Lebensbilder

Part 8

Chapter 83,630 wordsPublic domain

„Hätten Sie diese lieber damals nicht gebracht!“ setzte Stern gedankenvoll hinzu. „Am Tage darauf hatte ich Susi’s Jawort, und, daß ich es Ihnen, dem langjährigen Freunde, gestehe, -- ich fürchte, es bringt mir kein Glück. -- Meine Mutter ist seit dem Tage unserer Rückkehr niedergeschlagen und stimmt durchaus nicht mit meiner Frau überein. Susi gibt sich keine Mühe, die Liebe der alten, herzensguten Frau zu erwerben und -- ich sage mir -- erfährt sie gar, und ich fürchte es täglich, da sie die früheren Beziehungen zu Marie Caspari wieder aufgenommen, daß der Liebesgeschichte mit Lucie Eden nie etwas Wahres zu Grunde gelegen, ja daß sie von uns in die Welt gesetzt wurde -- es ist für immer mit uns aus.“

„Sie hätten auch die Annäherung an Frln. Caspari verhüten können!“ meinte Dr. Zelt. „Auch mir wäre eine Entschleierung des Sachverhalts sehr fatal.“

Keiner von Beiden bemerkte den leisen Aufschrei, der von der Portière hervordrang. Die Zofe kam bald mit der Meldung, die gnädige Frau sei ohnmächtig an der Thüre ihres Zimmers gefunden worden; sie hatte sich eben angekleidet, um in das Gesellschaftszimmer zu kommen. Der herbeigerufene Arzt constatirte einen Anfall von Schwäche; er wollte in einer Stunde wieder vorsprechen. Als er zum zweitenmale kam, fand er Susi in heftigem Fieber. Es befremdete ihn, Stern noch im Gesellschaftszimmer zu finden; er ließ ihn rufen und empfahl größte Schonung, da die gelindeste Aufregung bei dem Zustande gefährlich werden könnte.

Kopfschüttelnd verließ Dr. Senter das Haus. „Ist das das Glück der Reichen?“ sagte er gedankenvoll. „Die junge reizende Frau in diesem Zustande der Pflege der Zofe überlassen und der Mann mit nichtsnutzigen Cameraden am Spieltische! O armer Freund!“ setzte er hinzu, an Berthold Caspari denkend, „wie glücklich wäret ihr Beiden geworden, wenn Dich der leidige Mammon nicht geblendet hätte.“

Susi wußte, daß Dr. Senter ein Freund dessen sei, dem sie, ohne es zu ahnen, so bitteres Leid zugefügt. Ihr einziger Wunsch war, Klarheit in ihrem Denken zu behalten, um Dr. Senter in’s Vertrauen ziehen zu können. Sie fühlte, daß ihre Sinne sich in den heftigen Fieberphantasien verwirrten. „O Gott, nimm mich nicht fort von dieser Erde,“ jammerte sie, „ehe ich ihn, den edelsten, besten Menschen, mir versöhnt habe!“ Doch immer wilder tanzten die bunten Gestalten vor ihren Augen, ihr Kopf glühte, sie sprach von Himmel und Hölle, von Verbrechen, die sie nie sühnen könne, dann zogen wieder freundlichere Bilder in ihrem Sinne vorüber; sie lebte in einem kleinen Gartenhause mit der trauten Freundin; er, der Geliebte, kam, sie flog an seinen Hals, er küßte sie -- er sprach so schön, so bezaubernd, doch plötzlich wich das milde Lächeln, das soeben ihre Züge verklärt hatte, einer schrecklichen Verzerrung; die Schwiegermutter war gekommen, sie den Armen des Geliebten zu entreißen, sie heimzuführen in das goldene Gefängniß, dem sie glücklich entronnen.

Was dachten die Umstehenden bei diesen Fieberphantasien? Stern entfernte jede fremde Person; er wollte mit der Mutter allein die Nacht über wachen.

Mit Morgenanbruch erschien der Arzt. „Ein Nervenfieber!“ sagte er kurz. „Es scheint eine heftige Aufregung vorangegangen?“ setzte er fragend hinzu.

Stern wurde bleich. Jetzt wohl ahnte er, daß Susi vielleicht seine Unterhaltung mit Dr. Zelt belauscht haben konnte; er wähnte sie oben in ihren Zimmern und sie war, vermuthlich, um ihn zu überraschen, doch heruntergekommen und willen- und ahnungslos Zeugin der Unterredung mit dem Freunde geworden.

Er hatte seine Ehe unglücklich genannt, von erzwungener Liebe, von der erfundenen Zeitungsnachricht gesprochen; welch’ schauerliche Klarheit mußte dadurch der ahnungslosen Frau geworden sein?

Susi’s Zustand war in hohem Grade besorgnißerregend. Sie fühlte in lichten Augenblicken, daß ihre Kräfte abnahmen, und bat die Mutter, falls sie nicht am Leben bleibe, Berthold Caspari an Dr. Zelt zu verweisen, der ihm eine Erklärung nicht verweigern werde, daß ihm ihr Andenken heilig bleibe.

„Du wirst leben, mein gutes Kind!“ beruhigte dann die Mutter; „Du wirst noch glücklich werden und an Deine Krankheit wie an einen bösen Traum zurückdenken!“

Susi schüttelte traurig das Haupt. Gern hätte sie sich ausgesprochen, nur hatte der Arzt jede Aufregung untersagt. Ihr Gatte war jetzt theilnehmend und herzlich, doch athmete sie jedesmal erleichtert auf, wenn er das Zimmer verlassen; oft wollte sie die Bitte aussprechen, man möge ihn nicht vorlassen, aber wie sollte sie dieselbe motiviren? Sie sehnte sich, Marie Caspari zu sprechen, doch der Arzt hatte jeden Besuch verboten. So war Susi wochenlang von jedem Verkehr abgesperrt, allein mit den quälendsten Gedanken, schwach und hilflos, denn die Reconvalescenz ging langsam von Statten. Sie saß in der That, wie sie es oft in ihren Fieberphantasien genannt, in einem goldenen Gefängniß! Ihr Gemal hatte, als sie das Bett verlassen durfte, Tag und Nacht an einem Gartenpavillon arbeiten lassen, der in dem geräumigen, an das Wohnhaus grenzenden Park eiligst errichtet werden sollte. Nach acht Tagen war er fertig, mit allem denkbaren Luxus und Comfort ausgestattet. Der Arzt hatte endlich den ersten Spaziergang erlaubt. Nur widerstrebend nahm Susi den Arm ihres Gatten, da sie sich zu schwach fühlte, um allein gehen zu können. „Du wirst Dich noch mit mir aussöhnen, Susi,“ sagte er bedeutungsvoll.

„Glaubst Du wirklich, daß mich jener verschwenderische Luxus erfreut?“ fragte Susi, als sie das goldgezierte Dach des Pavillons sah.

„Du wirst liebe Freunde dort treffen, Susi, wirst sie täglich sehen und in ihrem Umgang gesunden!“ sagte Stern.

„Ach, mein Herz hat kein Gefühl mehr für die Freundschaft!“ hauchte sie schmerzlich; „Du weißt, jeder Verkehr ist mir lästig, falls Besuch dort ist, komm’ laß uns umkehren!“

„Fühlst Du Dich stark genug, Susi, eine unverhoffte Freude zu kosten?“ fragte Stern.

„Ah, ich ahne, Du hast gewiß Marie Caspari geladen!“ sagte Susi leuchtenden Auges.

„Sie und noch Jemanden, Susi, an dem ich großes Unrecht begangen!“ entgegnete ihr Gatte.

„Das, das hättest Du gethan?“ rief Susi hochbeglückt. „O, dann sei Dir Alles verziehen!“ setzte sie schnell hinzu. „Ja, ich fühle mich stark und neubelebt;“ sie legte ihren Arm fest und innig in den seinen; es war ihm, als führte er nicht mehr die kranke, schmachtende Susi, sondern ein glückliches, freudestrahlendes Weib.

Jetzt hatten sie die Vorhalle des Pavillons erreicht; es war das erstemal, daß Susi ihren Gatten aus eigenem Antriebe küßte. Sie schloß ihn innig in ihre Arme und hauchte hochbeglückt: „Tausend, tausend Dank, daß Du in dieser Weise Alles gut machen willst!“

Die Flügelthüren öffneten sich; ein bleicher, hoher Mann mit eingefallenem Gesicht, das von schwarzem Vollbart umrahmt war, stand vor ihr. Sie reichten einander stumm die Hand, doch Marie fiel der Freundin zärtlich um den Hals und weinte Thränen reinsten Glücks.

Susi ließ sich erschöpft auf einen Sessel nieder.

„Es ist doch gut, daß Du mich vorbereitet hast“, sagte sie zu ihrem Gatten; „ich glaube, die Freude hätte mich getödtet.“

„Es war mein specieller Wunsch!“ sagte Caspari endlich; „Sie sind noch Reconvalescentin und bedürfen der Schonung.“

„O, nun nicht mehr!“ rief Susi hochaufathmend; „in dieser Luft, unter so guten, treuen Menschen bin ich plötzlich gesund und stark worden. Doch verzeih’,“ wandte sie sich an ihren Gatten, „ich wollte Dich nicht kränken! Auch Du bist gut, das fühle ich heute erst recht deutlich; aber die geistige Atmosphäre --“

„Nun will ich doch einmal nachsehen, wie die Parforce-Cur bekommen!“ unterbrach der plötzlich eintretende Dr. Senter.

„Ah, Sie sind ein guter Menschenkenner!“ sagte Susi, ihm herzlich die Hand reichend.

„Ja, Ihr wäret ja alle drei für Gott und Ewigkeit verlorene Menschen gewesen,“ entgegnete Dr. Senter, „wenn ich als Arzt nicht die passende Medicin gefunden hätte! Frau Susi gemüthsleidend, weil sie eine Horcherin gespielt (setzte er mit dem Finger drohend hinzu), Dr. Caspari verzweifelt, weil er in falscher Großmuth auf die Geliebte verzichtet, und nun gar mein herzensbraver Stern, der fast tiefsinnig werden will, daß er sich vor einem Jahre in verliebter Laune -- eine -- wie soll ich sagen -- eine Zeitungsspeculation erlaubte.“ Ueber Stern’s Gesicht flog ein tiefer Schatten.

„Susi,“ sagte er bittend zu seiner Frau, „der beste aller Menschen hat mir verziehen, sag’ auch Du --“

„Du hast Dein Unrecht in einer Weise ausgeglichen,“ unterbrach Susi, ihm herzlich die Hand reichend, „die Dir meine vollkommene Hochachtung sichert. Ich bin Dein angetrautes Weib und will Dir jetzt ewig treu und dankbar sein, da Du mir die Freunde, an denen mein Leben hing, zurückgegeben. Ohne sie, das sagte ich mir oft in meiner Krankheit, wäre mir das Leben eine unsagbare Last gewesen, der ich hätte erliegen müssen.“

Dr. Caspari war noch keines Wortes mächtig. Endlich dicht vor Susi hintretend, sagte er mit bewegter Stimme: „Und Sie, Susi, in deren Herzen jedes Gefühl des meinigen ein volltönendes Echo fand, Sie konnten wirklich glauben, daß eine Geldheirath --“

„Herr Philosoph!“ unterbrach Dr. Senter, „solche Discussionen vertagen Sie gefälligst auf einige Wochen später; Frau Stern ist noch Reconvalescentin, ich fürchte, wir haben ihr schon zu viel zugemuthet.“

„Nein, guter Doctor,“ sagte Susi, ihm herzlich beide Hände entgegenstreckend, „ich wäre nie gesund und froh geworden, wenn sich nicht Alles so gefügt hätte. Eine Frau kann ihren Gatten eines Fehltrittes zeihen, doch sie kann ihm verzeihen, wenn sie weiß, daß er Edelmuth genug besitzt, denselben gut zu machen. Ich weiß,“ sagte sie, sich an Stern wendend, „es ist Dir nicht leicht worden, unserem Freunde einzugestehen, wie Du ihn --“

„Hintergangen,“ ergänzte Stern, als Susi zauderte, das Wort auszusprechen. „Ja,“ fügte er hinzu, „es war der schwerste Gang meines Lebens; ich bekannte ihm Alles und wäre gerne bereit gewesen, ihm ein Leben, das mir, da ihm die Selbstachtung fehlte, lästig war, zur Verfügung zu stellen. Ehe ich den Gang zu ihm antrat, waren meine Pistolen geladen.“

„Aber er, der beste der Menschen,“ fuhr Stern mit einer an ihm sonst ungekannten Begeisterung fort, „er reichte mir, nachdem er lange nachgedacht, gerührt die Hand. ‚Ich danke Ihnen, daß Sie mir den Glauben an die Menschheit wiedergegeben!‘ sagte er unter Thränen; wie Alles gekommen und kommen mußte, ist eine Fügung des Himmels, doch, daß Sie den schweren Kampf, sich selbst zu besiegen, durchgeführt und jetzt reumüthig Ihre Schuld eingestehen, um wieder als freier Mann aufathmen zu können, beweist mir, daß Susi sich nicht, wie Sie behaupten, einem Unwürdigen vermählt hat. Ich war ehedem der Freund, der Bruder, der Lehrer und Berather Ihrer Gattin!“ setzte er nach einer Weile stillen Nachdenkens hinzu; „setzen Sie mich wieder in meine alten Rechte ein! Wir stehen Alle auf der Stufe einer Sittlichkeit, daß Niemand von uns bei einem noch so trauten Verkehr etwas gefährdete!“

„Das war Ihrer würdig gedacht!“ entgegnete die junge Frau. „Ja, bleiben Sie unser Aller Freund und verzeihen Sie meinem Gatten und auch -- meinen Eltern,“ setzte sie schmerzlich bewegt hinzu, „daß Ihnen so tiefes Herzeleid bereitet worden!“

„Ich klage Niemanden an als mich selbst!“ entgegnete Dr. Caspari tief bewegt. „Ein Jeder ist seines Glückes Schmied und wer zu rechter Zeit und mit rechter Energie in die Schicksalsräder eingreift, gestaltet sich sein Leben glücklich. Ich war ein Träumer, wo ich hätte handeln sollen --“

„Quäle Dich nicht mit Selbstanklagen!“ unterbrach Marie. „Ich bin so froh und glücklich, daß wir unsere Susi wieder haben, daß ich gar nicht zurückdenken mag, daß wir Sie verloren glaubten.“

„Du gute Seele!“ sagte Susi, die Freundin herzlich umarmend. „O, wie ist die Welt so schön, wenn wir uns von lauter guten Menschen umgeben wissen!“ setzte sie unter Thränen lächelnd hinzu.

VII.

Im Stern’schen Hause war Lust und Freude. Die junge Frau erblühte nach überstandener Krankheit schöner, als sie je gewesen. Allgemein war man über ihren Zauber und ihre Liebenswürdigkeit erfreut. Täglich holte sie ihren Gatten von der Börse ab, Abends Punkt 7 Uhr wartete ihr Wagen vor dem Comptoir, sie schien die Zeit nicht erwarten zu können, daß sie zusammen waren. Stern wußte erst jetzt, was er an seiner Frau besitze. War sie bisher kalt und ablehnend gewesen, so schien sie jetzt die übersprudelnde Herzlichkeit, und selbst die alte Mutter machte Anstalt, sich mit ihr auszusöhnen. Wer hätte auch ihrem herzgewinnenden Liebreiz widerstehen können! Leben und Glück waren in die fast leblose Hülle zurückgekehrt, und das Glück, das sie selbst verschönte, wirkte beglückend auf ihre Umgebung.

Zum ersten Male wieder seit fast einem Jahre sprach Dr. Caspari in der Freien Gemeinde. Ungern hatte man auf den Redner, dessen Worte so mächtig zu zünden pflegten, verzichtet, er war indeß nicht zu bewegen gewesen, seine Thätigkeit wieder aufzunehmen.

„Ich habe mich selbst verloren!“ sagte er damals zu einem Freunde, der ihn bat, wieder einmal öffentlich zu sprechen. „Als ich noch den vollen Glauben an die Menschheit hatte, da konnte ich vor Euch hintreten und, begeistert wie ich selbst für alles Gute war, Euch auch mit fortzureißen suchen. -- Heute bin ich ein todter Mensch!“ hatte er hinzugefügt, „ich könnte Euch doch zu nichts nützen!“

Auch dieser todte Mensch war wieder auferstanden zu neuem thatkräftigen Leben. Allgemein war nur Eine Stimme: „So wüßte Niemand zu sprechen!“ Alles in seiner Rede war durchgeistigt, belebt von jenem Feuer innerer Wärme, die mächtiger zündete als je. Der Saal der Freien Gemeinde war Kopf an Kopf gedrängt voll; die Vorsäle und Zugänge waren überfüllt; schon eine Stunde vor Beginn waren alle Plätze besetzt. Zwei Stühle blieben stets in der vordersten Reihe reservirt; eine schöne, junge Frau, auf den Arm ihres Gatten gestützt, pflegte kurz vor Beginn zu kommen. Beide folgten, nur ab und zu Blicke des Einverständnisses wechselnd, dem Vortrage mit gespanntester Aufmerksamkeit. Sie waren die Ersten, denen Dr. Caspari, nachdem er geendet, die Hand reichte, obgleich sich begeistert Hunderte an ihn hinandrängten. Von ihm begleitet, traten sie den Heimweg an; es war eine auserwählte Gesellschaft, die sich dann allsonntäglich im Stern’schen Salon einte, Menschen, die sich nicht begnügten, des Lebens Güter nur durchzukosten, um von Genuß zu Genuß zu eilen, sondern denkende, für alles Hohe begeisterte, alles Gute thatkräftig unterstützende Menschen. Dr. Caspari war die Seele des Ganzen, doch sein begeistertster Anhänger war Jacob Stern geworden. In diesem sonst stets für oberflächlich und eitel gehaltenen Menschen war eine Wandlung vorgegangen, die ihn kaum wieder erkennen ließ! War sein Gang sonst gebückt und schlodderig, so athmete jetzt jede Bewegung Selbstbewußtsein und Muth, das Auge leuchtete, sein Wort klang überzeugend und herzlich. Die früher von ihm beliebte leichtfertige Gesellschaft war nach und nach aus seinem Hause geschwunden; er konnte sich heute selbst nicht eingestehen, wie er Jene einst seine Freunde genannt. Sein Glück schien keine Grenzen zu kennen, als ihm, ein Jahr nach Susi’s Genesung, ein Sohn geboren wurde.

Abermals war es ein Zeitungsblatt, das Susi in nicht geringe, doch diesmal freudige Aufregung versetzte. Zum ersten Male seit ihrer Niederkunft hatte ihr Gatte heute eine Zeitung auf den Tisch gelegt. Hastig griff sie danach; sie blätterte vor und rückwärts, bis ihr Auge starr an einer Stelle haften blieb. Dann faßte sie nach dem Herzen, doch nicht wie damals schmerzerfüllt, sondern überglücklich und leuchtenden Auges reichte sie ihrem Gatten die Hand: „Das macht Deinem guten Herze Ehre!“ sagte sie tief gerührt. „Doch warum theiltest Du mir nicht mit --“

„Hatte ich Dir nicht durch ein Zeitungsblatt Schmerz bereitet,“ sagte Stern bewegt, „so war ich Dir an selber Stelle einen Ausgleich schuldig.“

Susi zerdrückte eine Thräne in ihren Augen; sie blickte auf ihr Kind, ihren kleinen Berthold und sagte: „Möge alles Gute, das Du thust, ihm zum Segen gereichen!“

„Und Dir zu Freude!“ sagte er, sie zärtlich küssend.

Jene Zeitungsnotiz lautete: „Der hiesige Banquier St. hat, seinem anerkannten Wohlthätigkeitssinne folgend, aus Anlaß eines freudigen Familienereignisses, dem hiesigen Armenvereine 10.000 Gulden überwiesen, deren Zinsen zur Pflege armer Wöchnerinnen verwendet werden sollen.“

Wieder und wieder las Susi diese wenigen Zeilen: „Sie athmen die Poesie eines gottgeweihten Herzens!“ sagte sie bewegt.

„Und doch wird es von so Vielen, selbst von der eigenen Mutter für gottlos gehalten!“ entgegnete Stern mit tiefem Seufzer.

„Guter Mann,“ entgegnete Susi; „Deine Mutter genügt ihrem religiösen Pflichtgefühl, wenn sie betet und die Gebote der Bibel befolgt, wir, wenn wir helfen und den Samen des Guten ausstreuen, wo wir können; unser Söhnchen wird wiederum einst unser Thun vielleicht belächeln; jede Generation hat ihre Ideale, und wer wahr und aufrichtig strebt, gut zu sein, verdient, daß man ihn anerkenne.“

Susi’s Mutter trat mit strahlendem Gesichte ein.

„Ich habe mir keine Zeit genommen, mich recht anzukleiden!“ rief sie überglücklich. „Bist Du es denn wirklich?“ fragte sie ihren Schwiegersohn, „von dem heute die ganze Stadt spricht!“

Stern war fast verlegen; er hatte nur beabsichtigt, der geliebten Frau eine Freude, keineswegs sich zum Mittelpunkt des Stadtgespräches zu machen.

„Nur schade,“ setzte die Mutter nach einer Weile hinzu, „warum hast Du es nicht für jüdische Arme an die jüdische Gemeinde gewiesen?“

„Da hättest Du schwerlich in meinem Sinne gehandelt!“ sagte Susi entschieden. „Wenn Jemand in Noth ist, so frage ich ihn nicht, zu welcher Religion er sich bekennt.“

„Hast Du aber schon gesehen, daß Christen für jüdische Arme testiren?“ fragte die Mutter fast beleidigt.

„Um so mehr ist es Pflicht, liebe Mutter,“ entgegnete Stern, „daß wir zeigen: Wer helfen will, helfe den Bedürftigen, gleichgiltig ob Jud, oder Christ, ob Muselmann.“

„Das sind nun wieder Eure freireligiösen Ansichten,“ sagte Frau Cahen; „nun, ich bin eine alte Frau und kann und mag sie nicht verstehen, aber das weiß ich, Gott lohnt das Gute bis in’s dritte und vierte Glied und er wird es Euch an Eurem Kinde lohnen, was Ihr Gutes gethan.“

VIII.

Der Mutter Prophezeiung schien in Erfüllung zu gehen; der kleine Berthold wurde ein ausnehmend schönes, kräftiges Kind; die junge Mutter fühlte all die Süßigkeiten, ihrem Kinde Alles sein zu können, sein erstes Lächeln zu belauschen, seinen Schlaf zu bewachen, es selbst an ihrer Brust zu nähren. Die Kinderstube war ihre Welt. Zwar war eine Wärterin angenommen, doch ließ Susi das Kind nicht von den Händen.

„Du gehst zu weit in Deiner Gewissenhaftigkeit!“ sagte ihr Gatte oft.

„Wie will ich von bezahlten Leuten das verlangen, das ich selbst nicht leiste?“ entgegnete ihm Susi.

An ihrer Hand machte das Kind die ersten Gehversuche, und -- welche Freude durchzuckte das Mutterherz -- als Berthold ein Jahr alt war, ging er bereits dem Vater einige Schritte entgegen! Dieser fing ihn hochbeglückt in seinen Armen auf, drückte ihn an sein Herz, doch trotz aller Freude schien die Wolke, die schon einige Zeit auf seiner Stirn lagerte, nicht zu vergehen.

Susi war so sehr mit ihrem Kinde beschäftigt, daß sie dieselbe nicht bemerkt hatte. Da sie seit der Geburt des Kleinen fast abgeschlossen von allen größeren Gesellschaften lebte, war ihr auch nicht zu Ohren gekommen, was man sich draußen erzählte. Sie hörte wohl von einer Geschäftskrisis, von schlechten Zeiten, doch legte sie dieser landläufigen Klage, die selbst in den günstigen Jahren beliebt ist, wenig Werth bei; sie wußte, daß ihr Mann in Eisenbahn-Papieren hoch speculirt habe, doch er hatte ja eine so sichere, glückliche Hand, daß noch keine Ahnung in ihr aufstieg, sein Vermögen könne gefährdet sein.

Stern hatte sich oft gesagt, es sei Pflicht, der Frau Einblick in die Vermögensverhältnisse zu gestatten, er hatte auch oft mit Darlegungen begonnen, doch Susi, die jedesmal glaubte, er beabsichtige nur, ihr eine Idee seines Reichthums zu geben, schnitt kurz ab und sagte, daß sie ja doch von Geschäftsoperationen nichts verstehe und es ihr vollständig gleichgiltig sei, ob ihr Vermögen in Türkenloosen oder amerikanischen Papieren oder Eisenbahn-Actien angelegt sei.

„Wenn ich aber einmal ungünstig speculire?“ hatte Stern wie zufällig gefragt.

„Du gehst so sicher zu Werke, daß dies kaum eintreten kann!“ antwortete Susi.

Ihr Gatte wollte der in vollem Vertrauen Lebenden keine Besorgnisse einpflanzen, die ihrem arglosen Gemüthe so fern lagen; auch hoffte er noch die Katastrophe abzuwenden.

Das Welthaus Strousfeld war nahe daran, seine Zahlungen einzustellen; Stern war mit seinem ganzen Vermögen bei demselben betheiligt. Er hielt es unausbleiblich, daß auch er folgen würde. „Dies muß abgewendet werden, um jeden Preis!“ sagte er sich. Noch war die Angelegenheit nicht officiell. Stern bot seinen ganzen Einfluß auf und im Verlauf von acht Tagen gelang ihm das Unglaubliche. Man konnte öffentlich die in Privatkreisen schon vielfach besprochene Zahlungseinstellung Strousfelds Lügen strafen, da die vorkommenden Anweisungsgelder Heller bei Pfennig bezahlt wurden.

Doch wie war dies möglich geworden?

Haben jene Moralisten Recht, die die Börsenwelt die Welt des Scheines, des Betruges, der Illusionen nennen? Wohl konnte man sich in jener Gründerzeit, die mit dem überall in schwerem Unglück hereinbrechenden „Krach“ endete, fragen: „Was ist Reichthum?“ Imaginär war der Besitz, war die Verrechnung. Papiere wurden geschaffen, verwerthet, entwerthet; Consortien, Gesellschaften, Banken gegründet, die, da ihre Directoren mit allem erdenkbaren Pomp auftraten, die feinsten Hotels mit einer zahllosen, gallonirten Dienerschaft bewohnten, auf Gummirädern dahingallopirten, eines Ansehens und Vertrauens bei der großen Menge genossen, das uns heute, da der Schleier gefallen, an dem gesunden Sinn, der richtigen Urtheilsgabe der in’s Schlepptau genommenen Bevölkerung zweifeln läßt; ein kleiner Bruchtheil hielt sich der Strömung fern, theils aus Mißtrauen, theils aus angeborenem Rechtlichkeitsgefühl; sie ahnten, daß jenen ewigen Naturgesetzen zufolge, welche nur eine Vermehrung des Besitzes nach rechtlicher Arbeit eintreten lassen, die Ueberspeculation sich rächen müsse. Es war so bequem zu „zeichnen“, nur zu zeichnen, wie der technische Ausdruck hieß, und dafür gleich den Gewinn einzuheimsen. So leicht wie man „verdiente“ (wenn dies eben ein Verdienen war), gab man auch aus; der Börsianer hatte eine stets offene Hand; was galt ihm der Preis einer Waare? Der armselige Krämer oder Waarenhändler rechnete seinen Nutzen nach Pfennigen, er denjenigen einer einzigen „Zeichnung“, nach Tausenden.

Eine einflußreiche, gut accreditirte Person konnte in jener Gründerzeit mit leeren Händen Schätze gewinnen. So war es auch nichts Seltenes, daß sogar fürstliche Personen sich an die Spitze der Börsen-Unternehmungen stellten. Stern wußte seinen Einfluß bei dem verschuldeten Grafen Nesh geschickt zu benutzen. Der Graf stand an der Spitze jenes Consortiums, das eine neue Anleihe für eine Zweigbahn ausschrieb; weder Strousfeld’s, noch sein Name hatten genügende Anziehungskraft, die Grafenkrone adelte das Unternehmen. Zwar wußte man in aristokratischen Kreisen, wie es nun mit Graf Nesh stehe, doch das Gros war geblendet durch den altadeligen Stamm, man traute und Tausende und Abertausende flossen zusammen; es hieß, das Geld sollte zum Bau einer Zweigbahn, von deren Prosperität man sich überzeugt hatte, verwendet werden -- in Wirklichkeit wurden mit den einlaufenden Capitalien alte Verpflichtungen berichtigt. Die Interessenten warteten auf eine Verständigung -- vergebens.

Wozu war die Anleihe verwendet worden?