Kulturgeschichte der Nutztiere
Part 39
In der dargestellten Weise mag irgendwo in Westasien die wilde Felsentaube vor allem in gewissen albinotischen Individuen als heiliges Tier der großen Göttin der Liebe und Fruchtbarkeit unverletzlich erklärt und dann sogar in menschliche Pflege genommen worden sein, bis sie sich schließlich an ihre Beschützer gewöhnte und zum Haustier wurde. Und was zunächst nur einigen auserwählten Individuen zuteil wurde, das erstreckte sich später auf das ganze Geschlecht, so daß die Felsentaube überhaupt für ein unverletzliches, heiliges Tier galt. So war seit den ältesten geschichtlichen Zeiten die Felsentaube der großen Göttermutter und Göttin der Liebe und Fruchtbarkeit, Astarte, heilig und wurde überall in Vorderasien bei ihren Tempeln in größeren Scharen gehegt. Auch mag da und dort ein Taubenpärchen in den Höhlen, die als älteste Kultorte dienten, später auch an dunkeln Orten der Steintempel genistet und sich so an den Umgang mit dem Menschen gewöhnt haben. Dies gab vielleicht dem betreffenden Kultorte ein besonderes Ansehen, so daß dann künstlich von den Priestern Tauben dort angesiedelt wurden, wodurch die Zähmung beschleunigt wurde.
Als der Grieche Xenophon im Jahre 400 v. Chr. im Heere des jüngeren Cyrus mit anderen griechischen Söldnern Syrien durchzog, fand er, daß die Einwohner die Fische und Tauben als göttliche Wesen verehrten und ihnen kein Leid anzutun wagten. Nach Pseudo-Lucian waren in Hierapolis oder Bambyce die Tauben so heilig, daß niemand eine derselben auch nur zu berühren wagte. Wenn dies jemandem wider Willen widerfuhr, dann trug er für den ganzen Tag den Fluch des Verbrechens; „daher leben auch,“ fügt der Verfasser hinzu, „die Tauben mit den Menschen ganz als Genossen, treten in deren Häuser ein und besetzen weit und breit den Erdboden.“ Ganz dasselbe berichtet der Jude Philo von Askalon, wo auch ein berühmter Tempel der Göttin Astarte -- der _Aphrodite uraniḗ_. wie die Griechen sich ausdrückten -- war. Er schreibt nämlich: „Ich fand dort eine unzählige Menge Tauben auf den Straßen und in jedem Hause, und als ich nach der Ursache fragte, erwiderte man mir, es bestehe ein altes religiöses Verbot, die Tauben zu fangen und zu profanen Zwecken zu verwenden. Dadurch ist das Tier so zahm geworden, daß es nicht bloß unter dem Dache lebt, sondern ein Tischgenosse des Menschen ist und dreisten Mutwillen treibt.“
Als der Dienst der semitischen Göttin Astarte durch die der Schiffahrt kundigen Vertreter dieses Stammes weiter westlich im Mittelmeer verbreitet wurde, zog selbstverständlich ihr heiliges Tier, die zahme Taube, mit und wurde an ihren Heiligtümern in halber Wildheit gehalten, wie dies heute noch überall im Orient auch unter den Mohammedanern der Fall ist. Allgemein bekannt sind die Tauben der Göttin in Paphos auf Zypern, die _paphiae columbae_ der Römer, die im Tempel ein- und ausflogen, ja sich selbst auf das Bild der Göttin setzten. Von Zypern gelangte der Dienst dieser orientalischen Liebesgöttin schon vor der Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends zu den die Küsten des Ägäischen Meeres und die Inseln nebst Kreta bewohnenden Mykenäern. Dort sind ihre auf uns gekommenen Darstellungen stets von Tauben umgeben. So fand man im dritten Grabe der Burg von Mykenä zwei einst auf Kleider genähte Goldbleche mit dem Bildnis einer jedenfalls sie darstellenden weiblichen Gottheit, auf deren Haupt eine Taube sitzt. Im einen fliegt außerdem von jedem Arme eine Taube aus. Fünf andere Goldbleche aus dem 3. und 5. Grabe stellen ein von Tauben umgebenes Gebäude dar, das wohl an den Astarte-Aphroditetempel von Paphos erinnern soll. Dann sind auf einem elfenbeineren Spiegelgriff aus mykenischer Zeit zwei weibliche Gottheiten dargestellt, von denen jede eine Taube mit ausgebreiteten Flügeln und ausgestrecktem Hals auf dem einen Arm hält.
Zu Beginn des letzten vorchristlichen Jahrtausends waren es besonders die Phönikier, die zugleich mit ihrer Kolonisation den Astartekult und die damit zusammenhängende Pflege ihres heiligen Tieres verbreiteten. So brachten sie denselben u. a. auch nach ihrer Pflanzstadt Korinth. Allerdings ist später im Kulte der Aphrodite der Griechen zunächst vom heiligen Tiere ihrer phönikisch-semitischen Vertreterin keine Rede; es muß nicht direkt mit jenen von ihnen übernommen worden sein. Auch in den alten homerischen Hymnen auf sie finden sich die Tauben als ihr heilige Tiere nicht erwähnt. Es wird dort berichtet, wie die Göttin ihren duftenden Tempel auf der Insel Zypern betritt, wie sie von den Chariten mit dem unsterblichen Öle gesalbt, mit herrlichen Gewändern bekleidet und mit goldenem Geschmeide geschmückt wird und sich dann, Zypern verlassend, hoch durch die Wolken nach dem quellenreichen Ida schwingt.
Die älteste Erscheinung der Haustaube stammt, wie schon Darwin festzustellen vermochte, aus der Zeit der 5. ägyptischen Dynastie (2750 bis 2625 v. Chr.) zur Zeit des Alten Reiches. Damals wurde sie schon auf manchen Gehöften in Scharen gehalten und vom Menschen gefüttert. Im Alten Testament wird sie zur Zeit des Exils (586-536 v. Chr.) im Pseudo-Jesaias 60, 8 angeführt. Nach Ohnefalsch-Richter hat man auch, besonders auf Zypern, hoch ins letzte vorchristliche Jahrtausend hinaufreichende Abbildungen kleiner Tempel und Kapellen ausgegraben, die wie die heutigen Bauernwohnhäuser in Syrien und Ägypten als Taubenschläge eingerichtet sind. Alles dies beweist das hohe Alter der Taubenzucht in der Ostecke des Mittelmeers.
Von dorther gelangte die Haustaube jedenfalls schon vor dem 5. Jahrhundert v. Chr. zu den Griechen. Wenn nun der griechische Geschichtschreiber Charon von Lampsakos, der Vorgänger des Herodot, in seinen Persiká schreibt: „Zu der Zeit, da die persische Seemacht unter Mardonios (492 v. Chr.) -- zwei Jahre vor der Schlacht bei Marathon -- bei der Umschiffung des Vorgebirges Athos zugrunde ging, seien zuerst die weißen Tauben im Lande erschienen,“ so will er damit nicht sagen, wie die meisten Autoren schließen, damals sei die Haustaube überhaupt zum erstenmal nach Griechenland gekommen, sondern er meint damit offenbar nur Haustauben edler Rasse, die wir wohl mit dem Kulte der orientalischen Liebesgöttin in Verbindung setzen dürfen. Noch viel später lesen wir bei einigen griechischen Schriftstellern von der „weißen Taube Aphrodites“. Es haben sich also beim Schiffbruche der persischen Flotte am Berge Athos zahme weiße Tauben des Astartedienstes aus den scheiternden Fahrzeugen ans Land gerettet und fielen den Einwohnern in die Hände, die diese auffallenden Gäste hegten und an ihre Landsleute weitergaben. Ein halbes Jahrhundert später war unter den Athenern, die mit Thrakien in lebhaftem politischem und Handelsverkehr standen, die zahme, -- wohl vielfach weiße -- Taube unter dem Namen peristerá, der vielleicht aus jener nördlichen Gegend stammt, ein verbreitetes Haustier, das gelegentlich, wie im Orient, zu schnellen Botschaften gebraucht wurde. So sandte der um diese Zeit lebende Äginet Taurosthenes seinem Vater durch eine Taube Botschaft von seinem Siege in Olympia, und diese soll noch an demselben Tage nach Ägina gelangt sein. Die wörtliche Schilderung dieses Vorgangs erzählt uns Älian folgendermaßen: „Als Taurosthenes von Ägina den Sieg zu Olympia errang, gelangte die Nachricht von seinem Glücke noch selbigen Tags an seinen Vater nach Ägina. Er hatte nämlich eine Taube mitgenommen, deren Junge noch im Nest saßen, und ließ sie, sowie er gesiegt hatte, mit einem angehängten roten Läppchen davonfliegen.“ Als der Aphrodite heilige Vögel wurden sie dieser Göttin als Weihgeschenke dargebracht, um ihre Tempel in halber Freiheit gehalten und dort regelmäßig gefüttert. Nach den Darstellungen auf Münzen muß besonders Sikyon eine Hauptstätte des Aphroditekultes, wie auch der Taubenzucht gewesen sein.
Nach Italien kam die Taube durch die Vermittlung der süditalischen Griechen, nachdem diese wohl durch den auf die Phönikier zurückgehenden Tempel von Eryx in Sizilien zuerst Bekanntschaft mit jenem heiligen Vogel gemacht hatten. Zog nun die dort verehrte Göttin Astarte an einem bestimmten Tage des Jahres nach Afrika fort, so sollten ihr nach Älian alle Tauben dorthin folgen. „Sind neun Tage verflossen, so sieht man, wie die Leute behaupten, eine wunderschöne purpurfarbige Taube von Libyen aus über das Meer nach Eryx fliegen und dieser folgt dann eine ganze Wolke gewöhnlicher Tauben. Ist der Zug angelangt, so wird (wie bei ihrem Auszug das Abschiedsfest) ein anderes Fest, das Rückkehrfest, gefeiert.“ In der Zeit zwischen beiden mochten wohl die Tempeltauben durch die Priester in ihren Kammern verschlossen gehalten werden. Den Vogel nannten die sizilischen Griechen, als sie ihn an jenem uralten phönikischen Heiligtum an der Nordwestspitze Siziliens kennen lernten, _kólymbos_, woraus dann die Römer _columbus_ oder _columba_ machten. In Italien wurde die zahme Taube dann allmählich bekannt und ihre Zucht in Angriff genommen. Der gelehrte Römer Varro zu Ende der Republik sagt, daß sie sonst ohne Unterschied mit _columba_ Männchen und Weibchen der Haustaube bezeichnet hätten und erst später, da der Vogel bei ihnen gewöhnlich ward, _columbus_ von _columba_ (als Männchen und Weibchen) unterschieden. Er unterscheidet genau zwischen der Feldtaube -- dem halbwilden Abkömmlinge der Felsentaube -- und der zahmen Haustaube, und beschreibt Taubenhäuser, in denen bis 5000 Stück gehalten wurden. „Man pflegt zwei Arten von Tauben zu halten: die Feldtaube, welche andere auch Felsentaube nennen. Sie ist scheu, wohnt in den Türmen und andern hohen Teilen des Landhauses und fliegt von da nach Belieben auf das Feld, um sich ihr Futter selbst zu suchen. Dann Haustauben, die zutraulicher sind und sich mit dem zu Hause gereichten Futter begnügen. Diese sind meist weiß, während die Feldtauben nirgends weißes Gefieder haben. Es paaren sich auch beide Arten von Tauben miteinander, wodurch eine dritte Sorte entsteht. Das Taubenhaus hat eine gewölbte Decke, eine enge Tür und mit Netzwerk überzogene Fenster, durch welche Licht einfällt, aber weder eine Schlange noch sonstiges Ungeziefer eindringen kann. Die Innenwände macht man glatt, ebenso die Außenwände, damit weder Mäuse noch Eidechsen hinein können; denn die Tauben sind sehr furchtsamer Natur. Für jedes Paar wird eine besondere Zelle hergestellt, inwendig drei Spannen breit und lang mit einem zwei Spannen langen Brett am Eingang. Es muß reines Wasser ins Taubenhaus fließen, das zum Trinken und Baden dient; denn diese Vögel sind sehr reinlich. Auch muß der Taubenwärter das Haus in jedem Monat mehrmals fegen. Der Taubenmist ist von großem Wert für die Landwirtschaft und wird für den besten gehalten. Der Wärter muß auch die kranken Tauben kurieren, die gestorbenen beseitigen und die zum Verkaufe passenden jungen herausnehmen; dann muß er die Habichte wegfangen, indem er ein Tier, nach welchem dieser Raubvogel zu stoßen pflegt, anbindet und Leimruten so um dasselbe steckt, daß sie sich über ihm wölben.
Ihr Futter bekommen die Tauben in Trögen, welche im Innern des Taubenhauses an den Wänden stehen und von außen durch Röhren gefüllt werden. Sie fressen gern Hirse, Weizen, Gerste, Erbsen, Bohnen, Linsen. Kauft man Tauben, so müssen sie das richtige Alter haben und die Zahl der Männchen muß der der Weibchen gleich sein. Kein Tier übertrifft die Taube an Fruchtbarkeit. Innerhalb 40 Tagen legt, brütet und erzieht sie ihre Brut von jeweilen zwei Jungen, und das geht das ganze Jahr hindurch. Wer junge Tauben zum Verkaufe mästet, sperrt sie ab, sobald sie ganz befiedert sind, und stopft sie dann mit gekautem Weißbrot; diese Fütterung geschieht im Sommer täglich drei-, im Winter nur zweimal. Will man die Jungen im Neste von den Alten mästen lassen, so zerbricht man ihnen die Beine und gibt reichliches Futter. Das Paar alter, schöner Tauben kann in Rom gewöhnlich für 200 Sesterzien (= 30 Mark) verkauft werden; ein ganz ausgezeichnetes Paar kostet auch bis 1000 Sesterzien (= 150 Mark). Als neulich ein Kaufmann ein solches Paar vom Ritter Lucius Axius kaufen wollte, antwortete dieser, sie wären unter 400 Denaren (= 240 Mark) nicht feil.“
Sehr ausführlich schildert der ältere Plinius in seiner Naturgeschichte die Haustaube und deren Lebensgewohnheiten. Am Schlusse seiner Ausführungen sagt er: „Es gibt viele, die vor lauter Taubenliebhaberei wie verrückt sind. Sie erbauen ihnen Türme auf ihren Dächern und wissen von einer jeden nachzuweisen, woher sie stammt und wie edel ihre Abkunft ist. Schon vor dem pompejanischen Bürgerkriege (49 und 48 v. Chr.) verkaufte der römische Ritter Lucius Axius einzelne Paare, wie Varro erzählt, für 400 Denare (= 240 Mark). In Kampanien sind sie vorzüglich groß, und dieses Land ist in dieser Hinsicht berühmt. Die Tauben sind auch schon in wichtigen Angelegenheiten als Botschafter gebraucht worden, wie denn z. B. Decimus Brutus, als er in Mutina (dem heutigen Modena) belagert wurde, ihnen Briefe an den Beinen befestigte und sie ins Lager der Konsuln schickte. Was konnte da dem Antonius sein Wall, seine Wachsamkeit, der durch Netze gesperrte Fluß helfen, da der Bote durch die Luft flog?“ Übrigens sei hier bemerkt, daß man im Altertum gelegentlich auch Schwalben statt wie hier Haustauben zu raschen Überbringerinnen von Botschaften auf große Entfernungen benutzte. So schreibt der ältere Plinius in seiner Naturgeschichte: „Cäcinna, ein Ritter aus Volaterra, der zu öffentlichen Wettrennen bestimmte Wagen besaß, pflegte Schwalben mit nach Rom zu nehmen, bestrich sie, wenn er gesiegt hatte, mit der Farbe des Sieges (rot), ließ sie fliegen und sie überbrachten, indem sie ihrem Neste zueilten, bald seinen Freunden die Botschaft. Auch erzählt Fabius Pictor in seinen Jahrbüchern, daß man, als eine römische Besatzung von den Ligustinern belagert wurde, ihm eine von den Jungen genommene Schwalbe zuschickte, damit er ein Fädchen an ihre Füße binden und durch Knoten die Zahl der Tage angeben könne, nach deren Verlauf er zum Entsatze da sein würde. Die Besatzung sollte dann einen Ausfall machen.“
Auch allerlei Aberglauben knüpfte sich bei den Römern an die Taube, wie an zahlreiche andere Vögel; so berichtet Dio Cassius: „Dem Macrinus wurde der Verlust der Schlacht und sein darauf erfolgender Tod dadurch prophezeit, daß, während sein erster Brief, worin er verkündete, Kaiser geworden zu sein, im Senat vorgelesen wurde, eine Taube sich auf seine Bildsäule, die in dem Versammlungssaale stand, niederließ.“ Als großer Tierfreund hat besonders der Vetter, Adoptivsohn und Nachfolger des Heliogabalus, einer der besten Fürsten seiner Zeit, Alexander Severus, der 222 14jährig die Regierung antrat, 231 siegreich gegen den Perserkönig Artaxerxes focht und 235 unweit von Mainz von aufrührerischen Soldaten ermordet wurde, große Geflügelhöfe und Tausende von Tauben gehalten. So berichtet der Geschichtschreiber Älius Lampridius von ihm: „Nach Heliogabals Tod übernahm ein herrlicher Mann, Alexander Severus, die Regierung des Römischen Reichs. Dieser duldete während der Mahlzeit die bei den Römern üblichen Unterhaltungen durchaus nicht, sondern hatte Spaß daran, wie kleine Hündchen und Kätzchen mit Spanferkelchen spielten und Vögel um ihn herumflogen. Überhaupt waren die Vögel seine Hauptfreude. Er hatte eigene Anstalten für Pfauen, Fasanen, Haushühner, Enten, Rebhühner, die größten aber für Tauben, deren er 20000 gehabt haben soll. Um nun dem Staate nicht durch die Fütterung der ungeheuren Menge von Geflügel lästig zu fallen, mußten seine Angestellten die Eier, die Küchlein, die jungen Tauben verkaufen und von dem daraus gelösten Gelde das Futter kaufen.“
Aus diesen Stellen kann man entnehmen, wie populär auch bei den Römern der späteren Kaiserzeit die Taubenzucht war. Noch ums Jahr 400 n. Chr. spricht Palladius von Taubentürmen, die man auf dem Herrenhause baue und so einrichte, daß alle Nester inwendig seien. Dabei müßten alle Eingänge so klein sein, daß sich kein Raubvogel hineinwage. Dabei weiß er noch allerlei von uns allerdings sehr skeptisch aufgenommene Ratschläge zu erteilen, so sagt er: „Um die Tauben vor Wieseln zu sichern, wirft ein Mann ganz heimlich, ohne daß es jemand sieht, einen blattlosen Dornbusch oder einen Haufen altes Spartgras in das Taubenhaus. Um sie vor dem Tode zu schützen und damit sie nicht in andere Taubenschläge übersiedeln, hängt man in alle Eingänge etwas von dem Strick, mit dem ein Mensch gehängt wurde. Die Tauben bringen sogar noch fremde mit, wenn man sie fleißig mit Kümmel füttert.“ Heute rät man zu letzterem Zwecke Anisöl in die Taubenschläge zu bringen, für das die Tauben tatsächlich eine große Vorliebe hegen.
Auch bei den Römern, die als Realisten sich nicht scheuten, die Tauben trotz ihrer althergebrachten Heiligkeit zu verspeisen, waren sie der Liebesgöttin Venus geweiht. Man dachte sich ihren Wagen von weißen Tauben gezogen, wie schon die Griechen erzählten. Es sei hier nur an die Ode an Aphrodite erinnert, die die berühmteste Dichterin des Altertums, die aus vornehmem lesbischem Geschlechte stammende Sappho zu Beginn des 6. vorchristlichen Jahrhunderts verfaßte und die in Geibels Nachdichtung folgendermaßen beginnt:
„Die du thronst auf Blumen, o schaumgeborene, Tochter Zeus, listsinnende, hör mich rufen, Nicht in Schmerz und bitterer Qual, o Göttin, Laß mich erliegen.
Sondern huldvoll neige dich mir, wenn jemals Du mein Flehn willfährigen Ohrs vernommen, Wenn du je, zur Hilfe bereit, des Vaters Halle verlassen.
Raschen Flugs auf goldenem Wagen zog dich Durch die Luft dein Taubengespann, und abwärts Floß von ihm der Fittiche Schatten dunkelnd Über den Erdgrund.
So dem Blitz gleich stiegst du herab und fragtest, Sel’ge, mit unsterblichem Antlitz lächelnd: ‚Welch ein Gram verzehrt dir das Herz, warum doch Riefst du mich, Sappho?‘“
Wie bei den Griechen diente auch bei den ihnen so vieles entlehnenden Römern der Name Taube, wie Spätzchen und Häschen, als Kosewort; so heißt es bei Plautus u. a.: _mea columba_. Eine besondere Rolle spielte dann die Taube in der christlichen Kirche. Man findet sie in den ältesten christlichen Katakomben Roms häufig abgebildet. Als reiner, frommer Vogel diente sie früh als Ausdruck der neuen Religion und der damit verbundenen Seelenstimmung, und man glaubte, daß beim Tode des Gläubigen sich dessen Seele als Taube zum Himmel hinaufschwinge, wie einst in ihrer Gestalt der heilige Geist auf die Erde herniederkam. Als der Frankenkönig Chlodwig im Jahre 496 nach Besiegung der Alamannen mit 3000 Franken in Reims zum Christentum übertrat und sich taufen ließ, brachte eine Taube dem Bischof Remigius, wie Hinkmar im Leben des Heiligen erzählt, das Ölfläschchen zu dessen Salbung vom Himmel herab. Seit der Zeit der Kirchenväter herrschte ein allgemeiner Glaube in der Christenheit, daß die Taube keine Galle habe und deshalb so sanft und ohne Falsch sei; daher kommt es, daß schon der St. Galler Mönch Ekkehard in seinen Benediktionen, den Tischgebeten, den heiligen Geist bittet, sein Tier, die „Taube ohne Galle“ für das Verspeisen zu segnen. Gleicherweise preist Walter von der Vogelweide die schöne, sanfte Griechin Irene von Byzanz, die Gemahlin des am 21. Juni 1208 von Otto von Wittelsbach in Bamberg ermordeten deutschen Königs Philipp von Schwaben, als ein _rôs âne dorn, ein tûbe sunder gallen_.
Wie der Papst besonders verdienten Christen die goldene Tugendrose verschenkte, so verlieh er ihnen auch als Auszeichnung gelegentlich das Bild der Taube, das Symbol des heiligen Geistes. Den Germanen war einst, wie allen Indogermanen, die graue wilde Taube ein düsteres Geschick und den Tod ansagender Vogel. Nicht anders war es bei den Römern, bei denen, wie wir sahen, durch das Herbeifliegen einer Haustaube der bevorstehende Tod des Kaisers Macrinus angekündigt worden sein soll. Ihr trat nun, wie dem Heidentum das Christentum, die anmutige und zärtliche, zutraulich mit dem Menschen lebende und aus seiner Hand das Futter nehmende weiße, fremdländische Taube gegenüber, in deren Gestalt der heilige Geist auf die Erde gekommen sein sollte. Schon letztere Tatsache gab ihr einen Heiligenschein und machte sie in Anknüpfung an altorientalische Vorstellungen zu einem Gegenstand religiöser Verehrung. So werden in Moskau und den übrigen Städten des weiten Rußland Scharen von meist weißen Tauben von den Gläubigen unterhalten und ernährt, und einen der heiligen Vögel zu töten, zu rupfen und zu essen wäre eine große Sünde und würde dem Täter übel bekommen -- ganz wie einst zur Zeit Xenophons und Philos in Hierapolis und Askalon. Noch heute wohnen auf den Kuppeln der Markuskirche und auf dem Dache des Dogenpalastes im halbgriechischen Venedig Schwärme von Tauben, die, von niemandem beunruhigt, auf dem Markusplatz ihr Wesen treiben und zur bestimmten Stunde auf öffentliche Kosten ihr Futter gestreut erhalten.
In den beiden letztgenannten Städten sind schon bedeutende orientalische Einflüsse bemerkbar. Im heutigen, mohammedanischen Morgenland hat die Taube durch die Jahrhunderte den Stempel der Heiligkeit bewahrt und wird als Gegenstand religiöser Verehrung in halbwildem Zustande um die Moscheen gehalten. Schon im frühen Altertum geschah dies, wie wir sahen, in den Tempeln der Liebesgöttin. Aber auch sonst stand die Taube in einem gewissen Verhältnisse zum Menschen. Wie in der Genesis erscheint im altbabylonischen Sintflutbericht die Taube (_samâmu-summatu_) neben dem Raben als Sendling Schamaschnapischtims, des babylonischen Noah, um das nächste Land auszukundschaften. Auf solche Weise haben auch die alten Phönikier und Griechen, wenn sie sich ausnahmsweise einmal aus der Sehweite der Küste entfernten, durch das Aussenden von Tauben das nächste Land erkundet, wie dies die nordischen Wikinge mit gefangen gehaltenen Raben machten. Auch anderwärts wird die Taube in Keilinschriften erwähnt; so heißt es auf einer Tontafel medizinischen Inhalts: „Die Krankheit des Kopfes fliege davon, wie eine Taube in ihren Schlag.“