Kulturgeschichte der Nutztiere
Part 34
Bevor wir nun näher auf die verschiedenen Hühnerrassen eingehen, wollen wir kurz die Stammform derselben, das ~Bankivahuhn~ (_Gallus ferrugineus_), in seinen Hauptmerkmalen würdigen. Es ist ein Waldvogel, der morgens und abends, aber auch tagsüber oft beim Suchen der Nahrung auf Äckern angetroffen wird. Sein Verbreitungsgebiet ist das größte von allen Wildhühnern und reicht nach Armand David von Kaschmir und den Vorbergen des Hindukusch bis nach der Insel Hainan, Cochinchina und über die Halbinsel von Malakka bis nach Sumatra. Auf Java und den östlich davon gelegenen Inseln, auch auf den Philippinen, ist es wahrscheinlich eingeführt worden. Es hat im männlichen Geschlecht einen gezackten Kamm und am Schnabel jeweilen einen Fleischlappen, trägt schmale, lange, einen Kragen bildende Halsfedern, ist am Nacken und am Hals goldgelb schimmernd, am Oberkörper purpurbraun, am Unterkörper schwarz gefärbt; die Brust schillert grün, die Schwanzfedern sind lang, schwarz, die mittleren schillernd wie beim Haushahn. Im weiblichen Geschlecht ist die Farbe am Nacken schwarz mit blaß gelbbraunen Federsäumen, auf der Oberseite hellbraun mit feinen schwarzen Wellenlinien, am Oberkopf und auf der Unterseite rotbraun. Der Ruf des Hahn ist kein Kikeriki wie bei seinem gezähmten Abkömmling, sondern ein kurzes Kikeri. Die übrigen Laute sind, wie auch beim Weibchen, ganz ähnlich demjenigen des Haushuhns. Das Huhn brütet im Frühjahr und legt 5-6, zuweilen auch 9-11 blaß lehmgelbe Eier in einer gewöhnlich mit Gras und abgestorbenen Blättern ausgekleideten Bodenmulde. Die Hähne sind besonders zur Brutzeit außerordentlich kampfeslustig. Nach Hutton lassen sich junge Bankivahühner, wenn sie auch im Anfang wild sind, leicht zähmen. Auf den Philippinen, wo die Hahnenkämpfe sehr beliebt sind, scheinen wilde Hähne oft in Gefangenschaft gehalten zu werden, um dann bei den Kampfspielen zu dienen. Dies gibt uns einen Fingerzeig, daß wohl die Benutzung der Kampfeslust der Hähne zu Hahnenkämpfen das erste Motiv der Domestikation des Bankivahuhns innerhalb des malaiischen Verbreitungsgebiets in Südasien war. Überhaupt scheinen die östlichen Varietäten des Bankivahuhnes viel leichter zähmbar zu sein als die westlichen in Indien, weshalb Darwin mit gutem Grunde an die Möglichkeit dachte, daß das Huhn zuerst von Malaien domestiziert wurde. Die Kreuzung desselben mit unserem Haushuhn gelingt leicht und die Bastarde sind unter sich unbegrenzt fruchtbar und geben mit anderen Hühnern, so mit Bantamhühnern, reichliche Nachkommenschaft. Die Bastarde von andern südasiatischen Wildhühnern dagegen, wie dem _Gallus sonnerati_, _G. stanleyi_ und _G. varius_ sind, als sicherer Beweis einer entfernteren Verwandtschaft, stets unfruchtbar. Übrigens lassen schon Abweichungen im Gefieder und namentlich eine durchaus verschiedene Stimme alle diese Wildhühner als Stammformen unserer zahmen Hühner nicht zu. Wenn verschiedene Rassen unserer Haushühner miteinander gekreuzt werden, so schlagen sie gern in die Färbung der wilden Stammform, des Bankivahuhns, zurück. So erzog Darwin einen Hahn, der ein Bastard einer weißen Seidenhenne mit einem dunkelgrünen spanischen Hahn war und dem wilden Bankivahahn außerordentlich glich. Endlich kann als weiterer Beweis für die Abstammung des Haushuhns vom Bankivahuhn angeführt werden, daß W. Elliot in Pegu Haushennen antraf, die von den wilden Bankivahennen nicht unterschieden zu werden vermochten. Es ist dies also eine ganz primitive Rasse, die sich hier noch erhielt, während sie sonst überall auch in der Färbung durch die Domestikation weitgehend verändert wurden.
Da das Bankivahuhn schon im Wildzustande eine ausgesprochene Neigung besitzt, Varietäten zu bilden, und dadurch, sich den verschiedensten Lebensbedingungen anpassend, in den verschiedenen Ländern seines großen Verbreitungsgebietes sich in zahlreiche Lokalrassen spaltete, darf es nicht überraschen, daß auch die seit alter Zeit geübte künstliche Züchtung eine ganze Reihe von zahmen Hühnerrassen hervorgebracht hat. Im allgemeinen ist bei hochgezüchteten Rassen der Unterschied in der Färbung beider Geschlechter verringert. Dabei sind teils Riesen-, teils Zwergformen hervorgegangen, die wir in besonders ausgesprochenem Maße bei den ostasiatischen Kulturrassen antreffen. Zwerghühner können eine in allen Proportionen den gewöhnlichen Hühnern gleichende Form darstellen. Es kann aber auch die Größe des Körpers gewahrt bleiben, so daß nur die Beine verkürzt werden, wie dies bei den kurzbeinigen ~Krüpern~ der Fall ist. Da diese Tiere infolgedessen nur wenig ausgiebig scharren können, kann man sie in Gärten frei laufen lassen. Bei manchen Hühnern, wie bei der ~Cochinchinarasse~, sind die Federn vermehrt und bedecken den ganzen Lauf, bei andern ist das Federkleid rückgebildet, wie bei den ~Chittagongs~, die eine nackte Kehle haben, und den ~Nackthalshühnern~, oder die Federn sind haarähnlich geworden, wie bei den ~Strupp-~ oder ~Seidenhühnern~. Bei manchen, wie beim japanischen ~Phönixhuhn~, sind die Schwanzfedern ins Ungeheuere verlängert, beim ~Kluthuhn~ dagegen sind sie ganz in Wegfall gekommen. Der Verlust geht bei diesen sogar so weit, daß ihnen überhaupt das den Schwanz tragende Knochenstück fehlt. Selbst der Kamm, das wichtigste unterscheidende Merkmal der wilden Hühner, ist mannigfachen Veränderungen ausgesetzt gewesen, verschwand bei den ~Haubenhühnern~ sogar vollkommen und wurde durch eine Federhaube ersetzt. Zwei Haushuhnrassen haben sogar statt vier fünf Zehen erlangt, indem bei ihnen der als atavistische Mißbildung zuerst aufgetretene überzählige fünfte Zehe in der Zucht erblich wurde.
Aber außer in der Form ist das Huhn auch physiologisch weitgehend durch die Zucht beeinflußt worden. So ist vor allem seine Legefähigkeit enorm gesteigert. Während die wilde Stammform, sobald sie erwachsen ist, was nach einem Jahre der Fall ist, wie wir sahen, höchstens 11 Eier legt, soll einer der besten Leger, aber dadurch ein schlechter Brüter, nämlich die auch bei uns viel gehaltene ~italienische Rasse~ bis zu 120 Eier im Jahre legen. Nach der Vermutung von Baldamus ist diese hochgezüchtete Rasse sehr alt und geht nicht nur auf die Hühner der Römer und Griechen zurück, sondern reicht in ihren Anfängen bis zum Beginn des letzten vorchristlichen Jahrtausends zurück. So zeigen Darstellungen auf assyrischen Siegelzylindern in Umrissen und Proportionen große Ähnlichkeit mit dem italienischen Huhn.
Am nächsten stehen der wilden Stammform die eleganten ~Kampfhühner~, die nur eine geringe Einwirkung der Domestikation zeigen. Der auffallend schlanke Körper zeigt vielfach Unterschiede in der Färbung. Am Kopf sind die Fleischlappen und der Kamm klein, der Hals ist beim Hahne lang, die Halsfedern kurz. Die Schenkel sind lang und kräftig, die Sporne lang und scharf. Die Hähne werden zu Hahnenkämpfen verwendet, die Hennen sind schlechte Legerinnen. Ihnen nahe stehen die ~Malaienhühner~, die ebenfalls hochgestellt sind und lange, orangegelbe Beine haben. Sie sind ebenso streitsüchtig wie die vorigen und die Hennen schlechte Eierlegerinnen. Sie kommen in rotbraunen, weißen und schwarzen Farbenvarietäten vor und werden ebenfalls mehr zum Luxus als für praktische Zwecke gehalten. Während sie einen kurzen Schwanz besitzen, ist derjenige der bereits erwähnten ~Phönixhühner~ ganz außerordentlich verlängert, so daß er stark am Boden schleift. Er erreicht eine Länge von nicht weniger als 2 _m_ und mehr. Damit er nicht beschädigt werde, hält man diese Hühner auf hochgelegenen Stangen. Sie sind ein spezielles Zuchtprodukt Japans und kamen erst vor kurzem als Merkwürdigkeit nach Europa. Dem Äußeren nach gleichen sie den gewöhnlichen ~Landhühnern~, die wenig hochgezüchtet sind und in der Form und Färbung der wilden Stammart noch ziemlich nahe stehen. Aus ihnen sind in den verschiedenen Ländern spezielle Rassen gezüchtet worden. Unter ihnen sind zu nennen die ~spanische Rasse~ von stolzer Haltung, mit weißem Gesicht, mit langen Kehllappen und großem, gezacktem Kamm. Das Gefieder dieses Huhnes ist bei den reinrassigen Vögeln schwarz mit grünem Schiller. Sie sind im Hühnerhofe sehr geschätzt, weil sie viele und große Eier legen. Ihnen nahe stehen die ~Minorcas~ mit scharlachrotem Gesicht und sehr großem Kamm, ferner die diesen gleichenden ~Anconas~ mit gesperberter Federzeichnung und die ~Andalusier~ mit rotem Gesicht, schwarzem Hals und dunkelschieferblauem Gefieder.
Sehr stattlich ist die englische ~Dorkingrasse~, welche sich zur Fleischnutzung sehr empfiehlt und gute Brüter liefert. Das volle Gefieder kann dunkel, gesperbert, silbergrau oder weiß sein. Die Brust erscheint breit. Das Gewicht geht bei der Henne bis zu 4 _kg_, beim Hahn bis zu 5 _kg_. Ein sehr zartes, weißes Fleisch haben auch die ~Hamburger Hühner~, deren Zucht stark verbreitet ist. Sie besitzen einen nach hinten spitz auslaufenden Rosenkamm, weiße Ohrlappen, einen hornfarbigen Schnabel und blaue Beine. Dazu besitzt der Hahn im Schwanze lange Sichelfedern. Nach der Färbung unterscheidet man ~grünschillernde~, ~schwarze Silbersprenkel~, ~Goldlack~ und ~Silberlack~. Die Hennen gelten als gute Eierlegerinnen, sind aber zum Brüten schlecht.
In Siebenbürgen werden die ~Nackthalshühner~ gezüchtet, die durch ihren roten, von Federn entblößten Hals wie gerupft aussehen. Manche Züchter führen diese Eigentümlichkeit auf eine Kreuzung mit dem Truthahn zurück, was aber zweifellos unrichtig, ja unmöglich ist. Sie sind ziemlich groß, schwarz gesperbert oder weiß mit einem einfachen Kamm. Eine schöne französische Rasse sind die nach dem Dorfe _La Flèche_ genannten _La Flèche_-~Hühner~ von glänzend schwarzem Gefieder, rotem Gesicht mit langen Kehllappen und weißem Ohrfleck. Weil sich der niedrige Kamm in zwei lange, hörnchenartige Zapfen spaltet, nennt man sie auch _poules cornette_. Die ~Haubenhühner~ besitzen an Stelle des zurückgebildeten Kammes einen Schopf von aufrechtstehenden, mit den Spitzen überfallenden Kopffedern. Zu ihnen gehören die in Frankreich und Deutschland vielfach gezüchteten schwarzen _Crève-cœur_-~Hühner~, die neben dem Federschopf noch zwei aufrechte Kammspitzen von roter Farbe aufweisen. Dann die stattlichen schwarz und weiß gescheckten ~Houdanhühner~, die neben der starken Haube einen Kamm mit gezackten Blättern besitzen. Diese stattlichen Tiere, deren Füße wie diejenigen der englischen Dorkings fünf Zehen besitzen, sind sehr mastfähig und werden besonders im Departement Seine et Oise gezogen. Eine starke Vollhaube und dazu noch Bärte besitzen die goldbraunen oder silberweißen ~Paduaner~, die aber wenig mastfähig und schlechte Brüter sind. Rein schwarz mit weißer Haube sind die ~Holländer~, die an Stelle des Bartes lange rote Kehllappen tragen. Der Kamm ist ganz klein und fehlt bei den reinrassigen Tieren.
Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts aus China bei uns eingeführte Rassen sind die großen ~Cochinchina-Hühner~ mit rundem, vollem Körper und breiter Brust. Der Kopf ist klein mit schwach entwickeltem, aufrechtstehendem Kamm. Die Flügel sind kurz, die dicken Beine sind an der Außenseite bis zu den Zehen hinunter befiedert. Der Schwanz ist auch beim Hahn recht kurz. Die Färbung ist meist gelb, doch kann sie auch schwarz, weiß, rebhuhnartig oder gesperbert sein. Sie besitzen ein vortreffliches Fleisch und sind gute Brüter. Sehr nahe verwandt damit sind die ~Brahmaputrahühner~, die sich eigentlich nur durch die erbsenförmige Gestalt des Kammes unterscheiden. Ebenfalls ostasiatischen Ursprungs sind die ~Seidenhühner~, die ihren Namen vom feinen, haarartigen Federkleide haben. Im Körperumriß ähneln sie den Cochinchinas; auch ihre Flügel sind auffallend kurz, so daß sie durchaus nicht fliegen können. Zu dem reinweißen Federkleide kontrastiert die blauschwarze Farbe der Beinhaut. Sie sind gegen Nässe empfindlich. Ihre Eier sind blaßgelb.
Aus Japan stammen die ~Zwerghühner~ oder ~Bantams~, die nicht viel größer als Tauben werden. Sie sind schwarz, weiß oder gesperbert und machen sich durch ihr munteres Wesen beliebt. Wirtschaftlich spielen sie eine unbedeutende Rolle. Weit mehr geschätzt ist das neuerdings bei uns eingeführte ~Yokohamahuhn~. Aus Nordostasien kamen die ~Langshans~ zu uns. Durch Kreuzung verschiedener alter Rassen erzielten die Amerikaner diverse neue, unter denen die ~Brahmas~, ~Plymouth-Rocks~ und ~Wyandottes~ eine weitere Verbreitung bei uns erlangten. Die neuerdings durch die unternehmungslustigen Engländer auf den Markt gebrachten ~Orpingtonhühner~ sind noch nicht zu einer festen Rasse geworden.
Die Hauptaufgabe der Hühnerzucht ist das Heranzüchten eines guten Landhuhns, das während seines ganzen, etwa 6 Jahre dauernden Lebens, die meisten allerdings in den vier ersten Jahren, 500 bis 600 Eier legt und daneben noch als Fleischlieferant zu gebrauchen ist. Unter den deutschen Nutzhühnern spielt gegenwärtig das in Westfalen heimische ~Lakenfelderhuhn~ und das ~Ramelsloherhuhn~ aus der Lüneburger Heide eine Hauptrolle. Sobald die Hühner mit dem Eierlegen nachzulassen beginnen, mästet und schlachtet man sie, so daß sie dann noch als Fleischlieferanten von Nutzen sind.
XV. Perlhuhn, Pfau, Fasan und Truthuhn.
Von weiteren domestizierten Hühnervögeln ist das ~Perlhuhn~ (_Numida meleagris_) zu nennen, das in Westafrika bis Marokko heimisch ist. Es hat seinen lateinischen Namen _meleagris_ von Meleager, dem Sohne des kalydonischen Königs Oineus, der auf der berühmten kalydonischen Eberjagd umkam. Darüber waren seine Schwestern ganz untröstlich und wurden durch das Mitleid der Götter in Vögel verwandelt. Da die auf schiefergrauem Grunde stehenden perlenartigen Tropfen an Tränen erinnerten, sollten sie die Tränen der Schwestern des Meleager bedeuten. Diese Vögel sollten nach Plinius auf dem Grabe des Meleager gehalten werden und dort zu Ehren des Toten kämpfen, wie in der Vorzeit zu Ehren Verstorbener abgehaltene Kampfspiele durch Menschen üblich waren.
Die Perlhühner bewohnen mit Büschen bestandene Gegenden bis zu 3000 _m_ Höhe. Da, wo sie häufig sind, bemerkt man sie bald, indem sie morgens und abends ihre durch unser zahmes Perlhuhn wohlbekannte trompetenartige Stimme vernehmen lassen. Sie wohnen in Familien von 16-20 Stück beieinander, sind sehr scheu und schlüpfen bei der geringsten Beunruhigung ins schützende Gebüsch. Mit Vorliebe schlafen sie auf hohen Bäumen an Flußufern. Im Frühjahr brüten sie ein Gelege von 5-8 schmutzig gelblichweißen Eiern aus. Die Küchlein gleichen im Flaumkleide jungen Fasanen, wachsen rasch heran und folgen, wenn sie die halbe Größe der Eltern erreicht haben, diesen auf allen Streifereien und bäumen dann nachts regelmäßig mit ihnen.
Nach Brehm lassen sich Perlhühner leichter eingewöhnen als irgend ein anderes Wildhuhn, werden aber nicht leicht und kaum jemals vollständig zahm, schreiten auch nur dann in der Gefangenschaft zur Fortpflanzung, wenn sie weiten Spielraum haben. Dagegen kann man gefangene bald so weit gewöhnen, daß sie in Haus und Hof umherlaufen, ohne ans Entweichen zu denken. Sie sind zänkisch, liegen mit Haus- und Truthühnern beständig im Streite, werden so bösartig, daß sie erwachsene Hähne und Kinder angreifen. Sie erfreuen durch ihre unermüdliche Beweglichkeit, ihr hübsches Gefieder und die sonderbaren Stellungen und Bewegungen, die sie beim Laufen einnehmen. Beim Brüten sind sie wenig eifrig und können keine Kälte ertragen.
Von Westafrika wurden sie im 18. Jahrhundert durch Negersklaven auf den Antillen eingeführt, wo sie sich vollkommen eingewöhnten und verwilderten. Dabei wurden sie hier kleiner und dunkler. Schon vor bald sieben Menschenaltern war es auf Jamaika häufig; jetzt ist es dort wie auch im östlichen Kuba so gemein, daß es unter Umständen zur Landplage wird. Schon im Altertum wurde es bei den Griechen und Römern als Haustier gehalten, verschwand aber nach dem Untergange des Römerreichs wieder aus Europa, um erst wieder im 15. Jahrhundert von den Portugiesen aus Angola hier eingeführt zu werden. Seither sind sie besonders in den Mittelmeerländern, wo es ihnen warm genug ist, so weit domestiziert worden, daß sie gleich dem Pfau begonnen haben, wenigstens in der Färbung abzuändern. Unter den gewöhnlichen Perlhühnern mit weißen Tupfen auf schiefergrauem Grunde kommen nämlich silber- und blaugraue und, wie bei den Pfauen, auch weiße Tiere vor. Wie bei den weißen Pfauen das Auge der zum Rad ausgebreiteten Schwanzfedern, so ist bei den weißen Perlhühnern die ursprüngliche Tüpfelung noch deutlich erkennbar.
Im Altertum scheint das Perlhuhn als Fetischtier von Nordafrika nach Griechenland gekommen zu sein. Nach dem Schüler des Aristoteles, Klytos von Milet, wurden auf der kleinen, von den Milesiern kolonisierten Insel Leros um den Tempel der Artemis heilige Perlhühner aus Afrika gehalten. Dabei wird nirgends gesagt, wie sie dahin gekommen und weshalb sie der jungfräulichen Göttin geweiht waren. Noch Älian behauptete, kein Raubvogel wage die lerischen heiligen Hühner anzugreifen. Auch auf der Akropolis scheinen nach Suidas Perlhühner gehalten worden zu sein. Zu den Römern kamen sie zur Zeit der punischen Kriege aus Numidien unter dem Namen numidische oder afrikanische Vögel. Noch zu Varros Zeit im letzten Jahrhundert v. Chr. waren sie in Italien sehr selten und teuer. Gleichwohl begann man schon damals diese kostbaren Tiere, eben weil sie eine Rarität waren, zu essen. Dieser Autor sagt nämlich: „Die afrikanischen Hühner, welche man _meleagrides_ nennt, sind erst neulich für die Schmausereien der Leckermäuler in Gebrauch gekommen, aber noch teuer, weil selten.“ Der Spötter Martial macht sich in einem Epigramm darüber lustig, daß Hannibal, der Barbar, seinen Landsmann, den Vogel aus Numidien, nicht aß. Der verrückte Kaiser Caligula ließ sie sich opfern. Nach Pausanias wurden sie auch in Phokis bei Tithorea zweimal im Jahre im Tempel der Isis neben Gänsen geopfert.
Nachdem die Portugiesen die Perlhühner wieder in Europa eingeführt hatten, sah sie Volaterranus vor 1500 beim Kardinal San Clemente. Der Züricher Konrad Geßner bildete den Vogel in seinen _Icones animalium_ 1563 zuerst ab und bemerkt dazu, es sei ein fremder wilder Hahn aus Afrika und der Berberei, den er von seinem Freunde Cajus, einem englischen Arzte, erhielt. In Frankreich war er damals schon öfter als _poule de Guinée_ in den Hühnerhöfen zu sehen. Der Vogel ist so leicht zu halten, daß er auch in seinem ursprünglichen Verbreitungsgebiet vielfach gezähmt wird. So traf Staudinger am Niger solche, die durch ihre weiße Farbe verrieten, daß sie schon längere Zeit domestiziert waren. Da sie sich leicht versetzen lassen, sind sie im Laufe der Zeit auf eine Reihe von Inseln gekommen und dort verwildert, so auf den Kapverden, auf Ascension und St. Helena. Daß sie auch auf zahlreichen Inseln und Inselchen der Antillen verwilderten, wurde bereits mitgeteilt. Sie wurden in Amerika kleiner und erhielten schwarze Füße in Verbindung mit weißem Bauch, weißem Rücken und Flügelspitzen. Im milden England gelang es noch, sie verwildern zu lassen. Dies würde wohl auch in den milderen Gegenden Deutschlands möglich sein. Hier überall, wo es ihnen nicht zu kalt ist, eignen sie sich vortrefflich als Hausgeflügel. Sobald sie die ersten Tage hinter sich haben, sind sie gar nicht weichlich und auch im Futter durchaus nicht anspruchsvoll; dabei lassen sie sich leicht mästen, liefern ein gutes Fleisch und schmackhafte Eier.
Häufiger als das Perlhuhn wird der ~Pfau~ (_Pavo cristatus_) in unseren Hühnerhöfen angetroffen, wo er wegen seiner Schönheit auch mehr ein Luxus- denn ein Nutzvogel ist. Seine Heimat ist Ostindien und Ceylon. Dort bewohnt er lichte Waldungen mit Vorliebe bergiger Gegenden mit dichtem Unterwuchs; ebensogern hält er sich in Pflanzungen auf, die ihm Deckung gewähren und einzelne hohe, zur Nachtruhe geeignete Bäume haben. In vielen Gegenden Indiens gilt er wegen seines prächtigen Gefieders als heilig und unverletzlich und seine Tötung wird von den Eingeborenen als ein Verbrechen angesehen, das jeden, der sich solches zuschulden kommen läßt, gelegentlich in Lebensgefahr bringt. In der Nähe vieler Hindutempel pflegen sich zahlreiche Herden von halbwilden Pfauen aufzuhalten, deren Pflege mit zu den Obliegenheiten der Priester gehört. Dabei werden sie sich des ihnen hier gewährten Schutzes bald bewußt und zeigen, wenigstens dem Hindu gegenüber, kaum größere Scheu als diejenigen, die auf dem Hühnerhofe heranwuchsen.
Wo sie ungestört sind, halten sich die wilden Pfauen am Tage in Trupps von 30 bis 40 Stück meist auf dem Boden auf, um in den Vormittags- und Abendstunden zur Nahrungssuche auf die Waldblößen oder Felder herauszukommen. Verfolgt suchen sich die Tiere so lange als möglich laufend zu retten und, erst wenn sie einen gewissen Vorsprung erreicht haben, entschließen sie sich zum Fluge, der rauschend und schwerfällig vor sich geht. Sie bäumen dann so bald als möglich und verbergen sich mit ihrem grünen Gefieder im dichten Blättergewirr, wo sie sich wohlgeborgen wissen. Von Raubtieren scheuen sie besonders den Tiger, dessen Anschleichen sie weithin durch lautes Geschrei kundgeben. Sie fressen wie unsere Hühner sowohl tierische als pflanzliche Nahrung und brüten nach der Regenzeit im April, nachdem die Männchen ihr prächtiges Hochzeitskleid mit dem schillernden, beim Liebeswerben zur Schau ausgebreiteten Schweife erhalten haben. Ihrer Schönheit sich wohl bewußt, paradieren sie damit vor den Weibchen, um deren Gunst zu erlangen. Das meist auf einer erhöhten Stelle, einem Busche im Walde, errichtete Nest besteht aus dünnen Ästchen und trockenen Blättern und ist ebenso liederlich gebaut, als dasjenige anderer Hühnervögel. Das Gelege zählt 4 bis 15 Eier, die vom Weibchen mit großem Eifer ausgebrütet und nur im Notfalle verlassen werden. Das unscheinbare Jugendkleid, das die Jungen zu ihrem Schutze mit dem Weibchen teilen, legen die Männchen erst nach dem zweiten Lebensjahre ab, um im dritten ihre volle Schönheit zu erlangen und zur Paarung zu schreiten.
Auf seinem Eroberungszuge nach Indien erblickte Alexander der Große mit seinen Gefährten als erster Europäer den wilden Pfau in seiner Heimat am Indus. Er war von der Schönheit des ihm bis dahin unbekannten Vogels so entzückt, daß er nach dem Berichte des Älian jeden, der ihn zum Opfer schlachten wollte, mit den schwersten Strafen bedrohte. Er soll nach der Sage auch einige dieser Vögel auf dem Rückzuge aus Indien mit sich genommen haben. Sehr viel früher war er gelegentlich schon als seltener Ziervogel an einige vorderasiatische Höfe gelangt, so auch nach Jerusalem, wo ihn Salomo als wertvolles Prunkstück hielt. Heißt es doch 1. Könige 10, 22, daß diesem König in einem edomitischen Hafen am Nordende des Roten Meeres von phönikischen Seeleuten ausgerüstete und bemannte Schiffe nach dreijähriger Abwesenheit neben Gold, Silber, Elfenbein und Affen auch Pfauen aus Ophir brachten, das wir in Ostafrika zu suchen haben. Dorthin muß der schöne indische Vogel durch den Monsun zur Überfahrt benutzende indische Segler damals schon als Tauschware gebracht worden sein, da er daselbst nicht einheimisch ist. Er heißt im Hebräischen _tukkijîm_, was mit dem tamulischen _togei_ zusammenhängen dürfte.