Lebensbilder

Part 5

Chapter 53,730 wordsPublic domain

Wir fuhren an der Börse vorbei; ein Schauer packte mich; dann weiter der Vorstadt zu; ich kannte dort manches Haus, in dem gute Menschen wohnten, denen ich in meinen glücklichen Tagen Stütze und Trost gewesen, die mich als ihren Erretter aus Noth und Elend verehrten; mir wurde wärmer um’s Herz -- ich wußte doch, daß ich nicht umsonst gelebt habe. -- Nun eine lange Reise an die Grenze des Landes.

Freund, wer wie ich gereist, in eleganten Schlafcoupés mit Diener und Freund, dem wird es im engen Polizeiwagen unbequem. Die Nacht war kalt; der Husten peinigte mich, ich wollte mich ausstrecken, wollte ruhen, doch nein, die Nothwendigkeit machte mir es klar -- ich reiste als Gefangener.

Endlich schloß ein wohlthätiger Schlaf die matten Augen. Ich träumte. Da sah ich sie strotzend von Brillanten am Arme des Baron L. im Foyer des Opernhauses auf und ab promeniren; die jungen Offiziere setzten die Lorgnons auf, um sie besser zu fixiren, die alten Roués drückten ihr freundschaftlich die Hand -- Madame war interessant geworden, sie war ~à la mode~. -- Die Frau des Gründers mochte sie nicht sein, sie war die Maitresse des Barons. Da plötzlich fuhr ich wild auf. Noch war sie nach allen Gesetzen meine Gattin; konnte ich sie nicht zwingen, zu mir zurückzukehren?

Doch wer war ich? Ein Gefangener! Der Plan war sehr schlau, teuflisch schlau in Scene gesetzt.

Nein, rief es in mir, und wenn sie jetzt fußfällig meine Verzeihung erflehen wollte, ich konnte ihr nicht vergeben, sie nie wieder an meiner Seite sehen. Ein Weib ohne Herz ist der Teufel in Menschengestalt; hatte ich sie bis jetzt nur verachtet, so begann ich sie zu hassen. In einem Anfall von Wuth beneidete ich die Barbaren, die, ohne sich Convenienzen und Formeln fügen zu müssen, dreinschlagen und in dem Augenblick der Wuth auch ihre Rache austoben lassen können. Ja, rächen wollte ich mich an jenem feigen Gesindel, das einst an den Rädern meines Glückswagens gezogen, mich verwöhnt, umschmeichelt, hofirt hatte, und das nun, da der Glückswagen ein elender Karren geworden, mich in Elend und Verzweiflung umkommen läßt.

Ich war also in der entfernten Grenzstadt D., wo ich während meiner Untersuchungshaft bleiben sollte, angelangt. Ein Zimmer ohne jeglichen Comfort wurde mir angewiesen. Der Diener meines Hauswarts hatte bei mir eine behaglichere Einrichtung. Ein Sopha, dessen Sitz schon mehr einem wattirten Brette glich, ein Spiegel, einen Fuß hoch und dito breit, zwei wackelige Stühle, ein elendes Bett, ein dreibeiniger Tisch aus Methusalem’s Zeiten, das war mein Mobilar.

Ihr habt oft über den Luxus in meinem Hause gespöttelt; wahrlich, er war mir nicht Bedürfniß, nicht einmal sympathisch. Ella liebte ihn und schaffte wohl Manches an, das eben sonst nur Fürstlichkeiten erlaubt zu sein pflegt; ich hatte nichts dagegen; „man muß die Industrie unterstützen“, sagte ich mir; wenn jeder Reiche das Geld im Geldkasten verschließen wollte, wie sollten Handel und Gewerbe blühen? ~L’argent veut circuler!~

Aber welcher Abstand von jenem „Zuviel“ bis zu dieser Dürftigkeit!

Gleich in der ersten Nacht hatte ich einen Hustenanfall, wie +ich+ ihn vorher nicht gekannt. Die Brust preßte sich mir zusammen; ich rang nach Athem, glaubte mich dem Ersticken nahe. In meiner Angst riß ich die Fenster auf, ich rief nach Hilfe -- keine Menschenseele antwortete. Unten hörte ich das Gekläff des Wachthundes; ~voilà tout~. Seit langen Jahren empfand ich zum ersten Male, was es heißt: „Allein sein!“

Der Anfall ging vorüber, doch wünschte ich am folgenden Tage einen Arzt. Dieser, ein Doctor Streit, musterte mich, als ich ihm meinen Namen nannte, mit eigenem Blick; im Laufe des Gesprächs sagte er mir, daß auch er Papiere der Nordbahn gekauft und nun die Hälfte beim Umsatz verloren habe. Es klang wie eine Art Vorwurf, ja, an seiner gänzlichen Theilnahmslosigkeit sah ich, daß er es fast für Pflicht hielt, den Mann, der ihm Schaden verursacht, dafür büßen zu lassen. Medicamente seien nicht nöthig, sagte er, einen Wärter oder Diener, den ich wünschte, hielt er für überflüssig; ein leichter Hustenanfall führe nicht gleich zum Erstickungstod. Leider war es so.

Du weißt, mit welcher Umständlichkeit man bei uns Processe führt! O, es war zum Verzweifeln! Da saß ich nun in meinen vier Pfählen voll des unersättlichen Thaten-, ja Rachedurstes und konnte Nichts thun, als abwarten. Fehlt bei finanziellen Unternehmungen die leitende Hand, so ist oft Alles verloren; ohne Selbstüberhebung wußte ich, daß ich die Seele jener Schöpfungen war, die ich angeregt. -- Störe den Pulsschlag des Herzens und es steht still, der Organismus ist todt; vernichte die treibende Kraft, die Triebfeder eines jeden größeren Werkes, es steht still. Ja, Alles stand still, nur ich rannte wie wüthend gegen die Mauern meiner Zelle, als wollte ich mein Gehirn zersprengen.

Ella ließ mich durch ihren Anwalt mit der Scheidungsklage peinigen; sie drohte mit weiterer Denunciation, falls ich sie nicht frei gäbe. Ich schäumte vor Wuth ob solcher Verworfenheit. Das Weib, das einst schmeichelnd in meinen Armen geruht, deren Wunsch mir Befehl war, der ich mein geheimstes Denken und Wünschen anvertraut, sie konnte so gesunken sein?

Noch eben mit diesen Ideen beschäftigt, hörte ich, wie an der Thür meines Zimmernachbars gepocht wurde. Er war ein Kaufmann aus der Provinz, der des betrügerischen Bankerotts angeklagt war. Ich hörte, wie er die Thür öffnete. -- Ein Freudenschrei, ein langer, inniger Kuß. Ich wußte genug. Beschämt, wie ein Bettler wandte ich mich von jener Thür, an der ich soeben gelauscht. Drüben eine Scene innigsten Familienglücks, hier die Qualen der Einsamkeit. Zu mir kam keine theilnehmende, tröstende Gattin bis in die Kerkerzelle; ich war verlassen, elend. Nie habe ich die ganze Schwere meines Geschicks so furchtbar empfunden wie in jener Stunde.

Was ist aller Reichthum der Welt im Vergleich mit einer Menschenseele, die uns gehört, die uns treu bleibt in Nacht und Elend, die uns umfangen hält und wenn eine ganze Welt in Waffen entgegensteht. O Karl, ich breitete meine Arme aus, als müsse ich ein Wesen umfassen, an dessen Herzen ich mich ausweinen konnte; die Arme fielen schwer und matt hernieder, ich war allein.

Drüben ging endlich die Thür. „Habe tausend Dank, Du Gute,“ hörte ich meinen Nachbar sagen, „Du hast mich heut glücklicher gemacht, wie je in den glücklichsten Tagen.“ Sie hielten sich wohl noch lange umfangen; endlich vernahm ich: „Lebe wohl, es muß geschieden sein!“ Die Frau ging einige Schritte der Treppe zu, doch nochmals und nochmals kehrte sie zurück; endlich kam der Aufseher und bemerkte, daß die Stunde abgelaufen sei. Ja wohl, dem Glücklichen schlägt keine Stunde!

„Grüß mir die Kinder!“ rief er ihr nach. Die Thür schloß sich. Die Kinder! Welche Welt der Empfindungen durchwogte meinen Busen. Für wen hatte ich mich gemüht? Jahrelang war es der innigste Wunsch meines Herzens, ein trautes Kinderauge mir zulächeln zu sehen; ich glaubte das Schicksal, das mir diesen heißesten Wunsch unerfüllt ließ, versöhnen zu müssen, indem ich für die Kinder der Armen Gold mit vollen Händen ausstreute. Hunderte erhielten durch mich Kleidung, Unterricht, Versorgung -- unser Haus blieb kinderlos.

Heute danke ich meinem Schöpfer, daß es so gekommen. Was wäre aus den Kindern einer solchen Mutter geworden? Man sagt, es liege im Blut, daß sich ein Mensch gerade so und nicht anders entwickeln müsse. Ich glaube es. Weder persönliche Einsicht, noch Erziehung, noch die treffendsten Vernunftgründe können einen Menschen von der abschüssigen Bahn abbringen, wenn ihn eine innewohnende Kraft zwingt; es giebt ewige Naturgesetze, gegen die kein Kampf zum Sieg verhilft.

An mir fühlte ich, daß meine physischen Kräfte diesen Gesetzen verfallen waren. Ich war nicht mehr ich selbst. Es ist schauerlich, den Tod langsam, tappend, doch sicher heranschleichen zu sehen. Ja, ich sehe ihm in’s Auge, doch ohne Grauen. Die Beweise meiner Schuldlosigkeit häufen sich, alle Verdachtsgründe sind beseitigt, meine Freilassung muß in den nächsten Tagen erfolgen. Der unbefleckte Name ist gewahrt, und ein erfahrungs- und thatenreiches Leben, in dem ich viel genützt, liegt hinter mir. Ich wandere nicht nach B. zurück; ich habe Ordre gegeben, Alles zu realisiren und mit dem Erlös die Forderungen zu decken. Zu Dir, mein Jugendfreund, will ich kommen; ich bedarf des Freundes. Vielleicht, wenn ich einige Zeit unter guten Menschen geweilt und Körper und Geist gekräftigt ist, kann ich mich wieder den Geschäften widmen; doch ich fürchte fast, daß dies eine trügerische Hoffnung ist. Eine Mission jedoch habe ich noch zu erfüllen; jene sechzigtausend Thaler, die mir Ella mit teuflischer Schlauheit abgeschwindelt, sollen ihr, da sie mich böswillig verlassen, abgenommen und zur Deckung --

Hier endete die Mittheilung.

Ich brauchte lange Zeit, mich zu sammeln; mit hastigen Schritten ging ich auf und ab; ein Diener, in der Vermuthung, ich wünsche etwas, trat ein. Von ihm hörte ich, daß Berg gestern hier eingetroffen war, er hatte nach meiner Wohnung gefragt, um mich zu besuchen; sein Zustand hinderte ihn jedoch am Ausgehen. Er sandte heute früh nach dem Arzte und hatte mir gegen Mittag ein Paar Zeilen nach meiner Wohnung geschickt; da ich jedoch gleich von der Börse in’s Comptoir und von da in’s Theater ging, konnte ich sie nicht erhalten. Nachdem ihm der Arzt erklärt, daß sein Zustand das Schlimmste befürchten ließe, hatte er nochmals nach mir gesendet; der Bote mußte mich von einem Schauspiel zu einem Trauerspiel holen. -- Ich blieb die Nacht bei dem Entschlafenen, eine schauerlich lange Nacht.

„Das ist das Ende eines aufregenden, thatenreichen Lebens!“ sagte ich mir. Bilder buntester Art stiegen vor meinem Geiste auf, Zeitfragen, auf die ich keine Antwort wußte.

Ist es nicht besser, im Dunkel der Mittelmäßigkeit dahin zu vegetiren, ohne Schaffensdrang und Streben, als seine besten Kräfte an Probleme zu setzen, die, falls sie wirklich erreicht werden, Neid, Mißgunst und das ganze Heer der niedrigen Leidenschaften gleich einer wilden Meute fessellos auf unser Leben einstürmen lassen?

Berg hatte sich kraft seines riesengroßen Fleißes und bedeutender Begabung emporgearbeitet zu oft beneideter Höhe; er war ein Fürst im Reich der Armen, ja, ich wußte es, sie küßten den Saum seines Kleides, sie verehrten ihn mit innigster Dankbarkeit. Und die Reichen und die Vornehmen, auch sie hatten um seine Gunst gebuhlt und jenes Weib, es hatte sich gesonnt im Glanze seines Reichthums. -- Ha, als ich ihrer gedachte, ballte ich die Hände krampfhaft; hätte ich sie da vor mir gehabt, ich glaube, ich hätte sie züchtigen können. Doch einen Trumpf wollte ich noch ausspielen, sie durfte nicht die reiche Witwe des zu Grunde gerichteten Mannes bleiben; war sein Vermögen, wie sie ihn denuncirt hatte, schwindelhaft erworben, so sollte sie auch zur Herausgabe der schwindelhaft erworbenen sechzigtausend Thaler gezwungen werden! In der Hoffnung, meinen Freund zu rächen, fand ich die Kraft, das mir obliegende traurige Amt, ihn der allumfangenden Mutter Erde zu übergeben, auszuführen.

Es war ein stilles Begräbniß. -- Er war ja ein ruinirter Mann; er hatte nicht Weib, nicht Kind, wer sollte ihm folgen? Meine heißen Thränen rollten auf sein Grab hernieder, der Prediger sprach ein kurzes Gebet; -- ein müder Pilger war zur letzten Ruhe bestattet worden. -- Noch vor Jahresfrist, da er ein Palais in der Residenz sein eigen nannte, wäre seinem Leichenwagen ein unabsehbarer Conduct gefolgt; Palmen und Kränze, umflorte Equipagen und in ihnen traurig scheinende Menschen hätten zu seinem Leichengang gehört; heute hatte ihn nur ein Freund hinausgeleitet, doch Einer, der seinen Werth voll und ganz erkannt.

Oeffentliche Blätter brachten bald die Nachricht von seinem Tode. Ein mir bekannter Reporter wußte geschickt die Bemerkung einzustreuen, daß ein Testament, nach welchem die seiner in Scheidung lebenden Gattin geschenkten Gelder zur Deckung der Außenstände verwendet werden sollen, existire, daß ein Freund des Verstorbenen, der ihm zuletzt nahe gewesen, das Testament in Händen habe. Das wirkte mit wahrem Knalleffect. -- Wer jener Freund sei, konnte den Betheiligten nicht zweifelhaft sein; sie wußten, Berg sei in D. gestorben, und daß ich jener Bevollmächtigte sei, mußte ihnen einleuchten.

Einige Tage nach jener Veröffentlichung erschien bei mir der Advocat des Baron L. Er interpellirte mich, ob an jener Zeitungsnotiz etwas Wahres sei und ob ich ihm Schriftstücke zeigen könne.

Ich durchschaute die Absicht und gewann dadurch den Muth zu einer beinahe straffälligen Unwahrheit. Baron L. hatte nicht die gefallsüchtige Frau, sondern ihr Geld gemeint. Dieses schien ihm angefochten -- wer weiß, sagte ich mir, ob er sie nicht verläßt, wenn er sie enterbt weiß, und dann hätte sie den Lohn ihres ruchlosen Gebahrens. -- Ich theilte dem Advocaten mit, daß Berg mich auf seinem Todtenbette zum Mitwisser aller ihrer Intriguen gemacht, daß er es „schwarz auf Weiß“ hinterlassen, daß das ihr geschenkte Vermögen zur Deckung seiner Gläubiger verwendet werden solle; Einsicht in die Papiere könne ich ihm jetzt nicht geben, da diese schon an maßgebender Stelle abgeliefert seien.

Ich galt als Ehrenmann; der Advocat, obwohl er keine Einsicht in die Papiere erhalten, schenkte meinen Worten Glauben; er kehrte nach der Residenz zurück und theilte dem Baron mit, daß, da ein Testament existire, das jene Schenkung ungültig mache, und außerdem in Folge unmotivirter Trennung eine Enterbung denkbar, es das Rathsamste sei, Frau Berg von einem Processe zurückzuhalten, für dessen Durchführung wenig Aussicht sei.

Mein Reporter arbeitete nun weiter; er sprach von Enthüllungen, von Legaten, kurz, es wurde kaum bezweifelt, daß ein vollständig rechtskräftiges Testament existire. -- Wie leichtgläubig ist doch die Menge! Hätte das Fragment, das ich in Händen hatte, irgend welche Rechtsgiltigkeit gehabt? Ich hätte günstigsten Falls eine moralische Pression ausüben können! Doch ich ließ der Sache ihren Lauf; die Nemesis sollte ihres Amtes allein walten.

Eben machte ich Anstalt, zur Börse zu gehen, als mein Freund athemlos zu mir hereinstürzte.

„Was haben Sie da angestiftet, Freund?“ rief er mir zu, „Sie haben Fatum gespielt und können möglicher Weise zur Rechenschaft gezogen werden.“

„Was ist denn vorgefallen?“ fragte ich beunruhigt.

„Eben bekomme ich die Nachricht von Lieutenant Solm, daß Frau Berg, die angebliche Braut des Baron L., in dessen Zimmer todt vorgefunden worden; man spricht von einem Selbstmord, schreibt er mir. In ihren krampfhaft verschlungenen Händen fand man einen Brief des Baron L., der einige Tage zuvor verreist war; er schrieb ihr in demselben, daß seine derangirten Verhältnisse eine Heirat nicht gestatten; er habe Ehrenschulden, die ihn, da nun auch das ihr angeblich gehörige Vermögen confiscirt sei, wie er aus glaubwürdiger Quelle erfahren habe, zur Auswanderung zwingen; er gehe nach Californien und bitte sie, keine Nachforschungen anzustellen.“

Ich blieb noch lange sprachlos, nachdem mein Freund geendet. „Das war eine schnelle Justiz!“ sagte ich endlich. „Kein irdischer Richter hätte so scharf und so gerecht strafen können.“ Die Worte des Dichters:

Das Leben ist der Güter Höchstes nicht, Der Uebel größtes aber ist die Schuld

traten urplötzlich vor meine Seele. -- Die Schuld war gesühnt, doch ein energievoller, in weitesten Kreisen hochgeachteter Mann war durch die Ränke und Treulosigkeit eines Weibes dem Ruine entgegengeführt worden. --

Glaubenskämpfe.

I.

Nachdenkend, den Kopf in die Hand gestützt, saß Susanne am Fenster. Sie war ein schönes, 18jähriges Mädchen, aus deren feurigen Augen Begeisterung, doch auch finstere Schwermuth sprachen. Die hohe, schöne Stirn war in tiefe Falten gelegt, ein convulsivisches Zucken umschwebte die Mundwinkel.

„O, wer giebt mir Klarheit, wohin ich mich wenden soll?“ rang es sich endlich aus dem bedrängten Herzen empor. „Ist die Religion, die unseren Vätern vor Jahrtausenden heilig war, noch berechtigt, in unserer Zeit gelten zu wollen? Kann ich denn noch beten, wie jene gebetet? Ist es nicht Entweihung der heiligsten Gefühle --“

Sie wurde unterbrochen; eine alte Frau, die nach Sitte der frommen Jüdinnen einen tiefen Scheitel trug, der das eigene Haupthaar verbarg, trat ein.

„Susi, mein Kind“, begann sie, „Du bringst noch Gram und Schande über Deine alten Eltern! Sprich, warum warst Du heute wieder bei dem deutschen Prediger und doch weißt Du, daß Dein Vater ein guter Jud ist und treu dem großen Gott?“

„Mutter!“ rang es sich qualvoll aus Susi’s Brust, „Mutter, fragt mich nicht. Ihr seid glücklich in dem Glauben Euerer Väter, ich möchte Euch meine Zweifel nicht mittheilen, Ihr könntet mich nicht heilen; lasset mich den Kampf mit meinem religiösen Bewußtsein allein auskämpfen; glaubt mir, ich werde nicht schlechter, wenn ich die Gedanken über Gott und Ewigkeit, die ich nicht bannen kann, klar zu erforschen suche, sie mit dem, was Andere darüber gedacht, vergleiche. -- Ich will Euch eine gute Tochter sein, doch --“

„Wie kannst Du mir eine gute Tochter sein, wo Du Gott, dem Allgütigen, ein abtrünniges Kind bist!“ sprach die alte Frau unwillig.

„Das bin ich nicht, Mutter!“ entgegnete Susi flammenden Auges; „ich will Gott und allem Guten und Edlen nur um so näher kommen, indem ich die todten Buchstaben, die unsere Weisen vor Jahrtausenden niedergeschrieben, nach dem Geiste unserer Zeit deute. Sieh, wir opfern keine Schlachtopfer mehr in unseren Tempeln und doch heißt es in unseren Gebetbüchern: ‚Gott, nimm unser Opfer gnädig an!‘ Da muß ich mir klar werden, was wir denn jetzt dem höchsten Wesen zum Opfer bringen; unsere Begierden, unsere Neigungen, falls sie nicht mit den Gesetzen der Moral und Menschlichkeit im Einklang sind, unsere Wünsche, falls sie Anderer Wohl beeinträchtigen --“

„So denke ich nicht und so bete ich nicht!“ unterbrach die alte Frau abwehrend. „Ich bete, was da geschrieben steht und indem ich die Worte leise vor mich hersage, fühle ich, wie der Geist Gottes zu mir herniedersteigt und ich werde froh und neu belebt; so hat meine Mutter gebetet, ja ich sehe noch die Großmutter, Gott habe sie selig, so vor mir stehen; sie alle sind glücklich und hochbetagt gestorben und Du, mein armes Kind, machst Dich elend und krank, daß Du klüger sein willst als Alle, die nun in Frieden bei Gott dem Allmächtigen sind.“

Susi blickte starr vor sich hin; sie wollte die alte Frau, die sie ja ohnehin nicht verstehen konnte, nicht aufregen, doch wer konnte ihr mitgetheilt haben, daß sie heute zur Predigt in der freien Gemeinde gewesen?

Dunkle Zornesröthe überzog ihre Stirn. Ja, er war es, Jakob Stern, der arme reiche Mann, der noch immer in dem Wahne befangen war, er könne ein Mädchen wie Susi mit seinem Gelde erkaufen. Da, als sie um die Ecke bog, sah sie ihn in eleganter Equipage daherrollen; sie fühlte, wie sein Blick ihr folgte, bis sie das Erbauungshaus betreten, indeß ahnte sie nicht, daß er sich zum Denuncianten erniedrigen würde.

„Jakob Stern war bei Dir?“ fragte Susi, indem sie die Mutter forschend anblickte.

„Vor einer Stunde,“ entgegnete diese. „Susi, er hat seinen Antrag erneuert. Bedenke wohl, ehe Du Dich jetzt in Heftigkeit äußerst,“ fügte sie hinzu, da sie der Tochter lebhaften Einspruch voraussah, „was es heißt, eine solche Partie auszuschlagen! Dein Vater hat keine Mitgift für Dich, Du bist an Wohlleben gewöhnt; was wird aus Dir werden, wenn wir alten Leute abgerufen werden?“

„So werde ich arbeiten, um mir eine Selbstständigkeit zu sichern, Mutter! Besser arbeiten und frei sein, als auf goldenen Polstern ruhen und Geist und Seele in Fesseln schlagen!“ entgegnete Susi mit edlem Freimuth; „doch,“ setzte sie sanfter hinzu, „meine guten Eltern sind ja noch rüstig und werden mir noch lange erhalten bleiben.“ --

„Und selbst dann, Susi,“ entgegnete die Mutter, „ist ihr erster Wunsch, Dich versorgt zu sehen. Du bist so gescheidt, wie kannst Du nicht einsehen, daß Du ein Glück ausschlägst, um das Dich alle Deine Freundinnen beneiden!“

„Gute Mutter,“ entgegnete Susi mit schwerem Seufzer, „lass’ es Dir ein für allemal gesagt sein, eine Verbindung mit Jakob Stern ist für mich kein Glück; er ist stumpf, zelotisch fromm, eingebildet, eitel; wie kann ich einen solchen Menschen achten, wie werde ich auch nur eine Stunde im Umgange mit ihm froh sein können?“

„Das findet sich, Susi, er ist gut von Herzen; er wird Dich auf Händen tragen und Du wirst wie Hunderte und Tausende Andere Deine Schwärmereien vergessen und eine brave Frau werden, die ihr Haus beglückt und nach allen Seiten Segen ausstreut.“

„Mutter, meine gute Mutter,“ rief Susi, in Thränen ausbrechend und der alten Frau um den Hals fallend; „o könntest Du mich verstehen! Du willst doch Dein Kind nur glücklich machen, wie kannst Du ihm ein so schweres Opfer zumuthen! Denke zurück, Mutter, an die Tage Deiner eigenen Jugend! Wie es Dein Stolz und Glück, Deines Herzens höchste Seligkeit war, einem frommen -- angesehenen Manne Deine Zukunft zu einen, so ist es Deines armen Kindes einzigster Wunsch, nur dem Manne anzugehören, der es versteht -- der mit erleuchtetem Blick und warmem Herzen an den Bestrebungen unserer großen Zeit Theil nimmt, für alles Große, Edle und Gute begeistert einsteht, der im Ringen nach den höchsten Zielen, im Erforschen der heiligsten Wahrheiten seinen Lebenszweck erkennt!“

„Arme Susi,“ entgegnete die Mutter thränenden Auges, „wo willst Du den Mann finden!“

„O, ich kenne ihn!“ rief Susi, sich selbst vergessend, „ich habe ihn heute gehört und der Ton seiner Stimme vibrirt noch jetzt in meinem Herzen!“ -- Plötzlich hielt sie inne, das Gesicht mit beiden Händen bedeckend, als sie die Erstarrung sah, die sich der Mutter bemächtigt hatte; wehe, sie hatte zu viel gesagt! In einem Augenblick der Erregung war ihr ihres Herzens tiefstes Geheimniß entschlüpft. -- Fassungslos stand sie der alten Frau gegenüber.

„Er, er!“ -- rief die Mutter endlich in herzerschütterndem Schmerze; sie rang stumm und verzweifelnd die Hände, doch endlich schien sie in ihrem tiefen Weh Worte zu finden: „Und ihn, den Getauften, den Meschumed, den Goi, kannst Du achten? Was ist dem Manne heilig, der die Religion seiner Väter abgeschworen? Um sich dereinst vielleicht Herr Rath nennen zu lassen, hat er seinen Glauben aufgegeben! Ja, noch schlechter, jetzt sucht er mit Scheinreden, als ob man wirklich nicht mehr an den allmächtigen Gott glauben könne, Andere zu gleicher Schlechtthat zu bewegen und wenn es nach ihm geht, soll jeder fromme Jud --“

„Halt ein, Mutter,“ unterbrach Susi entschieden. „Berthold Caspari ist nicht des Titels wegen seinem Glauben untreu geworden, noch sucht er irgend Jemanden durch seine Vorträge demselben zu entfremden! Jeder denkende Mensch, ob Jud oder Christ, hört sie mit gleichem Interesse und fühlt sich gehoben und beseligt, dem feurigen Redner lauschen zu können. Nur das höchst Sittliche ist ihm heilig, nur das Streben nach Veredlung ist ihm Religion, jede gute That ein Gebet, das gleich Opfern zu Gott emporsteigt --“

„Genug,“ rief die alte Frau mit zitternder Stimme, „versündige Dich nicht an Allem, was uns heilig ist! Er ist kein Prophet und kein Gottgesandter -- und was er sagt, das fühle ich, obschon ich es nicht verstehe, ist Lug und Trug und wohl angethan, arme, verblendete Menschenkinder wie Du, zu verführen! Ja, er ist schön,“ fuhr die alte Frau, zu sich sprechend, fort, „seine Augen zünden wie Feuer, das blasse Gesicht, der lange, schwarze Bart, die hohe Gestalt, all’ das vermag wohl Eindruck auf ein 18jähriges Mädchen zu machen! Doch, Susi,“ fuhr sie fast flehend fort, „Du solltest doch wissen, was Du Deinen Eltern, die im Glauben ihrer Väter ergraut sind, schuldig bist.“

Susi rang nach Luft, ihr war, als müsse sie ersticken.