Kulturgeschichte der Deutschen im Mittelalter

Part 9

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Wo bleiben bei alledem die von Lamprecht konstruierten Stufen gebundenen Geisteslebens? Die Annahme einer »typischen« Stufe ist z. B., wie Kemmerich nachgewiesen hat, gegenüber der frühmittelalterlichen Porträtmalerei gar nicht haltbar. Dasselbe hat Zoepf auf Grund der Literatur der Heiligenleben des 10. Jahrhunderts bewiesen und genug individuelle Spuren aufgezeigt. Was aber die weitere, etwas freiere Stufe »konventioneller« Gebundenheit betrifft, so ist eine gewisse _konventionelle_ Haltung des späteren Mittelalters schon vor Lamprecht in meiner »Geschichte des deutschen Briefes« für die Briefe nachgewiesen, und auch sonst zeigt sie sich vielfach, so in dem ganzen Gebaren der höfischen Ritter. Aber das Konventionelle ergibt sich lediglich wie zu allen Zeiten aus dem _Zwange_ einer dem natürlichen und nationalen Wesen nicht entsprechenden, mehr oder wenig künstlich übernommenen _fremden_ Kultur. Das Bewegen in der ästhetisch-höfischen Kultur der Romanen _konnte_ nur modisch-konventionell sein, und die Handhabung des geistlichen Schriftwesens seitens eines bürgerlichen Laien des 14. Jahrhunderts konnte auch nur konventionelle Stilformen gleichsam als Hilfsmittel ergeben. Aber welche Höhe der individuellen Gestaltung erreichte bereits im 13. Jahrhundert die Kunst! Man denke nur an die Statuen des Naumburger Doms. Wo man aber sich volkstümlich geben kann, da ist man individuell im höchsten Maße. Gerade die _Volkstümlichkeit_ wird als ein _charakteristisches Element_ des Mittelalters in der Regel übersehen. Die spärlichen Quellen lassen sie für das frühere Mittelalter nur nicht recht erkennen. Burckhardt hat recht, wenn er vom Mittelalter sagt: »Unser Leben ist ein Geschäft, das damalige war ein Dasein; das Gesamtvolk existierte kaum, das Volkstümliche aber blühte.«

Lange erscheint uns dieses volkstümliche Wesen nur als Unterströmung. Daß es dann auf der Höhe des Mittelalters stärker hervortrat, war _zunächst_ nur mittelst der höheren Schichten der Nation und in einer kultivierten Form möglich. Es hatte sich jetzt ein _weltlicher Stand_ von maßgebendem Einfluß gebildet, dessen nationaler Kern aber erst durch einen größeren kulturellen Inhalt und eine fremde kulturelle Färbung gewissermaßen kulturfähig geworden war und der durch Anlehnung an die religiöse und geistige Macht der Kirche einen größeren Halt gewonnen hatte, das _Rittertum_.

Die Bildung dieses Standes steht im Zusammenhang mit einer stärkeren _sozialen Scheidung_ der Volksgruppen überhaupt. Mit der stetigen Umwandlung der großen Masse zu einem friedlichen Bauernvolk hatte sich neben dem zuerst geschlossen als Berufsstand auftretenden geistlichen Stand eine Schicht herausgehoben, die die ursprünglich allgemeine kriegerische Betätigung als ihre Sonderaufgabe ansah, zumal sie an den besondere Anforderungen stellenden Reiterdienst geknüpft war. Das Ganze ist eine auch sonst im Völkerleben zu beobachtende natürliche Gliederung. Schon machten sich daneben die Anfänge eines handel- und gewerbetreibenden Bürgertums geltend, das aber noch stark bäuerlich gefärbt war, wie ja auch der Grundbesitz die Grundlage der Macht der weltlichen Herren wie der kirchlichen Organisation war, wie ferner auf dem Lehnswesen – Landbesitz für Leistungen – Staat, Verwaltung und Heeresdienst mit beruhten. Im 12. Jahrhundert nun gliedert sich alles schärfer. Auch äußerlich, in Sitz und Wohnung trennen sich die Stände, es sondert sich der Herrensitz vom Dorf, von diesem die Stadt, wie schon seit langem der Geistliche in Klöstern und Stiften sich abschließt. Mit der Sonderung der weltlichen Stände ergibt sich nun auch eine vielseitigere Ausgestaltung des Lebens, eine schärfere Betonung der besonderen Aufgaben und Interessen, die Entstehung besonderer Kulturkreise – bei den Rittern tritt zu der kriegerischen Grundlage eine gesellige Kultur als Lebenselement – und so überhaupt ein stärkeres Hervortreten des _Weltlichen_. Unterdrückt konnte dieses niemals werden. Die Lust der Welt war größer als alle Ansteckungskraft der Askese, die Kraft der Triebe, die Roheit und Gewalttätigkeit, die Untreue und Habgier aber auch noch immer stärker als das neue sittliche Gebot. Das noch eng mit der Natur verbundene ländliche Leben wie das kriegerische und jagdfrohe Schweifen der Herren über Wälder, Täler und Höhen ließen ferner die selbst den Mönchen nicht fremde Schönheit der Natur in den Menschen zu tief wurzeln, als daß eine Abwendung von ihr hätte stattfinden können – überhaupt darf man ein tieferes Naturgefühl auch dem früheren Mittelalter keineswegs absprechen[9]. Nun kam die stärkere Entwicklung der ständisch organisierten weltlichen Interessen kraftvoll hinzu. Das wirtschaftliche Leben hatte die Kirche selbst durch ihre Kulturtätigkeit mächtig gefördert, jetzt verlor sie mehr und mehr die Führung an die Laienwelt, zumal die bäuerliche Schicht. Mit den von ihr vermittelten Elementen höherer Lebenshaltung hatte die Kirche zu größerer Üppigkeit insbesondere der Herren beigetragen. Mit den politischen und Verwaltungsinteressen hatte sie eng im Zusammenhang gestanden; der Kampf zwischen Kirche und Staat hatte das staatliche Bewußtsein geweckt; das ohnehin seit der ottonischen Zeit vielseitigere politische Leben erschien gerade durch die politischen Bestrebungen der Kirche wichtiger und wertvoller. Die immer häufigere kriegerische Betätigung, die sie eigentlich bekämpfte, hatte die Kirche mit den Kreuzzügen selbst in ihren Dienst gestellt und damit geweiht. Gerade die Kreuzzüge, der Höhepunkt des kirchlichen Einflusses, bedeuteten überhaupt die größte Förderung der weltlichen Interessen.

Der kulturgeschichtliche _Einfluß_ der _Kreuzzüge_ sei hier nicht im einzelnen erörtert[10]. Sie haben zunächst auf die romanischen Völker und dann durch diese in abgeschwächter oder veränderter Weise und meist erst später auf das deutsche Volk gewirkt. Es war ein ungeheuer belebender Einfluß, den der Orient auf das Abendland damals ausübte. Zum Teil war es freilich wieder die Antike, deren altes Gut nun durch neue Kanäle übertragen wurde. _Byzanz_, das einst die antike Kultur besser vor dem barbarischen Ansturm hatte retten können als Rom, hatte immer mehr auf den Osten gewirkt als auf den Westen, trotzdem es früh für diesen der Ausstrahlungspunkt des Handels mit den begehrten orientalischen Stoffen usw. war. Die später in der ottonischen Zeit vermehrten byzantinischen Einflüsse sind stark überschätzt worden. Von einer tieferen Beeinflussung der Kunst ist auch keine Rede, sondern nur von einer gewissen Übertragung äußerer Elemente und technischer Dinge wesentlich im Zusammenhang mit dem Hereinkommen von Gegenständen der Kleinkunst (Elfenbeinschnitzereien, Goldschmiedearbeiten, Emailsachen usw.) zumal durch Pilger und Kreuzfahrer.

Zum großen Teil war Byzanz nur der _Vermittler_ orientalischer Luxusartikel, und der eigentliche Ursprung des »Byzantinischen« war schon früher nicht Byzanz, sondern Kleinasien. Italien hatte schon vor den Kreuzzügen mit der Levante unmittelbar gehandelt, jetzt wuchs dieser unmittelbare, auch von Südfranzosen getragene Levantehandel außerordentlich. Aber auch auf andere Weise kam in den Kreuzzügen die _islamitische Kultur_ den Abendländern näher. An den alten Schätzen des Orients genährt, indisch, persisch und jüdisch befruchtet, von Byzanz und den Resten der hellenistischen Kultur in Kleinasien geistig, politisch-militärisch und sonst beeinflußt, stand diese nicht minder von eigener Kraft getragene Kultur hoch über der abendländischen. Sie hatte auf diese zum Teil schon vor den Kreuzzügen von den Mauren in Spanien und den Sarazenen in Süditalien aus gewirkt, namentlich auf dem Gebiet höheren (eigentlich antiken) Wissens und ästhetisch-gesellschaftlicher Kultur. Jetzt strömten neue Kulturgüter aller Art ins Abendland, materielle (Kulturpflanzen, Gewürze, Spezereien, Farben, feine Gewebe und kostbare Stoffe, Teppiche, Schmuckwaffen, allerlei Gegenstände des Luxus und bequemer Lebenshaltung), militärisch-technische, zum Teil römisch-griechischen Ursprungs (namentlich auf dem Gebiet der Befestigung), überhaupt technische (Nautik), kommerzielle (Handelswissenschaft, Ziffern), geistige, die Antike neubelebend (auf den Gebieten der Astronomie, Mathematik, Medizin, Philosophie). Dazu kamen stofflich-literarische Einflüsse (Sagen und Wundergeschichten) usw. Das künstlerische Leben erfuhr in dieser Zeit einen Antrieb durch eine mächtige Belebung der Phantasie, die namentlich durch die glänzende, zierliebende Bauart des Orients angeregt wurde. Die regere Phantasie (Wunder und Zauber des Orients) befruchtete auch das dichterische Leben, schädigte freilich durch ihr Übermaß das geistige (Aberglaube und Wundersucht); doch nützte diesem um so mehr die große Erweiterung des Gesichtskreises. Auf das religiöse Leben dagegen wirkte die arabische Duldsamkeit zunächst gar nicht; das gesellschaftliche beeinflußten sehr stark die zierliebende wie die sinnlich-weiche Art des Orients und seine feineren Sitten. Der gesteigerte Handelsverkehr schließlich sollte eine völlige Umwälzung des wirtschaftlichen Lebens herbeiführen.

Es ist klar, daß durch all dieses die _Ausbildung_ einer höheren _weltlichen Kultur_ gefördert werden mußte. Negative, den kirchlichen Einfluß herabmindernde Momente kommen hinzu. Wer, wie die heimkehrenden Kreuzfahrer, so weit herumgekommen war, brachte andere Begriffe von Welt und Menschen nach Hause, war geistig regsamer, kritischer gegen die alten Mächte, die sein inneres Leben bestimmt hatten. Man hatte andererseits die »Heiden« kennen gelernt, sie waren auch Menschen; man wußte jetzt auch von griechischen, nicht mehr bloß von römischen Christen. Dem kirchlichen Sinn waren ferner die Fahrten selbst nicht zuträglich. Viele hatten sie ohnehin nur aus weltlichen Motiven unternommen. Fromme Gemüter wieder fühlten sich abgestoßen und gaben die Schuld zum Teil der Kirche, die als Urheberin der als verdienstlich hingestellten Züge solche Weltlichkeit duldete. Die Mißerfolge, das Scheitern der ganzen Bewegung, die der erste Kreuzzug erfolgreich eingeleitet hatte, wurden ihr auch angerechnet, und bei der Mehrzahl der Heimkehrenden beförderte die Enttäuschung solche Stimmung. Daheim hatte der kirchliche Sinn ohnehin durch die Kämpfe zwischen Kirche und Staat gelitten. Daß es auch innerhalb der Geistlichen eine Partei gegen den Papst gegeben hatte, war ebenfalls folgenreich. Dazu kam die äußere Einbuße der Kirche an Besitz und die starke Verwirrung, oft Zerstörung des inneren kirchlichen Lebens. So sank das Ansehen der Kirche bedeutend, gerade als der Sinn der Laien sich stärker auf die Dinge dieser Welt eben infolge der Kreuzzüge lenkte. Noch war die Kirche die Hauptmacht des Mittelalters, die höheren geistigen Kultureinflüsse der Araber haben z. B. naturgemäß gerade Geistliche vermittelt und gepflegt, aber die Kirche war nicht mehr ausschließlich maßgebend für eine höhere Kultur.

Eine solche Kultur weltlichen Charakters brachte zunächst das _Rittertum_ hervor. Als sie sich herauszubilden begann, und als auch schon in den Anfängen des Bürgertums die Keime neuer kultureller Gebilde sproßten, bot _Deutschland_, wie das Abendland überhaupt, im ganzen zunächst _kein erhebendes Bild_. Die große mittelalterliche Hauptmacht, die Kirche, hatte bedenklich gelitten: Verweltlichung, Verkommenheit und Unbildung machten sich bei den Geistlichen breit, obwohl höhere Bestrebungen nicht fehlten. Der Adel ging in Krieg und Raub und rohem Leben auf. Von einer gesellschaftlichen Kultur war auch nicht in den Anfängen die Rede. Die alte Unbändigkeit zeigten die Menschen auch sonst. Die wirtschaftlichen Zustände stockten: es herrschte bei dem Herrendruck und aus anderen Ursachen oft Armut und Not, bis sich der Bevölkerung ein Neuland im Osten zeigte. Vielfach lebten die niederen Schichten dumpf dahin, oft zeigten sich auch abschreckende Zustände. Auf diesem Hintergrunde entwickelte sich jene Kultur, die man ihrerseits nun freilich auch nicht in allzu idealem Lichte sehen darf.

Der ritterliche Stand, der sie trug, hatte sich im Rahmen des Lehnswesens gebildet durch Angliederung an die kleine, abgeschlossene Schicht der großen Herren, der späteren Landesherren, von denen noch (S. 105 f.) die Rede sein wird, also an den Hochadel, die Herzöge und Grafen, bei denen der Gedanke eines vom Könige übertragenen Amtes längst zurückgetreten war, weiter an die geistlichen Fürsten und natürlich auch an den König. Der Stand setzte sich zusammen aus den Lehnsträgern eines Großen, d. h. kleineren Grundherren, daneben sonst landsässigen Freien, die teils aus Not und Zwang, teils aus Ehrgeiz Lehnsleute wurden. Dazu kamen aber immer zahlreichere Unfreie, die sich als Reisige, auch als Träger von Verwaltungsfunktionen an einem Bischofs- oder Fürstenhofe emporgeschwungen hatten und schließlich mit einem Dienstgut, als Grundlage für Leben und Leistungen, belehnt waren, die immer größere Klasse der kriegerischen Ministerialen also, die auch als Gefolge den Glanz ihres weltlichen oder geistlichen Herren hoben, im übrigen aber wie kleine Grundherren auf jede Weise ihren Besitz zu mehren trachteten und sich den freien Rittern näherten. So entstand ein ritterlicher Dienstadel, der in den kriegerischen und politisch bewegten Zeiten immer mehr an Bedeutung gewann, immer wieder auch Freie und Adlige anzog, sich bei der Gleichmäßigkeit der Anschauungen und Interessen in altem genossenschaftlichen Drang immer mehr zusammen- und abschloß und schließlich bei der durchgesetzten Erblichkeit der Lehen aus einem Berufsstand bis zu einem gewissen Grade zu einem Geburtsadel wurde. Freilich blieben daneben die sozialen Abstufungen bestehen, und wenn sich auch ein ritterlicher Ministeriale durch seine Ritterwürde über jeden freien Nichtritter, der noch so hoch stand, erhaben glaubte, so konnte er sich doch niemals dem Ritter von edlem Herkommen gleich dünken, war selbst auch nicht etwa frei.

Die Gleichmäßigkeit der im Frankenreich begründeten germanisch-romanischen sozialen Organisation, die auf dem Lehnswesen beruhte, die überall gleiche Rolle des Reiterdienstes machten das Rittertum zu einer überhaupt abendländischen Erscheinung. Seine Grundlage blieb immer das Kriegerische, aber der altgermanischen Kriegsfreude waren gewissermaßen romanische Zügel angelegt; alles war geregelt und in Formen gebracht. Auf eine Bändigung des Nurkriegerischen wirkte ebenso die Kirche hin, gleichfalls durch bestimmte Formen. Von den ritterlichen Schichten, wie sie auch sonst bei den Völkern sich finden, unterschied sich diese abendländische durch ihre kirchlich und gesellschaftlich bedingte Internationalität (s. S. 72 f.). Zunächst hatten aber die Franzosen die eigentlichen Formen des ritterlichen Lebens seit dem 11. Jahrhundert in einer Mischung normannischer und provenzalischer (zum Teil maurischer) Elemente ausgebildet. Romanisch war auch das gesuchte Sichabsondern, die Verachtung der bäuerlichen Arbeit, während in dem erstrebten Herrenleben, dem Leben von den Lieferungen der Untertanen sich auch ein germanischer Zug finden mag. Den Abschluß der ganzen Standesbildung gaben die Kreuzzüge, einmal durch die damalige innigere Berührung der Ritter verschiedener Länder, die eine nähere Bekanntschaft mit den gesellschaftlichen Formen des führenden und von den deutschen »Tölpeln« bewunderten französischen Rittertums herbeiführte, ferner aber durch den Glanz und die Bedeutung der Fahrten selbst, die ihren Trägern, den Rittern, einen außerordentlichen Nimbus verliehen, endlich durch die religiöse Weihe, die das Rittertum auf ihnen empfing und die erst jene Betonung kirchlicher Formen und religiöser Ziele vollendete sowie das Ideal des Ritters als christlichen Ritters befestigte. Ohne Zweifel stammt aus der zunächst religiösen Schwärmerei der Kreuzzüge der durch die Romantik des Orients noch beförderte schwärmerische Zug des Rittertums überhaupt, der bei dem hingebenden, sentimentalen Minnedienst vor allem zutage trat. Nicht mit Unrecht hat man aber auch die Empfindelei und Verstiegenheit des Minnetums an sich mit der gewaltigen Steigerung des religiösen Gefühlslebens zusammengebracht.

Der Hauptzug der ritterlichen Standeskultur, die Verbindung des kriegerischen Grundelements mit _gesellschaftlich-ästhetischen_ Idealen, ist also _romanisch_, insbesondere französisch. Und romanisch mutet auch das gesamte ritterliche Leben in seinen Formen an. Wie _Frankreich_, das schon auf geistlich-geistigem Gebiet im Abendland voranstand, auch ein gesellschaftliches Übergewicht erlangte, ist in meiner Geschichte der deutschen Kultur (I², S. 312 ff.) näher dargelegt: jedenfalls war alles Französische in Deutschland Mode geworden. Nicht nur daß viele das Französische wenigstens verstanden, auch die deutsche Sprache füllte sich mit französischen Fremdwörtern, Gruß- und Verkehrsformeln, die zum größten Teil freilich später wieder daraus verschwanden. Viele Fremdwörter kamen mit den Sachen selbst, so mit Kleidungsstücken und Stoffen, Waffen und Rüstungsteilen, Speisen und Getränken, Instrumenten, Liedformen und Tänzen, ebenso mit übernommenen Sitten, z. B. solchen der Jagd und vor allem mit dem ganzen französischen Turnierwesen, mit gesellschaftlichen Spielen usw. Die Tracht hatte sich übrigens schon im 11. Jahrhundert der französischen genähert; jetzt trug man alles nach »französischem Schnitt«. Französisch waren die dem Deutschen so ungewohnten Regeln des nunmehr höchst wichtigen äußeren Benehmens, die Anstands- und Tischregeln; der Ehrbegriff erhielt ebenfalls etwas Französisches und ebenso das nunmehr sehr verfeinerte Schönheitsgefühl; der ästhetische Charakter des Lebens war französisch. Der Minnesang entlehnte seine Formen immer mehr den Provenzalen, und auch die epische Heldendichtung nahm die nordfranzösische z. T. zum Vorbild. Stark französisch gefärbt war endlich der Frauendienst, der sich zunächst aber im Deutschland wohl unabhängig entwickelt hat. Überhaupt waren die Deutschen nicht nur Nachahmer (s. S. 73 und 93), was z. B. auch die Ritterweihe zeigt. Eigenartige Züge hat man neuerdings ferner aus dem Übergewicht der Ministerialen im deutschen Rittertum hergeleitet; das französische bildeten vor allem freie Vasallen.

Die _neue Rolle der Frau_ ist ein kulturgeschichtlich wichtiges Moment. In geistigen Dingen hatte sich schon der Germane der sonst ein demütiges Arbeitsdasein lebenden Frau gebeugt. Später war dann auf dem Gebiet geistiger, freilich immer noch elementarer Bildung die vornehme Frau die beste Bundesgenossin des Geistlichen gewesen. Jetzt gewann sie, über den geistlichen Einfluß hinweg, eine ganz neue weltlich-gesellschaftliche Macht über den Mann, der sich seinerseits, wenn er ein modischer Ritter sein wollte, gleichzeitig dem Frauendienst wie dem ungewohnten Zwang feinerer gesellschaftlicher Bildung unterwerfen mußte. Der eigenen Frau gegenüber blieb freilich auch in den ritterlichen Schichten das frühere, nicht selten brutale Regiment bestehen; das junge Mädchen ferner blieb in hergebrachter häuslicher Zucht und klösterlicher Lehre; die Heirat war in der Regel ein nüchternes Geschäft wie früher. Andererseits steckt in dem zum Teil schon auf den Kreuzzügen von den Romanen überkommenen Kultus der fremden verheirateten Frau bei der derben Genußfreude und Ungebundenheit der Deutschen lange ein sehr unideales, rein sinnliches Element. Erst allmählich bequemte man sich jenem romanisch verfeinerten und gekünstelten, schwärmerisch-idealen Minnedienst an, durchaus freilich in konventioneller Weise. Und wenn man auch nicht das verzwickte, man möchte sagen scholastisch und zugleich überspannt-asketisch ausgebildete Minnesystem der provenzalischen Troubadours übernahm, so zeigte der Minnedienst doch über die übliche konventionell-phantastische Aufmachung hinaus auch in Deutschland bei einzelnen Modehelden wie Ulrich von Lichtenstein übertrieben schwärmerische Formen. Einen schmachtend sentimentalen, natürlich auch verschwiegenen, heimlichen Charakter aber trug der Frauendienst, wobei die Frau stets als Zurückhaltende, Versagende erscheint, später immer allgemeiner, eben weil es sich meist um verheiratete Frauen – ganz ist Mädchenminne nicht ausgeschlossen – handelte und der Ehebruch nicht entfernt die Regel war. Manche Dichter wie Wolfram oder ein Reinmar von Zweter haben auch gerade die eheliche Liebe innig gepriesen. Aber auch jetzt handelte es sich immerhin zum großen Teil um wirkliche Liebesabenteuer. Indes ist vor allem dies wichtig, daß das ritterliche Leben überhaupt unter dem Zeichen der Frauen steht.

Die notwendige Folge ist das Aufkommen einer ganz _neuen gesellschaftlichen Kultur_. Männergeselligkeit, wie sie die bisherigen Deutschen kannten, in den Freuden der Gelage und der Jagd aufgehend, konnte nur derbe Formen haben – Ausnahmeerscheinungen, wie der karolingische Bildungskreis und zum Teil der der Ottonen, bleiben außer Betracht. Vielleicht haben zuerst jene geistlich gebildeten vornehmen Frauen neben den Geistlichen selbst in der ottonischen Zeit eine Art feinerer Geselligkeit hervorgebracht. Dann aber kamen jene romanischen Einflüsse, und mehr oder weniger geschickt verstand die Frau die ihr dadurch gegebene gesellige Herrschaft auszuüben. Ihre größere Bildung mochte ihr den Gebrauch der gerade von ihr verlangten feineren Formen auch leichter machen als dem Manne. Wichtig ist nun aber weiter, daß dieser neuen Geselligkeit ein belebendes geistiges Element nicht fehlte, das war die fast obligatorische Pflege der Dichtung. Auch bei ihr drehte es sich freilich in der Regel um die Minne, und auch sie war ein Gewächs der Mode. Aber sie kam gleichwohl auf eine Höhe, wie sie noch lange nachher nicht wieder erreicht wurde. Die bisher allein als Bildung geltende geistliche Bildung verlor in dieser Zeit bedeutend an Geltung. Der gesellschaftlich vollendete Ritter mußte in den Formen des Turniers, der Jagd usw. wohlgeübt sein, in seinem Benehmen die höfischen Formen voll beherrschen, gewandt und fein mit Damen sich unterhalten, auch wohl ein Liedlein dichten oder doch vortragen können und dergleichen: aber lesen und schreiben brauchte er nicht zu können, wenn es auch mehr Ritter fertig brachten, als man glaubt. War ferner die bisherige Bildung von der Kirche ausgegangen, so waren die Mittelpunkte der neuen gesellschaftlichen Bildung natürlich weltlicher Art. Der _Hof_ der Fürsten und großen Herren (s. S. 105 f.) trat wieder in seine kulturellen Rechte, wie sich ja an diese Großen das ganze Rittertum auch sozial angliederte. »Höfisch« heißt daher die ganze Kultur, die hövescheit (~courtoisie~) ist der Inbegriff der an den rechten Ritter gestellten gesellschaftlichen Anforderungen. An den Hof wird der junge Ritter gesandt, um die beste Erziehung zu erhalten. Am Hofe entfaltet sich der eigentliche Glanz ritterlichen Lebens mit seinen Turnieren und Festen.