Kulturgeschichte der Nutztiere

Part 11

Chapter 113,106 wordsPublic domain

Nachdem das Rind zum Haustier des Menschen erhoben worden war, kam als weiteres Nutztier die ~Ziege~ hinzu, bei deren Domestikation sich jedenfalls auch religiöse Motive geltend machten. Eduard Hahn macht in seinem Buch über die Haustiere und ihre Beziehungen zur Wirtschaft des Menschen die Bemerkung, durch die ganze Ethnologie gehe die Anschauung, den Göttern sei das angenehmste Opfer dasjenige, das am schwersten zu gewinnen sei und am schmerzlichsten entbehrt werde. Bei den Assyriern und allen vorderasiatischen Völkern galt allgemein das eben der Mutter entrissene junge Tier als das wertvollste Opfer. Das Zicklein und die junge Antilope auf dem Arm des opfernden Königs kehren bei jenen in der Darstellung immer wieder, so daß obige Anschauungen als tief im Volksglauben eingewurzelt gelten können. Dieser grausame Zug machte vor dem Menschen selbst nicht halt, insofern man in schwierigen Lagen nicht zögerte, seine eigenen Kinder zu opfern. Man denke nur an das Molochopfer der Phönikier, die Opferung Isaaks durch Abraham, die allerdings durch göttliche Vermittlung abgewehrt und durch das Opfer eines Ziegenbockes abgelöst wurde. Daß solche Opfer insbesondere von erstgeborenen Söhnen als der Gottheit besonders wohlgefällige Darbringungen galten, beweisen verschiedene Tatsachen aus der morgenländischen Geschichte, von denen nur diejenige des um 850 v. Chr. lebenden Königs Mesa von Moab genannt sei, der uns in seinem einst in seiner Residenz Daibon aufgerichteten Altarstein, der 1868 vom Franzosen Ganneau aufgefunden wurde und jetzt sich im Louvre in Paris befindet, das älteste bis jetzt bekannt gewordene Schriftdenkmal semitischer Buchstabenschrift hinterlassen hat. Er berichtet darin, daß er den Israeliten die Stadt Nebo weggenommen habe und alle Bewohner, insgesamt 7000 Personen, tötete. Als er später von den Israeliten in seiner Hauptstadt belagert wurde und in arge Bedrängnis kam, opferte er, um seinen drohenden Untergang abzuwenden, auf der Stadtmauer im Angesicht der Feinde seinen ältesten Sohn.

Ebenso verbreitet als das Kindesopfer war die später von milder denkenden Generationen aufgebrachte Vorstellung, daß es die Gottheit ebenso sehr freue, wenn man das ihr gefällige Opfer, statt es zu schlachten, ihr weihe durch Freilassen in ihrem heiligen Tempelbezirke. So erzählt Älian, die Koptiten in Ägypten hätten die weiblichen Wildziegen, die sie gefangen, der Göttin geweiht, d. h. sie in deren heiligem Bezirke ausgesetzt, die Männchen dagegen geschlachtet. War einmal ein solch kleiner Bestand besonders weiblicher Tiere vorhanden, von denen wohl eine größere Zahl trächtig war, so waren sie, wie auch die von ihnen in der Gefangenschaft geborenen Jungen, als der Gottheit geweihte Tiere deren Eigentum, das der Mensch unter allen Umständen respektierte. So gewöhnten sie sich an den Menschen, der ihnen je und je Futter darbot und dafür sorgte, daß sie sich in der für sie kaum merkbaren Gefangenschaft ruhig vermehrten. Je nach Bedarf holte er sich dann ein Zicklein als Opfer für die betreffende Gottheit, der die Herde gehörte. Auch die Milch der Mutter wurde zu sakralen Zwecken verwendet und sank erst auf einer späteren, praktischer denkenden Stufe zum Gebrauchsgegenstand des täglichen Lebens herab. Ebenso wurde außer dem Fleisch, das nach und nach auch zu profanen Zwecken verwendet wurde, das lange Haar dieses Tieres zur Herstellung allerlei grober Gewebe, besonders der Zeltdecken des Nomaden, wie auch von Kleidern verwendet, da es viel wetterbeständiger ist und weniger Wasser aufsaugt als die Schafwolle.

Die Stammutter der ältest domestizierten Ziegen ist die im Hügel- und Bergland von Südwestasien heimische ~Bezoarziege~ (_Capra aegagrus_), an der H. Pohlig beobachten konnte, welch hohe Empfänglichkeit sie für den Anschluß an den Menschen besitzt. In Djulfa sah er eine Wildziege mit ihren beiden Jungen sich in einem Gehöft einnisten und sich so an diese neue Umgebung gewöhnen, daß sie von ihren Ausflügen pünktlich zur Fütterungszeit zurückkehrten. Das Verbreitungsgebiet dieser Wildziege erstreckt sich von Afghanistan und Beludschistan über die Gebirge Persiens, Syriens und Kleinasiens bis nach Griechenland, wo sie einst so gemein war, daß sie den Ägäischen Inseln (vom griechischen _aix_, Stamm _aig_, die Ziege) den Namen gab. Bevor sie der Mensch dort ausrottete, müssen sie auf den Küstenbergen des griechischen Meeres sehr gemein gewesen sein, wie etwa auf der Kyklopeninsel, von der es in Homers Odyssee heißt:

„Der Ziegen unendliche Menge durchstreift sie, Wilden Geschlechts, weil nimmer ein Pfad der Menschen sie scheuchet.“

Daß sie damals vom Menschen eifrig gejagt wurden, ist begreiflich. So wird in der Ilias geschildert, wie der Schütze ihr auf dem Anstand auflauert, bis das Tier aus dem Felsenversteck hervortritt. Alsbald trifft es der Pfeil von unten in die Brust, so daß es sich überschlägt und die Felsen hinunterfällt. Sein Fleisch wird als willkommene Beute gegessen und das mächtige Gehörn zu einem starken Bogen verarbeitet.

Die Bezoarziege ist merklich größer als unsere von ihm abstammende Hausziege, die ihr übrigens besonders in der der Wildform noch sehr nahestehenden kräftig gebauten gemsfarbigen Varietät noch sehr ähnlich sieht. In beiden Geschlechtern besitzt die zahme wie die wilde Form einen starken Bart und ein unregelmäßig geknotetes, vorn scharf gekantetes, hinten gerundetes, sichelförmig nach hinten gekrümmtes, gegen die Spitze zu etwas zusammenstrebendes Gehörn, das beim Bock viel stärker als beim Weibchen entwickelt ist. Bei ihm erreicht es nämlich eine Länge von über 130 _cm_ bei einem Umfang von nur 17-18 _cm_; bei der auch sonst kleineren Geis sind sie nicht nur viel kleiner, sondern auch nur schwach nach rückwärts gekrümmt. Sie stehen bei ihr am Grunde auch weiter auseinander als beim Bock. Im Winter ist der Pelz der Bezoarziege, der in kalten Klimaten weiches Unterhaar erhält, bräunlichgrau, im Sommer dagegen gelblich- oder rötlichbraun. Die Unterseite des Rumpfes und die Innenseite der Schenkel ist weißlich oder weiß. Alte Böcke sind blasser und am Hinterhals, auf den Schultern, an der Kehle und auf der Vorderseite der Beine mit Ausnahme der Kniee braun und weisen einen schwarzen Rückenstreifen auf, der bis zum Schwanz verläuft und ziemlich scharf abgegrenzt ist. Es sind dies alles Merkmale, die sich, wie auch die aufrecht gestellten Ohren, bei der ebenfalls ausgezeichnet kletternden gezähmten Bergziege in derselben Weise wiederfinden. Die Länge des ausgewachsenen Bockes beträgt bei der Bezoarziege etwa 1,5 _m_ bei einer Schulterhöhe von 95 _cm_.

Die Bezoarziege bewohnt mit Vorliebe wüste, felsige Berge, wo sich ihre verschieden großen Herden gern an die Klippen und Schluchten halten. Sie ist sehr lebendig, klettert und springt mit bewundernswerter Sicherheit von einem Felsenkamm zum andern und scheint steile Felsenabhänge kaum zu beachten. Rasch und sicher läuft sie auf schwierigen Graten dahin und faßt sichern Stand auf dem kleinsten Felsvorsprunge, der sich ihr darbietet. Während der Paarungszeit, im November, kämpfen die Böcke hartnäckig und gewaltig um die Weibchen, die dann nach der Belegung im April oder Mai die Jungen zur Welt bringen, und zwar die jüngeren Ziegen eins oder zwei, die älteren stets zwei, nicht allzuselten auch drei. Diese folgen der Mutter sofort nach der Geburt, vom dritten Tage ihres Lebens an selbst auf den schwierigsten Pfaden, wachsen rasch heran und sind jederzeit zu Scherz und Spiel bereit.

Den Wildziegen wird von seiten des Menschen eifrig nachgestellt, da ihr Fleisch einen ausgezeichnet schmackhaften Braten liefert, der an Rehbraten erinnert und ebenso zart und mürbe wie letzterer ist. Es wird entweder frisch genossen oder, in lange, schmale Streifen geschnitten, an der Luft getrocknet, um es später verwenden zu können. Das im Winter erbeutete langhaarige Fell wird von den Orientalen mit Vorliebe als Gebetteppich benutzt und, weil man seinen scharfen Geruch angenehm findet, hoch geschätzt. Das kurzhaarige Sommerfell wird zu Schläuchen verwendet, die im Morgenland allgemein als Behälter für Wein oder Wasser an Stelle unserer dort unbekannten Holzfässer dienen, und das Gehörn zu Pulverhörnern, Säbelgriffen usw. verarbeitet.

Ihren Namen hat übrigens die Bezoarziege von dem früher auch bei uns berühmten, heute noch überall in Westasien bis Persien als eine Gegengabe gegen Gift geschätzten und als eine Arznei für viele Krankheiten betrachteten, gelegentlich in ihren Eingeweiden gefundenen Steine, dem Bezoarstein. Dieser stellt einen Gallenstein dar und war den alten Schriftstellern unter dem Namen Pasen bekannt, welche Bezeichnung offenbar aus Pasang hervorging, einer der männlichen Bezoarziege in Persien beigelegten Bezeichnung.

Der älteste und wichtigste Bildungsherd der zahmen Ziege aus der Bezoarziege ist jedenfalls Westasien, das ja von sehr alten Kulturvölkern bewohnt war, die am ehesten imstande waren, die Domestikation vorzunehmen. Überall treffen wir sie bei diesen seit der jüngeren Steinzeit als Haustier an. In Mesopotamien wurde sie zur assyrischen Zeit vielfach abgebildet. Daß sie damals schon sehr lange im Haustierstande verweilt haben muß, geht daraus hervor, daß sie bereits hängeohrig war. Im alten Ägypten erscheint sie ebenfalls häufig in bildlicher Darstellung. Wir sehen sie die zum Holzfällen ausziehenden Arbeiter begleiten und die Blätter der gefällten Sykomoren und anderer Bäume abfressen. Sie wird stets mit einem Bart und der Bock mit einem stattlichen Gehörn abgebildet. Etwa einmal wird ein Zicklein geschlachtet, an den Hinterbeinen am Geäst eines Baumes aufgehängt und mit dem Messer zerlegt, um einen willkommenen Braten zu liefern. Die Ziegenzucht muß im alten Ägypten einen großen Umfang besessen haben und trat weit vor die Schafzucht, was wir sehr wohl begreifen, wenn wir bedenken, daß die Bewohner des heißen Ägypten vom Beginn des dritten vorchristlichen Jahrtausends an nicht mehr Wollkleider, sondern die viel leichteren und angenehmeren weißen Linnenkleider trugen. Aus dem mittleren Reiche besitzen wir ein Dokument, worin einem Gutsherrn von seinem Oberschreiber 5023 Stück Vieh als Besitzstand angemeldet werden, worunter sich nur 924 Schafe, dagegen 2234 Ziegen und der Rest Rinder befinden.

Sagenhafte Überlieferungen, die weit vor die homerische Zeit zurückreichen, sprechen von einem Ziegenvolke, das von Kleinasien hervordrang und überall, wo es erschien, Angst und Schrecken verbreitete. Schälen wir den Grundgedanken der Sage aus der mythologischen Umhüllung heraus, so wird das wohl heißen, daß Griechenland die Hausziege in grauer Vorzeit von Westasien her erhielt. Hier wie überall sonst in den Mittelmeerländern hat sie als Begleiterscheinung einer primitiven Kultur willige Aufnahme und weite Verbreitung gefunden und in der Folge durch ihre Genäschigkeit und ausgesprochene Vorliebe für die Knospen und jungen Triebe von holzigen Gewächsen in Verbindung mit der Sorglosigkeit des sie haltenden Menschen als Verderberin des aufsproßenden jungen Waldes eine leider sehr verhängnisvolle Rolle gespielt.

In einer durch schlechte Haltung verkümmerten, kleinen Form treffen wir die Hausziege auch bei den neolithischen Pfahlbauern Mitteleuropas eingebürgert. Schon L. Rütimeyer wies darauf hin, daß in den Überresten der ältesten Pfahlbauten Ziegenreste viel häufiger als Reste des Schafes vorkommen, während dann mit dem Kulturaufschwung in der Bronzezeit das Verhältnis ein umgekehrtes wurde, d. h. die Ziegenzucht gegenüber der Schafzucht bedeutend zurücktrat, gleichzeitig aber auch die damals gehaltenen Ziegenrassen durch bessere Lebenshaltung größer und stattlicher erscheinen. Dieses Verhältnis in der Zucht beider Haustiere änderte sich hier auch in der Folge nicht. Wenn es auch noch zur Zeit Kaiser Karls des Großen viel Ziegen bei den Franken gab, so waren sie doch ziemlich weniger zahlreich als die Schafe. Dies drückt sich auch in dem uns erhaltenen Gesetzbuch der salischen Franken aus, laut dem das Schaf an Zahl die Ziege bedeutend überwog.

Bei den alten Griechen und Römern war die Ziege als Nutztier fast so beliebt als das Rind. Sie wurde besonders von der ärmeren Bevölkerung als Milch- und Fleischlieferant gehalten, wie sie ja heute noch die „Kuh des armen Mannes“ ist und als solche immer mehr zu Ehren gezogen zu werden verdient. Besonders in der älteren griechischen Zeit war die Ziegenzucht stark verbreitet. Zahlreiche uralte Namen, Abbildungen auf Münzen und die häufige Erwähnung in Sagen und in den homerischen Gesängen beweisen, daß ihr in älterer Zeit eine weit größere Bedeutung zukam, als später in der klassischen Zeit, da sich die Schafzucht wegen der Gewinnung der Wolle mehr in den Vordergrund drängte. Gleichwohl wurde sie auch dann noch häufig besonders von den Ärmeren gehalten und deren Milch nebst den Zicklein auf den Markt gebracht. Überall wurde die Ziegenmilch auch von der städtischen Bevölkerung gern genossen und aus dem Überschuß Käse bereitet. Der aus Spanien nach Rom gekommene römische Ackerbauschriftsteller Columella schreibt um die Mitte des ersten christlichen Jahrhunderts über das Halten von Ziegen: „Den Ziegenbock (_caper_) und die Ziege (_capella_) hält man für vorzüglich gut, wenn an ihrem Halse zwei sogenannte Glöckchen hängen und wenn der Kopf klein ist. Man sieht es auch gern, wenn das Haar glänzend und lang ist, so daß man es scheren und Mäntel für Soldaten und Matrosen daraus anfertigen kann. Es ist besser, wenn das Ziegenvieh keine Hörner hat, weil es mit ihnen nur Schaden anrichtet. Es bekommt oft Zwillinge, auch Drillinge. Zur Zucht wählt man vorzugsweise das stärkste Zicklein von Zwillingen, behandelt es im übrigen wie die Schaflämmer. Die Mutterziegen schafft man im achten Jahre ab. -- Der Ziegenhirt muß ein rüstiger, ausdauernder Mann sein, der mit Behendigkeit über Felsen klettert, durch Wildnis und Dorngebüsch hindurchgeht, denn das Ziegenvieh ist rasch und kühn. Kann man die Ziegenmilch nicht frisch zur Stadt schaffen, so verwandelt man sie in Käse. Für den Handel macht man diesen von ganz frischer Milch, die man durch Lab (aus zerkleinerten Mägen) von Schaf- oder Ziegenlämmern zum Gerinnen bringt. Man setzt sie in die Nähe des Feuers, so daß sie warm, aber nicht heiß wird, gießt sie, sobald die Käseteile festgeworden sind und sich ausgeschieden haben, in dicht geflochtene Körbe und läßt die Molken ablaufen, was man noch durch aufgelegte Gewichte befördert. Dann nimmt man die Käse aus den Körben, bestreut sie mit pulverisiertem Salz und preßt sie nochmals. Dies geschieht 9 Tage hindurch, dann wäscht man sie mit reinem Wasser, legt sie an einen schattigen Platz so auf Horden, daß einer den andern nicht berührt, und bewahrt sie später, wenn sie mäßig trocken sind, an einem vor Luftzug gesicherten Orte auf.“

Columellas Zeitgenosse Plinius sagt in seiner Naturgeschichte, daß die Ziege in seltenen Fällen sogar 4 Zicklein bekomme und im Negerland 11, anderwärts aber meist nur 8 Jahre alt werde. „Kranke Augen kurieren sich die Ziegen selbst, indem sie eine Binsenspitze hineinstechen und sich so zur Ader lassen; die Böcke dagegen stechen sich einen Brombeerstachel hinein. -- Mutianus erzählt ein merkwürdiges, von ihm selbst erlebtes Beispiel von der Klugheit dieser Tiere. Es begegneten sich nämlich zwei auf einer sehr schmalen Brücke, und da sie weder umeinander herum, noch zurück konnten, indem der Pfad zu eng und unter ihm ein brausender Waldbach war, der sie zu verschlingen drohte, so legte sich die eine nieder und die andere schritt über sie hinweg. -- Nicht alle Ziegen haben Hörner; allein wenn sie da sind, kann man das Alter an der Zahl der Knoten erkennen. Die ungehörnten geben mehr Milch. Man sagt, die Ziegen sehen nachts so gut wie am Tage, und Leute, die am Abend schlecht sehen, müssen sich daher durch den Genuß von Ziegenleber heilen. In Cilicien und um die Syrten werden die Ziegen geschoren. Wenn die Sonne sich gesenkt hat, sollen sie sich auf der Weide so lagern, daß sie einander nicht ansehen, zu andern Tageszeiten aber so, daß sie sich ansehen, und zwar familienweise. Alle haben am Kinn einen Bart, und wenn man eine am Barte faßt und fortzieht, so sieht die ganze Herde staunend zu. Ihr Biß ist den Bäumen verderblich. Den Olivenbaum machen sie schon durch bloßes Lecken unfruchtbar und werden deshalb der Minerva nicht geopfert.“

In seinem Buche über die Landwirtschaft schreibt der gelehrte Marcus Terentius Varro (116-27 v. Chr.), selbst Besitzer schöner Landgüter: „In den Gesetzen über die Kolonien steht geschrieben: Niemand soll Ziegen (_capra_) da weiden lassen, wo junge Bäume oder Sträucher stehen. An Saaten aller Art, namentlich aber an jungen Weinstöcken und Ölbäumen, können Ziegen gefährlichen Schaden anrichten. Um nun die Beeinträchtigung des Rebbaues durch sie zu sühnen, werden dem Gotte Bacchus, der den Weinbau erfunden, Ziegenböcke geopfert; der Minerva aber opfert man kein Ziegenvieh, weil es ihr wegen des Schadens, den es den Ölbäumen verursacht, verhaßt ist. Nur einmal im Jahre wird auf der Burg in Athen der Minerva eine Ziege geopfert, außerdem darf sich dort keine sehen lassen.“ Weiterhin bemerkt er, daß die Ziegen wie die Schafe in Herden von 50 bis 100 Stück gehütet werden, „doch haben sie die Eigenschaft, daß sie lieber in Wäldern und auf Bergen weiden als auf Wiesen; denn sie knuspern gern an Holzgewächsen. In einem großen Teile Phrygiens werden die Ziegen geschoren, weil sie lange Haare haben, und man verfertigt dort aus ihnen die sogenannten cilicischen Kleider. In Cilicien soll man zuerst die Ziegen geschoren haben.“ Schon Aristoteles im 4. Jahrhundert v. Chr. sagt in seiner Tiergeschichte, in Lycien schere man die Ziegen gerade wie anderwärts die Schafe, und Älian schreibt ca. 200 n. Chr.: „Tut man Ziegen zu einer Schafherde, so gehen sie voran und führen dieselbe. Orthagoras sagt in seinen Indischen Erzählungen, im Dorfe Koytha würden die Ziegen mit getrockneten Fischen gefüttert.“ Jedenfalls lassen sich diese Tiere unschwer an Fleischnahrung gewöhnen. So werden sie wie auch die Kühe auf Island vielfach mit getrockneten Fischen gefüttert. Daß die Ziegenhaare als Gespinstmaterial lange nicht so geschätzt waren als die Schafwolle, beweist die übrigens auch in den Episteln des Horaz vorkommende Redensart: über Ziegenhaare zanken im Sinne von: über Dinge zanken, die dessen nicht wert sind.

Das lange Verweilen im Haustierstande hatte schon damals zu verschiedenen Rassen geführt und auch hornlose Arten hervorgehen lassen. So tritt zur Römerzeit neben der altangesessenen kleinen Hausziege noch eine zweite Form auf, die in den Kolonien der Nordschweiz mehrfach Reste hinterließ und offenbar ziemlich verbreitet war. Es ist dies eine zweifellos aus dem Mittelmeergebiet stammende, durch bessere Lebenshaltung größere Ziege von gleichfalls Bezoarziegenabstammung, mit bedeutend stärkeren Hörnern. Auch zeigen die Hornzapfen im Verlauf und in der Oberflächenbeschaffenheit deutliche Unterschiede, die sich auch späterhin genau verfolgen lassen. Sie begegnet uns außer auf altgriechischen Münzen in bildlichen Darstellungen, z. B. einer großen Silberpfanne aus Vindonissa von zweifellos römischer Arbeit in Gestalt einer großhörnigen, langbehaarten Ziege, die dann besonders zahlreich in Begleitung römischer Kultur in das Gebiet nördlich der Alpen eindrang. Hier hat sie sich wie der Molosserhund und das kurzköpfige Rind, die sich zum Bernhardinerhund und zum Eringerrind umgestalteten, als ein Relikt aus der Römerzeit ziemlich rein in den entlegenen Tälern des Oberwallis in der ~schwarzhalsigen Walliserziege~ erhalten, die ein ausgesprochenes Gebirgstier ist. Der kräftig gebaute Körper trägt in beiden Geschlechtern im Vorderkörper eine tiefschwarze, im Hinterkörper eine schneeweiße Behaarung, wobei die beiden Farben hinter der Schulter in senkrechter, scharfer Begrenzung zusammenstoßen. Die Klauen der Vorderfüße sind schwarz, diejenigen der Hinterfüße dagegen weiß. Der Rücken ist vollkommen gerade, der Hals und der Kopf kurz, die Stirne breit. Neuerdings wird diese Rasse vom Oberwallis aus stark nach Deutschland, Frankreich, Italien und Österreich verbreitet.

Durch Zucht bedeutend weniger verändert und der Wildform noch recht nahe stehend ist die ~gemsfarbige Ziege~ von mittlerer Größe, dabei von kräftigem Bau. Ihr ganzer Körper ist mit kurzen, gemsfarbenen Haaren bedeckt, die auf dem Rücken und an den Schenkeln mitunter länger werden. Außer dem schwarzen Rückenstreifen sind Gesicht, Vorderbrust und Schultern ebenfalls dunkler gefärbt als der übrige Körper. Sie ist vorzugsweise eine äußerst geschickt kletternde Bergziege, die in den Zentralalpen sehr verbreitet ist, aber auch in anderen Gebirgsgegenden Europas, so in den Pyrenäen, in Süditalien, Griechenland, Bosnien und den Balkanländern, gehalten wird.