Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 2. Hälfte
Part 39
Der Kampfer, seiner chemischen Beschaffenheit nach ein Keton von der Formel C_{10}H_{16}O, bildet sich im lebenden Kampferbaum aus einem ursprünglich im Holz vorhandenen flüchtigen, farblosen Öl, dem Kampferöl, das in frühzeitig in allen Teilen des Baumes angelegten Ölzellen gebildet wird und sich später durch Sauerstoffaufnahme -- oft erst jahrelang nach Entstehung des Sekretes -- in Kampfer umwandelt, der dann vorzugsweise in den Spalten und Höhlungen des unteren Teiles des Stammes zur Ausscheidung gelangt. Das vom rohen Kampfer vor dem Raffinieren ausgepreßte und durch Zentrifugieren entfernte flüssige, früher als wertlos beseitigte Kampferöl wird neuerdings auf Safrol verarbeitet. Der raffinierte Kampfer, der in 1-5 kg schweren, konvex-konkaven, in der Mitte durchlöcherten Kuchen in den Handel gelangt, stellt eine weiße, durchscheinende, kristallinisch-körnige, fettig anzufühlende, bei gewöhnlicher Temperatur allmählich ohne Rückstand sich verflüchtigende Masse von durchdringendem Geruch und brennend scharfem, hinterher kühlendem Geschmack dar, das in der Medizin äußerlich als die Haut reizendes, ableitendes, schmerzlinderndes Mittel bei rheumatischen Leiden, innerlich in kleinen Dosen zur Beruhigung, in größeren zur Anregung und Belebung des Nervensystems, der Atmung und Blutzirkulation, besonders aber in der Technik als Mottengift und in sehr großem Maße zur Herstellung von Zelluloid und rauchschwachem Pulver verwendet wird. Japan und Formosa führen jährlich über 4 Millionen kg Kampfer aus, von denen etwa 32 Prozent nach Deutschland, 31 Prozent nach Amerika, 22 Prozent nach Frankreich, 13 Prozent nach England und 2 Prozent nach Indien gehen. Zum eigenen Kampferöl bezieht Japan noch viel von Formosa, um ihn bei der Lackbereitung zu verwenden. Bei der großen Wichtigkeit, die dem Kampfer zukommt, werden zurzeit ausgedehnte Anpflanzungen von Kampferbäumen von seiten der japanischen und chinesischen Regierungen gemacht. Schon jetzt liefert die südchinesische Provinz Fo-kien über 120000 kg Kampfer jährlich. Auch werden später Madagaskar, Ceylon, Deutsch-Ostafrika, Ägypten, Algerien und der Süden der Vereinigten Staaten von Nordamerika sich an der Produktion beteiligen, wenn die dort angelegten, sehr gut fortkommenden Kulturen des Kampferbaumes zur Ausbeutung reif sein werden. Die neuerdings gehegte Hoffnung, den Kampfer auch aus den Blättern des Baumes gewinnen zu können, ist bis jetzt nur wenig erfüllt worden.
Außer den bereits erwähnten hat die Neue Welt noch eine ganze Menge wichtiger Drogen aus dem Pflanzenreiche geliefert, so die +Ipecacuanha-+ oder +Brechwurzel+, die heute noch in reichlichem Maße Verwendung findet. Sie besteht aus der unterirdisch kriechenden Achse eines niederen Halbstrauchs aus der Familie der Rubiazeen oder Krappgewächse (~Cephaëlis Ipecacuanha~) mit nur 10-30 cm hoch aufsteigenden Stengeln, länglichovalen Blättern, weißen Blüten und erbsengroßen, blauen Beeren. Sie wächst in den feuchten, schattenreichen Wäldern Südbrasiliens wild und wird neuerdings auch auf der Halbinsel Malakka im Schatten einzelner Bäume kultiviert, um über Singapur in den Handel zu gelangen. Die beliebteste Sorte wird mit Ausnahme der Regenzeit das ganze Jahr hindurch in der südbrasilianischen Provinz Matto Grosso gesammelt, indem man den ziemlich oberflächlich horizontal unter der Erde verlaufenden, höchstens 5 mm dicken, knotigen Stamm aushebt, aber die an den Knoten entspringenden, größtenteils zu Stärkemehl aufspeichernden Reservestoffbehältern gewordenen Wurzeln abschneidet, um sie im Boden zu belassen oder, falls sie mit herauskamen, wieder einzupflanzen. Sie bilden dann Adventivknospen, aus denen nach 3-4 Jahren ein neuer Bestand ausbeutungsfähiger Pflanzen hervorgeht. Die in Abständen von 1 mm von ungleichen, rundlichen Wülsten, den Narben der einst hier entsprungenen zahlreichen Seitenwurzeln, versehenen unterirdischen Stammstücke werden so rasch als möglich getrocknet, am Tage der Sonne ausgesetzt und nachts durch Bedecken vor dem Tau beschützt, und sind nach 2-3 Tagen versandfähig. In sogenannten Seronnen von 40-42 kg Gewicht werden sie von den Eingeborenen oft Tagereisen weit auf den Köpfen aus dem Innern an die Küste getragen und gelangen über Rio de Janeiro nach London zum Verkauf. In 15 cm langen Stücken, noch häufiger aber fein geschnitten kommen sie in die Apotheken, um hier meist zur Herstellung der bekannten Ipecacuanha-Aufgüsse verwendet zu werden. Das wirksame Prinzip ist das 1817 von Pelletier und Magendie gefundene Emetin neben Cephaëlin und Psychrotin. Es ist zu 4 Prozent fast nur in der graubraunen Rinde und nur in Spuren im Holzkörper vorhanden. Das offizinelle Ipecacuanha-Pulver soll 2 Prozent dieser Alkaloide enthalten.
Diese brechenerregende und expektorierend wirkende Droge hat eine sehr interessante Geschichte, die es wohl verdient, hier in Kürze mitgeteilt zu werden. Der Name Ipecacuanha, den uns die Portugiesen vermittelten, stammt aus der Tupisprache und ist aus ~i~ (klein), ~pe~ (am Wege), ~caá~ (Kraut), ~guéne~ (brechenerregend) zusammengesetzt, bedeutet also „kleines Kraut, das am Wege wächst und Brechen erregt“. Die Tupi- und andern Indianer Brasiliens verwandten sie als Brechmittel. Da sie aber außer ihr noch andere Wurzeln als solches benutzten und mit dem Worte „~pe-caá-guéne~“ -- zusammengezogen in ~pecacuém~ -- bezeichneten, erhielt sie zur Unterscheidung von den größeren die Benennung ~i~ (klein), also ~I-pe-caá-guéne~. Der portugiesische Volksname der Droge ist aber nicht Ipecacuanha, sondern Poaya. Zum erstenmal wird sie 1590 vom portugiesischen Mönch Michael Tristram, der von 1570-1600 in Brasilien lebte, unter dem Namen Igpecaya oder Pigaya erwähnt; aber erst 1648 wurde sie durch den holländischen Arzt Wilhelm Piso in Europa genauer bekannt. Auf einer von 1636-1641 unter Führung des Grafen Moritz von Nassau-Siegen unternommenen Forschungsreise durch Brasilien lernte er sie kennen und gab dann nach seiner Heimkehr die erste Beschreibung und Abbildung der Pflanze, die er Ipecacuanha nennt. Gleichwohl war man über die botanische Stellung der Pflanze noch lange im unklaren. Réjus hielt sie für eine Art Einbeere (~Paris~), Moriceau für eine Art Geißblatt (~Lonicera~) und der große Karl von Linné für eine Art Veilchen, weshalb er sie ~Viola Ipecacuanha~ nannte. Erst der portugiesische Marinearzt ~Dr.~ Bernardino Antonio Gomez gab 1801 die nötige Berichtigung über die von ihm in Brasilien kennen gelernte Stammpflanze. 1804 beschrieb Wildenow die Pflanze als ~Cephaēlis ipecacuanha~; später zog der Aargauer Müller das Genus ~Cephaēlis~ zu ~Psychotria~.
Größere Aufmerksamkeit erregte die Droge erst zu Ende des 17. Jahrhunderts. 1672 brachte sie der Arzt Le Gras nach einem dreimaligen Aufenthalte in Brasilien von dort mit; von ihm erhielt sie der Apotheker Claquenelle, ebenso Lemery. Dann brachte der Arzt Daliveau aus Montpellier, der die Pflanze in Brasilien gesehen und dort auch ihre Verwendung kennen gelernt hatte, Nachrichten über sie mit nach Europa. 1680 bekam ~Dr.~ Afforti von dem aus Brasilien zurückgekehrten und nach schwerer Erkrankung von ihm geheilten Kaufmann Garnier zum Dank eine Portion Ipecacuanha unter dem Namen der brasilischen Ruhrwurzel. Afforti beachtete dieselbe nicht, gab aber davon dem Studenten Joh. Adrian Helvetius, der damit nach seiner Etablierung in Reims 1684 sehr gute Kuren bei Ruhr machte. Er erregte damit weithin in Frankreich Aufsehen, so daß ihm Ludwig XIV. sein als Geheimnis behandeltes Mittel um 1000 Louisdor abkaufte und ihm dazu noch ein Privilegium des Alleinverkaufs erteilte. In Deutschland lenkte besonders Leibnitz die Aufmerksamkeit auf das neue Mittel, über das er in den Verhandlungen der Leopoldinischen Sozietät der Naturforscher im Jahre 1696 eine Abhandlung: ~De novo antidysenterico americano~ veröffentlichte. Zwei Jahre später nahm sich Valentini der Droge im besonderen an, doch ging es noch längere Zeit, bis sie allgemeinere Verwendung fand. Bis weit in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts war sie in den Apotheken noch recht selten und dementsprechend teuer. So kostete das Pfund nach Valentini 1704 30 Gulden und das Lot (10 g) in Mülhausen 8 Pfennige. 1887 kamen dann die ersten Proben aus den seit 1866, anfangs allerdings ohne Erfolg in Indien, besonders um Kalkutta, angelegten Kulturen auf den Londoner Markt und erwiesen sich als der brasilianischen Droge ebenbürtig. Von der von Hooker aus dem botanischen Garten von Kew bei London gesandten Stammpflanze waren 1872 nur noch 12 Pflanzen als Nachkommen vorhanden. Eine Vermehrung durch Stecklinge hatte größeren Erfolg; so erzielte man auf diese Weise von 300 in den Jahren 1871 und 1872 in Sikkim vorhandenen Exemplaren bereits 1873 6000 Stück. Doch hatte die Kultur der Ipecacuanha auch hier erst rechten Erfolg, als man begann, den Bedürfnissen der Pflanze nach Feuchtigkeit und Schatten Rechnung zu tragen.
Bei der Gesuchtheit der Droge kann es uns nicht wundern, daß sie sehr oft mit falscher Ipecacuanha vermischt und so gefälscht wird. Von solcher kommt die in Kolumbien wachsende ~Cephaēlis acuminata~ der echten am nächsten. Ihr unterirdisch kriechender Stamm ist rötlichbraun und bis 8 mm dick. Man bezeichnet diese Sorte als Cartagena-Ipecacuanha, weil sie vom gleichnamigen Hafen in Kolumbien exportiert wird. Erheblich schwächer wirkend ist die aus dem nördlichen Südamerika stammende dünnere, hellgraue bis graubraune „mehlige Ipecacuanha“, so genannt, weil die mit nur schwachen Einkerbungen versehene sehr dicke Rinde im Durchschnitt mehlig weiß ist. Sie stammt von ~Richardsonia scabra~. Größer und stärker als die echte Rioware, aber sehr arm an Emetin, ist die bis 8 mm dicke, außen graubraun bis grauschwarze „schwarze Ipecacuanha“, die von der in Venezuela, Peru und Kolumbien (dem vormaligen Neu-Granada) wachsenden ~Psychotria emetica~ herrührt. Ganz emetinfrei ist die stark verästelte und mit spärlichen Einschnürungen versehene grauweiße oder hellbraungelbe „weiße Ipecacuanha“, die von der brasilischen Veilchenart ~Jonidium ipecacuanha~ stammt, ebenso die von ~Viola itoubou~, von ~Polygala violacea~ in Venezuela, von ~Chamaelirium luteum~ und ~Heteropteris pauciflora~ in Brasilien und andern. Ganz schwach emetinhaltig ist dagegen die mit sehr dünner Rinde und ohne Einschnürungen versehene Trinidad-Ipecacuanha von ~Cephaëlis tomentosa~.
Ebenfalls durch die Portugiesen zuerst in Europa bekanntgeworden ist die außer als appetitanregendes Mittel auch wie die Ipecacuanha gegen Ruhr verwendete +Colombowurzel+, die von der in den Wäldern der ostafrikanischen Küstenländer heimischen ~Jatrorrhiza palmata~ stammt. Heute wird sie außer in Mozambique, wo sie die Portugiesen bei ihrer Niederlassung von den Eingeborenen als stopfende Arznei kennen lernten, in Deutsch-Ostafrika, auf Madagaskar, den Maskarenen, Seychellen und Ceylon kultiviert. Die dem kurzen Wurzelstock entspringenden rübenförmig verdickten, bis 30 cm langen und bis 8 cm dicken, fleischigen Wurzeln der zu den Menispermazeen gehörenden ausdauernden, strauchartigen Pflanze werden im März gegraben, gewaschen, in 2 cm dicke Scheiben geschnitten, auf Schnüre gezogen und im Schatten getrocknet. In von Matten umhüllten Ballen von etwa 50 kg Gewicht kommen sie aus Mozambique, Sansibar oder Bombay nach Hamburg und London in den Handel. Sie sind im Durchschnitt gelb und enthalten außer reichlich Stärkemehl und Gummi, die dem daraus hergestellten Dekokt eine schleimige Konsistenz geben, drei Alkaloide und zwei Bitterstoffe. Der Name Colombo hat keinerlei Beziehung zur gleichnamigen Stadt auf Ceylon, sondern rührt von der Bezeichnung ~kalumb~ her, die ihr die Kaffern gaben. Zuerst empfahl der toskanische Arzt Francesco Redi 1675 die Calumba als giftwidriges Mittel. Als solches hat sie sich nun nicht bewährt, wohl aber als tonisches Bittermittel und zum Stopfen bei Durchfällen. Ihre Abstammung und Heimat wurde geheim gehalten, bis Philipp Commerson 1770 die sie liefernde Pflanze im Garten des Gouverneurs Poivre auf Isle de France (jetzt Mauritius genannt) kultiviert fand. Erst seit sie der Arzt Gaubius in Leiden im Jahre 1771 angelegentlich empfahl, wird sie häufiger medizinisch verwendet. Die sogenannte amerikanische Colombowurzel von der Gentianee ~Frasera carolinensis~ aus Ohio, Carolina und Pennsylvanien enthält nur Gerbsäure und ist minderwertig. Am meisten wird die Droge durch die mit Ocker gelb gefärbte Wurzel der Zaunrübe (~Bryonia alba~ und ~dioica~) verfälscht.
Von einem im atlantischen Nordamerika, namentlich Virginien, Florida und Alabama heimischen immergrünen klimmenden Strauch (~Gelsemium sempervirens~) aus der Familie der Loganiazeen, die sehr stark giftige Vertreter, wie den das Strychnin liefernden Brechnußbaum, den Curarebaum, aus dem die Indianer in Guiana und Venezuela ihr berüchtigtes Pfeilgift, den schlingenden Upasstrauch, aus dessen Wurzelrinde die Malaien Javas ihr nicht minder gefährliches Pfeilgift Upas herstellen, und den vom Jesuiten Camelli 1699 nach dem Stifter des Jesuitenordens, Ignatius Loyola, Ignatiusstrauch benannten Schlingstrauch der Philippinen, der die äußerst giftigen Ignatiusbohnen liefert, aufweist, stammt die +Gelsemiumwurzel+. Gelsemium ist der ältere Name des Jasminum -- hergeleitet vom arabischen ~jasmin~ --, der dieser Pflanze wegen ihrer Ähnlichkeit mit diesem orientalischen Strauche gegeben wurde. Das Rhizom kommt meist in kleine Stücke zerschnitten in den Handel und enthält vier Alkaloide, die als schmerzbetäubendes Mittel bei Neuralgien, Zahnschmerz, Rheumatismus und Brustfellschmerzen dienen. Die Indianer brauchten sie zum Vergiften der Fische. Diese bei uns weniger angewandte Droge dient in Nordamerika seit langer Zeit als Volksmittel gegen Fieber und Neuralgien. Die Wirkung besteht in Schwächung der Motilität und Herabsetzung der Sensibilität; in größeren Gaben verursacht die Droge Schwindel, erweiterte Pupillen und Doppeltsehen, allgemeine Muskelschwäche und schließlich Tod durch Atmungslähmung.
Der getrocknete Wurzelstock der kanadischen Gelbwurz (~Hydrastis canadensis~) liefert die neuerdings auch bei uns wie in ihrer Heimat vielgebrauchte +Hydrastis+, die schon lange vor Ankunft der Europäer von den nordamerikanischen Indianern teils zu medizinischen Zwecken, besonders bei Entzündungen der Augen, des Mundes und des Halses, teils zum Färben des Gesichtes und der Kleidungsstücke benutzt wurde. In derselben Weise wurde das Rhizom noch jahrhundertelang nach der Entdeckung Amerikas als ~golden seal~, d. h. goldene Siegelwurz, als Aufguß oder Tinktur weiter gebraucht, bis es 1860 in die Pharmakopoe der Vereinigten Staaten aufgenommen wurde, nachdem es schon seit 1833 allgemeiner als Arznei verwendet und seit 1847 in größeren Mengen in den Handel gebracht worden war. Die Verwendung in Europa datiert erst seit 1883. 1851 entdeckte Durand das wichtigste der darin enthaltenen Alkaloide, das Hydrastin, das bis zu 4,8 Prozent darin enthalten ist und sich im Körper in Hydrastinin und Opiansäure spaltet. Hydrastis wirkt gefäßverengend und darum Blutungen stillend. Besonders gegen Gebärmutterblutungen wird es viel verwendet, außerdem auch bei chronischem Magenkatarrh und äußerlich bei Augenentzündungen. Die sie liefernde Pflanze ist eine in den feuchten Wäldern Kanadas und besonders der nordöstlichen Vereinigten Staaten heimische ausdauernde Schattenpflanze aus der Familie der Ranunculazeen mit 2-3 handförmig gelappten Blättern und grünlichweißen Blüten, die wegen des erhöhten Verbrauchs im wilden Zustande fast nicht mehr vorkommt und zurzeit in den Staaten südlich von New York an schattigen Hügeln und in Waldlichtungen in größerer Menge angepflanzt wird. Die Wurzelstöcke sollen nur von der dreijährigen Pflanze im Herbst nach der Samenreife gesammelt, gereinigt und, auf große Tücher ausgebreitet, an der Luft getrocknet werden. In Ballen oder Säcke verpackt kommen sie meist über Cincinnati zum Versand. Vielfach werden sie mit den Wurzelstöcken der in den dortigen Waldungen heimischen ~Aristolochia serpentaria~ und anderer ausdauernder Kräuter verfälscht.
Ebenfalls in Nordamerika heimisch ist die nach dem Stamme der Seneka-Indianer oder Irokesen benannte +Senegawurzel+, die von einer nördlich vom Tennesseeflusse vom Atlantischen Ozean bis zum Felsengebirge vorkommenden ausdauernden Kreuzblumenart (~Polygala senega~) gewonnen wird. Schon von den Indianern wurde sie als Mittel gegen den Biß der Klapperschlange verwendet. 1736 wurde sie deshalb von dem in Virginien ansässigen schottischen Arzte John Tennent als ~Senega rattle snake root~ (S.-Klapperschlangenwurzel) in den Arzneischatz eingeführt. Schon 1734 gab der Nürnberger Arzt Jakob Treu eine Abbildung der Stammpflanze. Noch im Jahre 1779 war nach Murray die Droge in Deutschland nur in wenigen Apotheken vorrätig. 1804 stellte dann Gehlen das bis zu 5 Prozent darin enthaltene, dem Saponin ähnliche, in kaltem Wasser unlösliche Alkaloid Senegin dar, das neben dem sauren Glykosid, der Polygalasäure und zwei neutralen Glykosiden darin vorkommt. Die Wirkung der Droge ist eine schleimlösende, schweißtreibende und leicht abführende. Wie die folgende wird sie auch als Waschmittel benutzt.
Denselben Zwecken dient die gleicherweise meist als Abkochung verordnete +Quillaia+- oder +Seifenrinde+, die von dem immergrünen, in Chile, Peru und Bolivien heimischen Seifenbaume (~Quillaia saponaria~) gewonnen wird. Den in seiner Heimat gebräuchlichen Namen Quilla hat er vom spanischen Worte ~quillái~, das „waschen“ bedeutet; denn seine Rinde wurde seit langer Zeit im Lande zum Waschen benutzt. Als Wasch- oder Panamarinde kam sie zuerst von Panama aus zu Anfang der 1850er Jahre nach England und Frankreich, einige Jahre später auch nach Deutschland. Seit dieser Zeit hat sie, da sie die Farben nicht angreift, technisch statt Seife in den Wäschereien eine große Bedeutung erlangt. Sie ist außen grob längsgestreift, oft rissig, weißlich oder hellbraun, innen glatt und bräunlich, hat einen kratzend bitteren, schleimigen Geschmack und enthält außer bis 10 Prozent Saponin die der Polygalasäure sehr nahestehende Quillaiasäure, Sapotoxin und Lactosin. Sie wird als Ersatz der Senega bei chronischem Lungenkatarrh in Form einer beim Schütteln stark schäumenden Abkochung gegeben; auch kommt ein als Saponin bezeichnetes Extrakt derselben in den Handel. Die Rinde selbst wird jetzt direkt von Chile und Peru nach Hamburg und Havre gebracht, die die Hauptstapelplätze dafür sind. Jährlich kommen davon über 3 Millionen kg im Werte von einer halben Million Pesos (fast ebensoviel Mark) allein aus Chile in den Handel. Auch das mittelharte Holz ist dort geschätzt und wird zu feineren Geräten, besonders zu den im Lande gebräuchlichen schuhartigen, hölzernen Steigbügeln, die mit reichgemusterten Ornamenten in Kerbschnittmanier verziert sind, verwendet. Der Quillái ist eine bis 10 m Höhe erreichende Rosazee, deren bis gegen 2 m dicker Stamm, unbeschadet des Wohlbefindens der Pflanze, öfter im Innern vermorscht. Er ist nicht besonders dicht verzweigt und seine Äste gehen stark auseinander. Er hat elliptische, glänzende, lederharte, hellgrüne Blätter und zu kleinen Trauben vereinigte weiße Blüten. Er steigt über 2000 m ins Gebirge hinauf, doch wird ihm leider von den Rindensammlern (~cascarilleros~), denen man mit ihren schwarzbraunen Lasten oft begegnet, arg zu Leibe gegangen. Früher entrindeten sie die Bäume meist nur so weit, als sie reichen konnten, während sie jetzt mit Hilfe von Leitern die Entrindung bis weit in das Astwerk hinein vornehmen.
Ebenfalls aus Südamerika stammt die erst seit 1871 durch Garcia Morena, den damaligen Präsidenten von Ekuador, nach Europa gesandte und hier bald als angebliches Heilmittel gegen Magenkrebs sehr überschätzte und sehr teuer bezahlte +Condurangorinde+, d. h. Geierrinde. Schon lange steht sie in ihrer Heimat gegen Schlangenbiß und krebsartige Krankheiten bei den Indianern im Gebrauch. Ihre Stammpflanze ist eine an den Westabhängen der Kordilleren zwischen Ekuador und Peru in 1500 m und mehr Höhe wachsenden Liane (~Marsdenia condurango~) aus der Familie der Asklepiadazeen mit gegenständigen, breiten, samtartig behaarten Blättern, paarigen Rispen kleiner Blüten und dicken, glatten Fruchtkapseln. Ihre Rinde ist graubraun, schmeckt bitterlich, schwach kratzend, riecht aromatisch und enthält als wichtigsten Bestandteil ein als Condurangin bezeichnetes Gemisch von fünf Glykosiden, das appetitanregend wirkt. Deshalb wird die Rinde auch heute noch gerne als Stomachikum gegeben.
Sehr viel wichtiger als sie ist eine andere südamerikanische, ebenfalls aus dem Andengebiet stammende Rinde, die +Chinarinde+, die weitaus die wichtigste Droge ist, die uns der neue Weltteil geschenkt hat; ja sie kann geradezu als das wichtigste Heilmittel aus dem Pflanzenreiche bezeichnet werden, da sie beziehungsweise das aus ihr gewonnene Chinin allein imstande ist, die weitaus verbreitetste und bösartigste aller Krankheiten, besonders der warmen Länder, die Malaria, an der bisher viele Hunderttausende von Menschen jährlich zugrunde gingen, zu heilen, und dadurch der Weiterverbreitung dieser schrecklichen Krankheit durch die Anópheles-Stechmücken zu wehren. In Berücksichtigung der ungeheuren Bedeutung, die diesem Arzneimittel zur Ausrottung der die schönsten und fruchtbarsten Gebiete der Tropen für Weiße bisher fast unbewohnbar machenden Infektionskrankheit zukommt, wollen wir etwas eingehender auf die Geschichte dieser Droge eingehen.
Zunächst ist festzustellen, daß die Bezeichnung China durchaus nichts mit dem ostasiatischen Reiche der Mitte zu tun hat, sondern der alten Inkasprache Perus angehört, in der es als ~quina~ (sprich ~kina~) Rinde bedeutet. Und zwar bezeichneten die Eingeborenen damit eine bestimmte, von stattlichen Bäumen der Ostabhänge des nördlichen Teiles von Peru und südlichen Gebietes von Ekuador in über 1000 m Meereshöhe gewonnene, frisch blaßgelbe, durch Trocknen und Lagern aber braun werdende Rinde, die sie gegen Fieber verwendeten. Im Gegensatz zu anderen Rinden, die sie als Heilmittel verwandten, bezeichneten sie die Chinarinde durch Verdoppelung des Wortes ~quina~ als ~quinaquina~ im Sinne von etwa guter Rinde. Als dann die verhaßten fremden Eindringlinge, die Spanier, die so grausam gegen das Herrscherhaus der Inkas verfuhren, das Land besetzten, wurde ihnen zunächst das Geheimnis, das übrigens nur in einem beschränkten Gebiet der engeren Heimat des Fieberrindenbaumes, nämlich in der Gegend von Loxa im südlichsten Teil von Ekuador, bekannt war, nicht verraten. Erst 1630 wurde die Chinarinde durch die Vermittlung eines Jesuiten, der sich durch seine Leutseligkeit das Vertrauen und die Liebe der Eingeborenen zu erwerben wußte, den Spaniern im Innern von Peru bekannt. Der erste Weiße, der damit vom Wechselfieber soll geheilt worden sein, war der Corregidor oder Oberrichter -- eine Art vom König eingesetzter Verwalter -- der Stadt Loxa, Don Juan Lopez de Canizares. Die ~cascara~ (Rinde) ~de quinaquina de Uritusingu~ empfahl er bei seinen Bekannten weiter und durch seine Vermittlung wurde im Jahre 1638 die Gemahlin des Vizekönigs von Peru, Gräfin Anna de Chinchon (sprich Tschintschon), damit von einem hartnäckigen Wechselfieber geheilt. Ihr zu Ehren wurde dann 1742 der Fieberrindenbaum durch Karl von Linné Cinchona -- eigentlich sollte es Chinchona heißen -- genannt. Nach ihrer Genesung ließ die Gräfin größere Mengen der so vortrefflich das Fieber bekämpfenden Rinde aus Loxa kommen und verteilte sie bei den ihr bekannten Malariakranken der Stadt Lima. So kam dieses neue Heilmittel als „Gräfinnenpulver“ ~polvo de la condesa~ zunächst in Perus Hauptstadt in Gebrauch. 1640 brachte Juan de Vega, der Leibarzt des Grafen Chinchon, das erste Pfund der Rinde nach Sevilla in Spanien.