Lebensbilder

Part 6

Chapter 63,753 wordsPublic domain

Die Mutter, diesen Augenblick der Schwäche benützend, fuhr fort: „Ich seh’, Kind, Du hast selbst schwer an Deinem Unglücke zu tragen; ja, es wird Dir noch schwerer werden, je mehr Du Dich von Gott und seinen Geboten entfernst; deshalb versprich mir heute am Tage vor dem großen Versöhnungsfeste, daß Du ihn nicht wieder sehen willst, daß Du ein gutes Kind und die Freude Deiner alten Eltern bleibst.“

Sie öffnete ihre Arme und schluchzend warf sich die Tochter, als ob sie das Verlangte gelobe, an der Mutter Brust. „Ich will mit Ehren in’s Grab steigen,“ sagte diese, „und Gott, der Allgütige, wird auch Dir helfen, daß Du wieder rein und ohne Fehl im Herzen vor ihn hintreten kannst!“ Frau Cahen trocknete ihre Augen, küßte der Tochter Stirn und verließ bewegt das Gemach!

„O, was habe ich gelobt!“ rief Susi in heller Verzweiflung, als die Mutter die Thür geschlossen. „Sein Wort war der Sonnenstrahl, der mein armes Dasein belebte! Wie werde ich leben können, ohne ihn zu hören! O Mutter, ist das Liebe, daß Du mir durch ein willenlos gethanes Gelöbniß die einzige Freude raubst, die mir in all’ diesen Zweifeln bleibt! Wie konnte die sonst so wahrheitsliebende, gerechte Mutter,“ fuhr sie nach einer Weile schmerzlichen Sinnens fort, „gerade diesen besten, edelsten aller Männer so verurtheilen! O, welche bestrickende Macht übt doch der religiöse Fanatismus!“ Ein schwerer, dem tiefsten Herzen entstammender Seufzer begleitete diese Worte.

Je mehr Susi über sich nachdachte, desto mehr lebte sie sich in die Idee hinein, daß sie, wolle sie den Eltern folgen, ein Martyrium für ihren Glauben auf sich nehme. In diesem Wahne fand sie den Muth, ihren Gram zu bekämpfen und im Laufe des Tages mit Ruhe und innerer Fassung der Mutter in den Vorbereitungen zum morgigen Festtage an die Hand zu gehen. Sie begleitete die Eltern Abends in den Tempel und war tief innerlich bewegt, als der Vater heute auch sie, wie sonst stets die Mutter, in seine Arme schloß, indem er den Wunsch aussprach: „Mögest Du Gutes am großen Tage der Verheißung für Dich ausbitten.“ An der Erregung, mit der der alte Mann diese Worte sprach, ahnte sie, daß er Alles wisse. Er vertraute ihr und betrübte sie durch keinen Vorwurf. Dies erschütterte sie tiefer als alle Strafpredigten. Am Eingange zum Tempel, nachdem er sich von der Mutter verabschiedet, wandte er sich noch einmal zu ihr: „Susi, bete zu Gott und er wird Dir beistehen!“ sprach er, während eine Thräne ihm in’s Auge trat.

Ja, Susi betete; die heiligen Gesänge, der Vortrag des Predigers erschütterten tief das ohnehin zerknirschte Herz. Doch sonderbar! Je mehr sie sich in sich selbst versenkte, desto klarer wurde ihr, daß sie keine Sünderin sei. Sie hatte sich nicht vom göttlichen Worte entfernen, dasselbe vielmehr nur um so tiefer und wahrer erfassen wollen. Ihre Beziehung zu Berthold Caspari, dem Bruder ihrer Jugendfreundin, war keine sträfliche Neigung, sondern eine gleichem Streben und Erkennen zugewandte, begeisterungsvolle Hingabe an das Erforschen jener ewigen Wahrheiten, die zu allen Zeiten denkende Menschen interessirt haben. Gebet auf Gebet wurde hergesagt; sie beobachtete verschleierten Blickes die Gemeinde. Wie Wenige verstanden, was sie da im hebräischen Texte sprachen. Man neigte sich rechts und links, klopfte sich in die Brust, betheuerte gesündigt, gelästert, veruntreut zu haben und erflehte die Verzeihung des Ewigen. Susi schloß die Lippen gerade, als der Vorbeter zu jenem heiligsten aller Gebete ansetzte: „Oschamno, wir haben gesündigt“, betete er vor und die Gemeinde andächtig nach; nein, sie konnte sich keiner Sünde zeihen! „Oder,“ dämmerte es in ihren Gedanken, „war das Sünde, daß sie ihr heiligstes Streben und ihre begeisterungsreichsten Stunden, die sie im Austausch mit jenem denkenden Freunde verlebt, zum Opfer bringen wollte?“ Sie konnte den Gedanken nicht ausdenken; der weihevolle Gesang von jenen Hunderten von Gläubigen, die ihr Herz hier vor Gott ausschütteten, betäubte ihr Sinnen und Denken; sie fühlte sich schwach jener unsichtbaren Macht gegenüber, die sich in den Herzen der Frommen ihre Altäre errichtet und auch sie jetzt mit unsichtbarer Macht zu umgarnen schien.

II.

Dr. Berthold Caspari hatte soeben seine Bureaustunden beendigt. Er war mit einem Proceß beschäftigt, der sein ganzes Denken unausgesetzt beanspruchte. Mit wahrer Sehnsucht erwartete er die Erholungsstunde, in der er im nahen Wäldchen einen Spaziergang zu machen pflegte. Dort traf er zumeist Mutter und Schwester und auch deren Freundin Susi. Susi war heute nicht da und der Schwester Blick verschleiert. „Marie, Du scheinst betrübt,“ sagte Berthold nach herzlicher Begrüßung.

„O, ich bin es auch in tiefster Seele,“ sprach die Schwester, ein anmuthiges, junges Mädchen mit blondem Lockenköpfchen und schwärmerisch blickenden Augen. „Lies, was mir Susi schreibt!“ Damit überreichte sie ihm den Brief, den sie unlängst erhalten. Ueber Berthold’s klare Stirne zogen finstere Wolken; fast schien es, als zittere seine Hand. Da stand: „Herzensfreundin! Deine Susi ist tief unglücklich und möchte gerne zu Dir eilen und sich an Deinem treuen Herzen ausweinen; Ihr seid die einzigen Menschen, die mich verstehen, deren Umgang mich beglückte; nie werde ich die heilig schönen Stunden vergessen, in denen uns Dein Bruder von den hohen Idealen der Menschheit sprach, Stunden, in denen ich mich gehoben und beglückt fühlte, besser zu werden glaubte und die edelsten Vorsätze für die Zukunft faßte. -- Du kennst den Geist des Fanatismus, der in unserem Hause herrscht; meine guten Eltern können leider nicht verstehen, daß man über religiöse Dinge denken könne und doch gut und sittlich brav bleiben. Sie fürchten meinen Uebertritt zur ‚freien Gemeinde‘ und sehen mich damit für Zeit und Ewigkeit verloren. Um mich zu retten, protegiren Sie die Bewerbungen jenes Jacob Stern, von dem ich Dir schon neulich sprach. -- Meine Mutter hat mir gestern, ich möchte sagen ein Gelöbniß erpreßt -- und ich weiß, Du fühlst es mir nach, theure Marie, was es mich kostete -- ich muß demnach den Verkehr mit meinen theuersten, besten Freunden aufgeben. Habt Ihr Alle, Deine gute Mutter, Dein Bruder, Du, meine liebe, treue Seele, tausend Dank für das, was Ihr mir gewesen! Das Andenken an Euch wird stets in mir in begeisterter Weise fortleben und mich zu allem Guten und Edlen anregen. Lebt Alle tausendmal wohl! Die Ruhe der Meinigen ist mir heilig; ich erkaufe sie mit schweren Opfern. Susi Cahen.“

Berthold gab den Brief zurück und sprach kein Wort. Stumm ging er eine Weile voran, Mutter und Schwester wechselten einen Blick des Einverständnisses, in dem sich unsägliche Trauer aussprach. Als er sich endlich umwandte, war sein Gesicht erdfahl.

„Ihr promenirt wohl heute allein?“ sprach er, Beiden herzlich die Hand reichend.

„Geh’ nicht fort,“ bat die Mutter; „sprich Dich aus, Berthold; wir verstehen Dich!“

„Das höchste Glück und auch der tiefste Schmerz wollen allein getragen sein!“ entgegnete Berthold. Damit war er im nächsten Seitenwege verschwunden.

„Du hättest ihm den Brief nicht geben sollen!“ sagte die Mutter vorwurfsvoll.

„O, ich konnte es nicht über die Lippen bringen, daß wir sie verlieren müssen!“ entgegnete Marie.

„Berthold sagte mir oft,“ fuhr die Mutter mit tiefem Seufzer fort, „daß er erst dann mit rechter Begeisterung zur Gemeinde sprechen könne, wenn er in ihre leuchtenden Augen geblickt, aus denen ihm das reinste Feuer, das innigste Verständniß entgegenleuchte. Als sie sich neulich verspätet hatte, sah ich, wie sein Blick unstet umherschweifte, wie er gar nicht in den rechten Redefluß kommen konnte, aber plötzlich, als sie eintrat, belebten sich seine Augen und die Worte perlten nur so über seine Lippen!“

Berthold war unterdeß zu Hause angelangt; er sagte dem alten Diener, daß er ungestört sein wolle, und verschloß sich in sein Zimmer.

„Diese holde Blume jenem Einfaltspinsel opfern!“ rief er in höchster Entrüstung. „Nein, ich darf es nicht zugeben, gerade jetzt nicht, da ich weiß, was ich ihr bin; es wäre Feigheit, es wäre ein Mord an einer edlen strebenden Seele, die den Samen des reinsten Menschenthums in sich zur freudigsten Blüthe erstehen läßt. Auf dem Boden der finsteren Orthodoxie würde sie untergehen, in der Sonne der freien Wissenschaft“ -- Er brach plötzlich ab und schlug sich mit geballter Hand vor die Stirn. „O, warum bin ich herausgetreten aus dem Bannkreis der angestammten Religion! Hätte ich nicht auch so meiner Ueberzeugung leben können?“ setzte er im Tone schmerzlichster Selbstanklage hinzu. „Jetzt habe ich mir selbst den Weg versperrt! Die Liebe zur Wahrheit zwingt mich, der Liebe des Herzens zu entsagen! Dem Getauften, dem Abtrünnigen wird Bernhard Cahen nie seine Tochter geben.“

Schwer sank ihm das Haupt, das er sonst so stolz empor trug, auf die Brust.

Wie lange er so dagesessen? Die Sonne war niedergegangen, das Morgenroth dämmerte schon, der unglückliche Denker saß noch immer mit halbgeschlossenen Augen an derselben Stelle. Gedanken über Gott, Zeit und Ewigkeit, Menschenglück und Menschenleid, Pflicht und Neigung, Beruf und freie Wahl waren in seinem Innern vorübergegangen, ohne den Sturm beschwichtigen zu können, der in ihm wühlte. Als er sich endlich erhob, sah er stier um sich; es war ihm, als habe er die Eruption eines feuerspeienden Berges erlebt; das Feuer seines Innern schien ausgebrannt; er suchte nach der Lava und den Schlacken, der Asche und den noch glimmenden Erdstücken -- selbst diese fehlten, nur ein nagender Schmerz war ihm geblieben, der das Herz zu zersprengen drohte. --

Die Erbauungsstunde der freien Gemeinde wurde am nächsten Sonntage von einem Vertreter abgehalten; Dr. Caspari hatte, so hieß es, in Angelegenheiten seines Amtes eine Reise antreten müssen. -- Man vermißte ungern den feurigen, gewandten Redner, der einem inneren Drange, Gutes zu wirken, sich an der Aufklärung des Volkes zu betheiligen, folgend, in allen Bildungsvereinen des Ortes lebhaft mitwirkte. Der freien Gemeinde besonders war durch seine Thätigkeit ein lebhafterer Aufschwung gesichert. Einst hatte er in Stellvertretung des angestellten Redners einen Vortrag gehalten, der so zündete, daß er den von allen Seiten an ihn gerichteten Bitten nachgebend, sich entschloß, allwöchentlich eine wissenschaftlich religiöse Besprechung in der Gemeinde zu halten, zu der bald Juden und Christen ohne Unterschied des Standes mit lebhaftestem Interesse eilten. Berthold hatte somit, ohne es zu wollen, eine öffentliche Stellung errungen; noch gehörte er damals dem Judenthume an, doch da er die Satzungen der alten Religion öffentlich desavouirte, hielt er es für seine Pflicht, um nicht in Conflicte zu gerathen, seinen Austritt aus der jüdischen Gemeinde zu erklären.

Die allgemeine Ansicht ging dahin, Caspari habe, um Carrière zu machen, seinen Glauben aufgegeben, und als ihm bald hernach durch das Ableben seines Vorgesetzten, zu dem er jahrelang in freundschaftlicher Beziehung gestanden, dessen bedeutende Advocatur zufiel, war kaum ein Zweifel darüber, daß nur Eigennutz und Gewinnsucht die Motive gewesen, denen er nachgegeben, als er zum Christenthume übertrat. Justizrath Dorn, so sagte man sich, hätte keinem Juden seine ausgedehnte Praxis übertragen; Caspari, das war nur eine Stimme, habe dieselbe mit dem Austritt aus seiner Religion erkauft.

Die Welt ist so leicht geneigt, nach dem Scheine zu urtheilen; edlere Beweggründe, innere zwingende Nothwendigkeiten gelten vor ihrem Forum wirklich herzlich wenig; sage man nur den Leuten, es habe Jemand aus innerer Ueberzeugung diesen oder jenen Schritt gethan, wie selten wird man Glauben finden! Wie viel eher, wenn es heißt: Gewinnsucht, Brodneid, Ehrgeiz hätten ihn dazu veranlaßt!

Dr. Caspari hatte eine einträgliche Praxis und galt in den betheiligten Kreisen als gute Partie. Der Idealist legte wenig Werth auf seinen Gewinn, nur das Bewußtsein beglückte ihn, nicht wie so viele seiner Collegen eine reiche Frau erheiraten zu müssen, um sich durch deren Geld eine Unabhängigkeit zu sichern. Oft in stillen Träumereien hatte er den Tag als den schönsten seines Lebens gepriesen und herbeigesehnt, an dem er sie, die er nur ihrer selbst willen liebte, deren Geist und Seele sich ihm schon längst, das sah er an ihren leuchtenden Blicken, vermählt hatte, in seine Arme schließen und als seine verständige, geliebte Gefährtin in sein Heim einführen könne.

„Die Ideale sind zerronnen, die einst das trunkene Herz geschwellt,“ hat wohl Mancher mit dem Dichter ausgerufen, und Jeder glaubte nun mit einer allen Anderen vor ihm unbekannten Bitterkeit den Leidensbecher leeren zu müssen.

Dr. Caspari hoffte, eine Entfernung würde in seinem und namentlich auch in Susi’s Interesse geboten sein; es war unvermeidlich, sich nicht tagtäglich zu treffen, und obgleich die Beiden sich nie ausgesprochen, wußten sie doch, was sie einander waren, und daß seit mehr als zwei Jahren ihr Denken und Fühlen in innigster Beziehung stand. Es war eben jenes „Lied ohne Worte“, jenes hohe heilige Lied, das auf Engelsflügeln in die Seelen einzieht, sie magnetisch eint und weihevoll stimmt, daß sie den Geist der ewigen Liebe in sich fühlen und durch ihn geläutert und erhoben werden, das die Beiden ohne Worte vernommen und verstanden.

Im fernen Seebade, im Anblick des unendlichen Meeres, das auch wie sein wildbewegtes Herz auf- und abfluthete, ohne sich beruhigen zu können, hoffte er Vergessen zu finden.

Eine Stunde vor seiner Abreise hatte er noch an Susi geschrieben, doch er schloß den sechs Seiten langen Brief ein, ohne ihn abzusenden. Nachdem er das Schreiben noch einmal überlesen, fühlte er, daß er ihr durch dasselbe den Kampf nur erschwere. Nein, es war besser, sie handelte nach eigenem Ermessen; ihr Glück war ihm zu heilig, als daß er irgendwie in dasselbe hätte eingreifen wollen. „Vielleicht,“ sagte er sich -- „findet sie Trost in dem Wahne, eine gute Tochter zu sein und ihre Kindespflichten erfüllt zu haben. Auch ich,“ setzte er gedankenvoll hinzu, „möchte es nicht auf mich nehmen, den Lebensabend der braven alten Leute getrübt zu haben, indem ich mein Glück auf den Trümmern des ihrigen gründe.“

III.

Niemandem konnte die Abreise Berthold’s gelegener sein als dem reichen Banquier Jacob Stern. Es war bei ihm zur fixen Idee geworden, er müsse die schöne Susi sein eigen nennen, gelte es Spionage, List, ja selbst Verleumdung. Mit lebhaftem Interesse horchte er auf, als ihm kurz nach Caspari’s Abreise ein Geschäftsfreund von der Börse erzählte, er habe Frau und Tochter nach Ostende begleitet und sei eigentlich unruhig, die Frauen dort allein gelassen zu haben, da Dr. Caspari, der im selben Hause mit Ihnen wohne, der Tochter zu viel Aufmerksamkeit schenke und es nicht in seinem Sinne liege, sie dort eine Liaison anknüpfen zu lassen. Stern wußte sehr wohl, wohin Banquier Eden zielte; er war zu klug, um sich in dieser Weise zur Eifersucht reizen zu lassen, zudem mißfiel ihm Fräulein Eden und gern hätte er Dr. Caspari das Glück gegönnt, von ihr begünstigt zu werden; doch die Mittheilung ließ sich verwerthen; sie sollte ihm gute Früchte tragen.

Die Commissionsräthin Blum, Stern’s Schwester, hatte für den folgenden Abend ein Soupée veranstaltet und zu demselben auch die Cahen’sche Familie geladen. Obgleich Susi bat und flehte, zu Hause bleiben zu dürfen, bestand doch die Mutter darauf, man müsse der Einladung Folge leisten; der Vater wünsche es, da ihm der geschäftliche Einfluß Blum’s gerade jetzt von großem Nutzen sei. -- Susi erschien im einfach weißen Cachemirkleide, doch wandten sich bald Aller Blicke ihr zu, da sie, von Banquier Stern geführt, in den Saal trat. Ihre auffallende Blässe wich einer flammenden Röthe, als er ihr beim Eintritte den Arm reichte; wohl bemerkte er diesen Wechsel, doch hielt er ihn für ein günstiges Zeichen. So sehr sich Susi bemühte, in den Kreis der Damen zu gelangen, wich doch ihr Begleiter nicht von ihrer Seite. Bald hatte er sie in eine Unterhaltung mit Eden verwickelt, ihn geschickt auf Dr. Caspari zu sprechen gebracht. Eden wagte sogar heute noch hinzuzusetzen, daß seine Frau ihm geschrieben, es errege Aufsehen, daß Dr. Caspari so viel in Gesellschaft ihrer Lucie sei, doch hoffe sie, die Tochter werde genug Tact haben, um unangenehme Freier abzuweisen.

Susi glaubte, der Boden unter ihren Füßen beginne zu wanken, doch faßte sie sich; als aber Eden gar hinzusetzte, man habe ihm Dr. Caspari schon vor einigen Wochen, als Lucie noch hier weilte, für seine Tochter angetragen, es sei ihm nur zu viel, die schwere klingende Mitgift von 50.000 Gulden einem unerfahrenen Advocaten zu geben -- Caspari sei sicher nachgereist, um dort die Angelegenheit zu betreiben, da schien eine Saite in ihrem Herzen zu springen, die ohnehin scharf genug gespannt war. Sie biß sich auf die Lippen, daß sie bluteten, und ging unter dem Vorwande heftiges Nasenbluten zu haben, in’s Nebenzimmer. Erschöpft sank sie hier auf ein Canapé. Ihr Gefühl war zu stark erregt, als daß der Verstand unbefangen hätte urtheilen können. Sie kannte Lucie Eden, jene eingebildete, oberflächliche Erscheinung; ihretwegen -- sollte Berthold eine Reise unternommen haben! Sie konnte es nicht glauben! Und doch! fragte sie sich. Warum war die Reise so geheim gehalten worden? Sie hatte Marie Caspari bis zu jenem Tage stets gesehen; warum hatte ihr diese keine Mittheilung gemacht? Susi’s klares Denken verwirrte sich, ihr Kopf brannte; wohl wiederholte sie sich trotz aller Erregung, daß Lucie keine Frau nach Berthold’s Wahl sein könne; wie hatte er selbst stets das eitle Haschen nach Mode-Effecten, wie es in Lucie verkörpert war, getadelt, doch sie hielt sich wieder so und so viele Beispiele vor, in denen Männer von ähnlicher Bedeutung und geistigem Werthe hoffärtige Puppen zu Frauen genommen, die sie weder verstehen, noch für irgend welches Ideal begeistern konnten.

„Es ist der Lauf der Welt!“ sagte sie endlich mit tiefem Seufzer, aber kopfschüttelnd setzte sie hinzu: „Daß auch er“ --

Die Thüre wurde leise geöffnet. Jacob Stern kam, um sich zu erkundigen, ob das Nasenbluten gestillt sei. Susi bejahte, doch gab sie vor, einen so heftigen Kopfschmerz zu haben, daß sie nach Hause fahren müsse. Er reichte ihr ein Riechflacon, erlaubte sich sogar, ihre Stirn mit dem Inhalt zu befeuchten, doch, wie von der Tarantel gestochen, schnellte Susi hoch, als diese Hand sie berührte. Stern ging die Mutter zu rufen, ließ seine Equipage anspannen und begleitete selbst die Damen heim. Wohl hörte Susi, wie die Mutter ihn beim Aussteigen bat, seinen Besuch bald zu wiederholen -- ihr war jetzt Alles gleich -- sie fühlte eine Leere in ihrem Herzen, als ob weder Schmerz, noch Freude je da gewohnt hätten.

Nach einer schlaflos durchwachten Nacht stand sie früh auf, um einen Morgenspaziergang zu machen. Unwillkürlich lenkte sie ihre Schritte nach jenem Park, in dem sie so oft an seiner Seite gewandelt. Marie hatte dort allmorgentlich Molken getrunken, der Bruder sie fast stets begleitet, und auch Susi war, so oft es ihre Zeit gestattete, von der Gesellschaft gewesen. Mit stillem Seufzer gedachte sie jener schönen Morgenspaziergänge voll Poesie und Waldesduft! O, wie hatte sie sonst ihre Schritte beeilt, wenn sie der beiden Geschwister ansichtig wurde! Heute schlich sie gebeugt und matt dahin. Doch Halt! Kam dort nicht Marie des Weges herauf? Ja, sie war es! Ich muß sie sprechen! rief es in ihr. Sie wird mir die Wahrheit sagen! -- Bald lagen die Freundinnen in stummer Umarmung Brust an Brust. „Wie konntest Du Deiner Mutter solch ein Versprechen geben?“ fragte endlich Marie. „Du weißt, was wir Alle dadurch verlieren.“

„Ihr Alle?“ fragte Susi ungläubig. „Doch sage mir,“ setzte sie eifrig hinzu, „zu welchem Zwecke ist Dein Bruder in Ostende? Man spricht hier --“

„O, laß Dich das Gerede der Leute nichts kümmern, Susi --“ unterbrach die Freundin ahnungslos; „Du weißt, die Menschen wollen immer Alles deuten und mischen sich oft mit wahrer Unverschämtheit in die geheimsten Angelegenheiten.“

Susi blieb stumm; „Also doch! Aber warum sprachet Ihr nie von dieser Reise?“ fragte sie, sich fassend.

„Der Entschluß muß Berthold sehr plötzlich gekommen sein; ich glaubte zu wissen, was den Entschluß in ihm hervorrief -- doch, gute Susi --“ fügte sie theilnehmend hinzu -- „laß mich Dir das Herz nicht schwer machen! Ich verstehe und billige Deine Handlungsweise und erkläre mir dadurch die seinige. Glaube mir -- es ist besser so, er mußte fort!“

So klar und unzweideutig Marie sprach, so legte doch Susi jedem ihrer Worte eine andere Beziehung unter. „Es ist gut, daß unsere Wegen sich trennen!“ sagte sie schmerzhaft.

„Aber, daß ich dadurch die treueste, beste Freundin verliere!“ entgegnete Marie klagend.

„Meine Stelle ist in Deinem Herzen zu ersetzen, doch“ -- sie vollendete nicht. „Leb wohl, Marie,“ fügte sie schnell hinzu und ging eiligen Schrittes davon.

„Sie schluchzte!“ sagte Marie; „soll ich ihr nacheilen?“ Doch schon war Susi in einen Seitenweg eingebogen, Marie sah noch, wie sie schnell einen Fiaker bestieg und davon fuhr.

„Also doch!“ rief Susi in wildestem Schmerze. „Aus ihrem Munde mußte mir die Bestätigung des Unglaublichen werden. Er mußte fort! Es ist besser so!“ Das waren ihre Worte. -- „Was kann da gut, was besser sein?“ sprach sie in sich gekehrt. „Berthold Caspari kann nie ein Verständniß für Luciens Lebensansichten gewinnen, sie nie seine reich angelegte Natur, seine edle Denkweise verstehen.“ Kopfschüttelnd setzte sie hinzu: „Wie konnte er sich vom edlen Mammon blenden lassen! Er ist so bedürfnißlos für sich, verachtet alles äußere Gepränge, selbst der Comfort des Lebens ist ihm nur Last! --“

Der Wagen hielt vor der großen Eiche, einem einsamen entfernten Orte. Lucie stieg aus; sie athmete erleichtert auf. Hier war sie allein. Sie ließ sich auf eine Bank nieder und starrte dumpf vor sich hin. „Ach, wenn ich nur weinen könnte!“ rief sie endlich verzweiflungsvoll. „Welche Wohlthat liegt noch in dem herben Schmerze, am Grabe des Geliebten niederknieen, es mit Blumen schmücken, sich seinem unsterblichen Herzen vereint fühlen zu können! Aber allein, unverstanden, verschmäht zurückbleiben zu müssen, wo man so begeistert liebte, sich im Höchsten und Edelsten Eines glaubte! Ihn, in den Armen einer --“

Sie vollendete nicht. Mit wildem Aufschrei sank sie zusammen und jetzt endlich löste sich der wilde Schmerz in erleichternde Thränen. Sie dachte nichts, sie fühlte nichts -- sie wußte nur, daß sie unbeschreiblich elend war. Als sie endlich aufstand, war es ihr, als habe sie eine schwere Krankheit überstanden.

Drüben leuchtete die Sonne so golden; in ihrem Herzen war es tief schwarze Nacht. Ein leiser Wind bewegte die hohe Eiche; sie stand fest, noch fiel keines ihrer Blätter zu Boden, während die umherstehenden Linden und Erlen massenhaft gelbes Laub zur Erde sandten.

„So fest wie die Eiche!“ rief es in ihr, „keine Schwäche! Wie oft hat er Dir von Standhaftigkeit im Leiden, von --,“ sie hielt inne.

„Er und wieder er!“ rief sie, sich selbst anklagend. „Bin ich denn ein so elend schwaches Weib, daß ich gar keine Herrschaft über mich habe?“ setzte sie in heftiger Selbstanklage hinzu.

Plötzlich stand sie auf. Sie schien größer, kräftiger geworden, obgleich ihrem Gesichte jede Farbe fehlte. „Ich will und muß ihn vergessen,“ sagte sie energisch. Festen Schrittes ging sie heim. Wer hätte ihrem noch eben so geknickten Gemüthe diese plötzlich durchbrechende Energie zugetraut! -- Ich will! +Dieses+ mächtige Zauberwort gab ihr Kraft, sich, ihr Glück und ihre Zukunftsträume zu vergessen.

Sie hatte einen einstündigen Marsch gemacht, als sie wieder am Elternhause anlangte. Die Susi, die jetzt das stattliche mit einem Garten umgebene Haus betrat, war nicht mehr das stolze, für alles Edle und Hohe mit Begeisterung erfüllte Mädchen, in dessen Herzen eine ideale Leidenschaft geglüht; die Flamme war jäh erloschen; die demuthsvolle Tochter kehrte zurück, die sich bemühen wollte, all ihr Glück in der Erfüllung ihrer Kindespflichten zu finden.

IV.