Kulturgeschichte der Nutztiere

Part 32

Chapter 323,401 wordsPublic domain

In ganz Indien ist der gezähmte Gepard ein geschätzter Jagdgehilfe des Menschen. An den Höfen der indischen Fürsten wird er in großer Menge, bis hundert Stück, gehalten, was allerdings ein sehr kostspieliges Vergnügen bedeutet, da dessen Unterhalt und Wartung durch ein ganzes Heer von Wärtern und Jägern, die ungefähr die geachtete Stellung der Falkner bei uns im Mittelalter bekleiden, große Summen verschlingt. Der reichste von allen indischen Fürsten, der Großmogul von Delhi, soll bis zu tausend Geparde auf seinen Jagdzügen mit sich geführt haben. Der Schah von Persien läßt sie sich aus Arabien kommen und hält sie in einem besonderen Hause. Im Jahre 1474 sah der Italiener Guiseppe Barbaro beim Fürsten von Armenien etwa hundert Stück Jagdleoparden. Früher kamen gelegentlich solche Jagdleoparden als Geschenke orientalischer Fürsten auch an europäische Höfe. So erhielt beispielsweise der deutsche Kaiser Leopold I. um 1680 vom türkischen Sultan zwei abgerichtete Jagdleoparden, mit denen er oftmals jagte. Da aber diese Tiere sehr der Wärme bedürfen, so sind sie bei uns recht hinfällig und kurzlebig, dauern aber in ihrer heißen Heimat sehr lange aus.

Wie außerordentlich zahm und zutraulich der Gepard wird, das bezeugt Brehm, der selbst einen solchen besaß und dreist wagen durfte, ihn an einem Stricke durch die Straßen seiner Heimatstadt zu führen. Solange er es nur mit Menschen zu tun hatte, ging er ihm stets ruhig zur Seite; nur wenn er Hunden begegnete, zeigte er eine große Unruhe und wäre gern gegen sie losgesprungen. Das war das einzige Tier, das ihn in Aufregung brachte. In seinem Tierleben schreibt Brehm von ihm: „Daß die Zähmung nicht schwierig sein kann, wird jedem klar, der einen Gepard in der Gefangenschaft gesehen hat. Ich glaube nicht zuviel zu sagen, wenn ich behaupte, daß es in der ganzen Katzenfamilie kein so gemütliches Geschöpf gibt wie unseren Jagdleoparden, und bezweifle, daß irgend eine Wildkatze so zahm wird wie er. Gemütlichkeit ist der Grundzug des Wesens unseres Tieres. Dem angebundenen Gepard fällt es gar nicht ein, den leichten Strick zu zerbeißen, an den man ihn gefesselt hat. Er denkt nie daran, dem etwas zuleide zu tun, der sich mit ihm beschäftigt, und man darf ohne Bedenken dreist zu ihm hingehen und ihn streicheln und liebkosen. Scheinbar gleichmütig nimmt er solche Liebkosungen an, und das höchste, was man erlangen kann, ist, daß er etwas beschleunigter spinnt als gewöhnlich. Solange er nämlich wach ist, schnurrt er ununterbrochen nach Katzenart, nur etwas tiefer und lauter. Oft steht er stundenlang unbeweglich da, sieht träumerisch starr nach einer Richtung und spinnt dabei höchst behaglich. In solchen Augenblicken dürfen Hühner, Tauben, Sperlinge, Ziegen und Schafe an ihm vorbeigehen, er würdigt sie kaum eines Blickes. Nur andere Raubtiere stören seine Träumerei und Gemütlichkeit. Ein vorüberschleichender Hund regt ihn sichtlich auf: das Spinnen unterbleibt augenblicklich, er äugt scharf nach dem gewöhnlich etwas verlegenen Hunde, spitzt die Ohren und versucht wohl auch, einige kühne Sprünge zu machen, um ihn zu erreichen.“ Soweit dies bekannt ist, hat er sich aber in der Gefangenschaft noch nicht fortgepflanzt, ist also noch nicht zum eigentlichen Haustier des Menschen geworden.

Weiter sind von Raubtieren ~Wiesel~ und ~Frettchen~ bei den Griechen und Römern gezähmt und zum Mäusevertilgen in ihren Wohnungen gehalten worden, lange bevor die Katze aus Ägypten zu ihnen gebracht wurde. Besonders letzteres, das Frettchen, war ein häufig angetroffenes, sehr beliebtes Haustier. Es hieß bei den Griechen _iktis_ und bei den Römern _mustela_. Das ~Frett~ (_Mustela furo_) ist nichts anderes als der durch Gefangenschaft und Zähmung kleiner und zugleich albinotisch gewordene Abkömmling des Iltis. Es ist weiß bis semmelgelb, am Leibe 45 _cm_ und am Schwanze 13 _cm_ lang. Nur wenige sehen dunkler und dann echt iltisartig aus. Es ist weniger lebhaft als sein wilder Verwandter, steht ihm aber an Blutgier und Raublust nicht nach. Sein Zähmungsherd scheint in Nordafrika gewesen zu sein, und zwar wurde es dort nicht nur gegen Mäuse, sondern besonders auch gegen Kaninchen losgelassen, die es aus ihrem Bau heraustrieb. So schreibt Strabon: „In Turdetanien (einer spanischen Landschaft) bedient man sich der Frettchen aus Libyen, um die Kaninchen zu jagen. Man schickt sie mit einem Maulkorb in die Löcher; so ziehen sie die Kaninchen entweder mit den Krallen heraus oder jagen sie empor, so daß sie von den Leuten gefangen werden können.“ Schon lange vorher schrieb Aristoteles, es gleiche an Gestalt, weißer Farbe des Bauches und Bosheit den Wieseln (_galé_), könne jedoch außerordentlich zahm gemacht werden. Es gehe gern über die Bienenstöcke und nasche Honig, hasche aber auch gern Vögel, wie die Katze. Aus Spanien kam dann das Frett zu uns, um bei der Kaninchenjagd zu dienen. Dabei legt man ihm, damit es sich nicht am Blut seines Opfers berausche, auch heute noch einen Maulkorb an; früher war man so roh, ihm den Mund zusammenzunähen, damit es solches nicht tue und dann im Kaninchenbau bleibe, so daß der Jäger lange warten kann, bis es zum Bau herauskommt. In England benutzt man es viel als Rattenjäger, doch muß es dazu besonders erzogen werden, indem man es zuerst nur mit jungen Ratten kämpfen läßt. Später wächst dann sein Mut, so daß es schließlich in einer Stunde bis 50 Ratten in einem 2-3 _qm_ großen Raum zu töten vermag. Durch Kreuzung mit dem Iltis zum Zwecke der Blutauffrischung entstehen die „wildfarbigen“ sogenannten ~Iltisfrettchen~, welche etwas stärker sind als das eigentliche Frettchen. Stets muß das Frettchen in Käfigen gehalten werden, da es der Anhänglichkeit an Haus und Hof entbehrt, durch die sich die eigentlichen Haustiere auszeichnen. Es wird jetzt namentlich zur Jagd auf Kaninchen gezüchtet, ist sehr empfindlich gegen Kälte, aber gleich vielen anderen Haustieren fruchtbarer als die Stammart, indem das Weibchen 5-10 Junge wirft, und zwar zweimal im Jahr.

XIV. Das Huhn.

Zweifellos ist von allen Vögeln das Huhn von der weitaus größten wirtschaftlichen Bedeutung für den Menschen geworden. Heute ist es in zahlreichen Rassen über die ganze Welt verbreitet und findet sich in dem elendesten Negerdörfchen Zentralafrikas ebensogut wie in den entlegensten Eingeborenenniederlassungen Amerikas und Indonesiens. Das war aber nicht von jeher so. Der vorgeschichtliche Europäer kannte dieses Haustier so wenig als die alten Ägypter, Inder und Morgenländer überhaupt. Nirgends treffen wir bei ihnen irgend welche Spuren von der Anwesenheit dieses Vogels, der sich sonst sehr wohl bemerkbar gemacht haben würde. Im Alten Testament wird er nirgends erwähnt; erst im Neuen tritt er uns beispielsweise bei Petri Verleugnung des Herrn entgegen.

Das Huhn ist jedenfalls schon im zweiten Jahrtausend v. Chr. irgendwo in Südasien vermutlich von einem Malaienstamme durch Zähmung des dort einheimischen ~Bankivahuhns~ (_Gallus ferrugineus_) als Haustier gewonnen worden. Von seinem ältesten Domestikationsherd Südasien breitete es sich langsam nach allen Seiten hin aus und wurde schon ums Jahr 1400 v. Chr. nach China eingeführt. Nach Westasien gelangte es erst viel später. So hat es Layard zuerst auf einem altbabylonischen Siegelzylinder aus dem 6. bis 7. Jahrhundert v. Chr. abgebildet gefunden. Auf diesem steht ein Priester in Opferkleidung vor einem größeren und einem kleineren Altar, auf welch letzterem sich ein Hahn befindet. Auf einer ebenfalls aus derselben Zeit stammenden babylonischen Gemme sehen wir eine geflügelte Gottheit in betender Stellung vor einem Hahne auf einem Altar. Beide Male erscheint der Hahn von Osten, und über beiden Abbildungen schwebt ein Halbmond, wahrscheinlich als Zeichen der schwindenden Nacht. Im alten Ägypten ist jedenfalls das Hühnchen, das die Hieroglyphe _u_ darstellt, nicht das Junge eines Haushuhns, sondern dasjenige eines Wildhuhns, und zwar vermutlich eines Steinhuhns.

Homer kannte das Huhn noch nicht, denn er erwähnt es nirgends in seinen Epen. Zum erstenmal spricht von ihm der griechische Dichter Theognis in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts v. Chr. Aber erst um die Zeit der Perserkriege finden wir bei den Dichtern Epicharmos, Simonides, Äschylos und Pindar den Hahn unter dem stolzen Namen _aléktōr_, d. h. Abwehrer, Kämpfer, als bekannten Genossen des Menschen. Die griechischen Dichter vergleichen den Kampf der Hähne desselben Hofes untereinander mit dem Streite der Menschen. In den Eumeniden des Äschylos warnt Athene vor dem Bürgerkrieg, als dem zwecklosen Kampf zwischen zwei Hähnen gleichend. Ebenso vergleicht Pindar in seinem 12. olympischen Liede den ruhmlosen Sieg in der Vaterstadt mit demjenigen des Hahnes auf dem Hofe.

Bei den griechischen Komikern heißt der Hahn stets der „persische Vogel“, weil er durch die Vermittlung der Perser nach Griechenland kam. Seine hohe Wertschätzung bei den alten Persern erfuhren wir bereits bei der Besprechung des Hundes. Dort wurde gesagt, daß der Hahn, wie der Hund, der Feind der Dämonen und Zauberer sei. Er solle Wache halten über die Welt, als sei kein Hund zum Beschützen der Herden und der Häuser vorhanden. Wenn der Hund mit dem Hahn gegen den bösen Feind kämpfen, so entkräften sie ihn, der sonst Menschen und Vieh plage. Daher heiße es, durch ihn werden alle Feinde des Guten überwunden, seine Stimme zerstöre das Böse. Wo sich nun ein Perser niederließ, sorgte er so sicher für einen Hahn, als er die Frühgebete und Reinigungen beim Sonnenaufgang, die ihm seine Religion gebot, vornahm. Soweit also die Grenzen der persischen Herrschaft sich erstreckten, ward auch der Hahn, als leicht übertragbares Fetischtier, das durch seine Stimme die bösen Geister vertrieb, mitgenommen. So kam das Tier auch nach Kleinasien und zu den Griechen an den Küsten des Ägäischen Meeres, die ihn mehrmals auch auf ihren Münzen abbildeten. Seine vormalige Heiligkeit erhielt sich auch bei ihnen insofern, als sie sich zunächst scheuten, ihn oder die Eier des Huhnes zu essen. Bald aber ward der Hahn ein Opfertier, das man besonders dem Heilgotte Asklepios nach erlangter Genesung opferte. So befahl auch der Philosoph Sokrates, bevor er den Schierlingsbecher trank, man solle dem Asklepios einen Hahn opfern; er sei dann durch den Tod genesen. Auch zu mannigfaltigem Zauberspuk benutzte man in Griechenland den Hahn. So schreibt Pausanias: „Wenn bei Mehtana im Gebiet von Trözen der Südwestwind aus dem Saronischen Meerbusen auf die ausschlagenden Weinstöcke weht, so vertrocknen diese leicht. Um diesem Übel vorzubeugen, packen zwei Männer einen Hahn, der ganz weiße Flügel hat, reißen ihn entzwei und jeder läuft mit seiner Hälfte um den Weinberg herum. Da, wo sie dann zusammentreffen, vergraben sie die Stücke.“ Hier ist also schon von partiellem Leucismus beim Hahne als einem Zeichen weitgehender Beeinflussung durch Domestikation die Rede.

Viel länger bewahrte das Huhn seinen sakralen Charakter bei den Römern, die es durch Vermittlung der süditalischen Griechen kennen gelernt hatten. Diese betrachteten es als einen Vogel, der von einem göttlichen Geiste beseelt war, mit der Fähigkeit, die Zukunft vorauszuschauen. So wandte man denn überall da, wo ein einzelner die Verantwortung nicht zu tragen wünschte und ein „Augurium“, eine Weissagung aus dem Fluge gewisser wilder Vögel nicht gerade zu haben war, die Sache aber doch zur Entscheidung drängte, ein künstliches „Auspicium“ an, das man _auspicium ex tripudiis_ nannte. So stellte denn, so oft man dessen bedurfte, der _pullarius_ oder Hühnerwärter die Vögel durch Vorstreuen von Futter auf die Probe. Fraßen sie gierig, so war das ein günstiges Zeichen für die geplante Unternehmung. Unlust dagegen würde, so müssen wir ergänzen, auf eine Beängstigung des weiter in die Zukunft schauenden Geistes in den Fetischtieren schließen lassen.

Zahllos sind die Beispiele, in welchen die Annahme oder Ablehnung einer Schlacht von seiten der Römer auf das Verhalten der mitgeführten heiligen Hühner abgestellt wurde. Dabei ist der Standpunkt, den die verschiedenen römischen Schriftsteller dieser Tatsache gegenüber einnehmen, ein sehr verschiedener. Die jüngeren, freier denkenden sind erstaunt darüber, daß die wichtigsten Staatsgeschäfte, die entscheidendsten Schlachten von Hühnern geleitet und entschieden, die Weltbeherrscher von Hühnern beherrscht würden. Die älteren, konservativer denkenden Naturen aber stoßen sich durchaus nicht daran, sondern meinen, wie Cicero in seinem Werke _de divinatione_ schreibt: „Bei der Beobachtung der von den heiligen Hühnern ausgehenden Prophezeiungen (_auspicium_) verfuhren unsere Vorfahren gewissenhafter als wir. Der Hühnerprophet (_auspex_) wählte zum Gehilfen einen Mann, der selbst ein vollkommener Vogelprophet (_augur_) war und demnach genau wußte, was ‚heilige Stille‘ bedeutet. In unserer Zeit kann jeder ohne weiteres bei der heiligen Handlung als Gehilfe dienen.“ Dann berichtet er ausführlich in Rede und Gegenrede, wie bei der Handlung verfahren wird. Er meint, daß dabei nicht mehr mit der Aufmerksamkeit wie früher vorgegangen werde und das Fressen oder Nichtfressen der Hühner in die Hand des Hühnerwärters (_pullarius_) gegeben sei. Er sagt nämlich: „Übrigens ist es nicht zu leugnen, daß bei einer solchen Art zu prophezeien die Vögel doch nicht so ohne weiteres als Diener und Propheten Jupiters betrachtet werden sollten, da sie ja beim Fressen nicht nach dem Willen Jupiters, sondern nach dem Willen des Hühnerwärters handeln, der sie vorher nach Belieben in ihrem Käfige längere oder kürzere Zeit fasten läßt.“

Wenn die heiligen Hühner (_pulli_) so gierig fraßen, daß das schon im Schnabel befindliche Futter auf die Erde zurückfiel, so wurde das als eine besonders gute Vorbedeutung aufgefaßt. Es hieß dies bei den Römern _tripudium_ und sollte nach Cicero von _terripudium_ = _terripavium, quia terram pavit_ abzuleiten sein. Dann schreibt dieser Autor: „Im zweiten punischen Kriege (218-201 v. Chr.) hat der römische Staat dadurch entsetzlichen Schaden gelitten, daß Gajus Flaminius nicht auf Warnungszeichen achten wollte. Einstmals fütterte der Priester, der die der Armee beigegebenen heiligen Hühner besorgte, diese Tiere, um durch die Art und Weise, wie sie fräßen, die Zukunft zu erforschen, und tat dann den Ausspruch, die Schlacht müsse verschoben werden. Darauf fragte Flaminius (der Oberfeldherr), was dann geschehen sollte, wenn die Tiere wieder nicht fressen wollten? Der Priester antwortete: Dann müsse man eben wieder zuwarten. Hierauf antwortete Flaminius: Das wäre doch eine schöne Geschichte, wenn ich nur dann auf den Feind losgehen dürfte, wenn meine Hühner hungrig sind, aber mich ruhig verhalten müßte, wenn meine Hühner satt sind.“

Allerdings waren nicht alle Feldherren so nachgiebig, daß sie eine ihnen günstig scheinende Schlacht vom Fressen oder Nichtfressen der im Heere mitgeführten heiligen Hühner abhängig machen wollten. So ging einer einmal radikal vor, hatte es aber schwer zu büßen, als die gegen den Willen der heiligen Hühner unternommene Schlacht ungünstig verlief. Es war dies Publius Claudius. Über jenen Fall schreibt Valerius Maximus: „Als Publius Claudius im ersten punischen Kriege eine Seeschlacht liefern wollte, verkündete ihm der Hühnerwärter, die heiligen Hühner wollten nicht aus dem Käfig heraus und nicht fressen. Da gab Claudius den Befehl, sie ins Meer zu werfen und sagte: Wollen sie nicht fressen, so sollen sie saufen! Er verlor aber die Schlacht und ward vom Volke verurteilt.“ Derselbe Autor berichtet in einem anderen Falle: „Als der Konsul Gajus Hostilius Mancinus im Begriffe war, nach Spanien abzugehen und in Lavinium opfern wollte, huschten die heiligen Hühner aus ihrem Käfig in den Wald und verschwanden daselbst spurlos. Infolgedessen verlor er dann eine Schlacht.“

Der römische Geschichtschreiber Livius weiß allerlei solche Hühnergeschichten vom Diktator Lucius Papirius Cursor zu erzählen. Als er gegen die Samniten zog, machte ihn der Hühnerwärter darauf aufmerksam, daß die Hühner kein Glück prophezeit hätten. Da eilte er nach Rom, um die Hühner abermals zu befragen, befahl aber seinem Reiteroberst (_magister equitum_) Quintus Fabius Maximus Rullianus, während seiner Abwesenheit keine Schlacht zu liefern. Dieser benutzte aber doch eine Gelegenheit, erfocht einen glänzenden Sieg, geriet aber darüber mit dem Diktator in einen Streit, der fast zu offenem Aufruhr Veranlassung gab. „Diese letztere dem römischen Staate drohende Gefahr war also eigentlich von den Hühnern gemeint und prophezeit worden,“ meint dazu Livius. Also sollten die Hühner in jedem Falle recht behalten.

An einer anderen Stelle schreibt dieser Autor: „Als später Papirius den Samniten bei Luceria gegenüberstand, kamen Gesandte von Tarent, wollten beiden Parteien befehlen, die Waffen niederzulegen, und drohten auch noch gar, sie wollten derjenigen Partei, die ihrem Willen nicht gehorche, entgegentreten. Wie nun die Gesandten den Papirius verlassen hatten, rüstete sich dieser sogleich zur Schlacht, versäumte aber auch nicht, seine Hühner zu befragen. Gerade wie er damit beschäftigt war, kamen die Tarentiner zu ihm und Papirius verkündigte ihnen: Ihr Tarentiner, die Hühner meines Hühnerwärters verkünden mir den Sieg, und so werde ich mit Hilfe der Götter sofort den Feind angreifen! Er tat das wirklich, siegte mit Leichtigkeit und machte große Beute.“

„Ein anderes Mal stand Papirius den Samniten bei Aquilonia gegenüber. Sie hatten ein gewaltiges Heer; aber Papirius begeisterte seine Soldaten durch eine Rede so sehr, daß sie laut eine Schlacht forderten. Papirius befahl nun in aller Stille seinem Hühnerwärter, die heiligen Hühner zu befragen. Dieser tat es; doch die Hühner wollten nicht fressen. Aber der Hühnerwärter war so begeistert für die zu schlagende Schlacht, daß es ihm auf eine Lüge nicht ankam und er dem Konsul meldete, die Hühner hätten Heil und Segen prophezeit. Voller Freude gab nun Papirius das Zeichen zum Aufbruch. Aber unterwegs begann unter den Hühnerwärtern ein Zank über die Hühnerprophezeiung. Die Reiter hörten den Disput mit an und meldeten die bedenkliche Sache dem Konsul. Dieser tat den Ausspruch: Wenn ein Vogelprophet lügt, so trifft ihn allein alles aus der Lüge entstehende Unglück. Mir und dem römischen Volke ist nur Glück prophezeit worden, also munter vorwärts! Er befahl nun, die Hühnerwärter in die erste Schlachtlinie zu stellen. Der erste feindliche Speer streckte den lügnerischen Hühnerwärter nieder und der Konsul rief mit lauter Stimme: Die Götter stehen uns bei, das schuldige Haupt ist bestraft! Wie er dies sagte, krächzte ihm ein Rabe laut entgegen. Er begrüßte dieses günstige Zeichen mit Freuden, befahl den Trompetern, das Zeichen zum allgemeinen Angriff zu geben und erfocht einen ruhmvollen Sieg. Er verdankte diesen teils der Klugheit, mit der er das prophezeite Unglück auf das Haupt des Hühnerwärters abwälzte, teils auch dem Umstande, daß er im entscheidenden Augenblick dem Jupiter einen Becher Wein versprach, wenn die Feinde durch seine Hilfe geschlagen würden.“ Diese Erklärung des Plinius kennzeichnet ihn vollkommen in seinen Anschauungen. Er war ebensogut wie Livius ein Kind seiner Zeit. Damals dachten eben alle Römer so wie er.

Eine begeisterte Beschreibung des Hahnes liefert der ältere Plinius in seiner Naturgeschichte in folgenden Worten: „Ruhmbegierig ist der Vogel, der in der Nacht für uns wacht, der vor Anbruch des Morgens den Menschen weckt und zur Arbeit ruft. Er kennt die Sterne und kräht (_canet_ = singt) am Tage jedesmal, wenn drei Stunden verflossen sind. Mit der Sonne geht er schlafen und ruft gegen Morgen den Menschen zu neuen Sorgen und Arbeiten wach. Ehe er kräht, schlägt er mit den Flügeln. Er ist herrschsüchtig und ein jeder führt auf seinem Hofe das Regiment. Sie kämpfen untereinander um die Herrschaft, als ob sie wüßten, daß sie zu diesem Zwecke die Waffen an den Füßen trügen, und hören nicht eher auf, als bis einer tot auf dem Platze liegt. Der Sieger kräht gleich auf dem Schlachtfelde und verkündet dadurch seine Heldentat. Der Besiegte verkriecht sich stillschweigend und grämt sich über die verlorene Herrschaft. Der gemeinste Hahn schreitet übermütig einher, trägt sein gekröntes Haupt hoch und stolz, schaut oft gen Himmel, was kein anderer Vogel tut, und hebt auch seinen sichelförmigen Schwanz empor. Er flößt daher dem mutigsten Tiere, dem Löwen, Schrecken ein. Manche Hähne werden zu Krieg und Schlacht geboren und bringen selbst ihrem Vaterlande Ruhm und Ehre, so die Hähne von Rhodus und Tanagra. Nach diesen sind die berühmtesten die von Melos und Chalcis. Der Hahn ist der Ehre wert, die ihm selbst die römischen Konsuln erweisen. Sein mehr oder weniger begieriges Fressen gibt die wichtigsten Aufschlüsse über dem römischen Staate bevorstehendes Glück oder Unglück. Täglich regiert er unsere Obrigkeiten oder verschließt und öffnet ihnen ihr eigenes Haus. Er befiehlt den römischen Konsuln vorzurücken oder stehen zu bleiben, befiehlt oder verbietet Schlachten; er hat alle auf Erden erfochtenen Siege im voraus verkündet, beherrscht die Beherrscher der Welt und ist, als Opfer dargebracht, ein herrliches Mittel, die Gunst der Götter zu erhalten. Kräht er zu ungewohnter Zeit oder des Abends, so deutet er auf wichtige Begebenheiten hin. Als die Böotier jenen berühmten Sieg über die Lakedämonier erfochten, hatten es die Hähne dadurch vorausverkündet, daß sie die ganze Nacht krähten. Da der Hahn nicht kräht, wenn er besiegt ist, so war die Deutung zweifelhaft.“ Plinius geht so weit, daß er dem Hühnervolke sogar sonst rein menschliche Eigenschaften, wie den Besitz von Religion und Sprache, beilegt. So sagt er: „Auch die Haushühner (_villares gallinae_) haben ihre Religion: Sobald sie nämlich ein Ei gelegt haben, schütteln sie sich und nehmen eine Zeremonie vor, indem sie um das Ei ein Grashälmchen herumtragen.“ Es kommt nämlich öfter vor, daß sich die Hühner nach dem Eierlegen schütteln, daß sie dann Hälmchen mit dem Schnabel fassen und sie neben und hinter sich legen, ohne Zweifel, weil sich dann die angeborene Neigung zum Nestbau regt. Plinius betrachtet diese Eigenschaft poetisch als Zeremonie, wie sie damals bei den Menschen gebräuchlich war und _purificare_ und _lustrare_ genannt wurde. Was das Vermögen der Sprache anbetrifft, sagt er: „In den Jahrbüchern ist aufgezeichnet, daß unter dem Konsulat des Marcus Lepidus und Quintus Catulus ein Haushahn auf dem Landsitze des Galerius gesprochen hat; dies ist aber auch, so viel mir bekannt, das einzige Beispiel der Art.“