Kulturgeschichte der Nutztiere
Part 7
Der wilde Banteng ist ein verhältnismäßig leicht gebautes Rind von braunroter bis kastanienbrauner Farbe bei den Kühen und jungen Stieren, dagegen schwarz bei alten Stieren. Weiß dagegen sind bei beiden Geschlechtern die untern Enden der Beine bis oberhalb der Knie- und Hackengelenke, ein großer ovaler Bezirk auf der Hinterseite der Schenkel, ein Streifen an der Innenseite der Beine, die Lippen und die Innenseite der Ohren. Bei den Kälbern, deren Beine in ihrer ganzen Ausdehnung außen kastanienbraun gefärbt sind, trägt der Rücken einen dunkeln Längsstreifen. Die Schulterhöhe eines ausgewachsenen Stieres beträgt 1,6-1,7 _m_, die Körperlänge etwa 2,6 _m_ und die Schwanzlänge 0,9 _m_. Die bei jungen Tieren walzigen, bei ausgewachsenen an der Wurzel abgeflachten Hörner richten sich zuerst nach außen und oben, aber gegen die Spitze zu etwas nach rückwärts und innen. Seine Nahrung besteht hauptsächlich aus Gras. Gewöhnlich frißt es von vormittags 9 bis nachmittags 4 Uhr und geht dann trinken. Nachts legt es sich zum Ruhen nieder. Es meidet angebaute Gegenden so viel als möglich, stellt sich aber gelegentlich auf Äckern mit junger Saat zum Weiden ein. Es lebt meist in kleinen Herden von 5 oder 6 bis 20 Stück, die von einem großen Bullen geführt werden. Alte Stiere sollen sich gerne von der Herde trennen und einsiedlerisch leben. Werden diese verwundet, so greifen sie den Menschen, den sie sonst fliehen, ohne Zaudern an.
In diesem Banteng oder Sundarind hat nun der Südasiate nicht bloß das gefügigste, sondern auch das schönste Wildrind zum bildsamen Haustier herangezogen und damit alle weitere Haustiergewinnung vorbereitet. Dieser südasiatische Stamm der Hausrinder hat sich dann, weil sein großer Nutzen einleuchtete, sehr bald über weite Gebiete ausgedehnt. In der ostasiatischen Inselwelt reicht es bis Bali und Lombok, weiter nördlich bis China und Japan; hier überall macht ihm heute der später domestizierte Hausbüffel starke Konkurrenz. Nach Westen zu treffen wir ihn zuerst in Persien und Mesopotamien, dann auch sehr früh schon im Niltal an, wo uns auf einer der noch der neolithischen Negadazeit angehörenden skulptierten Schieferplatte von Giseh (s. Tafel), und noch deutlicher auf einer gleichzeitigen Platte im Louvre das charakteristische bantengähnliche Hausrind der ältesten nachweisbaren Zeit Ägyptens entgegentritt. Als Büffelfigur, sagt Keller, könne dieses Bild schon der Kopfbildung wegen nicht aufgefaßt werden. „Der Stier auf der Platte des Louvre zeigt vielmehr im Verlauf des Gehörns, in der auffallenden Stirnbreite und in der Kürze der Schnauze die typischen Kennzeichen eines alten Bantengstiers. Wir sind daher zu der Annahme gezwungen, daß das Hausrind der frühägyptischen, vorpharaonischen Zeit der Bantengstammform noch sehr nahe stand.“
Vom Niltal aus hat sich dieses Hausrind südasiatischer Herkunft weiter südlich zu den Hamiten verbreitet, die lange Zeit allein von den außerägyptischen Afrikanern in seinem Besitze waren. Erst später haben es dann die intelligenteren Stämme der Negerbevölkerung in Süd- und Westafrika übernommen. Madagaskar mit seiner starken Rinderzucht hat das Tier von Ostafrika her erhalten. Von Äthiopien gelangte schon vor der Zeit des alten Reiches im 4. Jahrtausend v. Chr. ein großgehörnter Rinderschlag von Bantengabstammung, der heute nur noch in Zentralafrika gefunden wird, nach Ägypten, wo er bald mit Vorliebe gezüchtet wurde. Dieser buckellose Schlag, aus dem meist der heilige Apis (altägyptisch _hapi_) genommen wurde, besaß ein ungewöhnlich langes, leier- oder halbmondförmiges oder auch gerade nach oben außen gerichtetes Gehörn und war von weißer, schwarz- oder rotbunter Färbung. Der nach Älian dem Mondgotte heilige Apis war nach Herodot schwarz, trug auf der Stirne ein weißes Viereck, auf dem Rücken das Bild eines Adlers, am Schwanz zweierlei Haare und auf der Zunge einen Käfer. Diese Färbung wird noch häufig beim Duxerschlag, namentlich aber bei den Eringerschlägen des südlichen Wallis angetroffen.
Neben Langhornrindern wurde schon im alten Reiche (2980 bis 2475 v. Chr) eine hornlose Rasse gehalten. Daß diese nicht gerade selten war, geht nach Erman aus der Angabe hervor, daß auf dem Gute des Chefre noch neben 835 Langhornrindern 220 hornlose Rinder vorhanden waren. Gleicherweise sind uns Darstellungen von Höckerrindern, wie sie uns in typischer Gestalt im indischen Zebu entgegentreten, schon in Abbildungen des alten Reiches erhalten geblieben. Diese Zeburasse, die sich am deutlichsten in Südasien ausprägte, hat einen Fettbuckel entwickelt und eine lang herabhängende dünne Wamme am Hals. Das meist kurze, höchstens mittellange Gehörn verläuft in der Flucht der Stirn nach hinten. Das Ohr hängt meist stark herab. Die Farbe ist weiß, grau, gelb, rotbraun oder gescheckt. Neben gewaltigen Schlägen kommen auch zwergartige vor. Diesem indischen Zebu steht das ostafrikanische Buckelrind am nächsten, das am reinsten im Sangarind Abessiniens vertreten ist. Es hat sich heute vom abessinischen Hochland aus bis zum oberen Nil und zum Tschadsee ausgebreitet. Das Gehörn ist bei ihm größer als beim nahe verwandten indischen Zebu, im allgemeinen leierförmig und nicht mehr so stark nach hinten ausgelegt, sondern aufgerichtet. Der schlanke, hochgestellte Körper weist dieselben Farben wie das indische Zebu auf. Es spielt als Zug- und Fleischtier eine große Rolle, doch ist sein Milchertrag ein geringer. Aus ihm ist offenbar als besondere Zuchtrasse das Langhornrind hervorgegangen, das schon im alten Ägypten eine wichtige Rolle spielte, aber, weil wirtschaftlich nicht hervorragend, im Laufe der Zeit stark zurückging, in Ägypten ganz ausstarb und heute nach dem Innern Afrikas zurückgedrängt wurde. Es findet sich heute im Seengebiet bei den ackerbauenden Kolonien abessinischer Abstammung als Watussirind; doch gibt es Bestände von ihm auch in Südabessinien. Es ist mittelgroß, einfarbig kastanienbraun oder dunkelbraunfleckig und hat ein über meterlang werdendes Gehörn von der Gestalt desjenigen des Sanga. Im neuen Reich Ägyptens (1580-1205 v. Chr.) tritt dieses Langhornrind zurück und dafür tritt ein kurzhörniges, meist buckelloses Rind offenkundig südasiatischer Bantengabstammung in den Vordergrund. Auf einem in Wasserfarben ausgeführten Wandgemälde in Theben aus der Zeit der 18. Dynastie (1580-1350 v. Chr.) bemerkt man einzelne gefleckte Exemplare mit Kennzeichen, die nur dem Zebu eigentümlich sind.
Auch in Mesopotamien ist das älteste Hausrind ein unverkennbarer Bantengabkömmling. Das auf einem sehr alten chaldäischen Siegelzylinder bereits vor den Pflug gespannt dargestellte Rind gleicht vollkommen einem kleinen indischen Hausrind. Aus der assyrischen Zeit treffen wir häufigere und bessere Darstellungen des Hausrindes. Auf einem Quarzzylinder, dessen Reproduktion Layard gibt, ist ein typisches, langhörniges Zeburind mit umfangreichem Fettbuckel und starker Wamme säugend dargestellt. Das auf den Skulpturen der Königspaläste häufig abgebildete Beutevieh wird stets mit gewölbtem Rücken oder mit eigentlichem Fettbuckel wiedergegeben, so daß auch dessen Abstammung von indischem Blute außer Zweifel steht. Nirgends begegnet uns eine Rinderart, die auf Abstammung des jedenfalls auch in Vorderasien einst lebenden ~Urs~ (_Bos primigenius_) hindeutet.
An der Peripherie des Areals, das die ältesten Hausrinder von Bantengabstammung bewohnen, d. h. im äußersten Osten Asiens, wie auf Bali und Lombok, dann in Westasien, Nordafrika und vor allem in Europa, begegnen wir einem kleinen, zierlich gebauten Rinderschlage von meist dunkler Färbung, mit kleinem, nach außen und aufwärts gebogenem Gehörn, zwischen den vortretenden Augenhöhlen eingesenkter Stirn und feiner Schnauze. Das Hinterhaupt erhebt sich bei ihm in einen deutlichen, steil abfallenden Höcker und seine Ecken sind nur ganz ausnahmsweise wie beim Zebu -- so beim sardinischen Hausrind -- zu Hornstielen ausgezogen. Das ist der Schlag, den wir überall in den Kulturschichten der neolithischen und späteren Bewohner Europas, so auch in den Pfahlbauten in den Seen und Torfmooren um die Alpen herum begegnen, wie er sich auch in der Urzeit in Mesopotamien und Ägypten nachweisen läßt. Es ist dies das bereits erwähnte ~Torfrind~ der Pfahlbauern, das in der Vorzeit überall in Europa als Haustier gehalten wurde und wahrscheinlich teils schon der Milchgewinnung diente, teils auch den Pflug zog, wie uns verschiedene Felsenzeichnungen von Nordafrika bis Skandinavien aus der Metallzeit zeigen. Rütimeyer nannte diese Rasse, die er aus den Überresten der Pfahlbauten der Schweiz kennen lernte, ~Kurzhornrind~ (_Bos brachyceros_), während der englische vergleichende Anatom Richard Owen sie als ~Langstirnrind~ (_Bos longifrons_) bezeichnete.
Dieses zierliche Hausrind mit zarten Gliedern und langem, schmalem Schädel mit breiter Stirne, die über die Hälfte der Schädellänge mißt, tritt uns von Anfang an in Europa in ihren charakteristischen, alle Zebumerkmale außer dem Fetthöcker aufweisenden anatomischen Merkmalen und Eigenschaften entgegen, so daß wir mit Bestimmtheit von ihm sagen können, daß es vollkommen domestiziert hier eingeführt wurde, und zwar nach Konrad Keller vorzugsweise aus Nordafrika. Er stützt sich dabei nicht bloß auf die Tatsache, daß sich eine dem alten Torfrind ganz nahe stehende Rasse hier bis nach Marokko hinein auffallend rein erhielt, sondern besonders darauf, daß die Annäherung des afrikanischen Zeburindes an unsere europäischen Braunviehschläge um so größer ist, je mehr man in Afrika nach Norden hin vorschreitet. Schon Nubien besitzt eine feinköpfige und kurzhornige Rasse, die dem algerischen und marokkanischen Rind auffallend nahe steht. Außerdem haben die kleinen beweglichen Zeburinder noch eine zweite direktere Wanderstraße aus ihrer Heimat Südasien nach Europa eingeschlagen, die über Mesopotamien, Kleinasien und durch die Donauländer ins Herz unseres Kontinentes führte. Keller hielt diesen direkten Import aus Asien für sekundär und nicht sehr ausgiebig, was wir nicht ganz unterschreiben möchten, da alle übrigen Kulturerrungenschaften der europäischen Neolithiker viel mehr nach Westasien als nach Nordafrika hinweisen. Jedenfalls hat der rege Handelsverkehr der Mittelmeerländer schon frühe wichtige Erzeugnisse Nordafrikas, zumal Ägyptens, nach Norden gebracht. Der bevorzugte Weg wird dabei aus dem Niltal über die ägäische Inselwelt nach dem Schwarzen Meer und von da donauaufwärts gegangen sein.
Überreste dieses Torfrindes von Bantengabstammung haben sich in den Braunviehschlägen der Zentralalpen ziemlich rein, am reinsten um das Gotthardmassiv herum beim sogenannten Schwyzervieh, erhalten. Die Haarfärbung wechselt vom dunkeln Braun bis zum hellen Mäusegrau. Als Rassekennzeichen gilt das dunkle Flotz- oder Rehmaul mit heller Umrahmung und ein heller, als Aalstrich bezeichneter Rückenstreifen. Diese Merkmale finden sich auch bei ostasiatischen und indischen Rindern. Auch ist der als Spiegel bezeichnete umfangreiche weiße Fleck am Hinterteil des Banteng als ein Rückschlag in Gestalt einer heller gefärbten Stelle am Hinterbacken nicht selten bei den einfarbigen braunen Kühen um das Gotthardmassiv herum zu sehen. In Südeuropa gehört dazu das dunkle sardinische, illyrische und albanesische Rind, im Osten das weitverbreitete polnische Rotvieh, das sich auch über das nördliche Rußland ausdehnt und im Nordwesten das hochgezüchtete und seiner Milchergiebigkeit wegen berühmte Jersey- oder Kanalrind.
Diese kleinen Rinder haben, wie auch das Zebu, von dem sie sich ableiten -- man denke nur an das hornlose altägyptische, das heutige Somalirind, die Rinder von Unjoro und Berta -- schon sehr frühe auch hornlose Formen hervorgebracht, die sich bereits in der neolithischen Pfahlbauzeit nachweisen lassen. Hornlose Rinder sollen auch die Skythen besessen haben. Jetzt sind sie außer in Zentralafrika, wo die meisten Rinder hornlos und ohne Fettbuckel sind, hauptsächlich über Nordeuropa verbreitet, so in Nordrußland, Skandinavien, Island, Schottland, England, Wales und sporadisch in Oldenburg. Auch in Irland scheint diese Rasse früher sehr verbreitet gewesen zu sein, da man in alten Ansiedelungen viele ungehörnte Schädel derselben fand. Die Haarfarbe dieses hornlosen Viehs ist vorzugsweise weiß, doch kommen auch gelbrote, braunrote und schwarze Nuancen vor.
Mit der Kurzhornrasse von Zebuabstammung, dem Torfrind, eng verwandt und durch künstliche Züchtung offenbar auf europäischem Boden entstanden, ist das durch auffallende Kürze des Kopfes ausgezeichnete ~Kurzkopfrind~ (_Bos brachycephalus_). Bei ihm ist die Stirne zwischen den Augen sehr breit und unten stark eingezogen, das drehrunde Gehörn ist stark, oft sehr groß und leierförmig, meist weiß mit schwarzer Spitze. Die Haarfarbe ist braun bis gelb, selbst weiß und rot bis schwarz, häufig mit weißem Abzeichen. Wie beim Braunvieh läßt sich bei dunkeln Varietäten häufig eine weiße Einfassung des Flotzmaules, eine weiße Innenseite des Ohres und ein ebenso gefärbter Aalstrich auf dem Rücken erkennen.
Nach Keller tauchen die Kurzkopfrinder zuerst auf dem Boden Italiens auf und wurden dann vermutlich durch römische Kolonisten nach Norden gebracht. Er glaubt, sie ließen sich ihrer Abstammung nach auf das altägyptische Langhornrind zurückführen und seien wahrscheinlich schon in vorgeschichtlicher Zeit nach Europa gelangt und hier umgezüchtet worden. Diese Ansicht kann nach den bisher bekannt gewordenen Tatsachen nicht aufrecht erhalten werden. Das Kurzkopfrind war schon in vorgeschichtlicher Zeit, nämlich zu Ende des 3. Jahrtausends v. Chr., nördlich der Alpen an den Schweizerseen zu finden. Dürst glaubt es bereits auf babylonischen Siegelzylindern aus dem Beginne des 3. vorchristlichen Jahrtausends nachweisen zu können. Auch im alten Ägypten wurde es bereits gehalten, ebenso in Arabien und Nordafrika, wo man teilweise Knochenüberreste von ihm fand. In Südeuropa muß es im letzten Jahrtausend v. Chr. allgemein verbreitet gewesen sein. Die Reste desselben aus der helvetisch-römischen Zeit in Vindonissa und Aquae weisen auf ein sehr stattliches Tier hin, wie es sich heute noch im Südwesten von Europa auf der iberischen Halbinsel in stärkster Entwicklung vorfindet. In Deutschland gehört dazu das ebenfalls stattliche Rind des bayerischen Allgäu. Kleiner ist das gleicherweise hierher gehörende Eringerrind aus dem südlichen Wallis, das meist einfarbig, schwarz oder dunkelbraun mit rötlichem Anflug gezüchtet wird. Verwandt damit ist der Zillertaler, der Pustertaler und der Duxer Schlag, dann der Voigtländer und der Egerländer Schlag, das Devonrind in den englischen Grafschaften Devonshire, Sussex und Hereford, wie auch das Rind der Kanalinseln (Jersey u. a.). Noch näher scheint der Urrasse das Albanesenrind zu stehen. Jedenfalls hat sich diese uralte Rinderrasse am besten in den entlegenen Gebirgstälern erhalten und stellt so gewissermaßen die Gebirgsform des Rindes dar.
Zu diesen Rindern von südasiatischer Abstammung kommen meist großgehörnte Formen von schwerem Körperbau, die anatomisch durchaus nicht auf den Banteng, sondern auf den ~Ur~ (_Bos primigenius_) zurückzuführen sind. Dieses neben dem ~Wisent~ (_Bison europaeus_) seit der diluvialen Zeit bei uns lebende Wildrind war teilweise größer als unsere Hausrinder und besaß einen Schädel von auffallend geradlinigem Umriß, mit schief nach vorn gerichteten Augenhöhlen und schief aufsteigendem Unterkieferast. Der Gesichtsschädel zeigt eine verhältnismäßig starke Entwicklung; die Stirnbeine sind flach und stoßen in rechtem Winkel mit der Hinterhauptsfläche zusammen. Das mächtige Gehörn besaß im ganzen Leierform, wandte sich zuerst nach außen, dann nach innen oben mit aufwärts gerichteten Spitzen. Während sich also bei ihm das ziemlich lange Gehörn gegeneinander krümmte, war es beim Wisent nicht nur kürzer, sondern auch nach einwärts und rückwärts gekrümmt. Dabei besaß letzteres einen dreieckigen Kopf, starke Mähne und abfallenden Rücken, während der Ur, dem Hausrinde ähnlich, einen länglichen Kopf, keine Mähne und einen geraden Rücken besaß. Außerdem war es schwarz und nicht dunkelbraun wie jenes gefärbt.
Das Verbreitungsgebiet des Ur erstreckte sich außer durch ganz Europa, wo er sich am längsten im nördlichen Rußland erhielt, auch über ganz Nordasien bis zum Altaigebirge und reichte nach Süden bis zum Bergland von Armenien und Nordbabylonien. Die Assyrier kannten ihn sehr wohl unter dem Namen _rimu_, was identisch mit dem biblischen _reem_ ist. Nach einem Relief des um 884 v. Chr. durch Asurnasirpal erbauten Nordwestpalastes in Nimrud, auf welchem dieser König einem Ur das Messer ins Genick stößt, bildete dieses gewaltige Tier damals noch ein geschätztes Jagdobjekt für die Fürsten von Assur. Auf dieser Darstellung hat der Künstler, der dieses Tier genau gekannt haben muß, nicht nur das starke Gehörn, sondern auch den schief aufsteigenden Unterkieferast in sehr naturgetreuer Weise dargestellt, so daß wir unverkennbar einen Ur -- früher auch Auerochse genannt -- vor uns haben. Daß diese Tiere damals noch in größerer Menge in Nordbabylonien vorkamen, beweist die Tatsache, daß dieser König nach einer Inschrift auf einer Jagd deren nicht weniger als fünfzig erlegte und acht gefangen nahm. Diese letzteren werden im Wildparke des Königs Aufnahme gefunden haben. Auch anderweitig berichten uns assyrische Texte, daß junge Ure gefangengenommen und in der Gefangenschaft weitergezüchtet wurden. So scheint in Nordbabylonien der Ur zuerst gezähmt und für den Haustierstand in der Obhut des Menschen vorbereitet worden zu sein. Dies geschah zweifellos schon weit früher als zu Beginn des letzten Jahrtausends v. Chr., da wir urähnlichen Rindern schon auf den ältesten babylonischen Siegelzylindern und in Form prächtig modellierter Köpfe aus Bronze, die noch in die sumerische Zeit ins dritte Jahrtausend v. Chr. zurückreichen, begegnen. Dabei scheinen die Assyrier offenkundig diese gezähmten Rinder von Urabstammung zu opfern bevorzugt zu haben. Wenigstens werden sie in ihrer charakteristischen Erscheinung bei assyrischen Opferszenen, z. B. am Palast von Balawat, dargestellt, während wir unter den ebendort abgebildeten Rindern als Tribut fremder Völker ganz anders gekrümmte Hörner finden, die stark an ägyptische Darstellungen erinnern. Letztere waren zweifellos Hausrinder von Bantengabstammung.
Aus geschichtlicher Zeit haben wir mehrfache Zeugnisse über das Vorhandensein dieses mächtigen Wildrindes in Europa, so von Julius Cäsar, der in seinem Buche über den gallischen Krieg schreibt, daß im hercynischen Wald -- worunter jener römische Autor das Waldgebirge Mitteldeutschlands vom Rhein bis zu den Karpaten verstand -- ein _urus_ genanntes Wildrind lebe, das äußerlich einem Stier gleiche, aber an Größe nur wenig hinter dem Elefanten zurückstehe. Mit letzterer Angabe hatten ihm seine germanischen Gewährsmänner einen „Bären aufgebunden“, wie sie ihm auch sagten, die Beine des Elches (_alces_) seien stocksteif und hätten keine Gelenke. „Deshalb legen sich die Tiere, wenn sie ruhen wollen, nicht nieder, können auch nicht wieder aufstehen, wenn sie zufällig hinfallen. Um zu schlafen, lehnen sie sich also an Bäume. Solche Plätze merken sich die Jäger, machen heimlich einen Einschnitt in jeden Baum, so daß er an sich stehen bleibt, aber umfällt, wenn sich das Tier daranlehnt.“ Noch manch anderes solch altdeutsches Jägerlatein hat der große römische Stratege und kluge Staatsmann als baare Münze entgegengenommen.
Nach Cäsar spricht dessen Zeitgenosse Vergil im zweiten Gesang seiner Verherrlichung des Landbaues vom Ur, indem er sagt, man solle die Weinberge einzäunen, damit das Vieh (_pecus_) ihnen nicht schädlich werde. Darunter zählt er außer den Schafen und dem Jungvieh die Rehe und die wilden Ure aus den Wäldern (_silvestres uri_). Das Landgut, das dieser Darstellung zugrunde liegt, war höchst wahrscheinlich des Dichters eigenes, das väterliche Gut in Andes bei Mantua, in welchem er am 15. Oktober 70 v. Chr. geboren wurde. Also müssen noch im letzten vorchristlichen Jahrhundert die Ure von den dichten Wäldern an den Vorbergen der Alpen weit in die lombardische Ebene hinein gewechselt sein. Im dritten Gesang wird von Vergil eine schwere Seuche, anscheinend Milzbrand, geschildert, die den ganzen Viehstand der Krainer Alpen vernichtet hatte. Als danach das Fest der Göttermutter herankam, hatte man keine Ochsen (_boves_), um mit ihnen den Prozessionswagen der Göttin zu bespannen, und mußte statt ihrer (kastrierte) Ure nehmen (Vers 531). Also muß es damals neben den wilden auch zahme Ure gegeben haben, die man als eine besondere Tiergattung vom Rindvieh unterschied. Allem nach scheinen auch diese zahmen Ure seuchenfester als die echten Rinder gewesen zu sein. Das mag mit ein Grund gewesen sein, daß in der Folge in manchen Gegenden Südosteuropas das Vieh vom Primigeniusstamme, also vom Ur abgeleitet, die Oberhand über die älteren, gegen Seuchen empfindlicheren Rassen von Bantengabstammung gewann.