Kulturgeschichte der Nutztiere

Part 8

Chapter 83,152 wordsPublic domain

Im 1. Jahrhundert n. Chr. schreibt dann der ältere Plinius in seiner Naturgeschichte: „Germanien ist durch das Vorhandensein von zwei Arten wilder Rinder merkwürdig, nämlich durch den mit einer Mähne geschmückten Bison (Wisent) und den Ur, der sich durch Kraft und Schnelligkeit auszeichnet.“ Tacitus weiß in seinen Annalen von einem römischen Steuerbeamten zu berichten, der die Friesen dadurch zum Aufstand trieb, daß er ihnen für die Entrichtung ihres in Ochsenfellen bestehenden Tributs Urfelle als Muster vorschrieb. Solche in größerer Menge zu beschaffen mochte ihnen schwer fallen. Wie Plinius spricht auch das Nibelungenlied von zwei in Germanien hausenden Wildrindern, dem Wisent und dem Ur. Letzterer wurde noch im 10. Jahrhundert in der Umgebung des Klosters St. Gallen gejagt und sein Fleisch an der Klostertafel nebst dem des Bibers und anderer dort heute längst ausgerotteter Tiere verspeist, wie wir den Benediktionen oder Tischgebeten des dort lebenden und 973 verstorbenen Mönches Ekkehard I. entnehmen können. Nach Alfred Nehring wurde in Bromberg ein aus dem 12. oder 13. Jahrhundert stammender Urstierschädel aufgefunden, der auf der Stirne noch Spuren von drei Lanzenstichen aufweist, als Beweis dafür, daß er um jene Zeit dort noch gejagt wurde. Noch ums Jahr 1550 erhielt der österreichische Gesandte und Freiherr von Heberstain auf einer diplomatischen Reise nach dem Königreiche Polen in Masovien vom König Sigismund August von Polen einen dort getöteten Ur als Geschenk. Das Tier war damals freilich nicht mehr zahlreich, sondern auf einen kleinen Bestand in Masovien zusammengeschmolzen. Später erhielt der Züricher Zoologe Konrad Geßner von einem seiner Schüler, Schneeberger, und von Johann Bonar zuverlässige Nachrichten über den in Polen lebenden und dort Thur genannten Ur und berichtete darüber 1560. Zuletzt hat August Wrzesniowski in einer 1878 in der Zeitschrift für wissenschaftliche Zoologie veröffentlichten Arbeit an Hand der polnischen Quellen nachgewiesen, daß schon im 13. Jahrhundert die Jagd auf den „Thur“ ein ausschließliches Vorrecht der Herzoge von Masovien war, er bereits im 16. Jahrhundert selten zu werden begann und nur noch in den Forsten von Jaktorowka (etwa 55 _km_ westlich von Warschau) vorkam. Hier wurde er zuletzt, wie heute der Wisent im urwaldähnlichen Riesenforste von Bjelowjesha im russisch-litauischen Bezirke Grodno, förmlich gehegt und über die noch vorhandenen Exemplare Buch geführt. 1564 zählte man nur noch 30 und 1599 24 Stück. 1602 ging der Bestand auf 4 Thure zurück und 1627 starb die letzte Urkuh.

Außer verschiedenem Skelettmaterial aus Torfmooren -- so einem nahezu vollständigen Skelett, das 1887 am Schwielochsee im Kreise Lübben in der Niederlausitz aufgefunden wurde und sich jetzt im Museum der Landwirtschaftlichen Hochschule in Berlin befindet -- besitzen wir auch noch leidliche Bilder von diesem gewaltigen Wildrinde Europas. Heberstain, der letzte Zeuge, der den Ur noch sah, ließ eine Abbildung herstellen, die durch Konrad Geßner in weiteren Kreisen bekannt wurde. Daneben existiert noch ein vom Engländer Hamilton Smith bei einem Augsburger Kunst- und Antiquitätenhändler entdecktes Urstierbild, das im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts in Öl auf Holz gemalt wurde, 1827 in Griffiths „Animal Kingdom“ zur Veröffentlichung gelangte und seither im Original verschollen ist. Eine weit bessere Darstellung gibt das bereits erwähnte alte Jagdbild vom Palaste des assyrischen Königs Asurnasirpal aus dem Beginn des 9. Jahrhunderts v. Chr., besonders aber die aus bester mykenischer Zeit Griechenlands, aus der Mitte des zweiten Jahrtausends vor Chr. stammenden Rinderfiguren auf den Goldbechern von Vaphio, dem alten Amyklai. Es sind dies die weitaus besten Urbilder, die wir besitzen. Diese in einem prähistorischen Kuppelgrab 1888 gefundenen beiden Goldbecher, die offenbar aus der gleichen Werkstätte hervorgingen, zeigen in einem Basrelief den Fang und die Zähmung des wilden Urs. Der eine Becher (I) stellt dar, wie ein Ur sich in einem von starken Stricken verfertigten Netze fängt und dabei überkugelt, während zwei andere in gestrecktem Galopp aus dem Bereiche des Netzes flüchten, wobei der eine zwei sich ihm entgegenstellende, mit Wams und Hosen bekleidete Männer über den Haufen rennt, den einen derselben auf die Hörner nimmt und davonschleudert. Der andere (auf Tafel II) stellt vier gezähmte Ure, drei Männchen und ein Weibchen dar, welch letzteres sein Haupt in Profilstellung dem ihm zunächst stehenden Stier zuwendet. Davor steht ein mit Wams und Hosen bekleideter Mann, der einen laut aufbrüllenden Urstier mit einem dicken Strick am linken Hinterbein gefesselt hält.

Diese unschätzbar wichtigen Darstellungen von überaus hohem künstlerischem Wert zeigen uns, wie in vorgeschichtlicher Zeit neben dem von Südasien gezähmt eingeführten Torfrind das stärkere einheimische Wildrind gefangen und unter des Menschen Botmäßigkeit gebracht wurde, um aus ihm ein nützliches Haustier zu machen. Wie dies noch nach der Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends in Griechenland geschah, was uns der Becher von Vaphio beweist, dessen Darstellung nur von einem Manne geschaffen worden sein kann, der persönlich beim Fange dieses Wildrindes mit Hilfe von starken Jagdnetzen zugegen war und den Vorgang aus eigener Anschauung, nicht nur vom Hörensagen schildert, so ist dies wahrscheinlich schon mehr als tausend Jahre früher in Nordeuropa, außerdem auch in Westasien, speziell Nordbabylonien, und vielleicht an anderen Orten gemacht worden und hat zur Gewinnung eines sehr kräftigen Rinderschlages geführt, das uns, dem Wildrinde noch recht nahestehend, bereits in den jüngeren Pfahlbauten entgegentritt. Diesem gezähmten Primigeniusrind des vorgeschichtlichen Europa, das uns weder in Asien östlich von Mesopotamien, noch in Afrika entgegentritt, steht von heute lebenden das großhörnige schottische Hochlandrind von schwärzlicher bis grauer Haarfärbung am nächsten. Ferner das ebenfalls großhörnige weiße englische Parkrind, das schon bei den alten Kelten in hohem Ansehen stand. Berichten doch die etwa aus dem 11. Jahrhundert stammenden Gedichte des angeblichen gälischen Barden Ossian, des Sohnes König Fingals, aus dem 3. Jahrhundert n. Chr., daß zwei Häuptlinge wegen eines weißen Stieres in eine erbitterte Fehde gerieten, die erst mit dem Tode des einen beigelegt wurde. Ebenfalls ein Primigenius-Abkömmling ist das in gleicher Weise wie die vorigen einfarbige, großhörnige, überaus wetterharte und genügsame, aber nur geringe Milchergiebigkeit und Mastfähigkeit aufweisende Steppenrind Podoliens und Südrußlands. Als „graues Steppenrind“ finden wir es in Ungarn und in der römischen Campagna. Dieses silbergraue Vieh der römischen Campagna wurde nicht erst, wie man noch vor kurzem annahm, durch die Langobarden in Mittelitalien eingeführt, sondern ist hier schon in vorgeschichtlicher Zeit nachweisbar. So finden wir es deutlich auf der der La Tènezeit angehörenden Situla (Eimer) aus der Certosa von Bologna noch mit vorwärts zeigendem Gehörn dargestellt, als Beweis dafür, daß dieses Rind dem Ur sehr nahestand und nur geringe Veränderungen infolge von Domestikation aufwies. Über die Niederungen Rußlands finden wir das Steppenrind von Primigeniusabstammung durch ganz Sibirien, aber nicht mehr überall in reiner Rasse. So weist beispielsweise das Kirgisenrind eine beträchtliche Beimischung von Zebublut zum Primigeniusblut auf. Solche Kreuzungen wurden jedenfalls bereits in vorgeschichtlicher Zeit in ausgedehntem Maße vorgenommen, wozu die einheimischen Hausrinder genugsam Gelegenheit gaben. Nicht selten werden aber auch die zahmen Ure auf der Weide von wilden Urstieren belegt worden sein, wie es heute noch in Hinterindien häufig genug vorkommt, daß zahme Zebukühe von wilden Bantengstieren befruchtet werden, was die Malaien als eine willkommene Blutauffrischung gerne sehen.

Von Mischungsprodukten zwischen Torfrind und Primigeniusabkömmlingen sind wohl die meisten spurlos untergegangen und andere sind durch künstliche Züchtigung stark umgebildet worden. Eine solche durch Umzüchtung aus der älteren Primigeniusrasse ohne bedeutende Torfrindblutbeimischung hervorgegangene Rinderart ist nach L. Rütimeyer das von Nilsson als Frontosusrasse bezeichnete ~Großstirnrind~ (_Bos frontosus_), das zur Bronzezeit neben dem kleinen, zierlichen Torfrind zuerst in Nordeuropa, und zwar in Südschweden auftritt. Von da drang es erst sehr spät weiter nach Süden vor, um allerdings nur eine sehr lokale Verbreitung zu erlangen. Diese Rasse, die auch noch recht schwer, wie das reine Primigeniusrind, werden kann, zeigt einen Schädel mit unregelmäßigem Umrisse, zwischen den Augen verbreiteter Stirne, dachiger Hinterstirn, gestielten Hornzapfen und gewölbten Augenhöhlen. Die Färbung ist rot- oder schwarzscheckig mit scharf begrenzten Flecken; der Nasenspiegel ist fleischfarben. Noch jetzt wird diese Rasse im südlichen Schweden gehalten und hat die einst in England weitverbreitete, jetzt aber dort verschwundene Langhornrasse aus sich hervorgehen lassen, deren letzte Reste sich in Südschweden in dem Vieh der Insel Gotland erhielten.

Wichtiger als sie ist das durch kurze Hörner und schwarze oder rotscheckige Farbe ausgezeichnete Marschrind der Nordseeküste, zu dem auch das holländische Rind gehört. Es ist durch seine Milchergiebigkeit berühmt und scheint hier bis ins Altertum zurückzugehen. Wir wissen wenigstens, daß schon zur Zeit der Römer am Niederrhein ein ähnlich großes Rind gezogen wurde. Die größte Bedeutung aber erlangte das Großstirnrind in der Westschweiz im hochgezüchteten rotscheckigen Simmentaler- und im schwarzscheckigen, neuerdings stark im Rückgang begriffenen Freiburger Schlag. Dieses ebenfalls überaus milchergiebige schweizerische Fleckvieh, das bis zum Bodensee verbreitet ist, scheint erst zur Zeit der Völkerwanderung in Mitteleuropa eingewandert zu sein und kam nach Keller vermutlich mit den vom Niederrhein gekommenen Burgundern nach der Westschweiz. Nicht nur in den westschweizerischen Pfahlbauten, sondern auch in den helvetisch-römischen Niederlassungen der Schweiz, z. B. in Vindonissa, fehlen alle Spuren von ihm vollständig. Keller meint, diese Tatsache sei sehr schwerwiegend; denn die Römer, die beispielsweise in Vindonissa eine starke Besatzung zu unterhalten hatten, würden ohne Zweifel vorgezogen haben, die milchreichen Fleckviehrinder aus der Westschweiz zu holen, falls solche damals vorhanden gewesen wären, statt die schweren, wenig Milch liefernden Kurzkopfrinder aus dem Süden über die Alpenpässe in Helvetien einzuführen, da das kleine einheimische Torfrind den Bedarf nicht deckte.

Derselbe Autor meint in seinem Werke über die Abstammung der ältesten Haustiere: „Über das Verhältnis der Freiburger Schwarzflecken zum rotbunten Simmentaler Schlag müssen noch eingehendere anatomische Untersuchungen angestellt werden. Sie gehören zwar nach den osteologischen Merkmalen zur Frontosusrasse, dagegen ist das Gehörn steiler aufgerichtet und nach meiner Beobachtung häufig primigeniusähnlich. Daher die Behauptung, daß das Freiburger Vieh Einwirkungen von niederländischem Vieh erhalten habe. Andere vermuten eine Vermischung mit Braunvieh. Leider war es mir bei dem starken Rückgang dieses Schlages bisher nicht möglich, ausreichende Schädelserien zu beschaffen, wie denn überhaupt die Erwerbung von Haustiermaterial auf kaum glaubliche Schwierigkeiten stößt.“

Das ziemlich verwahrloste Rind Sibiriens repräsentiert nach den Untersuchungen von Okulitsch einen unvermischten Primigeniustypus. Die Färbung desselben ist vorwiegend rot; doch gibt es in der Umgebung von Tomsk auch graue Rinder dieses Schlages. Die Milchergiebigkeit der sibirischen Kühe ist gering; dennoch ermöglicht der bedeutende Viehstand eine starke Ausfuhr von Produkten der Milchwirtschaft. So wurden schon im Jahre 1901 27 Millionen _kg_ Tafelbutter von Sibirien nach Europa exportiert und seither hat sich diese Ausfuhr durch bessere Bahntransporte bedeutend erhöht. Der Regierungsbezirk Tomsk allein weist einen Rinderbestand von gegen 2 Millionen Stück auf.

Alle weiter südlich in Asien gehaltenen Rinder sind dagegen Abkömmlinge des gezähmten Banteng, so auch diejenigen Chinas, die oft sehr klein sind und manchmal einen Fetthöcker aufweisen. Sie werden dort vorzugsweise zum Pflügen benutzt, ihre Milch überhaupt nicht und das Fleisch wenig genossen. Ebenso gering ist die wirtschaftliche Rolle des Rindes in Japan, wo es als Reit- und Lasttier dient und die wenigen im Lande verkehrenden Wagen zieht. Einen schönen Rinderschlag besitzt Korea, dessen Bewohner wohl dessen Fleisch, nicht aber die Milch genießen.

Wie die meisten Nutztiere hat Amerika auch das Rind durch die Vermittlung der Europäer erhalten. Auf seiner zweiten Reise brachte es Kolumbus 1493 nach San Domingo, von wo es sich rasch über die Antillen verbreitete. Hier verwilderte es teilweise und lieferte in dem an der Luft und über dem Feuer getrockneten Fleisch, der _carne secca_, und in den Häuten bald das hauptsächlichste Ausfuhrprodukt dieser Inseln. Von diesen verwilderten Rinderherden lebend bildete sich im 16. Jahrhundert aus Franzosen und Engländern an der Westküste von San Domingo der Freibeuterstaat der Flibustier -- entweder aus dem Worte _freebooters_, d. h. Freibeuter, oder aus _fly boaters_, d. h. auf rasch fahrenden Schiffen Segelnde entstanden --, die den das Monopol des amerikanischen Handels besitzenden spanischen Schiffen auflauerten und sie ausplünderten. Als diese durch Zuzug von allerlei Abenteurern und der Hefe aller Nationen zu Anfang des 17. Jahrhunderts zu einer furchtbaren Macht in den westindischen Gewässern geworden waren, die, bald von der einen, bald von der andern Regierung begünstigt oder gar in Sold genommen, später nicht nur gegen die Spanier, sondern gegen alle Besitzenden kämpften, sahen sich die europäischen Staaten genötigt, gegen diese bedrohliche Macht einzuschreiten. Vor allem gründete Frankreich, da sich ein großer Teil der Flibustier aus Franzosen zusammensetzte, in diesem westlichen Teil von San Domingo eine Kolonie, die bald durch ausgezeichnete Gouverneure zur Blüte gelangte. Mit dieser Gründung verloren die wilden Rinder der Insel bald ihre Bedeutung; doch exportiert der spanische Teil immer noch stark Fleisch und Häute derselben nach der jetzt dort errichteten Negerrepublik.

Ums Jahr 1525 gelangte das Rind nach Mexiko, wo sich seine Zucht an den grasreichen östlichen Abhängen der Anden stark ausbreitete. Neuerdings haben sich dort auch edlere europäische Rassen, wie die Holländer und das hellfarbige, meist rotfleckige, kurzhörnige Vieh der englischen Grafschaft Durham, eingebürgert.

Mittelamerika hatte im 17. Jahrhundert eine starke Viehzucht in Honduras. Auch Kolumbien erhielt im 16. Jahrhundert sein Vieh von den westindischen Inseln. In die Grassteppen von Venezuela brachte es Christobal Rodriguez 1548. Hier gedieh es vortrefflich und verwilderte bald. So begegnete schon der sogenannte Tyrann Aguirre 1560 in der Nähe von Valencia wilden Rinderherden. Um 1800 führte Venezuela ohne die zahlreichen geschmuggelten etwa 170000 Rinderhäute jährlich aus. Von der Kapverdeninsel San Vincente aus brachten die Portugiesen das Rind 1581 nach Brasilien, wo es sich der brasilianischen Indolenz entsprechend recht langsam von der Küste nach dem Innern ausbreitete. Nach den Angaben von Southeys Geschichte von Brasilien kam es erst 1720 nach Goyaz, 1739 nach Matto Grosso und 1788 in das Gebiet des oberen Amazonenstroms. Gegenwärtig besitzen die Provinzen Minas Geraes, Matto Grosso, San Paulo und Rio Grande do Sul eine ausgedehnte Viehwirtschaft. Wiederholt sind Zebus aus Indien als Zuchtmaterial in Matto Grosso eingeführt worden, und Bastarde derselben mit den aus Europa eingeführten Rassen sind stark verbreitet. Durch großes Gehörn ist die ursprünglich in San Paulo heimische Franqueirorasse ausgezeichnet. Nur in Minas Geraes wird Milchwirtschaft getrieben und ein grober, schlechter Käse gewonnen, der nur im Lande selbst gebraucht werden kann. Der Brasilianer ißt diesen Käse gern mit eingedicktem Zuckerrohrsaft zusammen, ähnlich wie die Helden Homers eine Mischung von Honig, Käse und Wein tranken. Sonst wird überall in Brasilien das Vieh bloß zur Gewinnung von Häuten und Hörnern für den Export nach Europa und zur Herstellung von getrocknetem Fleisch für den einheimischen Verbrauch gehalten. Dies war auch in den Pampas Argentiniens der Fall, wo vom 17. Jahrhundert an große halbwilde Viehherden vorhanden waren. Diese nahmen ihren Ursprung von 7 Kühen und einem Stier, die Kapitän Juan de Salazar 1546 von Andalusien nach Südbrasilien brachte, von wo aus sie ein gewisser Gaeta in seinem Auftrage über Land nach Paraguay trieb. Er entledigte sich dieser schwierigen Aufgabe vorzüglich und erhielt als Belohnung eine von den Kühen geschenkt, was für ihn jedenfalls einen sehr wertvollen Besitz darstellte.

Von Paraguay drang das Rind bald südwärts in die Pampas von Argentinien vor, von wo schon 1580 die erste Ladung Häute von dem damals eben gegründeten Buenos Aires nach Spanien ausgeführt wurde. Hier vermochte es in der Steppe überall leicht zu verwildern, während in den mehr waldigen Gebieten Paraguays dies wegen des Vorkommens einer sehr lästigen Aasfliege, die ihre Eier in jede Wunde legt, nicht möglich war. Da für diese Fliegen der Nabelstrang des neugeborenen Kalbes eine sehr willkommene Ablagestelle für die Eier bot, die eine Entzündung und schließlich den Tod des Kalbes herbeiführten, so gingen jeweilen alle Kälber zugrunde, bei denen nicht menschliche Hilfe fürsorgend eintrat. So weit also der Bezirk dieser Fliege reichte, gab es keine wilden Rinder. Im Süden aber, wo sie im offenen Graslande fehlte, vermehrten sich die halbwilden Viehherden dermaßen, daß das einzelne Stück fast wertlos und im 18. Jahrhundert nach Dobrizhoffer für einen Real, d. h. etwa fünf Groschen zu haben war. So wurden sie nur zur Gewinnung der Haut und etwa noch der Zunge als Delikatesse getötet, und nur ausnahmsweise das saftigste Fleisch von den Lenden zur Gewinnung von _carne secca_ verwendet. Um diesen Reichtum wenigstens einigermaßen auszubeuten, wurde im vorigen Jahrhundert an der Küste nördlich von Buenos Aires, in Fray Bentos, die Liebigsche Fleischextraktfabrik eingerichtet, die heute noch das meiste Fleisch auf dieses ihr Spezialprodukt hin verarbeitet, daneben aber auch konserviertes Fleisch, Fett und Knochen gewinnt, die sie mit den Häuten auf den europäischen Markt bringt. Neuerdings suchen die Kulturstaaten Europas mit dem Fleischüberfluß Argentiniens die Fleischnot in ihrem eigenen Lande zu bekämpfen, und dies mit bestem Erfolge. In besonderen Schiffen mit Kühlräumen wird das Fleisch gefroren, wie das schon seit längerer Zeit von Australien nach England gebrachte Schaffleisch, aus Argentinien zu uns gebracht und findet überall willig Absatz. Jedenfalls ist Argentinien mit seinen grasreichen Ebenen vor andern Ländern dazu berufen, in der Viehhaltung eine führende Rolle zu spielen. Auch in Chile hat es einst eine bedeutende Rinderzucht gegeben. So fand v. Tschudi noch 1858 in Santiago das Straßenpflaster aus den Hüftknochen von Rindern gebildet, die man mit den Gelenkköpfen nach oben gesetzt hatte. Auch in Peru und Bolivien ist die wilde oder halbwilde Zucht jedenfalls die wichtigste. Milch geben die Kühe nur wenige Tassen voll, und auch das nur kurze Zeit. Bei den Indianern ist keine Neigung zur Haltung des Rindes vorhanden. Letzteres tritt demnach gegen Patagonien hin, wo die weiße Bevölkerung mehr oder weniger aufhört, zurück. Auf den Falklandinseln ist es verwildert.

In Nordamerika ist das erste Vieh zu Ende des 16. Jahrhunderts von England an die Ostküste nach Virginien gekommen. 1624 brachten es die Puritaner nach Plymouth in Massachusetts und ein Jahr später die Holländer nach dem von ihnen auf der Manhattaninsel an der Mündung des Hudson gegründeten Neu-Amsterdam, dem heutigen New York, mit. Diese guten Rassen wurden später mit dem wegen der bequemen Verbindung billigeren spanischen Vieh aus Westindien gekreuzt. Mit den Weißen verbreitete es sich westwärts, während schon früh vor seiner Ankunft mexikanisches Vieh nach Texas und Kalifornien gelangt war. Kanada besaß ursprünglich das Bretagnerind, das die Franzosen 1608 einführten.

Was die heutige Rinderhaltung in den Vereinigten Staaten anbetrifft, so geht die Züchtungspraxis der Amerikaner darauf aus, einzelne ausschließliche Leistungen der Tiere zu bevorzugen; daher werden die hervorragendsten englischen Fleischrassen und die europäischen Milchrassen stark bevorzugt. Von letzteren wurden außer südenglischen Rindern besonders das friesische, dann das Schweizer Braunvieh eingeführt. Dieses hat nun mehr und mehr das früher ausschließlich gezogene Texasvieh spanischer Abstammung, das seinerseits wiederum sich vom hochbeinigen, langhörnigen iberischen Rinde ableitet, auch in den Südstaaten der Union verdrängt.

Im Jahre 1788 wurde das Rind von den Engländern nach Australien eingeführt, wo jetzt Queensland die stärksten Bestände aufweist. Auch Neuseeland mit seinen weidereichen Alpen hat eine starke Rinderzucht. Dort gibt es über 1½ Millionen Rinder; daher ist die Ausfuhr an Butter und Käse bedeutend. Auch in Ozeanien ist das Rind auf den meisten Inseln eingeführt, spielt aber meist eine sehr untergeordnete Rolle im Haushalte des Menschen. Stellenweise, wie z. B. auf der Insel Tinian, ist es verwildert.

Außer in Syrien und Kleinasien wird das Rind in ausgedehnten Gebieten Afrikas als Last- und Reittier verwendet. Schon Herodot erwähnt Lastochsen aus Nordafrika und Älian hornlose Reitochsen aus Mysien. Wie die Kirgisen, Kalmücken und viele Kurden, so reiten die Gallastämme, die Einwohner von Wadai, von Angola und Südafrika auf besonders dressierten ~Reitochsen~, die in allen Gangarten gehen und in schwierigem Terrain durch kein anderes Tier zu ersetzen sind. Ohne sie könnte man die ausgedehnten Handels- und Jagdzüge durch die streckenweise oft gänzlich wasser- und futterlosen Einöden gar nicht unternehmen.