Kulturgeschichte der Deutschen im Mittelalter

Part 8

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Die cluniacensische Bewegung hatte nicht mehr das Grob-Massive der früheren Askese: sie war äußerlich kultivierter (in Kleidung, Nahrung und Verkehrsformen), dafür aber innerlich fanatischer, finsterer, raffinierter (blutige Selbstgeißelung, Ausdehnung des Schweigegebots, ständiger Gottesdienst), straffer, kurz – _romanisch_. Echt romanisch war aber auch das Zentralisierte der Bewegung. Eben im Papsttum, es zugleich dadurch stärkend und leitend, hatte Cluny, dessen Ideen dann neugegründete Orden (Prämonstratenser, Cistercienser) fortsetzten und verschärften, eine unmittelbare Spitze für die von unten kommende Bewegung unter Ausschaltung der bischöflichen Macht gesucht und gefunden. So war die Bewegung eine neue Welle der Romanisierung des in seiner Eigenart und Unbotmäßigkeit noch immer nicht gebrochenen Germanentums. Und sie ergriff, freilich in einer ihr durch Wilhelm von Hirsau gegebenen gröberen, dem deutschen Wesen angepaßten Form, nun auch Deutschland in ausgedehntem Maße, vor allem machte sie gerade auf die Laienkreise Eindruck. Immer neue Klöster, aber auch immer stärkerer Andrang zu den Klöstern. Und daneben das neue Institut der Laienbrüder, die in verschiedenen Abstufungen halbklösterlich lebten und sich aus hohen und niedrigeren Kreisen ergänzten, übrigens vor allem die wirtschaftliche Tätigkeit auf sich nahmen. Innerhalb der Kirche setzte sich die Bewegung jetzt völlig durch, zumal das Papsttum sie als Stärkung seiner eigenen Macht erkannt hatte. Die Weltgeistlichen der Stifter wurden immer klösterlicher organisiert. Vor allem griff man auch bei den Pfarrern, die zum größten Teil wie die Bauern lebten, verheiratet waren usw., durch, freilich unter heftigem, lange dauerndem Widerstand, besonders gegenüber dem nun streng gebotenen Zölibat. Jetzt kam auch jener Kampf gegen die Antike als weltliches Element auf den Höhepunkt, und damit trat ein arger Verfall der gelehrten Studien überhaupt ein, ebenso der künstlerischen Bestrebungen. Auch der Laie sollte rein kirchlich denken und nicht mehr an weltlicher Unterhaltung, wie sie die heimischen Spielleute boten, nicht mehr an üppigem Leben, wie es damals einsetzte, Gefallen finden. Der Krieger sollte, wenn denn schon gekämpft werden mußte, für die Kirche kämpfen. Vor allem aber sollte _die_ Macht der Kirche untertan werden, die nun einmal die Welt regierte, die weltliche Obrigkeit, der Staat. Der Kampf um diesen Preis _mußte_ ausgefochten werden, vor allem dem großen Reich gegenüber, das gerade auf Betreiben der in seinem Schatten sich Macht und Sicherheit versprechenden Kirche die Überlieferungen des römischen Universalreichs wieder aufgenommen hatte, dem deutschen Reich. Bisher lag, germanischer Auffassung entsprechend, die Herrschaft über die Kirche in den Händen seiner Könige. Otto I. hatte überdies eine nationale Kirche von ziemlicher Geschlossenheit, gestützt auf die Bischöfe, mit der bloßen Dekoration eines unselbständigen Papsttums geschaffen; Otto III. hatte sich mit den eigentlich kirchlichen Ideen so erfüllt, daß er das Papsttum in seinem eigenen Bereich zu beherrschen unternahm; die späteren Herrscher versuchten schon eine »Germanisierung des römischen Papsttums« (unter Heinrich III. vier deutsche Päpste)[8]. Jetzt hatte die Kirche selbst die Ziele des alten römischen Universalreichs aufgenommen, aber sie wirklich universal gestaltet. Sie hatte jetzt in dem Papst einen wirklichen absoluten Herrscher und zugleich die früher landschaftlich auseinandergehenden Kirchen mit einem einheitlichen, disziplinierten kirchlich-fanatischen Geist erfüllt. Der Papst über dem Kaiser, das war nun die Folge der Losung: Gott, nicht Welt. Den Kampf führte ein Papst, der die ursprünglich von solchen Zielen freie Reformbewegung sowie die Zentralisation der gereinigten Kirche erst eigentlich vollendet hatte, Gregor VII. Gestützt auf die isidorischen Fälschungen, die einst, freilich lediglich im Interesse der Bischöfe gegenüber den landeskirchlichen Gewalten, die einheitliche Oberhoheit des Papsttums hatten sichern wollen, griff man, ausgehend von der Möglichkeit simonistischen Mißbrauchs, die Laieninvestitur auf, um durch ihr Verbot, d. h. das Verbot der Besetzung namentlich der Bistümer durch den Herrscher, den Streit zu beginnen.

Der Deutschland zerrüttende, das eigentlich kirchliche und das sittliche Leben stark schädigende Kampf hat dem Papsttum den erstrebten Sieg letzten Endes nicht gebracht, wohl aber die Kirche dauernd zu einer straff organisierten Hierarchie gemacht und sie ganz der Herrschaft des Papstes unterworfen: eine Landeskirche gab es nicht mehr.

Wie die auf ihren Höhepunkt gelangte Macht der Kirche auch äußerlich die Welt leiten und bewegen konnte, das zeigten nun vor allem _die Kreuzzüge_, so sehr bei vielen Teilnehmern weltliche Motive mitspielten. Im Grunde eine Fortsetzung dauernder Kämpfe mit dem Islam einerseits, großer Massenpilgerfahrten andererseits, zum Teil auch durch die Handelsbestrebungen der Italiener angeregt, unmittelbar endlich hervorgerufen durch die Bedrückungen der seit dem 11. Jahrhundert immer zahlreicheren Pilger zum heiligen Lande und durch die Bedrängung des Kaisers in Byzanz, waren sie doch eine Auswirkung kirchlichen Einflusses, ein päpstliches Unternehmen. Das Ziel war die Eroberung des heiligen Grabes, des hehrsten Ortes der Welt, die auch ihren geographischen Mittelpunkt nach mittelalterlicher Anschauung in Jerusalem hat. Gerade der erste Kreuzzug brachte mit seinen Erfolgen dem Papsttum eine gewaltige Stärkung des Ansehens, schon durch seinen Einfluß auf die neuen geistlichen Ritterorden: aber bereits der zweite Kreuzzug, bei dessen Einleitung der Wille des Papstes vor der Macht der Idee völlig zurücktrat, fiel in seinem unglücklichen Ausgang wieder mit einem Niedergang der päpstlichen Herrlichkeit zusammen.

Für diesen zweiten Kreuzzug war durch Bernhard von Clairvaux auch der deutsche König gewonnen worden – zu seinem Unheil –, dem ersten stand aber Deutschland, abgesehen von Lothringen, das ja immer westlich beeinflußt war, im ganzen noch kühl gegenüber, wenn auch größere Scharen aus West- und Süddeutschland mitzogen. Die Erscheinung war eben im Grunde wieder _romanischen_ Ursprungs. Romanisch war auch, wie wir sahen, die kirchliche Reformbewegung überhaupt, romanisch natürlich ebenso die Idee der päpstlichen Weltherrschaft, die im Grunde die Herrschaft der Italiener über die Germanen und die Vernichtung der äußeren Machtstellung Deutschlands, der von ihm gewonnenen Führung des »Römischen Reiches« bedeutete. Gleichzeitig handelte es sich um eine neue tiefgreifendere Eroberung des deutschen, noch nicht gebrochenen Wesens durch die romanische Kirche. Aber so sehr diesem neuen Geist sich zahlreiche Gemüter in Deutschland hingaben, so sehr widersprach er doch dauernd und im tiefsten Grunde den lebendigen, natürlichen Trieben eines jugendlichen, kräftigen Volkes, wenn auch dieser Widerspruch schon geringer geworden war als bei dem ersten Zusammentreffen des weltenstürmenden und weltfrohen Germanentums mit der weltabgewandten Kirche des müden Altertums. Immer wieder bäumte sich auch die Welt gegen den Zwang des kirchlichen Ideals auf, und immer wieder suchte umgekehrt dieses sich gegen jene durchzusetzen. Freilich hat die Kirche, wie sich früh gezeigt hat (s. S. 29), den Weg des Kompromisses grundsätzlich keineswegs ausgeschlossen und ihn auch immer wieder betreten.

Der Kern der Sache liegt auf sittlichem Gebiet. Hier ist gegenüber der leidenschaftlichen germanischen Gewaltnatur doch viel von der ethischen Macht des Christentums, die dank der kirchlichen Organisation auch den kleinsten Kreisen fühlbar wurde, erreicht worden. Nicht die Ideale des Kriegers, nicht die natürlichen Richtgedanken des Landmannes, nicht die Interessen der Heimat und der Familie sollten als höchste Lebensziele gelten, sondern jenseitige Ideale. Friedlichkeit, Mäßigkeit und Demut wurden dabei von den gewalttätigen, egoistischen Menschen gefordert. Man fand sich mit solchen Forderungen durch äußere, übertriebene Formen, wie wir (S. 32) sahen, ab. Aber die sittliche Erziehung durch die Kirche modelte mehr und mehr doch auch das Innere um. Die Sorge um das Seelenheil führte zu einem ständigen Beachten der eigenen Gefühle und Regungen; den Trieben wurden innere Stimmen feind: das ganze seelische Leben wurde angeregt, erweitert, vertieft. Das Geheimnis des Erfolges liegt in der alles niederzwingenden göttlichen Autorität der Kirche und ihrer Lehre, zugleich wieder in der eindrucksvollen Macht ihrer ganzen Organisation und in ihrer kulturellen Überlegenheit. _Der_ fertigen, geschlossenen, großartigen _Weltanschauung der Kirche gegenüber_ war _das deutsche Volkstum hilflos_ und konnte aus eigener, unentwickelter Denkkraft heraus kein anderes geistig-sittliches Ideal von annähernd gleicher Kraft schaffen: daß ein solches in der von der Kirche bekämpften Antike verborgen lag, ahnte der Laie nicht entfernt. Dem Stand des nationalen Fühlens und Lebens würde dieses Ideal ja auch nicht entsprochen haben. Eine im nationalen Denken und Fühlen wurzelnde geistige Erfassung und Deutung der Welt und der sie beherrschenden Mächte, eine Gewinnung sittlicher Maßstäbe auf Grund solcher Auffassung und entsprechend der jeweiligen Kulturstufe: dieses notwendige Ziel jeder Volksentwicklung zu erreichen, wurde den Deutschen früh erschwert. Eben die gewaltige Überlegenheit der schlechthin gegebenen kirchlichen Weltanschauung, so stark weite Kreise ihr bewußt und unbewußt widerstrebten, hat infolge ihrer ungestörten Dauer die Möglichkeit der Bildung einer anderen Weltanschauung auf lange hinaus gehemmt. Man dachte in allen höheren Beziehungen nur in der Denkweise der Kirche. Außerkirchliche geistige Bewegungen waren, soweit sie bei der alles umfassenden Kulturbetätigung der Kirche überhaupt möglich waren, von vornherein machtlos. Wer Menschen und Welt und auch die Kirche bessern wollte, griff doch immer nur auf reinere Überlieferungen eben der Kirche zurück.

Andererseits konnte die kirchliche _weltverneinende Weltanschauung_ doch trotz allen Preisens keineswegs das _allgemeine Ideal_ sein, ist es auch _niemals gewesen_. Ganz richtig hat man sie als ein geistliches Standesideal bezeichnet. Freilich war dieser Stand der kulturell führende. Schon äußerlich durch seine Tracht, durch seine Sprache, durch seine Lebensweise wie durch seine Bildung, seine Ideale von der übrigen Nation abgesondert und geschieden, losgerissen von der Familie, verkörperte er dauernd und anschaulich die dem Volkstum fremde, ihm jedoch überlegene antik-kirchliche Kultur. Aber da er sich aus den Großen der Welt wie aus der Masse des Volkes ergänzte, so war dieser Fremdkörper doch auch wieder mit dem Volk innerlich verbunden, wie es auch äußerlich bisher manch hoher Kirchenfürst durch seine kulturelle, wirtschaftliche und z. T. politische Betätigung und manch niederer Pfarrer durch sein ganzes Leben gewesen war. Mit seiner zunehmenden Zahl, mit der Fülle der Stifter und Klöster und ihrem Besitz wuchsen Macht und Einfluß des Geistlichen im Volk ebenso wie sein Selbstbewußtsein. Vor allem verlieh ihm aber die große Heilsanstalt selbst, deren Vertreter er war, einen gewaltigen Nimbus. Was er lehrte, war die Wahrheit an sich, der sich jeder Laie beugen mußte; er vermittelte das Seelenheil, um das ängstlich zu sorgen die Kirche immer eindringlicher die Laien anhielt. Übernatürliche Kräfte mochte alter Volksglauben noch immer bei ihm suchen, wenn auch weniger als früher. Und wenn nun auch trotz des Schweigens unserer doch meist kirchlichen Quellen sicherlich auch nach den ersten Zeiten äußerlicher Christianisierung die übrige Welt oft genug eine innerliche Opposition gezeigt und im übrigen sich in ihrer Weltlichkeit wenig wird haben stören lassen, so war doch das geistliche Übergewicht so sicher gegründet, daß das von der Kirche getragene Ideal immer als das höchste und erstrebenswerteste auch von der Laienwelt anerkannt wurde. Durchgeführt konnte es von dieser, die deshalb immer als unvollkommen galt und aus der Sünde zu erretten war, niemals werden, freilich auch nicht von der Masse der Weltgeistlichen. Die vorbildliche Durchführung des Ideals hatte sich vielmehr das Mönchstum zum Ziele gesetzt, das grundsätzlich für die übrigen Geistlichen als ständiges Muster diente, immer wieder ferner in der mit der Welt notwendig verbundenen Kirche für die kräftige Erneuerung des Ideals sorgte, endlich der Laienwelt als die Verkörperung dieses christlichen Ideals sichtbar gegenübertrat. Freilich, wenn, wie es immer wieder geschah, die Mönche selbst entgegen diesem Ideal lebten, luden sie um so mehr den Zorn der Laien auf sich. Gerade die frommen Laien haben in Zeiten religiöser Erregung auch immer am meisten zu den das Ideal streng erneuernden eifernden Mönchen als den konsequentesten Vertretern christlicher Forderungen gehalten, und gerade in unserem Zeitabschnitt, da die Mönche mit der Reformbewegung die ganze Kirche beherrschten, haben diese jenes Ideal auch tief in die Laienwelt getragen und selbst asketische Anwandlungen und zerknirschte Bußstimmungen in weiten Schichten geweckt, überhaupt die gewaltige Macht der Kirche tiefer in den Gemütern auch vieler Weltkinder befestigt.

Muß nach alledem die Kirche als der wesentlichste Faktor der mittelalterlichen Kultur angesehen werden, so liegt darin zugleich ausgesprochen, daß diese _Kultur_ einen stark _internationalen_ Charakter trug. Soweit wenigstens die Welt in der Papstkirche vereinigt war, also vom Osten abgesehen, entwickelte sich ihre Kultur ziemlich einheitlich und gleichartig, eben weil diese Kultur mit der überall gleichförmigen Kirche eng verbunden sowie von der überall gleichmäßig gebildeten Geistlichkeit getragen und der übrigen Welt vermittelt wurde. Natürlich hat es im übrigen in dieser geschlossenen Kirche, wie in jeder menschlichen Organisation, von jeher auch innere Parteiungen, Gegensätze und Kämpfe gegeben, aber darauf kommt es hier nicht an. Jener abgeschlossenen Stellung der Geistlichen im eigenen Volk entspricht wieder der internationale Zusammenschluß derselben in der päpstlichen Hierarchie, die Zusammengehörigkeit mit der Geistlichkeit der anderen Völker: die Romanen waren freilich der führende Teil. Gerade jetzt wurde Rom erst recht der Mittelpunkt und aller Heimat; im italienischen Kloster konnte der deutsche Mönch sich ebenso zu Hause fühlen wie in einem heimischen, was freilich wohl nicht immer der Fall war. So war denn alle höhere Bildung und ihre Sprache international, international auch noch später die zunächst immer von Geistlichen getragene Gelehrsamkeit, wie sie sich in den Universitäten organisierte. Und als dann seit dem 13. Jahrhundert eine nationale Scheidung sich schärfer geltend machte, stärkte den internationalen Charakter der gelehrten Bildung im 15. Jahrhundert wieder die humanistische, d. h. die Antike neubelebende Bewegung. International war auch die Kunst, weil wiederum alle Kunstübung, ihre Ziele und Aufgaben in der Kirche beschlossen waren. Allerdings war das eigentliche Kunstleben auf bestimmte Länder beschränkt, gerade auf diejenigen, die durch das Eindringen der Germanen frisches Blut empfangen hatten, außer Deutschland und Burgund Nordfrankreich und Oberitalien.

Im Grunde beruhte die Internationalität der mittelalterlichen Kultur natürlich auf dem internationalen Charakter des Römischen Reiches und seiner Kultur, deren Erbe die Kirche war, auf der Eroberung dieses Reiches durch die Germanen und der durch die Kirche beförderten Aufnahme des universalen Kaisertums durch diese wie auf der Durcheinanderwirbelung germanischer und romanischer Volkselemente. In politischer und sozialer (ständischer) Beziehung hatten die germanischen Einrichtungen daher überall das Übergewicht. Diese gesellschaftliche und staatsrechtliche Einheitlichkeit germanischen Ursprungs, zum Teil freilich wieder mit römischen Einflüssen durchsetzt, ergänzte jene durch die römische Kirche und die antike Erbschaft gegebene kulturelle Gleichförmigkeit. Überhaupt bestand auch über das kirchliche Gebiet hinaus eine starke _Kulturgemeinschaft_ unter den _germanisch-romanischen_ Völkern: fortwährend wurden Kulturgüter, zumal solche äußerer Natur, ausgetauscht. Der mittelalterliche Handel ist vorwiegend international. Von den Städten hat schon Ranke gesagt, daß sie sich als Bestandteile einer europäischen Gemeinschaft fühlten. Die Internationalität erstreckte sich ebenso auf die schon vor ihnen als Kulturträger auftretende soziale Schicht des Rittertums. Beruhte sie in sozialer Beziehung auf jener Gleichförmigkeit der ständischen Gliederung, so ergab sich eine internationale Geltung der höfischen Lebenshaltung wie der gesellschaftlichen Lebensanschauungen und -ideale aus dem kulturellen Übergewicht, das wir die Franzosen erlangen sehen werden. Der Austausch wurde besonders begünstigt durch die von dem ganzen abendländischen Rittertum getragene Kreuzzugsbewegung, also wieder durch eine Bewegung kirchlichen Charakters. Machten sich aber bei den Rittern der einzelnen Völker genug nationale Unterschiede trotz aller Nachahmung des französischen Vorbildes geltend, so trugen gerade wieder die geistlichen Ritterorden den durchaus internationalen Charakter der Kirche, auch in ihrer Zusammensetzung.

Aber eben das Rittertum als Kulturfaktor führt uns nun darauf, daß das Mittelalter doch nicht nur kirchlich bestimmt und bedingt ist. Überhaupt ist immer im Mittelalter die _Welt_ auch da gewesen, schon vor der Ausbildung einer weltlich-ritterlichen und weltlich-bürgerlichen Kultur. Wieder ist es das _Volkstum_, das Beachtung heischt. Man meint in der Regel, nur politisch und kriegerisch habe sich die deutsche Volkskraft bewähren können, kulturell habe man nur von der Kirche gezehrt, und geistig hätte bei Geistlichen wie Laien völlige Gebundenheit geherrscht. In Wahrheit zeigt das Mittelalter – wir sahen es zum Teil schon – das _kräftigste Eigenleben_ und selbständige Vorwärtsentwicklung. In dieser gerechteren Beurteilung des Mittelalters nähern wir uns heute wieder der Auffassung der Romantik, ohne aber in deren phantastische Illusion, einseitige Bewunderung und unhistorische Übertreibung zu verfallen. Auf der anderen Seite ist die Anschauung von der inneren Gebundenheit des Mittelalters, die sich vor allem auf das oben betonte ungeheure Übergewicht der Kirche gründet, nicht völlig falsch, so wenig wie Jakob Burckhardt und vor ihm schon Georg Voigt mit ihrer Entdeckung des ausgeprägten Individualismus der italienischen Renaissance und mit der Annahme einer seit dem 15. Jahrhundert erfolgenden Übertragung dieses Geistes auf die übrigen abendländischen Kulturvölker, bei denen er sich freilich ganz anders gestaltete, im Unrecht sind. Aber genau gesehen, handelt es sich doch nur um die gesteigerte Ausdrucksmöglichkeit für solchen Geist. In Briefen und Reden, in ernster und witziger Dichtung, in der Gestaltung von Bildnissen und Bildwerken, kurz in den stilistisch und technisch entwickelten Ausdrucksarten einer hochstehenden Kultur kann sich die einzelne Persönlichkeit in ihrer ganzen Individualität zeigen (wobei man aber wieder leicht vergißt, wie solche Weise alsbald wieder zur allgemeinen Mode, zum Stil, zur Manier, der Individualismus gewissermaßen zur Gebundenheit wird). Von den Menschen des früheren Mittelalters dagegen wissen wir über ihr Fühlen und Denken nur wenig; aus der Ferne sieht man auch nur das Gemeinsame, Allgemeine. Zu schriftlichem Ausdruck ihres Inneren waren sie noch wenig imstande, die Laienwelt gar nicht, und künstlerisch rang man noch allzusehr mit den technischen Schwierigkeiten individueller Persönlichkeitsdarstellung. Aber wir wissen doch wenigstens zum Teil, wie die Menschen gehandelt haben, und einzelne Züge verraten zuweilen, und öfter können wir darauf schließen, wie sie wirklich gewesen sind. Derselbe Burckhardt, aus dessen genialer Beobachtung ein epigonenhafter, aber desto mehr von seiner Bedeutung überzeugter Historiker dann ein mechanisches System mit den nötigen Erweiterungen konstruierte, hat doch an anderer Stelle wieder auch dem Mittelalter in gewisser Weise _Individualismus_ zuerkannt: »Zwar ist das Individuelle noch gebunden, aber nicht innerhalb des geistigen Kreises der Kaste, hier konnte die Persönlichkeit sich frei zeigen ..., und so bestand denn wirklich sehr viele und echte Freiheit. Es gab einen unendlichen Reichtum noch nicht von Individualitäten, aber von abgestuften Lebensformen.« Der Individualismus zeigt sich also zunächst in dem _ständischen_ Sonderleben (s. S. 107). In der Tat, welche Fülle von individuellen Sondergebilden, welche Vielgestaltigkeit in der räumlich doch nur kleinen mittelalterlichen Welt des Abendlandes, auch innerhalb der Kirche! Und hat diese Kirche auch _geistig_ wirklich alles _gebunden_? Hat es nicht zu allen Zeiten in der mittelalterlichen Kirche Opposition und Sonderströmungen gegeben? Und wissen wir denn, wie oft sich einer im frühen Mittelalter auch innerlich gegen diese Autorität erhob? In der angeblich so gebundenen Scholastik sind dann später bereits die schwerwiegendsten Probleme zweifelnd erörtert worden. Umgekehrt ist _nach_ dem Mittelalter geistige Gebundenheit ebensogut zu finden, nicht nur innerhalb der katholischen Kirche, und die Konvention beherrscht selbst gebildete Kreise noch in der Gegenwart. Die ständische Gliederung, die ebenso wie der genossenschaftliche Geist die Menschen damals auch innerlich gebunden haben mag, ist doch heute nur äußerlich geschwunden. Wie starr liegen, ähnlich der »bindenden« Geisteswelt der mittelalterlichen Kirche, heute die offiziellen politischen und kirchlichen Anschauungen auf dem Ganzen trotz aller lauten und stillen Abweichungen!

So konnte man eine »Rückständigkeit« des Mittelalters wohl gegenüber den abgelebten Resten seiner Einrichtungen in dem aufgeklärten 18. Jahrhundert behaupten, in Wahrheit ist das Mittelalter aber reich an neuen kraftvollen Bildungen und Organisationen auf allen Gebieten des Lebens, tatkräftig und unternehmungslustig, von Schaffensdrang erfüllt und vor allem ein Feld für die Betätigung des einzelnen. Überall begegnen tatkräftige, frei und freudig »sich auslebende« Persönlichkeiten, insbesondere in der Herrenschicht. Und die Herrscher, von denen wir noch am meisten wissen, sind so wenig gleichmäßige Typen wie nur zu irgendeiner Zeit sonst. So würden uns auch bei näherer Kenntnis der einzelne Mönch wie der einzelne Ritter oder Kaufmann als Leute von größerer oder geringerer Individualität erscheinen. Welch außerordentlicher Selbständigkeitsdrang zeigt sich bei einzelnen wie bei den Ständen, Gruppen und Genossenschaften! Die Stärke des Trieblebens, des rücksichtslosen Egoismus haben wir wiederholt betont, die Neigung zur Selbsthilfe ist noch deutlich genug, das Gehorchen ist dem Mittelalter ein ziemlich unbekannter Begriff, Trotz und Pochen auf das eigene Recht, auf Sonderrechte allgemein. Man will überhaupt, wie man richtig betont hat, immer nur Rechte, von Pflichten hört man ungern. Die deutsche Sonderart erlebt ihre Blütezeit eben im Mittelalter; aus seinem vielgestaltigen politischen Sonderleben haben sich erst langsam in neuerer Zeit größere staatliche Gebilde entwickeln können.