Kulturgeschichte der Nutztiere
Part 79
In der Folge treffen wir das Rennfahren an den vier nationalen Spielen, den olympischen, pythischen, nemeischen und isthmischen, die alle vier oder zwei Jahre abgehalten und von ganz Griechenland beschickt werden. Dabei wurden nur Hengste verwendet, die in Kategorien von über und unter fünf Jahren eingeteilt wurden. In Olympia wurden acht verschiedene Rennen gefahren, und zwar in der Rennbahn, die so gebaut war, daß die Zuschauer den ganzen Verlauf des Kampfes verfolgen konnten. Dabei mußten die Konkurrierenden außer den beschworenen neun Monaten heimatlichen Trainings einen Monat in Olympia selbst geübt haben. Und bei diesen Übungen wurden alle minderwertigen Gespanne ausgeschaltet, so daß nur bestes Material zum Wettrennen kam. Das Hauptrennen bestand in einem Wagenrennen mit vier Hengsten über fünf Jahre, wobei in gestrecktem Galopp zwölf Umläufe der Rennbahn, im ganzen 18,5 _km_ gefahren werden mußten. Dann kam ein Wagenrennen mit zwei Hengsten über fünf und ein solches mit vier Hengsten unter fünf Jahren, wobei acht Umläufe, d. h. 12,3 _km_ gefahren werden mußten. Nachher folgte ein Wagenrennen mit zwei Hengsten unter fünf Jahren mit drei Umläufen, d. h. 4,6 _km_, ein Reitrennen auf Hengsten von über fünf und ein solches auf Hengsten von unter fünf Jahren mit sechs Umläufen, d. h. 9,3 _km_. Endlich kam ein Reitrennen auf Stuten, wobei der Reiter beim letzten Umlauf abspringen und zu Fuß nebenher laufen mußte, und zum Schlusse ein Wagenrennen mit Maultieren. Dadurch, daß der Besitzer und nicht der Fahrer den Hauptruhm erntete, legten mehr reiche Leute Geld in die Pferdezucht, auch wenn sie selbst nicht rennen wollten. Um vier gute Rennen zu erhalten, mußte der Sportsmann mindestens zehn Pferde züchten oder kaufen, und aus dieser Zahl wurde nach sorgfältigem Trainieren das beste Material ausgewählt. Dabei mußten auch für die Wagenrennen die Pferde zuerst durch Bereiten ausgebildet werden, um ein gleichmäßiges, andauerndes Reiten im Galopp, eine leichte Wendsamkeit und den disziplinierten Gehorsam zu erreichen.
Von den Griechen Unteritaliens übernahmen dann die Römer die Wagenrennen zumeist mit dem Viergespann. Zu Ende der Republik und namentlich zur Kaiserzeit bildete das Schauspiel der Wettrennen im Zirkus eine wichtige Art der Unterhaltung des Stadtrömers. Für diese diente der in der Senkung zwischen Aventin und Palatin gelegene Zirkus Maximus von 650 _m_ Länge, in welchem im 4. Jahrhundert etwa 270000 Zuschauer auf lauter Marmorsitzen Platz fanden. Die von einem Wassergraben umgebene Rennbahn war durch eine _spina_ genannte Mauer in zwei Teile geteilt und besaß am Ende die gefürchteten _metae_, je drei freie Kegelsäulen aus Goldbronze, an denen die Wagen bei zu knappem Heranfahren nur zu leicht zerschellten. An den Spieltagen gab es 20-24 Wettfahrten, wobei der leichte zweiräderige Wagen von vier meist 3-5jährigen Hengsten gezogen wurde. Die besten Renner kamen aus Spanien, Sizilien, Kappadozien und Afrika, d. h. Algerien. Das Hauptpferd des Quadriga war das an der Außenseite laufende; ihre Namen sind uns zu hunderten erhalten, wie auch derjenigen berühmter Berufskutscher, zu denen junge, leichte Leute genommen wurden. Ja, schon zehnjährige Knaben produzierten sich als Rennfahrer und führten das Viergespann mit Erfolg zum Ziel. Siebenmal mußte die Bahn durchlaufen werden, wobei die Kutscher der verschiedenen Quadrigen in Röcke von verschiedener Farbe gekleidet waren. Um die Brust trugen sie den aus Leder und Schnüren verfertigten Wagenlenkerverband, der sie bei einem Sturze vor Rippenbrüchen schützen sollte; in ihrem Gürtel stak ein scharfes sichelförmiges Messer, um im Falle der Gefahr die Zügel, die sie um den Leib geschlungen hatten, zu durchschneiden. Auf dem Kopfe hatten sie eine schützende Lederkappe; in der Rechten hielten sie die kurze Peitsche aus Leder und in der Linken die Zügel.
Bei der Eröffnung eines jeden Rennens wurden zuerst die Statuen der Götter Roms und der vergöttlichten Kaiser in feierlicher Prozession durch den Zirkus getragen, und das Volk huldigte jedem Bilde durch Zuruf. Dann zog der festgebende Beamte oder Kaiser wie ein Triumphator durch die Bahn, nahm den Ehrensitz ein und gab das Signal zum Beginn des Rennens, indem er aus seiner Loge ein Tuch herabwarf. Auf die besten Renner, deren Namen und Stammbaum jeder Habitué kannte, wurde eifrig gewettet. Weit vorgebeugt standen die Rennfahrer auf den leichten zweirädrigen Wagen und belauerten die Gegner, hielten anfänglich zurück, um dann plötzlich vorzufahren und dem nächsten Fahrer mit ihrem Wagen den Weg zu verlegen, nicht selten auch mit Peitschenhieben aufeinander loszuhauen. Die zahlreichen Unfälle machten eben den Reiz dieser Fahrten aus. Die Wagen zerschlugen sich und die Fahrer wurden von den Nachfolgenden überfahren oder von ihren eigenen Pferden geschleift, wenn sie nicht rechtzeitig mit ihren Sichelmessern die Zügel durchzuschneiden vermochten. Den Gipfel der Bravour aber erstiegen jene Rosselenker, die nach dem Verluste des eigenen Wagens nach Herunterschlagen des Gegners mit dessen Gespann siegten.
Diese Rosselenker hatten etwas barbarisch Heldenhaftes. Wir haben Grabinschriften von solchen, die über 2000 Siege davontrugen. Der Kutscher Scorpus wird von Martial als das Entzücken Roms besungen; die Todesgöttin, sagt er von ihm, habe seine Siege mit seinen Lebensjahren verwechselt und so sei er schon als Jüngling gestorben. Ein anderer, Eutychus, ist für uns denkwürdig, weil der römische Fabeldichter Phädrus, ein Freigelassener des Augustus, ihm seine dem Griechen Äsop nachgedichteten Fabeln widmete. Eine Fülle von Bildsäulen wurde diesen Leuten errichtet, und Kaiser Heliogabalus machte den Kutscher Cordius unmittelbar zum Kommandanten der Feuerwehr. Dieser Kaiser ließ auch Quadrigen von Kamelen laufen und gar den großen Wassergraben des Zirkus mit Wein füllen und darauf allerlei Schiffskämpfe ausführen.
In der Blütezeit der Wagenrennen waren nicht einzelne Private, sondern Gesellschaften oder Klubs die Besitzer der Gespanne. Anfangs waren es zwei, dann vier Parteien, die sich Ställe hielten und Kutscher mieteten. Letztere waren meist Unfreie oder, wenn sie Freigelassene waren, fuhren sie um Geld für diejenige Partei, die ihnen am meisten bezahlte. Ihre enggeraffte ärmellose Tunika zeigte weithin die Farbe der Partei, für die sie fuhren. Im Laufe der Zeit gingen die Erfolge der Weißen und Roten mehr und mehr zurück, während die Blauen und Grünen sich der größten Popularität erfreuten. Auch die Kaiser waren vielfach leidenschaftlich an dieser Begeisterung für einzelne Parteien beteiligt, so Vitellius und Caracalla für die Blauen, Nero und Domitian für die Grünen. Und als nach der Teilung der beiden Reichshälften der Sitz der Regierung von Rom nach Byzanz verlegt wurde, gingen die Kämpfe zwischen den Blauen und Grünen hier weiter, so daß durch sie nicht nur Straßenaufläufe, sondern eigentliche Palastrevolutionen hervorgerufen wurden. Das ganze Volk verfolgte mit leidenschaftlichem Interesse die Vorgänge auf der Rennbahn. Von ihrer bronzenen Tribüne pflegten die Herrscher von Byzanz dem Kampfe zuzusehen. In den Pausen zog sich dann der Hof zur Mahlzeit zurück. Aber derjenige Kaiser, der dabei auf die Genüsse der Tafel zu viel Zeit verwendete, setzte damit seine Popularität aufs Spiel; denn dann wurde das Volk ungeduldig, begann zu murren und schließlich ertönte der Ruf: „Erhebe dich endlich, du unsere Sonne, und gib das Zeichen.“ Denn das war das am meisten beneidete Vorrecht des Kaisers, daß er mit einer Handbewegung das Zeichen zum Start geben mußte.
Wie in Rom gab es auch selbst unter den vornehmen Geistlichen von Byzanz eigentliche Pferdenarren. Ein solcher war auch der Patriarch Tophanes, der für seinen Marstall eine Reihe prunkvoll ausgestatteter Ställe besaß, in denen selbst die Krippen aus massivem Silber gearbeitet waren. Ein Heer von Dienern sorgte für das Wohlbefinden der Pferde, streute ihnen nicht nur Heu und Gerste, sondern Datteln, Feigen, Rosinen und andere Leckerbissen in die Krippen. Die Ställe wurden mit kostbaren Wohlgerüchen parfümiert und die Pferde auch in Wein gebadet. Wie weit die Leidenschaft dieses Kirchenfürsten für seine Pferde ging, zeigt ein charakteristischer Vorfall. Eines Tages zelebrierte er in der Sophienkirche (Hagia Sophia) das Hochamt. Plötzlich sah man den Prälaten den Altar verlassen, verschwinden und Kaiser und Volk in der Kirche stehen lassen. Was war geschehen? Ein Eilbote hatte dem hohen Herrn die Kunde gebracht, daß sein Lieblingspferd einem Füllen das Leben gegeben habe. Da litt es ihn nicht länger in der Kirche. Er unterbrach seine geistliche Handlung und eilte sofort nach den Ställen, um sich von dem Vorfall selbst zu überzeugen.
Hatten schon die Griechen das Wettreiten dem Wettfahren hintangestellt, so taten es die Römer noch mehr. Jene Südländer waren eben kein Reitervolk gewesen, wie etwa die Hunnen und Germanen; ihnen wäre auch ein einfaches Wett- oder Hürdenrennen zu reizlos und undramatisch gewesen. Um diese rohen Gemüter zu erfreuen, brauchte es schon stärkerer Reizmittel als solche harmlose Reiterkünste. Den alten Deutschen dagegen war das Pferd als Fortbewegungsmittel in Krieg und Frieden gleich wichtig. Erst in der Zeit der Völkerwanderung kamen bei ihnen Sättel in Gebrauch, auf die man zum weicheren Sitzen auch noch Decken oder Kissen legte. Während man früher nur auf Trense ritt, wurde in der Ritterzeit die Kandare, oft mit sehr langem Hebelarm, üblich. Seit der Merowingerzeit wird der Steigbügel und der Sporn mit einfacher Spitze wie bei den alten Römern gefunden. Öfter findet sich in den Gräbern jener Zeit nur ~ein~ Sporn, und zwar am linken Fuße, um das Pferd zu einer Schwenkung nach rechts zu veranlassen, weil man so dem Feind seine durch den Schild geschützte linke Seite zukehrte. Schon Tacitus sagt in seiner Germania von den germanischen Pferden: „Sie werden nicht gelehrt, verschiedenartige Wendungen nach unserer Art zu machen, sondern man läßt sie geradeaus oder mit einer Schwenkung nach rechts laufen.“ Zu der Ritterzeit hatte man dann stets zwei Sporen, und zwar vom 12. Jahrhundert an mit Rädchen. Solange der Kettenpanzer nur den Mann bedeckte, kam man mit den feingebauten warmblütigen Schlägen aus. Erst als die Ritter sich nicht nur selbst in schwere Eisenrüstungen kleideten, sondern auch ihre Pferde in solche steckten, war man wegen des zu tragenden schweren Gewichts darauf angewiesen, kräftige kaltblütige Schläge zu bevorzugen. Auf diesen zogen die Ritter in ihren Plattenpanzern wie in den Krieg so auch zum friedlichen Scheinkampf, zum ~Turnier~. Dieses, ursprünglich der Turnei, vom Französischen _le tournoi_ -- von _tourner_, mit dem Pferd einen Kreis beschreiben -- genannt, kam mit dem ganzen Apparat der Ritterschaft aus Frankreich, das, von der altrömischen Kultur befruchtet, früher als Deutschland zur Kulturblüte gelangte. In Deutschland ist das erste Turnier 1127 in Würzburg abgehalten worden. Es wurde von Fürsten oder vornehmen Gesellschaften veranstaltet und war nur dem Adel zugänglich. In prunkvollem Aufzuge, den feurigen Hengst mit einer Decke (_covertiure_) in denselben Farben und mit denselben Wappenbildern wie der Waffenrock des Ritters geziert, fand man sich mit seinem Gefolge zum ritterlichen Kampfspiel an dem Orte ein, wohin die Einladung rief. Dabei fanden sich auch allerlei fahrende Sänger und Gaukler, wie zu jedem Feste im Mittelalter, ein, und schöngeschmückte, edle Frauen sahen von Tribünen dem Spiele zu.
Im ausgebildeten Turnier unterschied man drei verschiedene Waffenübungen. 1. Den mit französischem Namen bezeichneten Buhurt, ein Reitergefecht in Gruppen, ohne Rüstung und mit ungefährlichen Waffen. Im Nibelungenlied erscheint er noch als die Hauptsache. 2. Den Tjost, später das Stechen genannt, das dem Ritterideal am meisten entsprach und in den Ritterepen immer mit besonderer Vorliebe geschildert wird, das vom Erneuerer des Rittertums, König Maximilian I., mit Vorliebe gepflegt wurde. Der Tjost bestand in dem Kampf zwischen zweien, die in schwerer Rüstung mit eingelegter Lanze mit eigentümlicher stumpfdreizackiger Krone an der Spitze aufeinander losrannten und sich gegenseitig aus dem Sattel zu werfen suchten. Trotz dem Plattenpanzer und dem das ganze Gesicht bedeckenden Helm gab es da gelegentlich nicht ungefährliche Verletzungen, wie Knochenbrüche und Augenauslaufen, so daß ein gewisser Mut zu solchem Stechen gehörte. 3. Das eigentliche Turnier, das den Schluß und die Hauptsache der ganzen Veranstaltung bildete. Es war eine Art Kavalleriemanöver, wobei die Gesamtmasse der Ritter in zwei gleichwertige Hälften geteilt wurde, die unter den dazu bestimmten Kommandierenden gegeneinander kämpften. Dabei wurde zuerst mit der Turnierlanze, dann mit dem stumpfen oder durch einen Stock ersetzten Schwerte, erst zu Pferd, dann zu Fuß gefochten. Nach dem Urteil des Schiedsgerichts wurden die Sieger ausgerufen und empfingen von zarter Hand ihren Ehrenpreis. Später wurden verschiedene Varianten des Tjostierens und Turnierens unterschieden, wie das Buntrennen, das Offenrennen, das geschift Scheibenrennen, das geschift Tartschenrennen, das wälsche Rennen in dem Armetin (einer bestimmten Helmart), das loblich gemain deutsch Stechen (mit dem Krönlein, der stumpfdreizackigen Lanze), das Stechen im hohen Zeug und im geschlossenen Sattel und anderes mehr. Das letzte echte Turnier in Deutschland fand 1487 in Worms statt.
Wenn auch noch im 17. Jahrhundert Schauturniere gelegentlich an einigen Höfen Deutschlands stattfanden, so war doch mit dem Beginn des 16. Jahrhunderts die Zeit dieser ritterlichen Kampfspiele des Mittelalters endgültig vorbei. Man begnügte sich nach italienischem Vorbild der Renaissancezeit mit allerlei Figurenreiten, malerischen Aufzügen und Quadrillen. Dieses Figurenreiten war von den Arabern und Sarazenen ausgegangen und kam mit der Bezeichnung _caracolo_, d. h. Wendung im Kreise (aus dem Arabischen _karak_) nach Italien, gelangte dann als _caroussel_ zu den Franzosen und von da zu den übrigen Kulturvölkern Europas. Man versteht darunter ein Evolutionsspiel zu Pferde, bei dem das Kreise- und Achterfigurenbeschreiben eine große Rolle spielte. Diese Reitübungen förderten in der Folge sehr die Beweglichkeit und Feldtüchtigkeit der Reiterei, so daß sie teilweise noch bis in unsere Zeit beibehalten wurden.
Dieses _karak_ der Araber, das speziell die Mauren pflegten, ist eines der Reiterspiele, wie sie bei allen Völkern, die Pferde halten und zum Reiten benutzen, seit dem hohen Altertume beliebt waren. Diese Reiterspiele stehen gewöhnlich in unmittelbarer Beziehung zur Kampfmethode des betreffenden Volkes und sollten in erster Linie dazu dienen, die Kriegstüchtigkeit der Jungmannschaft zu erhöhen. So treffen wir schon bei den alten Griechen den beliebten altdeutschen kriegerischen Tanz _pyrrhiche_, den die Knaben im 15. Jahre erlernten und in welchem unter Flötenklang alle Bewegungen und Verrichtungen, die beim Kampfe vorkommen, rhythmisch nachgeahmt wurden. Später wurden solche Übungen auch zu Pferde vorgenommen. Damit übten sich besonders die Reiter, als Vorbereitung für die wirkliche Schlacht. Als dann die Römer mit der griechischen Kultur bekannt wurden, übernahmen sie dieses Kunstreiten mit Waffen und bildeten es bei ihrer Reiterei weiter aus. Diese Gelegenheit, prächtige Pferde und gelenkige Beweglichkeit vor bewundernden Zuschauern zu zeigen, ließen sich die vornehmen römischen Stutzer nicht entgehen. Von Beginn der Kaiserzeit bis zum Fall des römischen Reichs wurde dieses Kriegsspiel zu Pferd gern als Schaustellung vorgeführt und hieß später _ludus trajanus_, weil Kaiser Trajan dies besonders begünstigte und neue Variationen dabei einführte. Eine lebendige Beschreibung desselben findet sich in Claudians Lobgedicht auf das Konsulat des Honorius; dann finden wir es gelegentlich auf Inschriften erwähnt und auf Gemmen und Münzen abgebildet, als Beweis dafür, wie beliebt es war. Nach Überschwemmung des weströmischen Reiches durch die germanischen Barbarenhorden, pflegte Ostrom dieses Erbe weiter, und so treffen wir dieses Reiterspiel in Byzanz mit allerlei persischen Ausschmückungen im sogenannten Ringstechen, bei welchem man mit einer langen Lanze gegen eine mit konzentrischen Kreisen in verschiedenwertige Flächen eingeteilte runde Scheiben anritt, und in einer Art Karussel wieder.
Im Orient wurde von alters her das neuerdings bei den vornehmen Europäern beliebte ~Polospiel~ zu Pferde geübt. So sandte einst der Perserkönig Darius, Sohn des Hystaspes, dem König Alexander von Makedonien (521-485), als er ihm den Tribut verweigerte, einen Ball und einen Stock zum Polospiel und ließ ihm sagen, solche Beschäftigung passe für ihn besser als Krieg anzufangen. Die Kreuzfahrer sahen das Polo in Byzanz beim griechischen Kaiser Manuel Komnenos und brachten es nach Europa, wo es allmählich zu einem Spiel zu Fuß degradiert und in England zu Kricket, Fußball und Golf differenziert wurde. Bei den Persern und den kriegerischen Stämmen Nordindiens erhielt sich das Polo bis auf den heutigen Tag. Als der Iman Ibn Omar den Schah Nur-ed-Din von Persien (ca. 1070 n. Chr.) selbst Polo spielen sah, meinte er, solche Übung passe nicht für einen Herrscher. Da antwortete er ihm: er spiele, bei Gott, das Spiel nicht zu seinem Vergnügen, sondern als gutes Beispiel für seine Untertanen, damit ihre Pferde geübt und sie selbst gelenkig würden, um im Kampfe ihren Mann zu stellen.
Wie einst bei den Persern das Polo, so ist heute bei den Arabern der Dscherid -- bei uns besser unter der algerischen Bezeichnung _fantasia_ bekannt -- ein fast täglich zur Übung der Pferde vorgenommenes Reiterspiel. Darin ist das Karussel mit den militärischen, bei ihren Kämpfen gebräuchlichen Evolutionen verbunden. Unter Geschrei und Schwingen des Dscherid, d. h. des aus dem Holz der Dattelpalme hergestellten Wurfspeers, ritten zwei Reiterscharen in wildem Galopp aufeinander los, um kurz voreinander anzuhalten, umzukehren und unter allerlei Wendungen das Spiel aufs neue zu beginnen. In vollem Laufe mußte der zu Boden geworfene Dscherid wieder aufgenommen werden, dann stand oder legte man sich auf den Sattel, benutzte die Vorhand des Pferdes als Schutz und Schild, hing während des Galopps ganz auf der Seite und schoß dabei mit Pfeil und Bogen auf ein bestimmtes Ziel, sprang vom Pferde ab und schwang sich wieder hinauf. Mit der Einführung der Gewehre begnügte man sich, dann blind zu schießen und einen großen Lärm zu verführen.
Außer den verschiedenen Reitübungen wurde das Pferd schon im hohen Altertum auch zu allerlei Kunststücken verwendet, wie wir sie heute besonders im Zirkus zu bewundern Gelegenheit haben. So weiß schon Homer in der Ilias von Kunstreitern zu berichten, wenn er sagt: „Gleichwie ein guter Kunstreiter, nachdem er aus einer großen Anzahl vier Rosse zusammengefügt, abwechselnd sicher und beständig von einem Pferd auf das andere springt, während sie dahinfliegen, so schwang sich Ajas von einem Schiff auf das andere“. Schon bei den alten Mykenäern der Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends finden wir auf den Freskomalereien der Palastwände mit Vorliebe solche Jonglierkünste abgebildet, und zwar sind es statt Pferde wilde Stiere, die beim Anstürmen in der Arena von leicht geschürzten Männern oder Frauen an den Hörnern gefaßt werden, wobei sich das betreffende Individuum in kühnem Bogen über das Ungetüm schwingt, um teilweise mit einem wahrhaftigen Salto mortale wieder den Boden zu gewinnen. Daß solche Darstellungen an den Wänden der Fürstenpaläste so häufig vorkommen, beweist, daß die betreffenden kunstvollen Spiele des schwachen, aber intelligenten Menschen mit dem starken, einfältigen Tier in jenen Kreisen höchst beliebt waren.
Schon im alten Reiche Ägyptens sehen wir mehrfach den Menschen, mit einem einfachen Stock bewaffnet, wildgemachten Stieren entgegentreten und sie dank seiner geistigen Überlegenheit bezwingen. Solche Spiele mit Tieren, speziell Kämpfe des Menschen mit wildgemachten Stieren, kamen schon frühe aus dem Niltal und Westasien auch nach Griechenland und Rom, wo sie beim Volke besonders populär wurden. Während aber in den Wirren der Völkerwanderung diese Stiergefechte zur Belustigung des dabei zuschauenden Publikums aus allen Ländern im Machtbereiche der römischen Kultur verschwanden, erhielten sie sich als nationales Vergnügen einzig in Spanien, das dort und im spanischen Amerika trotz wiederholter Aufhebung wegen der dabei ausgeübten Tierquälerei bis auf den heutigen Tag sich größter Popularität erfreut, ja trotz aller Anstrengungen der Tierschutzvereine sich sogar über Südfrankreich verbreitete und bis nach Genf in die Schweiz hineingelangte. Daß solches in unserer aufgeklärten, humandenkenden Zeit möglich ist, beweist eben, daß ein Zug von Gefühlsroheit und Grausamkeit seit dem Tierhetzen und Menschenschlächtereien im Altertum im romanischen Blute steckt, der dem Germanen, der ja auch von manchen Tierquälereien, besonders bei Ausübung der Jagd, nicht ganz freizusprechen ist, völlig abgeht. Letzterer ist zu gefühlvoll und mitleidig, um die dem Menschen trotz ihrer natürlichen Waffen wehrlose Kreatur absichtlich zu peinigen und sich an ihrem Schmerz und den damit verbundenen Ausbrüchen von Grimm zu erfreuen. Der Romane aber hat selbst in der zärter fühlenden Frau noch nicht seine angeborene und durch Jahrhunderte nicht gebändigte Rohheit überwunden und kennt nichts höheres, als selbst die Mutter Gottes und die Heiligen an ihrem Feste durch ein ~Stiergefecht~ zu ehren. Diese werden in besonderen Amphitheatern -- da, wo noch solche aus dem Altertum vorhanden sind, mit Vorliebe in diesen -- auf öffentliche Kosten oder von Privatunternehmern abgehalten. Der ganze Verlauf des Volksfestes ähnelt in hohem Maße demjenigen der Arena bei den alten Römern. Die Stierfechter (_toreros_) teilen sich in _picadores_, die zu Pferd -- allerdings auf dem Tode verfallenen wertlosen Rosinanten mit verbundenen Augen --, die Beine gegen allfällige Angriffe des Stieres mit seinen spitzen Hörnern sorgsam einbandagiert, mit ihren Lanzen gegen den Stier losreiten, ihn reizen und ermüden; dann die _banderilleros_, die mit roten Bändern gezierte, mit Widerhaken versehene Stäbe in die Schultern des Tieres stoßen und es dadurch und durch den damit verbundenen Schmerz wütend machen. Ferner aus den _chulos_ oder _capeadores_, die mit Bändern und Schärpen seine Wut, wenn sie nachzulassen droht, aufs neue erregen und möglichst steigern, und endlich die meist als _matadores_ bezeichneten _espadas_ oder Schwertträger, die mit ihren feinen Degen dem Tiere den Todesstoß ins Rückenmark zu geben haben. Vermochten sie damit den aufs äußerste gequälten Stier nicht zu töten, so gibt ihnen der _cachetero_ den Gnadenstoß.