Lebensbilder

Part 4

Chapter 43,671 wordsPublic domain

„Ach mein Gott, mein Gott!“ rief die arme Frau, „unser Einer hat doch auch ein Herz, und der gnädige Herr war stets so gut mit mir, und dann sprach er von einem Verlobungsfest, ich solle mich nur recht schön machen, damit er Ehre einlegen könne, er wolle mich zuvor schon all seinen Verwandten vorstellen, und dann kamen Sie, gnädige Frau, und er sagte: Siehst Du, liebe Nichte, das ist meine liebe Lorenz, die so brav für mich gesorgt hat, daß --“ Thränen erstickten ihre Stimme.

„Nun ja, meine liebe Lorenz,“ sagte der Hausherr jetzt hervortretend, „haben Sie bisher brav für mich gesorgt, so will ich auch ferner brav für Sie sorgen; daß indeß Ihr liebebedürftiges Herz meiner Frau Concurrenz machen wollte, geht doch nicht! Wenn Sie mir sagen wollen, auf wen Ihre schönen, schwarzen Augen sonst einen Eindruck gemacht --“

„Jetzt führen Sie nun schon wieder so gottlose Reden!“ unterbrach ihn unwillig Frau Lorenz; „da haben Sie mir so lange von meinen schönen, schwarzen Augen gesprochen, bis ich dumm genug war, daran zu glauben, daß, daß --“ sie schluchzte wiederum so heftig, daß Frau Anna jetzt ihrem Gatten ernstliche Vorwürfe machte, ein, wie sie in gut angenommenem Ernst sagte, so frevles Spiel mit den heiligsten Empfindungen des Frauenherzens getrieben zu haben.

Frau Anna schien sich prächtig auf das Gardinenpredigen zu verstehen, so prächtig, daß selbst der grollenden Schönen, die Alles für baare Münze nahm, es nun genug des grausamen Ernstes schien und sie selbst der von sittlicher Entrüstung erfüllten Gattin in’s Wort fiel und um Schonung für Denjenigen bat, dem sie ungeachtet der bitteren Enttäuschung doch nicht ernstlich gram sein konnte.

Die beiden Gatten kehrten, nachdem die Lorenz sich endlich in ihr Unglück zu finden schien, in den Salon zurück wo man eben im Begriffe war, zu Tisch zu gehen.

Das glückliche Brautpaar saß obenan, die Räthin nahm ihm zur rechten, das Buchler’sche Ehepaar zur linken Seite Platz. Professor Detmold war verschwunden. Man toastirte, aß, trank und war in heiterster Stimmung. Professor Richard war die Hauptperson des Abends; man beglückwünschte ihn nicht nur zu der schönen Braut, die ihm ja, wie Alle nun trotz aller gegentheiligen Annahmen sehr wohl wußten, längst verlobt war, mehr noch zu der so schnell erlangten Professur, die seine Zukunft zu einer so glänzenden gestaltete. Die Frau Professorin ~in spe~ leuchtete vor Wonne und Seligkeit, und als die Champagnerkorke knallten und Alles in Lust und heiterer Laune aufjubelte, umarmte sie die auf ihr dereinstiges Familienglück toastirende Mrs. Buchler, und als deren Gatte nun auch sein Theil begehrte, sich als den eigentlichen Anstifter des heutigen Festes gerirend, da hatte auch er einen herzlichen Kuß weg, ehe er recht wußte, wie ihm geschah.

Dem so sonderbar improvisirten Verlobungsfeste folgte einige Monate hernach ein von der Räthin ganz nach strengstem Hofceremoniell inscenirtes Hochzeitsfest.

„Mein Schwiegersohn, der Herr Professor!“ war bei ihr stehende Redensart geworden; er war jetzt der vorzüglichste, tüchtigste, strebsamste Mensch, und so oft sie Camilla an seiner Seite sah, intonirte sie die schon ehedem angewandte Redensart: „Ist sie nicht ein rechtes Glückskind?“

Aus dem Leben eines Gründers.

Ich war im Theater. Eben war der Vorhang gefallen, das Publikum klatschte enthusiastisch Beifall. Frau von Straß hatte in Laube’s „Böse Zungen“ ihren zündenden Monolog gehalten und wurde durch mehrmaligen Hervorruf geehrt.

Noch ganz unter dem Einflusse des herrlich gemalten Zeitbildes, das da vor unsern Augen entrollt worden, bemerkte ich nicht, wie der Logendiener an mich herantrat; erst als er ein versiegeltes Briefchen mir dicht vor die Augen hielt, wandte ich mich um.

„Ein Kellner aus dem ~Hôtel de Russie~ wartet auf Bescheid!“ sagte er mir.

Ich erbrach das Schreiben. Es waren die Schriftzüge meines Jugendfreundes Berg, doch zitternd und flüchtig. Er schrieb:

„Eile zu mir; meine Stunden sind gezählt; ich habe Dir wichtige Mittheilungen zu machen!“

Ich griff nach Hut und Stock und folgte dem draußen harrenden Diener.

Aufregende Vermuthungen durchzuckten mein Hirn; wie kommt Berg hierher? fragte ich mich; hat er wieder eine verunglückte Speculation, einen Kampf mit der Regierung? Doch schon war ich vor dem Hotel angelangt.

„Sie werden erwartet, eilen Sie!“ sagte mir am Eingang Professor Sonn; „ich komme soeben von Ihrem Freunde, er ist hoffnungslos.“

Ich flog die Treppe hinan, schon hatte der Diener die Thür geöffnet; ein halblautes, unterdrücktes Stöhnen drang an mein Ohr. Ich schlug die Portieren zum Seitenzimmer zurück und blickte in das matte, halb gebrochene Auge des einst so lebensfreudigen, thatendürstenden Mannes.

Wohl mit einer gewaltigen Schmerzensregung kämpfend, hatte er mich nicht erblickt; ich stand vernichtet; ich hörte mein Herz klopfen und hatte nicht den Muth, eine Frage an den Kranken zu richten, fürchtend, er könne am Ton meiner Stimme meine Gemüthsaufregung und seine Hoffnungslosigkeit erkennen.

Jetzt erhob er den Blick. „Bist Du’s endlich!“ sagte er, mir die matte Hand entgegenstreckend, „o wie freue ich mich, Dich noch einmal zu sehen; seit heute Mittag sende ich schon Boten aus, die Dich weder im Geschäft, noch an der ~Table d’hôte~, noch --“

Er konnte nicht vollenden; angstvoll griff er nach der Herzgegend, als ob da ein Krampf wüthe, der ihn zu ersticken drohte. -- Er rang nach Luft; die Hände auf die Brust pressend, röchelte er mit gewaltiger Kraftanstrengung; es sollten Worte sein, doch verstand ich sie nicht zu deuten. „Dort! Nimm!“ brachte er endlich mühsam heraus, mit dem Finger auf ein aufgeschlagenes Buch deutend. Der Krampf schien sich zu legen, er sank ohnmächtig in die Kissen. „Lies!“ hauchte er mit matter Stimme, nachdem er eine Weile geruht. Ich durchblätterte das Buch, es war von seiner Hand geschrieben. „Meine Schicksale!“ begann er mit sichtbarer Anstrengung. „Ich gehe als ein Nichts aus der Welt und weiß doch, daß ich dieser Welt eine übermenschliche Thatkraft geweiht habe. Ich habe Gutes gewollt,“ setzte er nach einer Weile hinzu, „meine Mittel waren edel; ich hatte die Anerkennung von Fürst und Volk -- --“

Ein wiederholter Krampfanfall, dann, nach einigen Minuten qualvollen Ringens ein heftiger Blutsturz -- Berg lag als Leiche in meinen Armen.

Ich war versteinert; den Kopf des todten Freundes in meinen Händen haltend, saß ich regungslos da; ich fühlte nichts, ich dachte nichts, eine gänzliche Starrheit lähmte mir die Glieder.

„Mein Theodor!“ rang es sich endlich schmerzerfüllt aus meiner Brust empor; ich drückte einen langen Kuß auf die eisig kalte Stirn und weinte bitterlich.

Die Thräne hat eine erlösende Kraft; so selten sie im Auge des Mannes ist, so schwer muß das Schicksal sein, das sie aus ihrem finstern Verließ an’s Licht ruft. Je mehr der Thränen mir in den nun schon silbergrauen Bart rannen, desto mehr Bilder und Erinnerungen, die sich an das Leben des Entschlafenen knüpften, tauchten vor meinem geistigen Auge auf.

Wir hatten die Schulzeit gemeinsam zurückgelegt, hatten als Studenten gezecht und gepaukt, uns gemeinsam in unserer Sturm- und Drangperiode die weitesten Ziele gesteckt und sie zu erreichen geglaubt, im Mannesalter redlich gerungen um die höchsten Güter der Menschheit, um Familienglück und Völkerwohl, und nun --

Wieder überlief es mich eiskalt. Ich legte das Haupt des müden Kämpfers zurück in die Kissen, säuberte meine Kleider und griff nach dem Vermächtniß des Jugendfreundes. Er schrieb:

Mein Karl!

Ich habe heute nach sechsmonatlicher Untersuchungshaft das Gefängniß verlassen; der Arzt erklärt mir, daß ich mich rüsten möge, in die große Armee einzutreten; vielleicht gibt mir der Herr der Heerschaaren, ehe er mich als treuen Recruten mit obligatem Eide verpflichtet, noch Zeit und Kraft, Einiges zu erzählen, das Klarheit und Wahrheit in ein viel angefeindetes, oft absichtlich verkanntes, oft schnöde beurtheiltes Leben bringen wird. Ich fühle mich zwar unendlich schwach; der Mangel jeden Comforts, die ungesunde Luft im Gefängnißraum, schlechte Kost haben den ohnehin verwöhnten und kranken, der besten Pflege bedürftigen Körper zum Siechthum gebracht.

Was liegt daran? -- Ich hatte meine Mission erfüllt, oder zu erfüllen geglaubt; nicht Eigennutz, Du weißt es, war die Triebfeder meines Handelns. Millionen flossen durch meine Hände, für mich blieb nur, was ich als anständiger Privatmann nöthig hatte. Fürsten und Herzoge verkehrten bei mir, ich blieb wer ich war, der einfache Industrielle, der als solcher stolz auf seine Verdienste war und Adelsdiplom und Orden von sich wies.

Als Du vor zwei Jahren in B. mein Gast warst, stand ich im Zenith meiner Thätigkeit. Von da ging es rasend bergab; ich verlor, was ich mühsam erworben, Geld läßt sich zwar verschmerzen, es kommt auch wieder, aber, was mich tiefer drückte, meine redlichen, nur auf das Gemeinwohl gerichteten Bestrebungen wurden verdächtigt; wo ich, um wohlzuthun, Geld mit vollen Händen ausstreute, da hieß es: eitele Prahlerei. Ich konnte nun einmal nicht einsehen, daß Tausende darben sollten, damit Einer genieße. Du weißt, ich ließ damals, als der Prinz X. sich bei mir ansagte und in Folge dessen schon Einladungen an die ~haute finance~ und Adelsgesellschaft ergangen waren, plötzlich unter dem Vorwande, meine Frau sei erkrankt, absagen; man hatte mir die Berechnung des Festes auf dreitausend Thaler gemacht; diese Ausgabe, angesichts der allgemeinen Arbeitslosigkeit und grimmigen Kälte, die Tausende armer Menschen vor Frost umkommen ließ, schien mir zu groß für die Freuden einer Ballnacht. Ich legte eine gleiche Summe dazu und gab Auftrag Holz an die Armen der Residenz vertheilen; die mir entstehenden kleinen häuslichen Zwistigkeiten meiner Frau, die sich auf den glänzenden Ball piquirt hatte, ließen mich diesmal kalt; mir war es im Herzen so herrlich warm, dachte ich daran, wie die Eisblumen an den Fenstern der Armen vor der belebenden Gluth des Ofens schwanden, die steifen Glieder sich wieder bewegen lernten, und Tausende, ohne zu wissen, wer ihnen wohlgethan, des Wohlthäters dankend gedachten.

Ja, Karl, dieser leidige Idealismus trieb mich mancher „Thorheit“, wie es die Leute nennen, in die Arme. Warum hat auch der Mensch ein Herz, das Theil nimmt an den Leiden und Freuden seiner Mitmenschen? -- Und doch könnte ich heute von Neuem mein Leben beginnen, ich würde von Neuem so anfangen. Es gibt Irrungen, die so süß sind, daß man viel Bitteres in den Kauf nehmen und doch sagen kann: „Das Leben ist werth, gelebt zu werden!“

Zwei unheilvolle Jahre trennen uns. Höre also! Ich hatte damals den Adel refüsirt; Du weißt, ich verachte Alles, was äußerlich ist. Innerlich fühlte ich mich jedem Adeligen mindestens vollkommen ebenbürtig, wozu der Tand also? Das konnte man mir bei Hofe nicht verzeihen. Der Kronprinz hatte mir zuvor seinen Besuch anzeigen lassen, angeblich wollte er meine Gemäldegalerie in Augenschein nehmen, er kam hernach nicht; meine finanziellen Unternehmungen wurden in den der Regierung ergebenen Blättern einer strengen Kritik unterzogen; man konnte mich nicht direct angreifen, doch man unterminirte das feindliche Terrain. Meine Freunde, o ja, ich hatte deren, machten mich aufmerksam, jener bedeutsamen Großmacht, „öffentliche Meinung“ genannt, mehr Beachtung zu schenken. Ich, im Vollgefühle dessen, was ich zur Hebung des Volkswohls gethan, zuckte verächtlich die Achseln. Hätte ich, durch den Tausende und abermals Tausende an allen Grenzen des Vaterlandes Arbeit und Fortkommen gefunden, erst um die Gunst Einzelner buhlen sollen, damit ich richtig beurtheilt würde? Ich verachtete das elende Zeitungsgeschwätz, ignorirte die Weitschweifigkeit, mit der einzelne Volksredner, die nach Popularität rangen, meine Unternehmungen mit der Leuchte ihres beschränkten Unterthanenverstandes kritisirten. Doch so sehr ich mich selbst überzeugt hielt, nur das Rechte und Gute zu wollen, es kam bald eine Zeit, da ich selbst meine Nächsten nicht davon überzeugen konnte. Meine Gattin zeigte sich, je mehr die Wogen der allgemeinen Unbill mich umdrängten, um so kälter und gefühlloser; sie hielt mich heute für einen waghalsigen Speculanten, morgen für einen hirnlosen Phantasten, kurz, wenngleich ich ein verständnißvolles Eingehen auf meine Intentionen nie bei ihr gekannt habe, so hätte ich doch gern nach des Tages Arbeit und Anfeindungen ein herzliches Entgegenkommen von ihr gewünscht; sie war kalt und rücksichtslos. Ich war der arme, reiche Mann, der Tausenden ein Heim bereiten konnte und selbst keines besaß. Ella konnte mir nicht verzeihen, daß ich die Gunst des Hofes verscherzt; als künftige Freifrau hätte sie sich vielbeneidet gesehen! Ihrer Phantasie war alles Bürgerliche bereits entfremdet; das Tafelservice, die Livreen für die Dienerschaft, Alles war schon mit Kronen und Wappen bestellt worden, und da begeht der „tölpelhafte Bourgeois“ die Lächerlichkeit, die Auszeichnung von sich zu weisen! Es war auch zu tölpelhaft!

Eines Morgens warte ich vergeblich, Madame beim Kaffee erscheinen zu sehen; ich habe schon diverse Zeitungen durchblättert, hier und dort das Damoklesschwert über meinen waghalsigen Unternehmungen hängen sehen -- man hatte in Volksversammlungen gewarnt, sich an Emissionen, die meinen Namen tragen, zu betheiligen -- doch das Alles sollte mir meinen Morgenimbiß nicht stören; ich gehe, um nicht länger zu warten, in Madames Boudoir, sie zu bitten, den Kaffee mit mir zu nehmen, da finde ich statt ihrer ein Billet und die Zofe sagt mir, die gnädige Frau sei diesen Morgen 7 Uhr verreist. Ich öffne das Billet.

„Mein Herr! Sie können nicht verlangen, nachdem ich nun jahrelang ihr abenteuerliches Leben getheilt, daß ich demselben ferner meine Jugend und Lebensfreude opfere. Ich lebe um zu genießen, zu glänzen; Ihre philisterhaften Marotten müssen Sie in’s Unglück stürzen; ich mag es nicht theilen. Baron L. bietet mir Herz und Hand; willigen Sie in die Scheidung, ich bitte Sie darum; mein Platz ist nicht an Ihrer Seite. Ich habe kein Verständniß für Ihre Bestrebungen. Sie nicht für die meinigen. Lassen Sie uns gute Freunde bleiben!

Ella.“

Das war mehr, als ich erwarten konnte. Ella war damals, als ich sie im Hause des Dr. Werther, der sie zur Bühne vorbereiten sollte, kennen lernte, ein armes, adeliges Fräulein; wohl hatte ich sie dem Hang zur Bühne abspenstig gemacht, die komödienhaften Anwandlungen ließen sich jedoch nicht betäuben. Ihre Schönheit, ihre Liebenswürdigkeit fesselten mich; sie hatte eine gute Komödie mit mir gespielt, denn kaum war sie meine Gattin, so war ich nur noch gut genug, Schenkungen auf ihren Namen eintragen zu lassen. Daß ich Rechte auf ihre Treue, ihre Hingebung habe, erschien ihr lächerlich; bei so gewagten Unternehmungen, wie ich sie führe, wiederholte sie mir oft, sei es meine Pflicht, ihre Zukunft sicher zu stellen. Das that ich in der besten Absicht. Am Tage, als sie mich verließ, hatte sie wohl ein Vermögen von sechzigtausend Thalern.

Ich stand wie vernichtet. Eine so raffinirte Betrügerin jahrelang an meiner Seite geduldet, ihr meinen Namen gegeben zu haben, das empörte mich. Meinem Herzen war Ella nie das, was ich erwartet. Sie war arm und hilflos, als ich mich ihrer annahm; ich glaubte ihre Seele zu mir empor zu ziehen, sie der meinigen zu vermälen. Nach all der Last der Tagesgeschäfte sehnte ich mich nach einem hingebenden, treuen Weibe, ich fand eine gefallsüchtige, von Anbetern umgebene Coquette. Doch das wird Dir damals schon nicht entgangen sein. Was aber angesichts dieses Briefes thun? Auf keinen Fall einwilligen! tönte es in mir.

Ich antwortete: „Madame! Sie halten mich für einen einfältigen Narren. Sie irren! Ich fordere Sie auf, unverzüglich zurückzukehren; meine Achtung haben Sie verscherzt, ein öffentlicher Scandal würde Sie entehren.“ Ich sandte diesen Brief in die Wohnung des Baron L.

Madame kam nicht; statt ihrer ein Brief mit Drohungen niedrigster Art. Wolle ich ihr nicht die Freiheit geben, so werde sie Enthüllungen an maßgebender Stelle machen, die mich vernichten müßten; die Documente seien in ihren Händen.

Ich hatte in der That in letzter Zeit bemerkt, daß sie unter meinen Privatpapieren herumgestöbert; ich wußte auch, daß ein Brief des Herzogs U., in dem er mir seine Betheiligung an der neuen Eisenbahnstrecke nach W. zusagt, falls ich seinen Namen mit zwanzigtausend Thalern kaufen wolle, abhanden gekommen sei. Hatte sie ihn? fragte ich mich. Und wenn selbst! Was konnte jener Brief beweisen? Weder daß ich ein ähnliches Anerbieten gefordert habe, noch darauf eingegangen sei. Es war nichts Neues, daß man Namen hoher Persönlichkeiten an die Spitze neuer Unternehmungen stellte, um diese dadurch besser zu accreditiren. Meine Unternehmungen waren durchwegs gesund und auf streng rechtlicher Basis erbaut; ich hatte derartige Kunstgriffe nicht nöthig, konnte also der Verdächtigung ruhig in’s Auge sehen. Doch wie schmerzte es mich, daß diese Verdächtigung gerade von meinem Weibe ausging! Wer hoch steht, ist allen Blicken ausgesetzt, hat Neider und Feinde; das sollte ich jetzt Schlag auf Schlag erfahren. Die ~mise-en-scène~ war gut ausgedacht. Sie verschmähe es, den schwindelhaft erworbenen Reichthum des Parvenüs zu theilen, die Ehre ihres unbefleckten Stammbaumes auf’s Spiel zu setzen, dann die einem befreundeten Anwalt, der gleicherzeit Parlamentsmitglied ist, geschickt in die Hände gespielten Verdachtsmotive von unlauteren Speculationen, dazu die Gährung in der öffentlichen Meinung, die bei jedem Geschäftsabschluß gleich eine Gründung auf trügerischem Untergrunde wähnte, kurz -- was ich noch vor einem Monat für unmöglich gehalten, geschah. -- Das Vertrauen zu meinen Unternehmungen war erschüttert; hier Verdächtigung, dort öffentlicher Angriff, ja, jener Freund Ella’s wagte selbst im Parlamente einen beziehentlich sehr deutlichen Speech loszulassen -- ich fühlte, wie mir der Boden unter den Füßen wankte. Mehrere Zeichnungen wurden gleich an der Börse zurückgezogen, unsere Eisenbahnpapiere sanken von Tag zu Tag, da -- ~pour comble de malheur~, kam von Wien her jene Unglückskatastrophe, die das öffentliche Vertrauen vollständig lahm legte -- der Krach. Vierzehn Selbstmörder in Einer Woche dort an der schönen blauen Donau! Sie Alle fuhren einst auf Gummirädern, hatten ihre Logen in der Oper, hatten die Elite-Bälle besucht und -- nun? Was hielt mich noch am Leben, nachdem ich Häuslichkeit, Vertrauen, Glück und Frieden verloren? Das Bewußtsein, recht gehandelt zu haben, mich nicht mit jenen Glücksrittern in eine Kategorie stellen zu dürfen, die feige untersanken, als die Wogen über ihren Köpfen zusammenstürzten. Durch Sturm und Brandung wollte ich mir einen Weg bahnen und zeigen, daß meine Unternehmungen lebenskräftig seien und sich behaupten müssen. Das Geld der Armen, der Schweiß des Bürgers, schrie man, klebe an jenen Gründungen, der Fluch der Mit- und Nachwelt werde sie begleiten.

Weißt Du, was schlaflose Nächte sind? Ich lernte ihre Qualen damals kennen. -- Den Kopf voll großartiger Pläne, die Hunderte beglücken mußten, sah ich meine Thätigkeit lahm gelegt, das Begonnene in Schutt sinken. Wenn dann mein Hirn die dünne Schale zu zersprengen drohte, griff ich voll unsäglichen Wehes nach dem Herzen; o Du weißt es, Karl; ich hätte einst die ganze Welt mit meinen Plänen beglücken mögen, mein Herz fühlte den Pulsschlag der Menschheit und wollte sich ihm einen; heute glich es einem ausgebrannten Krater. Und doch wußte ich, daß ich noch leben müsse; Tausende hatten ihr Hab und Gut in meinen Gründungen angelegt, für sie hatte ich als Anwalt aufzutreten und meine ganze Kraft einzusetzen, trotz der gesunkenen Course das Ansehen und die Achtung vor meinen Unternehmungen herzustellen. Ja, das hieß gegen den Strom schwimmen!

Drüben, im Lager meiner Feinde, stand jenes Weib, das, da sie meine Unnachgiebigkeit erkannt, nun Pfeil auf Pfeil gegen mich abschoß. Mein Comptoirchef war mit dem Tage, da sie mein Haus verließ, aus dem Geschäfte entlassen; ich wußte, daß er ihr wichtige Papiere überliefert hatte; auch er war nur ein williges Werkzeug in den Händen Derer, die auf meinen Ruin lossteuerten.

O, was ist Dankbarkeit, Pflichtgefühl! Leonhard kam vor Jahren zu mir elend, dürftig; er war seit Monaten ohne Stellung und hatte eine arme kranke Mutter, die auf seine Hilfe angewiesen war. Ich hatte zwar keine Vacanz, doch mochte ich ihn nicht fortschicken. Hundertfünfzig Leute arbeiteten auf meinem Bureau, da konnte auch er noch Verwendung finden. Ich gab ihm einen Vorschuß von dreißig Thalern und stellte ihn mit fünfhundert Thalern Gehalt an. Er erwies sich brauchbar und hatte nach Jahresfrist tausend Thaler. Ich liebe Rührscenen nicht, aber noch heute wird mir das Auge feucht, gedenke ich jener Stunde, da seine alte Mutter im Gefühl überschwänglichen Dankes zu mir in’s Zimmer wankte, mir die Hände küssen wollte, mich den Wohlthäter ihres Lebens nannte und Gott weiß, was noch.

Ich glaubte mir in Leonhard einen Menschen heranbilden zu können, der mich verstände und in meinen Intentionen handeln sollte. Ich stellte ihn pecuniär gut, denn er mußte repräsentiren, sollte er Einfluß haben.

Aus der elenden Dachkammer war er mit seiner Mutter in eine glänzende Etage in der Behrenstraße gezogen; er hatte reichliche Tantièmen und so oft ich ihm Zulage machte, versicherte er mir seine unbegrenzte Dankbarkeit. Ich wähnte der Begründer seines Glückes zu sein und ich muß es im Gefühl einer gewissen Selbstüberhebung gestehen, es schmeichelte mir, „Glück ausstreuen“ zu können; noch mehr aber galt mir vielleicht das Bewußtsein, mir einen Menschen durch die Bande der Dankbarkeit zu ewiger Treue verpflichtet zu haben.

Ja, wo blieb die Treue? Meinen Widersachern theilte er meine geheimen Verbindungen und Correspondenzen mit, um sich für den plötzlichen Abschied zu rächen; man sondirte und wußte durch Bestechungen Zeugen gegen mich aufzustellen, die zu jeder Aussage bereit waren. Ich mußte verkaufen, mit Schaden verkaufen, um mich behaupten zu können. Ein langwieriger Proceß entspann sich; ich wollte mein eigener Anwalt sein, und in der Aufregung der gegen mich geschleuderten Anklagen vernachlässigte ich mein Geschäft. Fall folgte auf Fall; ich hatte den klaren Blick, das persönliche Vertrauen verloren; das Chaos brach über mir zusammen. Häuser kamen zur Subhastation, angefangene Bauten konnten nicht vollendet werden, mehrere Eisenbahnlinien, zu denen schon die Concession erlangt war, sanken im Cours, Alles sank -- nur der Proceß wuchs riesengroß über meinem Haupte zusammen.

Ich hustete schon während des ganzen Sommers; innere und äußere Aufregungen hatten Körper und Seele erschüttert. Der Arzt wünschte, daß ich den Winter in einem milden Klima zubrächte; das hätte einer Flucht ähnlich gesehen. Nein, ich wollte das Wrack aus dem Sturm retten; der Steuermann muß bei seinem Schiffe bleiben. --

Ich warf Blut aus, mein Aussehen war in wenigen Wochen ein auffallend anderes; dennoch fand ich keine Zeit, an mich zu denken.

Da kam die Untersuchungshaft; man fürchtete, ich werde flüchtig werden, man wollte sich meiner Person vergewissern.

Der Polizeichef S., der sonst ein gerngesehener Gast bei unseren Soireen war, hatte das traurige Amt, mich abzuführen. Er ließ es mich einen Tag zuvor wissen; ich hätte entfliehen können; ich verachtete es. Meine Freunde drangen in mich, sie beschworen mich bei meiner zerrütteten Gesundheit; umsonst, ich blieb fest. Welchen Werth hatte das Leben noch für mich? Meine Schuldlosigkeit mußte und sollte zu Tage kommen, und wenn dann für mich die ewige Nacht kam, so war mir wohl. --

Polizeirath S. fuhr gegen 7 Uhr bei mir vor; ich folgte ihm. Als wir das Opernhaus passirten, stieg eben eine fein gekleidete Dame, auf den Arm des Baron L. gestützt, aus einer eleganten Equipage. Ich kannte sie. Drinnen spielte man eben das Vorspiel zu Wagners „Meistersingern“. Es war die Erstlingsvorstellung; sie durfte nicht fehlen.