Kulturgeschichte der Nutztiere

Part 6

Chapter 63,416 wordsPublic domain

Heute ist die Tollwut dank der scharfen staatlichen Kontrolle auf ein Minimum eingeschränkt und kann zudem nach Übertragung durch Biß eines tollen Hundes auf den Menschen dank der wertvollen Entdeckung von Louis Pasteur in fast allen Fällen leicht geheilt werden, ohne daß sie zum Ausbruch gelangt. Jedenfalls ist sie für den Menschen weit weniger gefährlich und verhängnisvoll als der winzige, nur 4 _mm_ lang werdende Hundebandwurm (_Taenia echinococcus_), dessen Finne eine ganz bedeutende Größe aufweisen kann. Aus seinen Eiern entwickelt sich nämlich der von stecknadelkopf- bis kindskopfgroße Hülsenwurm (_Echinococcus_), der sich in den verschiedensten Organen des Menschen, am häufigsten aber in der Leber festsetzen und die schwersten Erkrankungen, ja selbst den Tod herbeiführen kann. Überhaupt gilt für alle Hundefreunde wegen ihres großen Parasitenreichtums, der unter Umständen für den Menschen sehr verhängnisvoll sein kann, der alte vielfach in Mosaik an der Türschwelle angebrachte römische Zuruf: _cave canem_, d. h. hüte dich vor dem Hund! allerdings in anderem Sinne als einst. Man sei freundlich, aber nicht zu intim mit ihm, da man solches vielleicht mit langem Siechtum und Tod zu büßen hat. Lieber als einen rasselosen Köter mit allen möglichen Untugenden halte man sich einen gut gezogenen wertvollen Rassehund, der geistige und körperliche Vorzüge besitzt, die dem Bastard versagt sind. Es gibt ja deren, die allen möglichen Ansprüchen, sei es solchen der Jagd, des Schutzes, sei es denen des Land- oder beengteren Stadtlebens sehr gut angepaßt sind und sich darin seit vielen Generationen bewährt haben.

Andere Wildhunde als die hier aufgezählten sind nicht dauernde Gesellschafter des Menschen geworden. Es hätte dies aber sehr wohl der Fall sein können, da auch solche, jung eingefangen und vom Menschen gut behandelt und gezähmt, sich an den Umgang mit diesem leicht gewöhnen. Wie heute noch in Syrien, Ägypten und Nordafrika wurden schon bei den alten Ägyptern jung eingefangene wilde ~Schakale~ wie Haushunde erzogen und so direkt in die Haustierschaft übergeführt. In den Grabgemälden des alten Reiches in der ersten Hälfte des 3. Jahrtausends v. Chr. ist mehrfach dargestellt, wie gezähmte Schakale die Stelle von Haushunden bei dem noch als lebend dargestellten Grabinhaber einnehmen oder sich als gute Freunde unter dessen Hunde mischen. In einer Darstellung eines Grabes zu Beni Hassan aus der 12. Dynastie (2000-1788 v. Chr.) sieht man einen solchen gezähmten Schakal sogar an der Jagd teilnehmen. Solche direkte Überführungen aus dem wilden in den gezähmten Zustand sind aber schon damals eben solche Ausnahmen gewesen, wie in unserer Zeit die Zähmung eines jung eingefangenen Wolfes zum Freunde und Begleiter seines Herrn.

Selbst der ~Hyänenhund~ (_Canis pictus_), jener heute noch vom südlichen Nubien an in großen Teilen Afrikas vorkommende Wildhund mit buschigem Schwanz und weißen bis ockerfarbigen, stets schwarz umsäumten Flecken auf kurz- und glatthaarigem Fell, wurde von den alten Ägyptern in den Haustierstand übergeführt, ohne sich allerdings längere Zeit darin zu erhalten. Dieser in hohem Grade anziehende Steppenhund, der in Meuten bis zu 60 Stück mit ungeheurer Ausdauer allerlei Wild, besonders Antilopen jagt, so daß selbst die größten Tiere ermatten und von ihm überwältigt werden, wird von Brehm als für die Zähmung vielversprechendes Raubtier bezeichnet, das einen vortrefflichen Spürhund abgeben würde. Georg Schweinfurth sah in einer Seriba im Bongolande ein in hohem Grade gezähmtes Stück, das seinem Herrn gegenüber die Folgsamkeit eines Hundes an den Tag legte. Brehm, der einige derselben gefangen hielt, bezeichnet sie als ungestüm mutwillig mit einem unbezähmbaren Drang zum Beißen. Er ist ungemein regsam und lebhaft und frißt vom erwürgten Wild fast nur die Eingeweide. Seine Vorzüge für die Antilopen- und Gazellenjagd veranlaßte schon die Ägypter des alten Reiches (2980 bis 2475 v. Chr.) ihn vielfach unter ihrer Meute von Jagdhunden zu halten. An den Wänden zahlreicher Gräber finden wir ihn als gezähmtes Tier nebst andern Jagdhunden abgebildet, so in denjenigen des Nub hotep und des Ran ken der 4. Dynastie (2930-2750 v. Chr.), dann des Aseskef ank und des Pta hotep der 5. Dynastie (2750 bis 2625 v. Chr.). In des letzteren Grabe in Sakkara sehen wir die Jagddiener des Verstorbenen mit der gemachten Beute von der Jagd zurückkehren. An ihrer Seite sehen wir als Chef derselben einen als Num hotep bezeichneten Mann mit zwei Windhunden und zwei Hyänenhunden an der Leine schreiten, bereit, sie auf allfällig angetroffenes Wild loszulassen. In demselben Grab des Pta hotep, das uns den Hyänenhund gezähmt und im Dienste des Menschen zeigt, sehen wir an der gegenüberliegenden Wand den wilden Hyänenhund mitten unter Antilopen in der Steppe lebend und von Windhunden angegriffen. Man sieht, daß der Künstler die Szene nach eigener Anschauung wiedergegeben hat. Später wurde weder im mittleren noch im neuen Reiche je wieder der Hyänenhund, sei es wild oder gezähmt, abgebildet, so daß wir annehmen dürfen, daß er damals weder als Haustier gehalten wurde, noch auch in den Gegenden, in denen die Großen des Reichs zu jagen pflegten, wild vorkam. Er muß sich damals schon mit der Abnahme der Antilopenherden weiter südlich gehalten haben; denn auch der Römer Pomponius Mela, der dieses Tier unter der Bezeichnung _lycaon_ genau beschreibt, kennt ihn nur aus Äthiopien. Heute trifft man ihn erst in den obersten Nilländern und von da an südwärts bis zum Kap der Guten Hoffnung.

II. Rind und Büffel.

Wie der Hund, so ist auch das Rind zunächst nicht aus Nutzungsgründen, sondern infolge abergläubiger Vorstellungen vom Menschen unterjocht und in seinen Dienst genommen worden, um dann, als man später seinen Nutzwert erkannte und auszubeuten begann, vorbildlich für die Zähmung der übrigen Haustiere zu werden. Die Gewinnung eines so großen, starken Tieres, wie es das Rind ist, war durchaus nichts Einfaches und sich von selbst Verstehendes. Alte, entwickelte Individuen dieser Tierart gefangen zu halten und gar zur Fortpflanzung zu bringen, ist schon für uns unmöglich, wie viel mehr für den in seinen Vorstellungen, Erfahrungen und Hilfsmitteln so sehr beschränkten vorgeschichtlichen Menschen der jüngeren Steinzeit!

Ohne Zweifel haben sich die meisten alt, etwa in Fanggruben gefangenen Tiere, wenn sie ausnahmsweise nicht sofort als willkommene Beute zur Fleischgewinnung getötet und verspeist wurden, einfach totgerast. An eine Fortzucht wäre bei Tieren solcher Art, die am Leben blieben, in keiner Weise zu denken gewesen. Junge Tiere dagegen, die am leichtesten lebend zu bekommen und zu zähmen gewesen wären, konnte man ohne fremde Milch nicht am Leben erhalten. Da es nun an dieser völlig gebrach und die weiblichen Tiere, abgesehen von ihrer selbstverständlichen Unfruchtbarkeit in der Gefangenschaft und der dadurch bedingten Milchlosigkeit, auch nicht zum Melken oder zum Zulassen fremder Kälber an ihr Euter zu bringen waren, so konnte auch nicht durch solche in jugendlichem Alter gefangene Kälber an eine Zähmung dieses starken Wiederkäuers gedacht werden.

Für die erste Gefangenhaltung, Eingewöhnung und Züchtung des Rindes waren andere Gründe maßgebend als diejenigen der Nutzung für sich selbst. Solche der allertriftigsten Art waren aber religiöse, auf die der verstorbene Alfred Nehring in Berlin vom Katheder aus und Eduard Hahn in seinem Haustierbuche vollständig überzeugend hinwiesen, so daß wir jedenfalls hierin das tatsächliche Motiv der Gewinnung des Rindes als Haustier zu erblicken haben. Ihr Gedankengang ist folgender: Eine uralte, hier nicht näher zu verknüpfende Anschauung, die ich bei Besprechung des Mondkultus in meinem Werke: Der Mensch zur Eiszeit in Europa und seine Kulturentwicklung bis zum Ende der Steinzeit eingehend gewürdigt habe, schreibt bei allen Völkern auf niedriger Kulturstufe, so auch bei denjenigen des südasiatischen und westasiatisch-europäischen Kulturkreises, dem die hier in Betracht kommenden Stämme angehörten, dem Mond einen weitgehenden Einfluß auf Wachstum und Gedeihen aller Lebewesen aus Pflanzen- und Tierwelt mit Einschluß des Menschen zu. Von jeher hat er durch seinen schwankenden Lauf in Verbindung mit seinem den Primitiven unerklärlichen Gestaltwechsel von der feinsten Sichel bis zum glänzenden Vollmond die Aufmerksamkeit des Menschen viel eher auf sich gezogen und sie zu Grübeleien aller Art veranlaßt, als die täglich in derselben Gestalt ihre Bahn am Himmel zurücklegende Sonne. War diese ihm in ihrer machtvollen, Hitze bis zur Dürre erzeugenden Erscheinung das männliche Prinzip, so war ihm der in sanftem Lichte strahlende Mond, der mit dem Tau und dem Regen der Erde und allem auf ihr Lebenden Fruchtbarkeit spendete und ein für den Ackerbauer wichtiger Zeitmesser war, das weibliche Prinzip -- auch bei den alten Germanen trotz des später vertauschten Geschlechts. Schon auf niedriger Kulturstufe mußte es dem Menschen auffallen, daß die Menstruation des Weibes, die wir im Deutschen als monatliche Reinigung bezeichnen, wie die Schwangerschaft und Fruchtbarkeit überhaupt völlig in Verbindung mit dem Mondlaufe stand, von jenem geheimnisvollen Gestirn geregelt und also auch -- nach primitiver Anschauung -- bedingt wurde.

Was nun die Darstellung dieses vergöttlichten Wesens der Fruchtbarkeit anbetrifft, so hat man von jeher den Mond als Sichel im Gegensatz zur als Scheibe und später als scheibenförmiges Rad dargestellten Sonne abgebildet. Diese Sichelgestalt des Mondes wiesen in auffallender Form die gerade abstehenden Hörner des Wildrindes auf. Aus diesem Grunde war es naheliegend, ja nach der Denkweise aller Menschen auf niedriger Kulturstufe geradezu selbstverständlich, daß eine engere Beziehung zwischen dem Wildrinde und der Mondgöttin bestand und ersteres zum heiligen Tiere der letzteren erklärt wurde. Heischte nun die Göttin Opfer, damit sie dem Hackbauern und seiner Frau Fruchtbarkeit spende und seine Feldfrüchte gedeihen lasse, so war offenbar dasjenige des ihr durch die Sichelgestalt der Hörner engverbundenen und ihr heiligen Tieres ihr weitaus das liebste. Deshalb brachte man es dar, um sich ihr Wohlgefallen und ihren Schutz zu erringen. Am allernotwendigsten waren diese Opfer zur Zeit der schreckhaften Mondfinsternisse, wenn die so überaus wichtige, ja unersetzliche Göttin der Fruchtbarkeit von irgend welchen bösen Dämonen verschlungen zu werden drohte. Wie nun heute noch die Chinesen bei solchen Fällen mit allen ihnen überhaupt zur Verfügung stehenden Instrumenten einen gewaltigen Lärm verursachen, um diese vermeintlichen bösen Dämonen zu vertreiben, so glaubten die Stämme des südasiatischen Kulturkreises dieses Ziel der Befreiung der Fruchtbarkeitsgöttin aus der Gewalt böser Mächte, die sich durch die sonst ganz unerklärliche Verfinsterung dokumentierte, noch besser durch schleuniges Opfer eines Exemplars der ihr heiligen Tiere zu erreichen. Da aber lag die Schwierigkeit! Man wußte nicht von vornherein, wann solche Zustände des Überfalls, der Schwäche und Krankheit der Mondgöttin eintraten. Es war dies nur in ganz ungleichen, unbestimmten Zwischenräumen der Fall, und dann, wenn es am nötigsten war, hatte man just kein frischerbeutetes Wildrind zum Opfer bereit, konnte somit der bedrängten Göttin nicht beistehen, ihr nicht helfen und verscherzte damit ihr Wohlwollen. In der Urzeit war überhaupt kein Gebot für den bequemen und arbeitsscheuen Menschen so dringend als eine Kultpflicht, der er sich durchaus nicht entziehen konnte, wenn ihm überhaupt an seiner und der Seinigen Existenz gelegen war. Es galt also, da die Mondfinsternisse ganz plötzlich eintraten, sich nicht auf den Ertrag der Jagd zu verlassen, sondern die Opfertiere für alle Fälle vorrätig zu halten, um im Falle der Not sie zum unerläßlichen Opfer bei der Hand zu haben. Das erreichte man am einfachsten dadurch, daß man kleine Herden des Wildrindes in durch in den Boden geschlagene Holzpfähle eingezäunte Reviere trieb und sie dort in halber Gefangenschaft hielt, in der sie sich innerhalb des gewohnten Familienverbandes ruhig fortpflanzten.

Auf diese Weise war der schwierige Übergang des Wildlings vom Freileben zur Knechtschaft des Menschen ein unmerklicher geworden und konnte allmählich zur Gewinnung des Rindes als Haustier führen. Von frühester Jugend an häufiger mit dem Menschen in Berührung kommend, gewöhnte es sich nach und nach an diesen und seinen Geruch, der ihm im wilden Zustande Schrecken einflößte. Als der Gottheit geweihtem, heiligem Tiere ließ man ihm innerhalb der Umhegung volle Freiheit und suchte es nicht nur vor allfälligen Feinden, sondern auch, wenn nötig, vor Futtermangel zu schützen. Solcher Dienst von seiten des ihm wohlwollenden Menschen wurde von ihm bald dankbar empfunden. An den Verkehr mit dem Menschen immer mehr gewöhnt, ließ es sich schließlich mit zunehmendem Zahmwerden berühren, ja schließlich sogar melken; doch wurde die Milch als Produkt des ihr heiligen Tieres der Mondgöttin geopfert und erst sehr viel später riskierte der Mensch das zunächst wohl als strafbaren Frevel empfundene Wagnis, dieses geheiligte Produkt selbst zu genießen. Er trotzte kühn dem Zorne der Gottheit, um sich vielleicht mit dem Genusse dieses heiligen Kultobjektes direkt, ohne Vermittlung jener, einen Vorteil irgend welcher Art, besonders aber die Fruchtbarkeit betreffend, zu erringen. So wurde die Milch, indem der Mensch die Scheu vor diesem heiligen Produkt immer mehr ablegte, von einem Opfertranke schließlich ein geschätzter Haustrank, den man sich auch zu nichtrituellen Zwecken zu verschaffen versuchte.

Durch gegenseitige Gewöhnung aneinander zog sich das Band der Freundschaft zwischen Rind und Mensch immer enger, bis schließlich das von der Mutter entwöhnte Kalb, durch Anbieten von Salz zum Lecken angezogen, in engere Verbindung mit seinem Herrn trat und langsam der eigentlichen Zähmung unterworfen wurde. Solch heiliges Tier wurde selbstverständlich nur als Opfer an die bedrängte oder um Hilfe angerufene Mondgottheit geschlachtet und dessen Fleisch nur als Opferspeise auch vom Menschen gegessen. Je mehr aber die Domestikation dieses Tieres fortschritt und sich sein Nützlichkeitsverhältnis dem Menschen gegenüber offenbarte, um so schwerer entschloß sich letzterer, solch nützliches Tier der Gottheit zu opfern. Es konnte ihr anderweitig im Leben noch mehr als mit seinem Tode dienen, indem es beispielsweise das heilige Kultgerät der Fruchtbarkeit spendenden Göttin, ihr Idol in Kuhhorngestalt, auf dem mit massiven Rädern versehenen Wagen bei dem zu ihren Ehren abgehaltenen festlichen Umzuge zog. Dazu wurden zunächst die größeren Kälber und später von den geschlechtsreifen Tieren nur die fügsameren Kühe verwendet. Der unbotmäßige starke Stier konnte dazu nicht in Betracht kommen, schon weil man zu schwach war, ihn bei solcher Dienstleistung zu bändigen und in seiner Gewalt zu behalten. Zudem konnte er nach weitverbreitetem Glauben primitiver Völker nur als Kastrat Diener einer weiblichen Gottheit werden. So wurde das Tier, um zum Gottesdiener gemacht und als solcher bei den Umzügen bei Gelegenheit der Feste der Mondgöttin zum Ziehen von deren heiligem Wagen mit dem Kultbild verwendet werden zu können, durch Abschneiden der Hoden -- was sich ja sehr leicht bewerkstelligen ließ -- entmannt. Die Folgen dieses Eingriffs machten sich bald bemerkbar durch Verleihung einer sanfteren Gemütsart und Neigung zu Fettwerden, was die Mastfähigkeit erleichterte, alles Eigenschaften, deren Auftreten der Mensch als Nachwirkungen jener Operation nicht voraussehen und so zielbewußt herbeiführen konnte.

Als Kastrat, d. h. geschlechtslos gemachtes Wesen, war nun der ~Ochse~ der vorzugsweise, ja später ausschließlich der Göttin geweihte Diener, während ihm gegenüber auch die Kuh als Geschlechtstier zurücktrat. Ein grausam-wollüstiger Zug haftet nun einmal dem Dienste der Fruchtbarkeitsgöttin an und verlangte wie vom menschlichen Diener, der sich ihr völlig geweiht hatte, auch von dem von jenem ihr geweihten Tiere die freiwillige beziehungsweise erzwungene Geschlechtslosigkeit, von ihren Dienerinnen aber, die nicht kastriert zu werden vermochten, wenigstens das Zölibat, wenn nicht die Prostitution, d. h. das sich anderen Preisgeben im Dienste der Göttin der Liebe und Fruchtbarkeit, wie dies in den semitischen Kulten Vorderasiens allgemein üblich war und in Südasien, speziell Indien, heute noch üblich ist. Bis in die Gegenwart haftet den Kastraten ein Beigeschmack von Heiligkeit an. So sind es Eunuchen, die seit der ältesten Zeit den zum Fetisch erhobenen Meteorstein der Kaaba in Mekka und das Grab des Propheten Mohammed in Medina hüten. Eunuchen sind es, die nicht nur den Harems der mohammedanischen Großen vorstehen, sondern auch den Dienst in den Gemächern des „Sohnes des Himmels“ in Peking besorgen und in der Privatkapelle des „Heiligen Vaters“ in Rom singen.

Eine noch viel größere Bedeutung als der Wagen mit dem heiligen Kultbild der Göttin der Fruchtbarkeit erlangte als heiliges Gerät im Dienste der Mondgottheit der Pflug. Viel ausgiebiger als mit der von beiden Händen geführten Hacke ließ sich mit dem hakenförmig gekrümmten Holze mit später erz- beziehungsweise eisenbewehrter Spitze der Boden zur Aufnahme der Ackerfrucht aufreißen. Dieser Pflug wurde zunächst von kriegsgefangenen Knechten, dann aber noch erfolgreicher durch den zum Diener der Fruchtbarkeitsgöttin gemachten Ochsen gezogen. Er war ein heiliges Werkzeug, mit dem man den Schoß der Allmutter Erde aufriß, um sie zur Fruchtbarkeit zu zwingen, wie das Pflügen eine heilige Handlung, die wie vor vielen Jahrtausenden, so heute noch vom Kaiser von China, vom feierlichsten Zeremoniell umgeben, zur Eröffnung des Ackerbaues seiner Untertanen vor allem Volke vollzogen wird. Wie die Heiligkeit des Gerätes, so zieht sich die Heiligkeit des Gottesdieners durch die ganze menschliche Kulturgeschichte. Bei vielen Völkern, so in den meisten Gebieten Asiens, ist heute noch der den Pflug ziehende Ochse ein Tier, dessen Fleisch nicht gegessen wird. Wie die Chinesen, Inder und Westasiaten, hatte noch der gebildete Römer Cicero die Anschauung, das Rind sei zum Pflügen und nicht zum Gegessenwerden da; und Die Chrysostomus berichtet, daß in Cypern derjenige, der einen Pflugochsen getötet hatte, als Mörder mit dem Tode bestraft wurde. Wie bei den Juden, so wurde auch bei den alten Griechen ursprünglich die Tötung eines Ochsen bestraft. Gleicherweise war sie bei den nüchternen Römern verpönt, weil der Ochse ein Genosse des Mannes und ein Diener der Ceres sei. Der Grieche Plutarch bekennt, daß er es nicht über sich bringe, einen im Dienst alt gewordenen Ochsen auch nur zu verkaufen. Erst nach und nach schwand wenigstens bei einem Teil der Menschen das Vorurteil der Heiligkeit und Unantastbarkeit des Gottesdieners und wurde der Ochse als Mastvieh ebensogut in Benutzung von Seite des Menschen gezogen wie die milchende Kuh, deren Milch nicht mehr Opfer, sondern profanes Genußmittel war.

In der hier angegebenen Weise muß das Rind schon vor etwa 10000 Jahren als Genosse des Menschen gewonnen worden sein, und zwar zuerst in Südasien, das überhaupt die meisten Wildrinder beherbergt, die für die Domestikation von Seite des Menschen in Frage kommen. Zuerst hat der Baseler Zoologe Ludwig Rütimeyer, auf genaue vergleichend anatomische Untersuchungen des ihm zur Verfügung gestellten Materials gestützt, nachgewiesen, daß das älteste Hausrind der Neolithiker Mitteleuropas, die ~Torfkuh~ der Pfahlbauern -- wie der bereits besprochene Torfhund so genannt, weil ihre Überreste in den inzwischen meist vertorften Kulturschichten jener vorgeschichtlichen Periode der Pfahlbaubewohner gefunden werden --, nicht von einem einheimischen Wildrinde gezähmt wurde, sondern als fremder Import von Süden her zu den Stämmen Mitteleuropas in der jüngeren Steinzeit gelangte. Afrika kommt wegen Mangel an entsprechenden Wildrindern nicht in Betracht, sondern nur Südasien. Von den hier lebenden Wildrindern fällt der ~Yak~ (_Bos gruniens_) als Stammvater des ältesten Hausrindes wegen allzustarken Abweichungen im anatomischen Bau, wie auch wegen der 14 Rippenpaare, die er im Gegensatz zu den 13 des Hausrindes besitzt, außer Betracht. Zudem ist dieses Tier ein ausgesprochener Bewohner des Hochgebirges, dessen kaltem Klima und eisigen Stürmen entsprechend, er das zottige Pelzkleid trägt. Als solches vermag es sich dem heißen Tieflande durchaus nicht anzupassen. Gegen einen Zusammenhang mit dem indischen ~Gayal~ oder ~Stirnrind~ (_Bos frontalis_) spricht außer den ebenfalls 14 Rippenpaaren die gewaltige Ausdehnung der Stirnfläche des letzteren und die abweichende Gestalt und Richtung des Gehörns. Auch dieses ist übrigens ein Bergtier, das im Gebirge östlich vom Brahmaputra bis nach Birma hinein in Herden lebt, fast so geschickt wie der Yak klettert, gern das Wasser aufsucht und sich vor der drückenden Mittagshitze in die dichtesten Wälder zurückzieht, wo es wiederkäuend im Schatten ruht.

Auch der ~Gaur~ oder das ~Dschungelrind~ (_Bos gaurus_), das den undurchdringlichen Buschwald ganz Südasiens vom Himalaja bis in die indonesische Inselwelt bewohnt, kommt, obschon es 13 Rippenpaare besitzt, aus anatomischen Gründen als Stammvater des Hausrindes nicht in Betracht. Sein Schädel verbreitert sich nach oben zu, statt sich wie bei diesem in dieser Richtung zu verschmälern; auch ist er im Stirnteil auffallend konkav. Hinter dieser Konkavität erhebt sich ein mächtiger Stirnwulst, der beim Stier einer schiefen Wand vergleichbar ist, beim weiblichen Tier allerdings etwas niedriger, aber immer noch recht hoch ist.

Der ~Banteng~ der Malaien oder das ~Sundarind~ (_Bos sondaicus_) dagegen erfüllt nach den eingehenden Untersuchungen von Prof. Konrad Keller in Zürich und anderen Zoologen alle Bedingungen dazu, so daß wir ihn mit Sicherheit als Stammvater des ältesten Hausrindes ansprechen können. Der ganze Schädelbau, die eigentümliche Beschaffenheit der Hornzapfen, die bei beiden wie wurmstichiges Holz aussehen, die Gestaltung und Richtung des Gehörnes, die 13 Rippen usw. deuten mit aller Bestimmtheit darauf, daß irgendwo im südlichsten Asien der Banteng gezähmt und aus ihm die ältesten Hausrinder gewonnen wurden, bei denen sich der Gesichtsteil mit der Zeit etwas verkürzte.

Dem scheuen, am liebsten in wasserreichen bis moorigen Waldesteilen seinen Stand nehmenden und deshalb vorzugsweise flache Bergtäler mit langsam strömenden Flüssen bewohnenden Banteng steht in allen körperlichen Merkmalen von allen Hausrindern das indische ~Zeburind~ am nächsten. Dieses ist offenkundig ein domestizierter Banteng. Die anatomische Übereinstimmung beider ist auffallend. Beim Zeburind wie bei der Bantengkuh ist der Schädel lang und schmal, das Gehörn nach hinten ausgelegt, die Stirn seitlich abfallend, die Schläfengrube breit und flach, sind die Augenhöhlen fast gar nicht hervortretend, ist der Nasenast des Zwischenkiefers kurz und sind die Backenzähne schief gestellt. Brehm sagt in seinem Tierleben, „daß erwachsene Bantengs sich nicht zähmen lassen, Kälber desselben hingegen sich in der Gefangenschaft leicht an den Menschen gewöhnen und völlig zu Haustieren werden, da das Wesen des Tieres sanfter und milder zu sein scheint als das aller übrigen bekannten Wildrinder.“