Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 2. Hälfte
Part 40
(Nach Photogr. von F. Rosen in „Karsten u. Schenck, Vegetationsbilder“.)]
In der Folge waren es besonders die Jesuiten, die sich des einträglichen Handels mit der Chinarinde bemächtigten, weshalb sie in Spanien als Jesuitenpulver, ~polvo de los jesuitos~, bekannt wurde. Bis zum Jahre 1811 war ja der ganze Handel mit den spanischen Kolonien durch das Mutterland monopolisiert. In Sevilla befand sich die berühmte, 1503 gegründete ~casa de contractacion de Indias~, eine zugleich verwaltende und richterliche Funktionen ausübende Behörde, die dem 1511 eingesetzten Rate von Indien unterstellt war und die oberste Aufsichtsbehörde für den amerikanischen Handel bildete. Kein Schiff durfte nach Amerika absegeln oder, von dorther kommend, in Europa landen, ohne von den Beamten der ~casa~ besichtigt und mit der erforderlichen Erlaubnis versehen worden zu sein. Jeder spanische Kapitän, er mochte auslaufen wo er wollte, durfte seine Rückfahrt aus Amerika nur über Sevilla nehmen. Im Jahre 1529 erhielten auch verschiedene andere Städte die Erlaubnis, Schiffe nach den Kolonien zu senden, aber den Rückweg mußten alle über Sevilla nehmen, um die Revision durch die Beamten der ~casa~ zu bestehen. Dieses ungeheure, aber für den Handel äußerst hemmende Vorrecht besaß Sevilla bis zum Jahre 1720, in welchem Cadix an seine Stelle trat, weil im Laufe der Zeit der Guadalquivir durch Versandung so verflacht war, daß ihn größere Schiffe nicht mehr befahren konnten.
Durch die Monopolisierung und den hohen Eingangszoll kam die pulverisiert eingeführte Chinarinde, die sich in Spanien bald großer Beliebtheit als Heilmittel gegen die Malaria zu erfreuen hatte, sehr hoch zu stehen, so daß sich nur die Reichen ihrer bedienen konnten. Kostete doch noch lange nach 1650 das Pfund derselben nicht weniger als 400 Mark. Schon 1642 empfahl sie Barba, Professor der Medizin in Valladolid. 25 Jahre später war sie in den größeren Städten Europas bekannt und geschätzt. Zu dieser raschen Verbreitung der ~quinaquina~ trug namentlich die rührige Tätigkeit des Generalprokurators des Ordens Jesu, des Kardinals de Lugo, viel bei, der in Rom den ersten Stapelplatz des aus Südamerika neu eingeführten Heilmittels errichtete. Auf seiner Durchreise empfahl er das Mittel in Paris dem höchst einflußreichen Kardinal Mazarin gegen die Malaria, an der Ludwig XIV. litt. Und als dieser davon geheilt wurde, wollte bald jedermann, dessen Geldbeutel sich diesen Luxus leisten konnte, von der so wunderbar schnell vom Fieber befreienden pulverisierten Rinde Gebrauch machen. 1653 war sie in Antwerpen, 1655 in London, 1663 in Königsberg, 1669 in Leipzig und Frankfurt am Main zu kaufen, doch kostete ein Quentchen=1,66 g 50 Kreuzer, d. h. den zwölffachen Preis des Opiums und den fünfundzwanzigfachen des Kampfers. Als Geheimmittel konnte sie noch 1679 der englische Arzt Robert Talbot ausnutzen, der in jenem Jahr dieses Fieber vertreibende Arcanum Ludwig XIV. für 2000 Louisdor und eine Leibrente verkaufte.
Die erste rohe Beschreibung und eine allerdings sehr unvollkommene Abbildung der Pflanze gab Blegny. Genauere Angaben über die Herkunft und Gewinnung der Droge verdanken wir dem Franzosen La Condamine, der von 1736-1744 Peru bereiste, 1737 bei Loxa die ~Cinchona officinalis~ sammelte und 1740 eine ausführliche Beschreibung nebst Abbildung der Pariser Akademie der Wissenschaften vorlegen ließ. 1739 fand dann J. de Jussieu ebenfalls bei Loxa die später als ~Cinchona pubescens~ bezeichnete Art. 1760 wurde der Botaniker Mutis und 1777 Ruiz und Pavon vom spanischen Ministerium mit der genaueren Erforschung des Chinabaums beauftragt. Ersterer beobachtete um die peruanische Stadt Bogota herum 4 verschiedene Cinchonaarten und letztere, die nach eingehendem Studium von Peru und Chile erst 1788 nach Spanien zurückkehrten, beschrieben 1793 deren nicht weniger als 11 Arten. 1810 stellte der Apotheker Gomez in Lissabon eine amorphe Masse aus der Chinarinde dar, in welcher 1827 die beiden Franzosen Pelletier und Caventou die zwei Alkaloide Chinin und Cinchonin nachwiesen. Seit dieser Zeit wurden aus den Chinarinden noch eine Anzahl anderer Alkaloide neben Säuren, einem bittern Glykosid Chinovin und dem Chinarot dargestellt.
Die Chinarinde wird von verschiedenen nahe miteinander verwandten prächtigen immergrünen Bäumen der zu den Rubiazeen oder Krappgewächsen gehörenden Gattung Cinchona gewonnen. Die ursprünglich allein verwendete gelbe Chinarinde von Loxa stammt von der hauptsächlich in Ekuador wachsenden ~Cinchona officinalis~, deren in Bolivia heimische Varietät ~C. ledgeriana~ heute besonders auf Java, Ceylon und in Britisch Indien kultiviert wird. Sonst wird zur Gewinnung von Chinin zurzeit namentlich auch die in Peru und Bolivia heimische ~C. calisaya~ gepflanzt, die die gelbe Königsrinde -- so genannt weil sie als die beste erkannte Art früher für den spanischen Hof in Madrid bestimmt war -- in starken Platten oder Röhren mit dunkler, tiefrissiger Borke liefert. Außerdem ist die von Ruiz und Pavon beschriebene, in Nordperu und dem südlichen Ekuador wachsende ~C. succirubra~ (d. h. rotsaftige Cinchona) mit rötlicher Rinde sehr beliebt, ebenso die von denselben Autoren geschilderte ~C. micrantha~ (d. h. kleinblütige Cinchona), deren schön gelbe Rinde als Huanacorinde in den Handel gelangt.
Die bei weitem alkaloidreichste Chinarinde liefert die in den bolivianischen Provinzen Enquisivi, Yungas, Larecaja und Caupolican und in der südperuanischen Provinz Carabaya zwischen 1500 und 1800 m Seehöhe wachsende ~C. ledgeriana~, so genannt, weil zuerst am Rio Mamore in Bolivia mit Hilfe des Indianers Manuel Juera Mamani durch den Engländer Charles Ledger 1865 gesammelte Samen von Bolivia der englischen und holländischen Regierung gesandt wurden, welch letztere sie auf Java anpflanzen ließ, während erstere damit Kulturen in Ceylon und Indien beschickte. Dieser dickstämmige, hohe Chinabaum mit ausgebreiteter, reichbelaubter Krone hat schmalelliptische, unterseits rote, fast lederartige, kahle Blätter, kleine, gelbliche, nickende Blüten in Rispen und kreisförmige, braune Fruchtkapseln, die zahlreiche kleine, geflügelte Samen enthalten. Ebenfalls bis über 25 m hoch, bei einem Stammdurchmesser von fast einem Meter an seinem Grunde, wird der Erzeuger der gelben Königsrinde ~C. calisaya~ mit 8-15 cm langen, eiförmigen Blättern mit rötlichen Blattstielen und Mittelrippen und beinahe doldentraubigen Blütenrispen von fleischroten, weichhaarigen, wohlriechenden Blüten. Große, saftiggrüne, kurz behaarte, breitelliptische Blätter und große Rispen 2 cm langer, innen kurz behaarter, rosenroter, ähnlich den Syringen duftenden Blüten mit fünfzipfliger Blumenkrone besitzt der rotsaftige Chinabaum, ~C. succirubra~. Beim Austritt aus der Knospe sind die jungen Blätter purpurrot gefärbt, und an dieser Farbe gibt sich der die übrigen Waldbäume meist überragende Chinabaum oft weithin zu erkennen.
Die Rinden der vorzugsweise die Ostabhänge der Anden des nördlichen Südamerika zwischen 10° nördlicher und 19° südlicher Breite (die besten Arten gedeihen von 7° nördlicher bis 15° südlicher Breite) in 1000-3400 m Höhe bewohnenden Chinaarten wurden von besonderen, Cascarilleros genannten Sammlern aus den Wäldern geholt. Unter einem Majordomo zogen sie in die Chinagebiete und säuberten zunächst an den von ihnen entdeckten Bäumen mit einem säbelartigen Messer, dem ~machete~, die Stämme von allen Lianen und Überpflanzen. Dann entfernten sie die wertlose Borke und schnitten Längs- und Querrisse in die Rinde, um diese in großen Stücken abzulösen. Zuletzt wurde der Baum gefällt, um auch die dickeren Äste und dünneren Zweige von der Rinde zu befreien, die möglichst rasch an Ort und Stelle meist über einem gelinden Feuer getrocknet wurde. Zu diesem Zwecke wurden leichte Hütten errichtet, auf deren Boden ein möglichst rauchloses Feuer aus trockenem Holz unter Hürden von Palmblattstielen, auf denen die häufig zu wendenden Rinden aufgeschichtet waren, entzündet wurde. Dabei mußte zu starkes Feuer vermieden werden, weil durch eine hohe Temperatur die wirksamen Bestandteile der Rinde zersetzt werden. Nach spätestens vier Wochen waren auch die dickeren Rindenstücke genügend getrocknet, um als haltbare Ware in den Handel zu gelangen.
Obschon in späterer Zeit den Cascarilleros vorgeschrieben war, dort, wo sie einen Chinabaum gefällt hatten, einige Stecklinge der Pflanze in den Boden zu stecken, so nahm doch mit der Zeit der Betrag der jährlichen Ernte dermaßen ab, daß man mit Sorgen der Zukunft entgegensah; denn bei dem nicht eigentlich massenhaften Auftreten der Cinchonen und ihrer rücksichtslosen Ausbeutung erwuchs die berechtigte Befürchtung der gänzlichen Ausrottung dieser kostbaren Bäume. Zuerst machte der Deutsche Wedell die Kulturmenschheit auf den Schaden des fortgesetzten Raubbaues aufmerksam, und der Straßburger Botaniker Fée wies bald darauf auf die Wichtigkeit der Kultur der Chinabäume, um zur wirksamen Bekämpfung der Malaria das aus ihrer Rinde gewonnene Chinin zu einem möglichst billigen Preise in den Handel bringen zu können. Zwischen 1830 und 1849 beschäftigten sich holländische Botaniker wiederholt mit dem Gedanken der Kultur der Chinabäume in den Hochtälern der südamerikanischen Anden. Dieser Anregung ist es zweifellos zuzuschreiben, daß Jesuiten in der peruanischen Stadt Cuzko, der einstigen Residenz der Inkas, 1849 junge Chinapflanzen nach Zweigniederlassungen ihres Ordens in Algier sandten. Hier aber gediehen die Kinder des Hochgebirges nicht, und auch 1850 und nochmals 1866 bewerkstelligte Nachsendungen aus Peru blieben erfolglos.
Nachdem auch La Condamines Bemühungen, lebende Cinchonen nach Europa zu bringen, mißglückt waren, gelang es dem vorhin genannten Wedell, wenigstens Samen herbeizuschaffen, die in Paris keimten. Damit auf der Insel Réunion vorgenommene Akklimatisationsversuche brachten aber keinen nennenswerten Erfolg. Glücklicher bei der Übertragung der so wichtigen Arzneipflanze waren die Holländer, die das Gelingen des für die Menschheit so überaus wichtigen Problems der Ansiedelung von Chinabäumen in ihren indischen Kolonien in erster Linie den unablässigen Bemühungen des holländischen Ministers Pahud, namentlich von der Zeit an, da er Generalgouverneur von Java wurde, zu verdanken haben. Auf Veranlassung des deutschen Botanikers Miquel, des Bruders des einstigen preußischen Finanzministers, wurde 1852 der Deutsche J. K. Haßkarl zur Gewinnung des erforderlichen Kulturmaterials nach Peru gesandt. Oftmals vom Tode bedroht, gelang es ihm nach Überwindung großer Gefahren und zahlloser Schwierigkeiten 1854 in 21 Wardschen Kulturkästen eine Menge von jungen Chinapflanzen nach Java einzuschiffen. Auch in Europa wurden mittlerweile in den botanischen Gärten von Paris und Leiden Chinapflanzen aus Samen gezüchtet, die ebenfalls ihren Weg nach Java nahmen. Dort führte von 1855 an der in holländischen Diensten stehende Deutsche Franz Wilhelm Junghuhn (1819-1864) die Bepflanzung mit Chinabäumen in großem Maße durch, so daß er den Bestand von 149 Pflanzen auf über 1 Million erhöhte. Im Jahre 1876 besaßen die Holländer auf Java bereits über 2 Millionen Cinchonen und seither haben die Chinaanpflanzungen auf jener Insel eine solche Ausdehnung gewonnen, daß sie heute etwa 80 Prozent der gesamten Weltproduktion von über 10 Millionen kg Chinarinde liefern.
Erst in weitem Abstand folgt auf Java Ostindien mit einer jährlichen Produktion von nicht ganz 1½ Millionen kg Chinarinde, an welchem Betrage Ceylon bloß mit einem Sechstel beteiligt ist. Die Anregung zu diesem Unternehmen gab Royle der englisch-ostindischen Handelsgesellschaft, wobei er die Nilagiris oder Blauen Berge an der Malabarküste als besonders geeignet für die Kultur dieses südamerikanischen Gebirgsbaumes empfahl. Die ersten Versuche damit hatten einen wenig befriedigenden Erfolg. Erst als der mit den Verhältnissen in Peru und Bolivia vertraute Markham durchsetzte, daß man den in Ekuador sammelnden Botaniker Spruce mit der Gewinnung des Samens der rotsaftigen Art beauftragte, blühte die Chinakultur in Indien seit 1859, besonders durch Spruces Begleiter, den Gärtner Croß, gefördert, sehr schnell auf. Die Hauptplantagen wurden nun in Utakamund auf den Blauen Bergen und seit 1861 auf Ceylon zum Teil in einer Höhe von 2600 m angelegt. Hier sowohl, wie in Java, vermochte man nach und nach bessere Vermehrungsarten ausfindig zu machen und besonders chininreiche Arten heranzuzüchten. 1867 kamen die ersten in Indien gewachsenen Rinden auf den Londoner Markt und 1870 die ersten javanischen Rinden nach Amsterdam. Der indische Export stieg dann dermaßen, daß im Jahre 1886 Ceylon allein gegen 7 Millionen kg nach London lieferte. Da aber sank der Preis des Chinins so sehr, daß die Chinaplantagenbesitzer Ceylons es vorzogen, die Chinabäume, deren im Jahre 1882 noch 90 Millionen sollen gestanden haben, abschlagen zu lassen und das betreffende Land zur Teekultur zu verwenden. Noch im Mai 1870 kostete das Kilogramm schwefelsaures Chinin 545 Mark, dann sank der Preis, zuweilen wieder etwas ansteigend, im Juni 1889 auf 31 Mark. An diesem starken Preisabschlag war nicht sowohl die große Produktion von Chinarinde schuld, als vor allem die durch die Auffindung zahlreicher, das Fieber herabsetzender chemischer Stoffe, wie Antipyrin, Antifebrin usw., bewirkte Ersetzung des Chinins durch Surrogate. Einzig als Spezifikum gegen Malaria und teilweise als Heilmittel gegen Keuchhusten ist das Chinin heute noch allein in Frage kommend und deshalb von ungeheurem Werte für die Menschheit, so daß die Kultur des Chinarindenbaumes nach wie vor von der größten Wichtigkeit für die Weltwirtschaft ist. So hat man den Chinarindenbaum seit 1865 erfolgreich auf Réunion, Mauritius, Madagaskar, Teneriffe und seit 1900 und 1902 von Java aus auch in Kamerun angepflanzt. Der anfänglich (1868) gute Resultate aufweisende Anbau auf St. Helena ging infolge Vernachlässigung zugrunde. In Dardschiling in Sikkim, wo der Chinabaum 1862 eingeführt wurde, wie auch in Neuseeland und Australien, wohin der Anbau desselben 1862 beziehungsweise 1866 gelangte, hat die Cinchonenkultur keinerlei Bedeutung erlangt. Die Bäume lieben ein wechselvolles, feuchtes Klima und eine mittlere Temperatur von 12-20° C. Diese klimatischen Verhältnisse finden sie in den Tropen besonders in einer Höhe von 1600-2400 m. Dort wachsen sie, dem Charakter jener Gebiete entsprechend, meist zerstreut, höchstens da und dort zu kleinen Gruppen vereinigt.
Veranlaßt durch die große Konkurrenz der südasiatischen Kulturen sind neuerdings auch im Heimatlande der Cinchonen, von Kolumbia bis nach Bolivia, Chinaanpflanzungen angelegt worden und wird der rationellen Gewinnung der Rinde erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt. In allen Plantagen nutzt man die Kulturbäume viel planmäßiger aus als früher die wildwachsenden Bäume. Dabei beobachtet man ein doppeltes Verfahren. Entweder richtet man den Niederwaldbetrieb ein, indem man die Bäume 6-8 Jahre alt werden läßt und sie dann etwa 15 cm über dem Boden abschlägt. Hierauf entsteht ein kräftiger Stockausschlag, mit dem man nach 5-8 Jahren in gleicher Weise verfährt. Oder man zieht den lebenden Bäumen etwa 4 cm breite Rindenstreifen der Länge nach ab. Die Wunden werden dann sorgfältig mit einem Schutzmittel -- meist Moos oder Lehm -- bedeckt, unter welchem eine merkwürdigerweise noch alkaloidreichere Rinde erzeugt wird. Eine weitere Art der Gewinnung besteht im Abschälen der Rinde mit scharfen Schabeisen bis auf das Kambium, das dann neue Rinde erzeugt. Deutschland mit seinen vier sehr bedeutenden Chininfabriken bezieht die Hauptmasse der Chinarinde aus Java über Amsterdam und nur einen kleinen Teil über London und aus Peru direkt, um aus ihr Chinin zu gewinnen. Doch wird neuerdings das meiste Chinin auf Java und in Indien in inmitten der Pflanzungen gelegenen Fabriken gewonnen, so daß die Einfuhr der Rinde nach Europa immer mehr zurückgeht und keinen Maßstab mehr für den Konsum abgibt. Deutschlands Einfuhr betrug im Jahre 1906 3678000 kg im Wert von 4781000 Mark.
Ältere Rinden weisen einen höheren Alkaloidgehalt auf als jüngere, Stammrinden mehr als Zweigrinden, und zwar bei kultivierten Pflanzen in weit höherem Maße als bei wildgewachsenen. In jungen Organen sind die Alkaloide im Zellsaft gelöst, in älteren in festem, amorphem Zustand in der Zelle, oft in gerbsaurer Verbindung, abgelagert. Oxalsauren Kalk führende Zellen enthalten niemals Alkaloide. Im parenchymatischen Gewebe der Mittelrinde findet man bei den in ihrer Heimat wildgewachsenen Pflanzen nur etwa 2 Prozent Alkaloide, während es die kultivierten Bäume Javas auf 10-17 Prozent daran bringen. In europäischen Gewächshäusern, also unter ungünstigen Bedingungen erzeugte Rinden enthalten dagegen gar kein Chinin, das sonst bis zu 13 Prozent darin enthalten sein kann. Daneben sind in den alkaloidreichsten Rinden bis 4 Prozent Chinidin, bis 8 Prozent Cinchonidin, bis 8 Prozent Chinasäure, 2-3 Prozent Chinagerbsäure und 2 Prozent des bittern Glykosids Chinovin enthalten. Das wichtigste Alkaloid, das Chinin, besitzt antipyretische und antiseptische Wirkung und ist ein spezifisches Gift für die im Blute der Malariakranken kreisenden ungeschlechtlichen Plasmodien besonders der Tertiana und Quartana, weniger greift es die Erreger des bösartigen tropischen Fiebers an und ist nur gegen die Geschlechtsformen der letzteren ganz unwirksam.
Solange früher die offizinellen Chinarinden in Südamerika von wildwachsenden Pflanzen gewonnen wurden, waren meist durch wertlose Rinden verwandter Gattungen vorgenommene Verfälschungen häufig. Jetzt kommen solche nur noch selten vor, da bloß Rinden kultivierter Pflanzen Südasiens von den Arzneiverordnungen zugelassen werden. Im allgemeinen kommt das Chinin allein den Chinabäumen zu. Einzig die den Cinchonen verwandte, in Venezuela und Kolumbia wachsende ~Remijia purdieana~ enthält auch Chinin, und zwar bis zu 2 Prozent.
Ebenfalls als Fiebermittel und Stomachicum wie die Chinarinde wird die von einer bis 6 m hohen, in Westindien, besonders den Bahamainseln und Kuba, heimischen Wolfsmilchart, ~Croton eluteria~, gewonnene +Cascarillrinde+ verwendet. Cascarilla heißt im Spanischen kleine Rinde. Anfänglich (1640) hielt man diese schon damals gegen Ruhr und Fieber angewandte Rinde für eine kleine Form der Chinarinde; daher jener Name. Zu Ende des 17. Jahrhunderts wurde sie in Deutschland als ~China nova~ oder ~Cortex eluterii~ bekannt. Sie kommt in röhrenförmigen Bruchstücken von graugelber bis brauner Farbe, eigenartig aromatischem Geruch und unangenehm bitterem Geschmack in den Handel und enthält außer dem Bitterstoff Cascarillin 15 Prozent Harz, Gerbstoff und ätherisches Öl.
Noch weniger wichtig als sie ist die einst als Ruhrmittel benutzte +Simarubarinde+, die von ~Simaruba officinalis~, einem stattlichen, in Französisch-Guiana und Nordbrasilien heimischen Baum gewonnen wird. Heute kaum mehr gebraucht, kam die Rinde 1713 als Mittel gegen blutige Diarrhoen aus Cayenne nach Paris; 1718 wurde sie daselbst gegen die damals epidemisch herrschende Ruhr angewandt. 1723 brachte Barrère eine größere Menge der Droge nach Europa und gab 1741 eine genauere Beschreibung der Stammpflanze. Die früheste Nachricht über letztere scheint von Desmarchais aus dem Jahre 1728 zu stammen, wobei er schon von ~Simaruba~ oder ~bois amer~ spricht. 1775 gab dann der Apotheker Aublet eine weitere eingehende Beschreibung der Pflanze unter dem Namen ~Simaruba amara~. Der jamaikanische Baum wurde 1772 von Wright entdeckt und ein Jahr später von ihm als ~Quassia simaruba~ beschrieben. Die gelbbraune, geruchlose, stark bitter und etwas schleimig schmeckende Rinde der dicken Wurzeln, die meist über Ciudad Bolivar am Orinoko, der vormals Angostura (weil an einem Engpaß gelegen) genannten Hauptstadt von Venezuela, in den Handel gelangt, enthält ein benzoëartig riechendes Öl, Harz, Gerbstoff und einen kristallisierbaren Bitterstoff.
Ebenso wie diese heute außer Gebrauch gekommen ist die nach demselben Verschiffungsort als +Angosturarinde+ bezeichnete stark bittere Wurzelrinde des im nördlichen Südamerika heimischen, 20-25 m hohen, immergrünen Baumes ~Galipea officinalis~ (nach dem Indianerstamme der Galiponen so genannt) aus der Familie der Terebinthineen oder Balsamgewächse, die früher als Heilmittel gegen Wechselfieber berühmt war. Im Gegensatz zu dieser echten bezeichnete man die Rinde des in Südasien heimischen +Brechnußbaumes+ (~Strychnos nux vomica~) als falsche Angosturarinde. Sie ist schwärzlich aschgrau, schmeckt sehr bitter und wurde zu Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts der außer als Fiebermittel auch als Heilmittel gegen Ruhr angewandten echten Angosturarinde beigemischt.
Heute werden von dem in ganz Indien, Siam, Kochinchina und Nordaustralien heimischen niederen Baum mit orangeähnlichen, etwa 4-5 cm langen, graugelben Früchten nur die in einem sehr trockenen, gallertartig weichen Fruchtfleisch eingebetteten scheibenförmigen, am Rande verdickten, 2,5 cm breiten und 0,5 cm dicken, graugrünlichen, mit seidenglänzenden, in radialer Ausstrahlung angedrückten Haaren dicht besetzten Samen als +Krähenaugen+ oder +Brechnüsse+ medizinisch verwendet. Sie enthalten bis zu 5 Prozent der sehr giftigen Alkaloide Strychnin und Brucin, beide annähernd zu gleichen Teilen, doch ist das Strychnin meist in etwas geringerer Menge vorhanden. Sie sind in der Pflanze an die Igasur- oder Strychnossäure gebunden. Weitere Bestandteile sind Eiweiß, Zucker, Fett, Gerbsäure und in geringen Mengen ein Loganin genanntes Glykosid. Wenn auch die giftigen Glykoside im hornigen Nährgewebe der Samen in größter Menge vorhanden sind, so ist doch die ganze Pflanze damit getränkt; gleichwohl soll der Inhalt der Früchte von Vögeln unbeschadet genossen werden. Die Giftwirkung beruht vorzugsweise auf dem Strychnin, das tetanische Krämpfe bewirkt und zuerst die Atmungsmuskeln, dann auch die übrigen, mit vorwiegender Beteiligung der Strecker, in Starrheit versetzt, so daß rasch der Tod durch Erstickung eintritt. In kleinen Dosen erhöht es den Tonus der Muskeln und Nerven; deshalb wird es mit gutem Erfolg bei Lahmheit der Muskeln, namentlich der Darmmuskulatur, gegeben.