Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 2. Hälfte

Part 41

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Die reifen, von wildwachsenden Bäumen gesammelten und getrockneten Samen kommen meist aus Indien nach London auf den Markt. Aus ihnen stellt man außer Extrakten und Tinkturen das Strychnin dar, mit dem man die schädlichen Raubtiere vermittelst Köder vergiftet. In Südasien war die Giftwirkung der Brechnüsse schon längst bekannt; auch wurden sie dort in früherer Zeit zur Herstellung eines Pfeilgiftes, daneben auch als Betäubungsmittel benutzt. So sollen sie nach Royle im ~Ayur veda~ Charakas als Narkotikum des indischen Arzneischatzes erwähnt werden. In Europa wurden sie durch Vermittlung der Araber gegen Ende des 15. Jahrhunderts in den Arzneischatz eingeführt; als solche führt sie Brunfels 1531 unter dem Namen ~nux vomica~ an. Zuerst finden wir sie um 1500 als ~Kraen Eugeln~ im Inventar der Apotheke zu Zwickau angeführt. 1520 und 1521 werden sie als ~nux vomica~ neben ~nux indica~ (Kokosnuß) in der Arzneitaxe von Annaberg erwähnt. 1561 gab Valerius Cordus eine sehr gute Beschreibung der Samen, die er irrtümlich für Früchte hielt. Auch Bauhin und Gesner berichten von ihnen; doch waren sie noch im 17. Jahrhundert wenig verbreitet und kaum je als Arznei gebraucht. Als solche fanden sie erst von 1770 an Verwendung. Das in ihnen und in anderen Strychnosarten enthaltene Strychnin wurde nicht zuerst in ihnen, sondern 1819 und 1824 von Caventou in den einst ebenfalls offizinellen +Ignatiusbohnen+ nachgewiesen. Dieselben stammen von einem ebenfalls zur Familie der Loganiazeen gehörenden Schlingstrauch der Philippinen (~Strychnos ignatii~), den der Jesuit Camelli 1699 als erster Europäer kennen lernte und nach dem Stifter seines Ordens, Ignatius Loyala, Ignatiusstrauch nannte, und enthalten fast dieselben Bestandteile wie die Brechnüsse. Früher wurden sie besonders gegen Wechselfieber und Epilepsie gebraucht. Ein naher Verwandter desselben ist der sich an den hohen Waldbäumen der Insel Java emporschlingende, 25-32 m lange +Upasstrauch+ (~Strychnos tieuté~), aus dessen Wurzelrinde die Eingeborenen durch Auskochen mit Wasser und nachherigem Eindicken zu Sirupkonsistenz ihr überaus gefürchtetes Pfeilgift herstellen, das ebenfalls Strychnin als Hauptbestandteil enthält und sehr rasch den Tod des damit getroffenen Tieres herbeiführt.

Gleicherweise bereiten die Indianer Venezuelas aus der Rinde des sich um andere Urwaldbäume schlingenden +Curarestrauches+ (~Strychnos crevauxii~, nach dem 1882 als Forschungsreisender in Südamerika ermordeten französischen Arzte Crevaux so genannt) ihr nicht minder wirksames Pfeilgift, das die Enden der motorischen Nerven lähmt, die Tiere so bei erhaltenem Bewußtsein lähmt und durch Lähmung der Atmungsmuskeln rasch den Tod herbeiführt. Deshalb wird es vielfach bei physiologischen Untersuchungen benutzt, wobei man die Tiere, wenn nötig, durch künstliche Atmung am Leben erhält; doch ist dies bei kleineren Dosen durchaus nicht nötig.

Im Gegensatz zu diesem Curarin, das die motorischen Muskeln lähmt, steht das +Strophantin+, das die Zusammenziehbarkeit der Muskeln, besonders des Herzmuskels steigert, und deshalb bei Schwächezuständen des Herzens vielfach als Ersatz der langsamer wirkenden und die Verdauungsorgane mehr angreifenden Digitalis gegeben wird. Als eines der stärksten Herzgifte, die es gibt, wird es in seiner Heimat, Westafrika, vielfach auch als Pfeilgift benutzt. Sein Erzeuger ist ein holziger Kletterstrauch Oberguineas aus der Familie der Apocynazeen oder Hundsgiftgewächse -- zu denen u. a. auch unser Oleander gehört -- (~Strophantus hispidus~), der sich an den höchsten Bäumen des Urwalds emporwindet und kreuzgegenständige, breitelliptische, rauhhaarige Blätter, gelbe Blüten mit lang herabhängenden Blumenblattspitzen und 30 cm lange, an beiden Enden zugespitzten Kürbissen mit tief gefurchter Oberfläche ähnliche Fruchtkapseln -- meist zwei nebeneinander -- besitzt, die bis 200 Samen enthalten. Letztere sind bis 15 mm lang und 3,5 mm breit, braun und etwas filzig behaart und dienen den Eingeborenen vorzugsweise zur Gewinnung von Pfeilgift, während eine Abkochung der Wurzeln und der Rinde innerlich gegen Malaria und Dysenterie und äußerlich zur Behandlung von Geschwüren aller Art, auch des Guineawurms, dient.

Wie ~Strophantus hispidus~ von Senegambien bis Oberguinea wird in Niederguinea und im ganzen Kongogebiet der gleicherweise kletternde ~Strophantus gratus~ bei allen Negerdörfern in Halbkultur angetroffen. Seine Balgfrüchte werden kurz vor der Reifezeit gesammelt und bilden ein nicht unwichtiges Handelsprodukt im Verkehr der Eingeborenenstämme, indem diese aus den leuchtend gelben, unbehaarten, außerordentlich stark bitter schmeckenden Samen ein sehr wirksames Pfeilgift herstellen. In gleicher Weise werden in Ostafrika die graugrünen, weißseidig behaarten Samen von ~Strophantus kombe~ benutzt, die heute in den deutschen Apotheken ausschließlich offizinell sind. Die sie erzeugende Liane wächst hauptsächlich am Sambesi und wird ebenfalls vielfach von den Eingeborenen in Halbkultur um ihre Dörfer gehalten. Schon David Livingstone machte auf seinen Forschungsreisen von 1858-1864 auf das ostafrikanische Pfeilgift ~kombe~ und auf die den Herzschlag verlangsamende Wirkung desselben aufmerksam. 1861 ermittelte dann der englische Konsul in Zanzibar, John Kirk, daß dieses Kombegift aus Strophantussamen bereitet wird. Fagge und Stevens, später Fraser, untersuchten dieses vom Sambesi erhaltene Kombegift und letzterer stellte 1872 das Strophantin dar, dessen physiologische Wirkung er auch klarlegte. Zugleich erkannte er die Identität dieses Giftes mit dem 1864 von Pélikan untersuchten westafrikanischen Pfeilgift ~inée~ oder ~onage~ (von den Samen von ~Strophantus gratus~) aus Gabun. 1867 waren die Samen als neues Herzgift auf der Pariser Weltausstellung ausgestellt. Schon 1802 beschrieb A. de Candolle den ~Strophantus hispidus~ aus Sierra Leone.

Von weiteren Apocynazeen, die als wichtige Giftpflanzen bei den Eingeborenen eine große Rolle spielen, ist der +Odallam+ und die +Tanghinpflanze+ zu erwähnen. An den Küsten des Indischen Ozeans bis Neuguinea wächst ersterer (~Cerbera odallam~) als häufige Strandpflanze. Seine dicken, fleischigen Äste tragen ziemlich große, breitlanzettliche Blätter und endigen in einer Rispe stark duftender, weißer Blüten. Die Früchte sind faustgroße, dunkelgrün gefärbte Steinfrüchte, in deren fleischiger Schale ein äußerst zähes Netz eingebettet ist, das mit seinem Geflecht das Eindringen von Meerwasser zu den Samen verhindern soll; denn die Früchte sind für den Transport mit den Meeresströmungen eingerichtet. Auf diese Weise wird die Pflanze über alle Küsten des Indischen Ozeans verbreitet.

Noch viel giftiger als er ist die berüchtigte Tanghinpflanze (~Tanghinia venenifera~) von Madagaskar, deren Früchte bei den Gottesurteilen des dort lebenden Malaienstammes der Hova Verwendung finden. Derjenige, der im Verdacht steht, ein Verbrechen begangen zu haben, muß von der Frucht genießen. Ist er schuldig, so geht er daran zugrunde; ist er aber unschuldig, so erbricht er sie und kommt mit dem Leben davon. Natürlich ist dabei die Hand der Zauberpriester im Spiele, die solchen, die sie retten wollen, zugleich ein Brechmittel verabreichen.

In der europäischen Medizin haben diese beiden Drogen noch keine Verwendung gefunden, wohl aber eine andere, die bei den Gottesurteilen der Neger Westafrikas eine nicht unwichtige Rolle spielt, nämlich die +Kalabarbohne+. Ihr Erzeuger ist die vom Kap Palmas bis Kamerun heimische, neuerdings auch in Indien und Brasilien eingeführte, mehr als 15 m emporsteigende Leguminose ~Physostigma venenosum~ mit holzigem Stamm von 4 cm Dicke, gefiederten Blättern, achselständigen, hängenden Trauben von großen, purpurroten Blüten und etwa 14 cm langen, leicht zusammengedrückten Hülsen, die 1-3 nierenförmige, schokoladenbraune, glatte Samen mit einer tiefen, von erhabenen Rändern umgebenen Rinne enthalten. Diese sind sehr giftig, wenn auch beinahe geruch- und geschmacklos. Wer von den Eingeborenen der Zauberei beschuldigt wird, muß davon genießen. Stirbt er daran, so ist er schuldig, bricht er es aus, so ist er unschuldig. Letzteres hängt natürlich auch wieder davon ab, ob ihm die allmächtigen Fetischpriester wohlwollen oder nicht. Ist ersteres der Fall, so bekommt er im geheimen ein Brechmittel mit seiner Dosis Gift eingeführt, das bald seine Wirkung tut und den Schützling des Fetisches rettet. Die Pflanze wurde 1840 durch Daniell bekannt, 1859 beschrieb sie Balfour, und wenige Jahre später entdeckte Fraser ihre eigentümliche arzneiliche Wirkung. Diese beruht auf dem Gehalt an dem Alkaloid Physostigmin = Eserin, das farb-, geruch- und geschmacklose Kristalle bildet und direkt lähmend auf das Zentralnervensystem, zuerst das Gehirn und dann das Rückenmark, wirkt. Da es schon in minimalen Dosen eine starke Zusammenziehung der Pupillen bewirkt, benutzen es die Augenärzte, um die nach Atropineinträufelung entstandene Pupillenerweiterung zu beseitigen, auch als Heilmittel bei Augenkrankheiten. Daneben wird es bei Erschlaffung des Darmes mit Kotstauung und gasiger Auftreibung des Leibes, bei Starrkrampf, Neuralgien, Epilepsie usw. gegeben. Neben Physostigmin ist in den Kalabarbohnen noch das dem Strychnin ähnlich wirkende Alkaloid Calabrin und ein indifferentes Physosterin enthalten.

Von einer nahen Verwandten dieser stammt die als Ersatz der Chinarinde gegen Fieber 1878 nach Europa eingeführte Rinde des in Argentinien heimischen +Quebracho+ (sprich kebratscho) (~Aspidosperma quebracho~). Es ist dies ein Baum oder Strauch aus der Familie der meist ziemlich giftige Vertreter aufweisenden Apocynazeen oder Hundsgiftgewächse mit sehr hartem Holz, dünnen, hängenden Zweigen, kleinen, stachlich zugespitzten, bräunlichgrünen Blättern, gelben Blüten und großen, holzigen, rundlichen Fruchtkapseln. Die Quebrachorinde enthält sechs verschiedene Alkaloide, die der Zusammensetzung nach einigen Chinarindenalkaloiden ähneln. Heute wird sie nur noch gegen Asthma gebraucht.

Häufigere Verwendung in der Arzneikunde finden die Blätter der südamerikanischen Rutazee ~Pilocarpus pinnatifolius~ und anderer verwandter Arten. Diese Rautengewächse aus der Verwandtschaft der Zitronen-, Orangen- und Quassiabäume ist ein in Brasilien heimischer, etwa 3 m hoher Strauch mit dicht rotgelb behaarten Zweigen, lederigen, kurzgestielten, unpaariggefiederten, großen, unterseits kurzhaarigen Blättern, dichten Trauben mit kleinen grünen Blüten und einsamigen Kapseln. Die Blätter dieser Art, wie auch von ~Pilocarpus jaborandi~ in Nordbrasilien, von ~P. selloanus~ und ~P. trachylophus~ in Südbrasilien und verschiedener anderer Arten wurden von den Indianern zum Schweißtreiben bei Krankheiten, wie auch als Gegengift bei Schlangenbissen unter dem Namen +Jaborandi+ verwendet. Die erste Kunde über diese Droge findet sich in der 1648 erschienenen ~Historia naturalis Brasiliae~ von Piso und Marcgraf; doch machte sie erst der brasilianische Arzt S. Continho in Pernambuco 1873 bekannt. Er bediente sich derselben als schweißtreibendem Mittel und sandte in jenem Jahre Proben der Blätter zur Prüfung nach Paris. Diese riechen beim Zerreiben aromatisch, schmecken scharf und enthalten als hauptsächlich wirksame Substanz das 1875 gleichzeitig von Hardy und Gerrard isolierte Pilocarpin, das die gesteigerte Absonderung von Schweiß-, Speichel- und sonstigen Drüsen bewirkt, neben Pilocarpidin, Isopilocarpin, dem atropinartig wirkenden Jaborin und Gerbstoff. Das Jaborin des Handels ist ein Gemisch dieser letzteren mit einer Spur Pilocarpin. Der Gehalt an freien Alkaloiden beträgt in den Jaborandiblättern durchschnittlich 0,75 Prozent. Nur infolge Beimengung minderwertiger Sorten wird er geringer. Als Surrogat werden verschiedene andere Blätter von ähnlicher Wirkung verwendet, auf die wir hier nicht eintreten wollen.

Weit größere Bedeutung haben in der modernen Medizin die gleichfalls in Südamerika heimischen +Kokablätter+ erlangt, aus denen das zur Schmerzbetäubung und zur Anregung der seelischen und motorischen Zentren der Großhirnrinde in so reichem Maße dienende Cocain gewonnen wird. Seit Urzeiten werden sie von den Indianern der Westküste Südamerikas als ~koka~, d. h. Pflanze (also Pflanze ~par excellence~) -- von den Spaniern ~coca~ geschrieben -- als Anregungsmittel und zur Vertreibung der Müdigkeit während der Ruhepausen zusammen mit etwas ungelöschtem Kalk oder der Asche von ~Chenopodium quinoa~, einer dort viel angepflanzten Nährfrucht aus der Familie der Melden, gekaut. Dadurch wird eine reichliche Absonderung grünen Speichels bewirkt, daneben aber ein Gefühl der Leichtigkeit, eine lebhafte, freudige Aufregung bewirkt, die es ermöglicht, ohne spürbare Ermüdung schwerbeladen die anstrengendsten Märsche über die höchsten Pässe der Anden zu bewältigen. Mäßig genossen haben die Kokablätter keine schädliche Wirkung, nur in größeren Mengen und gewohnheitsmäßig gebraucht, wirken sie lähmend und rufen einen als Kokakachexie bezeichneten Zustand hervor, der sich durch Abmagerung, Verfall der Körperkräfte und Herabsetzung aller geistigen Tätigkeit bekundet.

Daß nun die Peruaner schon sehr lange vor der Entdeckung ihres Landes durch die Europäer eine für sie so wichtige Pflanze für heilig hielten und sie um ihre Ansiedlungen herum kultivierten, kann uns nicht wundern. Ihre Blätter waren im ganzen Lande sehr begehrt und galten als beliebtestes Tauschmittel an Stelle des Geldes. Bei der Eroberung Perus unter Francisco Pizarro 1532-1533 lernten die Spanier dieses Genußmittel kennen, wandten es aber selbst nicht an; vielmehr verboten sie auf Veranlassung der christlichen Priester die Kultur der Pflanze. Nach wenigen Jahren aber gestatteten sie dieselbe wieder; denn der Anbau dieser Pflanze war seit den ältesten Zeiten eine der Hauptarbeiten der Eingeborenen. So kommt es, daß die ursprünglich wilde Form derselben im Lande fast nicht mehr gefunden wird. Der 1,5 m hoch werdende Kokastrauch mit bis 8 cm langen und halb so breiten, oben oliven- und unten graugrünen, eiförmigen, lederartigen, kahlen Blättern wird außer in Peru und Ekuador vorzugsweise in Kolumbia an den östlichen Abhängen der Anden in einer Höhe von 1000-2000 m in ausgedehnten, ~cocales~ genannten Plantagen angepflanzt. Alle 2-3 Monate werden die reifen Blätter, die einen Stich ins Gelbliche zeigen, bei trockenem Wetter gesammelt und sofort getrocknet, um dann fest in Wollsäcke eingepreßt versandt zu werden. Da sie aber durch längeren Transport bis zur Hälfte ihres Gehaltes an wirksamer Substanz einbüßen, werden sie vielfach schon an Ort und Stelle verarbeitet, wobei 1 kg trockene Blätter 2 g Cocain geben. So nannte Niemann 1860 das höchstens bis zu 1 Prozent in den Kokablättern enthaltene wirksame Alkaloid, das Gädicke 1855 zuerst entdeckt und Erythroxylin genannt hatte. 1884 erst führten Freund und Koller das Cocain als die damit bepinselten Schleimhäute unempfindlich machendes Mittel in die Heilkunde ein. Bald wurde es auch innerlich als Anästhetikum der Magenschleimhaut und die seelischen und motorischen Funktionen des Gehirns anregendes Mittel gegeben und führte auch wie das Morphin vielfach zu Mißbrauch.

Mit dem beginnenden starken Verbrauch der Droge in der ganzen Kulturwelt wurde der in den östlichen Andengebieten Perus und Bolivias in den nie vom Frost heimgesuchten warmen Hochtälern bis dahin ausschließlich von den Indianern kultivierte Kokastrauch (~Erythroxylon coca~) nach Westindien, Ostindien, Ceylon, Java, Australien, Zansibar und Kamerun gebracht und dort im großen angepflanzt. Diese Länder versorgen nun auch den Weltmarkt mit ihren Produkten. Am üppigsten gedeiht der Strauch in feuchten Lagen; doch gewinnen seine Blätter in trockenen Lagen an Güte, deshalb werden nur solche zum Anbau ausgewählt. Schon nach 2½ Jahren geben sie vier Ernten im Jahr und bleiben bis zum 40. Jahr ertragsfähig. Die ersten Nachrichten von dieser Pflanze datieren von 1499. Im Jahre 1570 machte dann der spanische Arzt Nicolaus Monardes nach seiner Rückkehr aus Südamerika die Wirkung des Kauens der Kokablätter, die von über acht Millionen Menschen im Andengebiet täglich geübt wird, in Sevilla bekannt, und Joseph de Jussieu sandte 1750 die erste Kokapflanze aus Peru nach Europa, wo sie im ~Jardin des plantes~ Aufnahme fand.

Ein narkotisches, krampfstillendes Harz liefert der +indische Hanf+ (~Cannabis indica~). Es ist dies eine Varietät des in Westasien heimischen gewöhnlichen Hanfes (~Cannabis sativa~), die nur im warmen Ostindien dieses Harz reichlich erzeugt und hier in erster Linie zur Gewinnung desselben gepflanzt wird. Erst in gebirgigen, kälteren Distrikten, wie z. B. im Himalaja, wo die Pflanze ihr narkotisches Harz nicht mehr produziert, wird sie, wie bei uns, zur Gewinnung ihrer Faser angebaut. Das schon unter 50° C. schmelzende Harz wird besonders von den weiblichen Blütenständen der bis 2 m hoch werdenden Pflanze ausgeschwitzt und durch eingeborene Arbeiter in der Weise gewonnen, daß sie, in der Regel nackt und nur ausnahmsweise mit einem Lederanzuge bekleidet, durch die Hanfpflanzungen hindurchgehen, wobei sich das Harz an ihnen festsetzt. In Persien dagegen wird es meist dadurch erhalten, daß man die in Blüte stehenden Spitzen und die Blätter der Pflanze stundenlang kräftig auf rauhen, groben, wollenen Teppichen reibt, so daß sich das Harz auf der Oberfläche des Teppichs ablagert, von wo es mit einem Messer abgeschabt und zu Kuchen geformt wird. Die Stücke, wie sie auf den Märkten Zentralasiens verkauft werden, stellen dicke Tafeln von außen dunkelbrauner, innen grünlicher bis bräunlicher Farbe und fester Konsistenz dar. Dies ist der Haschisch, ein persisches Wort, das Kraut bedeutet, weil früher an seiner Stelle die harzreichen Blütenteile selbst, sei es zum Rauchen, sei es als innerlich genommenes Medikament, zur Anwendung gelangten. Der Haschisch enthält bis 37 Prozent Harz und ätherisches Öl, daneben 3,3 Prozent Cannabinol (ein giftiges rotes Öl aus der Reihe der Phenole), das die hauptsächlich wirksame Substanz darstellt. Die Droge muß sehr vorsichtig aufbewahrt werden und verliert mit dem Alter bedeutend an Wirksamkeit. In Südasien war die narkotische Wirkung des Hanfharzes schon im 8. Jahrhundert v. Chr. bekannt; die Handelsnamen lassen sich alle auf Indien zurückführen. Als Berauschungsmittel ist es in Vorderasien erst durch die Muhammedaner eingebürgert worden. In Deutschland kam die Droge erst im 17. Jahrhundert zur medizinischen Verwendung, und wissenschaftliche Versuche über die Wirkung desselben wurden in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf Veranlassung von O’Shaughnessy in Kalkutta angestellt.

Sehr nahe mit dem Hanf verwandt ist der +Hopfen+ (~Humulus lupulus~), dessen Fruchtzapfen außer Harz und einem ätherischen Öl, ein von Griesmayer zuerst Lupulin, später aber, um Verwechslungen zu vermeiden, Humulin genanntes Alkaloid von narkotischer, krampfstillender Wirkung enthalten. Deshalb dienen sie außer in der Bierbrauerei auch in der Medizin, seitdem sie 1813 der französische Apotheker Planche als Heilmittel empfahl. 1821 destillierten dann Payen und Chevalier zuerst das ätherische Hopfenöl. Später kam dann von Amerika her die Bezeichnung Lupulin für die Fruchtzapfen der allein kultivierten weiblichen Pflanze auf. Die Droge wird nur von in Kultur stehenden Pflanzen gesammelt und gut getrocknet, vor Licht und Luft geschützt aufbewahrt, hält sich aber auch so nicht über ein Jahr in voller Wirkung.

Mit dem Oleander und dem westafrikanischen Strophantus zu den Apocynazeen oder Hundsgiftgewächsen gehörig ist der +kanadische Hanf+ (~Apocynum cannabinum~), dessen Wurzel seit langer Zeit von den Indianern als Medikament verwendet wurde. Von ihnen lernten die Weißen in Nordamerika sie kennen. Das neuerdings aus den Vereinigten Staaten in größerer Menge besonders nach Rußland importierte, daraus hergestellte Fluidextrakt enthält das nach Art der Digitalis auf das Herz wirkende Glykosid Apocynin. Das Mittel verdient auch bei uns öfter zur Anwendung zu gelangen, da ihm eine sehr gute Wirkung auf das erkrankte Herz nachgerühmt wird.

Ebenfalls schon lange von den Indianern Nordamerikas medizinisch, besonders als Wundmittel, benutzt wurde die nach ihrer Ähnlichkeit mit unserer Haselnuß von den Weißen als Zauberhasel bezeichnete +Hamamelis+ von Virginien (~Hamamelis virginiana~). Dieser bis 7 m hohe Strauch ist ein Hauptbestandteil der Wälder der atlantischen Staaten der nordamerikanischen Union, der besonders viel zur bunten herbstlichen Verfärbung der Wälder beiträgt. Seine holzige Kapseln darstellenden Früchte öffnen sich mit solcher Gewalt, daß die Samen bis 4 m weit fortgeschleudert werden. Das alkoholische Fluidextrakt aus der Rinde enthält neben einem glykosidischen Gerbstoff und Fett etwa 8 Prozent Hamamelitannin und wird als tonisches und adstringierendes Mittel gegen Diarrhöen und Blutungen angewandt. Auch äußerlich wird dieses Hazeline genannte Präparat als blutstillendes Mittel und gegen Hämorrhoiden gegeben, daneben das aus der Hamamelis gewonnene Fett zu der höchst angenehmen Hazelinecrême verarbeitet.

Als Tonikum und Sedativum des Uterus bei habituellem Abort ist auch bei uns seit etwa 40 Jahren das aus Nordamerika eingeführte Fluidextrakt der +Rinde+ des amerikanischen +Schneeballenbaums+ (~Viburnum prunifolium~) im Gebrauch. Es ist dies ein in den östlichen und mittleren südlichen Staaten der Union bis zum Mississippi, aber auch in Kanada, wenn auch dort kleiner an Wuchs, heimischer 3-5 m hoher Strauch oder Baum, der neuerdings auch bei uns als Zierstrauch gepflanzt wird. Das flüssige Extrakt der Wurzel-, Stamm- und Zweigrinden enthält neben verschiedenen Pflanzensäuren und Gerbsäure ein bitterschmeckendes, gelbbraunes Harz, welch letzteres in derselben Beschaffenheit auch in unserem einheimischen Schneeball (~Viburnum opulus~) enthalten ist, weshalb dessen Rinde in derselben Weise arzneilich verwendet wird.

Ein im südlichen Teile der brasilianischen Provinz Bahia häufiger Baum mit violetten Blüten aus der Familie der Schmetterlingsblütler ist der +Ararobabaum+ (~Andira araroba~), der in kleineren und größeren Hohlräumen des 1-2 m dicken Stammes eine zerreibliche, fast erdige, gelbbräunliche, stark abfärbende Masse ausscheidet, deren Anwendung als Heilmittel die in Brasilien eingewanderten Portugiesen von den Indianern kennen lernten. Von dort brachten sie die Droge nach ihrer ostindischen Besitzung Goa, wo sie hauptsächlich gegen parasitäre Hautkrankheiten Anwendung fand. Dort lernte Kemp im Jahre 1864 das Mittel kennen und machte in der Folge die europäischen Ärzte darauf aufmerksam. Da stellte Silva Lima 1875 fest, daß die ~araroba~ der brasilianischen Eingeborenen, die, weil von Bahia aus verschifft, als ~Polvo de Bahia~ in den Handel gelangte, mit dem ~Polvo de Goa~ aus Ostindien identisch sei, und fast gleichzeitig wies Attfield Chrysophansäure in derselben nach. 1878 erkannten Liebermann und Seidler als Hauptbestandteil der Droge (nämlich 90 Prozent) das Chrysarobin, das sich bei Gegenwart von Luft und Alkalien zu Chrysophansäure oxydiert; daneben sind noch 10 Prozent in Benzol lösliche harzartige Substanzen darin enthalten. 1879 beschrieb Aguiar die Stammpflanze als ~Andira araroba~. Das gelbbraune Ararobapulver wird aus ihr in der Weise gewonnen, daß man die Bäume fällt, ihren Holzkörper in Blöcke zersägt, spaltet und die mit der gesuchten Masse gefüllten Hohlräume auskratzt. Die rohe Ware gelangt seit 1875 aus Brasilien direkt, statt wie früher aus Bahia über Goa, in den europäischen Handel und wird in Europa von den darin enthaltenen Holzsplittern und Rindenteilen gereinigt. Besonders zur Behandlung der Psoriasis genannten Schuppenflechte hat sich das daraus gewonnene Chrysarobin als außerordentlich nützlich erwiesen.