Kulturgeschichte der Nutztiere
Part 40
Wie in Mesopotamien und Syrien wurde auch im alten Ägypten die Felsentaube als Haustier gehalten. Schon zur Zeit der ältesten Dynastien finden wir sie, wie erwähnt, unter dem Hausgeflügel abgebildet, doch trat ihre Zucht damals gegenüber derjenigen der dort einheimischen Nilgans stark zurück. So ist auf einem Grabe eine vom Menschen gefütterte Schar Tauben dargestellt. Auf einem andern heißt es zwar: „Die Taube holt sich Futter“, während daneben steht: „Die Gans wird gefüttert“ und „die Ente erhält zu Fressen.“ Mit dieser sich selbst das Futter holenden Taube ist sehr gut die Feldtaube charakterisiert, die heute noch im Niltale, wie im Morgenlande überhaupt, in halbwildem Zustande auf alten ruhigen Gebäuden, Tempeln und in für sie errichteten Türmen gehalten wird. Zum Nisten dienen ihr hoch übereinandergeschichtete eiförmige Töpfe, die mit Nilschlamm oder Mörtel miteinander verbunden wurden. Jeder Topf ist an dem nach außen gekehrten Ende etwas durchbrochen, um Luft und Licht durchzulassen. Der Eingang für die Taube befindet sich aber an der innern Seite. Von hier aus wird auch alljährlich der angesammelte Mist als das einzige von den Tieren Benutzte zusammengekratzt, um als wertvoller Dünger besonders für die Melonenkulturen verwendet zu werden. Dieser Taubendünger ist für den Orientalen deshalb so wertvoll, weil in dem holzarmen Lande der Mist der pflanzenfressenden Haustiere als Brennmaterial benutzt wird. Der verstorbene Ägyptologe Brugsch Pascha berichtet von seiner Reise nach Persien, daß die berühmten Melonen von Isfahan in Persien wesentlich dem reichlichen Taubendünger, den sie erhalten, ihre Vorzüglichkeit verdanken. Schon im Altertume gab es übrigens da, wo wir solchen noch heute begegnen, derartige Taubentürme. So werden sie schon im Alten Testament bei Pseudo-Jesaias 60, 8 erwähnt, der sagt: „Wer sind die, welche fliegen wie die Wolken und wie die Tauben in ihren Wohnkammern?“ Auch auf der späteren Königsburg in Jerusalem, die im Jahre 70 n. Chr. im allgemeinen Brande unterging, waren nach Josephus „viele Türme mit zahmen Tauben.“
Nach der Sage wurde die Taube für die Mohammedaner deshalb ein heiliger Vogel, weil eine solche, die sich durch seinen Eintritt in die Höhle, in der sie brütete, nicht stören ließ, den Propheten Mohammed auf seiner Flucht vor der Gefangennahme durch die ausgesandten Häscher schützte. Deshalb wird sie überall in der mohammedanischen Welt in halber Wildheit gehalten, ohne irgend welchen Nutzen aus ihr zu ziehen. Einzig ihr Mist wird, wie oben gesagt, als Düngmittel verwendet. Von den ebenfalls halbwilden, auf öffentliche Kosten oder von den Gläubigen ernährten Tauben des Kreml in Moskau und der Markuskirche in Venedig wird nicht einmal dieser verwendet. Ebenso ist es in den mohammedanischen Moscheen und in den siamesischen Pagoden. „Taube der Moschee“ zu heißen, ist ein lobendes Prädikat für einen frommen Moslem. In Indien und China hat sich ohne allen europäischen Einfluß schon in alter Zeit eine namhafte Taubenliebhaberei entwickelt, die früh zur Züchtung verschiedener Kulturrassen führte. So wird vom mächtigen Eroberer mohammedanischen Glaubens, dem Großmogul Akbar dem Großen, der von 1556 bis 1605 regierte, berichtet, daß er sich persönlich mit ihrer Zucht abgab und an seinem Hofe über 20000 Tauben hielt. Um seine Arten zu vermehren, ließ er sich von den Herrschern in Iran und Turan seltene Rassen senden. So besaß er schließlich bereits 17 verschiedene Taubenrassen. In Syrien soll es heute noch mehr Taubenfreunde und -Züchter geben als selbst in England, das in der Zucht dieses Haustieres Großes geleistet hat. Auch die Chinesen haben Freude an der Taube und halten sie gern. Dabei schützen sie ihre Taubenschwärme durch das Anbringen kleiner Pfeifen aus Bambus, die dann beim Fliegen durch schwirrende Töne die Raubvögel abhalten sollen. Dieser Gebrauch ist auch bei den Japanern üblich, die dieses Haustier, wie so vieles andere, von den Chinesen übernahmen.
Während auch die Ostasiaten als Feinschmecker junge Tauben gern essen, tun dies die christlichen Abessinier nicht aus religiöser Scheu, da die Taube als Sinnbild des heiligen Geistes bei ihnen als heiliges Tier gilt. Man findet sie deshalb in jenem Lande häufig in der noch dort geübten byzantinischen Kunst abgebildet. Die abessinischen Juden müssen für ihre vorgeschriebenen Opfer wilde Tauben fangen, wie das in der älteren Zeit im Judentum auch bei den Turteltauben der Fall war. Auch in den Haussaländern ist sie geschützt wie in allen dem Islam huldigenden Ländern. Durch die Araber wurde sie dann den Negern Ostafrikas gebracht, die sie teilweise willig annahmen. So werden sie in Unjamwesi in großen Schlägen aus Rindenschachteln gehalten, worunter auch viele weiße. Bis zum Jahre 1883 hatten sie sich bis in das Herz des schwarzen Kontinents, zum Flusse Lulua, verbreitet.
Mit den Europäern gelangte die Taube natürlich auch nach Amerika und Australien, wo sie vollständig eingebürgert wurde. An zahllosen Stellen ist die Taube verwildert und hat mehr oder weniger die Färbung ihrer wilden Vorfahren angenommen, so besonders in den Mittelmeerländern und auf vielen ozeanischen Inseln. Auf den Azoren flossen bei den verwilderten Tauben die weißen Flügelbinden zusammen. Das gab den Ornithologen Gelegenheit, eine neue Unterart aufzustellen, wie deren durch künstliche Auslese und zielbewußte Zucht zahlreiche durch den Menschen willkürlich geschaffen wurden.
Schon im Altertum entstanden die Stammformen der meisten heutigen Taubenrassen im Morgenlande, um dann nach dem Abendlande verbreitet zu werden. So war schon im Mittelalter die Zahl der in Europa bekannten Taubenrassen beträchtlich. Man züchtete damals bereits in den Niederlanden eigene Rassen, zu denen durch die Einfuhr aus dem Orient stets neue hinzukamen. Von den Niederlanden, die im 15. Jahrhundert das kultivierteste Volk Mitteleuropas besaßen, verbreitete sich die Taubenzucht im 16. Jahrhundert über Deutschland, England, Frankreich und die diesen benachbarten Länder. Schon vor dem Jahre 1600 waren die Hauptrassen unserer Haustaube vorhanden; seither gingen einzelne wieder verloren, während andere eine Umbildung erfuhren. In seiner Ornithologie führt der Italiener Ulysses Aldrovandi die um 1600 in Europa gezüchteten Taubenrassen auf, die damals immer noch vorzugsweise in den Niederlanden gezüchtet wurden. Es gab dort besondere Vereine von Taubenzüchtern, die Anregungen in diesem Wirtschaftszweige zu geben bestrebt waren. Trotz der einheimischen Zucht hat aber die Einführung orientalischer Taubenrassen noch nicht aufgehört; denn wie früher ist noch immer das Morgenland das Hauptzuchtgebiet der Taube.
Von der in Westasien zuerst gezähmten Felsentaube sind so zahlreiche Rassen hervorgegangen, daß es schwer hält, sie alle einzureihen. Der wilden Stammform am nächsten stehen die im wesentlichen nur durch ihre Färbung und Zeichnung von ihr verschiedenen ~Feldtauben~, deren Hauptverbreitungsgebiet das westliche Europa ist. Sie haben in ihrer Lebensweise eine gewisse Unabhängigkeit bewahrt, indem sie von ihrem Nistplatze aus aufs Feld fliegen, um ihr Futter selbst zu suchen. Nur im Winter werden sie gefüttert. In der Regel sind sie glattköpfig, d. h. ohne Haube, und ohne Federhosen an den Beinen. Als Nutzvögel stehen sie wegen ihrem Fleischwert obenan.
An die Feldtauben schließen sich die zahlreichen ~Spiel~- oder ~Farbentauben~ an, die durch eigenartige Färbungen und Zeichnungen von konstantem Charakter ausgezeichnet sind. Die meisten von ihnen gehen wie die Feldtauben aufs Feld; doch ist ihre Abhängigkeit vom Menschen größer. Man unterscheidet bei ihnen Lerchen-, Star- und Storchtauben, Schwalben- und Gimpeltauben, Weißschwänze, Weißschläge, Farbenbrüster, Latztauben, Mohren- und andere Farbenköpfe. Die in mehreren Farbenvarietäten auftretende Eistaube besitzt ein wie bereift erscheinendes hell lichtblaues Gefieder. Die gelbliche bis bräunlichrote Mondtaube ist durch eine halbmondförmige Zeichnung auf der Brust charakterisiert. Nahe mit ihr verwandt ist die fahlgelbe Elbe oder Schweizertaube. Die Maskentaube ist ganz weiß mit dunklem Schwanz und halbmaskenartigem Stirnfleck. Dabei ist der Kopf glatt oder mit Haube versehen, die Beine sind glatt oder befiedert.
Die ~Trommeltauben~ weichen im Äußeren nicht auffallend von den Feldtauben ab, sie zeichnen sich aber durch ihre Stimme aus, die kein abgesetztes Rucksen, wie die anderer Tauben, sondern ein fortgesetztes Fortrollen ist, wobei das stillsitzende Tier den Kropf etwas aufbläht und mit den Flügeln zittert. Manche Trommeltauben sind am Kopf mit einer Haube und an der Schnabelbasis mit einer Federnelke geziert. Die Füße sind glatt oder befiedert. Die Färbung ist sehr verschieden. Häufig erscheint die Zeichnung gescheckt, auch blau, wie bei der Altenburger Trommeltaube, die besonders in Sachsen sehr beliebt ist. Als der beste Trommler gilt die etwas schwerfällig gebaute russische Trommeltaube, die meist einfarbig schwarz mit stahlblauem, bronzeschimmerndem Halse ist und am großen Kopf Muschelhaube und Federnelke trägt, welch letztere Augen und Schnabel bedeckt.
Bei den ~Lockentauben~ erscheint das Gefieder gelockt oder struppig. Das Gefieder ist weich und flaumig und die Deckfedern sind nicht abgerundet, sondern in eine Spitze auslaufend, welche zu einer Locke umgebogen ist. Das Gefieder ist blau bis fahlrot; der Kopf bald glatt, bald mit Haube versehen und die Beine nackt oder befiedert. Am stärksten gelockt ist die österreichische Lockentaube. Weniger hoch sind die Locken bei der holländischen Lockentaube, die fast stets eine Muschelhaube besitzt.
Die ~Perückentauben~ sind Tauben mit kurzem, kleinem Kopf, flacher Stirn und eigentümlicher Perücke oder Kapuze, die in der Weise zustande kommt, daß die verlängerten Federn unten am Hals regelmäßig gescheitelt sind, so daß ein Teil die Schultern bedeckt, die Hauptmasse aber sich nach vorn und oben richtet, so daß sie den Kopf hinten vollständig umschließen. Diese Perücke ist eine übermäßige Weiterentwicklung der Kopfhaube, die wir bei vielen Formen antreffen. Sie sind teils einfarbig blau oder weiß, teils „gemöncht“, indem aus der roten, gelben oder schwarzen Grundfarbe der weiße Kopf hervorsticht. Flügel und Schwanz weisen ebenfalls weiße Federn auf. Im allgemeinen sind die Vertreter dieser Rasse durch die gesättigten Töne der Grundfarbe bemerkenswert. Das Wesen dieser Vögel ist auffallend ruhig; sie fliegen nur wenig umher.
Eine kleine, zierliche Rasse, die bei den Taubenliebhabern stark bevorzugt wird und ein sehr weites Verbreitungsgebiet besitzt, sind die ~Mövchen~. Der kleine Kopf mit kurzem Schnabel ist bald glatt, bald behaubt. Vom Kinn verläuft ein faltiger Kehlsack gegen die Brust und der Vorderhals ist mit strahlig angeordneten, abstehenden Federn verziert. Von den zahlreichen Varietäten sind hervorzuheben: das deutsche Schildmövchen mit spitzer Haube, Schildzeichnung und etwas schleppenden Flügeln, dann die durch schöne Haltung, gewölbte Brust, hohe Beine und etwas aufgerichteten Schwanz ausgezeichneten italienischen Mövchen. Die milchblaue Varietät derselben gilt als besonders schön. Sehr geschätzt sind neben den ägyptischen auch die chinesischen Mövchen, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa eingeführt wurden, deren eigentliche Heimat aber nicht sicher ermittelt werden konnte, jedenfalls aber irgendwo in Asien zu suchen ist. Hals und Brust tragen bei dieser Spielart eine sehr umfangreiche Federrosette; außerdem ist oben am Hals noch eine deutliche Krawatte, welche den Kopf umgibt. Die kurzschnäbligen und mit befiederten Füßen versehenen Satinetten oder Atlasmövchen besitzen eine weiße Grundfarbe mit braunroten, schwarz umsäumten Flügeldeckfedern. Sie gehören mit zu den schönsten Tauben und sollen aus dem Orient stammen.
Eine ebenfalls alte Rasse von offenbar ostasiatischer Abstammung sind die nach ihrem pfauenartig aufgerichteten Schwanz so genannten ~Pfauentauben~, die schon vor dem Jahre 1600 in Indien gehalten wurden. Während normalerweise die Zahl der Schwanzfedern bei der Taube 12 beträgt, ist sie bei den heute noch in Asien gezüchteten Pfauentauben auf 14 bis 24, bei den in Europa gezüchteten jedoch auf 28 bis 40 gesteigert worden. Diese sind breit, am Bürzel in 2 bis 3 Reihen angeordnet und werden fächerförmig aufgerichtet getragen, während die Flügel hängen, so daß sie unter den Schwanz zu liegen kommen, ohne sich zu kreuzen. Der lange Hals ist gebogen, so daß der Kopf weit nach hinten zu liegen kommt. Das Gefieder ist verschieden gefärbt, häufig einfarbig blau, weiß oder schwarz.
Die auffallende Gestalt schätzt man an den Kropf- und Huhntauben. Die ~Kropftauben~ haben einen gestreckten Körper mit langen Federn meist auch an den Beinen und Füßen. Sie sind durch die Fähigkeit ausgezeichnet, den Schlund enorm aufzublasen und ihn beliebig lange in diesem Zustande erhalten zu können. Auch sie sind offenbar aus Asien zu uns gelangt, sind aber schon lange in Europa eingebürgert, da sie bereits Aldrovandi im Jahre 1600 erwähnt. Als Stammform der besonders in Zentraleuropa und in den Küstenländern der Nord- und Ostsee, nicht aber in den Mittelmeerländern stark verbreiteten Kropftauben gilt die deutsche Kropftaube, die eine bedeutende Körpergröße erlangt und deren Kropf beständig sehr stark aufgeblasen ist. Die hauptsächlich in der Normandie, dann auch im übrigen Nordfrankreich gehaltene französische Kropftaube hat einen fast kugeligen, vom Rumpf abgesetzten Kropf und lange Beine. Ihr Gefieder ist häufig einfarbig weiß, blau oder gelb, auch fahlrot mit braunen Binden. Dagegen niedriggestellt in den Beinen und überhaupt zwergartig ist die holländische Ballonkropftaube, deren Kopf wie bei den Pfauentauben zurückgebogen ist. Deren ballonartiger Kropf nimmt im aufgeblasenen Zustande die Hälfte der Taube ein. In der äußeren Haltung und Bewegung dem Huhn ähnlich, auch durch bedeutende Größe ausgezeichnet, sind die ~Huhntauben~. Am gedrungenen, vorn gerundeten Rumpf mit kurzen Flügeln und kleinem, aufrecht getragenem Schwanz sitzt auf langem, kräftigem, gebogenem Hals der stets unbehaubte Kopf mit kurzem Schnabel. Ihr Steiß ist dicht mit Flaum besetzt. Diese Taubenart ist der Pfauentaube nahe verwandt und stammt vermutlich wie die letztere aus Ostasien. Eine typische Rasse ist die ~Maltesertaube~, die in Vorderindien stark gezüchtet wird und dort heimisch ist, vermutlich aber über Malta zu uns gelangte. Ihre äußere Erscheinung ist etwas vierschrötig, die Brust voll und der sehr kurze Schwanz steil aufgerichtet. Ihr nahe verwandt ist der Epaulettenscheck, ebenfalls ein Produkt südasiatischer Zucht, das ziemlich früh nach Europa gelangte. In Italien wurde sie unter dem Namen Tronfo bekannt. Sie trägt meist dunkles Gefieder mit weißer Zeichnung an Kopf und Flügeln.
Ebenfalls südasiatischer Herkunft sind die ~Tümmler-~ oder ~Purzlertauben~, so genannt, weil sie die seltsame Gewohnheit angenommen haben, sich während des Fluges durch die Luft rückwärts zu überschlagen. Daneben gibt es auch solche Typen, die auf dem Boden purzeln. Ein guter Tümmler überschlägt sich schon beim Aufsteigen und führt seine eigentümliche Bewegung in der Weise aus, daß er die Flügel über dem Rücken zusammenschlägt, sich rückwärts überwirft und dann mit einem kräftigen Flügelschlag wieder in die frühere Flugrichtung einlenkt. Auch beim Kreisen wird das Purzeln ausgeführt, doch zeigt der Vogel seine Kunst nur bei Wohlbefinden. In der Mauser oder in entkräftetem Zustande versagt er, ebenso an fremdem Ort, bis er sich genügend eingelebt hat. Ganz gute Vögel tümmeln zwei- bis dreimal in rascher Aufeinanderfolge. Meist sind die Tümmler von geringer Körpergröße mit kleinem, zierlichem Kopf und langem, mittellangem oder kurzem Kopf und befiederten oder glatten Füßen. Hinsichtlich der Zeichnung sind Weißschwanz-, Elster- und Scheckzeichnung häufiger als bei anderen Rassen. Von charakteristischen Tümmlern mögen die gehaubten Kalotten und Nönnchen, die preußischen Weißkopftümmler, die Kopenhagener Elstern, die englischen Baldheads, die kurzschnäbeligen Barttümmler und die Königsberger Mohrenkopftümmler hervorgehoben werden.
Die ~Warzentauben~ sind kräftig gebaute, meist einfarbige Tauben mit einer warzenartigen Wucherung an der Schnabelbasis und oft auch noch am Augenring. Der Kopf ist in der Regel ohne Haube, die Füße sind glatt, die Farben gesättigt, doch die Neigung zu Gefiederzeichnung gering. Die Rasse stammt aus dem Orient und die einzelnen Schläge werden häufig unter dem Sammelnamen „türkische Tauben“ zusammengefaßt. Sie heißen auch Bagdette, weil sie in Bagdad zuerst gezüchtet worden sein sollen oder wenigstens von dort zu uns kamen. Von den bekannteren Schlägen ist zunächst die französische Bagdette zu nennen. Bei ihr ist der gedrungene Körper mit knapp anliegendem blauem, weißem oder geschecktem Gefieder bedeckt. Die Haltung ist aufrecht. Der starke Schnabel ist etwas gekrümmt, die rosenrote Schnabelwarze ist sehr umfangreich. Die kräftigen Beine sind karminrot. Trotz dem Namen wird diese Rasse in Frankreich selten gehalten. Auch die Nürnberger Bagdette ist wenig verbreitet. Der glatte Kopf trägt einen langen, stark gekrümmten Schnabel, an dessen Basis ein mäßig umfangreicher Warzenhöcker sitzt. Zu den geschätztesten englischen Zuchttauben gehört die englische Bagdette oder Carrier. Die Stammrasse ist im Orient weit verbreitet und wurde vor etwa 200 Jahren in Europa importiert und von englischen Züchtern veredelt. Die Färbung ist schwarz, braun, blau oder weiß, der Schnabel lang und gerade, die Schnabelwarze enorm, bis zur Größe einer Walnuß entwickelt, daneben sind die warzigen Augenringe sehr umfangreich. Die Indianer- oder Berbertaube ist schwarz, braun oder gelb, selten blau befiedert, der Schnabel kurz, das große Auge mit weißer Iris von einem mächtigen, rotgefärbten Warzenring umgeben. Auch sie stammt aus dem Orient und wurde von Nordafrika aus nach England, Holland und Deutschland eingeführt. Durch Pinselhaare am Hals ist die in Italien stark verbreitete römische Taube ausgezeichnet. Diese wird wegen ihrer bedeutenden Größe auch Riesentaube genannt. Zu dieser Gruppe gehören auch die Korallenaugen, die Syrier, Kurdistaner und andere, deren Name schon auf die orientalische Herkunft hinweist.
Ebenfalls aus dem Morgenlande wurden die ~Brieftauben~ bei uns eingeführt, die triebartig stets zu ihrem heimatlichen Schlage zurückkehrt und denselben auch dank ihrem hochentwickelten Orientierungsvermögen auf sehr große Entfernungen hin mit Sicherheit findet, wobei sie per Minute einen Kilometer zurücklegt. Selbst längere Internierung an einem fremden Orte schränkt ihren Heimatstrieb nicht ein; so vermag sie selbst nach sechs Monaten wieder ihren heimatlichen Schlag zu finden. Diese Eigenschaft, die durch ihre außerordentlich scharfen Sinne bedingt wird, hat ihr eine wichtige Rolle im Kriegsdienst gesichert, weil sie, wenigstens vor der Zeit der drahtlosen Telegraphie, oft das einzige Mittel zur Besorgung des Nachrichtendienstes bot. Auch von der hohen See aus kann sie Meldungen nach dem Lande überbringen. In wichtigen Fällen wird man, wenn sie zum Depeschendienst verwendet wird, mehrere Brieftauben mit denselben Nachrichten, die man in leichten Federspulen an der Schwanzbasis befestigt, absenden, da Raubvögel gelegentlich solche Tauben wegfangen und man so sicherer ist, seinen Zweck zu erreichen. Neuerdings hat man sie auch zu photographischen Aufnahmen des feindlichen Geländes benutzt, indem man ihr einen leichten Photographenapparat mit selbsttätigem Belichter um die Brust hing. Von den in Europa weiter gezüchteten Schlägen sind am bekanntesten und geschätztesten die Antwerpener, Lütticher und Brüsseler Brieftaube. Ihr Gefieder ist vorwiegend blau mit dunkeln Flügelbinden.
Außer der Felsentaube ist nur noch eine Taubenart, eine ~Lachtaube~ (_Columba risoria_), ebenfalls in Asien zu einem Hausvogel erhoben worden. Indessen gibt es außer den Hauslachtauben, die den wilden Lachtauben sehr ähneln und die große Mehrzahl bilden, nur noch weiße Lachtauben; aber auch sie tragen das schwarze Genickband des wilden Stammes. Der Leucismus dieser Vögel beweist, daß sie schon längere Zeit in des Menschen Pflege sein müssen. Erst im 17. Jahrhundert kamen sie aus China oder Indien nach Europa, wo sie jedoch nur beschränkte Verbreitung fanden. In ihrer Heimat Asien aber scheinen sie ihres angenehmen Wesens wegen vielerorts gezüchtet zu werden. Der Lieblingsaufenthalt dieser Vögel sind dürre Steppen, in denen sie ihr Lachen und Girren aus fast jedem Busche hören lassen. Doch haben sie sich trotz ihrer angeborenen Scheu teilweise auch schon an den Menschen gewöhnt. So genießen Lachtauben in Konstantinopel das Privilegium, von jeder Kornladung ihren Tribut in Anspruch nehmen zu dürfen.
Von den übrigen Taubenarten ist keine einzige in Abhängigkeit vom Menschen geraten. Zwar haben schon die alten Römer wilde Ringel- und Turteltauben gefangen und gemästet, um sie als leckeren Braten zu verzehren; aber zu Haustieren sind sie damals nicht erhoben worden. Seit der ältesten Zeit haben die Dichter die durch Vorderasien und das gemäßigte Europa verbreitete ~Turteltaube~ (_Columba turtur_) wegen ihres klangvollen Rucksens und der ehelichen Zärtlichkeit, mit der Männchen und Weibchen aneinander hängen, besungen. Weil sie auch leicht zu fangen und in Gefangenschaft zu erhalten war, ist sie auch zu allen Zeiten und überall vielfach gehalten worden; aber sie scheint sich in der Gefangenschaft nicht fortgepflanzt zu haben, so daß sich ihrer Haustierwerdung erhebliche Schwierigkeiten entgegenstellten. In halber Freiheit aber pflanzt sie sich willig fort, und so haben sie schon die alten Römer gehalten. So berichtet Varro in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts v. Chr.: „Für Turteltauben baut man auch ein besonderes, demjenigen für Haustauben bestimmten ähnliches Gebäude, gibt ihnen aber offene Nester und füttert sie mit trockenem Weizen. Sie ziehen zur Erntezeit viele Junge und diese lassen sich schnell mästen.“
XVIII. Die Sing- und Ziervögel.