Kulturgeschichte der Nutztiere
Part 60
Der Seigneur erhebt sich zum Zeichen des Aufbruchs, die Jäger steigen zu Pferd und die Jagdgesellschaft folgt dem Besuchknecht, der den Hirsch bestätigt hat, zu der Stelle, da dieser am Morgen die Fährte verließ. Die Gesellschaft bleibt im Hochwald vor der Dichtung, in der sich der Hirsch befinden muß, halten, während der Besuchknecht seinem Leithund auf der Fährte folgt, bis er ihn zum Lager des Hirsches geführt hat. Ist dieses noch warm, als Zeichen dafür, daß der Hirsch es eben verlassen hat, so gebärdet sich der Leithund wie toll an der Leine und gibt freudig laut. Durch Hornsignal wird nun die Meute mit den Jägern avisiert und unter lautem Gebell beginnt das Jagen. Besonders nach dem Lautgeben oder Schweigen der alten Hunde wird beurteilt, ob man bei der Verfolgung des flüchtig gewordenen Hirsches auf richtiger Fährte ist oder nicht. Signale und Rufe leiten die Teilnehmer nach der jeweiligen Richtung der Flucht des Hirsches, bis dieser, der vergeblich alle Schliche und Finten anwandte, endlich vom weiten Laufe erschöpft und um sein Leben bangend von den Hunden gestellt und dann vom herbeigeeilten Jagdherrn durch einen Stich ins Herz abgetan wird. Sein Tod wird von allen Jägern durch das Signal „Hirsch tot“ verkündigt. Hierauf wird ihm das Fell abgezogen und sein Körper zerlegt und verteilt, wobei auch die Hunde ihren Anteil an den Eingeweiden erhalten.
In ähnlicher Weise wurde mit den nötigen Abänderungen das übrige Wild _par force_ gejagt, wobei sich ein ganz bestimmtes Zeremoniell, auf das wir nicht eintreten können, herausbildete. Besonders an Wildsauen wurde eine Massenschlächterei ohnegleichen vollzogen, da solche damals noch sehr zahlreich vorhanden waren und wegen ihrer Schädlichkeit für den Landbau rücksichtslos verfolgt wurden. So schrieb z. B. Kurfürst Albrecht von Brandenburg 1480 an seinen Sohn: „Wir haben beiläufftig 30 und 100 swein ‚gefangen‘. Und ist noch Swein und ander Wildpert, gott seis gelobt, genug hie außen und gutter frid: gott geb’ lang!“ Vierzehn Tage darauf meldete er ihm abermals, er habe „32 und 100 swein“ gefangen; es seien aber 200 da. Der französische Verfasser des Roy Modus hält das Treiben des Wildes zu den Netzen für die beste Jagdart und das schönste Vergnügen mit Hunden, dem sich die großen Grundbesitzer auch häufig hingaben. Der Graf von Foix dagegen erklärt diese Netzjagd nicht für ritterlich, ebenso verurteilen sie verschiedene deutsche und englische Autoren, die sich darüber äußerten. Nicht auf die Beute komme es an, sondern auf die Art, sie kunstgerecht zu erjagen. Auch Treibjagden wurden von den großen Herren veranstaltet, indem die hörigen Bauern Treiberdienste leisten mußten und das Wild mit großem Lärm gegen die mit grünem Laub verkleideten Stände mit den vornehmen Jägern trieben, die es mit der Armbrust und später mit der Büchse erlegten. Zuerst wurde das kleine Wild durch Harriers genannte kleine Hunde rege gemacht und dann erst das Rotwild durch Hirschhunde gehetzt. Um das Wild zwangläufig zu führen, waren außer den den Wald umstellenden Warten mit Windhunden auch solche im Treiben aufgestellt. Je näher zu den Ständen, um so dichter standen sie. Eine der ältesten Mitteilungen über die Treibjagd finden wir in der am Ausgang des 12. Jahrhunderts gedichteten Eneide des Heinrich von Veldecke. Darin wird von Askanius eine Treibjagd in der Weise ausgeübt, daß Schützen mit Pfeil und Bogen sich vor die Bäume stellen und sich Wild zutreiben lassen. Auf die Fährte des verwundeten Hirsches wurden dann die Hunde gehetzt.
Gern birschte sich der Einzeljäger in die grüne Farbe des Waldes gekleidet gegen den Wind, den Bogen in der Hand, Schritt für Schritt an das Wild heran. Dazu benutzte er entweder natürliche Deckungen oder künstliche, indem er einen Schirm aus grünen Zweigen oder ein Schild mit aufgemalten Ochsen vor sich hielt. Nach dem Schuß ließ man das getroffene Tier durch Bluthunde verfolgen. Für solche Jagd empfiehlt Roy Modus einen leichten und biegsamen Bogen zu verwenden, den der Schütze längere Zeit gespannt halten konnte, während er sich dem Wilde näherte.
Neben diesen Jagdarten spielte die von alters her geübte Beize mit dem Jagdfalken das ganze Mittelalter hindurch eine sehr große Rolle. Man schrieb damals die Einführung dieser Jagdart fälschlicherweise dem sagenhaften König Dankus von Armenien zu. Tatsache ist, daß sie allerdings durch die Kreuzzüge mancherlei Beeinflussung aus dem Orient, wo sie ebenfalls mit großer Leidenschaft ausgeübt wurde, erfuhr, besonders von seiten des im 10. Jahrhundert lebenden Arabers Mohammed Tarkani, der ein verbreitetes Buch über die Jagd mit dem Falken schrieb. Unabhängig von ihm schrieb der gelehrte Albertus Magnus (als Graf von Bollstädt 1193 zu Lauingen in Schwaben geboren, wurde Dominikaner und starb, nachdem er Bischof von Regensburg gewesen, 1280 in Köln) und fast gleichzeitig Kaiser Friedrich II., der Enkel Friedrichs I. Barbarossas (1194-1250), eine allerdings erst im Jahre 1596 in Augsburg gedruckte Abhandlung über das Federspiel. Das Buch des von einer sizilianischen Mutter geborenen und mit Vorliebe in Palermo residierenden Fürsten, der zahlreiche Beziehungen zu den Arabern unterhielt und selbst einen Harem besaß, handelt eigentlich nur von der Zähmung des Falken und nicht von der Jagd mit ihm, obschon es den Titel trägt: _de arte venandi cum avibus_ (über die Kunst mit Vögeln zu jagen). Dieser Fürst war selbst ausübender Falkenjäger und ließ zu seiner Belehrung vor der Abfassung des Buches über die Falknerei Falkner aus dem Oriente kommen, wo die Kunst mit dem Falken zu jagen in hoher Blüte stand. Auch in Byzanz war die Falkenbeize ein beliebtes Vergnügen der großen Herren. Dort schrieb Demetrios, wahrscheinlich Arzt des griechischen Kaisers Michael Palaeologus, in griechischer Sprache ein Buch über Falknerei, das im Jahre 1612 ins Französische übersetzt in Paris gedruckt wurde.
Zur Kreuzfahrerzeit und später kamen die gesuchtesten Jagdfalken aus Island und Norwegen und wurden neben den von unsern Altvordern von jeher gezähmten Habichtarten, dem Hühnerhabicht und Sperber, als sehr geschätzte Jagdgehilfen gehalten. Diese hellfarbigen nordischen Falken waren auch bei den vorderasiatischen Völkern die gesuchtesten. So schlug Sultan Bajazet I., nachdem er am 28. September 1396 bei Nikopolis das abendländische Kreuzheer unter König Siegmund besiegt hatte, alles Lösegeld aus, das ihm für die dabei gefangen genommenen Herzog von Nemours und zahlreiche andere französische Edelleute angeboten wurde, gab sie aber sofort frei, als ihm statt des Geldes zwölf weiße isländische, zur Beize abgerichtete Falken vom Herzog von Burgund geschickt wurden. Und Philipp August, König von Frankreich, dem bei der Belagerung von Akkon ein prächtiger weißer Falke wegflog, bot den Türken für dessen Rückgabe vergeblich 1000 Goldstücke.
Wie gute Jagdhunde waren abgerichtete Falken das ganze Mittelalter hindurch die beliebtesten Geschenke zwischen hohen Herren. Namentlich war Preußen eine dankbare Quelle für Falken. So sandte der Hochmeister Heinrich von Richtenberg im Dezember 1471 acht Falken an den Kurfürsten Albrecht von Sachsen, und Albrecht von Brandenburg machte Maria, der Katholischen, ein ähnliches Geschenk. Lange Zeit übte die dänische Regierung den Brauch, alljährlich eine Anzahl Falken durch ein besonderes Schiff aus dem Norden holen zu lassen und sie geschenkweise an die europäischen Fürsten zu verteilen. Brabanter Kaufleute brachten Falken aus dem Norden nach Frankreich und Spanien. Im Weißkunig wird von Kaiser Maximilian gesagt, er habe Falken gehabt aus der Tartarei, aus der Heidenschaft, aus Rußland, Preußen und von der Insel Rhodus. Lopez von Ayala, kastilischer Gesandter bei Karl V. und Karl VI., erzählt, daß der Preis eines Falken mit hohem Flug 40 Franken in Gold und derjenige eines speziell auf den Reiher abgerichteten Falken 60 Goldfranken betrug. Das sind nach unserem Gelde 472 und 708 Mark, also in Berücksichtigung des damaligen hohen Geldwertes ganz anständige Preise.
Eingehend wird die Abrichtung des meist aus dem Horst genommenen und in einem künstlichen Horst mit rohem Fleisch, Käse, Eiern und Milch aufgezogenen jungen Falken geschildert. Der Akt der Zähmung ging in der Weise vor sich, daß ihm die Klauen geschnitten und die Fangschuhe aus leichten Riemen mit einer kleinen Schelle, bei deren Klang man später den Falken leichter wieder zu finden vermochte, angelegt wurden, damit er auf der Faust gehalten werden konnte. Durch Blenden mit losem Zusammennähen der Augenlider und Hungernlassen, wobei sie 24 Stunden in einen dunkeln, stillen Raum auf der durch einen dicken Handschuh aus Hirschleder geschützten Faust umhergetragen wurden -- dabei löste ein Falkner den andern ab -- wurden die Tiere abgemattet und zunichte gemacht. Gern sah man, wenn die übermüdeten Vögel während des Umhertragens einschliefen, denn gerade das Schlafen auf der Faust machte nach Roy Modus den Falken vertraut. Nach dieser Frist bekam der Vogel zu „ätzen“, d. h. zu fressen, und zwar stets auf der Faust. Einige Tage später trug man ihn an hellere, belebtere Orte und lockerte allmählich den Faden, mit dem die Augenlider zusammengenäht waren, daß er etwas zu sehen vermochte; schließlich zog man ihn ganz heraus. War der Vogel im Hause zahm geworden, so trug man ihn ins Freie und gewöhnte ihn an Hund und Pferd. Wenn der Falkner das erstemal mit dem Vogel das Pferd bestieg, um auszureiten, hatte er gern einen leichten Regen, weil der Vogel dann weniger unruhig war. Dann bekam der Falke in stiller Gegend auf einem Federspiel genannten, mit Leder überzogenen Stiel, an dem flatternde Bänder und Vogelschwingen befestigt waren, zu fressen. Er wurde nun daran gewöhnt, auf diesem gefüttert zu werden; dadurch gelang es, ihn herbeizulocken, wenn er verflogen war, indem man ihm den Federspiel zeigte und die Bänder im Winde flattern ließ. Das erweckte in dem hungrigen Tiere das Bewußtsein, er werde dort zu fressen bekommen, und kam herbei, um sich daraufzusetzen. Deshalb mußte der Falke stets hungrig sein, wenn es zur Jagd ging, sonst riskierte der Falkner, daß er nicht wiederkam.
War der Falke so weit zahm, daß er auf den Ruf herbeigeflogen kam, ruhig auf der Hand stand und darauf fraß, so begann man damit, ihm lebenden Raub zu zeigen. Meist benutzte man dazu Tauben, denen man die meisten Schwungfedern ausgerissen hatte, so daß sie mehr flatterten als flogen, so daß sie vom Falken leicht zu schlagen waren. Dann durfte der Falke von der Taube fressen. Später nahm man sie ihm ab und bot ihm dafür das Ziget oder den kalten Flügel. Die ersten Stoßübungen machte der Falke an einer langen Schnur, und erst wenn der Falkner des Vogels sicher zu sein glaubte, wurde ihm die Fessel abgenommen. Nach und nach brachte man den Vogel an größeres Wild und allmählich lernte er Enten, Gänse, Fasanen, Hasen, Trappen, Weiher, Kraniche und Reiher schlagen.
In zahlreichen mittelalterlichen Gedichten ist vom Falken die Rede; denn damals war die Reiherbeize das Hauptvergnügen der großen Herren weltlichen und geistlichen Standes. Überallhin, selbst zur Messe nahmen sie wie ihren Hund, so auch den Falken mit sich. Die Beize konnte nur bei gutem Wetter und am besten im Herbst geübt werden, da die Falken im Frühjahr mauserten und dann äußerst empfindlich waren, im Winter aber durch den Schnee geblendet wurden. In der Zeit der Hohenstaufen war der Gebrauch der Lederhaube durch die Araber aufgekommen und wurde an Stelle der Blendung durch Zusammennähen der Augenlider nicht nur bei der Dressur, sondern auch später zu Hause und unterwegs öfter aufgesetzt, um das Tier ruhig zu halten. Der Falke wurde vom Jäger oder der Jägerin in der Weise auf der behandschuhten rechten Hand gehalten, daß er mit den Fängen zwischen das Handgelenk und die gebogenen Finger griff. Nie durfte die Schelle erklingen, wenn der Vogel richtig getragen wurde. Die Fessel war um den kleinen Finger geschlungen; an ihr wurde der Falke gehalten. Beim Ausritt mußte der Falke stets gegen den Wind gerichtet sein und erst wenn er jagen sollte, nahm man ihm die Haube ab. Eine solche Falkenbeize erforderte sichere Pferde, die kein Hindernis scheuten, da man beim Dahinsausen in Verfolgung des von den Stöberhunden aufgescheuchten Reihers die Augen mehr gegen den Himmel zur Beobachtung der interessanten Flugkünste von Raubvogel und Wild, als auf die Erde richtete und deshalb leicht stürzte. Besonders war dies bei den in Seitensitz reitenden Damen der Fall, die im Mittelalter das rechte Bein nicht um das Sattelhorn gelegt hatten, sondern seitwärts im Sattel saßen, die Füße auf ein Brett gestellt. Da konnte denn freilich der Halt kein sicherer sein. Auf einer Reiherbeize verunglückte denn auch durch einen Sturz vom Pferd am 27. März 1482, erst 25jährig, die immens reiche Tochter und Erbin Herzogs Karl des Kühnen von Burgund, seit 1471 die Gemahlin des Erzherzogs Maximilian von Österreich, des späteren Kaisers Maximilian I., dem sie zwei Kinder, Philipp den Schönen und Margarete, geboren hatte. Auch Maximilians zweite Gemahlin verunglückte auf einer solchen Jagd durch Sturz vom Pferde.
In Frankreich wurde die Beize auch vom Mittelstand geübt. Ritter, Domherren, Bürger und Junker taten sich zusammen und ließen ihre Falken und Sperber auf Rebhühner und Lerchen fliegen. Der Anblick des zu Tode gehetzten Wildes bot diesen noch wenig feinfühligen Menschen die schönste Augenweide und war ihre höchste Lust. In Tirol war schon seit dem Jahre 1414 dem Adel verboten, Fasanen und Rebhühner auf eine andere Art zu fangen als mit dem Federspiel. Kaiser Maximilian I. hat dann die Reiherbeize in den österreichischen Erblanden neu belebt und an vielen Orten auch Enten, zum Teil unter Aufwendung von erheblichen Kosten, als Jagdwild hegen lassen. Auch auf seinen Reisen und Feldzügen übte er die Jagd und das Beizen aus, ersteres am Vormittag und letzteres am Abend. Allgemein wurde die abendliche Beize bevorzugt, weil dann der Falke den größten Hunger hatte und die geringste Neigung zeigte, sich zu verfliegen.
Noch im späteren Mittelalter wurde gezähmtes Edelwild gelegentlich zur Jagd gebraucht, ebenso war der Fang vermittelst Antrieb gegen mitten im Wald errichtete künstliche grüne Hecken beliebt, die im Zickzack verliefen und an den offenen Winkelspitzen Netze in Beutelform aufwiesen, in denen sich das hier auszubrechen versuchende Wild fangen mußte, während die einspringenden Winkel durch Reisig geschlossen wurden. War das Tier wie eine Fliege im Netz gefangen, so eilten die in der Nähe versteckten Wachen herbei, um es zu töten. Dieses Jagen mit _hag_ war ebenso bequem als ergebnisreich, wenn es gelang ein Rudel Wild dagegen zu treiben. Nach und nach wurden die feststehenden Hecken durch die beweglichen Netze und hohen Tücher verdrängt, denen schon Roy Modus und Foix im 13. Jahrhundert den Vorzug gaben. Ein Hauptgrund für die Aufgabe der Hecken war auch die Wilderei, der dadurch Vorschub geleistet wurde.
Außer in solchen Hecken wurde das Wild wie früher auch in Fallgruben gefangen. Diese waren unten weiter als oben und mit Zweigen verdeckt. Von der Fallgrube gingen zwei oder vier Hecken in schräger Richtung ab, welche das nahende Wild zwangläufig nach der Grube führten, in die es hineinstürzen mußte. Die Gruben für Schwarzwild und Raubzeug wurden im Walde, die für Rotwild dagegen im Freien angelegt. Auch Fallen und Schlingen wurden noch gelegt, besonders für die kleineren Tiere und Vögel. Letztere wurden außerdem auch mit Netzen und Leimruten gefangen, wobei allerlei Lockvögel zu Hilfe genommen wurden. Habichte und Falken köderte man mit einem Huhn und fing sie in Schlingen. Sperber dagegen lockte man durch einen andern Sperber, der in einem Bauer saß. Auch solche ältere Vögel wurden zur Jagd abgerichtet. Wenn sie dabei dem Falkner auch mehr zu schaffen gaben als die jungen, aus dem Nest genommenen Vögel, so lohnten sie andererseits die vermehrte Mühe durch größere Kühnheit und waren daher sehr beliebt.
Bären und Wölfe wurden mit Selbstschüssen zu erlegen versucht; man fing sie auch in der Schlinge und in Schlagfallen und jagte sie mit Spürhunden vielfach in mit Netzen eingehegten Revieren. Die noch immer zahlreichen Wölfe suchte man in Fallgruben und an Luderplätzen mit vergiftetem Fleisch unschädlich zu machen. In ähnlicher Weise wurde den Füchsen nachgestellt, die im Altfranzösischen _gupil_ und erst später _renard_ -- wohl eine Nachbildung von Reinecke -- genannt wurden. Die Fischotter wurden wegen des Schadens, den sie in den Fischteichen anrichteten und wegen des gesuchten Pelzwerks, das nach Albertus Magnus zur Verbrämung anderer Pelzarten gebraucht wurde, in Schlingen, Netzen und Fallen gefangen oder mit Spürhunden gejagt. Ihr Fleisch galt wie das des Bibers als Fastenspeise und wurde als solche in den Klöstern gern gegessen.
Wie das Rotwild wurden auch die Gemsen von Kaiser Maximilian I., den man gern als letzten Ritter bezeichnet, durch Treiber mit Hunden zu Tal gehetzt und an Engpässen in Netzen gefangen oder durch Hecken und Netze zwangläufig vor die Armbrust oder den Wurfspieß des hohen Jägers und seiner Gäste geführt. Der Kaiser erzählt selbst im Weißkunig durch die Feder seines Hofschreibers, M. Treizsaurwein, daß er im Tal Smyeren in Tirol eine Jagd hatte, bei der 600 bis 1000 Gemsen ins Jagen kamen, und daß einmal 183 Stück gefangen worden seien. Als erster hat er seinen Untertanen gegenüber behauptet, ohne es allerdings beweisen zu können, daß die Jagden „Kaiserliche Regalia“ seien. Nur er wollte die Jagd in seinen Erblanden, die durch Fälschung von Freiheitsbriefen von den Habsburgern zu einem selbständigen Herzogtum gemacht worden waren, ausüben und bestrafte jeden Jagdfrevel der Bauern, die gerade in Tirol auf ihr altangestammtes Recht der Jagd pochten, aufs strengste, ja nicht selten mit den Tode. So ließ er auch den Bauern Mathäus Sailler von Zirl, der unbefugt auf der Pirsch angetroffen wurde, kurzerhand an den Galgen hängen. Schon im Jahre 1414 war in Tirol verordnet worden, daß niemand ohne landesfürstliche Erlaubnis Hirsche, Rehe, Bären, Gemsen oder graue Hasen jagen oder fangen dürfe; ausgenommen war der Adel, der auf seinen Besitzungen die Jagd behielt. Schon auf dem Landtage zu Bozen im Herbst des Jahres 1478 klagten die beim Jagdvergnügen der Herren zur Fron gezwungenen Bauern über Wildschaden. Aber es wurde ihnen versagt, sich dagegen selbst zu helfen. Erst bei Maximilians Tode am 12. Januar 1519 in Wels ließ sich der lange verhaltene Grimm der Bauern nicht mehr dämpfen und sie begannen alsbald einen rücksichtslosen Vernichtungskrieg gegen alles Wild, das der Kaiser für seine Jagden in den Tiroler Bergen gehegt hatte.
Das ganze Mittelalter hindurch wurde keinerlei Schonzeit für das Wild gehalten und mit Vorliebe wurden auch trächtige Tiere gejagt. So findet es der Verfasser des Roy Modus sehr unterhaltend, die säugende Hinde zu hetzen. Am besten jagt man nach seiner Auffassung das Tier, wenn es hochträchtig ist, wegen der schönen Jahreszeit im Mai und Juni. Ist aber das Hirschkalb schon gesetzt, dann kehrt die Mutter auf der Flucht oft zu ihm zurück, wenn es nicht rasch genug folgen kann, und wagt nicht, es zu verlassen. Solches zu beobachten gewähre ein besonderes Vergnügen. Zuweilen sei das Tier mit Kalb feister als ein geltes Tier. „Findest du also ein Tier mit Kalb, gib dir Mühe, es mit dem Leithund zu bestätigen und laß die Hunde danach jagen.“ Führwahr, Mitleid kannten die Menschen jener Zeit nicht! Sie ergötzten sich an dem Anblick, wenn die vom Jagdsperber verfolgte Lerche, die bei den Menschen Schutz suchend sich unter sie warf, vom Raubvogel erwürgt wurde. Roy Modus sagt von einer solchen Schilderung: „Wenn der Sperber sie dann fängt, das ist ein köstliches Vergnügen!“ Der feingebildete Albertus Magnus, Bischof von Regensburg, sagt, daß der Gerfalke mit frischem, noch warmem Fleisch gefüttert werden müsse. Deshalb ließ man ihn vom noch lebenden Tiere fressen. Darum rissen etliche Falkner einer lebenden Henne einen Schenkel aus und am nächsten Tag den andern, um dem Falken ein schmackhaftes Gericht zu bieten. Der große Albert tadelt zwar solches, aber nur deswegen, weil am zweiten Tage das Fleisch nicht mehr gut sein könne „von wegen der hitz, so der schmertz erwegt“. Die unmenschliche Grausamkeit, der solche Handlung zugrunde liegt, empfindet der fromme Graf von Bollstädt nicht als solche. Der große Weidmann Maximilian I., der sich schon als Herzog von Österreich den Rang eines Kurfürsten anmaßte und sich „des heiligen Römischen Reichs Erzjägermeister“ nannte, ließ sich mit Vorliebe das gehetzte Wild in einen See treiben, um es dort gemächlich vom Schiff aus zu töten. Einmal schoß er eine hochträchtige Hirschkuh, die alsbald nach der schweren Verwundung ein Kalb gebar, „bevor Er noch die Pluetthundt daran hat gehetzt“, wie er uns selbst in seinem geheimen Jagdbuch erzählt. Das Wort Edelmann, das damals von solch großer Bedeutung war, kommt vom angelsächsischen _ead_ oder _ed_, dem altdeutschen _ôd_ Besitz und heißt nur der (an Grundbesitz) reiche Mann; mit edler Gesinnung und Edelmut hatte es durchaus noch nichts zu tun. Solcher Erwerb ward erst einer späteren, feiner fühlenden Zeit vorbehalten, die nicht mehr unter Umständen ein Menschenleben geringer achtete als dasjenige eines aus purem Egoismus gehegten Wildes. Derselbe fürstliche Kerl, den sein Leibeigener, der rechtlose Bauer, mit seinen zahlreichen Dienern und der oft hunderte von Hunden umfassenden Meute ohne Entgelt füttern mußte, hing ihn kurzerhand an den Galgen, wenn er sich dessen weigerte, und niemandem hatte er ob solcher Schurkerei Rechenschaft abzulegen.