Kulturgeschichte der Nutztiere

Part 12

Chapter 123,351 wordsPublic domain

Während diese beiden Ziegenrassen der Wildform ähnliche Hörner tragen, ist die ~hornlose Ziege~ als Kulturrasse offenbar aus der vorigen hervorgegangen, und zwar schon im frühesten Altertum, da sie bereits von den alten Griechen und Römern gehalten wurde und als besonders milchergiebig galt. Diese zielbewußte Wegzüchtung des Gehörns ist hier wie beim Rind sehr wohl begreiflich; denn dem Menschen mußten die Hörner als Werkzeuge zu Zerstörung und Angriff bald unbequem sein, und außerdem wollte er den Organismus des von ihm vor allen Gefahren beschützten Haustiers vor aller Ausgabe von unnützem Bildungsstoff bewahren. Der mittelgroße Körper dieser hornlosen Ziege weist regelmäßige Formen auf mit verhältnismäßig langem Kopf, breiter Stirn und aufrechten oder etwas hängenden Ohren. An ihrem Halse kommen häufig glöckchenartige Anhängsel vor, die, wie wir hörten, bereits Columella erwähnt. Die Behaarung ist fein, am Rücken und Schenkel verlängert; die Färbung wechselt von Hellbraun bis zu Weiß. Stirn und Nasenrücken sind meist hellbraun, auch kommt ein dunkler Rückenstreifen vor. Diese Rasse ist in den schweizerischen Bergländern stark verbreitet. Am geschätztesten ist die ~Toggenburger Ziege~ von brauner Färbung, die aber als Rückschlagserscheinung bisweilen ein feines Gehörn besitzt. Dieser Schlag gilt als sehr milchergiebig und wird aus dem St. Galler Oberland stark nach Baden, Bayern, Sachsen und Holland exportiert. Die ebenfalls hornlose ~Saanenziege~ ist rein weiß oder gelblichweiß mit gleichfarbenem Flotzmaul und kommt in kurz- und langhaarigen Abarten vor. Sie stammt vom Oberlauf des Flüßchens Saane im Obersimmental (Berner Oberland) und hat sich über die ganze Schweiz verbreitet, da sie durchschnittlich 4 Liter Milch täglich gibt. Auch sie wird viel nach dem Auslande zur Aufbesserung der heruntergekommenen Stallziege oder zur Reinzucht exportiert. So wird sie in Reinzucht vom Ziegenzuchtverein in Pfungstadt gezogen und an Liebhaber in Deutschland verkauft.

Alle diese europäischen Rassen werden hauptsächlich der Milchnutzung wegen gehalten und verdienen in der Tat als Milchlieferanten der ärmeren Bevölkerung die weiteste Verbreitung. Da, wo sie das ganze Jahr im Stall bleiben und ohne sachgemäße Pflege behandelt werden, sind sie, besonders im Tiefland, weitgehend degeneriert. In den Mittelgebirgen dagegen, z. B. im Harz, wo sie wenigstens im Sommer auf die Weide getrieben werden, haben sich mit dem freieren, naturgemäßeren Leben schon bessere Schläge erhalten. Da aber, wo sie, wie in der Schweiz, den größten Teil des Jahres im Freien zubringen und im Gebirge, ihrem Lebenselement, herumklettern können und man ihrer Zucht von jeher größere Aufmerksamkeit schenkte, da treffen wir die weitaus edelsten, milchergiebigsten Rassen, die zur Reinzucht oder zur Auffrischung der verkommenen Schläge des Tieflandes die weiteste Verbreitung verdienen. Das hat man auch überall in Deutschland erkannt und handelt danach. Wenn es gelänge, durch Verbesserung des in Deutschland vorhandenen Ziegenmaterials von etwa 3 Millionen Stück einen Mehrertrag von auch nur einem halben Liter Milch pro Exemplar und Tag zu erzielen, so würde damit das Nationalvermögen in Deutschland nach Ulrich um nicht weniger als 30 Millionen Mark jährlich erhöht. Deshalb sollten nicht nur Private, sondern vor allem auch die Kommunen und der Staat zur Veredlung dieses so nützlichen Haustieres das ihrige beitragen.

Mit vollem Recht schreibt der Direktor des Berliner Zoologischen Gartens, _Dr._ Heck, im Tierreich: „In unserem Vaterland und den anderen europäischen Ländern ist die Ziege zwar überall zahlreich vorhanden, aber was sachgemäße Züchtung und Behandlung anlangt, neben dem Geflügel entschieden das am meisten vernachlässigte Haustier. In unserer zünftigen Landwirtschaft sieht man sie nicht so recht für voll an; die ‚Kuh des armen Mannes‘ nennt man sie halb scherzweise, halb verächtlich. Ich möchte aber diesen Spottnamen vielmehr als einen Ehrennamen in Anspruch nehmen: Kann es denn etwas Wichtigeres geben als ein milchergiebiges und billig zu haltendes Haustier für den kleinen Mann, den kleinen Bauer, den Handwerker und Tagelöhner auf dem Dorfe, den Fabrikarbeiter in der Vorstadt?! Gerade heutzutage, wo durch den Zustrom nach den Städten immer größere Massen des Volkes ins Proletariertum hinabsinken, das kein Heim mehr hat und nichts mehr sein Eigen nennt! Wie wohl täte die fette Ziegenmilch dem hohläugigen Armenkinde der Großstadt, das seinen Hunger notdürftig mit minderwertiger Abfallsnahrung stillen muß! Das ist freilich nicht zu verwundern, daß unter der ‚Pflege‘ der Armut bei kargem Futter, in schlecht verwahrtem Stall aus der Hausziege die fast sprichwörtliche ‚magere Zicke‘ wurde, deren Haltung kaum mehr lohnt; um so verdienstlicher ist es aber, wenn seit einigen Jahren landwirtschaftliche (Gräfin v. Mirbach-Sorquitten) und industrielle Kreise (meine Landsleute Dettweiler und Ulrich) die Bedeutung der Ziege für das Volkswohl erkannt und ihre Verbesserung energisch in die Hand genommen haben.“

Verhältnismäßig selten wird in Deutschland die Ziegenmilch zu Butter und Käse verarbeitet. Letzterer wird in Altenburg und anderswo, besonders auch in der Schweiz, in bis tellergroßen Scheiben von Fingerdicke auf den Markt gebracht und mit Kümmel und Salz gewürzt gegessen. Die bei der Gerinnung des Käsestoffs ablaufende zucker- und nährsalzreiche grünlichgelbe Flüssigkeit, die Molke, wird noch vielfach als Heilmittel für Brustkranke verwendet. Erwachsen kommt die Ziege als Schlachttier wenig in Betracht, obschon die Haut ein vorzügliches Leder für Damenschuhe und feinere Sattlerarbeiten liefert und die Därme für Saiten von Musikinstrumenten sehr gesucht sind. Schon Karl der Große befahl den Verwaltern seiner Güter, nicht bloß Herden von Milchziegen, sondern auch von Böcken zu halten, deren Hörner und Felle ihm abgeliefert werden sollten. Damals wurde auch das Fleisch der Böcke gern gegessen, teils frisch, teils aber geräuchert. Besonders aber dienten und dienen heute noch die Zicklein, soweit man sie nicht aufziehen will, als leckerer Braten. Außer dem trefflichen Fleisch liefern sie das beste Material für die Herstellung von Glacéhandschuhen, für die allein aus der Schweiz nach Frankreich, wo in Grenoble -- dem alten Gratianopolis -- in der Dauphinée das Hauptzentrum für diesen Fabrikationszweig besteht, jährlich etwa 300000 Stück ausgeführt werden. Die Ziegenhaare werden nur noch ausnahmsweise verarbeitet, dagegen dienen Ziegenfelle den Hirten auf Korsika und Sardinien als Bekleidung.

Überhaupt ist die Hausziege am stärksten im gebirgigen Südeuropa von Spanien bis Griechenland und Zypern vertreten und ist ihre Zucht hier in manchen Gegenden wichtiger als die Schafzucht. Auch in den Gebirgstälern der östlichen Karpathen, in Siebenbürgen, in den österreichischen, schweizerischen und französischen Alpen ist die Ziege ein gemeines Haustier. Nach Fankhauser beträgt in der Schweiz die Zahl der Stallziegen etwa 180000, der Herdgeißen, die täglich ausgetrieben werden, 164000 Stück und der während des Sommers in den Alpen gesömmerten Ziegen ungefähr 65000 Stück. In Süd- und Mitteldeutschland hat die Ziegenzucht in neuerer Zeit eine Zunahme erfahren, während sie in Nordeuropa in Abnahme begriffen ist. Ganz unbedeutend ist sie in England, etwas mehr in Schottland, reich dagegen in Irland vertreten. In Frankreich läßt sich ein Rückgang ihrer Zucht feststellen, mit Ausnahme der südlichen Departemente. In ganz Europa werden reichlich 20 Millionen Ziegen gehalten.

Wie in Europa finden sich die Ziegen von Bezoarabstammung auch in Nordafrika und Westasien. Im tropischen Afrika sind sie zu einer Kümmerform degeneriert, die wir als ~Zwergziege~ vom äußersten Osten bis zur Westküste in verschiedenen Schlägen antreffen. Einzelne derselben, wie besonders diejenigen Westafrikas, erinnern in ihrer Färbung ganz an unsere gemsfarbige Ziege. Ihre dem heißen Klima entsprechende kurze Behaarung ist rotbraun mit schwarzem Rückenstreifen und dunkler Schulterbinde; andere neigen stark zu Leucismus, wie die blendend weiße ~Somaliziege~, die aber als Erbstück der Stammform sehr häufig einen schwarzen Rückenstreifen sowie eine über die Stirn und zwei über die Augen verlaufende dunkle Binden beibehalten hat. Alle diese Zwergziegen sind kurzbeinig und gehörnt, doch bleibt das Gehörn stets kurz. Ebenfalls ein kurzes, nach hinten und außen in einem Halbbogen verlaufendes Gehörn mit meist scharfer vorderer Kante hat die gleichfalls von der Bezoarziege stammende ~Mamberziege~ Westasiens, deren Ausgangspunkt vermutlich Syrien ist, von wo aus deren Zucht sich über den Orient verbreitete. Sie unterscheidet sich von allen anderen Ziegenrassen durch die ungeheuer langen Hängeohren, die die Kopflänge um das Doppelte übertreffen. Der gestreckte Kopf ist in der Stirngegend sanft gewölbt, der Hals ziemlich lang, der Leib von stattlicher Größe und hochgestellt. Die Behaarung erscheint am Kopf kurz, am übrigen Körper sehr lang, zottig und seidenartig glänzend. Die Färbung ist einförmig weiß, auch gelbbraun oder schwarz. Das Verbreitungsgebiet dieser Ziegenrasse, die offenbar schon sehr alt sein muß, da sie bereits Aristoteles bekannt war, erstreckt sich vom Mittelmeer bis nach Persien und Mittelasien hinein. Hier grenzt an sie eine andere, meist kleinere Ziegenrasse, die sich durch lange Behaarung und schraubenartiges Gehörn auszeichnet und sich damit als Abkömmling einer in den Bergen Afghanistans und Kaschmirs lebenden Wildziege, der ~Schraubenziege~ oder des ~Markhor~ (_Capra falconeri_) erweist. Es ist dies ein Gebirgstier von der Größe eines Steinbocks mit gerade verlaufendem, korkzieherartig gedrehtem, zweikantigem Gehörn, das eine Länge von 1,5 _m_ erreicht und bei gewissen Varietäten nach hinten und außen gebogen ist. Das fahlbraune Haarkleid ist auf dem Rücken und am Vorderkörper stark verlängert. Ungleich den Steinböcken, die sich an die schwer zugänglichen Felsenlabyrinthe des Gebirges halten, liebt der Markhor Wälder mit felsigem Boden, in denen er sich so viel wie möglich versteckt; nur gelegentlich kommt er auf offenes Gelände hinaus. Wie andere Ziegen, gleich denen er in Herden lebt, hält er sich mit Vorliebe an steilen Felsklippen auf. In Afghanistan, wo Wälder meistens fehlen, wird er in steinigen Schluchten und an steilen Berglehnen gefunden, von wo ihn nur starker Schneefall den Tälern zutreibt. Er klettert vortrefflich und sein Weibchen bringt im Mai-Juni 1 oder 2 Junge zur Welt. Wiederholt hat sich der Markhor erfolgreich mit Hausziegen gepaart. Sein Verbreitungsgebiet erstreckte sich früher wahrscheinlich weiter nach Westen und reichte vielleicht bis zu den Bergen im Osten von Persien. Am frühesten tritt uns ein Abkömmling dieser innerasiatischen Wildziege in einem in Nordbabylonien ausgegrabenen Bronzekopf aus dem Anfang des zweiten vorchristlichen Jahrtausends entgegen. Auch aus späterer Zeit sind Darstellungen oft langhaariger Ziegen mit langem, schraubenartig gewundenem, geradem Gehörn und Bart auf uns gekommen, so auf Bildern aus der ersten Hälfte des letzten vorchristlichen Jahrtausends, auf denen assyrische Krieger sie als Beute vor sich hertreiben. Durch ihre Schlappohren und die geringe Größe erweisen sie sich als weitgehend durch Domestikation veränderte Haustiere.

Diese Hausziege von Markhorabstammung drang dann mit der Zeit nach Syrien und Ägypten vor, erhielt sich aber hier nicht rein, sondern wurde weitgehend mit der Mamberziege gekreuzt. Diese Kreuzungsprodukte, die sich teilweise durch Mopskopf und außerordentlich lange Ohren auszeichnen, so daß letztere gelegentlich gestutzt werden müssen, damit sie die Tiere nicht am Weiden hindern, sind heute von Ägypten über ganz Vorder- und Mittelasien verbreitet.

In reiner Form hat sich die Hausziege von Markhorabstammung nur in der ~Kaschmirziege~ erhalten, die die eigentliche Hausziege Innerasiens ist. Auch sie ist gegenüber ihrem freilebenden Stammvater bedeutend kleiner geworden. Sie ist ein gefällig gebautes Tier von beinahe 1,5 _m_ Gesamtlänge und 60 _cm_ Schulterhöhe mit einer ihrer kalten Heimat Tibet entsprechenden dichten Behaarung. Ein langes, feines Grannenhaar überdeckt die kurze, flaumartig weiche Wolle. Die Färbung wechselt, ist oft einfach weiß, gelb, braun oder schwarz; häufig sind die Kopfseiten, der Hals und Kehlbart schwarz, die übrigen Teile des Körpers aber silberweiß. Der gestreckte Leib ist dick; der kurze Kopf trägt nicht sehr lange hängende Ohren und in beiden Geschlechtern Hörner, die beim Männchen sehr lang und wie bei der Stammform schraubenförmig gedreht sind, von der Wurzel an auseinanderweichen und in schiefer Richtung auf- und rückwärts, beim Weibchen dagegen fast gerade verlaufen. Ihr Stammland ist das Hochland von Tibet von Ladak bis Lhassa. Von da an reicht ihr Verbreitungsgebiet über Buchara bis zum Lande der Kirgisen einerseits und bis in die Mongolei andererseits. Neuerdings wurde sie auch in das Gebiet der Südabhänge des Himalaja nach Bengalen eingeführt. In Kaschmir selbst lebt sie nicht, sondern dort wird nur ihre aus Tibet stammende Wolle zu den feinen Kaschmirschals verarbeitet, die einst Weltruf besaßen und früher als ein äußerst gesuchter Handelsartikel in Menge exportiert wurden. Unter der Herrschaft des Großmoguls sollen 40000 Schalwebereien in Kaschmir bestanden haben. Doch sank dieser wichtige Erwerbszweig im Laufe des vergangenen Jahrhunderts so sehr herab, daß viele tausend Menschen, denen die Weberei ihren Lebensunterhalt verschaffte, aus Mangel an Arbeit aus dem Lande auswanderten.

Höchst schädigend auf diese Industrie wirkte die Tatsache, daß Frankreich vor etwa hundert Jahren die Fabrikation dieser feinen Wollwaren bei sich einführte. Der französische Arzt Bernier, der im Jahre 1664 im Geleite des Großmoguls Kaschmir bereiste, erfuhr als erster Europäer, daß zwei Ziegenarten, eine wild lebende und eine gezähmte, solche Wolle liefern. Ein einzelnes Tier liefert 0,3-0,4 _kg_ brauchbaren Wollflaums. Am gesuchtesten ist das reine Weiß, das in der Tat den Glanz und die Schönheit der Seide besitzt.

Als Ternaux zu Beginn des 18. Jahrhunderts die Schalweberei in Frankreich einführte, kam er auf den Gedanken, statt der teuren Kaschmirwolle die Kaschmirziegen selbst zu beschaffen. Zur Erreichung dieses Zweckes bot sich ihm ein gewisser Jaubert an, der sich 1818 nach Odessa einschiffte. Hier erfuhr er, daß die Nomadenstämme zwischen Astrachan und Orenburg Kaschmirziegen hielten; er reiste zu ihnen, überzeugte sich durch genaue Untersuchung des Flaums von der Echtheit der Tiere und kaufte 1300 Stück an. Diese Herde brachte er nach Kaffa in der Krim, schiffte sich mit ihr ein und landete im April 1819 in Marseille. Aber nur 400 Stück der Herde hatten die lange, beschwerliche Seereise ausgehalten, und diese waren so angegriffen, daß man wenig Hoffnung hatte, Nachzucht von ihnen zu erhalten. Namentlich die Böcke hatten sehr stark gelitten und gingen in der Folge auch tatsächlich ein. Glücklicherweise sandten darauf fast zu gleicher Zeit die französischen Naturforscher Diard und Duvaucel einen kräftigen Bock der Kaschmirziege, den sie in Indien zum Geschenk erhalten hatten, an den Tiergarten zu Paris. Er wurde der Stammvater all der zahlreichen Kaschmirziegen, welche gegenwärtig in Frankreich leben und diesem Lande jährlich 16 Millionen Mark einbringen. Von Frankreich aus kam dann die Kaschmirziege auch nach Österreich und Württemberg; doch erhielt sich leider hier die Nachzucht nicht.

Eine hochgezüchtete Form der langhaarigen Mamberziege, die, wie wir sahen, weitgehend Blut der Kaschmirziege in sich aufnahm, ist die ~Angoraziege~, ein schönes, großes Tier von gedrungenem Körperbau, mit starken Beinen, kurzem Hals und Kopf, mit Hängeohren, aber nicht korkzieherartig gewundenem Gehörn, wie sie es als teilweiser Abkömmling der Kaschmirziege tragen könnte. Beide Geschlechter tragen Hörner. Die des Bockes sind scharf gekantet und hinten stumpf zugespitzt, stehen gewöhnlich wagrecht vom Kopfe ab und bilden eine weite, doppelte Schraubenwindung, deren Spitze sich nach aufwärts richtet. Das Weibchen trägt kleinere, schwächere, einfach gebogene, runde Hörner. Nur das Gesicht, die Ohren und der unterste Teil der Beine sind mit kurzen, glatt anliegenden Haaren bedeckt; der übrige Körper trägt eine überaus reichliche, dichte, feine, weiche, seidenartig glänzende, lockig gekräuselte Behaarung von meist gleichmäßiger weißer Farbe. Selten zeigen sich auf dem weißen Grunde dunkle Flecken. Im Sommer fällt das Vlies in großen Flocken aus, wächst aber sehr rasch nach. Französische Züchter fanden, daß ein Vlies zwischen 1,25 und 2,5 _kg_ wiegt.

Ihren Namen trägt diese Ziegenrasse nach der kleinen Stadt Angora im türkischen Paschalik Anadoli in Kleinasien, der schon im Altertum hochberühmten Stadt Ankyra. Ihre Heimatsgegend ist trocken und heiß im Sommer, jedoch sehr kalt im Winter, obwohl dieser nur 3-4 Monate dauert. Erst wenn es keine Nahrung mehr auf den Bergen gibt, bringt man die Ziegen in schlechte Ställe; das ganze übrige Jahr müssen sie auf der Weide verweilen. Sie sind höchst empfindlich, obwohl die schlechte Behandlung nicht dazu beiträgt, sie zu verweichlichen. Reine, trockene Luft ist zu ihrem Gedeihen eine unumgänglich notwendige Bedingung. Während der heißen Jahreszeit wäscht und kämmt man das Vlies allmonatlich mehrere Male, um seine Schönheit zu erhalten. Die Zahl der in Anatolien gehaltenen Angoraziegen wird auf eine halbe Million geschätzt. Auf einen Bock kommen etwa 100 Ziegen und darüber. Angora allein liefert fast 1 Million _kg_ Wolle, die einem Wert von 3,8 Millionen Mark entsprechen. Ein Teil davon wird im Lande selbst zur Herstellung starker Stoffe für die Männer und feinerer für die Frauen, sowie auch zu Strümpfen und Handschuhen verarbeitet, alles übrige geht nach England. Man hat beobachtet, daß die Feinheit des Mohairs, wie man diese Art Wolle bezeichnet, mit dem Alter seiner Erzeuger abnimmt.

Die erste Notiz, die auf Angoraziegen deutet, findet sich bei dem Venezianer Barbaro, der 1471 diese Ziegen bei Sert östlich von Diarbekr in Kleinasien antraf. Dort benutzte man deren Haare zur Verfertigung eines feinen Wolltuchs, des Camelots, dessen Name andeutet, daß es ursprünglich aus Kamelwolle hergestellt wurde. Dann hat Bellon um 1580 diese weiße Wollziege in der Nähe von Konia, dem alten Iconium, gesehen und erzählt 1589 in seinem in Antwerpen erschienenen lateinischen Werke, daß sie noch nicht geschoren, sondern nach dem älteren Verfahren gerupft werde. 1598 sah sie der deutsche Harant auf Zypern und sagt, daß es damals schon welche in Böhmen gab. Es scheinen dies nach Ed. Hahn die 1575 nach Wien gekommenen „Schafe von Anguri“ gewesen zu sein, deren Zucht dann in den Kriegswirren des folgenden Jahrhunderts unterging. Im 18. Jahrhundert hat sie dann ein Mitglied der fürstlichen Familie von Lichtenstein wieder eingeführt. 1725 hatten die Holländer sie am Kap der Guten Hoffnung zu akklimatisieren versucht; 1740 hatte man sie in Schweden, 1771 in der Pfalz und 1788 in Holland, England, Venezien usw. Zu derselben Zeit bemühte sich Buffon um ihre Einführung in Frankreich, und in Südrußland waren sie damals nach Pallas sogar sehr häufig. Aber alle diese Kulturen verschwanden später wieder spurlos, teils durch Entartung der Zuchttiere, teils aber auch weil die technische Verwendbarkeit der Haare nicht den hohen auf sie gestellten Erwartungen entsprach.

Weniger edle Zuchten der Angoraziege als im trockenen Hochland findet man an anderen Orten Kleinasiens bis in die Tartarei. Deren ebenfalls feines, langes Haar wird regelmäßig geschoren und hauptsächlich nach Konstantinopel ausgeführt und in europäischen Fabriken verwoben. Eine Abart davon wird in Persien von den dort häufig gehaltenen großen, schwarzen oder gefleckten Ziegen gewonnen, deren Wolle regelmäßig geschoren und zu Teppichen verarbeitet wird. Die Bergvölker verwenden zur Bereitung der von ihren Frauen gewebten Teppiche das Haar der sogenannten ~Murgüsziege~. In ganz Innerasien wird, wie oben gesagt, die Kaschmirziege gehalten, deren langes Haar dort einen wichtigen Handelsartikel bildet. In Tibet und in der Mongolei dient das Tier auch als Transportmittel, indem man die Herden, mit Salz oder einem andern Handelsartikel beladen, langsam weitertreibt. Nach Norden hin verschwindet es und bildet bei den russischen Bauern in Sibirien nur eine untergeordnete Rolle, ist dagegen in den Kaukasusländern stark verbreitet. Seit dem Ende der 1880er Jahre gelangen als „japanische Ziegenfelle“ ziemlich große Felle der langhaarigen ~Mongolenziege~ über China zu uns.

Wie in Afrika ist die Ziege auch in Südasien ein wichtiges Haustier. In manchen Gegenden Ostindiens, wie besonders an der Malabarküste und bei den Malaien der Sundainseln, trifft man eine eigentümliche Ziegenrasse mit schafartigem Kopf, die von allen übrigen Rassen abweicht. Diese hat jedenfalls ziemlich viel Blut vom ~Tahr~ (_Hemitragus jemlaicus_) in sich, einer stattlichen, im Äußeren der echten Ziege sehr ähnlichen Halbziege, die im Himalaja in Höhen von 2000-2300 _m_ lebt, aber in einer Abart auch auf den Blauen Bergen vorkommt. Dieses die hochgelegenen Bergwälder seiner Heimat bewohnende Tier erreicht eine Schulterhöhe von 0,9-1,0 _m_ und eine Körperlänge von 1,45 _m_. Es hat einen langen Kopf mit schmalem, geradem Gesicht und schwach quergerunzelte, stark zusammengedrückte 0,3-0,38 _m_ lange Hörner, die sich von der Wurzel an auseinander und stark nach rückwärts krümmen, an der Spitze jedoch einander etwas nähern. Es ist am Kopfe kürzer, am Körper länger behaart und trägt als alter Bock eine zottige Halsmähne. Die dunkelbraune Färbung geht im Gesicht und an der Vorderseite der Gliedmaßen fast in Schwarz über, auch läuft ein dunkles Längsband über den Rücken. Junge Tiere sind graubraun. Gleich den echten Ziegen bildet auch der Tahr Herden, in denen sich die im Winter paarenden Tiere, deren Weibchen im Juni oder Juli in der Regel je ein Junges werfen, den größten Teil des Jahres über nach den Geschlechtern getrennt halten. Da er sich leicht mit der Hausziege paart und, wie mehrfache Versuche ergaben, unschwer zu zähmen ist, ist das Auftreten von Bastarden, die zu neuer Rassenbildung führten, durchaus verständlich. Ein solches Produkt ist die von Ostindien bis Celebes gehaltene ~Malaienziege~, ein hochbeiniges Tier mit entschieden schafartigem Kopf, breiten, hängenden Ohren und einem mäßig langen, im Bogen sich nach hinten wendenden, auffallend dicken Gehörn mit gerundeten Kanten. Die Querwülste der Hornscheiden erscheinen regelmäßig, breit und niedrig. Der wie derjenige des Tahr dunkelbraune, kurzbehaarte Kopf mit schwarzer Stirnbinde und kastanienbraunen, schwarz eingefaßten Ohren trägt lichtgelbbraune Augen, während der Leib schwarz oder schiefergrau gefärbt und bald kurz, bald lang und zottig behaart ist. Derselben Rasse gehört offenbar auch die ~kreuzhörnige Ziege~ von Tibet an, bei welcher sich die Hornspitzen nach innen wenden.