Part 10
Was Susi der sterbenden Mutter versprach, war ihr heilig. Sie bat jetzt den Freund selbst, das große, elegante Haus zu veräußern. Arme Frau! Sie ahnte nicht, daß der neue Besitzer bereits im Begriff war, es renoviren zu lassen. Dr. Caspari hatte ihr gesagt, daß er im Verein mit ihrem Vater gewissenhaft alle Geldangelegenheiten ordnen werde und Susi’s Sinn war zu wenig auf pecuniäre Dinge gerichtet, um, da sie ihr Vermögen den zuverlässigsten Händen anvertraut wußte, irgend eine Auskunft zu begehren. Sie lebte abgeschnitten von allem Verkehr nur den Ihrigen, fühlte sich auch in der steten Fürsorge, die ihre Freunde für sie hatten, durchaus nicht vereinsamt, obgleich Alle die sie mieden, die bisher ihre Gesellschaften frequentirt, sich in ihren Salons an Wein und Champagner gütlich gethan. Sie hatte ihr Kind, und somit erschloß sich ihr eine neue Welt des Glückes, der reinsten Freuden, die nach und nach die Falten, die Gram und Kummer ihrer jugendlichen Stirne eingefurcht, glätteten. Der kleine Berthold gedieh, gleich kräftig an Körper und Geist. Wer je die Freude gekannt, das erste Denken des geliebten Kindes zu belauschen, zu beobachten, wie sich seine Wahrnehmungen schärfen, wie es erkennen, urtheilen, vergleichen lernt, kann wohl ermessen, daß der vereinsamten Frau noch manche Blumen blühten, die ihrem Leben Reiz und Werth verliehen. „Ja, wenn er nur das Alles mit erlebt hätte!“ seufzte sie; „und sie, die gute Mutter!“ fügte sie thränenden Auges hinzu. Doch der kleine Wildfang ließ keine Verstimmung aufkommen; er herzte und küßte die Thränen aus dem Mutterauge hinweg, als sei er sich der Aufgabe bewußt, der betrübten Frau jetzt Alles sein zu müssen.
Der Jahrestag von ihres Gatten Tode nahte heran; sie glaubte im Sinne des Verstorbenen zu handeln, wenn sie aus dem vermeintlich großen Vermögen eine Summe zu wohlthätigen Zwecken abzweige. Dr. Caspari kam nicht wenig in Verlegenheit, als sie ihm ihre Absicht kund that.
Durfte er ihr sagen: „Du, die Du Dich reich und unabhängig wähnst und Anderen nach deinem reichen Herzen reiche Unterstützungen zufließen lassen willst, bist selbst auf Unterstützung angewiesen, bist arm und hilflos und weil Du es bist, komme, theile mit mir, was ich habe! Vergönne es mir, Dir des Lebens Annehmlichkeiten zu bieten, für Dich zu leben -- Dein zu sein.“
O wie oft hatte dieser Wunsch in den letzten Monaten ihm auf der Zunge geschwebt -- doch er ehrte ihre Treue und mochte in dem Jahr, das sie dem Verschiedenen widmete, keine Rechte auszuüben versuchen, die ihm dieser ja in seinem letzten Willen selbst eingeräumt. -- Und Susi! hatte sie ihm nicht gehört, ehe sie Stern ihm -- doch weg mit jenen Gedanken, die das Andenken dessen, den er hernach seinen Freund genannt, verunehrten. Ja, Susi mußte die Seine werden, doch das wußte er, sie würde nur einwilligen, so lange sie sich reich und unabhängig wähnte -- nie, falls sie denken müßte, ihm mit ihrem Kinde eine Last zu sein. Deshalb mußte sie in ihrem Glauben, eine vermögende Frau zu sein, erhalten bleiben, deshalb mußte der sonst so wahrheitsgetreue Mann sich zu einer Unwahrheit herbeilassen. Als Susi wiederholt auf ihre Absicht zurückkam, versprach er Gelder flüssig zu machen, um womöglich in kürzester Zeit eine Vorlage liefern zu können. Diese kürzeste Zeit mußte genützt werden, so gern er noch, um Susi’s Schmerz und das Andenken an den Verblichenen sich ganz beruhigen zu lassen, seinen Antrag hinausgeschoben hätte.
Zum wievielten Male hatte Susi heute in dankbarer Anerkennung gesagt: „Was wäre aus mir geworden, wenn ich Euch nicht in der herben Leidenszeit zur Seite gehabt hätte! Nie werde ich Euch danken können, was Ihr an mir gethan!“
Caspari hatte der Schwester einen Wink gegeben, sich zu entfernen.
„Susi!“ begann er, mit Innigkeit ihre Hände ergreifend, „Susi, Sie können es! Denken Sie,“ fuhr er leidenschaftlich fort, „was wir uns, ohne es uns je gestanden zu haben, vor Ihrer Verheiratung waren! Lassen Sie uns die Spanne Zeit, die dazwischen liegt, aus dem Buche unseres Lebens streichen und ein neues Leben innigster Gemeinschaft beginnen! Glauben Sie mir, Susi, es hat mich die härtesten Seelenkämpfe gekostet, ehe ich mich dazu überreden konnte, Ihr Freund, nur Ihr Freund sein zu wollen. Mit der unterdrückten Gluth des Liebenden war ich nach außen der kühle, besonnene Freund, -- ich wußte, was ich Ihnen und Ihrem Gatten schuldig war! Doch glauben Sie meinem Ehrenworte, er selbst hat mir einst in ernster Stunde das Recht auf Sie zurückgegeben, falls er nicht mehr sein wird. Susi, machen Sie dieser Tödtung der heiligsten Gefühle, zu der ich mich zwingen muß -- ein Ende -- werden Sie endlich die Meine!“
Die junge Frau hatte ihm mit steigender Röthe zugehört. War das der ruhige, besonnene Freund, der weise Berather, der da mit leuchtenden Augen, aus denen das heißeste Verlangen sprach, vor ihr saß, der ihr jetzt zu Füßen gesunken war, ihre Hände mit glühenden Küssen bedeckte. Magnetisch durchzuckte es ihr ganzes Wesen, vergebens sammelte sie ihre Kräfte, ihm zu widerstehen, -- willenlos lag sie in seinen Armen, eine höhere Macht, der sie mit dem Aufgebot ihrer physischen und geistigen Kräfte lange genug entgegengearbeitet, um äußerlich ruhig zu erscheinen, läßt sie unterliegen, die Macht der lang unterdrückten, jetzt siegreich erwachenden Liebe.
Sie sprach kein Wort, sie schluchzte wie ein Kind, das sich aus dem Elternhaus verlaufen und nun durch eine gütige Hand wieder in die Arme der Liebe zurückgeführt wird.
„Und Du sagtest, daß er Dir ein Recht auf meinen Besitz gegeben?“ fragte sie endlich nach langer stummer Umarmung.
„In einer Stunde, die ihm die ernsteste seines Lebens war!“ entgegnete Caspari.
„So nimm mich denn hin!“ rief sie, sich innig an seine Brust schmiegend; „Du weißt es ja, daß ich längst Dir gehört, ehe ein unseliges Mißverständniß mich dem Verstorbenen zuführte; doch ich habe ihn achten und lieben lernen und werde sein Andenken, selbst wenn eine alte Liebe in ihre geheiligten Rechte tritt, stets in Ehren halten!“ -- Sie war zu glücklich, um die Wolke zu sehen, die Caspari’s klare Stirn überzog; doch wie ein Schatten flog sie vorüber, als sein Blick das geliebte Weib traf, das blühender und schöner als je, nach langen Kämpfen nun endlich sein eigen geworden.
XI.
In der Stadt S. erregte es nicht wenig Aufsehen, als die Verlobung des Rechtsanwalts Berthold Caspari mit der Witwe des bankerotten Jacob Stern bekannt wurde. Er, dem die schönsten und reichsten jungen Mädchen angetragen worden, wählte eine mittellose Frau, deren Mann allerhand unlautere Sachen nachgesagt wurden, an dessen ehrenhaftem Tode man sogar zweifelte. Es war wieder einmal einer jener Fälle, den man sich nicht erklären konnte und der namentlich von den Müttern heiratsfähiger Töchter in’s Unglaubliche travestirt wurde. Man sprach schon von einem Verhältniß zu Lebzeiten Stern’s, von Susi’s wohlbedachten Plänen, ihrer Coquetterie, von Caspari’s Leichtsinn, in eine solche Falle gegangen zu sein und ahnte nicht, daß die beiden Menschen, um deren Schicksal man sich so sehr kümmerte, den Traum ihres Glückes so rein und ganz genossen, daß nicht einmal die in aller Munde ventilirte Vermögensfrage bisher zur Sprache kam. Der alte Cahen hatte sich, obgleich die Vereinigung mit Caspari, dem getauften Juden, seiner religiösen Anschauung durchaus zuwider war, dennoch endlich gefügt und dem glücklichen Paare seinen Segen gegeben; selbst in dem Herzen des alten, in religiösen Vorurtheilen grau gewordenen Mannes dämmerte eine Ahnung, daß es ein Glück gebe, das über den religiösen Bekenntnissen, frei und unabhängig von denselben die Menschenseele belebe; ja es wurde in ihm zur Gewißheit, daß jene höchste, vornehmste Glückseligkeit, wie er sie in seinen Kindern verkörpert fand, sich nur in sittlich guten, reinen Menschen, denen Reichthum mehr Werth als Befolgung ceremonieller Gebräuche habe, verwirklichen lasse. Caspari’s Benehmen noch zu Stern’s Lebzeiten, seine edle Handlungsweise nach dessen Tode an der sonst der Verachtung preisgegebenen Tochter, hatten ihm imponirt.
„Mehr hätte kein Jude thun können!“ hatte er ihm als höchste Anerkennung gesagt.
Obgleich er der Tochter gern den Schmerz erspart hätte, Klarheit in ihrer Vermögenslage zu haben, hielt er es doch für seine Pflicht, da Susi mehrmals davon gesprochen, ihrem Kinde eine Summe festzusetzen, auf die traurige Vergangenheit hinzuweisen.
Caspari fand seine Verlobte einst in Thränen, als er nach den Bureaustunden, wie gewöhnlich, bei ihr vorsprach.
„Das, das hättest Du für mich gethan!“ rief sie in überströmender Glückseligkeit unter heißen Thränen lächelnd. „O, jetzt weiß ich erst, daß ich mich nie, nie, und setzte ich mein ganzes Leben zum Opfer ein, Deiner Liebe würdig machen kann, Du edler, guter Mann.“
„Du übertreibst, Susi!“ sagte er ruhig, nachdem er erkannte, was Susi so in Extase gebracht. „Hättest Du nicht gleichfalls, wenn es in Deiner Macht gelegen, Alles gethan, um einen Schmerz, eine Enttäuschung von mir abzuwenden?“
„Aber Du bindest Deine Zukunft an die einer mittellosen Frau, die Dir noch die Sorge für ihr Kind aufbürdet!“ entgegnete sie halb vorwurfsvoll.
„Susi!“ entgegnete er fast unwillig, „bedarf es zwischen uns darüber einer Auseinandersetzung, daß das wahre Glück nicht an irdischen Besitz gebunden sei? Hast Du es nicht selbst an Dir erfahren, wie sehr der Besitz abstumpft, wie leicht sich das Auge an Gold und Glanz gewöhnt, ohne seinen Werth richtig zu schätzen, während das Herz, das Gemüth täglich neu und dankbar den innern Reichthum würdigt? Und wer,“ setzte er begeistert hinzu, „brächte mir, wenn ich denn schon mal egoistisch handeln will, mehr Garantien für inneres Glück in mein neu zu gründendes Heim, als die jahrelang erprobte Freundin meiner Jugend?“
„O, wie martert mich der Gedanke,“ entgegnete Susi, „daß ich, wie ich jetzt die Sachlage erkenne, dennoch nicht die Deine werden darf! Dein nur der Wahrheit und dem Recht geweihtes Leben darf nicht durch die Vereinigung mit einer Frau, an deren Namen ein Makel der Unehrenhaftigkeit haftet, befleckt werden --“
„Halt ein, Du übertreibst!“ rief Caspari, ihre Rede energisch abschneidend; „es war gefehlt von Deinem Vater, Dir Alles zu enthüllen, doch was man auch dem Verschiedenen nachsage, Dein Name steht rein und unangetastet --“
„Und habe ich nicht geholfen, jenes Geld, an dem der Fluch von Tausenden lastete, in Ueppigkeit vergeuden? Kann man mich nicht für die Mitwisserin seiner Pläne halten?“ entgegnete Susi in heller Verzweiflung.
„Wer Dich kennt,“ beruhigte Caspari, „weiß Dich keiner unlauteren Handlung fähig. Es ist ein Unrecht der Männer, ihren Frauen keinerlei Einblick in ihre finanziellen Verhältnisse gewähren zu wollen; sie würden sich manche Sorge und Verantwortung erleichtern, wenn sie in der Frau die treue, verständige Beratherin erkennen wollten; doch glaube mir Susi -- hier, wo die Speculation in’s Ungeheuerliche ging, hatte selbst der Mann keinen Einblick, wie sich die Verhältnisse gestalten konnten. Die Hunderttausende, die heute verloren galten, konnten in wenigen Tagen durch eine glückliche Speculation zurückerobert sein. Es war der Fluch, der auf dem leichterworbenen, durch Börsengeschäfte errungenen Gelde lastete, daß, wie es mühlos die Cassen füllte, zu Verschwendung und Luxus Veranlassung gab, es ohne Segen zu stiften, gleich Fluth und Ebbe wieder in dem Meer der endlosen Speculation verschwand.“
„Wehe denen, die in jener Zeit maßloser Ueberschätzung ihres irdischen Besitzes den Sinn für Werthschätzung jener höheren Güter verloren, die des Lebens eigentlichen Inhalt ausmachen. Du, meine Susi,“ setzte er mit lebhafter Empfindung hinzu, „kamst als Opfer unglücklicher Intriguen in jene Welt des falschen Seins; doch unter allen möglichen Verlockungen zu Verschwendung und Scheinleben hast Du Dir den Sinn für das Ideal reinen Menschenthums rein erhalten und veredelnd und beglückend, einer leuchtenden Sonne gleich in jenen Kreisen gewirkt, die dem Glanz höheren Lichtes sonst abhold zu sein pflegen; und darum, Susi, bist Du mein geblieben und ich muß Dich festhalten -- muß es, Susi, aus Egoismus -- denn ich trage den Zwang, den ich mir Jahrelang auferlegte, nicht länger. --“
„Mögest Du nie diese Stunde bereuen,“ hauchte Susi leise, „in der Du meinen Entschluß, den ich -- ja ich gestehe es Dir, mit dem Glücke meines Lebens bezahlt hätte -- wankend machst! In wenigen Tagen soll unsere Verbindung stattfinden; ich bitte Dich, laß uns jedes äußere Gepränge vermeiden! -- Es hat sich mir seit gestern ein Abgrund schauerlicher Wahrheiten aufgethan -- daß ich denen nicht in’s Auge sehen mag, die sie längst kannten und mich vielleicht schwer und falsch verurtheilten! --“
„Glaube das nicht, Susi!“ entgegnete Caspari beschwichtigend; „Deine näheren Bekannten wußten, daß Marie und ich Dich absichtlich von jedem Verkehr fernhielten; Du warst durch uns verurtheilt ein Traumleben zu führen und darfst nicht aus demselben erwachen, um unglücklich, sondern im eigentlichsten Sinne des Wortes glücklich zu werden, und daß Du es werdest, dies, geliebtes Weib, soll meines Lebens heiligste Aufgabe sein. --“
Eine weihevolle, heiligschöne Stunde folgte dieser Auseinandersetzung. Wie, ach leider so selten hatten sich über dem Grabe einer unseligen Vergangenheit und menschlicher Vorurtheile zwei Menschen die Hand zum gemeinschaftlichen Bunde gereicht, die sich dessen bewußt waren, was es heißt „eine Ehe vor Gott“ führen. -- Kein Priester hatte ihren Bund gesegnet, und doch war sie rein und geheiligt durch das Streben nach des Lebens unvergänglichen Gütern.
Das Casparische Haus wurde bald der Mittelpunkt jedes geistigen Lebens. Schwester Marie ist die Gattin eines angesehenen Advocaten; es ist rührend, die beiden Frauen in blühender Kinder Mitte als das Bild echten Familienglücks zu betrachten.
Vielfach taucht von Bekannten die Frage auf, wie sie denn in religiöser Beziehung ihre Kinder zu erziehen gedenken? „Zu sittlich guten Menschen,“ antwortet dann Caspari und selbst der alte Cahen, der in dem Glücke seiner Kinder auflebt, sagt: „Er wird es schon verstehen! Wir sind alle Gottes Kinder, wenn wir die Gebote der Pflicht und des Rechts befolgen.“
Thurmwächters Rundschau in der Sylvesternacht.
Wie war es doch dem alten Benda heut beängstigend in seinem behaglich eingerichteten Wohnzimmer! Es ist ihm, als sollte er ersticken, so dick und unrein schien die Luft. -- Der Stundenzeiger schleicht so langsam vorwärts, als wollte das alte Jahr gar kein Ende nehmen! Noch eine halbe Stunde, und auch dieses wäre abgelaufen, wie die fünfzig anderen, die er schon hinter sich hatte, aber diese kurze Spanne Zeit will ihm zur Ewigkeit werden. Was Wunder! War er ja heut allein mit sich und seinen Gedanken, während ehedem seine treue Gattin ihm half, Sorgen und Langeweile zu verscheuchen. Zum ersten Male seit 20 Jahren verbrachte er diesen Abend allein; es litt ihn nicht mehr in der engen Stube; seinen Pelz umnehmend, eilte er hinauf auf die Thurmgallerie; hier athmete er erleichtert auf; war er ihr ja so vielleicht näher, der theuren Verschiedenen, die, so meinte er, sicher da oben einen Ehrenplatz haben müsse. Wie um sich selbst Trost zuzusprechen, hielt er Umschau in den ihm bekannten Häusern, die da vor ihm lagen; -- zwar glitzte und flimmerte es überall von Lichtern und Lampenschein, doch ihn blendete dieser Glanz nicht -- er ahnte, daß gar oft Kummer und Sorge da Einzug gehalten, wo hell die Kerzen strahlten, daß manch glänzendes Elend hinter jenen hohen Spiegelscheiben und den seidenen Gardinen wohnte, daß das kommende Jahr nicht ihn allein mit Bangigkeit und Schauern erfüllte. Wohl wußte er auch, wo Glück und Freude heut ihre Stätten aufgeschlagen -- man kennt einander ja in einer kleinen Stadt ziemlich genau -- doch wer wollte angesichts der Wechselfälle des Lebens dafür bürgen, daß mit Schluß des eben beginnenden Jahres dieselben lebensfrohen Gesichter einander noch ebenso lebensfroh zulächeln würden?
Dumpf und schwer ertönen die ersten Glockenschläge; unwillkürlich zuckt der doch sonst an diese Töne gewöhnte Alte zusammen. Jetzt setzt das Uhrwerk mit hellen Schlägen ein; eins, zwei, drei -- bis zwölf. Er zählt sie alle halblaut mit, dann, als der letzte Ton verstummt, schaut er wie betäubt um sich. Da steht er allein, hoch oben über dem Häusermeer -- weit droben in undenkbarer Ferne schimmern die ewigen Sterne -- ihm zur Seite, um ihn, neben ihm kein fühlendes, theilnehmendes Wesen. „Allein!“ murmelt er, während Thräne auf Thräne in den grauen Bart rollt -- bald aber faßt er sich; er will hinunter in seine einsame Klause, doch da ergreift ihn wieder jenes erschütternde Weh, dem er nicht zu widerstehen vermag. Er bleibt. Licht auf Licht verlöscht drüben in den Häuserreihen, auch das Rufen und Lärmen in den Straßen hört allgemach auf. Muntere Tanzweisen klingen wohl noch von da und dort an sein Ohr, fast möchte er die Glücklichen beneiden, die sich bei ihren Klängen in glücklichem Selbstvergessen wiegen und das Heute genießen, ohne an das Morgen zu denken.
Dort am Ende der Straße, in des Rechnungsrathes Stromen Hause scheint es besonders lustig herzugehen. Man feiert das Verlobungsfest der einzigen Tochter mit dem Premier-Lieutenant von Zewitz. Der Herr Rath hält auf Standesehre; er hat es nun doch durchgesetzt, daß seine Anna ihr Verhältniß zu dem Maler Angelo gelöst. -- Wohl war er ein schöner, die Leute sagen sogar, ein geistreicher Mann, und Anna Stromen soll ihn unaussprechlich gern gehabt haben, dennoch -- der Alte hält plötzlich in seinem Gedankengang inne. Wer geht da vor dem Zewitz’schen Hause erregt auf und ab? Er erkennt ihn genau an seinem breitkrämpigen Malerhut, der stolzen Haltung. Sollte er sie nicht vergessen haben? Einsam steht auch Jener dort in stiller Nacht -- unwillkürlich vergleicht der Alte sein Loos mit dem jenes jungen Mannes; welcher ist wohl der Bedauernswerthere?
Und gegenüber vom Zewitz’schen Hause wohnt des Malers Studiengenosse, der reiche Gotthelf Andrée. Er hat ein blühendes Weib, ein glänzendes Geschäft, Achtung und Anerkennung von allen Seiten. Kann es wahr sein, was man sich erzählt? Auch ihn soll die in seiner Familie wüthende, unheilvolle Krankheit, die den Geist in Fesseln schlägt, vor einigen Tagen befallen haben; man hat ihn in eine Anstalt bringen müssen; der Arzt scheint an seiner Wiedergenesung zu zweifeln. -- Den alten Benda schaudert es; er fühlt an seinen kahlen Schädel und murmelt: „Gottlob, wenn nur noch da Alles stimmt!“ Schon will er hinabsteigen, da fesselt ihn der Laut einer wunderlieblichen Mädchenstimme, die in reinsten Tönen jenes herrliche Lied: „O lieb, so lang Du lieben kannst, o lieb, so lang Du lieben magst“ wiedergiebt. Er kennt diese Stimme. Sie kommt dort unten aus dem Schulhause, in dem heute Freude und Jubel herrscht. Lisette, die treffliche Sängerin, ist vor wenig Stunden zu Besuch bei den Eltern heimgekehrt. Ein Jahr lang haben die guten Alten ihr Lieblingskind nicht gesehen; sie hat vorigen Jänner eine Stelle als Erzieherin in einer gräflichen Familie angenommen; heute kam sie unerwartet -- er schaute gerade durch’s Fenster, wie sie aus ihrem Reisekorb für die Mutter den neuen Wintermantel, für den Vater den prächtigen Pelz hervorholte -- das war eine Freude, eine Seligkeit, und doch weinten sie Alle -- ja Mama Traugott fiel sogar ihrer Lisette unter heftigem Schluchzen um den Hals und schien sich kaum beruhigen zu können; die unerwartete Freude hatte die alte Frau ganz verändert. Jetzt saßen sie nun so überglücklich beisammen -- es war unserem Thurmwart als sollte er hinunter eilen und um Einlaß bitten, daß er auch Theil an ihrem Glücke nehmen dürfe. -- Oeffnete sich da nicht gerade die Thür des Schulhauses? Er kannte Jenen, der eben das friedliche Heim verläßt, nur zu gut. Josef Berndt ist sein Name; er war einst Gemeinderath und Inhaber aller erdenklicher Ehrenämter gewesen. Sein Geschäft war allgemein geachtet und warf ihm jährlich Tausende mehr ab, als er für sein luxuriös eingerichtetes Haus brauchte; damals kannte Berndt die Lehrerfamilie nicht. -- Dann kam der „Krach“ -- Josef Berndt war mit einem Schlage ein armer Mann geworden; er wollte dem Schicksal die Stirn bieten, sich dennoch obenauf behaupten; doch durch welche Mittel? Man wußte es leider überall. Sein eigener Neffe klagte ihn der Wechselfälschung an; er, der als Ehrenmann so hoch gestanden, wurde gefänglich eingezogen, all seiner Ehrenämter entkleidet, und als er seine Strafe verbüßte, fand er heimkehrend sein Haus leer; die Gattin hatte die Scheidungsklage eingereicht und war zu ihren Eltern zurückgekehrt. -- Auch die ehemaligen guten Freunde zogen sich zurück; Lehrer Traugott, der ehedem nie in Beziehung zu ihm gestanden, war der einzige, der dem Unglücklichen als Mensch nahe trat, ihn wieder aufzurichten suchte, ihm in seinem Hause ein Ausruhen nach des Tages Last und Mühen bot. -- Dort unten in der Herrengasse bewohnt Frau Berndt jetzt ein prächtiges Haus; sie lebt in Glanz und Ueberfluß; die böse Welt raunt sich allerhand in’s Ohr, wer die Kosten des Haushalts tragen mag. Unseren Thurmwart kümmert’s nicht; er ist ruhiger in sich geworden, nachdem er Umschau gehalten, denn er hat gesehen, daß es hüben und drüben und da und dort mehr Leid als Freud giebt, daß das neue Jahr gar Manchem ein ernstes Gesicht zeigt, daß die Sorge allüberall hin Eingang findet, in die Prachtsäle der Reichen, wie in die Hütten der Armuth, daß es aber auch reine Freuden giebt, die die Seele zu Gott erheben, und daß, solange der Mensch athmet, die Hoffnung nie schwinden dürfe, daß noch Alles gut werde. Erleichtert steigt er die Stiege hinab und begiebt sich zur Ruhe.
Der Engel des Friedens und der Glückseligkeit, den er drüben im einfachen Schulhause gesehen, scheint auch bei ihm Einkehr zu halten. Wunderbar warm wird es ihm um’s Herz, wenn er denkt, wie morgen Früh die Glückwünsche seiner Lieben eintreffen werden; der älteste Sohn Franz ist Disponent eines großen Pariser Hauses -- seine Toni ist an einen braven Handwerker in der Hauptstadt verheiratet, der nur das eine Glück kennt, für sein geliebtes Weib und seine Kinder zu sorgen. Ja, die Kinder, die süßen Kleinen! ruft er wehmuthsvoll und möchte fast die Arme öffnen, sie an sein Herz zu drücken. Er weiß jetzt, daß er nicht allein ist, sind sie gleich nicht bei ihm, so ist er ihnen doch vereint -- giebt es ja ein Gefühl, das Zeit und Raum aufhebt. Gar bald umgaukeln wundersüße Träume des alten Mannes Hirn. Er sieht demnächst seinen Franz heimkehren, ihm die liebliche Braut zuführen -- auch die Toni kommt mit ihren Blondköpfchen -- dann ist wieder Jubel und Leben wie ehedem im stillen Stübchen. -- Seine noch vor einer Stunde so vergrämten Züge umgiebt ein weihevoller Ernst; es ist ihm als ob ihm eine innere Stimme zuflüsterte:
Denke nicht dessen, was du verloren, sondern dessen was dir bleibt!
Eine verunglückte Speculation.
Rentier Fels hatte sich seit einigen Monaten in dem Städtchen Auenthal niedergelassen; er war das Muster eines guten Bürgers, wohlthätig, gemeinnützig und trotz seines anscheinenden Reichthums leutselig und gesprächig selbst mit dem Niedrigsten. Sein Haus war eines der schönsten in den neuen Anlagen, mit allem Comfort ausgestattet, doch, wenn gute Bekannte die Annehmlichkeiten desselben priesen, pflegte er stets mit tiefem Seufzer zu antworten: „Ja, wenn sie nur nicht fehlte!“ Er erzählte dann gern, und das Herz schien ihm dabei auf die Zunge zu treten, von seiner vor Jahresfrist gestorbenen Gattin, wie er mit ihr so glücklich gelebt, wie er ihren Verlust fast nicht zu ertragen geglaubt habe, und auch schließlich -- um sich nicht ganz dem Schmerz hinzugeben, -- einen Wohnungswechsel vorgenommen, hoffend, die neue Umgebung werde ihm sein Leid vergessen machen. Ein Witwer in guten Verhältnissen pflegt für speculative Mütter heiratsfähiger Töchter ein beachtenswerther Fund zu sein.