Kulturgeschichte der Nutztiere
Part 13
Amerika hat seine Ziegen durch die Europäer erhalten, und zwar waren Spanier und Portugiesen, dann Engländer und Franzosen an deren Import beteiligt. Erstere haben sie aus ihrer Heimat nach Südamerika, letztere dagegen nach Nordamerika gebracht. Nach Garcilasso kamen sie bereits 1544 nach Peru. Bedeutend früher waren sie in Mexiko eingeführt, das heute besonders in den nördlichen Staaten Ziegen in großer Zahl züchtet, um deren an der Luft getrocknetes Fleisch und Felle in den Handel zu bringen. In den Vereinigten Staaten ist die Ziegenzucht beschränkt, doch hat sich neuerdings in Kalifornien die Angorazucht eingebürgert. Auf den Antillen wird neben der von den Spaniern importierten gemeinen Hausziege auch die von den Negersklaven aus Westafrika mitgebrachte Zwergziege, die dem Tropenklima gut angepaßt ist, gehalten. Ebenso ist es in Brasilien, wo die Zwergziege, wie ihre westafrikanische Stammutter, kurzgehörnt ist und glatt anliegendes gelbrotes Haar besitzt mit einem über den Rücken verlaufenden schwarzen Streifen. Peru hat auffallenderweise heute nur wenig Ziegen, dagegen sind sie in den gebirgigen Teilen Chiles und Argentiniens zahlreich und hat dort die Verwertung von deren Fleisch und Fellen einen ziemlichen Umfang angenommen.
Australien hat sein Ziegenmaterial erst zu Ende des 18. Jahrhunderts, um 1788, zuerst aus Europa, dann aus Südasien erhalten; neuerdings hat man dort auch Versuche mit der Einbürgerung der Kaschmir- und Angoraziege gemacht, die im gebirgigen Südwesten von Erfolg begleitet waren. Sehr gut eingelebt hat sich die Angoraziege in Neuseeland, deren Bergweiden ihr vortrefflich zusagen. In den letzten Jahren hat sich der Export ihrer Wolle aus jenem Lande bedeutend gehoben.
Da sich die Ziege gegenüber dem Schaf durch größere Selbständigkeit auszeichnet, ist es erklärlich, daß sie sich gern selbständig macht und dann verwildert. Als geschickt kletterndes Gebirgstier weiß sie sich dabei geschickt den Verfolgungen von seiten des Menschen zu entziehen. So gab es schon im Altertum wie heute noch verschiedene schwach oder gar nicht von Menschen bewohnte Inseln im Mittelmeer und im Persischen Meerbusen, ebenso manche Gebirgsgegenden des Festlandes, die von solchen verwilderten Ziegen bewohnt waren. So spricht Varro von wilden Ziegen der Insel Samothrake, wie auch von den Gebirgen von Fiscellum und Tetrica in Italien, die zweifellos nur verwilderte Hausziegen und keine wildlebenden Bezoarziegen waren. Verschiedene der ägäischen Inseln und der Italien umsäumenden Eilande bargen schon im Altertum solche verwilderte Ziegen; von andern, die ihren Namen davon erhielten, wie Capreae (das heutige Capri) und Capraria (das heutige Capreja bei Sardinien), sind sie heute verschwunden. Auch die von Garibaldi nach seiner Internierung 1867 zurückgelassenen Ziegen traf Heinrich v. Maltzan schon nach kurzer Zeit verwildert. Die meisten wilden Ziegen von allen Mittelmeerinseln hat die nicht beständig von Menschen bewohnte kleine Insel Tavolara bei Sardinien, auf der nach Cetti bei Jagden im 18. Jahrhundert bis 500 Stück erlegt wurden. Auch in Irland und Wales verwilderten in manchen Gebirgsgegenden Ziegen, die dann in wenigen Generationen viel größere Hörner als ihre zahmen Ahnen erhielten.
Von den afrikanischen Inseln sind eine ganze Reihe mit verwilderten Ziegen besetzt. Die ältesten sind wohl diejenigen von Teneriffe, wo sie die Flanken des Vulkanberges bewohnen und die dunkelbraune Farbe des dortigen Gesteins angenommen haben. Von Fuerteventura, einer andern der Kanaren, erwähnt sie J. v. Minutoli. Älteren Datums sind auch die verwilderten Ziegen der Kapverden, die schon im Jahre 1576 sehr zahlreich waren. Der Naturforscher der Challengerexpedition, Moseley, traf sie auf St. Vincent; auch dort hatten sie die Farbe des umgebenden Gesteins angenommen und waren rotbraun geworden. Bald nach der Entdeckung setzten Portugiesen -- vielleicht 1509 Fernan Lopez -- Ziegen auf St. Helena aus, wo sie sich sehr rasch vermehrten, so daß ein Einsiedler im 16. Jahrhundert deren jährlich etwa 500 schoß, um von ihrem Fleisch zu leben, während er die Felle an ankehrende Segler verkaufte. Thomas Herbert erzählt 1627, daß sie durch die beständigen Nachstellungen von seiten des Menschen ungemein scheu und vorsichtig geworden waren und, wie ihre wilden Vorfahren, Wachen ausstellten. Zweifellos haben sie neben den verwilderten Schweinen das meiste dazu beigetragen, nachdem diese Insel des einst sie bedeckenden Waldes vom Menschen beraubt war, durch beständiges Abnagen der Knospen und jungen Triebe den jungen Nachwuchs zu zerstören, so daß kein Baumwuchs mehr aufkam und das Eiland zu dem öden Felsen wurde, als der er uns heute entgegentritt. Auch Tristan da Cunha, Inaccessible, Mauritius, Réunion (schon 1691 bei der Anwesenheit Leguats), die kleine verlassene Inselgruppe Amsterdam und St. Paul, wie auch Sokotra bergen in den Gebirgen des Innern verwilderte Ziegen, die vollkommene Wildfärbung mit Ausmerzung aller hellen Töne angenommen haben. Gleicherweise gibt es in der Inselwelt der Südsee da und dort verwilderte Ziegen, so u. a. am Mauna Loa auf Hawaii, noch von Vancouver herrührend. Besonders bekannt sind die verwilderten Ziegen auf der Insel Juan Fernandez durch Defoes Robinson geworden. Diese waren von Juan Fernandez selbst bei der Entdeckung der Insel im Jahre 1563 ausgesetzt worden. Durch diese Wildziegen bot die Insel in der Folge allen möglichen Piraten- und Kaperschiffen eine bequeme Ruhe- und Verproviantierungsstation; so haben sie auch dem Urrobinson Alexander Selkirk, dem Seefahrer Dampier und andern Fleisch geliefert. Im 17. Jahrhundert sollen französische Seeräuber dort sogar einen regelrechten Herdenbetrieb eingerichtet haben. Um den Piraten diese angenehme Fleischversorgung abzuschneiden, setzte die spanische Regierung 1675 Hunde auf der Insel aus, die sich aber nicht bewährten; denn die Ziegen flüchteten sich in die unzugänglichsten Teile der Insel, wohin ihnen die Hunde nicht folgen konnten. Als dann die Hunde durch Nahrungsmangel umgekommen waren, vermehrten sich die Ziegen wieder ungestört. Sie sollen lange, weiche Haare besitzen. Auch auf der Schwesterinsel Masa fuera gibt es verwilderte Ziegen. Auf den Galapagos sind sie, durch die dort vorhandenen wilden Hunde beschränkt, nur gering an Zahl. Auf den Falklandsinseln, wo es wilde Pferde und wilde Rinder gibt, die aus einer von Argentinien ausgesandten verunglückten Kolonisation hervorgingen, fehlen wilde Ziegen, da die Spanier bei der Besiedelung der Insel offenbar keine solchen mitgebracht hatten.
Da die Ziege durch ihre besondere Neigung zu Knospen und jungen Trieben von Holzgewächsen überall dem Waldnachwuchse verhängnisvoll wird, sah sich schon 1567 das Parlament von Grenoble gezwungen, in einem großen Bezirk der Dauphinée das Halten der Ziegen ganz zu verbieten. Doch war diese Maßregel undurchführbar, da die Leute dort eben einfach nicht ohne die Ziege und deren Milch leben können. So ging die Waldzerstörung ruhig weiter, bis die ganze Gegend zu jener kahlen, alles Kulturlandes baren Felswildnis wurde, die zu verhängnisvollen Überschwemmungen und Murbrüchen Veranlassung gab. Auch in Italien, Istrien, Griechenland, Kreta, Zypern, Kleinasien und Syrien, die einst reichbewaldete Gebiete waren, ist der Baumwuchs durch die Sorglosigkeit des Menschen verschwunden. Und wenn auch da, wo infolgedessen der Humus nicht weggeschwemmt wurde, neuer Wald wachsen könnte, kommt er überall dort nicht auf, wo die Ziegen weiden und die jungen Baumpflanzen zugrunde richten.
Außer den drei genannten ist keine der andern, übrigens auf die gebirgigen Gegenden der Alten Welt beschränkten Wildziegen gezähmt und in den Dienst des Menschen gestellt worden. Einzig der ~Steinbock~ (_Capra ibex_), der in unsern Alpen auszusterben droht, ist mit der Hausziege gekreuzt worden, um sein Dahinschwinden aufzuhalten. Alle Steinbockarten der europäischen wie der asiatischen Gebirge haben als echte Hochgebirgstiere ihren Ausgang von Hochasien genommen, wo der ~sibirische Steinbock~ (_Capra sibirica_) der Stammform wohl am nächsten steht. Sein Verbreitungsgebiet erstreckt sich über das sämtliche Hochgebirge Zentralasiens von Sibirien bis zum Himalaja. Das Steinwild bildet Rudel von verschiedener Stärke, zu denen sich die alten Böcke nur während der Paarungszeit gesellen, während sie den übrigen Teil des Jahres ein einsiedlerisches Leben führen. Die Ziegen und Jungen leben zu allen Jahreszeiten in einem niedrigeren Gürtel als die Böcke, bei denen der Trieb nach der Höhe so ausgeprägt ist, daß sie nur Nahrungsmangel und grimmige Kälte zwingen kann, tiefer herabzusteigen. Mit bewunderungswürdiger Leichtigkeit und geradezu unverständlicher Sicherheit klettern sie über die steilen Felswände und springen über tiefe Abgründe von einer Klippe zur andern.
Früher, als es noch Steinböcke in unsern Alpen gab, paarten sie sich nicht selten freiwillig mit den auf den Alpenweiden grasenden Hausziegen. Die so erzielten Bastarde werden bald äußerst wilde, zudringliche Tiere, die dem Menschen keine Ruhe lassen, bis er sich ihrer auf irgend welche Weise entledigt. Aber selbst das Aussetzen dieser starken Tiere hat seine großen Schwierigkeiten. Echte Alpensteinböcke gibt es nur noch in einem vom Könige von Italien gehegten savoyischen Revier zwischen Monte Rosa und Mont Blanc. Nach den Kulturüberresten der Pfahlbauzeit lebte er damals noch in den Voralpen. Zur Römerzeit konnten noch hundert und mehr auf einmal für die Kampfspiele der Arena lebendig gefangen werden. So berichtet Julius Capitolinus, daß Kaiser Gordian im Jahre 242 für die Jagdspiele 200 Steinböcke (_ibex_) aus den Alpen nach Rom schaffte, und bei Flavius Vopiscus lesen wir, daß Kaiser Probus (reg. 276-282) zu den Jagdspielen zahlreiche Steinböcke nach Italiens Hauptstadt befördern ließ. Durch die rücksichtslose Jagd seit Erfindung der weitreichenden Schießgewehre ist dieses edle Wild heute fast überall ausgerottet worden. Seit hundert Jahren ist es in der Schweiz erloschen; in Salzburg und Tirol verschwand es noch ein Jahrhundert früher.
IV. Das Schaf.
Wohl bald nach der Ziege trat das ~Schaf~ in den Haustierstand des Menschen ein, überflügelte dann aber im Laufe der Zeit jene an wirtschaftlicher Bedeutung weit. Vielerorts ist es dem Gebirge, in dem seine Ahnen einst heimisch waren, getreu geblieben und erscheint dort meist in Gesellschaft der Ziege. Daneben hat es in der Gefolgschaft des Menschen in ungeheuren Scharen die trockenen Steppengebiete vornehmlich der Alten Welt bevölkert und ist hier zu einem eminenten Faktor im Haushalte des Menschen geworden, von dem sein Dasein in vielen Fällen geradezu abhängt. Daß der Erwerb dieses überaus genügsamen Haustieres schon in recht früher Vorzeit stattgefunden haben muß, dafür sprechen außer der weiten geographischen Verbreitung zu Beginn der historischen Periode die Spaltung in zahlreiche, stark voneinander abweichende Rassen und vor allem die völlige Umgestaltung des geistigen Charakters, die durch Vererbung so sehr gefestigt ist, daß keinerlei Rückschlag in die psychische Regsamkeit der wilden Ahnen möglich erscheint. So sehr hat es infolge der vielhundertjährigen Bevormundung durch den Menschen im Gegensatz zur Ziege alle eigene Initiative eingebüßt, daß es sein willenloses Werkzeug geworden ist. Wir begreifen daher, wenn Brehm seinen Charakter in folgender Weise schildert: „Das Hausschaf ist ein ruhiges, geduldiges, sanftmütiges, einfältiges, knechtisches, willenloses, furchtsames und feiges, kurzum ein langweiliges Geschöpf. Besondere Eigenschaften vermag man ihm kaum zuzusprechen; einen Charakter hat es nicht. Es begreift und lernt nichts, weiß sich deshalb auch allein nicht zu helfen. Nähme es der eigennützige Mensch nicht unter seinen ganz besonderen Schutz, es würde in kürzester Zeit aufhören zu sein. Seine Furchtsamkeit ist lächerlich, seine Feigheit erbärmlich. Jedes unbekannte Geräusch macht die ganze Herde stutzig, Blitz und Donner, Sturm und Unwetter überhaupt bringen sie gänzlich aus der Fassung und vereiteln nicht selten die größten Anstrengungen des Menschen.“
In den Steppen von Rußland und Asien haben die Hirten oft viel zu leiden. Bei Schneegestöber und Sturm zerstreuen sich die Herden, rennen wie unsinnig in die Steppe hinaus, stürzen sich in Gewässer, selbst in das Meer, bleiben dumm an einer und derselben Stelle stehen, lassen sich widerstandslos einschneien und erfrieren, ohne daß sie daran dächten, irgendwie vor dem Wetter sich zu sichern oder auch nur nach Nahrung umherzuspähen. Zuweilen gehen Tausende an einem Tage zugrunde. Auch in Rußland benutzt man die Ziege, um die Schafe zu führen; allein selbst sie ist nicht immer imstande, dem dummen Tiere die nötige Leitung angedeihen zu lassen. Beim Gewitter drängen sie sich dicht zusammen und sind nicht von der Stelle zu bringen. „Schlägt der Blitz in den Klumpen,“ sagt Lenz, „so werden gleich viele getötet; kommt Feuer im Stalle aus, so laufen die Schafe nicht hinaus und rennen wohl gar ins Feuer. Ich habe einmal einen großen, abgebrannten Stall voll von gebratenen Schafen gesehen; man hatte trotz aller Mühe nur wenige retten können.“ Das beste Mittel, Schafe aus ihrem brennenden Stalle zu retten, bleibt immer, sie durch die ihnen bekannten Schäferhunde herausjagen zu lassen.
In gewissem Grade bekundet freilich auch das Schaf geistige Befähigung. Es lernt seinen Pfleger kennen, folgt seinem Rufe und zeigt sich einigermaßen gehorsam gegen ihn, scheint Sinn für Musik zu haben, hört mindestens aufmerksam dem Gedudel des Hirten zu, empfindet und merkt auch Veränderungen der Witterung vorher. Diese Unselbständigkeit des Schafes hat auch zur Folge, daß es niemals, sich selbst überlassen, wie die Ziege verwildert, sondern stets hilflos zugrunde geht. Seine grenzenlose Dummheit trug auch schuld daran, daß früher, solange es auch bei uns welche gab, Wölfe so schlimm unter diesen Tieren hausten, wenn sie einmal eine Schafherde überfielen oder die Hürden durchbrachen. Diesen Stumpfsinn muß es schon vor 2000 Jahren besessen haben; denn Plinius sagt in seiner Naturgeschichte: „Das Schafvieh ist ausgezeichnet dumm. Scheut sich die Herde irgendwohin zu gehen, so braucht man nur eins am Horne hinzuziehen, so folgen die andern alsbald nach.“
Das Schaf liebt trockene und hochgelegene Gegenden mehr als niedere und feuchte. Am besten gedeiht es, wenn es verschiedenerlei getrocknete Pflanzen haben kann. Getreidefütterung macht es zu fett und schadet der Güte der Wolle. Salz liebt es sehr, und frisches Trinkwasser ist ihm ein unentbehrliches Bedürfnis. Die alten Römer ließen ihre Schafe zwischen Mai und Juni zur Paarung; in unsern nördlicheren Breiten geschieht dies von September bis Oktober. Dann werden die Lämmer, weil das Schaf 144-150 Tage trächtig geht, in der zweiten Hälfte des Februar geworfen und bekommen bald gutes, frisches Futter. Gewöhnlich bringt das Mutterschaf nur ein einziges Lamm zur Welt; zwei Junge sind schon ziemlich, drei sehr selten. Anfangs müssen die kleinen Tiere sorgfältig gegen Witterungseinflüsse geschützt werden, später dürfen sie mit auf die Weide gehen. Im ersten Lebensmonat brechen die Milchzähne durch, im sechsten Monat stellt sich der erste bleibende Backenzahn ein, im zweiten Lebensjahre fallen die beiden Milchschneidezähne aus und werden durch bleibende ersetzt; erst im fünften Jahre werden die vorderen Milchbackenzähne gewechselt und ist damit das Zahnen beendet. Das Schaf kann 14 Jahre alt werden, doch fallen ihm schon im 9. oder 10. Jahre die meisten Zähne aus, wodurch es unbrauchbar wird, weshalb es dann so rasch als möglich gemästet und geschlachtet werden muß. Alle Schafrassen lassen sich leicht untereinander kreuzen und pflanzen sich ohne Schwierigkeit fort; deshalb läßt sich das Schaf leicht veredeln. Es ist Wollieferant, aber auch hervorragendes Fleischtier geworden, selbst als Milchtier hat es an manchen Orten eine gewisse Bedeutung erlangt; daneben wird es auch zum Tragen von Lasten benutzt. In einzelnen Kulturkreisen, besonders da, wo eine Abneigung gegen das Schwein vorhanden ist, wird es speziell auf Fett gezüchtet. In diese letzte Kategorie gehören die bei allen Nomaden Asiens und Afrikas so beliebten Fettschwanz- und Fettsteißschafe.
Erst neuerdings ist einige Klarheit in die Herkunft der verschiedenen Schafrassen gekommen, die aus vier Quellen, nämlich einer nordostafrikanischen, einer westasiatischen, einer zentralasiatischen und einer südeuropäischen hervorgingen. Der Bildungsherd der ganzen Schafgruppe, die sich in geologisch gesprochen erst neuerer Zeit vom Stamme der Antilopen abzweigte, liegt offenbar in Asien, von wo sich die einzelnen Glieder über die gebirgigen Teile von Asien, Europa und das westliche Nordamerika verbreiteten. Alle Wildschafe sind echte Gebirgstiere, die sich nur in bedeutenden Höhen wohlzufühlen scheinen und teilweise über die Schneegrenze emporsteigen. Als solche sind sie geistig begabt, sie schätzen die Gefahr ab und verteidigen sich mit Mut. Die meisten derselben lassen sich, jung eingefangen, ohne Mühe zähmen und behalten ihre Munterkeit wenigstens durch einige Geschlechter bei, pflanzen sich auch regelmäßig in der Gefangenschaft fort. An Leute, die sich viel mit ihnen abgeben, schließen sie sich innig an, folgen ihrem Rufe, nehmen gern Liebkosungen an und können einen so hohen Grad von Zähmung erlangen, daß sie mit andern Haustieren auf die Weide gesandt werden dürfen, ohne solch günstige Gelegenheit zur Erlangung ihrer Freiheit zu benützen. Ihr Haarkleid ist ein nicht sehr langes, etwas grobes Grannenhaar, unter welchem im Herbst zum Schutze gegen die Kälte ein Wollkleid hervorsproßt, das im Frühjahr in Fetzen und Flocken abgelöst und durch Schütteln des Tieres entfernt wird. Unter dem Einfluß der künstlichen Züchtung hat sich bei den Hausschafen ein dauerndes, vliesartiges Wollkleid entwickelt, das den Wildschafen, aber auch gelegentlich zahmen Schafen fehlt. Ihr Schädel erscheint an der Stirn abgeflacht und trägt ein im Querschnitt dreikantiges Gehörn, das spiralig verläuft und bei den Böcken stark, bei den Weibchen nur schwach oder gar nicht ausgebildet ist. Das Euter der letzteren ist vierzitzig.
In Mitteleuropa erscheint das Hausschaf bereits in neolithischer Zeit, und zwar in einer merkwürdig kleinen Art, mit einer Schädelbildung und Hörnern, die mehr ziegenartig sind und an unsere heutigen Halbschafe erinnern. Es ist dies das ~Torfschaf~ (_Ovis aries palustris_), nach dem Finden seiner Überreste in den meist in vertorftes Gelände eingebetteten Pfahlbauüberresten so genannt. Schon L. Rütimeyer fiel es auf, daß seine Reste in den ältesten Pfahlbauten noch spärlich sind und erst später häufiger werden. Diese Tatsache konnte Th. Studer bestätigen. Erst mit der Bronzeperiode macht sich ein entschiedener Aufschwung der Schafzucht bemerkbar, indem damals zum erstenmal statt der althergebrachten Fell- und Pelzkleidung leichtere und angenehmer zu tragende Wollkleider bei den Bewohnern Mitteleuropas aufkamen, unter denen man allerdings ein grobgewebtes leinenes Hemd zu tragen pflegte.
Das Torfschaf der Neolithiker Mitteleuropas war ein kleines, fast zwergartiges Schaf mit feinen, schlanken Extremitäten, langgestrecktem, schmalem Schädel, wenig gewölbter Stirnfläche und zweikantigen ziegenartigen Hörnchen. Die Augenhöhlen traten verhältnismäßig wenig vor. Im Jahre 1862 machte dann L. Rütimeyer die überraschende Tatsache bekannt, daß das Torfschaf der Pfahlbauern noch nicht ganz erloschen sei, sondern in einem direkten und nur wenig abgeänderten, aber jetzt im Aussterben begriffenen Abkömmling in dem ~Bündner~- oder ~Nalpserschaf~ weiterlebe. In dem vom Weltverkehr abgelegenen Bündner Oberlande hat sich dieses lebende Überbleibsel der schon längst abgelaufenen Pfahlbauzeit, nebst den Nachkommen des sonst überall verschwundenen Torfschweines der Neolithiker, bis auf unsere Tage erhalten. Die osteologische Übereinstimmung der Schädel beider Schafarten ist in der Tat eine höchst frappante. Die wichtigsten, wohl durch Domestikationsveränderungen zu erklärenden Abweichungen bestehen in einer ziemlich deutlichen Wölbung der Stirn und in einem weniger steilen Abfall des Hinterhauptes. Die knöchernen Hornzapfen sind bei beiden identisch, doch scheint das darauf gewachsene Gehörn beim Nalpserschaf etwas kleiner geworden zu sein. Die Ohren sind bei letzterem abstehend, verhältnismäßig klein, aber sehr beweglich. Das Wollkleid ist dicht, aber wenig lang, so daß der Wollertrag ungünstig ausfällt. Die vorherrschende Färbung desselben ist silbergrau, eisengrau, dunkelbraun bis ganz schwarz. Dunkle Exemplare haben häufig einen weißen Kopfstern und weiße Abzeichen an Schwanz und Füßen.
Der durch fortgesetzte planmäßige Zuchtwahl bei den übrigen moderneren Schafrassen erzielte Leucismus ist also bei diesem noch nicht erreicht worden. Das durchschnittliche Lebendgewicht desselben beträgt 28 _kg_. Der geistige Charakter der Tiere nähert sich als überaus altertümliches Merkmal demjenigen der Ziege. An Lebhaftigkeit in den Bewegungen, an Zutraulichkeit und natürlicher Intelligenz übertrifft diese Rasse alle andern Schafrassen. Während Rütimeyer noch Herden derselben aus den Nalpser Alpen erwähnt, hatte C. Keller 40 Jahre später (im Sommer 1900) Mühe, in Disentis noch ein gutes Exemplar reiner Rasse aufzutreiben. Am meisten soll diese Rasse zurzeit noch in den Vriner Alpen angetroffen werden, geht aber auch dort ein, da sie nach den Mitteilungen des bündnerischen Alpinspektors Solèr in Vrin gegenwärtig stark mit Walliserschafen gekreuzt wird. Nur wenige Ställe wiesen 1902 noch reines Blut auf. Keller hat damals noch eine kleine Kolonie reinrassiger Tiere beziehen können, die gegenwärtig im Tierpark des Sihlwaldes bei Zürich angesiedelt sind. Eine zweite Kolonie dieser letzten Mohikaner hat man in Flims untergebracht, um auch in Bünden noch eine Zuchtfamilie zu erhalten. Übrigens sollen auch einzelne primitive Schafrassen Irlands Zusammenhänge mit dem alten Torfschaf aufweisen. Auch wäre es möglich, in den abgelegenen Bergen Albaniens noch Überreste dieser sonst überall als an Wolle quantitativ und qualitativ minderwertigen und deshalb abgeschafften Schafrasse zu finden, worauf hiermit etwaige Reisende aufmerksam gemacht werden sollen.