Kulturgeschichte der Nutztiere
Part 38
Im Gegensatz zu diesen ist eine andere amerikanische Ente schon seit längerer Zeit zum Haustier geworden. Es ist die südamerikanische ~Moschusente~ (_Cairma moschata_), die in wasserreichen Gebieten von Brasilien bis Paraguay stark verbreitet ist. Das Männchen ist oberseits bräunlichschwarz, Hals und Kopf dunkelgrün, Flügel und Schwanz metallischgrün, ein Teil der Flügeldeckfedern weiß. Um das Auge ist die Haut nackt und mit roten Warzen bedeckt. Das Weibchen ist ähnlich, aber weniger lebhaft gefärbt. Ihre Körpergröße ist sehr bedeutend, so daß ihre zahmen Abkömmlinge 70-85 _cm_ lang werden und ein Körpergewicht von 5 _kg_ erreichen. In ihrer Heimat wird die Moschusente ihres wohlschmeckenden Fleisches und der weichen Daunen wegen sehr geschätzt. Sie wird dort schon seit langem, noch vor der Entdeckung des Landes durch die Weißen, gezähmt gehalten. Sie war nach Garcilasso de la Vega bei den alten Peruanern unter dem Namen Nunjuma als Hausente bekannt und gibt beim Fressen einen eigentümlichen schmatzenden Ton von sich. Von den Peruanern hatten sie auch die nördlicher wohnenden Kulturvölker übernommen. So traf sie Kolumbus auf seiner zweiten Reise bei den Eingeborenen von Haiti an, darunter auch, zum Zeichen einer intensiven Domestikation, bereits weiße Exemplare. Heute ist die Färbung bei fast allen zahmen Moschusenten weiß geworden mit einem roten Warzenhof ums Auge, einem fleischroten Schnabel und orangegelben Füßen. Von Südamerika aus hat sie sich am Kongo, am Euphrat, in Indonesien und Europa eingebürgert, doch wird sie in letzterem Lande, wo sie „türkische Ente“ heißt, nicht rein gezüchtet, sondern gewöhnlich zur Kreuzung mit größeren Hausenten verwendet. Die Bastarde erhalten die Mittelgröße zwischen beiden Eltern, wachsen sehr schnell und sind gut mastfähig. Entgegen früheren Annahmen sind sie fruchtbar, neigen aber zur Wildheit. Besonders empfohlen werden zur Kreuzung Rouen-, Peking- und Aylesburyenten. Da die Moschusente sich besonders für die Tropen eignet, hat sie für jene Gegenden eine große Zukunft. Bei den Malaien Südasiens ist bereits die chinesische Ente eingebürgert und wird vielfach in großen Herden gehalten, um als willkommene Abwechslung zum Schweinefleisch zu dienen. Als große _canne de la Guinée_ erwähnt sie P. Belon bereits 1555 in seiner _Histoire des oiseaux_. Schon damals war sie in Frankreich nicht selten, muß also sehr früh durch die Spanier nach Europa gebracht worden sein. Hier wurde sie aber mehr als Zier- denn als Nutzgeflügel gehalten.
Von den Entenvögeln ist wenigstens als halbes Haustier noch der ~Schwan~ zu erwähnen. Der zahme Schwan unserer Weiher, der nur als Schmuckvogel gehalten wird, wobei ihm der Mensch bloß Gelegenheit zur Fortpflanzung bietet, ist der ~Höckerschwan~ (_Cycnus olor_), der noch in Norddeutschland, dann in Nordeuropa und Nordasien als wilder Vogel lebt. Er ist in beiden Geschlechtern rein weiß mit gestrecktem Leib und langem, schlankem Hals, mit rotem, an der Basis durch einen schwarzen Höcker ausgezeichnetem Schnabel. Das Weibchen ist etwas kleiner als das Männchen, die Jungen sind eigentlich graubraun gefärbt, können aber durch fortschreitenden Leucismus auch schon weiß erscheinen. Gedrungener als der Höckerschwan mit kürzerem, dickerem Hals und höckerlosem gelbem Schnabel ist der ~Singschwan~ (_Cycnus musicus_), während der ebenfalls in Europa und Nordasien lebende ~Zwergschwan~ (_Cycnus bewicki_) noch kleiner ist und einen dünnen Hals hat.
Erfreut der Höckerschwan durch die Zierlichkeit seiner Gestalt und die Anmut seiner Bewegungen, so hat der Singschwan durch seine laute, verhältnismäßig wohlklingende Stimme von jeher die Phantasie des Volkes beschäftigt, wenn er im Herbst nach Süden zum Überwintern und im Frühling nach Norden zur Fortpflanzung zog. Welche Rolle spielt nicht der Schwan in der Sage und im Märchen der Deutschen! Auch die alten Griechen, die ihn _kýknos_, und die Römer, die ihn nach jenen _cycnus_ oder _olor_ nannten, sprachen viel von ihm und alle ihre Dichter erwähnen rühmend seinen Gesang, wenn auch wohl meist nur vom Hörensagen. In Homers Ilias wird das in glänzender Rüstung zum Kampfe aufziehende Heer der Griechen mit den Scharen von Gänsen, Kranichen und langhalsigen Schwänen verglichen, „wenn diese mit lautem Geschrei sich auf den Wiesen am Flusse Kaystros (in Lydien, mündet bei Ephesus ins Meer) niederlassen.“ Der Schwan war dem Apollon heilig. So heißt es schon in einem altgriechischen, Homer zugeschriebenen Hymnus: „O Phöbus, dir singt der Schwan am Ufer des Flusses Peneios (in Thessalien) laut ein Loblied; Dir singe auch ich, der Sänger, indem ich meine Kithara anschlage, früh und spät ein preisendes Lied.“ Hesiod schildert, wie auf dem Schilde des Herakles der Okeanos abgebildet war, auf dessen Wogen lautsingende Schwäne schwammen, während unter ihnen die Fische spielten. In Äschylos’ Agamemnon heißt es: „Der Schwan singt sein eigenes Leichenlied“ und in Euripides’ Elektra: „Der junge Singschwan ruft am Wasser des Flusses seinen in der Schlinge gefangenen sterbenden Vater.“ Bekannter ist die Stelle aus Platons Phädon, an der es heißt: „Als Sokrates zum Sterben kam, unterredete er sich mit seinen Schülern und sagte unter anderem: ‚Denkt ihr denn, daß ich den Tod zu fürchten habe? Denkt ihr, daß ich weniger vom künftigen Leben weiß als die Schwäne? Diese singen zwar oft, aber wenn sie fühlen, daß der Tod ihnen nahe ist, dann singen sie gerade am meisten, weil sie sich freuen, daß sie zu dem Gotte gehen, dessen Diener sie sind. Leute, die sich vor dem Sterben fürchten, legen freilich die Sache ganz falsch aus und behaupten, die Schwäne sängen vor ihrem Tode vor Jammer. Diese Leute sollten doch wissen, daß kein Vogel vor Jammer singt, z. B. wenn er hungert oder friert. Auch diejenigen stellen eine verkehrte Behauptung auf, welche sagen, die Nachtigall, die Schwalbe, der Wiedehopf sängen vor Jammer. Ich glaube jedoch, daß sie ebensowenig vor Jammer singen als die Schwäne. Die letzteren sind offenbar Propheten des Apollon, kennen im voraus das Glück, das ihnen in der Unterwelt zuteil wird und singen deswegen, ehe sie den Weg antreten, freudiger als zuvor. Ich denke nun, daß ich wie die Schwäne ein Priester des Gottes bin, und denke, daß ich von ihm die Wahrsagekunst so gut gelernt habe, als jene Vögel, und daß ich ebenso freudig als sie das Leben lassen muß.‘“
Von diesem Volksglauben rührt die bei späteren griechischen und römischen Schriftstellern angetroffene, auch noch von uns sprichwörtlich gebrauchte Redensart vom „Schwanengesang“ als der letzten Äußerung eines Menschen vor seinem Tode her, so bei Cicero, Ovid, Martial, Dio Chrysostomus und andern. Bei den Römern galt der Schwan als der Vogel der Liebesgöttin Venus, die auf einem von Schwänen gezogenen Wagen einherfahrend gedacht wurde, so bei Horaz, Silius Italicus, Statius und andern. Martial rät seiner Geliebten, sanft auf Schwanenflaum zu ruhen, wenn sie müde sei. Demnach wurde der Flaum auch dieses Tieres, wie derjenige der Gans, zur Polsterung von Kissen verwendet. Von Schwanenbraten spricht der alexandrinische Grieche Athenaios um 200 n. Chr. Allerdings mied man in der Regel das Fleisch dieses halb für heilig gehaltenen Vogels. So schreibt Plutarch: „Will man durchaus Fleisch des Schwanes essen, so mißhandle man wenigstens die Tiere nicht vorher, sondern töte sie mit Bedauern. Es gibt Leute, welche Kranichen und Schwänen die Augenlider zusammennähen und sie dann im Dunkeln mästen.“ In allen diesen Fällen ist stets von wilden Schwänen die Rede, da der Vogel im Altertum nirgends als Haustier gehalten wurde.
Auch im Mittelalter wurde der wilde Schwan häufig als Speise benutzt. Die heilige Hildegard im 12. Jahrhundert rühmt sein Fleisch als heilsam gegen den Aussatz. Man begann ihn damals auf Teichen in halber Freiheit zu halten; doch durften dies vielfach nur Könige und vornehme Leute tun, da solches damals zu den Regalien gehörte. Reste einer solchen Auffassung haben sich an manchen Orten bis in die Gegenwart erhalten; so sind sämtliche Schwäne auf der Themse wie auf der Havel und Spree königliches Eigentum. Im Mittelalter gehörte der Schwan, wie der Pfau, zu den feierlichen Schaugerichten der Prunktafel an Höfen. Außerdem muß ihm eine gewisse abergläubische Verehrung gezollt worden sein; so wissen wir, daß König Eduard I. von England 1307 „bei Gott und den Schwänen“ schwur, er werde sich an seinem Erbfeinde Robert Bruce rächen.
Heute noch gilt ein Schwanenbraten als außerordentliche Delikatesse und wird in England, wo er am Königshofe ständiger Weihnachtsbraten ist, zu bedeutsamen Geschenken verwendet. So beschenkt der Herzog von Norfolk, der „erste Peer Englands“, seine besten Freunde damit. In der Hauptstadt seiner Grafschaft Norfolk, dem alten Bischofssitz Norwich, hat er nebst dem Bischof, dem Abt des St. Benethospitals und der Norwicher Schwanenkorporation das alleinige Recht, Schwäne auf den öffentlichen Gewässern zu halten. Jeder dieser Eigentümer hat eine besondere, sorgfältig gebuchte Hausmarke, die den Schwänen auf den Oberschnabel eingeschnitten wird. Der Schwan vermehrt sich dort gut und ist widerstandsfähig. Man hat ein Schwanenpaar beobachtet, das in fünf Jahren 85 Eier erzeugte und von diesen 82 Kücken durchbrachte. Das Aussuchen der zur Mast geeigneten Jungen wird von den Insassen des St. Benethospitals besorgt und man nimmt nur so viel Tiere, als von den Besitzern bestellt werden; denn diese haben für das Stück 1 Pfund Sterling (= 20 Mark) Mastgeld zu entrichten. Die jungen Tiere schmecken am besten gerade um die Zeit, wo sie fliegen können. In dieser Zeit werden sie geschlachtet, haben dann ein Lebendgewicht von wenigstens 16 _kg_ und schmecken wirklich gut.
Wie wir den Höckerschwan, halten die Russen nach Pallas gern den Singschwan als Ziervogel auf ihren Teichen. Die Nordamerikaner haben den Schwan von Europa erhalten. Dagegen erhielten wir um die Mitte der 1850er Jahre vom Süden Südamerikas den ~Schwarzhalsschwan~ (_Cycnus nigricollis_), der sich wie der Singschwan benimmt, jedoch nur selten seine schwache Stimme erschallen läßt. Er hat sich mehrfach in unsern Tiergärten fortgepflanzt. Ebenso verhält es sich mit dem am ganzen Gefieder bis auf die weißen Hand- und einen Teil der Armschwingen bräunlichschwarzen ~Schwarz-~ oder ~Trauerschwan~ (_Cycnus atratus_), der in den 1820er Jahren zum erstenmal nach Europa, und zwar England, kam und sich dort auf dem Landgute Sir Herons auch fortpflanzte und im ganzen 45 Junge aufbrachte. Von jenen scheinen die meisten der in den Zoologischen Gärten und bei Privaten gehaltenen Exemplare abzustammen. Seit dem Jahre 1698 kennt man übrigens den Schwarzschwan, den auch Cook an der von ihm besuchten Küste Südaustraliens und Tasmaniens auf den Süßwasseransammlungen antraf. In den weniger besuchten Gegenden des Innern soll er, soweit dort Wasser anzutreffen ist, in großer Menge vorkommen. Für unsere Weiher eignet er sich so gut als die übrigen Schwäne. Die Strenge des nordischen Winters ficht ihn wenig an und seine Nahrungsansprüche sind bescheiden. In der Gefangenschaft pflanzt er sich regelmäßig fort. In seinem Benehmen mahnt er an die stummen Verwandten, doch ist er schreilustiger; besonders gegen die Paarungszeit hin läßt er seine trompetenartige, dumpfe Stimme oft vernehmen.
XVII. Die Taube.
Wie die verschiedenen einheimischen Entenvögel, so haben auch die verschiedenen einheimischen Wildtauben von jeher als Wildbret die Beachtung des Menschen gefunden. Unter ihnen ist die ~Felsentaube~ (_Columba livia_) die Stammform sämtlicher Haustauben. Sie hieß bei den alten Griechen _peleiás_, und der Pluralis _peleiádes_ diente diesen zur Bezeichnung der Sternwolke des Siebengestirns, die ihnen wie ein Schwarm wilder Felsentauben vorkam. Daraus ist dann unsere Bezeichnung Pleiaden entstanden. Häufig spricht Homer von _peleiádes_, worunter er stets wilde Tauben versteht. Sie sind ihm das Sinnbild des Flüchtigen und Furchtsamen. So entzieht sich Artemis der Göttermutter Hera, die ihr den Köcher geraubt hat:
„Weinend aber entfloh sie zur Seite sofort, wie die Taube, Die vom Habicht verfolgt in den Spalt des zerklüfteten Felsens Schlüpft -- nicht wars ihr beschieden des Räubers Beute zu werden.“
Hektor flieht vor Achilleus wie die „scheue, flüchtige“ Taube vor dem Falken:
„Wie im Gebirge der Falk, der geschwindeste unter den Vögeln, Leicht im Schwunge des Flugs der schüchternen Taube sich nachstürzt. Seitwärts flüchtet sie bang; dicht hinter ihr stürmt er beständig Nach mit hellem Geschrei und brennt vor Begier sie zu fangen.“
Auch im Sagenkreis der Argonauten erscheint die Taube als der schnellste Vogel. Das Schiff Argo war, wie der Name sagt, wunderbar schnell, und als es auf seiner Fahrt zwischen zwei zusammenschlagenden Felsen hindurchfahren sollte, sandten die Schiffer auf den Rat des greisen Sehers Phineas zuvor eine Taube aus; wenn diese unverletzt hindurchflog, hofften die Helden ebenfalls unversehrt durchzukommen. So verderblich seien diese Felsen, heißt es in der Odyssee, daß selbst die geschwinden Tauben ihnen nicht immer entgehen und Vater Zeus, dem sie Ambrosia bringen, die verlorenen durch andere ersetzen muß. Daß nun die Schiffer Tauben bei sich hatten, um sie von ihrem Schiffe aus fliegen zu lassen, beweist, daß man also schon im hohen Altertum solche gefangene und noch nicht gezähmte Tiere zur Bestimmung des nächstgelegenen Landes oder als Opfer mit sich nahm. Solches taten wie die Griechen so auch die Phönikier, wie wir u. a. auch aus der später zu würdigenden Tatsache von den weißen Tauben auf der Flotte der Perser unter Xerxes wissen, die nach deren Scheitern am Vorgebirge Athos freikamen und von den Anwohnern eingefangen wurden.
In der Ilias wird das böotische Thisbe und das lakedämonische Messe als taubenreich, wie bei Äschylos die Insel Salamis als taubennährend, bezeichnet. Bei den Spielen bei der Beerdigung seines Freundes Patroklos läßt Achilleus eine lebendige, an die Spitze des Mastbaums gebundene Taube als Ziel aufstellen. Nach diesem schießt zuerst der gefeierte Bogenschütze Teukros; da er aber vergessen hatte, dem Apollon sein Gelübde zu tun, trifft er nur die Schnur, und die nun befreite Taube strebt kreisend zum Himmel empor. Da ergreift Meriones schnell den Bogen, betet und holt den flüchtigen Vogel mit dem Pfeil aus der Höhe herunter.
Außer der Felsentaube _peleiás_ unterschieden die alten Griechen von Wildtauben noch die Hohltaube _oinás_, die Ringeltaube _pháps_ und die Turteltaube _trygṓn_, während sie die später erhaltene Haustaube als _peristerá_ bezeichneten. Demgemäß nannten sie das Taubenhaus _peristereṓn_ oder _peristerotropheíon_, wie uns der gelehrte Varro berichtet. Dieser Name der Haustaube tritt uns erst in der späteren attischen Sprache entgegen, während die Dorier fortfuhren, peleiás zu sagen. Wie kamen nun die Griechen zu diesem Haustier, das erst gegen das Ende des 5. vorchristlichen Jahrhunderts in Athen eine gewöhnliche Erscheinung wurde?
Die wilde Felsentaube ist in Westasien in Verbindung mit dem Kult der Liebesgöttin allmählich in die Abhängigkeit des Menschen geraten und zum Haustier erhoben worden. Bevor wir uns klar zu machen suchen, wo dies vermutlich geschah, wollen wir das freilebende Tier in seinen Lebensgewohnheiten kennen lernen. Die Felsentaube bewohnt die Felsküsten der Mittelmeerländer und ganz Westasien, von Kleinasien und Syrien bis Indien und China; sie geht tief nach Afrika hinein bis Abessinien und reicht östlich bis zu den Kapverdischen Inseln im Süden und Schottland im Norden. Auf diesem ungeheuren Gebiet hat sie als Ausdruck ihrer Anpassungsfähigkeit eine große Anzahl von Lokalformen gebildet, wodurch sich die Spaltung in zahlreiche Rassen nach ihrer Domestikation begreifen läßt. Überall in ihrem Verbreitungsgebiet ist sie Standvogel und nistet stets in dunkeln Felslöchern, niemals auf Bäumen, wie Hohl-, Ringel- und Turteltauben. In Färbung des Gefieders, Lebensweise und Betragen weicht die Felsentaube wenig von unserer primitiven Haustaube, der sogenannten Feldtaube, ab. Sie ist auf der Oberseite hell aschgrau, auf der Unterseite mohnblau, der Kopf hell schieferblau, der Hals bis zur Brust dunkel schieferfarben, oben hell blaugrün, unten purpurfarben schillernd. Die Lendengegend ist weiß; doch ist dieses Merkmal nicht so konstant wie die beiden ziemlich breiten schwarzen Querbinden auf den Flügeln. Die Flügel sind aschgrau, der Schwanz ist dunkel mohnblau, am Ende schwarz; die äußersten Federn desselben sind weiß. Das Auge ist schwefelgelb, der Schnabel schwarz, an der Wurzel lichtblau, der Fuß dunkel blaurot. Die beiden Geschlechter sind in der Färbung wenig verschieden, die Jungen aber dunkler als die Alten.
Die Felsentaube ist gewandter, namentlich behender im Fluge als ihre domestizierten Abkömmlinge, die Feldtauben, und sehr menschenscheu. Sie geht nickend, fliegt klatschend ab, durchmißt mit pfeifendem Geräusch etwa 100 _km_ in der Stunde, steigt gern empor und kreist oft längere Zeit in dicht geschlossenen Schwärmen; denn sie liebt die Geselligkeit im Gegensatz zu der nur in einzelnen Pärchen lebenden und nie sich zu größeren Schwärmen zusammenfindenden baumbewohnenden Ringel-, Hohl- und Turteltauben. Beim Nahrungsuchen läuft sie stundenlang auf dem Boden herum; beim Trinken watet sie bisweilen ein bischen ins Wasser hinein. Sie lebt von allerlei Sämereien und nistet dreimal im Jahre. Mit Beginn des Frühlings wirbt der Tauber sehr eifrig rucksend unter allerlei Bücklingen und Drehungen um ein Weibchen, dem er die größte Zärtlichkeit bekundet, während er gegen andere Genossen zänkisch und unverträglich ist. Erwidert sie seine Gefühle und ist damit die Ehe zustandegekommen, so sammelt er allerlei trockene Pflanzenstengel und dürre Halme, mit denen die Täubin das Nest baut, in das sie zwei glattschalige, rein weiße Eier legt. Beide Geschlechter brüten, die Täubin von 3 Uhr nachmittags bis 10 Uhr vormittags ununterbrochen, der Täuberich dagegen in den übrigen Stunden. Nachts schläft letzterer in der Nähe des Nestes, immer bereit, die Gattin zu beschützen, und duldet nicht einmal, daß sich ihr eine andere Taube nähert. Nach 16-18 Tagen schlüpfen die äußerst unbehilflichen, blinden Jungen aus, die in der ersten Zeit von beiden Eltern mit dem im Kropfe gebildeten Futterbrei ernährt werden, um dann später erweichte, endlich härtere Sämereien nebst Steinchen als Reibemittel für den muskulösen Kaumagen zu erhalten. Schon nach vier Wochen sind sie erwachsen, schwärmen mit den Alten aus, machen sich in wenigen Tagen selbständig, und die Eltern schreiten alsbald zur folgenden Brut. Jung aus dem Neste genommene Felsentauben benehmen sich ganz wie Feldtauben, befreunden sich mit dem Menschen, sind aber nicht so untertänig wie Haustauben.
Da es zahlreiche Rassen der Haustaube gibt, die im einzelnen sehr starke Abweichungen in der äußeren Erscheinung erkennen lassen, so war unter den Züchtern früher die Annahme allgemein verbreitet, daß mehrere wilde Stammarten angenommen werden müssen. Indessen haben die umfassenden Untersuchungen von Charles Darwin diese Frage endgiltig gelöst und festgestellt, daß sie alle von der Felsentaube abstammen, die schon im Freileben so veränderlich ist, daß man, wie gesagt, mehrere geographische Rassen von ihr unterscheidet. Er führt eine Reihe von Gründen an, die ausschlaggebend für die Abstammung aller unserer Taubenrassen von der Felsentaube sprechen. Wenn auch unsere Haustauben in Einzelehe leben, haben sie wie die wilde Stammart einen starken Hang zur sozialen Lebensweise, vermeiden es wie diese auf Bäume zu fliegen oder gar ihre Nester auf denselben anzulegen, sondern verlangen vielmehr für ihre Nistplätze halbdunkle, unzugängliche Orte. Alle Haustauben betragen sich wie die Felsentaube und legen wie diese je zwei Eier. Bei allen Rassen derselben treten gelegentlich mohnblau wie die Wildform gefärbte Individuen mit dem charakteristischen Metallschimmer am Halse und den schwarzen Flügelbinden auf. Darwin hat ausgedehnte Kreuzungsversuche bei verschiedenen Haustaubenrassen gemacht und dabei häufig bei den Nachkommen schwarze Flügelbinden auftreten sehen, auch wenn die Zuchttiere keine Spur davon erkennen ließen. Durch Kreuzung mancher Schläge, die durchaus kein Blau in ihrem Gefieder besaßen, erhielt er Nachkommen von blauer Färbung und Zeichnung, die als vollständige Rückschläge in die Felsentaube erschienen. Die Felsentaube kreuzt sich fruchtbar mit den Haustaubenschlägen und letztere kreuzen sich unter sich, was ebenfalls für die Felsentaube als gemeinsame Ausgangsform hindeutet. Schon bei den wilden Felsentauben tritt gelegentlich Leucismus auf, der dann bei manchen der vom Menschen gezüchteten Schläge überwiegt.
Dieses Auftreten der weißen Farbe hält Ed. Hahn für sehr wichtig, indem Tauben dadurch zuerst die Aufmerksamkeit, den Schutz und später die Pflege des Menschen erworben haben sollen. Er sagt in seinem Buch über die Haustiere und deren Beziehungen zum Menschen: „Bei keinem Tier ist es so deutlich, daß seine Einführung mit religiösen Momenten zusammenhängt, und bei keinem Tier lassen sich so leicht die ursprünglichen Bedingungen der Einführung feststellen. Grotten und Felshöhlen, aus denen vielleicht noch ein starker Quell entspringt, gehören zu den ursprünglichsten Heiligtümern; dies sind Stellen, die die Taube mit besonderer Vorliebe bewohnt, und so scheu sie sonst ist, oft mit merkwürdiger Nichtachtung des menschlichen Verkehrs auch trotz aller Störungen innebehält. Jede Gottheit nimmt die Tiere, die sich ihr freiwillig anvertrauen, in ihren Schutz. Fanden sich nun einmal unter den Tauben einige Albinos, so war die weiße, lichtglänzende Verkörperung der Gottheit von selbst gegeben, und daß die Taube mit ihrer äußerst verliebten Natur der Göttin der Liebe geweiht wurde, ist ebenso selbstverständlich. Ich glaube sogar sagen zu können, daß die Taubengestalt in so alter Zeit sich mit der Vorstellung, unter der man sich die Gottheit des weiblichen Prinzips verkörpert dachte, verband, daß sie von sehr bedeutendem Einfluß auf die Ausgestaltung dieses weiblichen Prinzips selbst gewesen ist; bekanntlich wurde Semiramis, die nur eine spezialisierte Form der großen Göttin darstellt, aus einem großen Ei am Ufer des Euphrat von den Tauben ausgebrütet (Diodor II, _c._ 4; später flog sie als Taube gen Himmel, _c._ 20). Schon in ältester Zeit hat die Taube sich als heiliger Vogel der Göttermutter durch den ganzen Orient verbreitet. Die Phönizier brachten sie so weit sie den Kult ihrer Götter trugen, z. B. nach dem Berge Eryx in Sizilien, und mit der Leichtigkeit, mit der sich der heilige Vogel wieder an anderen Stellen festsetzte, gab er dann seinerseits Grund zu neuen Heiligtümern der Venus. An eine Benutzung des Vogels, etwa zur Speise, war in solchen Fällen natürlich nicht zu denken, stand er doch unter dem unmittelbaren Schutz der Göttin. Erst sehr viel später lernte man den Vogel auch als Braten schätzen; hier waren es wohl die Römer zuerst. Doch ging die Idee des Zusammenhangs des Vogels mit der Venus nicht gleich ganz verloren; das beweist uns Martial (der in einer seiner Xenien sagt: ‚Nicht soll diesen Vogel essen, wer geil zu sein begehrt‘).“