Kulturgeschichte der Nutztiere

Part 37

Chapter 373,512 wordsPublic domain

Sehr viel häufiger finden wir dagegen die Gans bei den Römern erwähnt, bei denen sie als Nutztier eine erhebliche Bedeutung besaß. Der römische Ackerbauschriftsteller Columella im 1. Jahrhundert n. Chr. schreibt von ihr in seinem Buche über Landwirtschaft: „Die Gans wird vom Landmann sehr gern gehegt und gepflegt, weil man sich mit ihr nicht viel Mühe zu geben braucht und weil sie sorgfältiger wacht als ein Hund; denn sie verrät durch ihr Geschrei den Spitzbuben ganz sicher, wie sie denn einmal durch ihre Wachsamkeit das Kapitol (vor dem Überfall durch die Gallier oder Kelten) gerettet hat. Zur Gänsezucht gehört übrigens Wasser und viel Gras; auf Saatfeldern darf sie nicht weiden, denn sie reißt da die zarten Pflänzchen ab. Sie liefert nicht bloß Junge, sondern auch Federn, die man jährlich zweimal, im Frühling und Herbst, ausrupfen kann. Auf drei Gänse hält man einen Gänserich. Gewöhnlich beschränkt man die Zahl der Gänse auf wenige. Will man aber ganze Herden davon halten, so muß man einen See oder Teich oder Fluß für sie haben. Man baut dann für sie allein einen Hof, umgibt ihn mit einer neun Fuß hohen Mauer, diese an der Innenseite mit einem Gang, der ein Dach hat und eine Wohnung für den Wärter enthält. Rings im Gange werden für einzelne Gänse steinerne Verschläge gebaut, wovon jeder drei Fuß im Geviert mißt und eine feste Türe hat.

Außer dem Wasser müssen die Gänse auch Wiesen haben, ferner müssen Äcker für sie bestimmt sein, welche mit Wicken, Klee, sogenanntem griechischem Heu (Bockshornklee), vorzüglich aber mit Salat und einer Art Zichorie, welche die Griechen _seris_ nennen, besät sind; denn diese weichen Blätter fressen die Gänse besonders gern und sie bekommen den Jungen vortrefflich. Man hält womöglich nur weiße Gänse, da sie die besten sind. Das Brüten beginnt im Februar oder März. Läßt man eine Gans nicht brüten, so legt sie jährlich zu drei verschiedenen Zeiten Eier, erst fünf, dann vier, dann drei. Man läßt die Eier am liebsten von Haushühnern ausbrüten, auch die Jungen von diesen oder von den Gänsen selbst führen. Zur Legezeit muß man gut auf die Gänse aufpassen und diejenigen, bei welchen man das erste reife Ei fühlt, einsperren, bis sie gelegt haben. Hat man das beim ersten Ei getan, so sucht dann die Gans für jedes andere dasselbe Nest wieder auf. Einem Haushuhn darf man nur drei bis höchstens fünf Gänseeier unterlegen, der Gans selbst 7 bis 15. Unter das Neststroh muß man Nesseln mischen; dadurch beugt man vor, daß später die jungen Gänschen nicht sterben, wenn sie von Nesseln gestochen werden. Gewöhnlich kriechen die Gänschen am 30. Tage aus dem Ei, bei warmem Wetter auch früher. Wie bei andern jungen Tieren, so muß auch bei den Gänschen dafür gesorgt werden, daß sie keine Natter, keine Otter, keine Katze, kein Wiesel anhauchen kann, geschieht es doch, so sind die zarten Wesen unrettbar verloren.“ Selbstverständlich ist letzteres eine abergläubische Ansicht, wie solche bei den Römern wie bei den andern Völkern des Altertums sehr zahlreich verbreitet waren.

Es gab damals bei den Römern, wie uns der gelehrte Varro zu Ende der Republik berichtet, eigentliche Gänsezüchtereien, die man mit dem griechischen Worte _chēnoboskeíon_ bezeichnete. „Scipio Metellus und Marcus“, fährt dieser Autor fort, „besitzen große Gänseherden. Sejus schaffte große und weiße an; er hoffte von ihnen eine ebensolche Nachkommenschaft zu ziehen. Es gibt auch eine bunte (graue) Gänserasse, die man die wilde nennt, die sich nicht gern mit zahmen zusammentut und nicht leicht zahm wird. Man füttert sie mit der speziell für sie angepflanzten _seris_ oder mit Gerste oder anderem Getreide oder gemischtem Futter. Zur Mast nimmt man Junge von 4 bis 6 Monaten, sperrt sie in einen Verschlag, gibt ihnen eine mit Wasser naßgemachte Mischung von Gerstengraupen und Mehl, so daß sie sich täglich dreimal sättigen können, und nach dem Fressen reichlich zu saufen. Auf solche Weise müssen sie in drei Monaten fett sein. So oft sie gefressen haben, wird ihr Verschlag gereinigt; denn sie verlangen, daß er rein sei.“

Schon bei den Feinschmeckern des alten Rom galt die Leber gemästeter Gänse als Leckerbissen. So schreibt der Dichter Horaz in einer seiner Satiren: „Um eine delikate, große Gänseleber auftischen zu können, werden die Tiere mit Feigen gemästet.“ Juvenal sagt: „Die Leber der Gans wird so groß wie die Gans selbst“, und Martial ruft einmal aus: „Da, sieh, eine Gänseleber, die größer ist als eine große Gans! Woher stammt denn diese?“ Der ältere Plinius bemerkt in seiner Naturgeschichte: „Die Römer sind pfiffiger (als die Griechen) und schätzen die Gänse weniger wegen ihrer Liebe zur Philosophie als wegen ihrer wohlschmeckenden Leber. Werden sie gemästet, so wird die Leber außerordentlich groß und nimmt an Umfang noch zu, wenn man sie in eine Mischung von Milch und Honig legt. Es ist eine wichtige Frage, wer zuerst diese köstliche Entdeckung gemacht hat, ob der Konsular Scipio Metellus oder dessen Zeitgenosse, der Ritter Marcus Sejus. Das ist dagegen unbestreitbar, daß Messalinus Cotta, Sohn des Redners Messala, die Erfindung gemacht hat, Gänsefüße zu rösten und nebst Hahnenkämmen einzumachen.“

Im ersten Jahrhundert n. Chr. lernten die Römer noch ein weiteres neues Produkt durch die Germanen kennen, nämlich die Daunen als überaus weiches und angenehmes Polstermaterial. Die Kulturvölker des Mittelmeers hatten vorher augenscheinlich diese Verwendung noch nicht gekannt. Wollte man weich sitzen oder liegen, so mußte man eben mehrere Decken oder Felle aufeinander legen. Im verweichlichten Orient kamen dann Hasenhaare und Rebhuhnfedern als Polstermaterial für Kissen auf, und als der aus Syrien stammende Kaiser Heliogabalus diese morgenländische Sitte nach Rom verpflanzte, unterläßt es sein Biograph Lampridius nicht, diese luxuriöse Neuerung anzuführen. Da lehrten die Feldzüge nach Germanien, besonders am Niederrhein, die Römer die Gänsedaunen als ein ganz besonders feines Polstermaterial kennen, und sie benutzten sie als solches gern. Der vorhin erwähnte ältere Plinius schreibt in seiner Naturgeschichte: „Einen andern Vorteil (als die Leber) zieht man aus den Federn der weißen Gänse. An manchen Orten rupft man sie zweimal des Jahres und sie bekommen doch wieder neue Federn. Der weichste Flaum sitzt der Haut am nächsten, der beste aber kommt aus Germanien. Die dortigen Gänse sind weiß, klein, heißen _gant_ (Gans) und das Pfund ihrer Federn kostet 5 Denare (= 3 Mark). Daher kommt es, daß die Offiziere der dort stehenden römischen Hilfstruppen so oft angeklagt werden, ganze Kohorten auf die Gänsejagd statt auf die Wache zu schicken. So sehr sind wir nun schon verweichlicht, daß sogar Männer kaum schlafen können, wenn ihr Kopf nicht auf einem Kissen aus Gänseflaum ruht.“ Bis auf den heutigen Tag ist ja das Schlafen in Federbetten eine mehr nordische Sitte geblieben, die den in einem wärmeren Klima lebenden Südländern nicht zusagte, sonst hätten die Römer am Ende auch diese Gewohnheit den Germanen am Niederrhein entlehnt.

Dagegen kannte das Altertum noch nicht den Gebrauch der Gänsefeder zum Schreiben, die bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts in ganz Europa dazu üblich war. Es benutzte dafür das Schreibrohr, den _Kalamós_ der Griechen, den die Römer als _calamus_ übernahmen, der dann später als _Kelâm_ zu den Arabern gelangte und von ihnen bis auf den heutigen Tag gebraucht wird. Erst der Anonymus Valesii, zur Zeit des Ostgotenkönigs Theodorich, erwähnt als Schreibinstrument auch die _penna_, d. h. Feder, die mit Vorliebe von den Flügeln der Gans genommen wurde. Dann erwähnen Isidorus Hispalensis, der als Bischof von Sevilla in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts n. Chr. lebte, ebenso der um 670 n. Chr. lebende Paulus von Ägina Gänsefedern zum Schreiben. Von da an war sie in ganz Europa bis in die Neuzeit im Gebrauche.

Wegen ihrer Wachsamkeit wurden im Altertum auf dem Kapitol neben Hunden auch Gänse gehalten. Letztere waren nach Livius und Diodorus Siculus der Juno geweiht und weckten die eingeschlafenen Schildwachen, als einst Gallier das Kapitol belagerten und heimlich bei Nacht am Felsen hinaufkletterten. Zum Dank für jene Rettung vor Überfall wurden nach Servius „jährlich am selbigen Tage mit Gold und Purpur geschmückte Gänse auf Sänften in Rom zur Schau herumgetragen, während die Hunde, die den Feind nicht verraten hatten, ans Kreuz geschlagen wurden“. Nach Plinius war es die erste Sorge der Zensoren, einen Vertrag mit den Leuten zu schließen, welche die Fütterung der heiligen Gänse auf dem Kapitol übernehmen wollen. Derselbe Autor sagt dann auch: „Die Gans verliebt sich mitunter in Menschen; so ist der Knabe Ägius zu Olenus von einer solchen und von einer andern Glauce, die Spielerin der Kithara am Hofe des Königs Ptolemäus, geliebt worden. Die Gänse scheinen sogar für Weisheit empfänglich zu sein, denn es bezeugte eine dem Philosophen Lakydes eine solche Anhänglichkeit, daß sie ihn nirgends, weder auf der Straße, noch im Bade, weder bei Nacht, noch bei Tag verließ.“ Solche Beispiele ließen sich auch aus der Gegenwart in größerer Zahl anführen.

Bei den Kelten und Germanen war die Gans in einer kleineren, weniger hochgezüchteten Art schon vor ihrem Bekanntwerden mit der römischen Kultur vorhanden. Wir erwähnten vorhin den Passus bei Plinius, der von der Gesuchtheit der Daunen der germanischen Gänse als Polstermaterial für die Kopfkissen der Römer berichtet. So hat auch Gudrun in der Edda ihre Gänse auf dem Hof, und diese schrieen hell auf, als ihre Herrin am Leichnam Sigurds laut jammerte:

Und hell aufschrieen Die zierlichen Vögel, Im Hofe die Gänse, Die Gudrun zog.

Nachdem sie im Herbste fett geworden waren, wurden sie, da man sie nicht vollzählig überwintern konnte, zum größten Teil geschlachtet und dem Gotte Thor zu Ehren gegessen. Als der heilige Martin den letzteren bei der Christianisierung der Germanen ablöste, verspeiste man sie dem letzteren zum Gedächtnis. Noch heute ist bei uns die Martinsgans in Ehren. In Norddeutschland wird die gerupfte und ausgenommene Gans wie das Schweinefleisch seit alter Zeit geräuchert, um sie so in den Winter hinein aufbewahren zu können.

Die Veränderungen, die unsere Hausgans gegenüber der Wildgans erlitt, sind eigentlich unbedeutend. Ihr Gang ist infolge des erhöhten Gewichtes schwerfälliger geworden und ihre Flugfähigkeit hat sich bedeutend vermindert, der Rumpf wurde etwas tiefer gestellt und der Schwanz kürzer als bei der Graugans. Auch die Färbung wurde bei den grau gebliebenen Schlägen einfacher in der Zeichnung. Eine solche graue Art von bedeutender Schwere ist die ~Toulouser Gans~, die oben dunkelgrau und unten hellgrau ist, mit fleischfarbenem Schnabel. Eine kleine Varietät derselben mit struppigen, gekräuselten oder gelockten Federn, deren dünner Schaft eine zerschlissene Fahne besitzt, ist die ~Sebastopol-~ oder ~Struppgans~. Die meisten europäischen Abarten besitzen als Folge des durch Domestikation weit gediehenen Leucismus ein rein weißes Gefieder, einen gelbroten Schnabel, hellblaue Iris und orangefarbene Füße, so die ~Emdener Gans~ und die durch ihre Größe ausgezeichnete ~pommersche Gans~.

Mit den Europäern haben die Hausgänse sich auch in die von jenen kolonisierten Länder verbreitet, so besonders nach Nordamerika. Dieses Land hat aus seinem reichen Bestand von wilden Gänsen in der Folge ebenfalls eine zur Domestikation geliefert. Es ist dies die ~Kanadagans~ (_Anas canadensis_), deren von wild lebenden Tieren ausgenommene Eier mehrfach von Hausgänsen europäischen Ursprungs ausgebrütet wurden. So war es nicht schwer Zuchtmaterial von ihr zu erhalten. Doch gelang es nur, wenn diese Tiere ganz jung waren, sie untereinander fortzupflanzen. Für die Volkswirtschaft hat aber das Tier, das keine Vorzüge vor der Hausgans europäischen Ursprungs darbietet, durchaus keine Bedeutung erlangt und wird in seiner Heimat, wie auch bei uns, meist nur als Ziervogel auf größeren Teichen gehalten. Da niemand auf seine Fortpflanzung achtete, wird es immer wieder erloschen sein, um dann später gelegentlich neu aufzutauchen. So erwähnt es schon Willoughby 1676 als im Besitze König Jakobs I. befindlich. Bald danach berichtet Edwards, daß sich der Vogel in der Gefangenschaft fortgepflanzt habe. In neuerer Zeit scheint dies öfter vorzukommen. Doch ist dies alles aus obengenannten Gründen bedeutungslos geblieben. Der Vogel hat eben keinen praktischen Wert für die Züchter.

Ganz anders steht es mit der ~chinesischen Gans~, die von der ostasiatischen wilden ~Höcker-~ oder ~Schwanengans~ (_Anas cycnoides_) abstammt, aber sich von ihr dadurch unterscheidet, daß ihr jede Spur eines Höckers an der Schnabelwurzel fehlt, den besonders das Männchen der wilden Art sehr ausgeprägt zeigt. Sonst ähnelt der wilde Vogel in der Färbung unserer Märzgans. Der zahme Vogel zeigt aber meist die auch von der domestizierten Märzgans angenommene weiße Farbe; dabei weist das Männchen oft noch eine Art Kehlsack auf. Die chinesische Hausgans nimmt in ihrer Heimat China, weniger in Japan, ungefähr die Stellung der Hausgans bei uns ein. Hier geht, besonders im Süden, die Ente bedeutend an Wichtigkeit vor. Schon im 16. Jahrhundert wurde sie von den Portugiesen unter dem Namen spanische Gans oder -- nach dem Wege über Afrika -- Guineagans nach Europa gebracht. Doch hat sie hier nicht die Verbreitung gefunden, die sie verdient. Nur in Rußland, besonders im Süden, war sie schon im 18. Jahrhundert recht verbreitet. Sie war dahin auf dem Karawanenwege gelangt, wurde hier aber in der Folge stark mit der europäischen Hausgans gekreuzt, so daß die Vögel durchgängig gemischten Blutes sind. Hier benutzt man sie mit Vorliebe zu den Gänsekämpfen, die besonders dadurch possierlich werden, daß jedem der kämpfenden Männchen das Weibchen sekundiert. Neuerdings ist die chinesische Gans auch mit der kanadischen gekreuzt worden.

Viel später als die Erwerbung der Gans als Haustier erfolgte diejenige der ~Ente~, die erst in historischer Zeit domestiziert wurde, und zwar wie die Gans sowohl in Europa, als auch in China in durchaus selbständiger Weise. Die alten Ägypter, Assyrer, Inder und homerischen Griechen besaßen sie so wenig als die älteren Römer. Erst vom Ende des 2. vorchristlichen Jahrhunderts an scheinen sie die Römer und dann auch die Griechen mit andern Schwimmvögeln zusammen in besonderen Teichen gehalten zu haben. So schreibt der römische Ackerbauschriftsteller Columella etwa um 60 n. Chr.: „Im Entenpark hält man Enten (_anas_), Knäkenten (_querquedula_), Kriekenten (_boscas_), Wasserhühner und ähnliche Wasservögel. Das Ganze umgibt man mit einer 15 Fuß hohen Mauer, deckt es mit einem weitmaschigen Netz (damit keiner der Insassen hinaus und kein Raubvogel hinein könne, sagt an einer ähnlichen Stelle Varro), gräbt in der Mitte einen Teich von zwei Fuß Tiefe, der immer frisches Wasser erhält und dessen Ufer allmählich abwärtsgehen und mit Mörtel ausgestrichen sind. Rings am Ufer hin ist der Boden des Teiches gepflastert, in der Mitte dagegen besteht er aus Erde und ist daselbst mit Wasserpflanzen besetzt, unter welchen sich die Vögel verbergen können. Der Platz außerhalb des Teiches ist mit Gras bewachsen. Zum Nisten sind am Fuße der Mauer je einen Fuß ins Geviert haltende Zellen aus Stein gebaut, die von Buchs- und Myrtenbäumchen beschattet werden. Das Futter wird in einen besonderen flachen Wasserkanal geworfen. Am liebsten fressen sie die Körner der verschiedenen Hirsearten, aber auch Gerste. Hat man Eicheln und Weintrester, so gibt man auch diese. Ebenso sind Abgänge von Fischen, Krebse und kleine Wassertiere dienlich. Das Eierlegen beginnt im März. Zu dieser Zeit wirft man Hälmchen hin, aus denen sie ihre Nester bauen. Übrigens verfahren manche Leute beim Anlegen eines Entenparks so: sie lassen an Sümpfen Eier von wilden Enten sammeln und diese von Haushühnern ausbrüten. Solche nisten dann leicht in der Gefangenschaft, alt eingefangene dagegen nicht gern.“ Dieses letztere Verfahren, die Eier wilder Enten zu sammeln und sie durch Haushühner ausbrüten zu lassen, beweist, daß damals die Domestikation dieses Vogels erst im Gange war; auch muß die Flugfähigkeit desselben noch nicht vermindert gewesen sein, daß man Netze über die Ententeiche spannte.

Wie die Gans muß auch die Ente irgendwo in Mitteleuropa von germanischen Stämmen in Pflege genommen worden sein; noch in späterer Zeit sagt der Bischof Isidor von Sevilla, daß die bevorzugte Zuchtrasse der Enten eine deutsche sei. Sie hieß althochdeutsch _anut_, angelsächsisch _ened_, altnordisch _önd_, lateinisch _anas_, _anatis_, griechisch _nēssa_ (wohl aus _nētia_), sanskrit _âti_ (für _anti_). Diese gemeinsame indogermanische Bezeichnung bezieht sich natürlich auf die Wildente und nicht auf die gezähmte. Nur erstere war dem Urvolke vor seiner Zerstreuung bekannt. Die Wildente, welche die Stammform unserer Hausente bildet, ist die ~Stockente~ (_Anas boscas_), deren Verbreitungsgebiet ganz Europa und Nordafrika, dann Asien und Amerika bis Mexiko umfaßt. Vom Norden wandert sie im Herbst nach dem wärmeren Süden, bleibt aber schon in Süddeutschland oft auch im Winter innerhalb ihres Brutgebiets wohnen. Sie liebt als Aufenthaltsort schilf- oder riedbedeckte Seen und Teiche, in denen sie sich verbergen kann, nicht aber offene Gewässer. Ihre Lebensweise gleicht durchaus derjenigen ihrer Nachkommin, der Hausente, nur ist sie in allen ihren Bewegungen gewandter als diese. Zum Nestbau sucht sie eine ruhige, trockene Stelle unter Gebüsch oder andern Pflanzen aus und legt in das kunstlose Nest 8-16 längliche, hart- und glattschalige grauweiße Eier, die von denen der Hausente nicht unterschieden werden können. Die Jungen werden nach dem Ausschlüpfen noch einen Tag im Neste erwärmt und sodann dem Wasser zugeführt. Die ganze Pflege übernimmt die Mutter; der buntgefärbte Vater kümmert sich nicht mehr um sein Weibchen, sobald es zu brüten beginnt, sondern verläßt es, um mit seinesgleichen in Gesellschaften sich bald hier, bald dort umherzutreiben. Da das Wildbret der Stockente vorzüglich ist, wird von jeher eifrig auf sie Jagd gemacht. Und als man die in bezug auf Fleischmenge ausgiebigere Gans gezähmt hatte, lag es nahe, auch die Wildente aus junger Brut oder Hausgänsen unterlegten Eiern zu gewinnen.

Trotzdem die Ente kürzere Zeit Haustier ist als die Gans, haben sich von ihr mehr Varietäten gebildet, als von letzterer. Indessen betreffen die Abänderungen weniger die Körperform als die Färbung des Gefieders. Die Neigung zu Weiß- und Schwarzfärbung macht sich bei ihr stark geltend; doch kommen bei allen zahmen Entenvarietäten Individuen mit Wildentenfärbung vor. Der Stockente im Gefieder am ähnlichsten ist die namentlich in der Normandie rein fortgezüchtete ~Rouenente~. Sie kommt auch in weißer Färbung vor und erreicht ein bedeutendes Gewicht. Rein weiß oder fahlgelb ist die durch eine Haube auf dem Kopfe ausgezeichnete ~Kaiserente~, die bei guter Fütterung ein Gewicht von 3,5-4 _kg_ erreicht. Rein weiß ist die ~Aelesburyente~, die in großartigem Maßstabe in der englischen Grafschaft Buckingham gezüchtet wird und ihres schmackhaften Fleisches und der feinen Federn wegen auf dem Markt in London sehr gesucht ist. Weiß mit gelblichem Anflug ist die auch bei uns öfter gezüchtete ~Pekingente~. Diese chinesische Hausente wurde selbständig in Ostasien von der dort heimischen Wildente gewonnen, und zwar scheint bei den Chinesen die Entenzucht weit älter als in Europa zu sein. Sie wird von ihnen an den Ufern der Flüsse, Kanäle und Stauseen seit alter Zeit in großem Maßstabe mit außerordentlicher Sorgfalt betrieben. Die überaus interessante Zucht, bei welcher gewöhnlich zehn Enten auf einen Enterich gehalten werden, wird größtenteils an Bord ausgedienter Schiffe geübt. Das ganze Schiff ist mit den Käfigen der Enten besetzt, die im ganzen nur wenig Futter erhalten und deshalb wesentlich darauf angewiesen sind, ihre Nahrung im Wasser und an den Ufern zu suchen. Je nachdem nun die Nahrung reichlicher zu Gebote steht, wechselt der schwimmende Stall seinen Ankerplatz. Dabei wird bei den Pfleglingen strengste Disziplin geübt, indem beim abendlichen Gongsignal, das die Enten in ihre Ställe zurückruft, die zuerst heimkehrenden Enten Reis als Belohnung, die letzten dagegen Hiebe mit dem Bambusstab erhalten. Dabei haben die Chinesen zur Erleichterung ihrer Entenzucht selbständig eine Methode zur künstlichen Ausbrütung der Eier gefunden. Diese wird in besondern Anstalten in der Weise ausgeübt, daß man Spreu erwärmt und mit Enteneiern in große Korbe bringt, die auf Etagen gelegt und in besondern Räumen mit heißer Asche oder Kohlentöpfen erwärmt werden. Überall in Südchina wird dieses Brutgeschäft im großen betrieben und werden die herangezogenen Enten an Händler verkauft, welche oft Hunderte derselben in den vorgenannten Entenschiffen halten und die erwachsenen Vögel an Lebensmittelverkäufer absetzen. Sowohl die vornehmeren Chinesen, als auch die niedern Volksklassen konsumieren das Entenfleisch mit Vorliebe, sei es frisch, sei es eingesalzen oder an der Luft getrocknet. Mit letzterer Konservierungsmethode beschäftigen sich größere Etablissements, die die volkreichen Städte mit diesem beliebten Nahrungsmittel versorgen. Daneben werden auch sehr viel Enteneier, wie bei uns die Hühnereier, gegessen, meist aber erst, wenn sie durch längeres Liegen in Salzwasser innerlich ganz schwarz geworden sind und pikant schmecken. Tatsächlich sollen die so präparierten Enteneier auch für den europäischen Geschmack sehr angenehm sein. Auch die ~japanische Ente~ ist in hohem Maße auf Eierertrag gezüchtet worden und legt 80-90 Eier jährlich. Sie ist in der Färbung wildentenartig, gleicht der Rouenente und eignet sich auch wegen ihrer Größe und Widerstandsfähigkeit zur Zucht. Sie kam 1878 nach Europa.

Die in den Männchen prächtig geschmückte ostasiatische ~Mandarinenente~ (_Aix galericulata_) wird in China öfter gezähmt gehalten, ist aber dort noch nicht zum Haustier geworden. Bei uns ist sie mit andern buntgefärbten Arten eine Zierde der Zoologischen Gärten und wird so nach und nach völlig domestiziert werden. Dies ist auch mit der in den Männchen wunderschön gefärbten, über ganz Nordamerika verbreiteten ~Brautente~ (_Lampronessa sponsa_) der Fall, die sich auf unsern Weihern fest eingebürgert hat. Sie vereinigt in sich alle Eigenschaften, die einem Schwimmvogel unsere Zuneigung gewinnen können. An die Gefangenschaft gewöhnt sie sich schneller als irgend eine andere Ente; selbst die alt Eingefangenen lernen sich bald in die veränderten Verhältnisse fügen, in ihrem Wärter den wohlwollenden Pfleger erkennen, lassen sich bereits nach kurzer Haft herbeilocken und können eher als andere zum Aus- und Einfliegen gewöhnt werden, pflanzen sich auch regelmäßig in der Gefangenschaft fort, sobald ihnen nur eine passende Gelegenheit dazu geboten wird. Da ihr Wildbret vom September an bis zum Eintritt des Winters köstlich ist, wird ihr überall in ihrer Heimat nachgestellt und kommt sie dort zu Tausenden auf den Markt. Als Parkvogel verdient sie den Vorzug vor sämtlichen fremdländischen Verwandten nicht bloß deshalb, weil sie alle an Schönheit übertrifft, sondern auch, weil sie sich leichter als alle andern zur Fortpflanzung bringen läßt.