Kulturgeschichte der Nutztiere
Part 33
Weiterhin sagt Plinius: „Zu religiösen Zwecken hält man Hähne und Hühner mit gelben Füßen und gelbem Schnabel nicht für rein, zu geheimen Opfern die schwarzen. Es gibt auch Zwerge unter den Hühnern, und zwar fruchtbare, was bei andern Vögeln nicht der Fall ist.“ Natürlich war man in der Kaiserzeit, zu der ja Plinius lebte, nicht mehr so von der Heiligkeit dieses Vogels eingenommen, daß man sich, wie noch zur älteren Zeit der Republik, scheute, sein Fleisch zu profanen Zwecken zu essen; als Opferfleisch war es ja schon früher gegessen worden. Damals kamen gemästete Hühner -- richtige Poularden, nur daß zu jener Zeit die Kastration derselben noch nicht geübt wurde -- sehr häufig auf den Tisch der reichen Römer. Aber sehr alt kann diese Sitte zu jener Zeit noch nicht gewesen sein. Plinius schreibt nämlich in seiner Naturgeschichte folgendes darüber: „Die Bewohner der Insel Delos haben sich zuerst mit Mästung der Hühner beschäftigt und seitdem sind die Menschen so albern, daß sie Vögel schnabulieren wollen, die in ihrem eigenen Fett gebraten wurden. In den alten Gesetzen über Schmausereien finde ich ein elf Jahre vor dem Beginn des dritten punischen Krieges (also im Jahre 160 v. Chr.) vom Konsul Gajus Fannius gegebenes, daß bei einem Gastmahl kein Vogel außer einer einzigen Henne aufgetragen und diese nicht gemästet sein dürfe. Diese Bestimmung ist später in allen Gesetzen wiederholt worden, aber man hat sie recht listig zu umgehen gewußt, indem man statt der Hühner Hähne mit Speisen mästete, die mit Milch getränkt waren, worauf sie weit besser schmecken. Man darf zur Mast nicht alle Hühner nehmen, sondern nur die, deren Halshaut fett ist.“
Mancherlei weiß Plinius von den Hühnereiern zu berichten. Er sagt, daß, wenn Hühner keinen Hahn haben, die Eier unfruchtbar, kleiner, von schlechterem Geschmack und flüssiger als die guten (befruchteten) seien. Man nenne sie Windeier, weil manche Leute glauben, sie seien vom Winde (Zephyr) erzeugt. Manche Hühner legen lauter Eier mit doppeltem Dotter „und brüten aus solchen auch manchmal Zwillinge aus, wie Cornelius Celsus schreibt. Andere aber behaupten, es kröchen nie Zwillinge aus. Es ist am besten, die zum Brüten bestimmten Eier nicht über 10 Tage alt werden zu lassen, alte oder gar zu frische sind unfruchtbar. Man muß eine ungleiche Zahl unterlegen. Wenn man sie am vierten Tage nach Beginn des Brütens mit den Fingern (an einem dunklen Orte) gegen das Licht hält und sie rein und durchsichtig sind, so sind sie unfruchtbar und müssen durch andere ersetzt werden. Man kann sie auch im Wasser probieren, denn die leeren schwimmen dann, und man muß die vollen, welche sinken, zum Brüten unterlegen. Schütteln darf man die Eier nicht, denn es kann sich darin kein Junges mehr erzeugen, wenn die Lebensgefäße untereinander geworfen sind. Wenn es während des Brütens donnert, so gehen die Eier zugrunde; dasselbe geschieht auch, wenn ein Falke in der Nähe schreit. -- Selbst Menschen können Eier ausbrüten. Als Julia Augusta (die Tochter des Kaisers Augustus) mit Kaiser Tiberius Nero vermählt worden war und wünschte, ihr erstes Kind möchte ein Sohn sein, so brütete sie an ihrem Busen ein Ei aus. Mußte sie es einmal weglegen, so gab sie es ihrer Amme, damit es nicht erkalten könne. Sie glaubte von dem auskriechenden Küchlein eine Vorbedeutung entnehmen zu können, ob ihr Kind ein Sohn oder eine Tochter sein werde. Es soll auch richtig eingetroffen sein. Von daher kommt vielleicht die neulich gemachte Erfindung, daß man Eier an einem warmen Orte auf Spreu legt, durch Feuer mäßig erwärmt und zuweilen wendet, wobei die Küchlein am bestimmten Tage auskriechen. (Also kannten die Römer der Kaiserzeit bereits einen Brutapparat für Hausgeflügel.) -- Ein sonderbares Schauspiel hat man, wenn eine Henne Enteneier ausgebrütet hat. Erst bewundert sie die Kleinen und will sie nicht recht anerkennen, bald aber ruft sie dieselben sorgsam zusammen und, wenn sie sich nun, von einem innern Triebe geleitet, ins Wasser stürzen, so läuft sie jammernd am Ufer herum.“
Bei der kampfesfrohen, streitsüchtigen Natur der Hähne ist es kein Wunder, daß schon sehr frühe auch bei den Griechen ~Hahnenkämpfe~ als öffentliche Volksbelustigungen aufkamen. So schreibt Plinius: „Zu Pergamum (in Kleinasien) werden jährlich öffentliche Hahnenkämpfe abgehalten.“ Daß er solches in seiner Naturgeschichte erwähnt, beweist, daß diese Sitte um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. bei den Römern noch nicht üblich war. Was für Gründe etwa zur Einrichtung von Hahnenkämpfen bei den Griechen maßgebend waren, darüber schreibt der griechische Geschichtschreiber Älian: „Als die Athener die Perser besiegt hatten, bestimmten sie einen Tag, an welchem im Schauspielhause öffentliche Hahnenkämpfe abgehalten werden sollten. Die Veranlassung dazu war folgende: Als Themistokles mit dem Heere auszog, sah er in der Nähe des Zuges zwei Hähne, die miteinander kämpften. Er ließ sogleich das Heer Halt machen und redete es so an: „Diese Hähne kämpfen nicht für ihr Vaterland, nicht für ihre Götter, für die Gräber ihrer Väter, nicht für Ruhm, für Freiheit, für ihre Kinder, sondern jeder von ihnen kämpft nur, um zu siegen.“ Diese Rede begeisterte die Soldaten, sie fochten mit kühnem Mute und der Feldherr wünschte, durch die Abhaltung jährlicher Hahnenkämpfe das Andenken an den Sieg zu erhalten und den Keim für neue Siege zu legen.“
Nach Varro waren die Hähne von Tanagra, Medien und Chalcis zum Kampfe besonders brauchbar. Er nennt sie sehr schön, aber die betreffenden Hühner weniger fruchtbar als die italienischen. Letztere hatte man gern so gefärbt, daß Schwanz und Flügel schwarz, das übrige Gefieder aber bräunlich war. „Will man auf einem Landhause 200 Stück Haushühner halten, so gibt man ihnen einen besonderen Stall, zäunt den Platz davor, auf dem auch Sand zum Bade liegen muß, ein und hält ihnen einen eigenen Wärter. Will man die Eier für die Küche aufbewahren, so reibt man sie mit gepulvertem Salz oder legt sie drei Stunden in Salzwasser, trocknet sie und bedeckt sie mit Kleie oder Spreu. Sollen Haushühner gemästet werden, so sperrt man sie an einem lauen, dunkeln Orte ein und nudelt sie mit Gerstenabkochung. So oft sie genudelt werden, wird ihnen auch der Kopf, wenn es nötig ist, von Läusen gereinigt. In 25 Tagen müssen sie fett sein. Manche machen sie auch in 20 Tagen fett und erzeugen ein zartes Fleisch, indem sie sie mit Weizenbrot füttern, das in einer Mischung von Wasser und Wein aufgeweicht wurde.“
In seinem Buche über den Landbau gibt Columella ausführliche Anleitung über die Anlage des Hühnerhofes, die Pflege der Hühner, das Brüten und die Aufzucht der Küchlein. Diese entspricht in ihren Grundzügen vollständig den heutigen; nur daß dabei noch allerlei heute aufgegebene sympathische Mittel angewandt wurden, um sie vor Erkrankung und aller sonstiger Gefährdung zu beschützen. Er rät, den Hühnerstall neben der Küche oder neben dem Backofen anzubringen, so daß der Rauch in ihn hineindringen könne; denn dieser sei den Hühnern sehr gedeihlich. Er hält die dunkeln Hühner für empfehlenswerter als die hellen. „Die weißen Haushühner sind meist weichlich, weniger lebhaft, auch meist nicht sonderlich fruchtbar im Legen. Sie werden auch, weil sie aus großer Ferne in die Augen fallen, leicht von Raubvögeln erbeutet. Die Zwerghühner sind nur für den Liebhaber, der sie wegen ihrer geringen Größe schätzt. Übrigens bringen sie nicht den Gewinn, wie die gemeinen großen Haushühner; auch sind die Zwerghähne entsetzlich zänkisch gegen die großen Hähne, so daß man sich oft genötigt sieht, ihnen einen ledernen Gurt um den Leib zu legen, durch den die Füße gesteckt und die Kampfgelüste gemindert werden.“ Nach den um 200 n. Chr. lebenden Athenäus waren Zwerghühner besonders in Athen beliebt. Pausanias sagt, daß in Tanagra zwei Arten von Hühnern gehalten werden: 1. kampfesstarke, 2. die Amselhühner, so genannt, weil sie (wie die Amseln) rabenschwarz sind und auf der Schnabelspitze kleine, weiße Flecken haben. Kamm und Kammlappen seien bei ihnen rot wie Anemonen. Er meint damit die in Griechenland heimische _Anemone pavonina_ mit scharlachroten Blüten.
Die schönen Rassen des asiatischen Haushuhns bezogen die Römer von den Griechen; so waren besonders die Hühner von Delos, Rhodos und Melos durch ihre Größe und fleißiges Eierlegen berühmt und gesucht. Mit den römischen Kolonisten kamen diese auch in die Gebiete nördlich der Alpen. So fanden sich Reste von Haushühnern mehrfach im Wegwurf der helvetisch-römischen Kolonie Vindonissa und anderwärts. Aus dem römischen _pullus_ Huhn wurde das französische _poule_. Doch hatten die Kelten und Germanen schon vor der römischen Invasion das Haushuhn besessen und eine besondere Bezeichnung dafür, ganz unabhängig von der römischen. Der Hahn hieß gotisch _hana_, althochdeutsch _hano_, angelsächsisch _hona_, das Huhn gotisch _hôn_. Das deutsche _hana_ ging dann bei den benachbarten Finnen in _kana_ über. Alles deutet darauf hin, daß das Huhn als Haustier selbständig von Südosten nach Mittel- und Nordeuropa gelangte, soweit es ihm nicht zu kalt war. Und auch hier drang es überall als etwas Fetischhaftes, Heiliges, das zwar nicht selbst, höchstens dessen Eier gegessen werden durften, ein. So sagt Julius Cäsar, der um die Mitte des letzten vorchristlichen Jahrhunderts an der Südküste Englands landete, von den dortigen keltischen Einwohnern, sie hätten zwar das Haushuhn, aber sie fänden es eine Sünde (_nefas_), das Tier zu essen, ebenso die Gans und den Hasen. Noch im Mittelalter, als das Huhn längst zum Speise- und Provianttier degradiert war, wohnte dem Hahn im Glauben der Leute noch eine große Zauberkraft inne. So sagt der mittelalterliche Bischof Burchard von Worms, man solle nachts nicht vor dem Hahnenrufe das Haus verlassen, weil die unreinen Geister vor diesem Rufe mehr Macht zu schaden hätten als nachher und weil der Hahn mit seinem Schrei jene besser zu vertreiben und zu bändigen vermöge als selbst das Kreuzeszeichen. Es ist dies die Weiterleitung desselben Fetischgedankens, den wir schon bei den alten Persern antrafen und der uns in der griechischen Benennung des _aléktõr_, d. h. Abwehrer, Kämpfer, entgegentrat. Noch in Shakespeares Hamlet sagt Horatio: „Ich habe gehört, daß der Hahn, der die Trompete des Morgens ist, mit heller Stimme den Gott des Tages weckt und daß bei seinem warnenden Ruf alle die Geister, die in Wasser und Feuer, in Luft oder Erde schweifen und irren, jeder an seinen Ort zurückschlüpfen.“
Auch die slavischen Pommern verehrten den Hahn und fielen anbetend vor ihm nieder; bei den Litauern wurde bei der Beziehung eines neuen Hauses Hahn und Henne zuerst ins Haus gelassen. Diese Exemplare galten dann als unantastbar, wurden gehegt und niemals geschlachtet und gegessen. In diesem Falle sehen wir, wie sich mit der Zeit das praktische Moment mit dem religiösen abfand. Als man sich erlaubte, das Huhn zu essen, haftete die Beschränkung des Nichtessendürfens nur noch an einzelnen auserlesenen Individuen. Bei den verschiedensten Völkern begegnet uns noch später in gewissen, am Althergebrachten hängenden Kreisen solche Enthaltung vom Genusse von Hühnerfleisch. Wie im altindischen Gesetzbuch war auch den Teilnehmern an den Mysterien in Eleusis das Essen von Hühnerfleisch verboten, weil diese Tiere den Erdgottheiten, der Persephone und Demeter, geweiht waren. Bei den Römern wurde der Vogel der Lichtgottheit, der dessen Kommen verkündet, bei Nacht der Nachtgöttin geopfert. Im Mittelalter begegnen uns bei den verschiedensten Völkern Hahnenopfer. Bei den Wenden in der Altmark war es noch in christlicher Zeit Sitte, einen Hahn auf ihr Malzeichen zu setzen, wie A. Kuhn uns in den märkischen Sagen berichtet. Gleicherweise haben es die Deutschen aus der Heidenzeit übernommen, das Bild des Hahnes über dem Kreuze auf Dächern und Kirchtürmen anzubringen. Jenes ist älter als dieses; beider Zweck aber ist, die bösen Geister, die ja auch das Christentum nicht leugnet, sondern nur in ihrem Ursprunge anders erklärt, aus dem Kreise der menschlichen Ansiedelungen fernzuhalten.
Im Mittelalter, als die Scheu vor dem Essen dieses altheiligen Tieres gewichen war, war die Hühnerzucht durch ganz Mitteleuropa ein sehr wichtiger Kulturfaktor, dem besonders die Klöster Vorschub leisteten. So war es vornehmlich ein fürsorglicher Bischof namens Martinus, der im Eierlegen leistungsfähige Hühnerrassen aus Italien nach Deutschland und Frankreich sandte, wo sie in den Klöstern Verbreitung fanden und von da an deren Hörige und Zinsbauern abgegeben wurden. Wie wir aus den mittelalterlichen Zinsregistern der Gutsherrschaften entnehmen können, bildeten Hühner und Eier für die Herrschaften das Haupterträgnis ganzer Güter und oft den einzigen Wirtschaftsbestand der ärmeren Klasse, lebende Hühner in großen Käfigen aus Holz zugleich den beliebtesten Proviant für Heereszüge und größere Menschenansammlungen. Schon der vorsorgliche Kaiser Karl der Große hatte befohlen, daß auf seinen größeren Gütern 100 Hühner und 30 Gänse, auf seinen kleineren wenigstens 50 Hühner und 12 Gänse gehalten und im Herbst, soweit sie geschlachtet wurden, gemästet werden sollten. Auch späterhin traf man sie überall auf den Bauernhöfen, wo sie frei herumliefen und sie sich vom Abfall der Körner, Samen aller Art und kleinem Gewürm und Insekten ernährten. Als einst Bischof Meinward von Hildesheim auf einen solchen Hof kam, wo er keine Hühner bemerkte, tadelte er die Wirtin darob. Als sie sich mit Futtermangel entschuldigte, gab er ihr den Rat, sie solle sie ihr Futter selbst suchen lassen. Das befolgte sie nun und hatte beim nächsten Besuche des Bischofs eine ordentliche Hühnerschar, so daß er sie belobte und beschenkte.
Bis auf den heutigen Tag spielt das Huhn überall in der Kleinwirtschaft eine wichtige Rolle, besonders in den Ländern, in denen sich die Bodenwirtschaft dem Gartenbau nähert, während es dort, wo die Landwirtschaft überwiegend Großbetrieb ist, weniger geschätzt wird. Letzteres ist beispielsweise in England der Fall, das seinen hohen Eierbedarf vom Kontinente her deckt. Auch Deutschland kann seinen eigenen Bedarf nicht selbst decken. Von der Hühnerzucht in Deutschland meint Eduard Hahn: „Schlimm steht es mit der deutschen Zucht; trotzdem in letzter Zeit viel geredet und geschrieben worden ist, will das echte deutsche Huhn, das allen Anforderungen entsprechen soll, immer noch nicht erscheinen. Unsere Hühnerologen, wie sie sich ernstlich nach einem Schwankwort nennen, sind Liebhaber und züchten Spanier, Franzosen, Italiener, Chinesen und andere, die für unser Klima nicht passen, und die Hühner auf unsern Bauernhöfen sind ein kümmerliches Gemengsel aus allen möglichen Rassen, die weder in Eiern noch Fleisch leisten, was man von ihnen verlangen kann, freilich auch nur geringe Pflege verlangen und erhalten. Ausnahmen sind bei uns selten; so will ich die Hamburger Hühner nennen, die in den Gartendistrikten des „alten Landes“ gezogen werden, sonst aber muß Frankreich und in neuerer Zeit vielfach Italien unsern Bedarf an feinerem Geflügel decken helfen. Die Eier aber, die unsere Großstädte bei der gesteigerten Lebenshaltung immer mehr brauchen, kommen aus Galizien und Russisch-Polen zu uns. Auch hier ist das Huhn kein Beweis eines extensiven Betriebes, sondern das Produkt einer nachlässigen extensiven Wirtschaft, die zu Gelde machen muß, was sich zu Gelde machen läßt. Daß auch diese Zucht im Rückgang ist, beweisen die Eier, die rapide kleiner werden.“
Welch große volkswirtschaftliche Bedeutung die Hühnereier als Nahrungsmittel erlangt haben, ergibt eine von Professor Sonndorfer von der Wiener Handelsakademie aufgestellte Statistik, wonach England im letzten Jahre 2265 Millionen Stück im Werte von 180 Millionen Franken einführte. In demselben Zeitraum importierten: Deutschland 2454 Millionen Stück im Werte von 185 Millionen Franken, Frankreich 205 Millionen Stück im Werte von 15 Millionen Franken und die Schweiz 188 Millionen Stück im Werte von 14½ Millionen Franken. Frankreich produziert seinen Bedarf größtenteils selbst, während Deutschland, England und die Schweiz hauptsächlich auf den Import angewiesen sind. Die Hauptmenge Eier erzeugen die Agrarstaaten. So exportierte im Jahre 1907 Rußland 2833 Millionen Stück im Werte von 148 Millionen Franken, Österreich-Ungarn 966 Millionen, Dänemark 294 Millionen, die Balkanstaaten 580 Millionen und Italien 511 Millionen Stück.
Nach Südamerika kam das Huhn schon 1493 bei der zweiten Reise des Kolumbus. Die Indianer müssen dies leicht zu haltende Haustier gern aufgenommen und rasch verbreitet haben; denn schon 1530 fand es Federmann am Oberlauf des Amazonenstroms. Auch nach Mittel- und Nordamerika kam das Huhn mit den verschiedenen europäischen Kolonisten. Nach Garcilasso wollte es sich nur in dem hochgelegenen Cuzko nicht fortpflanzen. Vom Niltal aus verbreitete sich das Huhn über ganz Afrika, wo es überall von den Negern gern aufgenommen wurde. Teilweise kam es als Proviant der indischen Segelschiffe direkt aus Indien nach Ostafrika und verbreitete sich von der Küste nach dem Innern. In Indien und Hinterindien bis nach China und den Philippinen ist das Tier als Sportobjekt sehr geschätzt. Hier stehen überall die Kampfhähne hoch im Preise und dienen, wie im Mittelalter in Europa, zu den beliebten Volksbelustigungen, deren Reiz noch durch Wetten erhöht zu werden pflegt. Weitaus am grausamsten sind diese Hahnenkämpfe bei den Malaien Indonesiens, besonders der Philippinen, indem den kämpfenden Hähnen scharf geschliffene Stahlklingen an den Sporn gebunden werden, mit denen der Gegner erstochen wird. Oft erliegen beide Gegner dieser fürchterlichen Waffe.
Eduard Hahn nimmt an, daß der Hahn zunächst nicht aus Nutzungs-, sondern aus Sportgründen, dann auch als eine Art Weckeruhr vom Menschen gezähmt wurde. „In die Gefangenschaft übergeführte Hühner pflanzten sich nicht fort, legten keine Eier und waren also völlig nutzlos. Aus diesem Grunde sind sie also nicht gehalten worden und ihre anfängliche Gefangenschaft und spätere Zucht ist sicher nicht deshalb erfolgt. Die Eier, das wesentliche Produkt unseres heutigen Huhnes, erreichten erst im weiteren Verlauf der Zucht eine so große Zahl, daß sie dem Menschen zugute kamen; für den Beginn der Zucht müssen wir nach einem andern Grunde suchen. Da ist es nun natürlich schlimm, wenn nicht ~ein~ Grund, sondern gleich zwei, und zwar sehr abweichende Gründe, zu Gebote stehen, wie das beim Huhn der Fall ist. Beide schließen sich nicht aus, immerhin decken sie sich keineswegs, und, was besonders schlimm ist, das Ursprungsgebiet beider Hypothesen deckt sich mit dem Urgebiet des wilden Huhnes und beide sondern sich doch geographisch. Wie sollen wir uns entscheiden? Wurde unser Huhn auf indobaktrischem Boden als Uhr ein Haustier (nach F. Spiegel, Eranische Altertumskunde wurde der Hahn von Tahmuhrath dazu eingeführt) oder auf malaiischem Boden zum Kampfhuhn erzogen? Eine dieser beiden seltsamen Verwendungsweisen ist für mich der Ursprung der Zucht des Huhnes, vielleicht ist aber das Kampfhuhn bei den Malaien das ältere und ursprünglichere gewesen, weil die Verbindungen zwischen den einzelnen polynesischen Inseln doch nach allem, was wir wissen, keine sehr häufigen waren.“ Uns will letzteres auch bedünken. So möchten wir unbedingt annehmen, daß der Kampfhahn die ältere Zucht ist, und daß der Hahn als Wecker erst später, und zwar besonders bei den Iraniern Bedeutung gewann. Über letztere Tatsache sagt Hahn: „Ebenso fremdartig (wie der Kampfhahn) berührt uns moderne Menschen der Hahn als Uhr; wir können uns eigentlich kaum vorstellen, wie es Menschen geben kann, die nie wissen, was die Glocke geschlagen hat; freilich müssen wir neidisch bekennen, daß dem Glücklichen keine Stunde schlägt. Trotzdem gab es natürlich auch auf niedrigen Kulturstufen bereits Lebenslagen, in denen Zeitbestimmungen nötig waren. Am Tage reicht die Sonne aus, aber wie soll z. B. eine Karawane, die möglichst die kühlen Stunden des jungen Tages genießen will, erfahren, wann man mit dem langwierigen Packen der Kamele beginnen muß? Da trat nun aufs glücklichste eine Eigenschaft des Hahnes ein. Es ist seltsam genug, daß der Hahn um Mitternacht kräht; die Dämmerung morgens und abends begrüßen ja eine ganze Reihe Tiere mit ihren Tönen, aber gerade die Mitternacht wohl nur der Hahn. Es ist selbstverständlich, daß eine so auffallende und nützliche Eigenschaft dem Hahn eine feste mythologische Stellung von hohem Rang verschaffte; sein Abbild steht bekanntlich noch heutzutage auf der Spitze unserer Kirchtürme. Wie es scheint, wurde auf persisch-baktrischem Boden diese Eigenschaft entdeckt und so der Hahn und späterhin das Huhn gezähmt. Auf die Diener Ahuramazdas mußte ja das Betragen des Vogels einen tiefen Eindruck machen. War er doch gewissermaßen der Herold des Lichts. Und wenn nun gar erst ein weißer Hahn mit dem feuerfarbenen Kamm dieses Amt übte! So wurde der weiße Hahn der Repräsentant der lichten Tagesgottheiten, das schwarze Huhn geriet ebenso selbstverständlich in Beziehung zu den Gottheiten der Nacht. Bei der leichten Zucht und schnellen Vermehrung wurde dann das Huhn sehr bald das gewöhnliche Opfertier des kleinen Mannes; wo der Reiche Ochsen, Schafe und Schweine spendete, kam der Arme, wie Sokrates, mit einem Hahn aus. -- Die Verwendung des Hahns als Ersatz der Uhr ist ungemein weit verbreitet und vielleicht noch weiter, wie jetzt bekannt, wenn man darauf achtet. In Abessinien sind Hähne die Kirchenuhr; als Uhren schätzen sie die Kaffern und ebenso traf sie Bastian in Birma. Endlich nahmen sie die Spanier hauptsächlich als Uhren nach Amerika und deshalb fiel es ihnen (wie Oviedo in seiner _Historia de las Indias_ berichtet) auf, daß sie nicht mehr so pünktlich krähen wollten. -- Im Altertum war man gewöhnt, sich nach der Stimme des Hahnes zu richten, zumal die Römer wie die Griechen ihre bürgerliche Tätigkeit sehr früh begannen, so daß das Haus schon vor dem Beginne der Dämmerung rege war. Deshalb sagt Plinius vom Hahn, daß ihn die Natur geschaffen habe, um die Sterblichen zur Arbeit zu rufen und ihren Schlaf zu brechen. So gewann der Hahn für das bürgerliche Leben damals eine große Bedeutung. Eine Redensart, die bei vielen Dichtern und auch sonst wiederkehrt, erklärt uns das; man unterschied die Tätigkeit des Friedens und des Krieges einfach so: im Frieden beginnt der Tag mit dem ersten Hahnenschrei, im Kriege mit dem ersten Trompetenstoß. Da es auch später im kirchlichen Dienst sehr nötig war, eine gewisse Einteilung der Nacht zu haben, so mußte auch hier unser Haushahn herhalten; zog eine noch so kleine Mönchskolonne aus, um eine neue Niederlassung zu gründen, so nahm sie einen Hahn mit, wie wir einen Regulator zur notwendigen Wohnungseinrichtung rechnen. Im Orient hat der Hahn diese Stellung wahrscheinlich heute noch. Es wird wenigstens erwähnt, daß große Karawanen gewöhnlich einen recht schönen Hahn mit sich führen, dessen Krähen den Aufbruch der Reisenden regelt. Im Okzident ist der Hahn durch die Schlaguhren verdrängt worden, welche ja schon verhältnismäßig früh (um 1100) vorkommen.“
In China und Japan spielt die Hühnerzucht eine wichtige Rolle. Dort sind eine große Anzahl ausgezeichneter Rassen erzogen worden, die dann nach dem englischen Opiumkrieg in den 1840er Jahren zu uns nach Europa gebracht wurden, so vor allem die Bramaputras und Cochinchinas. Mit den Malaien wanderte das Huhn über die mikronesische Inselwelt, doch gelangte es nicht nach Neuseeland. Dorthin und nach Australien wurde es erst durch die Europäer gebracht.