, ohne daß Susi eine Ahnung von der Sachlage hat, ein Jahresgeld für sie aussetzen!“ hatte Caspari bestimmt gesagt. „Ich weiß, wie sich Ihr Geschäft gehoben; Susi ist Ihr einziges Kind, und was ihr nach Jahren zugute kommen soll -- theilen Sie es schon heute mit ihr, daß nicht der Fluch unrechtmäßigen Besitzes auf Ihnen und Ihrer Tochter Namen laste.“

Cahen war es, als ob er ein großes Opfer brächte, doch welcher Ausweg blieb ihm? Er wußte, daß Caspari sich zurückziehen würde, falls er ihm nicht willfahre, und nur durch das muthige Auftreten dieses in weitesten Kreisen hochgeschätzten Mannes war Unehre und Schande von dem Namen seines Schwiegersohnes fern gehalten worden.

Indeß Eltern und Freunde für sie Zeiten schwerer Sorgen und Kämpfe durchmachten, saß die trauernde Witwe ahnungslos in ihrem fernen Häuschen am Meer und glaubte schon das schwerste Unglück erfahren zu haben. Noch wähnte sie sich im Besitz von Macht und Reichthum, den Namen des Verstorbenen unangetastet; wohl ihr, daß sie nicht wußte, wie Alles in den zwei Monaten, seit jenem Unglückstage so anders geworden.

Der Sommer neigte seinem Ende zu. Susi dachte an die Heimreise; es galt, die junge Frau jetzt vorzubereiten, daß ihr Heim, ihr schloßartig eingerichtetes Haus, nicht mehr ihr eigen sei, das Geschäft ihres Gatten sich aufgelöst habe. Dr. Caspari war der Einzige, der dies in schonender Weise und mit richtigem Tact zu thun im Stande war. Er sollte die Freundin und die Schwester heimgeleiten. Einige Tage vor seiner Abreise wurde Frau Cahen bedenklich krank; die Sorgen und Aufregung hatten die ohnehin alternde Frau tief erschüttert; so bedenklich der Fall an und für sich, so erleichterte er doch dem Freunde das traurige Amt, Susi in die vollständig geänderten Verhältnisse einzuführen. Nicht die Witwe kehrte in das Haus des verstorbenen Gatten zurück, die Tochter eilte an’s Krankenbett der geliebten Mutter und dachte tage- und wochenlang nicht daran, dasselbe zu verlassen. -- Frau Cahen war einem heftigen Nervenfieber zum Opfer gefallen; noch ehe sie die Augen schloß, nahm sie Susi das Versprechen ab, den Vater nicht zu verlassen. „Mein Kind, bleib’ im Elternhaus!“ hatte sie bittend gesagt. „Du mußt jetzt für Deinen Vater leben; verlaß ihn nicht!“